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Jeitoii

Aweites Blatt Nr. 95

Sonntag, 23. April.

Bestellungen

für die Monat« Mat «nd Juni mif dieOberhessifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedi­tion (Markt 21), unseren Ausgabestellen in Kirchhain, Neustadt, Wetter, Ebs- dors, Hachborn, HeSkem-Mölln, Lei- de n - fen , Dreihausen, Wittelsberg, Elnhausen, Niederweim ar, Nie­derwalgern, Damm und Lohra sowie von allen Postanstalten «nd Landbriesträgern entgegengenommen.

Wann enbiat die Legislaturperiode des Reichstoaes.

Zu dem Streit, der sich in der Presie über das Ende der Legislaturperiode des jetzigen Reichs­tages erhoben hat, wird aus Regierungskreisen folgendes mitgeteilt: Da hierüber eine feste Be­stimmung nicht vorliegt, so kann man sich nur nach der Ansicht unserer hervorragenden Staats­männer und Staatsrechtlehrer richten. Einer der größten Autoritäten auf diesem Gebiete ist der bekannte Staatsrechtlehrer Profesior Laban. Rach besten Ansicht erlischt die bisherige Legis- kalurperiode 5 Jahre nach dem Tage der allge­meinen Wahl. Da die Wahlen zum Reichstag am 25. Januar 1907 erfolgten, so würde die Le­gislaturperiode dieses Reichstages am 26. Ja­nuar 1912 enden. Die Auffassung, daß der^ Reichstag schon am 13. Dezember 1911, also 5 Jahre nach dem Tage der Auflösung des vorigen' Reichstages endigen muß, ist durchaus unhalt­bar. Als Zeichen dafür, daß auch von der Re­gierung im allgemeinen die obige Anschauung festgehalten wird, kann man die Festsetzung der Wahlen ansehen. Bismarck hat fast stets die Wahlen auf denselben Tag anberaumt, an dem die Wahlen zu dem vorhergehenden Reichstage stattgefunden hatten. So fanden die Wahlen zur zweiten Legislaturperiode des deutschen Reichstages am 10. Januar 1874 statt. Die Wah- ken zur dritten Legislaturperiode erfolgten glei­cherweise am 10. Januar des Jahres 1877. Bei den Wahlen zur vierten Legislaturperiode mußte eine Verschiebung des Termins erfolgen, da der dritte Reichstag am 11. Juni 1878 auf­gelöst wurde und dadurch der Termin der Reichstagswablen zu dem neuen Reichstag vor dem Januar festgesetzt werden mußte. Bei der fünften Legislaturperiode fanden die Wahlen am 27. Oktober 1881 statt. Am selben Tage fanden drei Jahre später, im Jahre 1884, die Neuwahlen zum sechsten Reichstag statt; sie wur­den nur durch einen Sonntag um einen Tag ver­schoben. Die Wahlen zur sechsten Legislatur­periode erfolgten also am 28. Oktober 1884. Nun batte auch die sechste Legislaturperiode mit der Auflösung des Reichstages geendigt. Die Neuwahlen mußten also wieder eine Verschie­bung des Termins erfahren. Die Wahlen zur Siebenten Legislaturperiode erfolgten am 21. Fe- r"ar 1887 und die zur achten Legislaturperiode am gleichen Termin, nämlich am 21. Februar 1890. Auch dieser Reichstag wurde wieder auf­gelöst. Dagegen hatten die neunte, zehnte und elfte Legislaturperiode gleiche Wahltermine gufzuweifen, nämlich am 16. Juni der betref­fenden Jahre, mit einziger Ausnahme der neun- -------- -...... ...........

8 (Nachdruck verboten.)

Heibezanber.

Roman von Anny Wothe. lstorNetzung.)

Lotte drehte sich unter dem Tisch von ihrem Taschentuch ein Männchen, das sie zum Aerger ihrer Cousine heimlich tanzen lieh. Wir aber wollen auf Maria Magdalene Fahlbusch so hieß die Cousin: einen Blick werfen. -

Cie hatte eine hohe, grobknochige Gestalt mit großen, aber hübschen Füßen und Händen. Sie hatte vuch hübsches, lichtblondes Haar, aber sie trug es so fest am Hinterkopf zusammengedreht, daß man meinte, es müßte ihr Schmerzen verursachen. Ihre Augen waren groß und lichtblau. Sie zeigten g*= wohnlich den sanften Ausdruck des Rehes, doch konn­ten sie auch funkeln und blitzen wie die einer Schlange. Ein zartes Rot lag ständig auf den Wangen und gab dem Antlitz etwas Frisches und Jugendliches, das schwer zu der Haartracht und dem überaus einfachen Anzug paffen wollte.

Lotte war dasMännchendrehen" nun doch zu langweilig geworden, und da ihre Mama noch immer mit dem Rittmeister über Wolfgang und die Residenz sprach, trat sie ans Fenster, wo sie weithin über die Heide schauen konnte. Plötzlich schrie sie laut auf.

Alle fragten entsetzt, was ihr fehle.

Seht doch nur, Wolfgang und Elinor!" rief sie und deutete mit der Hand in die Ferne. Die An­wesenden traten erstaunt näher, und wirklich sahen sie, wie sich ein Wagen in scharfem Trab der Pastor« näherte. Dem Wagen zur Seite aber folgte eine Reiterin. Kühn und stolz saß sie auf dem Pferde, enb ihr weißer Schleier wehte im "Winde. Sie schien sich eifrig mit Wolfgang, der im Wagen saß, zu Unterhalten, trotzdem der Wind eine Unterhaltung tmtm möglich zu machen schien.

IDte Pastorin und Lösche empfanden nicht» al»

ten Legislaturperiode, wo die Wahl schon am 15. Juni 1893 stattfand. Die zehnte Legis­laturperiode wurde durch die Wahl vom 16. J mi 1890 eingeleitet und die elfte durch die Wahl vom 16. Juni 1903. Bekanntlich wurde dieser Reichstag am 13. Dezember 1906 auf­gelöst, sodaß der jetzige Reichstag am 25. Januar 1907 gewählt werden mußte. Aus dieser Ueber- sicht ist zu ersehen, daß die Regierung stets, so­weit es angängig ist, die Neuwahlen zum Reichstage auf denselben Tag festgesetzt hat, an dem die Neuwahlen zu dem früheren Reichstage stattfanden. Aenderungen wurden nur durch Neichstagsauflösungen herbeigeführt. Die Re­gierung hat also dadurch ganz klar ihre Ansicht dahingehend ausgesprochen, daß das Ende einer Reichstagsperiode an dem Tage erfolgt, an dem fünf Jahre früher die Wahlen zu dem betreffen­den Reichstage stattgefunden haben. Sofort an dem Endtermin der vorhergehenden Reichstags­periode werden dann die Wahlen festgesetzt. Man darf also auch jetzt nicht davon reden, daß der Reichstag schon am 13. Dezember endet, und daß^ an diesem Tage die Wahlen stattfinden müssen. Der zeitigste Termin für die Neu­wahlen ist der 25. Januar 1912. Nach der Ge­pflogenheit Bismarcks und der anderen Kanzler ist anzunehmen, daß auch Bethmann-Hollweg diesen Brauch weiter festhalten wird, und daß für diesen Tag die neuen Reichstagswahlen zu erwarten sind.

Politische Umschau.

Da» Ueberf liegen von Festungen.

r Berlin, 19. April. In der militärischen Beilage der vorigen Nummer war auf Auslassungen einer Kölner Korrespondenz über die Ballonaufstiege in der Umgebung von Festungen hingewiesen worden. Wahrscheinlich stützten sich diese Angaben teilweise auf folgenden Bescheid, den das Kriegsministerium am 11. März 1911 auf eine Eingabe des Kölner Oberbürgermeisters erteilte, in der um eine Milderung der bestehenden Sicherheitsbestimmungen gebeten war:

Euer Hochwohlgeboren teile ich auf das gefällige Schreiben vom 23. Dezember 1910 ergebcnst mit, daß ein grundsätzliches Verbot des Ueberfliegens von Festungen nicht beabsichtigt ist. Die Erteilung der Genehmigung soll nur von der Bedingung abhängig gemacht werden, daß die betreffenden Fabrtteil- nehmer völlig einwandfrei sind und die Gewäbr bie­ten, daß durch sie die Interessen der Landesver­teidigung nicht geschädigt werden. Vereinen unö Personen, die diese Bedingungen erfüllen, wird die Erlaubnis in der Regel von dem Gouvernement nicht versagt werden. Anders liegen die Berbält- nisse bei Gesellschaften, die zu Erwerbszwecken Ver­gnügungsfahrten veranstalten und Fahrgäste in der Regel gegen Bezahlung befördern. Hier macht die große Zahl der sich fortgesetzt meldenden Fahrtteil- nehmer nicht nur Ermittelungen über die einzelnen Persönlichkeiten, sondern auch eine dauernde Beauf­sichtigung während der Fahrt unmöglich. Die Er­teilung der Erlaubnis an solche Gesellschaften könnte die Interessen der Landesverteidigung in hobem Maße gefährden und wird daher grundsätzlich nicht erfolgen können. Ich würde lebhaft bedauern, wenn durch diese Einschränkung die Interessen der Stadt eine gewisse Schädigung erlitten, sie kann aber aus den dargelegten Gründen nicht fallen gelassen werden."

Religion erledigt!

Sie sagen Evolution und meinen Revo­lution! Die Roten nämlich! Bisher hat es immer schlau geheißen: Religion ist Privatsache. Jetzt nimmt derVorwärts" frech-freimütig schon geheime Endziele vorweg, indem er in

Freude, dem Rittmeister aber war es, als hätte er in diesem Augenblick etwas Liebes verloren. Maria Magdalene jedoch ballte vor Wut die Hände und murmelte:So ist es mir diesmal doch zuvor ge­kommen, dieses törichte Erafenkind, aber ein zweites Mal will ich meine Maßregeln anders treffen."

Wollen wir ihnen entgegen, Fräulein Lottchen?" fragte Herr von Niendorf.Gestatten Sie, gnädige Frau?" setzte er mit einer Verbeugung zur Pastorin hinzu.

Ja, eilen Sie," bat diese herzlich,und bringen Sie meinem Herzensjungen tausend Grüße; auch ich folge Ihnen sogleich."

Und Lotte und der Rittmeister stürmten hinaus wie ein paar Kinder; am Gartenzaun blieb der Ritt­meister plötzlich stehen:

Halt, kleine Fee," rief er,erst die versprochene Rose"

Und sie brach die Rose am Wege, über welcher sich soeben ein Schmetterling wiegte; er aber lacht» und sagte scherzend:

Flattere, leichter Schmetterling,

Hin und her im Hauch der Lüste, Die der Frühling sanft umfing Mit der Blumen Glanz und Düfte."

Ach, das ist ja das dumme Lied, das Christel kennt und das sie immer singt," rief Lotte schmollend im Weiterschreiten.

Kennen Sie es weiter?" fragte der Rittmeister, mir ist's entfallen."

Es ist zu dumm," sagte Lotte,und ich versteh'» gar nicht. Es heißt:

Kaum verliebt, doch sehr galant. Leicht zu rufen, schwer zu halten, Eilst Du nach der Rose Stand, Deren Reize sich entfallen.

Küssest sie und flatterst fort, Mit der Nachbarin zu kosen . So verrinnt Dein Dasein dort Unter den koketten Rosen."

seinemOstergedanken" betitelten Leitartikel die Religion als etwas bereits völlig Ueber- wundenes, Bedeutungsloses hinstellt. Es heißt da: . Der intelligentere Teil der Arbeiter

will nichts mehr wissen von einer Religion, die ihnen die stille Ergebung in die gottgewollte heilige Ordnung des heutigen Klassenstaates predigt. Die alte Auferstehungs- und Erlösungs­sage, die der Osterglocken Geläut verkündet, hat für sie keine Bedeutung mehr; denn ihnen ist aus ihrer Mitte ein neuer Auferstehungsglaube erstanden: der Glaube an ihre eigene Kraft und ihre geschichtliche Mission." Also Religion kommt nicht mehr in Frage: die Masse macht alles aus sich selbst. Das könnte ihnen so passen. Wenn das führende Hetzblatt der Internatio­nalen da nur nicht dennoch arg ins Fettnäpfchen getreten ist. Noch gibt es auch unter den durch die rote Irrlehre verführten Arbeitern nicht wenige, die in Elaubensdingen ihren Mann stehen. Die lassen sich ihren Gott nicht durch die Druckerschwärze der Verführerschaft totschlagen. Kann sein, daß dem Artikelschreiber die Feder in der atheistischen Osterbegeisterung ausgeglit- ten ist. Immerhin: so denken sie. Beseitigung der Religion ist Vorstufe zur Revolution. Allein sie können auch anders. Beweis dieses: In Bochum fordert die sozialdemokratische Buch­handlungVolksblatt" die Eenossenleser des Bolksblattes" auf, evangelische oder katholische Gesangbücher für ihre zur Konfirmation gehen­den Kinder doch ja nicht bei den bürgerlichen Buchhandlungen einzukaufen, sondern in eben dieser Eenossenbuchhandlung und sendet ihre Boten zur Entgegennahme von Bestellungen ins Haus.

Deutsches Reich-

Münzprägungen. Im Monat März sind in den deutschen Münzstätten für 7 533 000 Doppel- krvnen auf Privatrechnung, für 272 000 M Füm- markstücke, für 2 652573 Jt Dreimarkstücke, für 800000 M Zweimarkstücke, für 1545 781 M Ein­markstücke, für 80 063 M Fünfundzwanzigpfennig­stücke, für 128 710,70 M Zehnpfennigstücke, für 26 440,30 M Fünfpfennigstücke und 16 239,58 .Al Einpfennigstücke geprägt worden. Ausfallen wird dabei die wieder aufgenommene Ausprägung von Fünfmarkstücken, die in München erfolgt ist. Di: Prägung der Fünfundzwanzigpfennigstücke hat den zuerst in Aussicht genommenen Betrag von 5 Millionen Mark erreicht. Es ist aber bekanntlich in Aussicht genommen, mit her Prägung in einem gleichen Betrage fortzufayren.

Wie in Samoa amtlich die deutsche Sprache gefördert wird! Bekanntlich hat Gouverneur Dr. Solf, so schreibt dieDisch. Tagesztg", in der Vudgetkommission des Reichstages mit entschiedenem Nachdruck betont, daß von feiten des kaiserlichen Gouvernements die deutsche Sprache in der ihm unterstellten Kolonie mit allen Mitteln gefördert werde. Ein guter Beleg für diesen Ausspruch wird uns heute aus Samoa zugesandt. Der nachstehend veröffentlichte Ukas des Gouvernements ist an fünfzig Stellen im Stadtbezirke Apia angeschlagen worden:

THE GOVERNMENT SCHOOL in Ifiifi begins the new school term on Wednesday, March. 1, 1911. In exceptional cases books, etc., w'll be supolied gratis. Applications to be n'ade to the unde^signed not later than Monday, 6 th inst.

Apia, Feb. 27, 1911.

MAECKE, Rektor.

Das ist ja recht niedlich; was sagt Dr. Sols dazu?

Etwas von der Regerseelr. Unser kolonialer Mitarbeiter schreibt uns: In Südwestafrika hat eine Versamnlung von Farmern stattgefunden, auf welcher unter Nennung von Namen und Zeugen ein Fall merkwürdiger Negerbehanolung zur Sprache ge-

Und nun habe ich den Schluß doch vergessen; aber ich will Christel danach fragen."

Die Jungfer Christel scheint ja sehr poetisch zu fein; doch da fällt mit soeben auch der Schluß ein. Hören Sie:

Und ich hätt es längst mit Lust Jenem Beispiel nachgetrieben, Lebte nicht in meiner Brust Fest und treu ein einzig Lieben!"

Des Rittmeisters Blick hing, während er die Worte sprach, unaufhörlich an der Gestalt der Reiterin, die schon ganz nahe war und die ihnen nun im verein mit Wolfgang freundliche Grüße winkte

Lotte aber war bei feinen Worten heiß errötet und in sich zusammengeschauert, sie wußte selbst nicht, wie es kam. Erst in des Bruders Armen kam ihr das alte fröhliche Lachen und ihre Unbefangenheit wieder.

Nur einige flüchtige Minuten blieben der Ritt­meister und Elinor in der Pastorei, da sie empfanden, daß Mutter und Sohn sich gewiß viel zu sagen hatten und sie eigentlich ganz überflüssig waren. Der Adjutant führte das Pferd der Gräfin am Zügel, und sie schritt, das Reitkleid leicht emporgerafft, ihm zur Seite der Heide zu.

Wolfgang stand am Fenster der Wohnstube und sah dem jungen Paar unverwandt nach. Der junge Professor hatte eine wahre Hünengestalt. Groß und breitschultrig, mit blondem Haar und ebensolchem Vollbart, geistsprühenden, schwarzen Augen, die so seltsam von der lichten Haarfarbe abstachen, glich er einem jungen Recken, der ausgezogen ist, seine Kraft zu messen. Die Stirn, obwohl etwas eckig, war doch nicht unschön, und die blühende Gesichtsfarbe Wolf­gangs sprach den ewigen Besorgnissen der Pastorin geradezu Hohn. Die etwas große, aber schön ge­formte und weiße Hand des Professors fuhr mit einer ungeduldigen Bewegung durch fein kurzes, dichtes, leichtgelocktes Haar, und etwas wie ein Seufzer kam von feinen Sippen, als er sich um> wendend sagte:

bracht wurde. Im Beisein von Eingeborenen Hai ein Polizeioffizier feine Beamten angehalten, untef allen Umständen zu vermeiden, Eingeborene anz«- foffen. Die Versammlung legte Protest dagegen ei« «nd will beim Gouverneur in der Angelegenheit noch vorstellig werden. Ein anderer Fall wird brief­lich aus Neu-Guinea mitgeteilt. Ein mit gewissen Krankheiten behafteter Eingeborener hatte die Tochter eines angesehenen Ansiedlers vergewaltigt und soll, obwohl die Kleine an den Folgen starb, nur mit Gefängnis und 25 Stockhieben bestraft wor­den fein, während die Anfiedlerschaft durchweg die Todesstrafe als einzige Sühne ansah. Es wäre an­gezeigt, wenn sich die Regierung zu beiden Fällen äußern würde.

Marburg und Umgegend.

(SRadjbrud aller Criginalarrttel ist gemäß § 18 be» Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberheff. 8tg.* gestattet.)

Marburg, 22. April.

* Der erste Schulgang. Da stehen sie nun, die kleinen Leute, mit Augen voll Erwartung und Hoch­gefühl ein wenig Bangigkeit vielleicht nicht aus­geschlossen vor den Pforten der Schule, stolz da­rauf, als angehende A-B-C-Schützen einziehen zu können. Was für verwunderte Augen sie machen! Alles, was sie sehen, ist so fremdartig neu, so gant anders, als daheim in der Kinderstube Sie solle» hier lernen, nur lernen. Die Tändelei der erster Kinderjahre hat aufgehört; der erste neue Abschnitt im Leben beginnt . . .Nicht war, Mutti, ich kau» schon meinen Namen schreiben?" ruft Hänschen int Vorgefühle des Kommenden. Nicht wahr, Mama, ich darf meine Puppe nicht mit in die Schule nehmen? sagt die flachsblonde Liefel. Und mit großen, ernsten Augen blickten die aufftrebenden, jungen Weltbü-ger zu dem auf, der fie führt. Wie viele Male haben vor dem ersten Schulgange die kleinen Leute ihre funkelnagelneuen Schulfachen auf« und zusammengepackt, wie oft haben sie nach dem und jenem, was uns Erwachsenen selbstverständlich vorkommt, gefragt! Nun endlich soll das große Er­eignis durch eine Zuckerdüte versüßt in Er­scheinung treten! Der große Augenblick ist ze- kommen. Unwillkürlich denken die Eltern beim ersten Schulaang ihrer Kleinen au ihre eigene Jugend zurück; wieviel an Leid und Freud, an Kümpfen und Hoffen ist seitdem vergangen? Und ein heißer Wunsch ringt sich aus dem Herzen bereitem empor: möchte mein Kind sich und der Welt zur Freude leben! Möchte es ihm leichter dort werden, wo ich trotz heißte Bemühungen bitter enttäuscht wurde! Möchte es gedeihen an Leib und Seele! Was wird aus allen den kleinen Leuten einmal . . . geworden fein?

* Katholische Gemeinde. In der katholischen Kirche gehen morgen 17 Knaben und 20 Mädchen zur ersten Kommunion.

* Studentische Unteeeichiskurfe. Im vergangenen Wintersemester haben die feit 1907 bestehenden studentischen Unterrichtskurse einen sehr starken Auf­schwung genommen, sodaß die Zahl der Kurse non 6 auf 18 stieg. Die Kurse verteilten sich auf folgende Unterrichtsfächer: Deutsch (2), Deutsch, für Post­beamte (1), Deutsch, Literatur (1), Englisch (3), Französisch (3), Stenographie (1), Schönschreiben u. Rundschrift (1), Buchführung (1), Geographie und Himmelskunde (1), Rechnen (2), Mathematik (1), Eesundheitslehre (1). Es wurden 246 Anmeldungen entgegengenommen (gegen 76 im Sommersemester 1910). Dieser Aufschwung ist einerseits der ausge­dehnten Propagandaarbeit zu verdanken, andererseits hat sich gezeigt, daß die Einführung der neuen Unter­richtsfächer durchaus den Pünschen der bisherigen Bevölkerung entsprach. Die französischen und eng­lischen Kurse waren sehr gut besucht, es wurden so­gar sechs fremdsprachliche, darunter 4 Frauenkurse, abgehalten. Die Fortschritte, die die Hörer und Hörerinnen in der Erlernung der Fremdsprachen machten, waren durchaus günstig zu nennen, und auch der Vorsitzende unseres Kuratoriums, Herr Professor EZ~ 1 ! »^! -.....

Wußtest Du davon, Mama, daß Elinor an den Hof geht?"

Die Pastorin, die bisher mit besorgten Blicken, aber scheinbar unabsichtlich ihren Sohn beobachtet hatte, sagte gleichmütig, indem sie ihren Strick- ftrumpf gegen das Licht hielt, und sich eifrig be­mühte, eine heruntergefallene Masche auszuheben: Nein, ich erfuhr erst heute morgen durch Herrn von Niendorf davon."

Aber Du wirst es ihr ausreden, Mama, nicht wahr?" bat der blonde Riese näher tretend, und feine Stimme wurde weich wie die eines Kindes.

Das würde sehr töricht von mir fein und von Elinor noch törichter, wenn sie darauf hörte. Für E mor ist diese Berufung von hohem Wert, mein 3r.nge, den Du am besten zu würdigen verstehen solltest."

Und ich verstehe nicht," mischte sich Maria Magdalene, die soeben ins Zimmer trat, insGespräch, wie Du Dich darüber fo aufzuregen vermagst, Wolf­gang. Laß doch die Gräfin tun, was ihr gefällt, was schert es uns."

Noch immer der alte Haß?" fragte Wolfgang. Plötzlich stieg eine leichte Verlegenheitsröte i« seinem Antlitz auf, als er sah, daß Maria Magdalene feinen Schlafrock und seine Morgenschuhe in der Hand trug, die sie nun so selbstverständlich vor ihm niedersetzte, als wäre das ihr ständiges Tagewerk.

Lotte, die bis dahin mißmutig in der Sophaecke gesessen hatte, lachte jetzt laut auf über ihres Bruders verlegenes Gesicht.

Habe ich es Dir nicht immer gesagt, Maki« Magdalene," rief fie hinüber,daß Wolfgang da, auch nicht passend findet? Wenn ich mal eine« Mann bekomme, der fich von mit die Morgenschuhe holen läßt, dem laufe ich so sicher davon, wie zwei­mal zwei vier ist, und daß ich mich von ihm scheid« lasse, ist so gewiß, wie Amen in der Kirche "

(Fortsetzung folgt.)