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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtlchastliche Beilage.
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Tie ^berhessijche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vrertettährlich durch jtc bezogen 2.25 <M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zei'^ngssteüen und de: Expedition (Markt 21), 2.00 M frei ins Haus (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei 3- A. Koch, (Inh.: ®r. Hitzeroth.) Markt 21, — Telephon 55.
Marburg
Fieitag, 10. Februar
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46. Jahrg.
1911.
Erstes Blatt.
Die Flotte Oesterreich-Ungarns.
Die österrcichisch-ungarische Marineverwalaung hat ein Blaubuch herausgegeben, welches umso mehr von Interesse ist, als fa bekanntlich die Flotte fich jetzt an der Schwelle einer höchst bemerkenswerten Entwicklung befindet. Die Delegationen werden in nächster Zett darüber zu befinden haben, wie sie sich zu den Forderungen der Marine zu stellen beab- fichtigen. Der Schritt, den Oesterreich-Ungarn tun will, ist nicht nur in der Geschichte seiner Marine epochemachend, sondern epochemachend auch für die weitere Entwicklung der Machtverhältnisse im Mittelländischen und besonders im Adriatischen Meere. Als letzte aller Großmächte hat man sich entschlossen, von Schiffen mittleren Deplacements zu sogenannten Dreadnoughts überzugehen, ein Zeichen übrigens dafür, daß keine Marine der Welt, die überhaupt auf Geltung Anspruch machen will, fich dieser Strömung entziehen kann. Daß die Kosten gewaltige sind, wird überall schmerzlich empfunden, aber das kam nichts ändern an dem Grade der Notwendigkeit.
England war es im Jahre 1905, welches mit der Dreadnought jene Entwicklung begann, und zwar ohne Zwang. Alle anderen Mächte aber, welche nachfolgten, standen unter dem Zwange. Seitdem ist nun ic Entwicklung nicht stehen geblieben, sondern geradezu mit Riesenschritten vorwärts gegangen. Betrugen in den Jahren 1905 und 1906 die höchsten Erößenmasse 18 000 Tonnen, so gibt es heute schon Neubauten von 30 000 Tonnen Deplazement. Das Blaubuch führt hierzu als Erklärung richtig an, in erster Linie die artilleristischen Anlagen, und darunter wieder in erster Stelle die Erhöhung der Eeschützkaliber, welche neuerdings auf 34,3 cm und 35,6 cm gestiegen seien. Das Blaubuch deutet an, daß es nicht möglich sei, fich auf die Dauer der Kalibersteigerung zu entziehen. Auf denselben Standpunkt stellt sich das Blaubuch hinsichtlich der Panzerkreuzer, und wir meinen, es ist ein überaus unparteiisches Zeugnis, wenn gerade eine Macht wie Oestereich-Unqarn. mit kleiner Meine und geringe«, Seehandel, ohne weiteres erklärt, wer überhaupt noch etwas gelten wolle, der müsse eben die Shigerungc.r mitmachen.
Heber den llnterseebootsbau sagt das Klaubuch, es fei bisher noch nicht gelungen, einen Typ zu schaffen, welcher den vielseitigen Anforderungen an Geschwindigkeit, Seesäbigkeit, Aktionsradius in be- friedtaender Weise Rechnung trüge. Zwar seien Ergebnisse vorhanden, die diesen Fahrzeugen im Kriegsfälle Bedeutung verlieben, „im großen Ganzen tragen jedoch die Konstruktionen noch die Merkmale einer noch nicht zum Abschluß gelangten Entwicklung" Man kann diesem Urteil im wesentlichen vollkommen beipflichten und überhaupt bei dieser Gelegenheit anerkennen, daß der Ehef der österreichisch unoarischen Marineverwaltung, Graf Montecuccoli, sich stets durch außerordentlich gesunde Ansichten und Urteile ausgezeichnet hat. Voraussichtlich wird er demnächst in eine höhere Rangstufe aufrücken und darin liegt
31 sRochdruck v--5i>ten.)
Der Üille See.
Roman von $. Courths-Mahler.
tsVorttehung.t
Ruth war viel im Freien. Sie empfand diesen Frühling auf dem Lande als etwas Köstliches. Schon am frühen Morgen machte fie weite Spaziergänge. Meistens allein, denn Hans Rochus nahm es ernst mit der Arbeit und war stark beschäftigt. So begleitete er fie selten, zumal sie wünschte, daß er sich in keiner Weise durch sie stören ließ. Eines Morgens, als er früher als sonst vom Felde heimkehrte, und auf dem weichen Waldboden im Schritt geritten kam, sah er Ruth an einen Baum gelehnt stehen. Sie hatte sein Herankommen nicht bemerkt.
Unwillkürlich hielt er sein Pferd an und betrachtete sie erstaunt. Sie sah so anders aus als sonst. Ein träumendes Lächeln umspielte ihren Mund, und die Augen waren groß und klar aufgeschlagen.
Es fiel ihm auf, daß sie blühender und frischer aussah als früher. Mit heimlichem Wohlgefallen glitt sein Blick über die anmutige Gestalt. Zum ersten Male bemerkte er, saf; Ruth sehr schön und lieblich aussehen konnte. Diese lächelnden, halbgeöffneten Lippen, der Ausdruck der voll aufgeschlagenen Augen, das lauschende Entzücken, das sich in diesen Augen widerspiegelte — es war ihm alles so neu und fremd an ihr. Sie schien dem Gesang der Vögel zu- zuhören. Er konnte, den Blick nicht von ihr wenden Eine heimliche Unruhe bemächtigte sich seiner. Warum sah sie nie so aus, wenn er bei ihr war? Weshalb zeigte sie ihm immer das gleichgültige, ver- ichleierte Gesicht, selbst dann, wenn er versuchte, reundlich oder gar zärtlich zu ihr zu sein. Jin Gegenteil, je zänlicher er wurde, um so (älter und starrer wurde der Ausdruck ihres Gesichts.
eine überaus wichtige organisatorische Aenderung eingeschlossen, nämlich die Schaffung eines besonderen Marineministeriums. Bis jetzt bildete die Marineverwaitung nur eine Sektion des Kriegsministeriums. 8'lles in allem scheint die österreichischungarische Regierung also der Bewilligung ihrer Forderungen ziemlich sicher zu sein.
Zu b?n Unruhen auf Ponape
bringt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" noch folgende Einzelheiten aus einem Bericht des stellvertretenden Gouverneurs Dr. Oßwald:
„Es handelt sich in letzter Linie um eine Auflehnung gegen unsere Herrschaft, die den Jokojleuten anfing, unbequem zu werden. Bis 1907 etwa hatte man die Dinge in Ponape gehen lasten, wie sie wollten. Dann setzte langsam ein Prozeß ein, der eine Umformung einer Reihe alter Rechtsgewohnheiten und Sitten der Ponapel->ute zum Ziele hatte und sie in ihren alten Bequemlichkeiten und Selbstherrlichkeiten zu stören anfing. Die Lehnsverfastung sollte beseitigt werden. Damit kamen die Steuern, welche durch Wegearbeiten auszubringen waren. Schließlich ging auch Jokoj auf die Vors'/äge Boeders ein. Zweifellos nur mit großem inneren Widerstreben' Nun nahm die innere Entwicklung unter dem neuen Bezirksamtmann ein sehr schnelleres Tempo an. Man ho te die Eingeborenen bisher außerordentlich schonend und sanft angefaßt, jetzt wurde energisch zuge- griffen. Es wurde von ihnen verlangt, daß sie nicht nur für das Jahr 1910, sondern auch für das vorhergehende Jahr die Steuerarbeit leisteten. Im letzten Jahre war die Arbeit von allen anderen Eingeborenen auf Ponape geleistet worden, während die Jokoj- leute sich ihr noch entzogen. Sie hatten daher die im vorigen Jahre nicht geleistete Arbeit nachzuholen, womit sie sich auch einverstanden erklärt hatten. Der Wegebau wurde rasch vorwärts - - iahen. Er öffnete ihre wenig zugänaliche Insel. veirr^^tschrftt war ein Symbol des Wegfalls der clten^scdkheit. Alles dies schuf eine tiefgehe,-ide Gärung.
Hinzu fomm! nun noch ein anderes besonderes bedeutsames Moment, das immer wieder betont werden muß Die Jokojleute, wie vielfach auch die übrigen Psnapeleute, bildeten sich auf Grund von Ereignisten in spanischer Zeit ein, daß sie uns vielleicht doch überlegen seien. Damals hatten sie einen Gouverneur ge- töt t und 30 Soldaten niedergemacht. Sie waren dafür nicht genügend bestraft worden. Auch unter deutscher Herrschaft hatten sie eine starke Hand noch nicht kennen gelernt. Sie fürchteten uns also in letzter Linie nicht und glaubten nicht an unsere Ueber- legenheit.
Die bestehende Unzufriedenheit und Erregung äußerte sich in einer ganzen Reiye von Anzeichen, die Regierungsrat Boeder leider in ihrer Bedeutung nicht richtig erkannte. Charakteristisch für die ganze Situation ist besonders die Verschwörung der Jokoj- leuie vom 30. Mai 1910, die auf einen lleberfall der weißen Kolonie gerichtet war und gleichzeitig einen Beweis dafür darstellt, daß der Aufstand sich gegen die Verwaltung selbst und hre Maßnahmen, wenig-r gegen Boeders Person richtete. Die Aufständischen bestehen aus den Bewohnern des Staates Jokos
Wieder versuchte er das Rätsel ihres Wesens zu ergründen. Barg sich doch etwas hinter diesem äußerlichen Gleichmut, das sie vor ihm verstecken wollte? Warum tat sie es denn? Ramiro machte eine hastige Bewegung. Da wurde Ruth auf ihn aufmerksam. Er sah, daß sie leise zusammenschrak. Das Lächeln verschwand, die Augen verschleierten sich, und das spontane Erröten, welches er schon so gut an ihr kannte und für einen rein körperlichen Vorgang hielt, erschien in ihrem Gesicht.
Sie ging auf ihn zu, mit einer graziösen Bewegung das schleppende weiße Gewand emporraffend.
„Du kommst heute zeitig zurück," sagte sie ruhig.
„Ja, ich wurde heute früher fertig."
Sie trat dicht an das Pferd heran und klopfte es sanft auf den Hals, während er abstieg.
„Ein schönes Tier, dein Ramiro."
„Ja. Er ist sich besten auch bewußt. Sieh nur, wie stolz er den Kopf hebt."
Sie lächelte ein wenig.
„Schöne Pferde find ein herrlicher Anblick. Ich liebe fie sehr."
„Möchtest du nicht reiten lernen, Ruth? Dein Vater hat unseren Stall so vorzüglich komplettiert, es findet sich gewiß ein gutes Damenpferd darunter."
Sie sah scheu zu ihm auf.
„Nein — ich bin zu ängstlich. Dazu fehlt es mir an Courage."
„Das überwindest du."
„Nein, sicher nicht.
„Schade, du würdest -ehr gut zu Pferde aussehen. Meine Mutter war auch eine vorzügliche Reiterin."
„Wie du mir da erzähltest, ist sie auf dem Lande aufgewachsen. Da lernt man frühzeitig mit Tieren umzugehen."
„Vielleicht lernst du es auch noch. Wie gefällt es dir eigentlich jetzt in Rochsberg?"
„Wunderschön. Der Frühling ist mit nie so herrlich erschienen."
(Dschokadsch) und einigen unzufriedenen Elementen aus anderen Landschaften. Die Zahl der Austtändi- schen hat sich bisher nicht genau ermitteln lasten. Es ist nicht anzunehmen, daß mehr als 250 waffenfähige Männer da find, vermutlich sind es weniger. Es scheint nicht, als ob die Aufrührer viel Munition haben. Jedenfalls sind fie im Verbrauch sehr sparsam. Auch find einmal Patronen gefunbtn worden, die mit Hilfe von Bananenblättern fertig gemacht waren. Auf der anderen Seite will allerdings der Halbspanier Villacon, der mehrere Tage gefangen gehalten wurde, gesehen haben, daß der Eingeborene Jomatau, der Führer der ganzen Bewegung, ganze Packen neuer Patronen verteilt hat. Die beste Unterstützung finden sie aber jedenfalls in dem zu einer Verteidigung außerordentlich gut geeigneten Gelände. Die ganze Jokoj ist ein großes Felsenmassiv mit steil abfallenden Wänden. Die Pfade sollen leicht zu beherrschen sein und durch herabrollrnde Steine ungangbar gemacht werden können. Sie sind jetzt unten durch künstliche Befestigungen, Steinwälle und Verhaue gesperrt. Um die ganze Insel herum zieht sich ein Rifs, das nur bei Hochwasser und auch dann an den meisten Stellen nur für Kanoes passierbar ist. Nur wenige Einfahrten erlauben eine Annäherung im Boot bis an die Insel. Diese Zufahrtsstrußen sind von der Insel aus leicht durch Eewehrfeuer zu bestreichen. Die Jokojleute sind wie alle Ponapeleute als recht kriegstüchtig anzusehen. Es fehlt ihnen nicht an Mut. Wenn sie auch einen Angriff nicht gewagt haben, so mutz man doch wohl, wenn es zum Entscheidungskampfe kommt, mit einem erbitterten Widerstand rechnen.
Nach den inzwischen eingegangenen, bereits veröffentlichten telegraphischen Nachrichten ist es dem Landungskorps des Kreuzergeschwaders zusammen mit der Polizeitruppe erfreulicherweise gelungen, die in dem Bericht beschriebene schwer zugängliche Verteidigungsstelle der Aufständischen ohne größere Verluste ga erstürmen und eine erhebliche Zahl von Jokojleuten gefangen zu nehmen.
Deutsches Reich-
— Bitte leichte Erkrankung des Kaisers. Berlin, 3. Febr. Der Kaiser nimmt an dem heuttgen Hofball einer Erkältung wegen nicht teil. Die militärische Feier, die morgen in Potsdam anläßlich des Diensteintritts des Prinzen Joachim in das erste Earderegiment zu Fuß stattfinden sollte, ist aus dem gleichen Grunde abgesagt.
— Des Kaisers Dank. Berlin, 8. Febr. Der „Reichsanzeiger" meldet: Auf den Bericht des Ministers der Oeffentlichen Arbeiten über die Verwaltung der öffentlichen Arbeiten in Preußen in den Jahren 1900 bis 1910 ist nachfolgender Erlaß an den Minister ergangen: „Von Ihrem mir zum Beginne eines neuen Lebensjahres vorgelegten Berichte über die Tätigkeit der in Ihrem Ministerium vereinigten Verwaltung während des Dezenniums vom 1. April 1900 bis 31. März 1910 habe ich mit lebhaftem
Hans Rochus sah mit leuchtenden Augen nm fich und atmete tief auf.
„Nicht wahr, meine Heimat ist schön. Wenn ich manchmal daran denke, daß ich fie hätte aufgeben müssen — Ruth — wenn ich dir doch meine Dankbarkeit beweisen könnte."
Er faßte bewegt ihre Hand und zog fie an seine Lippen. Sie entzog fie ihm hastig.
„Nicht — sprich nicht davon — du bist mit keinen Dank schuldig," stieß fie hervor, und auf ihrer Stirn erpienen schmerzliche Falten.
Das war es ja. was sie am meisten auätte. Er gla 6h, ihr Dank schuldig zu sein, und all seine Bemühungen um fie waren nichts als das Bestreben, ihr diesen Dank zu bezeugen.
Scheu wehrte fie sich deshalb gegen jeden warmen, herzlichen Ton, den er ihr gegenüber anichlug. Ihr war dann immer zumute, als habe fie sich bas alles erf pichen. Seine Güte ihr gegenüber würde sich io- fort in das Gegenteil verwandeln, wenn et wüßte, weshalb fie feine Frau geworden war.
Stumm schritten sie nebeneinander hin. Ramiro folgte, von Hans am Zügel geführt, hier und da an einem Blättchen oder einer Baumrinde nagend. So kamen fie bis zu der breiten Kastanienallee. Durch die Bäume hatte man auf der einen Seite einen herrlichen Ausblick über das Tal. Der schmale, langgestreckte See bildete b.e Mitte des Talkessels. An seinen Ufern lag das Dorf Rochsberg mit seiner hübschen Kirche und den schmucke' Häusern. Viele Residenter benutzten das Dorf ols Sommerfrische Das brachte Wohlstand unter die Bauern. Einige spekulative Köpfe hatten fich hübsche, villenähnltche Häuser bauen lasten, nach dem Wald zu. Das gab eine malerische Wirkung. Ein großer, sauberer East- ho° war auch vorhanden mit schattigem ©arten, einet Kegelbahn und sogar einem Tennisplatz. Dieser Gasthof wurde auch an schönen Wintertagen stark freguen-
Jntereste Kenntnis genommen. Es erfüllt mich mit besonderer Befriedigung, daß es gelungen ist, den Anforderungen des in außerordentlichem Maße gewachsenen Verkehrs auf den Eisenbahnen durch planmäßige Erweiterung des Schienennetzes, sowie durch Vervollkommnung und bessere Verwertung der Verkehrsmittel unter Wahrung der finanziellen Bedürfnisse des Staates gerecht zu werden und gleichzeitig die Fürsorge für das Wohl der Angestellten und der Arbeiter weiter auszugestalten. Mit Genug tuung habe ich ferner von der energischen Inan, griffnahme der Durchführung der wasterrvirt- schaftlichen Gesetze, von der weiteren Ausgestal. tung der Seehäfen und den Seeschiffahrtsstraßen sowie von der Vervollkommnung der Seezeichen, anlagen und nicht minder von den Leistungen der Hochbauverwaltung während des abgetan fenen Jahrzehnts Kenntnis genommen. Inden ich Ihnen und den Beamten Ihres Rostort! meine Anerkennung und meinen Dank für Ihre treue Pflichterfüllung erneut ausspreche, will ick die Veröffentlichung des Berichts gern genehmigen. Berlin, 6. Febr. Wilhelm R."
— Zum Zweckverbande Groß-Berlin. Die „berlinische" Preffe regt sich darüber auf, daß bei Beginn der Debatte im preußischen Abgeordnetenhause, wo der Zweckverband für Groß-Berlin auf der Tagesordnung stand, nur 52 Abgeordnete anwesend gewesen seien. Sie kann sich trösten: den für die Allgemeinheit des deutschen Volkes sicher ebenso wichtigen Debatten über die Zwangsimpfung hörten im Reichstage neulich nur 31 Abgeordnete zu. Es ist nicht Mangel an Jntereffe für das großmächtige Berlin, was die meisten Herren aus dem Reiche von der heutigen Sitzung fernhielt, sondern die Ueberzeugung, daß doch nur- ,sängst <sie.by.rtes wider die Vorlage vorgebracht werden würde. Dt«'„4Ltclllischs",Le! tung „von Staats- und gelehrten Sachen" und andere hauptstädtische Organe stellen es fortgesetzt so dar. als repräsentiere Berlin den Sitz der gesamten deutschen Intelligenz, die von brutalen Provinziellen vergewaltigt werden solle. In Wirklichkeit steht die Sache so, daß die freisinnig- sozialdemokratische Clique, die die kommunale Herrschaft in der Reichsbauptftadt inne hat, in allen sozialen und verkebvstecbnischen Fr—mir außerordentlich rückständig ist und ohne das Eingreifen des Staates, obne das Drängen der Vororte überhaupt in den Sumpf käme. Erst im Zweckverbande Groß-Berlin, zu besten Verbandsdirektor beileibe nicht der Berliner Oberbürgermeister ernannt werben bürfte, wirb Berlin, in dem jeder 8. Preuße seine Gesundheit zu Markte trägt, zu einer vernünftigen Kommunalpolitik erzogen werben können.
— Eine Schimpforgie im Reichstag. Als neulich die „Kreuzzeitunq" den Gedanken in die Ta- ____________ ..... - ___ ~J tiert. Et lag dicht an der Bahnstation. Ruth sah voll stiller Freude auf das reizende Tal.
„W-lch ein schönes Landfchaftsbild," sagte sie halb aut.
Er sah fie an und suchte nach dem Ausdruck von vorhin in ihrem Gesicht, ohne ihn zu Huben. Eine leise Ungeduld stieg tn ihm auf und machte ihn un- ruhig. War diese Frau ein Rätsel, das er zu lösen nicht imstande war, oder bildete er fich das tret immer wieder ein?
„Ist es dir nicyt zu einsam jetzt in Rochsberg?“ fragte er plötzlich.
„O nein.“
„Hast du nie Langeweile?"
„Nein — niemals. Das kenne ich gar nicht. Im Hause meines Vaters war es noch viel stiller und einsamer als hier.“
„Für einige Abwechselung sorgen hier schon meine ehemaligen Kameraden. Sie haben Rochsberg immer gern besucht. Und die Damen vom Regiment mögen dich scheinbar alle gut leiden.“
„Sie sind alle sehr freundlich zu mit.“
„Wenn du willst, kannst du dir auch Hilde auf einige Wochen einlaben.“
Ste war nicht seit erfreut von dieser Aussicht. Hilde mißfiel ihr immer mehr, je näher fie fie leimen lernte. Sie ließ sich das jedoch nicht merken, um Ha r Rochus nicht in seinen Verwandten zu kränken. So erwiderte fie auch jetzt freundlich:
„Damit wollen wir warten bis zum Hochsommer, bann hat Hilde mehr von einem Aufenthalt hier."
„Ich schlug es nur in deinem Interesse vor.“
„Du brauchst dich wirklich nicht um mich zu sorgen. Ich bin ein Mensch, der in sich selbst Genüge findet. Viel Gesellschaft brauche ich nicht."
(Fortsetzung folgt.)