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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.

M 69

DieOber hessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 JH lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Erpedition (Markt 21) 2.00 M frei ins HauS. (Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:

Dr. Hikeroth), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Mittwoch, 22 Mörz

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46. Jahrg-

1911.

Erstes Blatt.

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisvlatt Nr. 23.

Die Bagdadbahn.

DerTanin" veröffentlicht den Text, der mit der Bagdadbahngesellschaft abgeschlossenen Kon­vention. Außer den bekannten Bestimmungen ist daraus erwähnenswert, daß die Zweiglinie Osmanje-Alexandrette ohne Kilometergarantie gebaut wird, die Gesellschaft ihre Pläne inner­halb neun Monate dem Bautenministerium vor­legen und die Linie innerhalb zweier Jahre nach der Genehmigung der Pläne bauen muh. Der Hafen soll binnen vier Jahren nach Geneh­migung der Pläne gebaut werden. In einer Besprechung der politischen Bedeutung der Kon­ventionen hebt derTanin" hervor, wie dank­bar die Türkei Deutschland für diese Beweise der Freundschaft und der guten Absicht sein muffe, und betont, durch die Verzichtleistung auf die Rechte bezüglich der Strecke Bagdad-Persischer Golf helfe die deutsche Gesellschaft der Türkei über Schwierigkeiten hinweg, welche England ihr bereiten könne, stärke die Position der Türkei bei den begonnenen Verhandlungen mit Eng­land und ermögliche eine Verständigung zwischen der Türkei und England, was für die Erhaltung des Friedens von Bedeutung sei. Das Blatt weist fchliehlich darauf hin, daß der Verzicht auf die Erträgnisse der vierprozentigen Zollerhöhung und die Patentsteuer einen großen der Türkei erwiesenen Dienst darstelle, und bemerkt, die Deutschen opferten somit materielle Interessen zu Gunsten der dauernden Freundschaft mit der Türkei.

Wie bekannt, war der Bahnbau bisher nur bis El Helif gesichert, weil nur bis El Helif die für die Verzinsung des Baukapitals nötigen Kilometergarantien beschafft waren. Für die weiter nötigen Baukosten sollte die Garantie- Unterlage aus der von den Türken geplanten 4- proz. Zollerhöhung gewonnen werden. Die Rolle aber, welche dadurch diese Zotzerhöhung in dem Bahnbau spiele, war für die auswärtigen Geg­ner der Bahn die Handhabe zu allerlei Intrigen gegen die Bagdadbahn. Diese Zollerhöhung kann nämlich die Türket nur mit Zustimmung der Mächte durchführen. Nun hat aber gerade Eng­land, wie Sir Edward Grey in seiner großen Rede über die Bagdadbahn ohne viel Umschweife zugab, seine Zustimmung zu der für die Türkei finanziell überaus wichtigen Zollerhöbung da­von abhängig gemacht, dah England Sicherheit haben müsse, dah die Erträgnisse dieser Zoller­höhung nicht zu Bahnbauten verwendet werden, die den englischen Handelsintereffen abträglich fein können. Nach der neuen Vereinbarung scheidet nun diese 4proz. Zollerhöhung aus. Die Gesellschaft verzichtet auf die betreffende Klausel und gibt sich damit zufrieden, dah die Kilometer­garantien für die Strecke El HelefBagdad aus den lleberschüffen der für die bisherige Strecke verpfändeten Einnahmen gedeckt würden. Nun­mehr ist die Bahn bis Bagdad gesichert und den Engländern die Möglichkeit zur Einmischung ge­nommen. Auherdem kann die Türkei fetzt auch der englischen Zustimmung zu ihrer 4proz. Zoll­erhöhung sicher sein. Denn da Sir Edward Grey gesagt hat, England habe den sehnlichsten Wunsch, seine Zustimmung zu der Zollerhöhung zu geben und die Kräftigung der Türkei nach Möglichkeit zu fördern, und habe lediglich Be­denken wegen des Zusammenhanges dieser Zoll­erhöhung mit der Bagdadbahn und den Inter­essen des englischen Handels, so wird er jetzt zweifellos Wort halten und der Zollerhöhung zustimmen müssen, da ja die Bagdadbahn aus diesem Zusammenhang ganz ausgeschieden ist.

Was nun zwischen deutschen und türkischen Interessen auf der einen, englischen Interessen auf der anderen Seite noch zu regeln ist, ist die Frage der Strecke von Bagdad bis zum Golf. Freilich die schwierigste Frage. Sie wird aller­dings erst in 5 Jahren, d. h. wenn die Bagdad­bahn Bagdad eretcht haben wird, aktuell.

Aber man darf sich nicht verhehlen, daß hier In der Tat die größte» Schwierigkeiten liegen. Man kann also den derzeitigen Verzicht der 1

Bagdadbahngesellschaft auf den Bau des End­stückes bis zum persischen Meerbusen als eine Niederlage Deutschlands in dieser schwierigen Frage ansehen. Aus Berlin schreibt man uns in diesem Sinne: Die Vagdadbahngesellschaft, richtiger die Deutsche Bank in Berlin, hat bis­her bei ihrer nur angeblichdeutschen" Bahn auf unser Nationalgefühl sowieso sehr wenig Rücksicht genommen, Ausländer an die Spitze ge­stellt, Französisch zur Eeschäftssprache gemacht und dergleichen mehr. Immerhin glauben wir nicht, daß sie einen so wichtigen Verzicht ohne Einwilligung des Auswärtigen Amtes ausge­sprochen hat. Und da können wir nur sagen: seine Wege sind dunkel. Es wäre lächerlich, Herrn v. Kiderlen, diesem tüchtigen Mann aus Bis- marckscher Schule, Lässigkeit oder Dummheit vor­werfen zu wollen, wir können also vorerst nut schweigend abwarten, wo hinaus er will. Bis­her sahen wir auf unserer Habenseite nur einen ungemein herzlichen Artikel des "offiziösenTa­nin", in Konstantinopel, der Deikfichland dafür dankt, daß es der Türkei die Verständigung mit Eirgland erleichtert habe, und insbesondere da­für, daß es nicht nach der Manier anderer Leute für den Verzicht irgend eineKompensation" verlangt habe. Im übrigen will die Bagdad­bahngesellschaft das nächste Los bis Bagdad selbst auch ohne neue Kilometergarantie bauen.

Zu den Friedensreden

Sir Edw. Greys wird derFrkf. Ztg." aus Lon­don geschrieben: Abgesehen von den religiösen Kreisen und den Friedensgesellschaften ist von einem besonders aktiven Eintreten für Greys Ideen wenig zu bemerken. Noch hat kein leiten­der Politiker außerhalb des Parlaments feinen Beifall zu erkennen gegeben und es fehlt an Er­örterungen, die das ganze Projekt aus der senti­mentalen Region in das der praktischen Politik übersetzen. Für den Präsidenten Taft ist es zwei­fellos sehr praktisch, denn es ist klar, daß das von ihm heiß ersehnte Reziprozitätsabkommen mit Kanada, das die gewaltige landwirtschaftliche Produktion der Dominion an die Vereinigten Staaten angliedern soll, weit bessere Aussichten gewinnt, wenn die bedeutenden Widerstände von einer Woge englisch-amerikanischer Eefühlspoli- tik fortgeschwemmt werden. In der an äußeren Dingen besonders interessierten englischen Presse bemerkt man jedenfalls keinen Enthusiasmus für Sir Edward Greys Anregungen. DieTimes" veröffentlicht heute an der ersten Stelle ihrer Auslandsseite eine lange Korespondenz aus Paris, die darlegt, warum Frankreich einem Friedensbunde nicht beistimmen könne.Elsaß- Lothringen ist gewaltsam aus Frankreichs Flanke gerissen worden und ie große Wunde ist noch bei weitem nicht geheilt." DieDaily Mail" führt heute nochmals aus, daß England sich ganz unmöglich feine unbedingte Seehoheit ciVrotf^rt lassen und daß ein Arminen mit Amerika daran garnichts ändern könne.

Diese Meldungen des fürFriedens"ideen be­sonders begeisterten Blattes zeigen, was es in Wirklichkeit mit dem ganzen Friedensrummel auf sich hat. Die Bemerkung derTimes" über Elfaß-Lothringen ist uns gegenüber eine Unver­schämtheit. DieDaily Mail" wird sogar so deutlich zu sagen, wozu die ganzenFriedens­verträge" undAbrüstungsvorschläge" über­haupt nur dienen sollen zur Sicherung der maritimen Herrschaft Englands für alle Zeit. Deutschland wird sich hoffentlich nicht in den englischen wohl berechneten Phrasennebel ein­hüllen lassen.

Deutsches Reich-,

Lerlobungsgeruchte. Berlin, 20. März. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Wir wiesen schon einmal darauf hin, daß es einer ernsten Presse nicht würdig sei, unbeglau­bigte Gerüchte über Verlobungen in dem deut­schen Kaiserhause weiterzugeben. Es muß als ein Mangel an Takt empfunden werden, daß ein Blatt unter Berufung auf eineBerliner Kor­respondenz" neuerdings sich über ein wiederholt zurückgewiesenes Gerede verbreitet, nach welchem die Tochter des deutschen Kaiserpaares mit dem Namen eines österreichischen Erzherzogs in Ver­bindung gebracht wird.. Dies Gerücht ist auch

diesmal so grundlos, wie bei seinem früheren Auftauchen.

Die Geschäftsordnungskommission des Ab­geordnetenhauses hat den Antrag des Abg. Borgmann, das gegen den Abg. Dr. Liebknecht schwebende ehrengerichtliche Verfahren, einzu­stellen, abgelehnt. Gegen den Abg. Dr. Lieb­knecht ist das ehrengerichtliche Verfahren wegen feiner Antragstellung und feiner Rede auf dem sozialdemokratischen Parteitag erhoben worden. Die Kommission nahm an, das ehrengerichtliche Verfahren würde sich in Berlin abwickeln und voraussichtlich nur eine Verhandlung zur Folge haben, welche vielleicht in den Parlamentsferien oder nach Schluß der Session stattfinden würde. Schwerwiegende Nachteile für die parlamenta­rische Tätigkeit des Abg. Liebknecht seien also aus dem ehrengerichtlichen Verfahren nicht zu erwarte».

Di« Kolonialetat» in der Budgetkommisfion Die Budgetkommission des Reichstages erledigte am Montag zunächst den Etat für.Ostafrika. Bei den einmaligen Ausgaben find zur Unterstützung von Baumwollkulturversuchen 110 000 M. (gegen 60000,« im vorigen Jahre) eingestellt. Von der Reichspartei wurde die Wichtigkeit dieser Versuche betont. Auf Antrag des Vorsitzenden, Frhrn. v. Gamp, wird die Baumwollfrage und die darüber vorgelegte umfang­reiche Denkschrift zum Gegenstand einer besonderen Beratung gemacht werden. Der Statssekretär regte eine Erhöhung der Unterstützungssumme für die Ver­suche an. Für die Einrichtung einer landwirtschaft­lichen Versuchsstation am Kilimandfaro sind 55 000.« gefordert. Der Staatssekretär erklärte die Zeit b Versuche noch nicht fii: abgeschlossen. Die bisherigen Erfahrungen seien mit ungünstig. Bon der R.ichs- partei wurde der Nutzen landwirtschaftlicher Ver­suchsstationen hervorzehoben Ferner w 'rde der Wunsch aus Förderung der Wollschafzucht un> die so­fortige Einrichtung einer Stammschäferei befürwor­tet. Als Darlehn an die Ostafrikanische E'senbohn- gesellschaft zur Fortführung der Eisenbahn Dares­salamMoroqoro bis Tabora und zu Vorarbeiten für die Fortführung ier Bahn bis an den Tangan­jikasee wurden 14 Millioi en Mark gefordert. Dies gab Anlaß zur entschiedenen Befürwortung der eb- schleunigten Fortführung der Bahn bis an den Tanganjikasee. Bei der ll'ombarabahn hab: sich ge­zeigt, welche Summen duich die Unterbrechung ver­loren gehen. Bei den Einnahmen aus den Hafenan­lagen in Daressalam wurden Klagen der Verfrachter über Landungs- und Entladnygsschwierigkeiten vor­gebracht. Eine Resolution, die von den subventio­nierten Linien einheitliche Tarife verlangt, wurde gegen eine Stimme angenommen. Beim Etat für Kamerun wurde die sparsame Ausstellung anerkannt.

Zur Reichstagsersatzwahl im 4. Berliner Wahlkreise. Berlin, 19. März. Der Berliner deutsch-konservative Wahlverein hat beschlossen, bei der bevorstehenden Ersatzwahl zum Reichs­tage im 4. Berliner Reichstagswahlkreise für den verstorbenen Abgeordneten Singer einen eigenen Kandidaten nicht aufzustellen. Er bittet seine Gesinnungsfreunde im Osten Berlins, die­ses Mal sich der Stimmabgabe strikte enthalten zu wollen.

Weiteres über die Hamburger Spione. Wie der KorrespondenzHeer und Politik" von maßgebender Marineseite mitgeteilt wird, be­stätigt sich die Mitteilung, daß in Hamburg urn- Kvionaoeversuche, unsere Marine be­treffend, festgestellt wurden, in vollem Umfange. Es hat den Anschein, als ob es sich dabei um ernste Vorgänge handelt. Von der Persönlich­keit des verhafteten englischen Spions wird an­genommen, daß es sich um einen Offizier han­delt. In MaHnekreise» hegt man den Verdacht, daß es nicht ein einzelner, völlig für sich unab­hängiger Fall, fei, sondern nut ein Glied eines umfangreichen Spionagesystems, zu dem auch die jüngst abgeurteilten Spionageversuche der bei­den englischen Offiziere Frensch und Brandon ge­hören. Es dürfte sich also nach der in Marine- treifen weit verbreiteten Anschauung um einen intimen Zusammenhang zwischen diesen beiden Epionageversuchen handeln. Die intensivere Spionage scheint in Hamburg getrieben worden zu sein, wo auf 2 Werften mehrere große Kriegs­schiffe sich im Bau befinden, nämlich auf der Werft von Blohm u. Voß der Panzerkreuzer Moltke" undH", der fast fertig ist, sodaß sein Stapellauf voraussichtlich noch in diesem Jahre erfolgen wird. Auf der Vulkan-Werft befindet sich der Ersatzbau für das LinienschiffHeim­dall". In Bremen dürfte es sich bei den Spio­nageversuchen um die beiden Ersatzbauten für Bussard" undCormoran" handeln. Diese bei­de» kleine» Kreuzer liegen bekantlich auf der

Weserwerft und stehen kurz vor ihrer Fertig­stellung. In welchem Umfange die Spionage, unter denen sich vier deutsche Verräter befinden, von den Plänen der betreffenden Kriegsschiffe Kenntnis genommen haben, ist augenblicklich noch nicht bekannt, da sich der Fall noch im Sta­dium der Untersuchung befindet und Einzel­heiten darüber nicht verlautbar werden. Es ist fraglich, ob eine Zeitungsmeldung zutrifft, der zufolge ein anderer englischer Spion bereits vor einigen Tagen nach England abgereift fein fall. Bisher ist von dieser neuen Persönlichkeit, dte angeblich die Führung in der Spionageassäre ge­habt haben soll, noch nichts bekannt geworden. Man ist im Gegenteil davon überzeugt, daß der verhaftete Engländer allein seine Pläne durch­geführt hat, da er unauffällig arbeiten wollte und wegen seiner Verbindungen mit deutschen Werftarbeitern irgend einen auffälligen Ver­kehr mit einem englischen Landsmann richt un­terhalten durfte. Dagegen ist zu bemerken, daß die Spionageversuche anscheinend auch auf di« Wilhelmshavener Werft übergegriffen haben, wo der Ersatz für den kleinen KreuzerCondor" sich in Bau befindet. Alle weiteren positiven Mitteilungen, die über die Spionageaffäre ge­macht werden und gemacht wurden, sind aber, wie uns mitgeteilt wird, lediglich Kombina­tionen, da weder von der U»terfuchunasö"börde »och von den Direktionen der in Frage kommen­den Schiffswerften irgend eine Mitteilung ge­macht worden ist.

Bo» Herrn Gädke lesen wir in der Ber­linerPost": Wie uns ein Freund unseres Blat­tes mitteilt, fand am Mittwoch abend in den Mila-Sälen in der Schönhauser Allee eine Ver­sammlung der demokratischen Vereinigung statt. Derfrühere Regimentskommandeur" Gädke hielt in bekannter Weise das einleitende Refe­rat. Das Thema lautete: Mündiges Volk, un­mündige Regierung. Der erste Teil des Themas wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, der zweite Teil artete in eine wüste Schimpferei aus, wie sie in diesen Kreisen an der Tagesordnung ist. Man beschimpfte den Beamtenstand, man unterhielt sich über die Reichsfinanzreform, über die Abhängigkeit der Regierung vonJunkern und Pfaffen" usw. das Interessanteste aber war die Aeußerung:Wer in der Polittk kein Er­presser fein will, ist ein Esel." Der erste Dis­kussionsredner Stud. Kube hatte die leichte Auf­gabe, Herrn Gädke mit seinen eigenen Ausfüh­rungen zu widerlegen. I» bekannter demokra­tischer Unparteilichkeit entzog man dem Redner infolge dieser Aeußerung das Wort. Dr. Son­nenberg wies auf die Lücke des Vortrages hi», erwähnte die mangelhafte politische Bildung der Massen in Deutschland und führte für die Lei­stungen der preußischen Regierung Beispiele aus der Geschichte an, die jedoch nicht geglaubt wur­den, da sie wahrscheinlich der Versammlung neu waren. Auch die Tatsache, daß die Schutzzölle überwiegend den Bauer» und nicht den geschol­tenen Großgrundbesitzern zugute gekommen seien, wurde von derpolitisch geschulten" Versamm­lung abgeleugnet.

Der Kammori tenprozeß in Viterbo.

lVon unserem Korrespondenten.)

Rom, 14 März.

Endlich wären mir soweit! Am letzten Sonnabend fand die erste Sitzung statt pardon! sollte statt­finden, denn von den 50 dazu geladenen Geschworenen waren rund 2 erschienen. Die anderen waren zum Teil verreist einige sogar bis ins Ausland: andere hatten ihre Häuser mit Stangen und Riegeln ver­barrikadiert, und deren Mägde erklärten, sie bürften selbst den Gerichtsdienern nicht öffnen; andere hatten als Entschuldigung angegeben, daß der monatelang« Prozeß sie in ihrem Geschäft völlig ruinieren würde, einer schrieb sogar, daß es ungehörig für ihn sei, zu kommen, da er bei jedem Gespräch sofort einschliefe usw. Run ist es ja wahr, daß dieser unendlich« Prozeß, der gerade in di« Sommermonate fällt, nichts Verlockendes haben kann für Leute, die an kühlere Beschäftigungen gewohnt find, auch wäre es begreif daß besonders der kleine Geschäftsmann berechtigten Widerwillen empfinden muß, fein Ee- 'chäft monatelang im Stiche zu lassen aber ein großer Teil der Geschworenen, besonders die Ge- flchenen, werden wohl noch andere Antriebe gehabt haben. Wenn ein solcher Geschworener nämlich de» Sitzungssaal betritt, so sieht er sich gleich vor einem ungeheuren wohlvergitterten Käfig, in dem sich un­gefähr 4050 Verbrecher aneinanberbrängen: eine ganze Anzahl mm ihnen mit wenig vertraue»-