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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.

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TicOber hessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezu«'spreis beträgt vierteljährlich durch jte Pop bezogen 2.25 JL (ohne Bestellgeld), bei unseren Zei^ngsftellen und de: Expedition (Markt 21), 2.00 M frei ins Haus. (Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Bncl'dr ackeret 3- A. Koch, (Inh.: Dr. Hitzeroth.) Markt -1, Telephon 55.

Marburg

Donnerstag, 9. Februar

Der Anzeigenpreis beträgt für die 7g.spaltene Zeile oder deren Raum 15 4, bei auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 40 4. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Zeder Rabatt gilt al» Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt Verbindlich­keit für Platz-, Datenvorschrist und Beleglieferung ausgeschlossen. Mr Anzeigen, bei denen der Auftraggeber in der Expedition mitgeteilt werden soll, wird eine Gebühr von 10 4 erhoben

46. Jahrg.

1911.

Erstes Blatt.

Abrüstuugsphantasten.

Ein Glied, das man nicht nützt, verkümmert. Seitdem derLreisinn nicht mehr gezwungen ist, wre früher Im Block, anstandshalber nationale Politik mitzumachen, schwinden zusehends die Merkmale seiner Sinnesänderung. Die Rückbil­dung geht schneller vor stch, als man erwartet hatte. Der Abg. Wiemer ist heute in der Budget- kommisston bereits mit allem Eifer dafür ein­getreten, daß wir Unterhandlungen über Ein­schränkung der Rüstungen mit den übrigen Groß­mächten aufnähmen. Mit einiger Genugtuung wird das von den Nationalliberalen z. B. kon­statiert; da sehe man, was die Sprengung des Blocks für Schaden angerichtet habe. Mit der Hinaufzüchtung der bürgerlichen Demokratie zur nationalen Bewilligungsfreudigkeit sei es ein Ende.

Wenn das Zentrum Friedensschalmeien blase, so sei das kein Wunder. Dieser Partei werde es natürlich am besten passen, wenn keine Heere mehr vorhanden seien und der Papst zum Schiedsrichter der Welt ernannt werde. An der Entwicklung der Freisinnigen zur Abrüstungs­verbohrtheit aber sei nur die Politik der Finanz­reform schuld, wie sie von der Rechten getrieben worden sei.

Das stimmt nicht ganz. Eine allgemeine Ab- rüstung schlug schon im Jahre 1869 der Abg. Virchow vor. Dagegen ist erst nach der Spreng- eng des Blocks, als die drei freisinnigen Erup- ven stch zur neuen fortfchrittliäM Volkspartei einten, aus dem Programm der einen Gruppe der süddeutschen Demokraten alles das weggefallen, was an die alte Abneigung gegen dieSoldateska" erinnert, die Empfehlung der Volksmiliz, der Offizierwahl durch die Truppe, der allgemeinen Schiedsgerichte zwecks Abrüstung. Man kann also im Allgemeinen sagen, daß der demnkratische Freisinn hier wie so oft der Entwickelung nachgehinkt ist. Die Arbeiterschutzgesetze sind bekanntlich mit konser­vativer Hilfe gegen den Widerstand der Linken gemacht und allmählich hat die Stimmung und Erkenntnis, daß unser Land eine starke Rüstung braucht, auch die Kreise ergriffen, die politisch zum Freisinn schwören. Um die nicht zu ver­tieren, hat die Partei desFortschritts" ihre alten Ladenhüter aufgegeben und war in der Blockzeitnational", solangeesfürsie etwa« zu profitieren gab. Jetzt ist die einzige Zett, wo die andern dem Freisinn zu einiger Bedeu­tung verholfen hatten, vorbei und das ärgert, da wird das Nationalgefühl wieder ad akta ge­legt und man holt alle die alten Ladenhüter der Demokratie wieder hervor.

Man findet sich mit denen wieder zusammen, die die ^nationale" Entwickelung überhaupt

nicht mitgemacht und Kolonien undMilitaris­mus" ständig sehr fragend gegenüberstanden. Den echten Demokraten, deren Gesinnungsge­nossen einst Bismarck das Leben sauer machten, als er mit einem tüchtigen Heere das Reich schmieden wollte.

Der wackere Goltz hat dieser Tage wieder an das Moltkesche Wort erinnert, daß der ewige Friede ein Traum sei, und nicht einmal ein schö­ner. Der Abg. Wiemer träumt, wenn er die Abrüstung empfiehlt; in der Welt der Wirklich­keit wäre es Wahnsinn, die Waffen nur deshalb niederzulegen, weil augenblicklich die Lage fried­lich ist. Nur um der Stärke unserer Waffen willen ist sie friedlich.

Man lese nur einmal Zeitungsblätter von 1805, in ihnen wird auch wenige Monate vor Jena der Himmel als wolkenlos gepriesen und die Entwickelung der Menschheit zu dauernd friedlichen Beziehungen angekündigt. Man braucht in diesen Artikeln nur die Orthographie zu modernisieren und wir haben Reden vor uns, wie sie als Vorlage für die Redner heutiger Friedensphantasten gedient haben könnten. Unsere Demokratie hat sich immer wieder geirrt; allmählich könnte sie das, mit oder ohne Block, auch einsehen. Das Hetzen allein tut es doch nicht, wenn einem ständig nachgewiesen werden kann, wie man jedesmal die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat?

Deutsches Reich-

Ein Besuch des Kaisers beim Papst. Der Frkf. Ztg." wird aus Berlin gemeldet: Wie von gutunterrichteter Seite versichert wird, ist bei der in der ersten Hälfte des März stattfindenden Reise des Kaisers nach Italien auch ein Besuch beim Papst in bestimmte Aussicht genommen. Nachher begibt sich der Kaiser nach Sizilien und Korfu. Anfang April fährt der Kaiser über Basel nach Frankfurt zurück. In Karlsruhe nimmt der Monarch einen kurzen Aufenthalt. Dann begibt sich das Kaiserpaar zu längerem Kuraufenthalt nach Wiesbaden.

Wechsel in der Diplomatie. Berlin, 7. Febr. DieNordd. Allgem. Ztg." meldet: An Stelle des als Botschafter nach Tokio gesandten Grafen v. Rex wurde der zur Zeit in der politi-' scheu Abteilung des auswärtigen Amtes beschäf­tigte bisherige Gesandte in Lapaz (Bolivien) v. Haxthausen zum Gesandten in Peking be­stimmt.

Es gibt noch Richter . . .* Mit vollem Recht ist man erfreut, wenn unschuldig Verur­teilte im Wiederaufnahmeverfahren freigefpro- chen werden. Auch in dem Essener Prozeß wirft die Gründlichkeit der Korrektur versöhnend. Es geht aber doch nicht an, nundie Richter von 1895* als feile Geschöpfe hinzustellen, die ein Urteil ungerechtester Klaffenjustiz gefällt hätten. Irren ist menschlich, zumal bei Richtrichtern.

Die Kritiker scheinen nämlich zu vergeffen, daß der Meineid von Geschworenen abgeurteilt wird, also von Männern aus dem Volke, mit denen man jetzt am liebsten sämtliche Instanzen sämt­licher Gerichte besetzen möchte, weil sie unab­hängiger von einem bestimmten politischen Milieu" seien, als die Richter. In Wirftichkeit erscheint uns ein Juristenurteil oft befremdend, während ein Urteil solcher Männer aus dem Volke meist mit der öffentlichen Meinung Lber- einstimmt. Aber diese ist es ja eben, die so wan­delbar ist: die von 1895 war ganz anders, als die von 1911. Wenn erst die öffentliche Mei­nung alles entscheidet, dann werden die Fehl­urteile überhand nehmen; da sind uns denn un­sere heutigen Richter in ihrer Ehrenfestigkeit und Paragraphentreue noch lieber.

Singers Begräbnis. Die fteisinnigen Berliner Blätter bringen die Geschmacklosigkeit fettig, nicht weniger wie fünf Zeitungsspalten der Schilderung des Singer-Begräbniffes zu widmen, als fei einer der Größten im deutschen Volke dahingegangen. Die radikale Preffe berauscht sich förmlich daran, daß fast 200 000 Personen Singers Leichengefolge gebildet hat­ten, so daß die letzten, obwohl der Zug um 1 Uhr begann, sich erst am finkenden Abend in Marsch setzen konnten. Diese Zahl Hingt sicher imponie­rend. So viele Leute richtig einzuordnen und ruhig zu dirigieren, bekommt man nur in einem Lande fertig, dessen Bewohner die Schule der Wehrpflicht durchgemacht haben. Da es aber in Groß-Berlin und Umgegend weit mehr als 200 000 sozialdemokratische Wähler gegeben hat, erscheinen uns als das Interessanteste an dem Begräbnis Singers die vielen Drückeberger

Deutsche Kriegsschiffe im chinesische« Pest­gebiete. Die Konsuln in Tientsin sollen nach Blättermeldungen bei ihren Regierungen um Entsendung von Kriegsschiffen gebeten haben, da mit der Ausbreitung der Pest auch der euro­päerfeindliche Fanatismus einen bedenklichen Grad erreicht hat. Bon unterrichteter Seite wird hierzu mitgeteilt, daß eine Bitte um Entsen, düng von Schiffen nach den von der Pest ge­fährdeten Gegenden Chinas an die in Frage kommenden deutschen Behörden nicht gerichtet worden fft. Das Kommando des Kreuzerge­schwaders bat die beiden TorpedobooteTaku" undS. 90* von Hau kau (Jangse) zurückgezogen und sie mit dem KanonenbootIltis" nach Kiautschou dirigiett. S. M. S.Scharnhorst* fährt reiseplanmätzig seine Fahtt nach Manila aus und hat den Befehl erhalten, sich in erreich­barer Räbe der chinesischen Küste zu halten. In der zweiten Hälfte des Monat März wird das Schiff in Tsingtau fein, um dort den neuen Chef des Kreuzergeschwaders an Bord zu nehmen.

Ausland.

Englifch-franzöfiscker Geheimvertrag. Ob und welche geheimen militärischen Abmachunaen

zwischen den Ententenmächten bestünden, da­rüber unterhalten sich jetzt in der Not der Zeit Pariser und Londoner Blätter. Die eng! .che Presse stellt es so dar, als könne nichts existieren, da dem Unterhause von keinem Vertrage Mit­teilung gemacht worden sei. Das ist Vogel- Strauß-Taktik. Die englische Verfassung, die viel weniger demokratisch ist, als die demokra­tische Presse uns glauben machen will, räumt bei Vertragschlüssen dem König außerordentliche Vollmachten zu. Nur dann, wenn neue Steuer­lasten, neue finanzielle Verpflichtungen, die in den Etat gehören, damit verbunden sind, muß ein Staatsvertrag dem Parlament oorgelegt werden. Alles übrige kann der König allein be­sorgen. Zur Gültigkeit gehört bloß das große Staatsfiegel, das auf Verlangen des Herrschers der Lord-Kanzler darunter drücken muß. Wenn England fich beispielsweise verpflichten wollte, den Franzosen dauernd Subsidien zum Ausbau ihrer Streitkräfte zu zahlen, so müßte das Unter­haus das bewilligen; wenn aber Eduard VII. mit Delcass^ vereinbart hat. daß im Kriegsfälle England und Frankreich gemeinsam in Deutsch­land einbrechen, so geht ein solcher Vertrag das Parlament nichts an und ist trotzdem verbind­lich. Wir wollen uns keinen blauen Dunst vor­machen lassen. Selbstverständlich eristieren ganz genaue militärische Eebeimabmachungen zwi­schen den dreibundseindlichen Mächten.

Eine Fernfahrt desM 3".

Das Militärluftschiff M. 3, das am 31. Jan., morgens 8 Uhr, vom Tegeler Schießplatz in Ber­lin zu einer Fernfahrt nach seinem künftigen Ctandpunft Metz aufgestiegen war und noch an demselben Tage in Eotha eine Zwischenlandung machte, hat nun, wie wir gestern bereits mit­teilten, seine Fahrt nach Metz fortgesetzt und auch glücklich vollführt. Das günstige Wetter benutzend, stieg der Ballon unter der Führung des Majors Sperling um 614 Uhr früh in Gotha auf. Um y28 Uhr passierte es bereits Eisenach, um 8 Uhr Gerstungen, um 9 Uhr Hersfeld, um 914 Uhr Fulda, wo es ein Diensttelegramm aus- warf, nach welchem eine Zwischenlandung in Hanau angekündigt wurde. Das Luftschiff wurde bann nacheinander über Neuhof, Steinau, Geln­hausen und Langenselbold und um 12 Uhr über Hanau sichtbar, wo fich bald ein ungeheurer Menschenstrom nach dem Erertiervlatz bewegte. Das Luftschiff führte hier einige Schleiffahtten übet der Stadt aus und flog, ohne zu landen, in südwestlicher Richtung weiter. Nack weiteren Meldungen paffiette es um 1214 Ubr Darmstadt, eine Stunde später Worms und nabm dann di­rekte Richtung nach der Pfalz zu. Wie ein Tele­gramm aus Metz meldet, kam es abends um 6 Ubr in Metz in Sicht und landete um 6 Ubr 20 Minuten glatt vor der dortiaen Baflavballe. Die aanze Fabtt von Eotba nach Metz ist allo

30 (Rockt, ruck t"rT'iten.)

Der stille See

Roman von H. Eourths-Mohler.

l Fortsetzung.!

Gleich am nächsten Tage machten die Damen einige Abschiedsbesuche. Sie erklärten, daß Hildes Hochzeit wegen Krachts Erkrankung auf unbestimmte Zeit verschoben würde, und daß fie nun auf einige Monate nach Rochsberg übersiedeln wollten.

Einen Ersatz für Mallv hatten die Damen noch nicht engagiert. So half ihnen die Aufwärterin, die sonst nur einige Tage zum Putzen kam, beim Ein- packen Eine Dienerin wollte die Generalin dann erst bei ihrer Rückkehr wieder anstellen. In Rochsberg gab es Dienerschaft genug. Die Ausgabe konnte ge- fpart werden.

Als einige Wochen später die Entlobung Krachts «nd Hilde Sontheims bekannt wurde, lächelte man vielsagend, zuckte die Achseln und machte einige Glossen. Es drangen auch unbestimmte Gerüchte über ein Duell mit durch. Aber da niemand genau orien- tiett war, beschränkte man stch darauf, für Hilde oder Kracht Partei zu nehmen. Schließlich schlief das Interesse an der Sache ein. Kracht verreiste nach seiner erfolgten Heilung. Weidling war nach ver­büßter Festungshaft gleich in eine neue Garnison ge­gangen, und Hilde lebte zurückgezogen auf Schloß Rochsberg. Auch waren die meisten Herrschaften noch verreist, der Hof abwesend. Und draußen im Strom der Welt vergißt man, auf das Schicksal des einzelnen M achten.

Ruth Ravenport war Gräfin von Rochsberg ge­worden. Gleich nach der Hochzeit ging das junge

Paar auf sechs Wochen an die Riviera. Nach Reu­jahr kehrten ste zurück. Ruth sollte Anfang Januar bei einer großen Hoffestlichkeit den höchsten Herr­schaften vorgestellt werden.

Sie wurde gnädig aufgenommen, und sowohl der Herzog als auch die Herzogin zeichneten fie durch eine Ansprache aus.

Ruth trat sicher und unbefangen auf. Hans Rochus merkte ihr keinerlei Erregung an. Er wußte, daß selbst Damen aus feinen Kreisen in fieberhafter Unruhe waren, wenn fie mit den regierenden Herr­schaften zusammentteffen durften. Auf Ruth schien es keinen tiefen Eindruck zu machen. Sie zog ihre Tourschleppe mit derselben stillen Anmut hinter fich her, als wenn fie daheim in ihren hübschen, fließen­den Kleidern über die schöngetäfelten Fußböden des Rochsberger Schlosses schritt.

In den nächsten Wochen kam das junge Paar fast täglich in die Stadt herein, um stch an den zahlreichen Geselligkeiten zu beteiligen.

In den letzten Tagen des Januar sollte ein­glänzende Festlichkeit auf Schloß Rochsberg statt­finden. Zahlreiche Einladungen waren ergangen. Selbst der Herzog und feine hohe Gemahlin hatten ihr Erscheinen zugesagt.

Peter Ravenport war natürlich auch unter den Gästen, und an diesem Abend erreichte er den Gipfel der Zuftiedenheit. Er wurde von Hans Rochus dem Herzog vorgestellt, und dieser unterhielt stch in leut­seligster Weise mit ihm.

Ruth blickte mit umflorten Augen und zuckenden Lippen in sein von erfülltem Ehrgeiz strahlendes Ge­sicht. Nun hatte er alles erreicht, wonach er strebte. Ob ihn das nun wirklich glücklrch machte?

Sie schritt am Arme ihres Gatten durch die Säle und begrüßte ihre Gäste in ihrer ruhig vornehmen

Freundlichkeit. So ktttisch auch manches Auge an der jungen Frau hastete, niemand fand an ihrer Haltung auszusetzen. Rur Hilde flüsterte ibrer Mutter mit mokantem, gereiztem LSkeln eine höhnische Be­merkung über dirKrämerstochter" zu. die fich die Allüren einer Fürstin" anzunehmen besttebte. Sie war neidisch auf Ruths Erfolg, zumal fie selbst ge­zwungen war, eine sehr bescheidene Rolle zu. spielen.

So ging es von Fest zu Fest. Hans Rochus und feine junge Frau wurden überall eingeladen. Sie kamen gar nicht zur Befinnung und waren feiten allein

Hans Rochus fragte Ruth zuweilen, ob ihr diele rege Geselligkeit nicht zu viel würde. Sie verneinte. Es war ihr ganz recht fo. Auf diese Weise kam fie am leichtesten über die erste Zeit der Ehe hinweg.

Sie lebten in ruhiger Weile nebeneinander hin Ruth hatte auch jetzt ihre Passivität noch nicht auf» gegeben, und Hans Rochus war nun fest überzeugt, daß sie nicht intensiver empfinden könnte, als ste zeigte.

Sie kamen ganz gut miteinander aus. Eins ließ das andere gewähren. Jeder hatte Freiheit kür fein Tun und Denken. Dab.i hegten sie beide unbedingte Hochachtung voneinander, unp das gab ihrer Ehe einen festen Halt.

Sie bemühten sich, einer dem andern Verständnis entgegenzubringen. Das gelang ihnen jedoch nur in Aeußerlichkeiten. Ihr Inneres blieb ihnen gegenseitig fremd. Ruth verschloß ich ihm nach wie vor, weil fie wußte, daß nur die Notwendigkeit ihn gezwungen hatte, fie zu heiraten, und Hans Rochus hatte es auf- gegeben, hinter Ruths Ruhe etwas anderes zu suchen, als Indolenz und Gedankenarmut.

Er gab sich damit zufrieden, daß ste «ach außen

würdig revräsentiette, und fie bemühte sich, seine Zu­friedenheit zu erringen.

So ging der Winter vorüber. 3m Frühjahr gab es für Hans Rockus viel Arbeit. Und das war ihm sehr lieb. Der Gefellschaftstrubel war zu Ende, und ihn verlangte nach frischer, fröhlicher Arbeit. Das junge Paar war nun öfter allein, als in den ersten Monaten feinet Ehe. Meist faßen sie sich aber stumm gegenüber bei den Mahlzeiten. Zuweilen erzählte Hans Rockus von feinem Schaffen und Wirken, das ihn sehr befriedigte. Dann härte Ruth aufmerksam und freundlich zu. Ihr Vater kam jede Woche heraus. Auch die Generalin und Hilde machten zuweilen einen Ausflug nach Rocksberg. Hans Rockus frühere Kameraden sprachen häutig vor gelegentlich eines Spazierttttes, oder fie verlebten einmal einen dienst­freien Nachmittag in dem gastfreien Schloß. Ruth war gegen alle gleich freundlich und machte die Honneurs in durchaus tadelloser Weise.

Ihr Wesen hatte jedoch feit ihrer Verheiratung etwas Träumerisches, Versonnenes angenommen. War Hans Rochus nicht zu Haufe, dann trieb sie eine selt­same Unraft durch die Räume des Schlosses. Sah ste ihn dann auf feinem LieblingspferdRarniro" von den FeGern ober aus dem Walde heimkehren, bann stand ste regungslos hinter den Gardinen verborgen, bis er abgestiegen war. Sobald er auf das Haus zu­kam, fetzte sie stch bann scheinbar gleichmütig mit einer Handarbeit an das Fenster. So fand er fie meistens.

Der Mai war unter allem Blütenzauber ins Laich i gezogen. Im Rochsberger Park standen die Bäume wie mit zartgrünen Schleiern bedeckt, und die Birken dufteten mit dem frischen Erdgeruch um die Wette.

(Fortsetzung folgt)