mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
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Tie „Lbcrhrssischr Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- unb Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <Jt frei ins Haus. (Für unver. langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. Hiheroth). Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Mittwoch, 29. März
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46. Jahrg.
1911.
Mftes Blatt.
Kommt die Marburger E. Lt.-B. oder kommt sie nicht?
Als vor etwa Jahresfrist es den Anschein hatte, als wollten die städtischen Körperschaften ernstlich und sachlich der Frage näher treten, ob und unter welchen Bedingungen die Anlage einer elektrischen Straßenbahn dem allgemeinen städtischen Jntereffe nützlich sei, da wurde — durchaus sachlich — bezweifelt, daß der Selbstkostenpreis für die Stromlieferung richtig berechnet, sväter, daß die Gleisanlage noch verwendbar sei. Nach 10 Monaten ist diese Frage jetzt wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Der Magistratsantrag (mitgetellt in der „Ober hoff. Zeitung" vom 17. März d. I.) läßt erkennen, daß die erhobenen Bedenken geprüft und zur Zufriedenheit klargestellt sind. Nach dem Verlauf der Beratung in der Sitzung vom 20. d. M. kann es ab^r für Jemand, der mit den hiesigen Verhältniffen vertraut ist, nicht zweifelhaft sein, daß die eigentlichen Schwierigkeiten erst beginnen, daß die Debatte sich ins Uferlose verlieren und es zu keinem Resultat kommen wird, wenn erst die Linienführung zur näheren Dtskufs io »kommt.
Aus diesem Grunde soll hier einem Vorschläge näher getreten werden, der die Frage über die definitive Linienführung einstweUen auf sich beruhen läßt, der die Aussicht bietet, die abweichenden Ansichten zu vereinigen und auch diejenigen zu beruhigen, die von einer elektrischen Straßenbahn eine Erhöhung der städtischen Auegaben befürchten. Es wird vorgeschlagen, ein st weilen er st das VovhMndenop Bestehende voll wirt- schWMich «Lszunutzen, sich mit der (E \ Hi r i fi c t uit g der jetzigen Strecke Hauptbahnhof —Wilhelmsplatz zu begnügen.
Die Anlagekosten werden bei diesem Projekt betragen füi
1 Umbau des alten Gleises mit Einfügung neuer starker Schienen in den Kurven
unb Weichen
11000°«
2. Sttomzufühtungs-Anlage
20 000 „
3 Betriebsmittel
50 000 „
4. Depotanlage
20 000 „
5. Werstätten-Einrichtung
6 000 „
6. Referveteile
3 500 „
7. Kraftwerkergänzung
30 000 „
8. Bauleitung und Bauzinsen
5 000 „
145 500 M.
Also rund 150 000 M gegenüber 284 000 M. der Magistratsoorlage.
Es sind jährlich aufzubringen
4% Zinsen ' 6 000 <M.
2% Rücklage für den Erneuerungsfonds 3 000 „
9Ö0ÖÜ
Hierzu die Betriebskosten (bei 3 Wagen
und 10 Minuten-Verkehr)
Summa 27 000 M gegen 47 500 M. der Magistratsvorlage.
20 (Nachdruck nrrloten.)
Unverstanden.
Roman von Marie Weber.
(Fortt etzung.)
„Daß ich diesem Manne begegnete," fuhr die Baronin fort, „war meine Rettung und mein Unglück zugleich. Ich liebte ihn und das ist meine einzige Schuld. Er ging, um mir bittere Kämpfe zu ersparen, aber mein Herz folgte ihm in die weite Ferne nach: meine angsterfüllte Seele teilte seine Gefahren, ich betete zu Gott für sein teures Leben, aber ich hatte resigniert, für mich gab es keine Hoffnung mehr!"
Die Baronin schwieg: mit tränengefüllten Augen blickte sie in das starre, unbewegliche Antlitz ihrer Mutter, das wie aus Marmor gemeißelt erschien.
Nach einer langen, drückenden Pause sagte Frau von Höhenzil in gedämpftem Tone:
Warum hast du mir das alles erzählt, Elise? Wenn die Mutter romantischen Ideen nachhängt, soll die Tochter vernünftiger sein. Ich sehe weiter, als du Elfriedes Zukunst muß gesichert werden. Es ist nur ihre Schuld, wenn sie an Sternbergs Seite nicht glücklich wird."
„So wie es die meine war, daß ich an der Seite meines Gatten nicht glücklich wurde," versetzte die Baronin in bitterem Tone. „Dieses Mal will ich meine Rechte als Mutter behaupten. Mein Kind soll nicht unglücklich werden!"
Bei dieser entschiedenen Sprache hob die Frau Landrat stolz ihr Haupt empor.
„Elise, du gehst zu weit," sagte sie finster. „Ich habe mir in dieser Stunde von dir mehr bieten lassen, als mir je ein Mensch geboten hat. Alles hat feine Grenzen! Meine Geduld im wahrsten Sinne des Wortes ist erschöpft. Ich will jetzt keine Silbe mehr hören!"
Die Einnahmen der Pferdebahn haben in den letzten Jahren betragen durchschnittlich mindestens 28 000 M.
Die Stadt hat also unter keinen Umständen eine Zubuße zu leisten, kann vielmehr infolge der aus 30—50 % zu schätzenden Steigerung des Verkehrs') mit Sicherheit einen ansehnlichen Ueberschuß in Rechnung stellen, wenn sie die in ihrem Werke schlummernde Kraft ausnutzt, statt sich mit dem mangelhaften Pferdebetriebe zu begnügen, bei dem sie jetzt jährlich ca. 2800 <M. zusetzt (nämlich 2% Zinsen-Ausfall und 2% unterlassene Rücklagen für Erneuerungen).
Dieses Projekt bietet nun außerdem den großen Vorteil, daß es keiner der späteren Lösungen der Linienführung und Erweiterung vorgreift. Das jetzige Gleis hat noch eine Lebensdauer von 10—15 Jahren?). Sollte sich nach Ablauf dieser Zeit erweisen, daß die Linie über den Biegen dem allgemeinen Jntereffe dienlicher ist als über den Pilgrimstein, so ist dann der Zeitpunkt für erstere gekommen. Viel früher wird allerdings die Frage, wie der Südbahnhof zu erreichen ist, spruchreif werden. Ihre Lösung wird nun wesentlich erleichtert, wenn erst Erfahrungen mit dem elektrischen Betriebe der bisherigen Strecke vorliegen. Sollte man sich dann entscheiden, schon vom Haspel abbiegend durch die Wörthstraße die Schwan- oder Frankfurter-Allee zu erreichen, so entsteht irgend ein nennenswerter Verlust nicht.
Es soll jedoch kein Zweifel gelaffen werden, daß der Schreiber dieses, der den Hebergang vom Pferde- zum elektrischen Betriebe und seine überraschend günstigen Folgen in zwei Mittelstädten erlebt und den Marburger Verkehr sowohl in Richtung nach dem Haupt- wie nach dem Südbahnhof seit zwei Jahr n mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, das Magistratsprojekt für das bessere hält. Die Weiterführung der elektrischen Straßenbahn über den Friedrichsplatz zum Südbahnhof int Anschluß an die Elektrisierung der bisherigen Strecke wird nach meiner Heberzeugung gar keine oder nur in den ersten 3—5 Jahren wenige Tausend Mark Zuschuß erfordern. Sie wird aber erst voll alle diejenigen günstigen Folgen für die Entwicklung, das Gemein- Jntereffe Marburgs zeitigen, die stets und überall verbefferte Verkehrsverhältnisse mit sich bringen.
Lediglich die Besorgnis, daß die in anderen Marburg ähnlichen Städten gemachten Erfahrungen und die vorliegenden Ergebniffe der hiesigen Pferdebahn nicht ausreichend sind, eine Anzahl Stadtverordnete von der Rentabilität des Magistratsprojektes zu überzeugen, daß insbesondere die Stadtverordneten sich über die Linienführung nicht einigen werden und daß wahrscheinlich gar nichts oder eine Kompromiß-Mißgeburt wie die so bald eingeschla-
*) Ausführliche Hntersuchungen über die voraussichtliche Gestaltung und Steigerung des Verkehrs habe ich in der „Oberheffischen Zeitung" vom 5. und 6. Juni v. I. angestellt.
*) dies ist z. Z. der Kernpunkt der ganzen Angelegenheit. Bei dem geringsten Zweifel an feiner Richtigkeit, wäre es doch höchst einfach, noch ein Gutachten eines auswärtigen Sachverständigen her beizuführen.
Die Baronin hatte sich gefaßt; die Tränen waren aus ihren Augen geschwunden, aber in ihren noch immer bleichen Eefichtszügen lag ein gewisses Etwas, das ihnen sonst gefehlt hatte.
„Vergib, Mama, wenn meine Rede dich verletzt hat," sprach sie ruhig, „ich mußte es dir aber sagen!"
Sie beugte sich nieder,, um die Hand ihrer Mutter zu küffen, was diese wortlos geschehen ließ. Dann schritt Frau von Dahlen eilig aus dem Zimmer, ahnst ch mehr umzuwenden.
Als Frau von Höhenzil sich allein sah. stteß sie einen tiefen Seufzer aus, und den Kopf ermüdet zurücklehnend schloß sie die Augen.
Sie fühlte selbst, daß sie nicht mehr dieselbe von einst war, daß ihre stahlharte Entschlössenheit langsam schwand, um ganz anderen Empfindungen Raum zu geben. Allein sie wollte nicht nachgeben, und mit einer letzten Anstrengung raffte sie den stolzen Geilt zusammen, der sie einst so ausscyließlich beherrscht hatte.
Als die Baronin in Elfriedes Zimmert rot, fand sie ihre Tochter schon in voller Toilette.
Ein duftiges Spitzenkleid umwogte die schlanken Glieder des jungen Mädchens: in dem dunklen Eelock wiegte sich ein Zweig blaßr.ter Rosenknospen, aus den schönen blauen Augen sttahlte ein eigentümliches Feuer, das die Baronin mehr erschreckte als erfreute.
Fräulein Römer zupfte noch mit pedantischer Sorgfalt an der weißen Spitzengarnierung von Elfriedes Ballkleid, während die junge Dame ein prachtvolles Boukett betrachtete, das man ihr : or einer Weile gebracht hatte.
„Don Graf Alfred," sagte sie, die Blumen ihrer Mut.er entgegenhaltend.
Heber das Gesicht der Baronin flog ein Schatten.
„Fräulein Römer," sagte sie zu der Gouvernante gewendet, „ich bitte Sie, uns zu begleiten. Sie
I fene Pferdebahnstrecke Wilhelmsplatz—Heumark bet den demnächftigen Beratungen herauskommt, laffen es ratsam erscheinen, sich vorläufig mit dem Erreichbaren zu begnügen.
Die schon unnötig lang hinausgeschobene Angelegenheit noch weiter zu verschleppen, hat keinen Zweck, ist schädlich: alle Unterlagen für eine Beschlußfassung sind vorhanden, mit jedem Jahre setzt die Stadt von dem Kapital, daß sie in die Pferdebahn gesteckt hat, mehr zu, lohnt sich die Ausnutzung des vorhandenen Materials weniger. Die Bedenken, die in der letzten Stadtverordnetensitzung vorgebracht wurden, laffen sich unschwer widerlegen: Die elettrifche Straßenbahn soll ein „Luxus" sein. Die Beobachtungen in dem leicht übersehbaren Verkehr einer Mittelstadt lehren, daß eine elektrische Straßenbahn vorzugsweise von denjenigen Per- sonen denen es auf Zeit- und KrLfteersparnis ankommt, benutzt wird, affo von Gewerbetreibenden aller Art, von vielgeplagten Hausfrauen, Dienstboten und Arbeitern. (Dieser Umstand möge auch gütigst von denjenigen Marburgern berücksichtigt werden, ^ie da sagen oder denken, „ich habe die Elektrische nicht nötig, da brauchen sie andere auch nicht.") Ebensowenig stichhaltig sind die in der betreffenden Sitzung vorgebrachten Einwendungen, daß andere Aufgaben notwendiger seien. Die elektrische Straßenbahn schließt andere Aufgaben, wie die Kanalisation von Wcidenhausen, nicht aus; anderen Bestrebungen wirb sie direkt Vorschub leisten, wie z. B. einer verständigen städtischen Bodenpolitik, der Erbauung billiger Einfamilienhäuser, der Hebung des Fremdenverkehrs, dem Zuzuge von Rentnern und Studenten, der soliden Entwicklung industrieller Unterneh, mungen rc. Kurz, die Sache ist innerlich gesund, in allen Konsequenzen so völlig übersehbar, daß es, nachdem alle Vorarbeiten in selten gründlicher und vorsichtiger Weise erledigt sind, nut auf die Gründlichkeit, Tatkraft und Geschicklichkeit ankommt, mit der sie vertreten wird. Kein Stadtverordneter wird eine Sache ablehnen, die dem Fortschritt, der soliden Entwicklung der Stadt förderlich ist, die für die Mehrzahl ihrer Einwohner große Annehmlichkeiten und Vorteile mit sich bringt, wenn ihm bewiesen wird daß sie die städtischen Ausgaben nicht nur nicht vermehren, sondern sie zu vermindern geeignet ist. Das letztere zu beweisen ist aber durchaus möglich, drum fttsch ans Werk!
Wird bet Pferdebahn-Bert ag nicht zum 1. April gekündigt, so ist wieder ein Jahr verloren.
Die helfet er in Italien.
Rom, 27. März. Um Mitternacht wurde durch einen Kanonenschuß das Zeichen für den Beginn der Festlichkeiten aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens des Königreichs gegeben. Trotz der vorgerückten Stunde war die Stadt sehr belebt. Ueberall wurden Rufe laut: Es lebe Italien, es lebe Rom? Zn den Cafäs und Restaurants wurden patriotische Kundgebungen veranstaltet; zahlreiche Häuser hatten illuminiert.
Rom, 27. März. Mit ungewöhnlichem Glanze sand heute vormittag 11 Uhr im Senats
haben noch hinreichend Zeit, um Toilette zu machen. Sie sehen, auch ich bin noch int Hauskleid; also beeilen Sie sich nicht allzusehr, Sie werden noch fertig.“
Das Fräulein knixte und verschwand.
Elfriede hatte ihr Boukett beiseite gelegt und hing sich an den Arm der Mutter.
„Gefalle ich dir, Mama?" fragte sie, lächelnd zu ihr aufsehend.
„Sehr gut, mein Kind, aber ich möchte dich auf etwas aufmerksam machen."
„Ich höre, Mama!" Sie hatte den Arm bet Baronin losgelassen unb blickte sie nun erwartungsvoll an.
„Findest bu Gefallen an bem jungen Grafen Sternberg?"
In bas Gesicht bes jungen Mädchens schoß plötzlich eine glühende Röte.
,T>u fragst sehr sonderbar, Mama," stammelte ste, sichtlich verwirrt.
„Ich habe meine Gründe dazu! Du nimmst seht freundlich seine Aufmerksamkeit an. Das berechtigt ihn, Schlüffe zu ziehen, welche dir vielleicht nicht ganz angenehm sein dürften."
Elfriede warf ihren hübschen Kopf trotzig zurück. ,Au willst sagen, Mama, daß et daran denkt, mich zu seiner Frau zu machen?"
„Unb wenn bies bet Fall wäre?" fragte bie Baronin.
In bem Antlitz bes jungen Mädchens zuckte es schmerzlich; sich hasttg abroenbenb, griff sie nach dem Boukett, und ihr Gesicht tief auf bie süßduftenden Rosen senkend, sagte sie mit unsicherer Stimme:
„Großmama würde es sicher für kein Unglück halten, wenn ich seine Werbung annähme."
„Hier handelt es sich nicht um den Willen der Großmama, sondern em dein Lebensglück," sprach Frau von Dahlen mit Entschiedenheit, gedenke
palast auf dem Kapitol die königliche Festsitzung zur Fünfzigjahrfeier des Königreichs Italien statt. Die Fenster der drei historischen Paläste waren mit alten Gobelins geschmückt. An den Eingängen waren große Baldachine errichtet. Aus dem großen Senatsaale waren die gewöhnlichen für die Gemeinderäte bestimmten Sitze entfernt worden. Im Hintergründe erhob sich der königliche Thron, auf den Seiten wehten di« Banner der vierzehn Stadtteile Roms und das Stadtbanner selbst. Darüber waren die Marmorbüsten Viktor Emanuels II., Mazzinis, Cavours und Garibaldis angebracht. An den Portalen und auf den glänzend geschmückten Treppen hielten die städtischen Diener in Galakostum die Ehrenwache. Von 9 Ahr ab begannen die Geladenen sich zu versammeln. Punkt 10 Ayr begann die historische Glocke, die Patarina, auf dem Turm des Kapitols zu läuten, zum Zeichen, daß der königliche Zug den Quirinal verlassen hatte. Der Bürgermeister Nathan mit den Vizebürgermeistern und Gemeinderäten, die Präsidenten des Senats und der Kammer mit Deputationen der beiden Häuser des Parlaments, der Ministerpräsident und alle Mitglieder der Regierung erwarteten die Majestäten am Portal des Museumspalastes. Einige Minuten später trafen, von Trompetenfanfaren der Kürassiere und von der städtischen Kapelle mit der Königshymne empfangen, die Majestäten ein. Stürmische Kundgebungen der Begeisterung begrüßten das Herrscherpaar bei seiner Ankunft, wie beim Eintritt in den Festsaal, wo sich auch das diplomatische Korps, die Ritter des Annun- ziaienordens, die Spitzen der Beamtenschaft sowie das Offizierkorps des Heeres und der Marine eingefunden hatten. — Die Stadt ist reich geflaggt und ungewöhnlich belebt. Musikkorps durchziehen die Straßen, das Wetter ist schön.
Nachdem die Majestäten ihre Thronsitze eingenommen hatten, hielten die Präsidenten des Senats und der Kammer sowie der Bürgermeister unter dem lebhaften Beifall ihre Huldigungsansprachen. Sodann ergriff unter begeisterten Kundgebungen der Festversammlung der König das Wort zur Erwiderung. Die Rede des Königs schloß mit folgenden Worten:
„Italien, das sich der Unabhängigkeit des ganzen Volkes geweiht hat, wird feine eigene Unabhängigkeit zu wahren wissen, die das Erbe seiner ganzen alten und neuen Geschichte ist und wird durch Werke des Friedens zu dem allgemeinen Fortschritt beitragen in stetigem Emporsteigen zu immer höheren Idealen — und es ist wie eine Vorbedeutung, daß von so vielen Kaisern auf diesem weltgeschichtlichen Hügel einzig und allein das von dem ernsten Lichte der stoischen Tugend verklärte Bild des triumphierenden Marc Aurel stehen geblieben ist, dieses
das, eifriebe, unb laß dich zu keiner Uebereilung hinreiben. Prüfe dich, prüfe dein Herz genau, ob bu diesen Mann lieben kannst, ehe bu in ihm Hoffnungen erweckst, beten Erfüllung dich vielleicht für immer unglücklich machen würde. Ein entscheidendes Wort ist schnell gesprochen, aber ob bu imstande bist, bas, was bu gelobst, auch zu halten, bas ist bie Frage, in bet betne ganze Zukunft verborgen liegt. Ich möchte dich vor bem bitteren Weh einer Selbsttäuschung bewahrt wissen."
Elfriede erhob langsam ben gesenkten Blick. Aus ihren Wangen brannte eine glühende Röte unb ihre Augen schimmerten feucht, als sie in gedrücktem Tone entgegnete:
„Du hast recht, Mama, aber einmal wird es doch fein müssen. Warum also nicht ebenso gut Graf Alfred als ein anderer? Ich — ich hoffe nichts mehr von der Zukunft!"
„Kind, was sprichst du da?" rief die Baronin entsetzt. „Das Leben liegt offen vor dir, und du willst nichts mehr von der Zukunft zu hoffen haben?
Das junge Mädchen zerknitterte Kampfhaft btt feine Spitzenmanschette bes Bouketts unb senkte bie Liber, um ben forschenden Blicken bet Mutier nicht begegnen zu müssen.
,Elftiebe!" tief die Baronin fast strenge.
Keine Antwort erfolgte. Mit bleicher Stirn unb bebenden Lippen, wie eine ertappte Verbrechen» stand das junge Mädchen da. Mechanisch zupften bie schlanken Finger an ben Blumen, um bas 3er* ftörungsroerf zu beenden; bie zarte Brust hob sich tu tiefen, schweren Atemzügen; bann plötzlia, ein jähes, roilbes Aufschluchzen, bie Blumen flogen zur Erde unb bas Mädchen warf sich mit bem ganzen Ungestüm eines heiß übetroattenben Schmerze in bie Arme ihrer Mutter.
(Fortsetzung folgt.)