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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und bett Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
M 23
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Marburg
Freitag, 27. Januar
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46. Jahrz.
1911.
Erstes Blatt
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(Nachdruck verboten.)
Tat vielfach nicht. Und doch tonnten die Grundlagen heute wie damals dieselben sein, auf denen sich das gesunde Volksleben von innen heraus frei aufbaut, weil es die allgemein menschlich tüchtigen waren. Sie sind es leider nicht mehr. Ein gesundes Volk wie das unsrige wird aber auch solche Krisen der neuen Zeit überwinden und sich zum alten Wesen treu deutscher Art bekennen. Das darf man im Gedanken an die große Zeit vor vierzig Jahren mit Fug und Recht hoffen und wünschen. Nur dann werden wir das Erbe der Väter erwerben, um es zu besitzen, wenn mit dem äußeren Wohlstand die innere Kraft und Gesundung Hand in Hand geht.
Am Geburtstage des Kaisers aber muß man auch fragen, ob das monarchische Gefühl des Volkes noch dasselbe ist. Es ist ja bekannt, daß die Sozialdemokratie in der Republik die einzig richtige Staatsform für das deutsche Reich steht. Noch viel schlimmer aber find die, welche diesen Gedanken nicht offen aussprechen, wohl aber das Volk völlig in diesem Sinne verhetzen. Und doch erreichen werden fie in ihrem Kampfe gegen
Kaiser und Reich nichts, denn noch heute ist das deutsche Volk „monarchisch bis auf die Knochen" und nur diejenigen, die sich mit vom Auslände importierten politischen Ideen vollgepfropft haben, glauben es ihrer „Bildung" schuldig zu sein, ihre geifernde Kritik auch ständig an unserem Kaiser zu üben. Und wenn dieselben ständig gegen unsere Verfasiung, die von Bismarck mit gutem Bedacht als eine monarchifch- konstitutionelle festgestellt wurde mit großen und kleinen Mitteln Sturm laufen und die Rechte des Kaisers schmälern wollen, so finden sie in diesem Punkte keinen Anklang im deutschen Volke selbst, soweit es eben nicht der puren Verhetzung zugänglich ist. Ja der be—rühmte Herr v. Eerlach, der in der „Welt am Montag" wütende Gesänge gegen den Kaiser losläßt mit der lieblichen lleberschrift z. B. „Und Wilhelm sprach", er muß, wenn er auf unsere Dörfer kommt, den Kaiser hochleben lasten. Wie er das fertig bringt, gehört nicht hierher, dies Zugeständnis zeigt aber, daß, wie ein sozialdemokratischer Agitator einmal feststellte, das mon-
Blaste wieder angenommen, die jedoch nichts Krankhaftes hatte und durch den zarten Unterton lebensvoll und gesund wirkte. In der ersten Zeit ihres Verkehrs hatte er ihre schweigsame, kühle Art bedrückend und quötenb empfunden, weil er glaubte, fie sei nur ihm gegenüber so zurückhaltend. Dann hatte er aber bemerkt, daß fir ihrem Vater gegenüber mindestens ebenso verschlossen war. Mit der Zeit hatte er fich daran gewöhnt und fand fich ab damit. Es war immerhin angenehmer, als wenn fie eine gedankenlose, seichte Schwätzerin gewesen wäre. Diese Sorte Frauen konnte er durchaus nicht leiden, es wäre ihm eine unerträgliche Oval gewesen, mit einem solchen Geschöpf zusammenleben zu müssen. War Ruth gedankenlos und unbedeutend, so war fie es wenigstens nicht in unerträglicher Art. Sie iel niemand lästtg damit. Aber war fie doch wirklich so beschränkten Geistes, besaß sie wirklich so wenig Seele, wie sie zeigte?
Immer wieder mußte er darüb r nachdenken, wes Geistes Kind fie eigentlich sei. Manchmal gab sie ihm so kluge Antworten. Freilich, der Drill im Pensionat konnte doch nicht ganz ohne Wirkung geblieben sein. Wenn sie eingelernte Schulweisheit besaß. war das noch immer kein Beweis, daß fie eigene Gedanken hatte.
Jedenfalls lenkte ihn das Nachdenken über Ruths eigentliches Wesen etwas von seinem Schmerz um Hilde ab. Und das empfand er schon als Wohltat, für die er Ruth im stillen dankte. Er wollte fertig werden mit der unseligen Leidenschaft für ein Mädchen, das ihm unwert erschien, an sie zu denken. —
Die Generalin und Hilde empfinge« das Brautpaar mit glatter, oberflächlicher Liebenswürdigkeit. Hilde plauderte graziös tu der witzige«, eleganten
Der stille See.
Roman von f>. Courths-Mahler.
lFortsetzung.»
Das Täschchen hatte fich beim Herabfallen geöffnet, und einige Katten waren herausgefallen. Er beschäftigte fich eifrig damit, um ihr Zeit zu lassen, ihre Unbefangenheit wlederzugewinnen. Schließlich betrachtete er aufmerksam eine der Karten.
„Ruth Ravenport," las er laut. „Ich habe immer eine große Vorliebe für deinen Bornamen gehabt. Warum, weiß ich nicht, aber das ist ficher, daß ich mir unter einer Ruth immer ein sehr sympathisches, ausgeglichenes und sanftes weibliches Wesen vorgestellt habe.«
Er reichte ihr das Täschchen. Sie nahm es dankend, und er bemertte, daß fie ihre Gelassenheit wiedergefunden hatte.
Vielleicht hast du dich durch die bibfische Ruth »*i dieser Vorstellung bestimmen lassen," eirotberte sie.
Er lächelte.
„Es ist sehr wenig, was ich von der biblischen Ruth weiß. Daß sie Aehrenleserin war, und daß ein sehr schöner Spruch von ihr existiett: Wo du hin- gehst, da will ich auch hingehen, dein Gott ist mein Bott — und so weiter. Das ist alles, was mir noch tber fie bekannt ist."
„Mel mehr weiß ich auch nicht von ihr," er» widerte Ruth.
Sie schwieg eine Weile. Hans Rochus wollte der tzpruch nicht aus dem Sinn. Er wiederholte ihn in Gedanken immer wieder. Dabei sah er Ruth N* bet Sette an. Ihr Gesicht hatte die Ihm eigene
Von Reich und Kaiser.
Zum Geburtstag de» Kaiser».
Unser Kaiser feiert morgen seinen 52. Geburtstag, und überall, wo Deutsche wohnen, wird dieser Tag festlich begangen werden; denn das deutsche Volk ist „monarchisch bi» auf die Knochen". Das wußte schon der größte aller deutschen Staatsmänner: Fürst Bismarck.. Gerade heute aber muß daran gedacht werden, denn der 52. Geburtstag Kaiser Wilhelms fällt -in eine erinnerungsreiche Zeit. Vor 40 Jahren war es, wo der Traum der besten Deutschen — ein einiges Deutsches Reich mit einem kraftvollen Herrschergeschlecht an der Spitze — mitten 1k Feindesland zur Wahrheit wurde. Noch lebet, der diese Zeit miterlebte, sagt von ihr: es war eine große Zeit, eine Zeit, in der man den Gang Gotte» durch die Weltgeschichte verspürte, eine Zeit voll Blut und Sieg, voll Demut und voll Hoffnungen für die Zukunft, in der das junge Reich zeigen sollte, ob es — reiten konnte.
Haben wir das große Erbe der Väter gemehrt und ihre Hoffnungen erfüllt? Die Antwort wird nicht schwer sein. Eine Entwicklung aller Kräfte fast ohnegleichen hat uns einen äußeren Aufschwung gebracht, der die Welt und uns selbst in Staunen setzte. Daß er uns neidische Rivalen schuf, wollen wir gern als etwas Natürliches hinnehmen, wenn uns nur nicht so oft der Bismarck gefehlt hätte, der sie gebührend im Zaume gehalten hätte. Im Gefolge des wachsenden äußeren Wohlstandes erschienen aber bei uns Anschauungen und Eigenschaften, wie sie denen, die auf dem Schlachtfelde uns das Reich er- stritten, noch fernlagen, und viel Gutes ging an ihrer Stelle verloren. Schlichte Rechtlichkeit und Gottesfurcht, sachlicher Mut und richtige Einschätzung der Güter des Lebens, sie sind nur allzu »ft einem nervösen Hasten nach Gewinn und Aeutzerlichkeiten zum Opfer gefallen. Was bedarf es vieler Worte, jedermann kennt die Schwachen unserer Zett des Uebergangs und der tastenden Versuche. Eine Umwertung aller Werte ist eingetreten. „Reform" — unter diesem Zeichen will man siegen. Das ist gut so, denn jede Zeit schafft die Formen ihres Daseins selbst, und es wäre ein reaktionärer und falscher Kon- servattvismus wollten wir ganz einfach am alten festhalten, blos weil es alt ist. Jeder Fottschrttt aber soll geschehen im Anschluß an das Vorhandene, denn wir leben nicht im Wölkenkuckucksheim einzelner Weltbeglücker, sondern in einer sehr realen Welt. Wenn also manches andes geworden ist in dem neuen deutschen Reiche vom 1. bis 41. Geburtstage, so braucht es darum nicht schlechter geworden zu sein, und das ist es in der
Art, die Hans Rochus Immer so bezaubert hatte. Wenn er nun auch in der letzten Zeit einen anderen Maßstab an ihr Wesen gelegt hatte, so konnte er doch nicht umhin, zu konstatieren, daß Ruth neben Hilde doppelt steif und zurückhaltend erschien.
Hilde schien sich selbst übertreffen zu wollen an bezaubernder Liebenswürdigkeit, aber Ruth blieb formell und sprach nur das Nötigste. Mit reizender Dringlichkett versicherte Hilde bet „neuen »et« wanbten", baß fie recht gute Freundinnen werden wollten und viel miteinander verkehren würden.
Ruth war nie imstande gewesen, im Handumdrehen eine sogenannte Freundschaft anzuknüpfen. Dieses Spielen mit Gefühlen war ihr verhaßt. Sie sagte sich, daß es unmöglich sei, einen Menschen innerhalb einer Viertelstunde so kennen zu lernen, daß man ihm mit ehrlichem Herzen seine Freundschaft antragen konnte. Sie erkannte in Hilde die oberflächliche Weltdame. Daß sie in Zukunft mit ihr verkehren mußte, gehötte zu den Pflichten, die sie mit ihrer Verlobung übernommen hatte. Eie nahm auch diese ruhig auf fich und versprach, mit Hilde Besuche auszutauschen. Auf das Thema der Freundschaft ging fie jedoch nicht ein, sie ließ es einfach fallen.
Hilde metfte es wohl, und ein spöittsches Lächeln umspielte ihren Mund. 'Fühlte Ruth Ravenpott mit dem feinen Instinkt bet Frau, baß ihr Verlobtet eine große Zuneigung für fie gehegt hatte, vielleicht — nein, gewiß noch hegte? Hans Rochus sah Hildes Lächeln, und er glaubte, es gälte Ruths Unvermögen, auf den lttchten, elegante« Plaudetton einzugehen. Et fühlte etwas wie Unwillen gegen Ruth. Warum saß fie so steif und zeremoniell da? In anderer, ftembet Gesellschaft wäre da» am Platze I gewesen. Hier war man aber do bei Verwandten.
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archische Gefühl noch im Volke tief eingewurzelt ist und man mit ihm rechnen muß.
Darum denken auch alle national empfindenden Kreise heute mit Freude des hohen Geburtstagskindes, der seinerseits auf ein glückliches Jahr zurückblicken kann. Seitdem er, wie man sagt, nach lleberwindung einer persönlichen Verstimmung gegen Herrn v. Kiderlen-Wächter, diesen 'an die Spitze des auswärttgen Amtes berief, geht es vorwärts in der äußeren Politik des Reiches. Daß et aber auch persönlich in der auswärtigen Politik den Interessen des Reichs zu nützen versteht, hat er in dem verflossenen Lebensjahre besonders bei zwei Gelegenheiten bewiesen: bei seinem Besuche in Wien und bei der Begegnung mit dem russischen Kaiser in Potsdam. Der persönlichen Liebenswürdigkeit de» Kaisers ist zweifellos eben ein nicht geringer Teil des politischen Erfolges der Begegnung mit dem Zaren in Potsdam zuzuschreiben. Gewiß haben dabei auch die leitenden Staatsmänner beider Reiche fleißig und verständnisvoll mitge- arbeitet, aber gerade bei dem Verhältnisse zwischen Deutschland und Rußland haben die persönlichen Beziehungen «.er beiden Monarchen zu einander Imrer eine bedeutende Rolle gespielt. t"'lA ist das Ergebnis der Abmachungen von Potsdam der Form nicht festgestellt, aber die Mißstimmung getmnet Kreise in London und' Paris und die Ränke, die von dort aus in letzter Zeit mit unbeimlichem Eifer gesponnen werden, zeigen zur Genüge, daß der Potsdamer Begegnung eine für die Freunde des Friedens hoch- erfreuliche Bedeutung innewohnt. Hatte der Kaiser vor einigen Jahren durch ein zwar gut gemeintes aber falsches Heraustteten ht der äußeren Politik auch bei monarchischen Kreise« Anstoß erregt, so mag ihm das heute vergesse« fein-
Daß der Kaiser in die innere Polittk sich nicht einm ,t ift ein alter guter Grundsatz. So kann der parteipolitische Hader ruhig weiter toben, ohne daß er die Stufen des Thrones berührte. Und wenn eine temperamentvolle und lief religiöse Rede unseres Kaisers von den tetifisfeinblid'e« Agitatoren einem der heute beliebten Entrüstungsrummel benutzt wurde und auch besonnene und ruhige Kreise davon angesteckt wurden, so ist das heute vergessen und mancher hat eingesehen, daß et ibm bitter unrecht tat. Auch unser Kaiser hat das Recht zu sagen, was er denkt. Aber wir wollen die unerquickliche Debatte gerade heute nicht wieder heraufbeschwören. Das deutsche Bolk ist und bleibt ein monarchisches in seinem innersten Denken und bringt auch heute dem Kaiser seine Huldigung dar, bet wieder ein Jahr uns einen ehrenvollen Frieden erhalten, uns votangesibritten ist auf dem Wege der vorwärts fühtt, und hoffentlich noch lange an der Spitze des deutschen Reiches stehen wird.
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(Et vergaß in feinem Aerger, baß Ruth be« Damen ganz fremd wat. Wäre er gerecht gewesen, hätte er sich sagen müssen, baß Hilbe sich eher iw Ton vergriffen hatte urb fast aufdringlich wirkte im Bestreben, um jeben Preis zu bezaubern. Aber er wat nicht gerecht in diesem Augenblick. Die ungeliebte Ruth wat im Nachteil gegen bie junge Dame, der sein heißes Herz voll Sehi sucht entgegengeschlagen, bis fie ihm gezeigt, baß fie ihm noch begehrenswerter, als bie stille, kühl empfinbenbe Ruth, wenn et fich auch dagegen wehrte.
Die Generalin schlug Ruth gegenüber benselbe« T"N an, wie gegen Hans Rochus Er sollte mutter« l'h gütig sein, wirkte aber gezwungen unb unwahr Die Worte waren eitel Liebe unb Gitte, fie klangen aber nicht herzlich erwärmend. R'^h fühlte bas sehr wohl. Cie blieb bieser Frau gegenüber innerlich ebenso kühl wie gegen Hilde. Nach Ablauf bet üb- li^en Visitenzeit gab Hans Rochus einen Wink, den Besuch abzubrechen, er wurde quälend für ihn.
Ruth verstand ihn sofott und verabschiedete sich. Während ihr die Generalin wortreich verfichette, wie seht fie fich gefreut, Ruth fern en zu lernen, trat Hilde dicht an Hans Rochus heran und sah betörend in seine Augen.
„Armer Hans Rochus, komm bald wieder, daß ich dich zum Auftauen bringe. Ski bet erstarrt ja alle» ftöhliche Leben," flüsterte fie ihm zu
Ihre Worte berühtten in seht unangenehm, zn- mal fie fich gleich barauf mit überschwenglicher Herzlichkeit von Ruth verabschledete
Sie wat doch falsch und unwahr in jeder Beziehung. So bezanbetiü» et ihre Liebenswürdigkeit kurz zuvor auch gefunden hatte, ihre eigenen Wort» stempelte» ihr Benehmen jn einer Lüge.
(Fortsetzung folgt.) W '