mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beil^e.
1911
Erstes Blatt
nur ein Radikalmittel, die staatliche Festsetzung von Mindestlöhnen. Dieses Verlangen rst sehr kühn; aber wenn man hört, daß elfköpfige Familien bei täglich 14stündiger Arbeit auf einen Wochenverdienst von 22 Mark kommen, dann vergeht einem allerdings der Stolz auf den „Aufschwung der deutschen Industrie". Die Industrie mutz mit dieser mittelalterlichen Frohn selbst aufräumen.
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Politische Umschau.
Die Schissahrtsabgabe«.
Aussig i. Böhmen, 15. Ian. Die auf Einladung der Reichenberger Handels- und Eewerbekammer hier tagende, von Regierungsvertretern, Handelskammermitgliedern, Verkehrs- und Schiffahrtsinteressenten besuchte Versammlung beschloß, die Regierung zu ersuchen, an der vollen und unbedingten Freiheit der Elbeschiffahrt festzuhalten und die Verhandlungen über die Zulassung der Schiffahrtsabgaben auch dann abzulehnen, wenn für die Aenderung der Staatsverträge nach dieser Richtung hin Kompensationen gleich welcher Art in Aussicht gestellt werden sollen. Namens des österreichischen Handelsministeriums erklärte Sektionschef Riedl, die österreichische Negierung werde an ihrem, dir Schiffahrtsabgaben ablehneudea Standpunkte unbedingt festhalten, doch stehe die Loyalität der preußischen Regierung, die der Referent Löbl in Zweifel gezogen habe, außer Zweifel. Oberstlandmarschallstellvertreter Urban sprach den Wunsch und die Hoffnung aus, daß die herzlichen Beziehungen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands unter allen Umständen unverändert bleiben.
Hausarbeitstage.
Uns find die grauenhaften Aufklärungen der Berliner Heimarbeitsausstellungen in Erinnerung, wo wir erfahren mußten, daß in Deutschland jedes achte Schulkind gewerblich tätig ist, oft schon von 4, Ja 3 Uhr morgens an bis Schulbeginn, und daß diese Heimarbeit im Durchschnitt mit 3% Pfennig die Stunde bezahlt wird. Ganze Industrien bet uns lasten nicht mehr in Fabriksäulen arbeiten, sondern geben alles den billigen „Abholern", für die keine Marken zu kleben und keine sanitären Einrichtungen zu schaffen sind. Nun sollen die Heimarbeiter unter die Segnungen der sozialen Gesetzgebung gestellt werden und der Entwurf des Heimarbeitsgesetzes liegt dem Reichstag vor. Leider sei das eine wohlmeinende Arbeit vom grünen Tisch, sagt der Hausarbeitstag, der soeben in Berlin unter Assistenz unserer ersten Sozialpolitiker getagt hat: in der Praxis komme nur eine neue Belastung der Aermsten heraus. Es helfe
verbündeten Regierungen ständen auf dem Standpunkt, daß der Kreisausschuß den Vorstand der Landkasien ernennen müste. Die von der Vorlage abweichenden Beschlüsse der Kom» mistion seien unannehmbar. Schließlich wird nach teilweise heftiger Debatte § 343 unter Annahme einiger Zentrumsanträge wiederhergestellt. Dafür stimmten 4 Mitglieder des Zentrums, ferner die Konservativen und die Nationalliberalen, im ganzen 15, dagegen 11. § 343 Abs. 1 lautet nun: Bei den Landkrankenkasten wählt der Eemeindeverband den Vorsitzenden und die anderen Mitglieder des Vorstandes, darunter einen oder mehrere Stellvertreter des Vorsitzenden. Diese Mitglieder müssen zu einem Drittel aus den beteiligten Arbeitgebern und zu zwei Drittel aus den beteiligten Versicherten bestimmt werden.
— Volkszählung. Dresden, 18. Jan. Rach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis ergab di« Volkszählung im Königreich Sachsen rund 4 797 700 Einwohner gegen 4 508 600 im Jahre 1905. Das bedeutet eine Vermehrung um 6,41 Prozent.
— Zu« Zweckverbandsgesetz. In der linksliberalen Preste, insbesondere in solchen Organen, die mit de« Linksliberalismus in der Berliner Stadtverordnetenversammlung im Zusammenhänge stehen, wird gegen den Entwurf des Gesetzes üler die B'ldung des Zweckverbandes Groß-Berlin lebhafte Kritik an oer Bestimmung geübt, das der Stadt Berlin, abgesehen von dem Vorsitz in der Brrbandeversammlung, nur ein Drittel der Stimmen zufallen soll, und es wirb dar.., eine schwerwiegende Benachteiligung der Haupt- und Residenzstadt erblickt. Demgegenüber mag daran erinnert werden, daß diese Ordnui g des Stimmvrr- hältniss« durchaus derjenigen R gelung entspricht, die von der Stadt Berlin selbst für den schließlich doch nicht zustande gekommenen freiwilligen Verkehrszweckverband vorgeschlagen war. Das hat bei der Beratung des freikonservativen Antrags auf gesetzmäßige Bildung eines Zweckverbandes Groß-Berlin in der letzten Landtagssession der Abgeordnete Eastel, der stellvertretende Vorsitzende der Berliner Stadtverordnetenversammlung, mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Wenn also jetzt die Staatsregierung in ihren Vorschlägen auf die Ordnung des Sttmmver- hä.tnistes zurückgreift, die von der Stadt Berlin selbst für einen Zweckverband ähnlicher Art in Aussicht genommen war, so wird man bei sachlicher Beurteilung den Vorwurf der Absicht einer Ben ch- teiligung der Interessen der Stadt Berlin nicht machen können.
— Di« Kanalisierung der Mosel und Saar. Saarbrücken, 18. Jan. Die Stadtverordneten, die sich heute auch mit der Frage der Kanalisierung von Mosel und Saare beschäftigten, beschlossen einmütig, von dem Standpunkt auszugehen, daß die Kanalisierung der Mosel und Saar eine Lebensfrage für die Stadt sei, eine Petttion an den Reichstag zu richten, die die Aufnahme der Mosel und Saar- Kanalifierung in den Gesetzentwr rf betreffend den Ausbau der deutschen Wasserstraßen bezweckt, soweit
Unsere rechte Flanke.
Aus militärischen Kreisen wird uns geschrieben:
Die französische und englische Presse arbeitet mit Hochdruck daran, daß die Scheldemündung offen bleibe, und Holland das wichtige Vlistingen nicht mit modernen Befesttgungen verseh«. Die Gründe für die erneute Hetze liegen klar zu Tage. Die 4 oder 5 Armeen, die Frankreich gegen uns an der deutschen Westgrenze in einem zukünftigen Kriege aufmarschieren lasten würde, finden bei der heutigen Ausdehnung der Eefechtsfronten an sich schon kaum Platz. Rechnet man nun auf die Unterstützung des in den letzten Jahren sorgsam ausgebautcn englischen Expeditionsheeres, dessen Qualitäten man vor allem Än Kleinkriege ja nicht unterschätzen soll, so ergibt sich die Frage, wo es Verwendung gegen uns finden soll. Auf dem linken Flügel der französischen Armeen ist kein Platz. Dazu ist die französisch-deutsch« Grenze nicht lang genug. Es kann also nur eine Verwendung gegen unseren rechten Flügel von Holland oder Belgien aus finden. Eine Landung in Dänemark kommt hierbei noch nicht in Betracht. Die deutsche Flotte würde im Gebiete der Nordsee der vereinigten englisch-französischen gegenüberstehen und strategisch auf die Defensive verwiesen sein. Da aber an einer engen Blockade der deutschen Nordseeküste dem Feinde gelegen sein muß. hat er alles Interesse daran, daß die vereinigten Blockadeflotten möglichst nahe der deutschen Küste einen Stützpunkt haben, auf den sie sich jederzeit ganz oder teilweise zurückziehen könnten. Dieser ideale Stützpunkt ist Vlistingen.
-Solange Belgien und Holland neutral find, find wir also einer großen Sorge enthoben. Unser rechter Flüg-l ist gedeckt und wir haben nicht da, mindeste Interests daran, daß diese beiden Staaten ihre kleinen, aber immerhin leistungsfähigen Armeen gegen uns verwenden. Belgien mit seinem befestigten Maastale. Holland mit seinem militärischen Unternehmungen außerordentlich hindernden Kanalnetze, das schon wiederholt in der Kriegsgeschichte für Angreifer eine Rolle gespielt hat, würden unsere Truppen wenigstens in sehr unerwünschter Weise aufhalten. Nur im Falle der Not würde fich Deutschland entschließen, einem englischen Einfalle zuvorzukommen. Wenn nun auch Holland angeblich unterlassen hat, die Provinz Limburg zu befestigen, und unsere politischen Gegner diese Unterlassung den Holländern übel deuten, so darf doch nicht vergessen werden, daß der holländische Teil der Maa» so außerordentliche Eeländeschwierigketten bietet, daß selbst die kleine holländische Armee in diesem Bezirke unser» Vormarsch sehr lange aufhalten könnte, ohn« dabei kostspielige permanente Befestigungen zu errichten, die Zubern der mobilen Armee zu viel Kräfte wegnehmen würden.
Vlistingen als Stützpunkt der deutschen Flotte kommt aber garnicht in Betracht, da wir von hier aus mit unseren großen Mrainestationen eine fichere Verbindung nicht aufrecht erhalten können. Anders
Deutsches Reich.
— Prinzregent und Kaiser. München, 28. Jan. Die „Münch. Reuest. Nacht." melden: Die von dem Prinzregenten anläßlich des 40. Jahrestages der Gründung des Deutschen Reiches an die höchsten Reichsbeamten verliehenen Ordensauszeichnungen riefen bei dem Kaiser ganz besondere Freude hervor. Das Blatt erfährt: Der Kaiser ließ den preußischen Gesandten durch den Reichskanzler beauftragen, dem Prinzregenten für dieses neue Zeichen vaterländischer Empfindung in einer Audienz seinen wärmsten Dank zu übermitteln.
— Eriunerungsfeier an den Tag der Reichs« grfindung. Berlin, 18. Jan. Die nationalliberale Partei feierte in den großen Repräsen- totionssälen des Abgeordnetenhauses die Erinnerung an den Tag der Reichsgründung. Zahlreich« Abgeordnete der Partei, Bassermann an der Spitze, Mitglieder des Herrenhauses, darunter Staatsminister Möller, Graf Hutten und Czapski und zahlreiche Parteifreunde waren erschienen., Bassermann hielt eine längere eindrucksvolle Rede mit einem Rückblick auf die Entwicklung der Einigungsidee während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und verweilte insbesondere bei den Ereignissen zur Zeit der Reichsgründung, wobei er die tätige Mitwirkung der Rationalliberalen in allen Stadien der Entwicklung hervorhob, namentlich ihre konsequente Politik inbezug auf die Erstarkung der Wehrmittel des Reiches zu Lande und zur See, welche später auch von anderen Parteien befolgt wurde. Bassermann schloß mit einem Hoch auf den Deutschen Kaiser, das Deutsche Reich und das Deutsche Volk. (Lebhafter Beifall.) Nachher verlas Generalsekretär Breithaupt die Be- grüßungsteleqramme und trug schwungvoll einen in gebundener Form gehaltenen Spruch auf die großen Zeiten im Leben des Volkes vor, von lebhaftem Beifall begrüßt. Die Eefellfchaft blieb lange in den gastlichen Räumen in angeregter Unterhaltung zusammen.
— Die Reicksverstcherungskommissio». Berlin, 18. Ian. Die Kommission des Reichstages setzt« di« Beratung über § 343 fort: „Bestellung des Vorstandes und des Vorsitzenden an Landkrankenkassen." Nachdem fich verschiedene Redner geäußert hatten, erklärte der Ministerialdirektor Kaspar, die
liegt die Frage für die Engländer und sogar für die I Franzosen. Nichts ist für das schlechte Gewissen der beiden Mächte, die uns in Verdacht bringen, daß wir die Hand auf die Heinen neutralen Staaten legen wollen, bezeichnender, als die Wut,- die fich in den Angriffen auf die Holländer, welche diesen wichttgen Punkt gegen einen Handstreich sichern wollen, zeigt. Sollten England und Frankreich allerdings einen Landungsversuch in Vlistingen machen, dann würde neben Frankreich noch Holland und vielleicht auch Belgien die Kosten trögen müst n. Wer auch der Sieger sei, das wichtige Seeland und der Bezirk Antwerpen würden als willkommene Beute in die Hände des Siegers gelangen, der damit die Kontrolle über den zweitwichtigsten deutschen Wasserweg, den Rhein, aus alle Zeiten ausüben würde. Darum tun die beiden neutralen Staaten gut. wenn sie nach Möglichkeit gegen einen solchen Handstreich sich sichern, an dem nur England und Frankreich, nicht aber das Deutsche Reich dn Interesse haben können..
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18 (Na-bdruck verboten.)
Der stille See.
Roman von H. Courths-Mahler.
t Fortt etzung.s
„Da ist bie Auswahl nicht so sehr groß. Wenigstens nicht hier bei uns. Er muß ficher a - einen anderen Platz gehen."
„Hml Vielleicht finde ich e^-as für ihn, wenn ich nach der Hochzeit mit Kracht auf Reifen gehe. Ich will es mir angelegen sein lasten. Schli blich muß man etwas tun für seine Verwandten." Sie lachte.
In diesem Augenblick ertönte draußen die Vor- saalfltngel. Hilde hob lauschend t:n Kopf.
„Das wird Hans Rochus fein, Ma io. Du läßt mich wohl eine Weile mit ihm allein, damit ich ihm meine Verlobung schonend beibringen fann."
Die Generalin nickte. Gleich darauf meldete das Mädchen Graf Rochsberg. Hans tiat ein und tüßtr den beiden Damen zur Begrüßung die Hand. Er et» funbtgte fich nach ihrem Befinden und ließ seine Augen dabei nicht von Hildes süßem, liebreizendem Geficht. Sie erschien ihm schöner und holdseliger denn je.
Die Generalin Hopste ihm mütterlich auf die Schultern.
„Wie steht es um Rochsberg, Hans Rochus? Hast du mit Ravenport fonferiert?“
„Ja, gnädigste Tante" — er nannte die Generalin immer so, obgleich der Verwandschaftsgrad «in sehr weitläufiger war —, „ich habe völlige Klarheit über meine Verhältnisse. Rochsberg ist bereits start überschuldet."
Die beiden Damen sahen ihn erschrocken an.
„So schlimm steht es?“ fragte die Generalin, ihn mitleidg betrachtend. „Was willst du nun tun?“
Han« Rochus hätte nun, um die Besorgnis zu zer- i streuen, losort von seiner Verlobung mtt Ruth I
Ravenport berichten tönnen, aber es war ihm in diesem Augenblick nicht möglich. Hildes Augen sahen ihn so teilnehmend und zättlich an. daß er alles ander» vergaß. Die Sorge, ihr einen Schmerz zufügen zu müssen, drückte ihn schwer.
„Ich bin noch nicht mit mir zu Rate gegangen," antwortete er ausweichend.
„Du nimmst doch den Tee mit uns, Hans Rochus?" „Gern, gnädige Tante."
„Dann entschuldigt mich einen Augenblick. Wir tönnen ja nachher noch über diese Angelegenheit sprechen," erwiderte sie und ging hinaus, einen kurzen Seitenblick mit Hilde tauschend.
Diese sah nach der Uhr. In einer halben Stund- würde Kracht tommen, bis dahin mußte Hans Rochus verbereitet fein. Hans Rochus war froh, daß ihn die Generalin mit Hilde allein ließ. Er zog ihre Hand an die Lippen und sah ihr tief in die Augen.
„Hilde, liebe Hilde!"
Sie erwiderte seinen Blick mtt melancholisch zärtlichem Augenaufschlag und seufzte.
„Armer Hans Rochus, es wird Zeit, daß du dich nach einer reichen Frau umsiehst," sagte sie leise.
Er sah ihr mit brennenden Augen ins Gesicht.
„Wenn ich es täte, Hilde? Was würdest du dann tun?"
Sie legte die Hände in den Schoß.
„Vernünftig sein, Hans Rochus. Sieh mal, bte Tändelet zwischen uns muß ohnehin aufhören. Du mußt eine reiche Frau heiraten, ich einen reichen Mann, das ist uns doch Har gewesen, nicht?"
„Bisher hatte ich daran nicht gedacht," sagte er gedrückt. Obwohl er hätte stoh sein müssen, daß fie so ruhig und vernünftig war, tat ihm diese vet- ständge Auslegung weh.
„Aber die Kinderei muß doch einmal ein Ende nehmen," sagte fie halb im Scherz.
Er sah sie groß und betroffen an.
^ast du das, was wir für einander empfände»,
als Kinderei und Tändelei angesehen?" fragte er ernst.
Sie lachte leicht und fuhr ihm mit der Hand Über das Haar.
„Als was denn sonst, Hans Rochus? So einen kleinen verwandtschaftlichen Flirt, der schon in bei; Kindertagen seinen Anfang nimmt, den nimmt man doch nicht ernst "
Er war bleich geworden und preßte die Lippen aufeinander. Seine Blicke hefteten fich forschend in ihr« schimmernden Augen, die ihn sonst immer so zärtlich und betörend angesehen hatten. Jetzt schienen si- ihm kalt und ftemd zu blicken.
.3,6) habe dich sehr lieb, Hilde," stueß et rauh hervor.
Si: lächelte.
„Ja doch, Hans Rochus, ich dich auch. Das ist uns ja kein Geheimnis. Aber nun müssen wir doch vernünftig fein. Und ich habe damit den Anfang gemacht. Du sollst es von mit hören, daß ich mich gestern verlobt habe."
Er fuhr zurück, als habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen.
,Du — dich verlobt?"
Er sah wie durch einen Schleier auf das reizende Geschöpf, das fich in ihrer eleganten Robe wie ein Kätzchen in den Sessel schmiegte. Da hatte er sich gesorgt und gebangt, wie er ihr schonungsvoll seine eigene, von der Not gebotene Verlobung mitteilen sollte. Das Herz hatte ihm weh ^.etan, weil er an ihre Liebe zu ihm geglaubt. Ihre Augen hatten es ihm so oft und so deutlich verraten. Sein Gefühl für fir hatte sich erst an diesem lockenden, zärtlichen Feuer in ihren Augen entflammt. Weil er glaubte, daß fie ihn liebte, wurde auch seine Leidenschaft für sie geweckt. Er hatte gefürchtet, fie durch die Mitteilung seiner Verlobung auf das tiefste zu verwunden, und sich aus eine Szene mtt Tranen, Seufzern und Klagen gefaßt zu machen. Tausend Worte hatte er für fie in
Bereitschaft gehabt, und als das schmerzlichste von allem empfunden, daß er ihr weh tun mußte. Und nun sprach sie, noch ehe fie seine Verlobung erfuhr, kühl und verständlich von Tändeleien und Kindereien, mit denen fie fettig war, und teilte ihm mit, daß fie sich verlobt hatte. Ein bitteres Gefühl stieg in ihm empor. Jetzt erft fühlte er, wie lieb er fie gehabt hatte, und wie schwer es ihm werden würde, fie aufzugeben. Es war ihm setzt nicht möglich, ihr von Ruth zu sprechen. Es eilte ja auch nicht mehr. Was lag daran, ob fie es einige Tage früh ■ oder später erfuhr? Er richtete fich auf, fie sollte nicht sehen, wie Jp ihn getroffen.
„Die Nachricht ist allerdings sehr — sehr überraschend. Darf ich fragen, wer der Glückliche ist?" fragt* er steif.
Sie faßte seine Hand.
„Nicht so, Hans Rochus. Du darfst mir nicht böse fein. Wir bleiben gute Freunde, nicht wahr? Es hilft doch nun einmal nichts. Und uns bleibt doch die Erinnerung an eine schöne, selige Zeit."
Sie sah ihn wieder in der alten zärtlichen Weis« an Zum ersten Mal schien ihm diese Zärtlichkeit falsch und gemacht, ihr Lächeln konventionell und gezwungen. Waren das dieselben Augen, die ihm ein so heißes Elücksgefühl in das Herz gezaubert hatten, war es dasselbe Lächeln, das ijn fo unw derstehlich angelockt hatte? Er fuhr fich über die Augen, al, wellte er etwas fortwischen.
„Verzeih, ich bin ein wenig außer Fassung geraten Laß dich dadurch nicht stören. Natürlich bleiben wir gut Freund. Mit wem hast du dich verlobt?“ sagte er, bemüht, ruhig zu scheinen. Schließlich hatte er ja kein Recht, ihr Vorwürfe zu machen. War et nicht auch an eine andere gebunden? Er konnte tm Grunde froh sein, daß alles so gekommen war.
Aber ttotz dieser vernünftigen Betrachtungen w« | ihm zumute, als hätte et etwas Schönes, Köstliche« verlor«. (Fortsetzung folgt) .