.Vbertzefiftche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme onn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel-
Die
Erstes Blatt
Der heutige» Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 4.
öffentliche Meinung der Entente mit Euglaird eine Tragweite gab, die sie nicht hat, so kommt der Irrtum nicht von uns her. Ls ist für niemanden ein Geheimnis, daß es zu gewissen Stunden nur oi u lag, ob wir sie in ein Schutz- und Trutzbündnil umwandeln wollten."
Mit bezug auf die Bemerkung der radikalen „Daily News", daß die französisch-englische Entenft sich in bestimmten Grenzen zu halten habe, schreib Eerault-Richard bitter: „Gerade unser fester Vor satz, die Entente in bestimmten Grenzen zu halten trug uns seinerzeit von englischer Seite den Ausdru« eines gewissen Bedauerns ein. . . Wir Habei! meines Wissens nicht versucht, unsre Nachbarn ii irgendein Abenteuer zu verwickeln. Unsre gegenwärtigen Beziehungen zu Deutschland leisten keine» beunruhigenden Aufnahme Vorschub." t
Aber auch der Zwe-bund, das sonst für unerschütterlich gehaltene Bündnis mit Rußland, ist für die Franzosen in diesem Augenblick kein Gegenstand ungetrübter Freude. „Die Entrevue von Potsdam," schreibt der immer sehr nüchtern urteilende Finanzmann Alfred Neymarck in seiner Zahresübersicht, „die Entrevue von Potsdam hat dem Verhältnis zwischen Rußland und Deutschland einen ganz neuen Charakter der Intimität gegeben. Man hat über die Angelegenheiten Europas verhandelt, ohne daß England und Frankreich anders dazugerufrn wurden, als um geschehene Tatsachen zu genehmigen. Zweifellos hätten Eduards VII. klares Denken und hochherziges Empfinden dem europäischen Leben, wo die Sorge um das Recht und die Achtung vor den Ideen unter der preußischen Zuchtrute keinen Vertreter mehr haben, eine andere Richtung gegeben."
Das klingt, als wäre Eduard VII. der „einzige Freund" Frankreichs unter allen Souveränen gewesen, als fühle feit seinem Tode die Republik sich — vaterlos. Einzelne Blätter haben schon begonnen, Klagelieder über eine angeblich drohende Isolierung Frankreichs anzustimmen und am Ende wird die deutsche Staatskunst gar beschuldigt werden, Frankreich „einzukreisen".
Herr Pichon hat keine Mühe, so pessirnistft Auffasiungen zu widerlegen. Es ist auch nicht der Schimmer eines Grundes zu Besorgnisien für den Frieden vorhanden — und doch will das schöne Gefühl nicht wiederkehren, das im Jahre 1907 jede französische Brust beseelte, als die Zeitungen jeden Tag die Glieder der angeblich um Deutschland geschmiedeten Kette aufzählten und den schlauen Schmied rühmten. Und dennoch täuschen die Franzosen sich. Sie hätten vielmehr Grund gebabt. sich zu Lebzeiten Eduards VII. über etwaige Abenteuer zu beunruhigen als heute. Die Politik hat seit dem Tode dieses Herrschers an Interesie verloren — aber an Sicherheit gewonnen. Ganz besonders die französische. Nie hat Frankreich den Welthäadeln mit solcher Ruhe — gewisiermaßen aus dem Fenster — zuschauen können wie heute. Dächten die Franzosen logisch, so müßten sie heute eine Behaglichkeit empfinden wie noch nie. Ein Minister des Aeußern darf das einer Kammer natürlich nicht sagen. Herr Pichon beruhigt die Deputation durch andere Argumente. Aber ein wahres Vergnügen werden die Franzosen an ihrer auswärtigen Politik nicht haben — so lange Eduard VII. tot ist.
Das Urteil im Aufruhrprozeß.
Endlich ist das Urteil im Moabiter Prozeß gesprochen. Man wird mit dem Urteil durchaus einverstanden sein können, da es ein Beweis, für den Gerechtigkeitssinn unserer Richter, die ihr Urteil ohne Ansehen der Person und ohne sich von der Parteizugehörigkeit des Einzelnen beeinflussen zu lassen, gefällt haben, was wohl selbst diejenigen anerkennen werden, die vor Beginn des Prozesses das Gegenteil befürchteten. Man wird sogar von einer gewissen Milde sprechen können, die diese erst so viel geschmähte Kammer hat walten lassen. Das ist erfreulich, schon weil dadurch der Sozialdemokratie die Gelegenheit genommen wird, das Urteil zu neuen Hetzereien zu benutzen. Hat sie doch schon während der Verhandlung, durch die Art der Verteidigung, den Anschein zu wecken gewußt, als ob nicht die wirklichen Angeklagten vor Gericht ständen, sondern vielmehr die Polizei. Man wird das bedauerlich finden, kann aber daraus nicht etwa dem Leiter der Verhandlungen einen Vorwurf machen. Das ist vielmehr Schuld unseres ganzen heutigen Gerichtsverfahrens, wo ein Verteidiger immer bemüht sein wird, den wahren Sachverhalt zu verdunkeln, und das, wie auch dieser Prozeß beweist, für die urteilslose Masse mit Erfolg, die dann von der „Klassenjustiz" fest überzeugt ist. Gewiß sind Ueberschrei- tungen seitens der Polizei vorgekommen. Wer die Aufregung berücksichtigt, in der sich die Beamten in jenen Tagen befunden haben, wird diese paar Mißgriffe verständlich finden. Deshalb liegt noch lange kein Grund vor, wie es die demokratische Presse tut, nur immer von der „schuldigen Polizei" zu sprechen. Der Schutzmann, ganz besonders der berliner Schukmann, dessen Nerven durch den Lärm der Großstadt ganz außerordentlichen Anstrengungen unterworfen sind, hat ebenso ein Recht wie jeder andere — als M e n s ch beurteilt zu werden. Etwas anderes ist es natürlich, ob man mit der von der Polizei am ersten Tage jener Unruhen geübten Taktik wird einverstanden sein können, oder ob man nicht vielmehr der Ansicht sein kann, daß es bei schärferen Vorgehen der Polizei möglich gewesen wäre, die Ruhe am ersten Tage wieder herzustellen. Und da wird
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Französische Allianz- und Enientc- Sorgen.
Pari», 11. Jan.
Am Dienstag trat die französische Kammer nach ihren Neujahrsferien wieder zusammen, um die Beratung des Budgets fortzusetzen. Der Etat des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten wird Herrn Pichon Gelegenheit geben, einer gewissen Unruhe, die sich in der öffentlichen Meinung bemerkbar macht, entgegenzutreten. Denn es ist zweifellos: Frankreich hat in diesem Augenblick das Gefühl, daß es sich weder des Zweibundes noch der Tripelentente so sicher wähnen darf wie vor einem Jahre. Mit welcher Befriedigung nahm man es hier auf, als nach der düstern Not der lleber- fchwemmungen im zeitigen Frühjahr 1910 König Eduard auf der Durchreise nach Biarritz einige Tage in Paris verweilte. Das wurde wie ein Zeugnis betrachtet, daß Paris trotz aller Zerstörungen und Verkehrshemmungen, welche die Seine verschuldet hatte, noch immer das Zentrum dec Luxus und Komforts, der Mode und Kunst fei — und gleichzeitig wußte man, daß man in König Eduard einen Freund habe, den der sicherste Kitt — nämlich gemeinsame Abneigung gegen Deutschland — mit Frankreich und Rußland verband. Durch eine Ironie des Schicksals war es gerade der Aufenthalt in Paris, der dem König verhängnisvoll wurde. Nach einer Vorstellung von „Chantecler" fühlte Eduard VII. den ersten harten Anfall des Leidens, welches ihn am 7. Mai dahinraffen sollte. Seit feinem Tode aber knistert und knackt es unaufhörlich in der Tripelentente. Das Gefühl der absolut.n Ruhe ist verschwunden. Nicht als ob auch nur ein Franzose ernstlich glaubte, sein Vaterland habe von Deutschland auch nur das geringste zu befürchten — aber der subjektive Gemütszustand der Franzosen erfordert zu seinem vollen Behagen, daß seine Blätter ihm täglich versichern können, das böse Deutschland sei in Acht und Bann der Rationen, die ihm alle unhöflich den Rücken drehten, während sie i-em schönen Frankreich liebenswürdig den Hof macht'». Ach! Seit einigen Tagen kann dieser französische Herzenswunsch von den Blättern nicht befriedigt werden. Man kann sich nicht verhehlen, daß unter Georg V. nicht alles so ist, wie es unter Eduard VII. war. König Georg ist zu sehr von der ernsten englischen Verfassungskrifis in Anspruch genommen, er scheint auch nicht die Neigung zu haben wie sein Vater, auf fortwährenden Reifen politische Verbindungen anzuknüpfen, seinen eigenen Minister des Aeußern zu spielen — er überläßt die auswärtige Politik den liberalen Ministern und bei diesen spielen die persönlichen Ab- und Zuneigung--«, welche den feinen Weltmann ®buarb so stark beeinflußten, natürlich keine Rolle.
Das Mißbehagen gegen die neue Leitung der engltchen Politik drückt sich in der französischen Presse seit einigen Tagen deutlich aus. Ein so geschworener Regierungsmann wie Eeraull-Richord, dessen „Paris-Journal" gewiß keine Zeile bringt, die am Quai d' Orsay mißfallen würde, schreibt: „Es ist wirklich besser, wenn man genau weiß, woran man eigentlich mit den Abkommen ist, unter denen unsere Unterschriften stehen. Aber wenn die
Marburg
Sonnabend, 14. Januar 1911.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
man wohl nicht umhin können, das Letztere für | richtiger zu halten.
Eins fei hier aber nochmals betont. Wenn es der Staatsanwaltschaft auch nicht gelungen ist, streng im Sinne des Gesetzes der Sozialdemokratie die Schuld an jenen Unruhen nachzuweisen, so wird man doch aus der ganzen Prozeßverhandlung den Eindruck gewonnen haben, daß der Sozialdemokratie die moralische Schuld trifft. Mag sie auch noch so sehr das Gegenteil beteuern. Derartige Vorkommnisse find eben die Früchte jahrelanger Hetzereien. Sollte der Prozeß dazu beigetragen haben, dieses Erkenntnis in weite Kreise zu tragen, so wird man das als ein erfreuliches Moment des Prozesses ansehen müssen. Denn je mehr die bürgerlichen Kreise die in der Sozialdemokratie für unsere ganze Weltordnung schlummernde Gefahr klar erkannt haben, desto wirksamer wird män diese Gefahr bekämpfen können. : :
Wie nicht anders zu erwarten sucht die links- liberäle und sozialdemokratische Presse das Urteil in ihrem Sinne auszubeuten. So ist der Versuch gemacht worden, einen Gegensatz zwischen dem Urteil und den Darlegungen des Reichskanzlers zu konstruieren. Gegen diesen Versuch wendet fich die Norddeutsche Allgemeine Zeitung in ihrer Besprechung. Sie schreibt:
Wir weisen darauf hin, daß der Reichskanzler sich mit keinem Wort mit den Straftaten befaßt hat, die den Gegenstand des Verfahrens bildeten, er lehnte vielmehr ausdrücklich ab, sich darüber zu äußern; auch habe er offen gelassen, ob polizeiliche Mißgriffe vorgekommen sind, wohl aber dargelegt, aus welcher Stimmung heraus die Krawalle entstanden sind, die nicht zu erklären find ohne die fortgesetzte Hetztätigkeit der sozialdemokratischen Presse. Ohne diese Hetzarbeit wäre es unmöglich gewesen, daß auch ausständige Arbeiter Moabits, wie das Urteil ausführt, sich auf die Seite des Janhagels stellten. Natürlich hat der Reichskanzler nicht behauptet, daß die sozialdemokratische Partei die Krawalle angestiftet hat. Es liegt auf der Hand, daß die Ausschreitungen der Partei für ihre gegenwärtigen, politischen Zwecke nur erwünscht sein konnten, weil sie auf die bürgerlichen Wähler lediglich eine abstoßende Wirkung ausüben mußten. Im Gegensatz zu der Auffassung jener Blätter behaupten wir, daß die Ergebnisse des Prozesses und das Urteil geeignet find, die Anstauungen des Reichskanzlers über das Gesamtbild der Moabiter Vorgänge zu bekräftigen. Das Gericht hat sowohl die Janhagel-Theorie wie die Prova- kationsthese, die von der Sozialdemokratte aufgestellt worden ist, verworfen, genau wie es der Reichskanzler getan hat.
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7 (Nachdruck verboten.)
Der stille See.
Roman von H. Courths-Mahler.
IForttetzung.s
In Ruths Gesicht schoß plötzlich wieder die verräterische Röte. Diesem schnellen Farbenwechsel bei Gemütserregungen gegenüber war all ihre Selbstbeherrschung machtlos. Sie wußte das, und es steigerte ihre Erregung noch mehr. Trotzdem klang auch jetzt ihre Sttmme ruhrg.
„Ich habe ihn einigemale gesehen, als et in das Haus trat. Auch bin ich ihm zuweilen auf der Straße begegnet, wenn ich Besorgungen machte."
„Und sonst weißt du nicht» von ihm?"
Sie zögerte oftenbor mit der Antwert. Endlich fegte sie: „Ich weiß, daß man ihn und seinen Barer die „tollen Rochsbergs" nennt. Daß er ein glänzender Kavalier und bet Hofe wohl gelitten ist, liest man in den Zeitungen."
„Dann kann ich dir noch sagen, daß er den Konten „der tolle Rochsberg" durchaus nicht verdient, den hat ihm nur fein Vater eingetrag n. Hans Rochus war leichtlebig — ja, leichtsinnig, weil es sein Vater nicht anders wollte. Es steckt ein tüchttger Kern in ihm, und nun er dem verderblichen Einfluß seines Vater» nicht mehr ausgesetzt ist, wird et sich solider entwickeln. Jedenfalls nimmt er seinen Abschied und wird stch der Bewirtschaftung seines Besitzes widmen. Du stehst, ich habe trotz allem auch nicht vergessen, darauf zu achten, welche Eigenschaften dein künftiger Gatte besitzt. Du wirst bei einiger Klugheit gut mit ihm auskommen, denn er ist sehr gutmütig."
Jbft» weiß ich," sagte Ruth leise.
Er blickte sie unsicher an.
i, Jfa* dft» wetzt du schon?"
Eie erhob stch und ging an ihren Fensterplatz zurück, um scheinbar gleichmüttg ihre Arbeit wieder aufzunehmen.
„Du kannst dir denken, daß ich einiges Interesse für den Mann hegte, den du mit, wie ich wußte, zum Mann besttmmt hattest. Fräulein Hebenstteft hat mit einmal erzählt, daß sie gerade dazu gekommen sei, wie Graf Rochsberg einer armen Frau, die mit ihren hungernden Kindern und wenig Habseligkeiten von einem grausamen Hauswirt auf dte Straße gesetzt wurde, einen Hundertmarkschein in die Hand gedrückt hat. Ohne auf ihren Dank zu warten, ist er davongeeilt. Fräulein Hebenstreit trug auf meine Veranlassung der armen Frau alle Abfälle von unserem Haushalt zu und erfuhr dabei daß Graf Rochsberg am nächsten Tage durch seinen Dienet auskundschaften ließ, wie et bet Frau weiter helfen konnte. Und et hat cs getan, ohne daß die Frau bisher weiß, wer ihr Wohltäter ist. Fräulein Hebenstteit hat für fich behalten, daß sie ihn erkannt hat, weil fie annahm, daß er nicht genannt sein wollte."
Ravenport hatte mit ironischem Lächeln zugehört
„Es sollte mich gar nicht wundern, wenn dieser Hundertmarkschein das letzte flüssige Geld gewesen wäre, das ihm in dem Augenblick zur Verfügung stand. Sonst hätte et wohl noch reichlicher gegeben."
„Um so gütiger von ihm, daß et das letzte hingab."
„5a, ja — er ist sehr impulsiv. Ra — et scheint dir damit imponiert zu haben."
jedenfalls zeugt es für seine Gutherzigkeit. Und daß et nicht einem flüchtigen Impuls gehorchte, geht daraus hervor, daß et später noch weiter half."
Ravenpott strich über fein Kinn und sah fle spöttisch an.
„Du scheinst auch sehr ideale Ansichten vom Leben zu haben. Run — meinetwegen. Dam» wirft
du dich mit deinem künftigen Gatten umso besser verstehen. Aber ihr könnt euch ja diesen Luxus leisten, da ich genügend vorgesorgt habe — mir wäre er hinderlich im Leben gewesen."
Ruth zog die Stirn zusammen, ging aber nicht weiter auf dieses Thema ein. Eie wußte, daß fie kein Verständnis finden würde.
,T>u sagtest mir, Graf Rochsberg werde bereit» morgen kommen. Ist das nicht verfrüht? Sein Vater ist doch eben erst beerdigt worden," sagte fie ruhig, als spräche fie über das Geschick eines anderen.
„An eine offizielle Verlobung ist natürlich in den ersten Wochen nicht zu denken, fle kann ja vielleicht in einem Vierteljahr erfolgen. Die Hochzeit wirb bis nach Ablauf des Trauerjahres verschoben werden."
Ruths Lippen zuckten.
„Hätte et bann nicht seinen Besuch verschieben können bis zur offiziellen Verlobung?"
„Nein — bas alles mußte klipp unb klar werben, ich wollte bie Angelegenheit entschieden wissen. Du sorgst wohl dafür daß die Hebenstreit erfährt, daß wir morgen mittag einen Gast haben. Umstände sollen nicht gemacht werden. Wir speisen wie jeden Tag."
„Ich werde olles nach deinem Wunsche an= ordnen."
Da war wieder die stille, bedingungslose Fügsamkeit, die ihn über ihren Eharakter so lange getäuscht hatte. Ravenport schritt zur Tüt.
„Ich will vor dem Abendessen noch einmal in bas Kontor hinunter. Bis später also."
Et wlnfte ihr gleichgültig zu, als sei bas alltäglichste Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter eben beendet worden.
Ruth sah ihm nach mit einem schmerzlich grübelnden Ausdruck. Auch jetzt zeigten ihre feinen, stillen Züge keine besondere Aufregung, aber die Arbeit
entglitt ihren Händen, und die schönen, dunklen Augen blickten trübe.
Nach einet Weile erhob sie sich, um Fräulei» Hebenstteit den Auftrag ihres Vaters zu übermitteln Das alte Fräulein saß in ihrem Zimmer und stopft« schadhafte Wäsche aus. Bei Ruths Eintritt blickt« sie mit den wasserblauen, gutmütigen Augen überrascht auf.
.Aräulein Ruth, Sie?"
Das junge Mädchen setzte sich ihr gegenüber.
„Vater schickt mich zu Ihnen, Fräulein H-ben- stteit. Wir bekommen morgen mittag einen East."
Das alte Fräulein sah erstaunt auf.
„Einen East — einen Tischgast? Das ist doch — lieber Gott, Fräulein Ruth — das ist doch feit Jahren nicht vorgekommen. Wer kommt denn zu uns?“
„Graf Rochsberg."
Fräulein Hebenstreit stach sich vor heißem Schreck in den Finger.
„Gras Hans Rochus von Rochsberg, bet tolle Rochsberg, bet vom Setbregiment unseres Herzogs?" fragte fie atemlos.
„Ja, ben meine ich."
Fräulein Hebenstteit legte ihre Arbeit aus den Hänben. Ein Schauet des Entzückens flog übet sie hi». Sie strich fich mit bebenben Händen übet dft» glattgescheitelte, graumelierte Haar, als würde sie schon im nächsten Augenblick von so vornehmeu Herrschaften mit prüfenden Augen gemustert werden.
„Sieber Eott, Fräulein Ruth, et verkehrt ja bet Hofe, neulich hat et mit Prinzeß Fttedetike getanzt. Ich habe es gelesen in bet Zeitung Und der kommt morgen zu uns zu Tisch? Ja — da muß ich mich sputen um Himmels willen, da müssen wir doch ete schliche» Menü zusammenstellen."
Ruth mußte übet den Eifer lächelt (Fortsetzung folstif