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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.

Jti 83

TieLberbeffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 Ji lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 JL frei ins Haus, (gut unver­langt zugcsandte Manuskripte übernimmt die Redaktion {einerlei Verantwortung.) Truck der llniv.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: | Tr. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Freitag, 7. April

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46. Jahrg.

1911.

Erstes Blatt.

r~ a

Delcasstaden.

Paris, 1. April.

Dem gallischen Hahn schwillt wieder sehr der ]Ramm, Man merkt, daß Herr Theophile Delcassä >ie Republik regieren hilft. C chs Jahre lang fühlte fein Genius sich flügellahm d'aile cassäe aber jetzt regt er die Schwingen zu neuem Flug. Das gibt auch dem literarischen Federvieh Mut etn, und tn allen Patriotenblättern kräht oder gackert es gegen Deutschland. Die ..unverantwort iche Presse", von der unser Reichskanzler * neulich sprach, setzt, wo und wie sie kann. Die Fremdenlegion kst für sie ein unerschöpfliches Thema geworden, das tüplit) neue Variationen estattet. Das Abendblatt .Patrie", das neulich den sinnigen Einfall hatte, pie vaterlandslose Söldnertruppe beim nächsten Nationalfest zum Hohn für Deutschland auf dem P-"adefeld von Longchamp vorzuführen, eröffnete ltzestern eine Geldsammlung, aus deren Ertrag zwei Kunstwerke in Erzguh beschafft und den beiden F"mdenregimentern als Ehrenspende und Volksdank Oberwiesen werden sollen. Die erste Be'steuer in Höhe von 100 Franks gab diePatrie" selbst her, bi* zweite 50 Franks leistete der Rachebard.' Deroulöde. DerMatin" widmet heute dem Reis- läuferkorps, besten Todesverachtung oder Lebens- Lberdrusi den Franzosen ein Kolonialreich einbrachtt, eine lange Besprechung, die tu der Behauptung gipfelt, die Zahl der Deutschen, die sich in den Werbebureaux längs der Vogesengrenze meldeten, fei stoch nie . so beträchtlich gewesen, wie in letzter Zelt, feit der im Reichstag aeübten Kritik und der von Deutschen Zeitungen eröffneten Preßfehde. Aebrig-ns ist die Frage der weißen Kriegssklaven nur ein Vorwand unter vielen. Daneben verwertet man «och in ständiger Rubrik die deutschenSoldaten- stlitzhandlungen", die elsaß-lothringische Verfastungs- krage, die Strafprozeste des Karikaturisten Ziskin, Has Verfahren gegen die Französlinge des Lothringer Sportvereins, und seit gestern, selbstverständlich, die ablehnende Haltung des Reichskanzlers gegenüber Hern Abrüstungs- und Schiedsgerichtsschwindel. Nur derTemps" hat den Mut, dem kühlen Realismus des Herrn v. Vethrnann-Hollweg das Zeugnis lobenswerter Aufrichtigkeit auszustellen, die übrigen Preßorgane, selbst die konservativen, stellen sich ent­täuscht, und die Mehrzahl legt die Schlußbe­merkungen der Rede sogar im Sinne einer nach Paris gerichteten bedrohlichen Verwarnung aus.

Es herrscht eoen wieder eine sehr gereizte Stimmung, und es sind Delcasse's Offiziöse, die sie unlerbolten und entwickeln. Da der Versuch, Deutschland etnzukreisen, so kläglich mißglückte, be­müht man sich jetzt, es auszuschließen und in auf­fälliger Weiselinks liegen" zu lasten. Dieser im Stillen ausgegebenen Losung mußte sich auch das Journal" unterwerfen, als es den von ihm ange­kündigten und mit einem Ehrenpreise von 200 000 Franks ausgestatteteneuropäischen Rundflug" vor­gestern plötzlich absagte.. Den Preis will das große Morgenblatt aufrecht erhalten und die außerordent­liche Sportprobe ebenfalls, aber unter veränderten Bedingungen, so zwar, daß die Hauptetappe Berlin ausfällt mnd überhaupt das deutsche Gebiet um­gangen wird. Die Aviatiker, die den Preis des Journal" umwerben möchten, dürfen nur Lüttich, Brüssel und London als Ziel nehmen, wie die des Petit Parisien" über die Pyrenäen nach Madrid, hie desPetit Journal" über die Alpen und zum Tiberstrande steuern muffen. Den Spaniern, den Italienern, allen Nachbarvölkern dürfen sie ihre Flugmaschinen, ihre Fliegerkunst, ihretechnischen Geheimnisse" frei und offen geigen; das kann den Ruhm galiiicher lleberlegenheit nur stärken und ver­breiten. hingegen wäre der französische Gewerbe­fleiß geschädigt und die französische Landesver­teidigung gefährdet, wenn dieselben Flieger sich mit denselben Maschinen in Deutschland blicken ließen! Diesen Unsinn haben die Rachebündler feit Wochen in ihren Hetzblättern mit steifem Ernst und in im­mer heftigerem Ton vorgetragen, und die mit dem Journal" in Konkurrenz stehenden Morgenblätter an ihrer Spitze derMatin", haben die Hetze ent­weder offen oder gar mit heimlicher Subsidien- »ahlung begünstigt. Man gewann die nationalistische Studentenliga für eine Kundgebung, die denn auch nach allen Regeln des im Quartier latin herrschen­den akademischen Rowdytums inszeniert wurde. Die «jugendlichen Herren protestierten in Maueran­schlägen gegen daslandesverräterische" Projekt ;eines Ueberlandfluges, der Berlin berühren sollte. Sie drohten auch, am Eröffnungstage den Flugplatz §u stürmen, das dort vereinigte Material zu zer­stören, den Aufstieg gewalttätig zu verhindern. ^Gleichzeitig verbreiteten sie das Märchen, das .Journal" seinerseits habe sich um Schutz bei den Dlntipatrioten und Anarchisten beworben, die denn Vmch ihren gesamte» Anhang zu mobilisieren und als Leibgarde für di» Flieger des Blattes aufzubieten Wtiewfce* hätte» Zuletzt mischte sich auch noch die

ministerielle Preste in den Streit. Sozialistisch- radikale Blätter wie dieAktion" beschuldigten das Journal", mit deuschen Zeitungen gemeinsam finanzielle und politische Durchstechereien zu be­treiben, im Interesse einer internationalen Speku­lantengruppe eine Propaganda zu unterhalten,um die Fremdenlegion zu verleumden, die französische Industrie zu schädigen und bv französische Landes­verteidigung zu entwaffnen."

Vor solcher Hetze hat dasJournal" tun schließ­lich kapitulieren müssen. DiePatrioten" jubeln über diesen Sieg und noch mehr über die den Deut­schen zugefügte Beleidigung. Und trotzd-m wird es in Deutschland noch immer von Schwachköpfen wimmeln, die sich und andere mit der Wahnvor­stellung von Versöhnung, Freundschaft und Volksver­brüderung zwischen Deutschen und Galliern zu be­trügen suchen!

: Das Kronprinzenpaar in Rom.

Rom, 5. April. Das deutsche Kronprinzen­paar ist um 1 Uhr 5 Min. hier eingetroffen und wurde am Bahnhof von dem König und der Königin sowie den Ministern und Behörden empfangen. Um 1 Uhr 20 Min. trafen die hohen Herrschaften im Quirinal ein. Auf dem ganzen Wege brachte die Bevölkerung begeisterte Hul­digungen dar.

Rom, 5. April, lieber die Ankunft des deutschen Kronprinzenpäares auf dem hiesigen Bahnhof wird noch berichtet: Als der Kronprinz den Eisenbahnwagen verlieh, umarmte und Hißte ihn der König zweimal sehr herzlich; die Königin umarmte und kühte die Kronprinzessin ebenfalls sehr herzlich. Der König küßte der Kronprinzessin und der Kronprinz der Königin die Hand. Nachdem die Vorstellung der beider­seitigen Gefolge vorüber war, hieh der Bürger­meister namens der Stadt das Kronprinzenpaar willkommen. Die italienischen Herrschaften tru­gen deutsche, die deutschen Herrschaften italie­nische Ordensauszeichnungen. Zum Empfange fand sich auch das Personal der deutschen Bot­schaft ein. Der Botschafter von Jagow und der Militärattache Freiherr von Hammerstein- Equord waren dem Kronprinz bis zum Kasino entgegengefahren. In Rom waren die Straßen, durch welche die Fahrt nach dem Quirinal ging, von einer dichten Menschenmenge umsäumt; auch die Fenster der anliegenden Häuser waren von zahlreichen Besuchern besetzt. Die Musik­korps spielten die preußische und italienische Hymne. Das Kronprinzenpaar war über den bereiteten enthusiastischen Empfang sichtlich ge­rührt. Auch nachdem die Fürstlichkeiten im Qui­rinal angekommen waren, dauerten die Huldi­gungsrufe an, sodaß das Königspaar sich den hohe» Gästen dreimal auf dem großen Balkon zeigten. Trotz des bedeckten Wetters boten die Straßen vom Bahnhof bis zum Quirinal ein un­gemein festliches Bild. Die öffentlichen Gebäude und die meisten Privathäuser hatten geflaggt. Straßenverkäufer trieben einen schwunghaften Handel mit kleinen Fahnen in den italienischen und deutschen Farben, der Babnhof war mit einem großen roten Baldachin, Palmen und an­deren Blattpflanzen glänzend geschmückt. Wäh­rend der König und der Kronprinz die Ehren- kompagnie abschritten, unterhielten sich die Kö­nigin und die Kronprinzessin auf das Herzlichste. Um 1 Uhr 20 Min. trafen die Herrschaften im Quirinal ein. Dort hatte sich eine gewaltige Menschenmenge versammelt, die immer neue be­geisterte Huldigungskundgebungen veranstaltete. Der Kronprinz und die Kronprinzessin statte­ten der Königinwitwe Margarete in ihrem Palais einen einstündigen Besuch ab, der einen herzlichen Charakter trug. Eine zahlreiche Menge bereitete Kundgebungen. Nachher kehrte die Kronprinzessin -in den Ouarinal zurück, wäh­rend der Kronprinz sich nach dem Pantheon be­gab, um an der Begräbnisstätte der Könige einen Kranz niederzulegen.

Rom, 5. April.Popolo Romano" schreibt: Der erste feierliche Besuch zur Jubelfeier des Königreichs Italien kommt von der deutschen kaiserlichen Familie in der Person des Kron­prinzen und der Kronprinzessin. Kaiser Wil­helm konnte keine höhere sympathischere Vertre­tung bestimmen, um in seinem und des deutschen Volkes Namen unseren Souveränen und der ita­lienischen Nation die Glückwünsche zur Fünfzig­jahrfeier der Proklamation der Einheit des Vaterlandes mit Rom als Hauptstadt zu über­bringen. Wir Italiener, deren Herz im Ein- klang mit der Dnastie Savoyen schlägt, wie das

des deutschen Volkes mit dem ruhmreichen Herr­scherhause Hohenzollern, weile beide befreundete und verbündete Nationen unter der Leitung der einen wie der anderen Dynastie ihre Geschichte vollendeten, find von größter Freude über die Anwesenheit des erhabenen Paares in Rom und von lebhaftester Dankbarkeit gegen den Kaiser und die Kaiserin erfüllt, die uns ihre vielgelieb­ten Kinder als willkommenste Gaste des Quiri- nals gesandt haben. Die größte Genugtuung für Italien und Rom ist dieser neue Beweis der herzlichen Gefühle, welche der Kaiser in freudi­gen wie in traurigen Tagen für unser Land ge­hegt hat und die mit der unveränderten Sym­pathie im Einklang stehen, die zwischen beiden Völkern von Anbeginn der beiderseitigen Er­hebung sich geltend machte. Für politische Be­trachtungen ist dies nicht der Augenblick, jetzt, wo das erhabene kronprinzliche Paar ankommt, darf nur das Gefühl gelten, das die römische Bürgerschaft treibt, den erlauchten Gästen die ehrerbietigsten und wärmsten Grüße entgegenzu­bringen.Messaggero" veröffentlicht einen Artikel seines Berliner Korrespondenten, in dem die Bedeutung des Dreibundes für Italien und Deutschland für die Vergangenheit und für die Zukunft dargelegt wird. Man sprach in letzter Zeit von einer Erkaltung der deutsch-italieni­schen Beziehungen, aber die Begeisterung, mit der in Deutschland die Reise des Kronprinzen ausgenommen worden sei, die hohe politische Be­deutung des Besuches und die Aufnahme, die der Kronprinz zweifellos in der Hauptstadt Italiens wie am dortigen Hofe finden werde, würden be­weisen. wie herzlich noch die italienisch-deutschen Beziehungen sind und was Italien wie Deutsch­land von diesen Beziehungen noch zu erwarten hätten.

Deutsches Reich-.

Rei hskanfter und Finanzreform. DieKonserv. Äorr." hatte kürzlich festgestellt, die die bedeutungs- oe::e Aeußerung des Rei^skonzlers über die Reichs- finanzreform,d.ß gesunde Finanzen für bas Reich bie Folge des Reformwerkes von 1900 gewesen sind", in einer Reihe liberaler Blätter, von betBerliner Volkszeitung" und demBerliner Tageblatt" an bis zurTäglichen Rundschau" und zurKölnischen Zei­tung" auffälligerweise nicht gebracht worben sinb. Wie inzwischen festgestellt worben ist, hat bie SMlc aus bet Rebe bes Reichskanzlers in einer Parla­mentskorrespondenz gefehlt, die von den genannten Blättern benutzt wird. Diese trifft iahet keine birefte Schulb. Es ist aber hoch sehr auffallend, schreibt bie Korrespondenz" jetzt, baß in bet Parlamentskorre­spondenz gerade ein so wichtiger, dem Liberalismus unangenehmer Satz gefehlt hat und berührt ferner eigentümlich, daß von dem in bet Sitzung während der Rebe bes Reichkanzlets auf bet Tribüne' anwefen- ben Spezialmitarbeitern ber obengenannten Blätter niemanb ben Satz von den gefunben Reichsfinanzen gehört haben will unb baß niemanb von ihnen, bie ebenfalls jene Palameniskotresponbenz benutzen, ben bebeutungsoollen Satz einer nachträglichen Hinzu­fügung in den Parlamentsbericht für wett erachtet hat. Die Worte des Reichskanzlers lauteten nach dem amtlichen stenographischen Bericht:Endlich, meine Herren, will ich mich an dem lebhaften Nach­gefecht über bie Reichsfinanzreform nicht beteiligen; seyr viel wird, glaube ich, dabei nicht herauskommen. (Sehr richtig!) Der eigentliche Kampf ist längst aus- gefochten, gesunde Reichsfinanzen sind seine Folgen, (hört! hört! bravo! rechts und in ber Mitte) unb biefem Faktum wirb man sich auch im Volke auf bie Dauer nicht .ntziehen können. (Sehr wahr! rechts.)

Militärisches. Berlin, 5. April. General Gallwitz, bisher Gouverneur der 15. Division in Köln als Nachfolger des Generals von Schubert, zum Inspekteur der Feldartillerie ernannt. Sein Nachfolger ist General von Wartenberg, bisher Inspekteur der Inranterieschulen. Generalleut­nant Schoeplin, bisher Kommandeur der 20. In­fanteriebrigade in Posen wurde zum Komman­deur der 33. Division in Metz ernannt.

Ein deutscher Reichstaasabaeordveter französischer Staatsbürger? Nach Meldung einer Berliner Morgenzeitung hat das Mitglied des Deutschen Reichstages, der elsaß-lothringische Staatsrat, Großindustrieller Charles de Wendel das französische Staatsbürgerrecht wieder er­worben, ohne fein Mandat niedergelegt zu ha­ben und ohne aus der deutschen Staatsangehörig­keit ausgeschieden zu sein. DiePost" schreibt hierzu: Herr de Wendel ist Reichstaasabgeord- neter. Wir wissen nicht, wie Herr de Wendel es mit seinen Pflichten als Reichstagsabgeordneter, der verfaffungsgemäß Vertreter des ganzen beut' fchen Volkes ist, ts für vereinbar halt, aus freier 1

Wahl und aus innerer Zustimmung französischer Staatsbürger zu sein. Man darf wohl die Hoff­nung aussprechen, daß Herr de Wendel die Un­möglichkeit eines solchen Doppel-Verhältnisses einsieht und daraus die einzig mögliche Folge­rung zieht, sein Reichstagsmandat nirderzu- legen. Im anderen Falle müßte überlegt wer­den, ob nicht das Siaatsrecht eine Handhabe bie­tet. solche wegen ihrer Ungeheuerlichkeit in der Verfassung nicht vorgesehenen Fälle durch die die bestehenden Vorschriften fortbildende Rechtspre­chung nachträglich zu erfassen und auf Gruu> der bisherigen Rechtsgrundsätze neue Rechtssätze sest- julegen, die eine solche Kollission staatsbürger­licher Pflichten unmöglich machen. An der prak­tischen Ungeheuerlichkeit der Sachlage kann wohl fein Zweifel sein.

Ein badischerBlock"mann. Im badischen Reichstagswahlkreise Freiburg hat der liberale Universitätsprofessor und Blockkandidat von Schulze-Gävernitz am 25. März eine Rede auf die Sozialdemokratie gehalten, mit der er ver­bündet, die Verhältnisse in Preußen-Deutsch­land nach seiner Kathederweisheit umgestalten will. Er sagte:Wir beabsichtigen, mitzuarbei­ten an der Herstellung einet Reichstagsmehrheit der Linken, bei welcher eine starke Sozialdemo­kratie auf der äußersten Linken und der Libera­lismus das Heft in der Hand hätte. Durch eine solche Reichstagsmehrheit hoffen wir hinzuwir­ken in der Richtung auf die Liberalisierung Preußens, ohne welche eine Liberalisierung Deutschlands überhaupt undenkbar ist. Ich bin überzeugt, wenn wir in Moabit gewesen wären und den Rücken versalzen bekommen hätten, wir wären auch Sozialdemokraten geworden und wahrscheinlich keine Revisionisten, sondern Radi­kale. Durch diese Unterdrückungspolitik wird einmal die Sozialdemokratie immer wieder bet linke revolutionäre Flügel gestärkt; es wird ver­hindert, daß die Sozialdemokratie sich allmählich entwickelt zur Mitarbeit in sozialen und später vielleicht auch einmal in nationalen Dingen. Gerade die Liberalisierung Preußens ist es, welche erforderlich ist, wenn wir auch der So­zialdemokratie gegenüber das gleiche Recht für alle, hauptsächlich in unserem Vaterlande zur Anwendung bringen wollen." Der Herr Pro- feffor, dessen Ausführungen nach Ton und In­halt ebensogut jeder beliebige Agitator gemacht haben könnte, macht sich alsBarrikadenkämp­fer" höchst lächerlich. Jedenfalls ist er übet bie Theorien des Sozialismus" noch nicht bei fei­nem Studium hinausaekommen. Die erfebnie ..Rückenversalzung" in Moabit hätte ihm aller­dings ein Kolleg über:Einführung in die prak­tische Sozialdemokratie" erspart.

Ei» Rornbluitientag für ganz Preußen. Das Zentralkomitee bes Preußischen Landesveretns vom Roten Kreuz wirb am 1. Juni b. I für ganz Preußen einen Kornblumentag veranstalten. Der 16. Juni ist bekanntlich ber Tag, an welchem im Jahre 1871 unsere siegreiche Armee an ber Spitze ber Heldenkaiser Wilhelm I. ben feierlichen Ein­zug tn Berlin hielt. Die Erträgnisse bes Kcrn- blumentages sollen zur Bewilligung freier Brunnen- uno Badekuren an hilfsbebürftige Kriegsveteranen, zum weiteren Ausbau ber bestehenben Veteranen­heime vom Roten Kreuz unb für gleichartige Zwecke verwenbet werben, um so ben Männern, bie ben Siegeslorbeer rniterstritten haben, ein Zeichen ber Dankbarkeit zu geben. Sämtliche preußische Organisationen bes Roten Kreuzes werden in ben Dienst dieser idealen Aufgabe gestellt werden. Der Vaterländische Frauenverein hat bereits für alle seine Zweigvereine bie Beteiligung zugesagt. Es sieht zu erwarten, baß auch andere Organisationen, denen die Fürsorge für unsere Veteranen besonders am Herzen liegt, insbesondere die Krieger- und Militärvereine, sich an dem edlen Wohlfahriswerke beteiligen werden.

Sie französischen Kriegsdenkmünzen. Pa­ris, 5. April.Patrie" behauptet, Staatssekte» tät v. Kiderlen-Wächter habe dem französischen Botschafter Cambon erklärt, daß die deutsche Re­gierung durchaus entschlossen sei, das Tragen bet geplanten französischen Kriegsdenkmünze nicht* zu dulden. Dieses Abzeichen würde als aufrüh­rerisch angesehen und jeder, der dasselbe trüg- vor Gericht gestellt werden. Cambon habe im Verlaufe seiner Unterredung mit Monis, Cruppi und Berteaux hiervon Mitteilung gemacht. Nach unseren Erkundigungen sind die Angaben unzutreffend. Die französische Regierung berei­tet ein Gesetz über die Verleihung von Denkmün­zen an die Kämpfet von 1870/71 vor. Wegen bet Frage, ob solche Denkmünzen auch an Elsaß- Lothringer, die 1870 in ber französischen $rme^