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46. Jahrg

1911.

Marburg

Dienstag, 28. März

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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

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TieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme Der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 M frei ins Haus. (Für unver­langt zugelandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:

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Deutsches Reich,

Generalmajor von Bethmann - Hollweg. Berlin, 25. März. Der Kaiser ernannte den Reichskanzler bei Gelegenheit des Stapellaufes des LinienschiffesKaiser" in Kiel zum Gene­ralmajor. Der Generaloberst der Kavallerie Fürst Otto v. Bismarck war nie aktiver Offizier gewesen, sondern Einjahrig-Freiwilliger bei den Jägern in Potsdam, später schließlich Major der Landwehr. Trotzdem wurde er nach dem Kriege von 1866 mit den roten Eeneralsstreifen aus­gezeichnet und stand, obwohl er nie Kavallerist gewesen, ä, la Suite der Halberstädter Küras­siere. Es ist also durchaus nicht, wie das sach­verständigeBerliner Tageblatt" schreibt,selbst für preußische Berhältniffe ziemlich ungewöhn­lich", daß jetzt der Kaiser den Reichskanzler Herrn v. Bethmann-Hollweg zum Generalmajor & la Suite der Armee ernannt hat, zumal da dieselbe Auszeichnung auch dem Reichskanzler Fürsten Bülow dem Staatssekretär Grafen Her­ibert Bismarck, ja sogar dem mehr kirchlich als militärisch tätigen Oberhofmarschall Freiherrn v. Mirbach seinerzeit zuteil geworden ist. Bei zahlreichen amtlichen nicht nur höfischen Gelegenheiten ist es für den leitenden Staats­mann und andere hohe Herren eine Annehmlich­keit Uniform zu tragen: für Bismarck, auf dessen Diplomatentum die Militärs manchmal scheel sahen, sogar eine Notwendigkeit. Dann aber ist es verständlich, daß man keine Zerrbilder Wünscht, etwa einen Kanzler-Major, der sich militärischzusammenreißt", wenn ein aktiver Oberst ihn anspricht. In England oder Frank­reich, wo jeder Offizier froh ist, wenn er Uniform abwerfen kann oder wo gar den Unter­offizieren das Ziviltraqen als Auszeichnung für langjährige Dienste gestattet wird, versteht man das natürlich nicht. Bei uns aber ist Bismarcks Gestalt eben die deseisernen Kürassiers" und wird es in der Bolkserinnerung bleiben.

Schwarzer Adlerorden. Berlin, 25. März. DerReichsanzeiger" gibt die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den General z. D. v. Beneckendorff und von Hindenburg bekannt.

Elkost-Lothringen. Berlin, 25. März. Die Nordd. Allgem. Ztg." schreibt zur Debatte über die elsaß-lothringische Nerfassungsfrage im Ab­geordnetenhaus: Es ist bedauerlich für die Sache, aber nicht entscheidend, daß immer wieder die Aeußerunqen der elsaß-lothringischen Politiker dazu beitragen, die Bedenken gegen die Derfas- funqsreform zu verstärken. Man gewinnt den Eindruck als ob es bei den Agitationen darauf angelegt sei, keine Verfassungsreform zustande kommen zu lassen. Es wäre zu wünschen, daß die rubiaen Elemente des Reichslandes sich der Schädlichkeit und der Gefahr solcher Treibereien bewußt werden.

f9hr*hru(f verboten.)

Unverstanden.

Roman von Marie Weber. ' k Fortsetzung.)

ßucte Waldeck bezog dasselbe Hotel, in dem Frau von Hohenzil Wohnung genommen, und nicht genug, das Zimmer der jungen Dame stieß sogar dicht an dasjenige der Frau Landrat, welche Lucie somit zu ihrer nächsten Nachbarin hatte.

Es war unvermeidlich, daß die beiden Damen einander begegneten. Lucie begnügte sich mit einer tiefen Verneigung und die alte Dame nickte ihr von ihrem Rollstuhl aus einen herablassenden Gruß zu.

Lucie machte keinen Versuch, sich den Damen zu nähern, aber die Baronin konnte es nicht unter­lassen, Lucie zuweilen anzusprechen und mit ihr einige höfliche Worte zu wechseln.

Elfriede hatte nur einen kalten, stolzen Gruß für die junge Dame, Die Zett, in der sie mit ihr freundschaftlich verkehrt hatte, schien vollkommen aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein.

Frau von Hohenzil nickte befriedigt, als sie das abweisende Benehmen Elfriedes gewahrte.

Die Kleine nimmt Vernunft an," sagte sie zu ihrer Tochter.So habe ich es gern; man muß die Würde des Namens, den man trägt, zu wahren wissen!"

Ein bitteres Lächeln irrte um die Lippen der Baronin.

Doktor Waldeck kann für Elfriede nicht mehr gefährlich werden," gab sie zur Antwort,er ist *"lobt und wird im Herbste Hochzeit machen."

Ah, die Braut ist wohl ein Bürgerkind aus P.?"

Rein, eine Ausländerin, sie soll sehr schön und sehr reich sein."

Der Segen der Allmende. Wie derInf." mitgeteilt wird, ist der Segen, den das Vorhan­densein einer Allmende bringt, deutlich aus den Verhältnissen der Stadt Bunzlau ersichtlich. Diese hat aus ihrem aus Eemeindegrundeigen- tum bestehenden Besitz, meist Wald, so viel Er­trag wie aus den gesamten direkten Steuern, die nun infolgedessen trotz großer Schulbauten und sonstiger Aufwendungen größerer Geldmittel sehr mäßig sein können. Daß es sich hier um einen städtischen Gemeindebesitz handelt, tut nichts zur Sache, denn die Allmende an sich wird überall zur Wohltat für die Gemeinden. Es ist notwendig, daß dies viel mehr beachtet wird als bisher, namentlich wenn es sich um Gründung neuer Gemeinden handelt.

Zum Professorenstreit. Berlin, 25. März. DieTägl. Rundschau" erfährt, daß Exzellenz Prof. Dr. Adolf Wagner in einer motivierten Eingabe eine Remonstration an den Kultus­minister gegen dessen Beurteilung des Streit­falls Bernhard in der Sitzung des Abgeord­netenhauses vom 15. März gerichtet hat, inso­weit durch diese Beurteilung Prof. Wagner mit­getroffen ist.

Die Reiie des Kaiseis.

Auf seiner Fahrt nach Korfu traf, wie be­reits kurz berichtet, der Kaiser am Freitag mor­gen in Wien ein. Ein eingehender Bericht über den herzlichen Empfang durch den Kaiser Franz Josef und die Seinen ist leider durch ein Ver­sehen in der vorigen Nummer roeoneblteben, so­daß wir uns heute auf die Erwähnung des Hauptsächlichsten beschränken.

Wien, 24. März. Kurz nach 10 Uhr war Kaiser Franz Josef vor dem Nordbahnhof vor­gefahren und von den leitenden Beamten der Bahn in die Hofwartesäle geleitet worden. Als die Einfahrt des kaiserlichen Zuges gemeldet wurde, betrat der Kaiser den Bahnsteig. Bald darauf machte der Wagen, der die Mitglieder der deutschen Kaiserfamilie beherbergte, vor dem Kaiser Halt. Kaiser Wilhelm, der den Monarchen vom Wagenfenster aus erst militä­risch salutierend, dann freundschaftlich zuwinkend begrüßt hatte, verließ raschen Schrittes den Wa­gen und eilte auf den Monarchen zu. Die bei­den Herrscher umarmten und küßten einander und schüttelten sich herzlich die Hand. Sodann entstiegen dem Wagen die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Joachim mit Gefolge. Nachdem Kaiser Franz Josef die Kaiserin und die Prinzessin herzlich begrüßt hatte, stellte Kaiser Wilhelm dem Monarchen den Prinzen Joachim vor. Kaiser Franz Josef reichte seinem Patenkind die Hand, die der Prinz ehrerbietig küßte. Hierauf reichte Kaiser Franz Josef Kaiserin den Arm und die Allerhöchsten

Fran von Hohenzil zuckte die Achseln.

Ein Elücksjäger!" sagte sie in wegwerfendem Tone.

Die schöngeschwungenen Lippen der Baroin zitier­ten leicht: aber sie unterdrückte jede Antwort und strich schweigend die Falten der seidenen Robe glatt

Damit war auch dieses Thema erledigt und ein stummer Gruß blieb alles, was die Frau Landrat mit Waldecks Schwester austauschte.

In dem hübschen, geräumigen Saale des Kur Hauses sollte ein Kränzchen für die tanzlustige Weft stattfinden.

Frau von Hohenzil bestimmte, daß ihre Enkelin daran teilnehmen sollte: sie selbst wollte zu Haus' bleiben, denn sie war noch nicht im stände, ihre' Rollstuhl zu verlassen: auch wollte sie durchaus nichi daß Fräulein Römer bleibe, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Der Anblick dieser langweiligen Person mi: ihrem ewigen Strickstrumpf tötet mich," sagte sie zu ihrer Tochter.Nehmt sie nur mit und laßt sie bor- die Wände zieren. Nun, Gott sei Dank, wir werde?' nicht lange mehr ihre Dienste nötig haben!"

Sie hatte in einem gereizten Ton gesprochen der sich schlecht mit der kalten Würde vertrug, die man von jeher an ihr gewöhnt gewesen.

Der Baronin schien es, als sei im Wesen ihre, Mutter seit ihrer Krankheit ein- große Veränderunc vorgegangen. Sie zeigte stch hin und wieder nach­giebig. wie nie zuvor: dann trat wieder ein gewisser Rückschlag ein, aber das war dann mehr wie das eigensinnige Festhalten eines Kindes an einer Idee ftttti der starren Entschlossenheit, die stch bisher so sehr in jedem Blick und Wort der alten Dame aus geprägt hatte.

War es diese Wahrnehmung, oder ein schon vor­her gefaßter Entschluß? weiß bet Himmel, woher

| Herrschaften begaben sich in den Hofwartesalo wo sie etwa fünf Minuten im Gespräch verblieben. Sodann wurde der Salonwagen bestiegen und die Fahrt nach Penzig fortgesetzt.

Um 11 Uhr fuhr der Hofzug ein. Demselben entstiegen gleichzeitig die beiden Kaiser, vom Publikum mit begeisterten Hochrufen empfangen. Kaiser Wilhelm schritt auf die Gruppe der Erz­herzoginnen zu und begrüßte sie durch Handkuß, während Kaiser Franz Josef der Deutschen Kaiserin beim Aussteigen behilflich war. In diesem Augenblick trat die Erzherzogin Maria Annunziata auf die Kaiserin zu und begrüßte sie herzlich mit Küssen, sodann begrüßten ebenso herzlich die übrigen Erzherzoginnen und die Her­zogin von Hohenberg die Kaiserin. Inzwischen hatte Kaiser Wilhelm die Erzherzöge begrüßt und die Vorstellung der zur Aufwartung erschie­nenen Persönlichkeiten entgegengenommen. Nach Abschreiten der Ebrenkomvagnie näherten sich beide Kaiser mit den Erzherzögen dem Zelt. Die Gemahlin des deutschen Botschafters überreichte der Kaiserin ein Rosenbukett und Fräulein von Tschirschky der Prinzessin Viktoria ein Nelken­bukett. Sodann begaben sich die Herrschaften zu den Wagen. Im ersten offenen Wagen nahmen die beiden Kaiser Platz, im zweiten geschlossenen Wagen saßen die Kaiserin mit der Prinzessin Maria Annunziata.

Die an den Bahnhof grenzenden Straßen wa­ren festlich geschmückt. Als das Publikum der beiden Kaiser ansichtig wurde, brachte es enthu­siastische Hochrufe aus, welche sich erneuerten, als die Kaiserin und die Prinzessin vor dem Bahn­hof erschienen. Umbraust von den Ovationen des dichten Spaliers nahmen die fürstlichen Gäste ihren Weg zum kaiserlichen Lustschlosse. Um 1 Uhr nachmittags fand ein Familien­dejeuner in Schönbrunn statt. Ueber das weitere Verweilen in Schönbrunn und die Abreise nach Venedig ist bereits am Samstag berichtet worden.

Venedig, 25. März. Das Kaiserpaar ist um 12% Uhr heute mittag hier ein- getroffen und wurden am Vabnhof von dem Herzog der Abruzzen empfangen. Bei dem pri­vaten Eharakter des Besuches fand keinerlei offi­zieller Empfang statt doch fanden sich zur Begrü­ßung außer dem Herzog der Abruzzen der deutsche Militär- und Marineattachee aus Rom ein sowie der deutsche Konsul von Venedig, fer­ner die Mitglieder der deutschen Kolonie mit Damen. Der Herzog der Abruzzen führte die Kaiserin durch den Bahnhof zur Bootanlege­ftelle. Das Kaiserpaar die Prinzessin und das Gefolge fuhren in Booten derHohenzollern" burch den Eanal de Grande zur Kaiserjacht wo fte Wohnung nahmen. Ein zahlreiches Publi­kum begrüßte das Kaiserpaar mit Evviva-Rufen. Das Wetter ist milde und regnerisch. Der

bie Baronin den Mut nahm, um mit ziemlich fester stimme zu sagen:Ich denke nicht daran, die treue Person zu entlassen."

Die alte Dame sah überrascht auf.

Mein Gott, du kannst ihr ja eine Heine Rente aussetzen," sagte sie dann achselzuckend,aber wenn Elfriede hziratet, muß sie aus meinem Hause fort "

Elfriede wird hoffentlich noch nicht so bald heiraten."

Wie meinst du das?" fragte Frau von Hohenzil !charf.

Die Baronin zögerte einen Augenblick, dann ent« gegnete sie mit leicht schwankender Stimme:

Ich lasse mein Kind so jung nicht von mit. Elfriede soll nur den Mann heiraten, den sich ihr Herz einst aus freien Stücken erwählt."

Die Frau Landrat stieß einen Ruf des Zornes aus.

Ich habe für sie einen Gatten gewählt," sagte ie mit vor Aufregung zitternder Stimme,und diese Verbindung wird so bald als möglich statffinden!"

Die Baronin war sehr blaß geworden: sie zitierte am ganzen Körper und mußte sich auf eine Stuhl­lehne stützen, um nicht umzusinken, aber diesmal blieb sie fest.

Verzeihe mir, Mama," sprach sie in ehrer­bietigem Tone,wenn ich dir widerspreche, aber ich kann unmöglich mein Kind hinopfern, wie ich hin- gcopfert worden bin. Ich weiß, was es heißt, mit (iefeleetem Herzen neben einem Manne hinleben müssen, den man nicht achten, geschweige denn lieben kann. Ich wurde einst dem Baron vermählt, ohne daß man Rücksicht auf meine Jugend und meine Un­erfahrenheit nahm. Ich ward in die große Welt ein« geführt, ein Kind in jeder Beziehung. Ich ward bewundert, umschmeichelt und gefeiert unb inmitten |

Kaiser verblieb nachmittags an Bord. Die Kai­serin und Prinzessin Viktoria Luise besuchten di« Academia delle belle arti". Die Abendtafel fand an Bord derHohenzollern" statt. Geladen waren der Herzog der Abruzzen, Herzog von Udine, Graf und Gräfin Faccini und der deutsche Militär- und Marineattachee in Rom.

Venedig, 26. März. Der Kaiser hielt heute vormittag Gottesdienst an Bord der Hohenzollern" ab. Mittags folgte der Kaiser in Begleitung des Fürsten von Fürstenberg und des Oberhofmarschalls Grafen Eulenburg einer Einladung des Grafen und der Gräfin Papa- dopoli zur Tafel. Prinzessin Luise besichtigt« gegen Mittag einige Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Ausland.

** Frankreich. Paris, 25. März. Die frei- gelassenen Eisenbahnarbeiter nahmen bereits gestern abend an zwei vom Allgemeinen Ar­beiterverband einberufenen Versammlungen teil und traten in entschiedener Weise für die Wie­deraufnahme des Kampfes gegen die Bahngesell- schaften ein. Einer der Redner erklärte, di« Eisenbahner müßten alles aufbieten, um di« Wiederanstellung derjenigen Kameraden durch­zusetzen, die sich für sie geopfert hätten. Ein Mitglied des Bauarbeiter-Syndikats erklärte, daß die Maurer sich in Zukunft weigern werden, Gefängnisse zu bauen. Die Gruppe der Ge­einigten Sozialisten beschloß, durch eine Abord­nung beim Eisenbahn-Syndikat anzufragen, ob sie die Angelegenheit der Wiederanstellung der entlassenen Eisenbahner unverzüglich in der Kammer zur Sprache bringen oder erst die Maß­nahmen der Regierung abwarten sollten.

Mexiko. Newyork, 25. März. Einem Telegramm aus Mexiko zufolge trat das Kabi­nett zurück. Nach einem weiteren Telegramm wird als offizieller Grund für den Rücktritt des Kabinetts der Wunsch bezei^'.et, zur Wieder­herstellung des Friedens und zur Erleichterung der Ausführung der beabsichtigten Reformen beizutragen. Cerral ist als Minister des Innern, aber nicht als Vizepräsident zurückgetreten. Mit Ausnahme des Ministers des Aeußern sind alle Mitglieder des Kabinetts lange im Amte ge­wesen. Dies ist gerade eine der Beschwerden der Revolutionäre, die erklären, daß die Minister Vertreter der jüngeren Generation sein sollten. Der Rücktritt des Kabinetts wird in allen Krei­sen mit Befriedigung ausgenommen. Wie nachträglich aus Mexiko gemeldet wird, ver­lautet dort halbamtlich, Präsident Diaz habe die Minister zum Rücktritt aufgefordert, da er ein jüngeres Kabinett zu haben wünsche. In das neue Kabinett solle kein Mitglied der revolutio­nären Partei ausgenommen werden.

dieses bunten Getriebes stand ich allein, ohne Freund, ohne Ratgeber. In tausenderlei lockenden Gestalten trat mir die V-rführung vor die Augen: stnnbetörende Reden schlugen an mein Ohr: ich sah und hörte so vieles, was sich nicht mit den Grund­sätzen vertrug, in denen ich aufgezogen worden war, aber Reichtum, Schönheit und ein klingender Titel warfen ihren goldenen Schleier über jeden Makel. Man verzeiht sehr viel in der großen Welt, wenn nur der äußere Schein gewahrt wird. Wäre es da ein Wunder gewesen, wenn auch ich eine andere ge* worden wäre, unter diesem goldenen Schleier eine Zuflucht gesucht hatte? Ich besaß ja niemand, der zu mir stand und für meinen Gatten war ich nichts weiter als eine hübsche Puppe!"

Sie brach ab und preßte beide Hände gegen ihre heftig wogende Brust.

Die Mutter richtete einen finsteren Blick auf fte. ,Zch will keine Geständnisse hören," sagte sie, müh­sam Atem holend.

Die alte Dame sah noch bleicher aus als ihre Tochter: aber um keinen Preis der Welt Hütte sie dieser ihre Erschütterung gezeigt.

Die Baronin sammelte ihre Kräfte.

Beruhige dich," sprach sie in einem unnatürlich kalten Tone,mein Leben ist rein und makellos ge­blieben: ich habe mit nichts vorzuwerfen: ober daß ich das kann, daß ich frei von jeder Schuld ge­blieben, das danke ich einem Mann, der mir einst mit schonungsloser Offenheit die Wahrheit sagte, mit die Augen öffnete und mich mit starker Hand vou dem Abgrund zurückriß, an dessen Rand« Ich schwindelnd gestanden hatte."

(Fortsetzung folgt)