mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
M 89
Tie „Lbcrveffische Zeitung" erscheint täglich mrt Ausnahme der Sonn» | und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 Jt frei ins Hau». (Für unver» langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:
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Marburg
Freitag, 14. April
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46. Jahrg.
1911.
CrKes Blatt.
Nach dem Kronprinzenbesuch.
Rom, 10. April.
Vorgestern hat das deutsche Kronprinzenpaar Rom verlassen, — man kann sagen, trotzdem es Mittag war, mit Ausschluß der Oeffentlichkeit. Und das ist charakteristisch für den ganzen Besuch. Nicht daß sich bei ihrer Ankunft nicht eine hübsche Menge am Bahnhof und beim Quirinal eingefunden hätte, und auch die Prinzen, wie das nun einmal hier Gewohnheit geworden ist, auf den Balkon hinausgejubelt worden wären, aber die ganze Haltung der Bevölkerung war durchweg auf nur laue Begeisterung gestimmt. Da ging es bei dem Besuche des Serbenkönigs ganz anders her. Was für ellenlange Artikel hatten die römischen Blätter nicht mindestens 8 Tage lang über den gebracht und immer an erster Stelle; wollte man aber, abgesehen vom ersten Tage, etwas -über das Kronprinzenpaar erfahren, so mußte man sich schon bis zur 5. oder 6. Seite bemühen, wo unter Lokalnachrichten ziemlich versteckt ein paar Notizen zu finden waren. Noch am Tage vorher hatte der Sara- ceno, der zu den wärmsten Freunden Deutschlands gehört, in der republikanischen „Vita" ge- . schrieben: „Morgen trifft der deutsche Kronprinz ei'', und man sieht noch immer nichts von einer Vorbereitung, mit der man doch sonst bei sehr viel geringeren Gelegenheiten so freigiebig gewesen ist." Man hatte es ersichtlich nicht ver- geffen können, daß Kaiser Wilhelm selbst nicht kommen wollte. In dem römischen Hauptblatte der in Nom herrschenden Gruppe konnte man es aus jedem Worte herauslesen, daß ihm der Besuch des Kronprinzen höchst gleichgültig sei; nicht daß dieses Blatt — der „Messagers" — irgendwie abgewiegelt hätte; es hat sogar zugeredet, aber wie kalt, wie matt? Bei der Ankunft des Kronprinzenpaares war eine einzige sehr niedliche Episode zu vermerken. In der Via Natio- male hatte auch ein blondbärtiger Herr Posto gefaßt, auf desien breiten Schultern wieder ein kleiner pausbäckiger Junge saß. Als nun der Wagen des Kronprinzen an diesen beiden vor- Lbersuhr, rief der kleine Bub mit lauter, silberheller-Stimme: „Deutschland über Alles!" Aber selbstverständlich war das kein — Römer.
Wie gesagt, der öffentliche Abschied war ziemlich frostig. Und dazu haben zweifellos zwei Dinge beigetragen. Erstens der Besuch, den die Kronprinzcsiin der Peterskirche abstattete, und ♦ zweitens der Inhalt der Trinksprüche, der keinen Hinweis auf Rom enthielt. Die Römer sind aber vorzogene Leute. Nicht genug, daß sie selbst fortgesetzt in einer Welt von Täuschungen und wunderlichsten Einbildungen leben, so verlangen sie auch von jedem Fremden, der sie besucht, daß
2 (Nachdruck va sten.)
Heidezauber.
Roman von Anny Wothe.
«Fortsetzung.»
„Die Heide ist braun, einst blühte sie rot," flog es unwillkürlich durch seine Gedanken. Da war ja die Poesie, die ganze Märchenpracht der Heide, von der die Dichter reden.
Ullrich schüttelte sich. Wie albern. Ein kleines dummes Mädchen in der absurdesten Toilette und in den schrecklichsten Schuhen sollte sie geweckt haben, die Poesie?
Lotte hatte inzwischen ein kleines Butterbrot aus der Tasche gezogen und begann mit ihren kleinen weißen Zähnchen herzhaft htneinzubeißen.
Wie erschreckt hielt sie aber plötzlich inne, al» ihre Augen denen des Rittmeisters begegneten.
„Wollen Sie?" fragte sie, halb schüchtern, halb zutraulich, ihm das angebisiene Butterbrot entgegen- streckend.
„Bewahre," wehrte er faßt ensetzt ab, „ich hoffe, daß ich im Eosenhof etwas Eßbares finde."
„3a, in der Pastorei auch," nickte Lotte ernsthaft. Kommen Sie?"
„Gewiß, morgen, meine kleine Freundin, ich sagte » schon."
Lotte warf etwas hochmütig das Köpfchen zurück. Ich bin gar nicht Ihre Freundin, ich hätte ja Lber- 6aupt gar nicht mit Ihnen geredet, wenn ich nicht Geglaubt hätte —" hier stockte das plappernde Münd- chw» in höchster Verlegenheit.
»Rnn, was?" ermunterte Ullrich di« Zögernde.
| er es ihnen gleich macht und vor ihnen anbetend auf die Knie fällt. Nun hat es leider immer eine Menge Leute gegeben, und nicht zum wenigsten unter den Deutschen, die ihnen bald aus diesem, bald aus jenem Grunde diesen Gefallen taten und ihnen schmeichelten: so ist bei ihnen mit der Zeit die Eier nach Schmeicheleien derart' gewachsen, daß derjenige sofort gerichtet ist, der ihnen diesen Gefallen nicht tut. Der frühere Botschafter Graf Mont-j weiß ein Lied davon zu singen. Zum allermindesten muß ein jeder von ihnen bekräftigen, daß Rom die Mutter und Lehrerin aller Künste und Wisienschaften sei, die Wiege aller menschlichen Kultur, die Freistatt der Gedanken und Ueberzeugungen und dergleichen Unsinn mehr. Sie sind so unwissend, daß sie selbst all das glauben und sich selbst dieses groteske Zeug mindestens zehnmal am Tage vorkauen es wird ihnen schon in der Schule in den Schädel getrichtert. Wer also nach Rom kommt, von dem erwarten sie unbedingt, daß er ihnen huldige — und zwar in dieser albernen Art; und wer es tut, mit dem sind sie gut Freund. Nun hat aber weder der Kronprinz noch die Kronprinzessin irgend eine dieser unsäglichen Albernheiten gesagt, sie sind nicht einmal aufs Kapitol gegangen, dafür hat aber die Kronprinzessin die Peterskirche des Vatikans besucht, und der Kronprinz hat in seinem Trinkspruche Rom nicht einmal erwähnt. Das Kotau ist also ausgeblieben, man kann sich die Stimmung der Quinten denken.
Dabei überlegen sie garnicht, daß die Feier der 50jährigen Einheit Italiens in diesem Jahre überhaupt ein Humbug ist; Leute mit gesundem Menschenverstände würden sie erst in 10 Jahren begehen, denn der Kirchenstaat mit Rom fiel erst 1870 an Italien. Von Rom ist also bei dieser Feier überhaupt nicht zu sprechen. Und der deutsche Kronprinz hat sich in dem Trinkspruch genau an die Wirklichkeit gehalten und nur der italienischen Einheit gedacht und Rom dabei garnicht erwähnt, während die Römer schon des Vatikans halber immer nur in den überschwenglichsten Tönen von dem königlichen Rom reden und dies auch von anderen hören wollen. Auch der König hat in seinem Trinkspruche Rom nicht erwähnt. Man erkennt daraus, wie sorgfältig der Wortlaut der Trink spräche vorher geprüft worden ist. Es ist überhaupt hohe Zeit, daß dieses unaufrichftge Scharwenzeln um Italien endlich aufhöre. Es schickt sich nicht für die germanische Welt, vor der „eittä eterna“ sinnlos anzubeten. Ehre, wem Ehre gebührt, also auch Rom, soweit Verstand und Bildung es gestatten, aber nichts darüber hinaus. Darum wird das Bündnis nicht in die Brüche gehen, ganz im Gegenteil. Die Italiener sind augenblicklich bundestreuer denn je; aber ebenso gewiß ist es, daß sie die Deutschen nicht lieben. Das war einmal. Sie lieben die Franzosen, die Engländer, die Russen (fradetti
„Daß Sie ein Prinz sind," sagte sie halb ärgerlich, halb lachend.
„Und warum glaubten Sie da», kleine, kleine Fee?"
„Ich bin keine Fee! Sie sollen mich nicht so nennen," entgegnete sie hefttg, die „Nägelbeschlagenen" auf die Erde stampfend.
„Ja, recht niedlich," nickte er amüsiert. „Also, mein gnädiges Fräulein, was gab ihnen Ver n- laffung, mich armen Erdenwurm für einen Prinzen zu halten?"
Lotte tippte mit ihrem hübschen, rosigen Zeigefinger auf den Ordensstern, der seine Brust schmückte. „Dieses", sagte sie, scheu zu ihm aufblickend. „Und all das Gold da so rum." Dabei machte sie mit ihrem Fingerchen eine kreislaufende Bewegung, um den ganzen Umfang der Uniform anzugeben.
„Ja, haben Sie denn noch nie einen Offizier gesehen?"
„Nein, wie sollte ich denn — ich war ja immer nur auf der Heide."
„Nur auf der Heide? Sind Sie denn da nicht gestorben?"
„Gestorben? Ja, wie sollte ich denn leben ohne meine Heide?"
Es war etwas in der Stimme des Mädchens, das den Rittmeister betroffen aufhorchen ließ.
„So lieben Sie Ihre Heide sehr?" fragte er etwas befiommen das kleine, merkwürdige Menschenkind, das noch nie einen Offizier gesehen hatte, ziemlich verblüfft anschauend.
Die blauen Augen strahlten sonnig auf, und die kleinen Hände schlangen sich wie zum Gebet ineinander.
*D, über aller Hebe ich meine Heide," rief die
russi), sie beginnen, sich sogar für Oesterreich zu begeistern, nur die Deutschen lieben sie lediglich — offiziell.
Die Winzerunruhen in Südfrankreich nehmen immer mehr den Charakter einer Revolte an, die der ftanzösischen Regierung ernste Schwierigkeiten zu bereiten droht. Im Anschluß an uns re gestrigen Meldungen im Depeschenteil, über die Zerstörung von Ehampagnerhäusern und Vorräten, Brandstiftungen, Auszüge mit roten Fahnen, liegen heute folgende weitere Meldungen vor:
Reims, 12. April. Auf die Nachricht, daß ein Antrag auf Aufhebung der Bestimmungen betreffend die Abgrenzung der Weinbaubezirke im Senat angenommen worden sei, sammelten sich aus allen Teilen der Ortschaften des Marnetales gegen 2000 Winzer und bewegten sich in geschlossenen Zügen nach Hautevillers und Dizy. In Dizy zertrümmerten sie die Türen eines Weinlagers und richteten bedeutenden Schaden an. Sie begaben sich nach Ay. das sie unter Absingen der „Internationale" durchzogen und rotteten sich vor einer Weinhandlung zusammen. Sie warfen die Fenster ein und versuchten die Türen einzuschlagen, als eine Eskadron Dragoner erschien, die sie zerstreuten. Die Winzer gingen nach Epernay weiter.
Reims, 12. April. Alle Punkte des Weinbezirks wurden heute morgen militärisch besetzt. Ansammlungen wurden verboten. Gendarmerieabteilungen bewachen die Häuser von Damery, die heute Nacht geplündert worden sind.
Epernay, 12. April. Die Gemeindebehörden von Domen) und Umgebung legten ihre Aemter nieder. Born Rathause in Damery weht eine rote Fahne. In vergangener Nacht wurde in Venteuil das Kelterhaus zerstört. Heute morgen wurden Raketen im ganzen Weinbaugebiet abgeschossen, um die Winzer zusammenzurufen, die zu mehreren Tausenden aus Epernay marschieren.
Reims, 12. April. Der Zug der Winzer hatte sich gegen Dizy, Venteuil und Hautvillers zu gebildet. Die Leute führen Rebstangen mit sich und singen revolutionäre Lieder. Der Zug gelangte bis in dir Nähe von Ay. wo jetzt zwei Schwadronen Dragoner liegen; obgleich die Straßen gesperrt waren, gelangten doch viele Winzer durch die Weinberge in die Stadt; andere wurden außerhalb von Ay mm den Truppen zurückgehalten. Gegen 12 Uhr mittags versuchten die Dragoner die Menschen zu zerstreuen: viele weigerten sich aber, zu weichen und warfen sich vor die Pferde. Die Winzer beabsichtigen jetzt, nach Epernay zu ziehen.
Paris, 12. April. Die parlamentarischen Vertreter des Marne-Departements mit Leon Bourgeois an der Spitze haben an den Winzerverband in Epernay ein Telegramm gerichtet, in welchem sie denselben beschwören, gegen alle Gewalttätigkeiten Einspruch zu erheben und die Winzer daran zu erinnern, daß der Erfolg jeder gerechten Sach« auf der Achtung vor den Gesetzen beruhe.
Reims, 12. April. Hier herrschte heute Nacht große Beunruhigung, da das Gerücht ver- breitet war, daß eine große Anzahl aufrührerischer Winzer in geschlossenem Zuge anrücke. Den Truppen wurde Befehl gegeben, sich in Bereitschaft M halten. Sämtliche Kellereien der großen
Kleine, „und ich will nicht hier fort, ich lasse mich lieber zu Tode prügeln, ehe ich es tue; ich beiße, ich kratze, ich schlage, ich stampfe m.t den Füßen."
„Ja recht nette Aussichten," entgegnete der Rittmeister, betroffen einen Schritt zurücktretend. „Wer wiu Sie denn zwingen, Fräulein Widerspruch?"
Lotte sah sich scheu um. „Die Mama und der Wolfgang und vor allem" — hier wurde ihre Stimme zum Flüstern — „Maria Magdalena, meine Cousine."
„Hat diese den einen so großen Einfluß?"
„Na ob, sage ich Ihnen. Sie will bloß schnüffeln, was Wolfgang tut und treibt, denn sonst könnte doch nichts sie veranlassen, Mama zu überreden, mit uns allen in die Residenz zu ziehen, wo wir doch nicht für „voll" angesehen werden."
Ullrich widersprach mit einem Blick auf j>as verwaschene Kattunkleidchen und die Nägelbeschlagenen
„Sie lieben die Cousine nicht?" fragte er endlich, nur um etwas zu sagen.
„Rein, ganz und gar nicht, sie ist faffch und hinterlistig und will unseren Wolfgang nur für sich kapern."
„Ei, ei, welche Welt- und Menschenkenntnis in dieser abgeschiedenen Heide," scherzte der Offizier, erleichtert aufatmend, denn in der Ferne wurde sein Wagen sichtbar. „Sehen Sie dorthin, kleine Fee, Fräulein Lottchen woll.e ich sagen, dort kommt der- jer' , der mich schneller in den Eosenhof befördern wird, als mir lieb ist, da ich leider dadurch um unsere sehr interessante U.ierb-ltung komme."
„ßernt man bei Hofe auch lügen?" Wie ernst die bleuen Kinderaugen blicken konnten.
Dem Rittmeister wurde es ganz heiß unter diesen Augen. •
I Lhampagnerfabriken erhielten militärische Bl» I wachung. Der Winzerverband wird morgen trt« I Eemeinderäte und Bezirks- und (Benetalräte auf« I fordern, ihre Entlassung zu geben.
I lieber die Taten in Epernay werden aus Pari« I folgende Einzelheiten gemeldet:
I Aus Anlaß der Beratung im Senate fand in I Epernay eine von einet Unmasse von Winzern I besuchte Versammlung statt, in der in leisem I schaftlicher Weise dagegen protestiert wurde, I daß der alte Zustand ureber hergestellt werde. Die I Versammlungsleitung hatte dafür Sorge getragen, I telegraphisch Bericht über den Ausgang der Debatte I im Senate zu erhalten, und als der erwähnte Be- I schu ß bekannt wurde, da brach die Versammlung in I ein förmliches Wutgeheul aus, und in furchtbarer I Erregung formierten sich die Winzer, mit ihren I Werkzeugen versehen, zu einem Zuge, I der sich gegen 10 Uhr abends nach dem benachbarten I Dizy wälzte, einer Gemeinde, die etwa 2000 Ein- I wohner zählt, und wo sich die Kellereien und I Geschäftsräume der Firma Tastella.ie I befinden. Auf diese Weinfirma sind die Winzer des I Departements Marne schon lange erbittert, weil sie I sie in begründetem Verdacht haben, mit den Wein- I bauern der Aube unter einer Decke zu stecken. Da der I Morsch der Demonstranten nach Dizy sich für die I Behörden von Eperny anz 'unerwartet vollzog, so I waren keine Vorkehrungen getroffen worden, und als I etwa 1000 Winzer vor den Gebäuden der I Firma anlangten, fanden sie nur zwei Gendarmen I vor, die bei dem Anblicke der tobenden, bewaffneten
Menge sich natürlich vollkommen passiv verhalten mußten. Die Bauern stürzten nun über die Kellereien her, zertrümmerten die Türen und zerschmetterten 230000 gefüllt« W einflaschen, deren süffiger Inhalt sich rot« ein Bach auf die Strafte hinaus eracß. Dann be< strichen die Demonstranten die Möbel und Türen mit Teer und zündeten dieser an, während andere Winzer drei märf'Hge Bari- laben vor dem Hause aufti'rmten. Hierauf zogen die Winzer nach der Ortschaft A y, während bi« beiden Gendarmen das Feuer löschten, bevor es wei- . ter um sich greifen konnte. In Ay wurden die Räumlichkeiten der Weinfirma Gauthier vollständig zerstört, alles zerschlagen und zertrümmert, und die Weinvorrä.te gleitfifatli zum Auslaufen gebraut. Nun wollten bi« Ausrührer weitermarschieren, aber da stellte sich ihnen eine Abteilung Dragoner entgegen, die im ®rlopp aus Epernay herbeigesprengt mir. Es entstand ein wildes Handgemenge, wobei die Bauern das 17. Infanterie-Regiment hochleben ließen, dasselbe, das bet dem Winzeraufruhr in Süd- frankreich vor drei Jahren den Gehorsam verweigert hatte. Die Draooner machten sogleich von der Waffe Gebrauch und schlugen mit blanker Klinge auf di« Bauern los, von denen eine ganze Anzahl verwundet wurde. Den Dragonern gelang es endlich, di« Demonstranten auseinander zu treiben. Aehnliche Aufruhrszenen ereigneten sich auch in den Orten Cumiers und Damery, wo bei dem Bekanntwerben des Senatsbefchlusses di« Sturmglocken gezogen wurden, und sich di« Winzer, mit ihren Werkzeugen bewaffnet, zusammen rott et en. In Damen) wurde dem einzigen anwesenden Gendarmen bi« Uniform zerrissen, unb es gelang dem Manne nur mit schwerer Mühe, sich burch die Flucht zu retten.
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„Fräulein Lottchen," stotterte er, vergeblich mtl einer Verlegenheit, bie ihn, ben weltgewandte« Mann, zum ersten Male in seinem Leben befiel kämpfend.
„Ach, ich weiß schon, was Sie sagen wollen," entgegnete Charlotte mit eir r Handbewegung, di« ein klein wenig verächtlich war. „Sie waren froh, daß endlich Ihr Wagen kam; aber Sie glaubten, weil ich Ihnen, um Ihnen die lange Zei des Wartens zu vertreiben, so viel vorgeschwatzt habe, mir irgend etwas Angenehmes sagen zu müssen, und d« • log n Sie nun frisch bei auf los.“
Dem Rittmeister schoß das Blut ins Gesicht Dieses Naturkind, das keinen Schimmer von Verständnis für die gewöhnlichste aller konventionelle» Lügen hatte, war wirklich unbequem.
„Sie_ haben mich .otal mißverstanden, mein Heines Fräulein," sagte er, insgeheim über den langsam näher kommenden Kutscher fluchend, „mein Seufzer galt nur dieser entsetzlichen Sonnenglut, au» der mich nun mein Wagen erretten wird."
Lottchen sah den Offizier ungläubig prüfend an. „Hier im Schatten der Tannen?" lachte st« dann lustig auf. „Ihr Wagen wird Sie ja bald genug in die Glut tragen,“ fuhr sie, über die wette fonnen- flimmernde Heide deutend, fort. „Also viel Glück auf den Weg, Herr von Niend-rf; Sie scheinen mit doch ein Neuling in der Kunst des Lügens zu fein, denn sonst würde es wohl die „Heidelotte" nicht merken."
Sie schlang ihr Kopttuch wieder um das hübsch» Erficht und nahm ihren Heidestrauß, der ihr enw fallen war, vom Boden auf.
(Fortsetzung folgt.) !