mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und bett Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
Das Ideal der Proletaristerung.
In der freisinnigen Presse wird neuerdings ein Buch in den höchsten Tönen geprie'en, welches einen liberal-sozialen Zukunftsstaat ausmalt. Wir lesen, daß dieses Buch alle alten Illusionen zerstöre und neue große wirkliche Werte schaffe. Der Verfasser, ein ehemaliger Arzt, mit Namen Dr. Oppenheimer, gipfelt seine Ausführungen darin, daß aller Grundbesitz verschwinden werde und müsse. Dann, aber erst dann werde die wahre 'Befreiung der Völker und natürlich auch die Periode ewigen und allgemeinen Friedens herangekommen sein, und zugleich eine Zeit der Gerechtigkeit, denn einzig und allein die Arbeit «erde ihren Lohn erholten, während feder andere Profit weggefallen sei.
Die Melodie ist alt, nur daß sie hier von jemand in einer Weise verdeutlicht wird, die recht interessant ist, insbesondere weil der Verfasser nicht eigentlich sozialistisch sein will und es im Grunde noch viel weniger ist, als er vielleicht glaubt, es zu sein. Charakteristisch ist aber vor allem, daß der Wegfall des Grundeigentums als ein Fortschritt, ja letzten Endes als der Schlußstein des Fortschrittes, soweit er auf Erden erreichbar ist, betrachtet wird.
Tatsächlich würde diese Stufe der Entwicklung schon ein sehr vorgeschrittenes Stadium und wahrscheinlich den vollen Eintritt des Zerfalles bedeuten. Aufhören des Grundbesitzes und ees Vodenwertes überhaupt würde nichts mehr und nichts weniger besagen, als allgemeine Proletarisierung, als im Deutschen Reiche ungefähr 65 Millionen Proletarier und einige Zehntausend Vertreter des Großkapitals.
Da nicht anzunehmen wäre, daß ander" Staaten und Völker sich für die gleiche Theorie begeisterten, fo würde seine Verwirklichung in Deutschland auch die Internationalisierung dieses SUctes bedeuten vie etwa eine solche der Mandschurei eder eines anderen Gebietes, welchem politische Mau) mit llen ihren Requisiten fehlt. Denn trotz allen Fortschrittes und aller Phrasen, die um diesen herumgemacht werden, so wird doch immer wahr bleiben, l ß der Mensch der Natur nicht entfliehen kann, und eben in b: Jet Natur liegt, daß die Vaterlandsliebe, daß jede volksmäßig geschloffene Entwicklung mit all' . was man darunter verstehen kann, von Grund und Boden unzertrennbar ist. enn hier die Verhältnisse eine allgemeine Enteignung bringen könnten, und zwar im Sinne einer völligen Entwertung von Grund und Boden, so wäre naturgemäß auch die Anhänglichkeit an ihn und das Heimatsgefühl verschwunden.
Wir wollen nicht mißverstanden werden und fügen deshalb ein, daß die Ideale der deutschen Bodenreformer, zuderen Verwirklichungsmöglichkett man sich stellen kann, wie man will, etwas ganz anderes wollen. Denn sie streben gerade auf eine Verbreiterung der Bodenständigkeit des Volkes hist, und wollen Bedingungen schaffen, die diese ermöglichen.
Es ist merkwürdig, wie weit die dialektische Spekulationswut manche Leute führt. Sie mögen sich fc^-n lassen, daß heute ebenso wie zu Zeiten Goethes alle Theorie grau ist, und daß bas beutsche Volk nicht daran denkt, mit seinen Bodenwerten sich selbst als Volk zu vernichten und das nichtnationale Kapital als Gott der Zukunft anzubeten.
Erstes Blatt
Die „Rheinisch-West-
festgestellt werden.
46. Jahrg.
1911.
durch seinen Besuch sein Interesse für Indien bewiesen. Der Feier wohnte ein zahlreiches geladenes Publikum bei, darunter die gesamte deutsche Kolonie.
— „Der Kronprinz nach Marokko!- Der „Preß-Telegraph" hat die Nachricht verbreitet, der Kronprinz werde auf seiner RüÄehr aus Indien Algerien und Marokko besuchen. Daran ist kein wahres Wort. Der Kronprinz wird in Aegypten seine Gemahlin abholen und höchstens in Italien noch einen kurzen Aufenthalt nehmen, um sich wieder an das europäische Klima zu gewöhnen, bevor er nach Deutschland zurückkehrt, aber keine algerisch-marokkanische Reise unternehmen. Wir möchten hinzufügen, daß die Sensationsmeldung des „P. T."-Bureaus, das sich mit der Berbreitung der Nachrichten des „New York Herald" in Deutschland befaßt, sehr bedenkliche Wirkungen in der islamatischen Welt auslösen könnte. Daher ist diese Art Sensation zu machen auf das Nachdrücklichste zurück- zuweisen.
— Die Reise des Königs von Sachsen. Dresden, 5. Febr. Vom Ministerium des Auswärtigen neuerlich eingezogenen Nachrichten besagen, daß das bisher gemeldete Auftreten der Pest in Aegypten nicht der Art sei, daß es zu BÄenken gegen die Fortsetzung der Reise des Königs von Sachsen veranlasse.
— Ei« Landtagsabgeordneter t» Stallu- pönen, 5. Febr. Der konservative Landtagsabgeordnete Boysen-Kleßowen ist gestorben.
— Die Beisetzung Singers im städtischen Zentralfriedhof in Friedrichsfelde hat gestern bei einem ft^lingsmätzigen Wetter und ungeheurer Beteiligung stattgefunden. Der Zug setzte sich um 12 Uhr vom Eeschäfishause des „Vorwärts" in Bewegung. Drei Stunden später harrten daselbst in den angrenzenden Straßen viele Tausende des Anschlusses an den endlosen Zug, der um 5 Uhr auf dem Friedhof anlangte. Man schätzt die Teilnehmerzahl auf Hunderttausend. Zu dem Friedhof, wo Ansprachen gehalten wurden, waren nur die Deputationen zugelaffen, insbesondere die ausländischen. Polizeimannschaften waren in großer Anzahl aufgeboten, er kam indes keine Unordnung vor.
— Versorgung der Veteranen. Berlin, 4. Febr. Nachdem das Zuwachssteuergesetz nunmehr endgültig vom Reichstage angenommen ist, werden, wie Berl. Blätter melden, ergänzende Bestimmungen für die Versorgung der Veteranen sogleich in Angriff genommen werden. Nähere Mitteilungen hierüber dürften in der Budgetkommisston des Reichstages bei den Etatsberatungen des Reichsschatzamts gemacht werden.
— Eine deutsche Deputation vor dem König von England. London, 5. Febr. Der König empfing heute Nachmittag im Buckinghampalast den Geheimrat Profeffor Dr. Harnack und den Präsidenten D. Spiecker, die vom Erzbischof von
Politische Umschau.
Deutschland und die Politik Österreich-Ungarn».
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt in ihrer Wochenrundschau Über das Ex- pos6 des Grafen Aehrenthal in dem Ausschuß der österreichischen Delegation für auswärtige Angelegenheiten und über die später folgenden Darlegungen des Ministers: Die Erklärungen des Grafen Aehrenthal fanden hier bei der Regierung und der öffentlichen Meinung sympathische Aufnahme. Der günstige Eindruck seiner Äftlsführungen beruht auf der Festigkeit und Klarheit, mit der der leitende Staatsmann Oesterreich-Ungarns die schwebenden Fragen der auswärtigen Politik behandelt. Namentlich gilt dies von der unumwundenen Zustimmung zu der Veränderung, die durch die Potsdamer Monarchenbegegnung und im Anschluß daran in den deutsch-russischen Beziehungen eingetreten ist. Aehrenthal sprach mit lebhafter Genugtuung über die Erklärungen und Aufschlüffe, die der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg im Reichstag gegeben hat und stellte die Ueberein- stirnrnung des österreich-ungarischen Programms mit den in Potsdam und Berlin bekräftigten Grundsätzen über die Gestaltung der europäischen Politik int Sinne der Aufrechterhaltung des Status quo im nahen Orient fest. Mit aufrichtiger Befriedigung wurden bei uns die Mitteilungen des österreichisch-ungarischen Staatsmannes ausgenommen, aus denen hervorgeht, daß stch die Beziehungen Österreich-Ungarns und Rußlands zueinander in fortschreitend freundlicher Entwicklung befinden. Am Schluffe seines Exposes wies Aehrenthal auf die Notwendigkeit hin, Heer und Flotte schlagfertig zu erhalten, damit die auswärtige Politik der habsburgischen Monarchie für deren Zntereffen und für den Frieden erfolgreich eintreten könne. Auch dieser Gedanke findet bei uns volles Verständnis. Bei aller Friedensliebe und aller Friedenszuversicht darf man die alte Wahrheit: Si vis pa- cem para bellum, nicht außer Acht kaffen.
Canterbury vorgestellt wurden. Der Empfang hatte einen privaten, zwanglosen Charakter, Beide hielten Ansprachen an den König, d« herzlich erwiderte und sie in England willkom- men hieß. Die Deputation überreichte de» König ein Erinnerungswerk, das sich auf den Besuch der englischen Geistlichen in Deutschland im Fahre 1909 bezieht. Die Deputation war von den Parlamentsmitgliedern Allen Bake» und Dickinson begleitet.
— Verkauf an Pole«. Breslau, 4. Febr. Wieder ist der höchst bedauerliche Fall eingetre- ten, daß in einem schlesisch-posenschen Grenzkreise ein größeres Gut aus deutschem in polnischem Besitz Lbergeangen ist. Wie aus Kreuzburg O.-S. berichtet wird, hat d Besitzer de» 762 Hektar großen Rittergutes Äatzdorf im dortigen Kreise, Gustav Staroste, sein Besitztum für 1380 000 cM. cm den Polen Grafen Plater, der in der Provinz Posen ansässig ist, verkauft. Bermittler bei diesem Besitzwechsel war der ftühere Rittergutsbesitzer von Szoldreki am» Breslau, der früher auch mit dem Posener Eü- teragenten Martin Biedermann in Eeschäftsbe- ziehungen gestanden hat. Matzdorf hat vor vier Jahren der Landbank in Berlin angehört.
— Der Essener Meiaeidsprozeß. Essen, 4. Febr. Das Schwurgericht beschloß, die Entschädigungspflicht des Staates für die erlittene Untersuchungshaft und die Sttafzeit für Schröder und Eencffen anzuerkennen. Die Höhe der Summe wird in einem besonderen Verfahren
Marburg
Dienstag, 7. Februar
fälische Zeitung" teilt mit, daß die Sozialdemokraten beabsichtigen, die im Essener Meineidsprozeß freigesprochenen Bergleute Ludwig Schröder und Eenoffen mit Ausnahme von Meyer, der körperlich zu hinfällig ist, als Reichstagskandidaten in Zentrumswahlkreisen des. rheinisch-westfälischen Jndustriebezirks aufzustellen. Ludwig Schröder wird wieder, wie seit 1899, in Essen kandidieren.
— Bom Norddeutschen Lloyd. Bremen, 4. Febr. Der Norddeutsche Lloyd hat seinen Dampfer „Roland" an die Türkei verkauft. Das Schiff soll ebenso wie die früher verkauften „Darmstadt" und „Oldenburg" zu Truppentransporten nach Arabien verwandt werden. Alle drei Dampfer werden mit eigener Bemannung des Norddeutschen Lloyd nach Konstantinopel übergeführt werden.
— Das Ergebnis der Volkszählung in Preußen. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung am 1. Dezember 1910 ist die Bevölkerung Preußens feit der letzten Zählung von 37 293 535 auf 40 157 573 Personen gestiegen. Die Zunahme beträgt 2 864 038 Personen — 1,68 pCt. Für die einzelnen Provinzen eraaben sich folgende Zahlen: Ostpreußen 2 063 746 (+ 33,570 = 1,65 pCt.), Westpreußen 1703 542 (+ 61 668 — 3,76 pCt), Stadtkreis Berlin 2 064153 (+ 24 005 = 1,18 pCt.), Brandenburg 4 091620 (4- 559 764 = 15,85 pCt), Pommern 1716 445
Deutsches Reich.
— Bom Kaiser. Berlin, 5. Febr. Der Kaiser nahm nach der Kirche im königlichen Schloß den Vortrag von Dr. Goldschmidt über die Fortschritte auf dem Gebiete drahtloser Telegraphie entgegen. Anwesend waren Prinz Heinrich, der Chef des Eeneralstabes der Armee, der Staatssekretär des Reichsmar.neamts, der Kriegsminister, der Staatssekretär des Reichspostamtes und verschiedene andere Herren.
— Die Reise de» Kronprinzen. Kalkutta, 4. Febr. Bei der heutigen Promovierung des Kronprinzen zum Ehrendoktor der Universität Kalkutta feierte der Rettor in einer längeren Ansprache die hervorragenden Verdienste Deutschlands um die Erforschung der indischen Geschichte und Literot'-r Der Kronprinz habe
Die „Oberhessische Zeituug" erscheint täglich mit Ausnahme bet oonn= unb Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt mertettahrttch durch eie bezogen 225 M lohne Bestellgelb), bei unseren Zett^ngsstellen unb de: Expedition (Markt 21), 2.00 M fiel ins Haus. (Für unver- la.rgt zugesanbte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Aniv.-Buchbruckerei I. A. Koch, (Inh.: Dr. Hitzeroih.) Markt 21, — Telephon 55.
Der Anzeigenpreis beträgt für bie 7g.fpaltene Zeile ober beten Raum 15 i, bei auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 40 4. .Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Zeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rav"tt Verbindlich, kett für Platz-, Datenvorjchrift und Beleglieferung ausgeschloffen. — Für Anzeigen, bei denen der Auftraggeber in der Expedition mitgeteiit werden soll, wird eine Gebühr von 10 4 erhoben.
28 (Raddruck verboten.)
Der stille See.
Roman von H. Court hs-Rahler.
(RortfefcungJ
Als et feine Braut bas nächste Mal besuchte, brachte er ihr bas Buch zurück, ohne etwas herüber zu sagen. Ruth fragte schließlich selbst, etwas scheu: „Hat es dir gefallen?"
Er strich über bas Buch weg wie schmeichelnd. Da schoß dunkle Röte in ihr Gesicht.
„Es ist ein herrliches Buch — mit Geist unb feinem Berftänbnis geschrieben. Zuweilen wirkt es herb, schroff, als habe sich oet Autor nur widerwillig von dem Gedanken losgerungen, oder als müsse et noi- mit bet Form ringen. Unb doch merkt man, daß er noch viel zu sagen hat, was wertvoll ist. Et muß noch ein junget Mensch fein, et sieht bas Leben noch mit ibealen Augen an. Aber schön ist bieset reine Zbealismus. Et ertjebt und vertieft. Auf alle Fälle kann man von diesem Autor noch viel Gutes ermatten."
Ruth hatte sich wahrend besten am Büfett zu schaffen gemacht unb brachte Gläser herbei, um Hans Rochus eine Erfrischung zu reichen 3$t Gesicht zeigte wieder die leicht aufsteigende Röte. Sonst schien sie ruhig wie immer. Hans Rochus war ärgerlich, daß sie gar nichts antwortete.
„Die Damen sprachen neulich in gleich anerkennender Weise über das Buch. Auch die Kritik lobt es Rur du bist nicht zufrieden damit. Was mißfällt dir eigentlich daran? "fuhr et fort.
„Es ist eine Anfängerarbeit. Sie hat viele Män- Ml," erwiderte sie scheu. .
„So scharf ist dein Urteil? Wäre das Buch von einem bekannten Autor geschrieben, hätte es wohl eher Gnade vor deinen Augen gefunden?" fragte et ironisch.
Ohne auf feine Frage zu antworten, fragte sie, unverkennbar tn dem Bestreben, das Thema zu wechseln:
„Weißt du, wie es Kracht geht?"
„Etwas bester, ich war bei ihm, ehe ich zu euch kam."
„Gehst du zu Sontheims?"
„Ja, ich will sehen, wie Hilde übet diese schweren Tage hinweggekommen ist."
„Soll ich dich begleiten?"
Er sah überrascht auf. Ein solches Anerbieten machte sie ihm das erste Mal. Es tat ihm deshalb doppelt leid, daß er es zurückweisen mußte. Et hatte jedoch mit den Damen allerlei zu verhandeln, das nicht für Ruths Ohren besttmmt war. —
„Es tut mir leid, auf deine Begleitung verzichten zu muffen. Ich fürchte jedoch, die Damen find in einer Stimmung, die nicht erfreulich auf dich wirkt. Hilde ist sehr gedrückt. Sie fürchtet naturgemäß das Aufsehen, das ihre Entlobung Hervorrufen wird. Unb um monatelang auf Reifen zu gehen unb braußen zu warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist, find fie nicht vermögend genug."
Ruth fah auf ihre Hände herab, die schlank und fein in ihrem Schoße ruhten.
„Sie könnten doch für einige Monate nach Rochs- berg kommen, Hans Rochus. Bis zu unserer Hochzeit könnten dir bie Damen Gesellschaft leisten. Das wäre für dich gewiß auch angenehmer, als wenn du allein bist. Und Hilde ging hier allen Unannehmlichkeiten aus dem Weae." .
Er sah sie nachdenklich an.
„Das ist eine gute Idee, Ruth, ich habe mit schon den Kopf zerbrochen, wie ich den Damen von Nutzen sein kann. Und so einfach dieser Plan ist, ich wäre vor lauter Nachdenken nicht darauf gekommen. Ihr Frauen seid doch geborene Praktiker. Ich danke dir für diesen Hinweis."
Er küßte ihr bie Hanb unb sah sie freundlich an. Daß sie Hilde nicht besonders gut leiden mochte, wußte er. Umso höher rechnete et ihr diesen Vorschlag an, der von ihrer Gutmütigkeit zeugte.
Ruth zog ihre Hand zurück.
„Da ist nichts zu danken, Hans Rochus. Es ist doch so natürlich, daß ich mich als Frau leichter in Hildes Zustand hineindenken kann. In Rochsberg ist sie vorläufig geborgen. Erhältst du Besuche von Kameraden, so kann fie fich zurückziehen, und sonst wird niemand hinauskommen. Grüß Hilde von mir, und wenn ich ihr irgendwie von Nutzen fein kann, soll fie es mich wissen lasten.'
„Ich werde ihr Mitteilung machen von deinem liebenswürdigen Anerbieten. Und — du botest mit vorhin deine Begleitung an, es ist das herrlichste Wetter. Laß uns eine Stunde in den Stadtpark gehen. Zu Sontheims komme ich bann immer noch früh genug.“
Es war ein rein höfliches Anerbieten. Das fühlte auch Ruth heraus. Ttotzbem stimmte fie freund- lich zu.
Zn wenigen Minuten war fie jnm Ausgehen bereit. Fräulein Hebenstreit brachte ihr Schirm unb Hanbfchuhe herbei. Hans Rochus scherzte ein wenig mit bem alten Fräulein, während Ruth vor dem Spiegel den Hut aufsetzte. Da sah et, wie ein Lächeln übet bas sonst so etnfte junge Gesicht huschte, unb
dieses Lächeln überraschte ihn, wie jener eine klare, ausdrucksvolle Blick, mit dem sie ihn einmal angesehen hatte, als er fie auf bet Straße traf. Wie hübsch wurde sie mit diesem Lächeln Es batte etwas Gütiges. Herzliches. Wahrscheinlich wirtte es doppelt, weil fie sonst immer so kühl unb ernst aussah Ruth wußte nicht, daß er ihr Lächeln gesehen hatte.
Unterwegs fing er plötzlich an übet Fräulein Hebenstrett gütige Scherze zu machen, und er hatte Erfolg. Das Lächeln erschien wieder in Ruths Gefickt Das reizte ihn körmlich zu Überwegen Reben unb schließlich lachte Ruth leise vor sich hin.
Er verhielt den Schritt. Sie waren im Stabtvarl angelangt, unb bie Wege lagen still unb menschenleer. Er sah sie vergnügt an.
„Ruth — bas ist bas erste Mal, daß ich dich lachen höre," sagte er herzlich.
Da war schon wieder bie tiefe Röte in ihrem Gesicht, und gleich wieder auch her kühl a-webrenbe Ausdruck. Cie strebte an ihm vorbtt, unb er ging verstimmt an ihrer Seite weiter. Es tat ihr lew, ibn verstimmt zu haben, aber rebes Eingehen auf ihre Persönlichkeit von seiner Seite mochte sie befangen, weil sie annahm, daß es nichts wie Höflichkeit war, wenn er sich mit ihr beschäftigte. Sie sah scheu Pi ihm auf unb begegnete seinem Blick. Sofort blickt? sie von ihm fort.
Er legte bie Hand auf die ihre, die auf Arm ruhte. Wieder kam es ihm zum Bewußtsein, daß Ruth unter diesem seltsamen Verhältnis lei^n mußte, das zwischen ihnen bestano. Er machte sich Vorwürfe, nicht zart genug gewesen zu fein. Ihr- Scheu sprach deutlich genug dafür, daß er noch immer nicht den rechten Ton für fie gefunden hatte.
(Fortsetzung folgt.)