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Erstes Blatt

Der heutiqen Auflage für den Kreis Kirkham liegt Kreisblatt Nr. 6a bei.

46. Jahrg.

1911.

Marburg

Sonntag, 22. Januar

Moderne Völkerwanderungen.

Eine Unruhe ist in die Welt gekommen, wie pe erweislich in früheren Zetten nie vorhanden war. Eine Völkerwanderung hat begonnen, die an Ausdehnung, ziffernmäßig sowohl wie geo- graphisch, die Eroberungsfahrten der Goten, Franken, Angeln, Langobarden, wie der Hunnen und Bulgaren weit in den Schatten stellt. Als die Araber aufbrachen, um die Weltherrschaft zu erringen, betrug ihre Zahl kaum md)t als fünf Millionen. Auch Tibet, das einst ein Reich von Fergana bis zum bengalischen Meerbusen auf­baute, hat wohl nie mehr als drei Millionen be­sessen; selbst in Germanien sollen zu Varus Zet­ten nicht mehr als fünf Millionen gewesen sein. Und nun bedenke man, daß seit Napoleon mehr Deutsche, als damals zwischen Fels und Meer wohnten, im ganzen über zwanzig Millionen Germanen nach den Gefilden Nordamerikas ge­zogen find.

Aehnlich hat sich eine Völkerflut nach Süd­amerika, Südafrika, Australien und Nordasten ergossen; eine kleinere wurde an die nordafri- kanifchen Küsten gelockt. So entstanden fünf Neu- Europas jenseits de» Ozeans und jenseits de» Urals.

Ein Gegenstrom setzte ein. Unzählige Scharen von Chinesen brachen nach der Mandschurei und Mongolei auf, nach Amerika und Australien, nach Siam und Jnselasien. Auch die Japaner und Koreaner kamen in Bewegung. Indische Bany- anen fiedelten zu zehntausenden nach Ost- und Südafrika über. Kaum ein Erdwinkel blieb von dem Völkerwirbelwind verschont. Afghanen find tn Sanfibar und Delagoa zu treffen; andere Afghanen verloren sich bi» ins fernste Australien. Aus der Gegend von Taschkand wanderten Deutsche nach Nebraska; umgekehrt haben sich ste- benbürgische Deutsche und solche von der Halb­insel Krim in Sibirien angekauft. Osmanen findet man von Marokko bis Dar-es-Salaam und Kochinchina. Armenische Kolonien gibt es in Rumänien und Kalifornien, syrische in Havanna und Newyork. Vor 15 Jahren gründeten austra­lische Unzufriedene eine sozialistische Gemeinde in Paraguay. Auf Hawat kann man sich mit Zuckerpfl^-zungsarbeitern aus den Azoren unter­halten, wahrend südlich von San Francisco bis hinunter nach Monte Rey starke portugiesische Niederlassungen bestehen, die eine eigene große

Zeitung,El Avauto" (Herald), besitzen. Vor­trefflichen Rotwein kredenzt man in einem ita­lienischen Dorfe nördlich von Elbrus, dem König des Kaukasus, und Montenegriner, die in Argen­tinien gearbeitet hatten, waren dort ebenfalls zu finden, auch andere, die etwas Suaheli spra­chen sie hatten bet dem Bahnbau der Morn- bassabahn mitgeholfen. Baskische Kolonien blü­hen in Argentinien und Polen spielen eine große Rolle in Chicago, Pittsburg, Rio de Buenos. Noch in dem letzten halben Menschenalter find fünf Millionen Slawen nach Sibirien gezogen, und in einem einzigen Jahre geht über eine Mil­lion von Auswanderern, meist Italiener und Osteuropäer, nach den Vereinigten Staaten. In Neuyork allein Hausen jetzt 760 000 Juden. Zu dieser Völkerwanderung gesellt sich noch eine ge­waltige Binnenwanderung. Sie war in dieser Ausdehnung seit einem halben Jahrhundert, seit der Besiedelung der Ostmarken und dem Mon­golentum nicht vorhanden. Und auch si: zeigt sich in allen Ländern. China hatte die letzte große Binnenwanderung erlebt, als von allen Provin­zen des Blumenkönigreiches aus landgierige Bauern nach Szedschwan strömten, das jetzt nicht weniger als 80 Millionen Einwohner zählt. Neuerdings ist nun das Reich seit den großen Er­schütterungen von 1894,1900 und 1904 in größter Bewegung. An fünf Millionen sollen bereits in diesem Jahrhundert aus dem eigentlichen China allein nach der Mongolei und Man­dschurei abgewandert sein. Auch bei uns ist die binnenlänsische Unruhe spürbar geworden. Kom­men doch Jahr für Jahr hunderttausend« slawi­scher. italienischer und holländischer. Arbeiter über unsere Grenzen und sitzt doch schon eine Drittel Million von polnischen Proletariern in Westfalen und am linken Ufer des Riederrheins fest. Schon gibt es nur noch wenige große Güter im Hanoverschen und in Nordthüringen, die sich nicht polnischer, bulgarischer, serbischer und slo- vakischer Tagelöhner bedienten. In allerjüngster Zeit hat der Strom sogar schon die deutschen Deiche an der Westgrenze durchbrochen und be­ginnt nun Frankreich zu überfluten. Polnische Arbeiter wurden in vollgestopften Eisenbahn­zügen über WienBregenz nach den Hütten­werken von Rancy und dessen nördlicher Um­gebung befördert. Ebenso lebhaft ist, offenbar durch di« bedrohlichen gelben Vorstöße gereizt, die russiiche Binnenwanderung geworden; sie warf seit 1907 alljährlich dreiviertel Millionen Muschiks über den Ural. Und nun denke man endlich an die Landflucht und Stadtsucht. Aber nicht allein, daß da» platte Land zugunsten der Städter entvölkert wird, viele Piemontesen gehen nach Mailand und Rom, Basken nach Ma­drid und Barcelona, Gascogner, sowie Leute der Normandie und Picardie nach Paris. In Mün­chen ist eine norddeutsche Kolonie, die auf 35 000 Seelen geschätzt wird.

Durch das gewaltige Phänomen, genannt Völkerwanderung, wurde das römische Reich von

Grund aus umgestaltet. Auch die großen mo- | deinen Wanderungen werden gewiß nicht ohne Einfluß auf die Kinematik und Chemie heutiger Staaten bleiben. Einst kamen arme Germanen landfordernd in die Kulturzone des Südens. Jetzt drängen sich arme Slawen lohnheischend in den Dienst der Deutschen. Aber wir find besser gerüstet, al» die Zeitgenossen eines Marc Aurel und Caracalla.

Direftors. Das hat einen Sturm in der lehren­den Männerwelt erregt und sämtliche Lehrer Preußens petitionieren beim Kultusministerium darum, daß man nur dort einFräulein Direk­tor" ernenne, wo keine männlichen Lehrer ihr unterstellt find. Dagegen protestieren jetzt in einer soeben veröffentlichten Eingabe sämtliche Organisationen preußischer Volks-, Mittelschul- und Gymnasiallehrerinnen voll Entrüstung darüber, daß sie lediglich um ihre» Geschlechts willen alsminderwertig" gelten sollen. Das ist wohl ein Irrtum. Nicht minderwertig, son­dern andersartig, nämlich Gehülfin, nicht Haupt des Mannes. Aus den soeben veröffentlichten Richtlinien zur Neuordnung des höheren Mäd­chenschulwesens im Eroßherzogtum Hessen bezüg­lich der Leitung öffentlicher Mädchenschulen geht hervor daß an der männlichen Leitung festgehal­ten werden soll. Diese Entscheidung wird auf eine Eingabe an das Ministerium zurückgeführt, die von sämtlichen Lebrern der höheren Mäd­chenschulen Hessens unterschrieben war.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten

Es gibt auch andere Bühnen. Nicht Residenz theater, Thalia oder Luisentheater, Cariweiß oder sonst etwas. Nein, wir haben eine ganze stille ver­schwiegene Weinstube, wo man Bier trinkt. Da tagt der Club der Bühnenlchüler und -Schülerinnen, k in- Lesenroben find seelische Erhebungen. Weil nur ein Vorhang dazwischen ist, kann tmn zubören Die Autoren bewegen fich von Mener-Förster ab­wärts, und kommt ein Fremdwort, gibt es eine Kata­strophe. Diese Jünglinge bestätigen dir herablassend, daß der Faust einegu»e Komödie" ist und wissen genau, wie das Streichholz zu halten ist. um den schwarzen Schminkstrich am unteren Augenrand za macken. Sie sind so robust-egoisttsch. daß sie nur Rollen" kennen, und wer nicht et a darauf schwüre, daß sie Künstler find, den würden sie derart verächt­lich ansehen, daß er in den Soffleurkasten fiele. Unter den Mägdlein sind auch Bürgerstöckter, und die ran­gierten Eltern bekommen auf die Art einen Abglanz der Kunst, spüren ihr Odem nd haben das golden« Mäzenontengefühl, wenn sie enpass^nt mal eine Marl in die Vereinskasse stiften. Die Aufführungen dauern ein bißchen lange, zumal jedes S'ück fünf Akte hat und der Souffleur nicht immer gut ist. Nachher aber wird getanzt. Ebenso begeistert, wie vorher gespielt wurde und wenn man denDirektor" fragt, wie er zufrieden sei, dann schwält seine Elücksel gkeit über sein Antlitz, solche Zufriedenheit mit der eigenen Leistung, als sei Reinhardt ein Stümper gegen ihn, als habe er dos Deutsche Reich gegründet, oder würde an seinem Theater, bei dem er bisher m»r Diener mimte, wirklich eineRolle" bekommen. $ schwindet dann jedes Spottgestshl «nd man seufzt neidisch: Glückliche Leutchenl

da» Hohelied vom deutschen Vaterland besonder» stolz und feurig, stand doch inmitten des Abends zwischen dem Schlägerklirren und der Becherfreude der Jugend ein Terzett von Knaben, jugendlicher Greise, die mir ihrem Wort die Versammlung entzündeten: Colmar von der Goltz, Adolph Wagner, Hofprediger Rogge. Der hielt die Andacht damals vor dem gewaltigen Ereignis von Versailles, er trat in jenem denk­würdigen Augenblick zwischen Gott, den König und sein Volk, und die Erinnerung an die denkwürdigen Stunden zitterte noch in der Sttmme des Hochbe­tagten und trug ttefste Bewegung ins Herz der Hörer. Vor vierzig Jahren. Colmar von der Goltz gedachte der Schlachten, der vergangenen und der kommen­den, denn er ließ keinen Zweifel, daß sie kommen wer­den. Adolph Wagner aber rief wieder und immer wieder den Jungen zu, sie sollten fich nicht die Freude am Reich vernörgeln und verekeln lassen. Es gibt Leute, die leicht ein bißchen darüber spötteln, daß der alte Herr sachlich meistens dasselbe sagt. Ist e» nicht etwas Herrliches um solche Kämpfernatur? Die das, was sie als Recht und Pflicht erkannt hat, mit Auf­opferung der letzten Kraft bis zur Schwelle des Todes verficht? Immer wieder und immer wieder, voll Trotz und Angriffsfreude, und gar voll Erbitternngs- fähigkeit?

Nach vierzig Jahren. Ausgerechnet am 18. Januar hält betNeue Club" im Cafe Austria seinReo- pathettsches Cabaret". Neopathetisch, ein schönes Wort, wers recht verstünde. Von Colmar von der Goltz bis zu dem kleinen schmächtigen Jüngling, der seine kulttvterten Zöpfchen vorträgt, ist ein weiter Weg. Die Gründung de» Deutschen Reiches stört diese Konventikel wenig. Eine Zeile von Stefan George ist ihnen mehr, und mit verständnisvollstem

Deutsches 'Reich-

Die Rückreise des Kronprinzen. DiePost" bringt in Nr. 34 einen Artikel, in der sie die Vermutung ausspricht, daß der Kronprinz wegen der in der Mandschurei herrschenden Pest, seinen Rückweg nicht, wie bisher geplant, über Nord­china und die mandschurische Bahn nach Europa nehmen wird. Jedenfalls würde aber wohl ver­mieden werden, denselben Weg zur Rückreise ein­zuschlagen als auf der Hinreise. Es bliebe affo wohl nur der Weg um Afrika herum mit dem Be­such unserer Sckutzaebiete oder über Amerika.

Trauerfeier für die Beruuglückten desA 1". Kiel, 20. Jan. In der Marine-Garnisonskirche fand heute Nachmittag 3 Uhr für die auf dem Untersee­bootU 3" Verunglückten, .Kapitänleutnant Flscker Leutnant Kalbe und den Torpedo-Matrosen Riepei eine Trauerfeier statt. Die drei Särge waren vor dem Altar aufgebahrt. Frau Prinzessin Heinrich von Preußen war in Begleitung des Prinzen Waldemar und Sigismund erschienen und legte an jedem Sarge ein weißes Blumenkreuz nieder. Marine-Ober- pfarret Goedel hielt die Gedächtnisrede, in der et sagte, daß die Verunglückten in treuester Pslickter- füllung auf ihrem Posten ausharrend, wie Helden für das Vaterland gestorben fei n. Unterofkiziere des HebeschiffesVulkan" und der Unterseeboots- Flottillen hoben alsdann die Särge der beiden Offiziere auf und brachten sie auf zwei bereitstebende vierspännige Leichenwagen. Unter Trauermusik setzte sich bet Leichenzug nach bem Bahnhof in Bewegung. Hinter ben Leichenwagen folgten bie Angehörigen, bte Abmitalität mit bem Chef der Marinestation ; der Ostsee, Vizeadmiral Schroeder, und dem Im spekteur des Torpedowesens, Kontreadmiral Laus, an bet Spitze, die dienstfreien Offiziere, die Be­satzungen der Unterseeboot.Flottillen, Abordnungen der Hochseeflotte, der Garnison und des Kriegerver- eins von Kiel und Umgegend. Auf dem Babnhof wurden die Särge zur lleberführung nach Darm­stadt und Berlin in Eisenbahnwagen eingesetzt Die Ehrenkompagnie feuerte den Trauersalut. Die Be-

Berliner Allerlei.

18. Januar. Drei alte Knaben. Neopathetiker. Heberbühne. Hauptmann»Ratten". Unter­bühne.

Lot vierzig Jahren", da» war bie Losung über­all, wo man hinkam, wo man etwas las und hörte. Und doch hat fich Berlin nicht mit Flaggen übetan- ffrengt, und die Präsidenten beider Häuser am Königsplatz und in der Albrechtstraße hielten feine Daueransprache. Komisch, gerade von linkslieberaler Seite ist ihnen das verdacht worden. Drei Preßver- iretct dieser Richtung stürzen nacheinander im Par­lament auf mich zu, gänzlich unabhängig von ein­ander. Sie äußern ihre Entrüstung darüber. Der ge­schäftige Berireter desMattn" stürzt ebenfalls auf mich zu und äußert seine Begeisterung übet dievor­nehme" Ruhe, mit bet mau in Berlin des Vergan­genen gedenkt. Man vermag weder Entrüstung noch dies: Begeisterung zu teilen. Wo alle Leitartikel und Cedächtnisskizzen dieser Tage voll waren und find von der großen unvergleichlichen Zeit, da be­durfte es keiner schöngeistigen Expektorationen. Dir nackte Tatsache genügte, bet schlichte Hinweis, um alle Eedankenreihen in Reichs- unb Landboten aus­zulösen, bie erforbetlich schienen.

Die schönste Gedächtnisfeier war wohl bet große Reichskommers bes Vereins Deutscher Studenten. Auf ihm putft ja alljährlich ein letenbtger Herzschlag nationalen Lebens, Jugend und Alter finden ihre »erührungspunkte vaterländischen Wollens, gedenken de» Vergangenen, beurteilen Gegenwärtiges, geloben Zukünftige». Ein glanzvoller und interessanter Krete kam stet» dort zusammen. Diesmal aber klang

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Snobismus find viele von ihnen bereit, auch ben größten Uebetquatsch anbetend zu vernehmen. Nicht alle, und immerhin ist viel gesteigerte Kultur da zu finden. Die Neopathetiker find zum Teil besser, als ihr Rufname, unb haben sie mit ihren geschächteten blutentleerten Seelchen auch wenig mit bem Blut und Eisen von anno 70 zu tun, nehmen fh auch statt des Erzes lieber Japanpapier und »erachten sie auch jede Andeutung von Kraft wie etwas Widriges, die Tragödie der Impotenz will es, daß jetzt hier aus­nahmsweise ein saftiger und prachtvoller Raturatts- mus den höchsten Anklang findet. Elfe Lasker- Schüler liest aus ihrem Drama dieDie Wupper" vor. Lebendigste Armeleutemalerei der Hauptmann- schen Weberzeit, Viebigsche Landschaftssttmmung schweigt zwischen den Zeilen. Die überweltlichen Reo- (weiß Gott, was für) isten, sie kriechen bescheiden zurück zum zehnmal verachteten Naturalismus und wollen ihn in fiebernder Sehnsucht von den Toten auferwecken. Der aber lacht sie aus und zeigt ihnen, daß er in feiner robusten Konstitution eigentlich noch garnicht tot gewesen ist.

Es liegt Gerhart Hauptmanns Kante in der Luft, aber man denkt immer nur an Else Lehmann, Haupt­mann hat so viel für uns getan, ist ein so Verehrungs- würdtger, daß man ihn nicht überflüssiger Weise mit schnoddrigem Wort verletzen sollte. Aber was bleibt schließlich sonst viel übrig? Geduld und Schweigen ist da wohl das Beste, denn die Ratten, die das fin­kende Schiff verlassen, haben noch selten eine glor­reiche Figur gemacht. Reinhardts Ueberbühne und Zirkusgewalt bändigt wohl bald die Massen, in­dessen Brahm durch ein paar seiner einzigen Künstler selbst am untauglichen Objett bie Erößr inneren |> Lebens zeigt.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

unb ben Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwittschastliche Beilage.

TicOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und geu ringe. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch >tc P-ck bezogen 2.25 (ohne Bestellgeld), bei unseren Zertt-ngsstellen unö bc: Apäition (Markt 21), 200 M frei ins Haus (Für unver- la.tgt zugesandte Manuskripte übernimmt bie Redaktion fernerler Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch, (Inh.: Dr. Hitzeroth.) Markt 21, Telephon 55.

Politische Umschau.

Student und Politik.

Bor etlichen Jahrhunderten, al» selbst grau­haarige Männer nochstudierenshalber" die Universitäten beehrten, waren die Hochschulen der Sitz der Politik, die Professoren die obersten Richter in Staatsrechtsfragen, die Studenten eine Armee der öffentlichen Meinung. Prag verödete als die Musensöhne wegzogen. Auch Wien wurde einmal leer. Ebenso ging es un­seren Universitäten, wenn die Jugend gegen kon­fessionelle oder politische Vergewaltigung oder gegen Einschränkung ihresWaffenrechts" pro­testieren wollte. Was aber vor Jahrhunderten Recht war, ist heute nicht billig, denn heute ist die Universität nicht mehr Brennpunkt der po-- lilischen Welt, sondern einfach Stätte der aka­demischen Berufsbildung. An der tterärztlichen Hochschule in Hannoverstreiken" jetzt die Stu­denten, weil ihr Direktor nicht Rektor geworden t ist; weil sie noch nicht die Universitätsverfassung erhalten haben. Aber das geht sie doch nichts an, sondern nur die Regierung und den Landtag. In Königsberg-aber habe« <m 150 Studenten fich als Wahlschlepper für Labiau-Wehlau ver- ftachien lassen, weswegen jetzt eine Disziplinar- untersuchung gegen sie eingeleitet wird. An fich das möchten wir ausdrücklich feststellen ist dagegen nichts einzuwenden; was den natio­nalen Parteien 1907 in Halle, Leipzig und an­derswo zugebilligt wurde, kann den Freisinnigen in Labiau nicht verwehrt werden. Aber erstens ging es hier Arm in Arm mit der Sozialdemo­kratie, und schon das ist unschicklich für Ange­hörige eines Staatsinstituts, und zweitens sind die Herren alsSandwichmänner" mit Plakaten auf Brust und Rücken einhergewandelt, die, ge­linde gesagt, der akademischen Würde wider­sprechen.

Fräulein Direktor.

Manche Bauernfrau regiert mit so kräftiger Faust ihren Hof, daß der Großknecht höllischen Respett vor ihr hat, mehr als vor einem Manns­bild. Aber sie wird nie den Versuch machen, unter Eleichstehenden zu herrschen, etwa Ge­meindevorsteher oder Feuerwehr-Kommandant werden zu wollen. Solche Gelüste kommen nur mit derhöheren Bildung". Seitdem unsere Damen mit allen Reckten studieren und richtige Oberlebrerin werden können, wollen sie auch die letzte Stufe erklimmen, die zur Stellung des