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Erttes Blatt. |
Italienische Wandlungen.
Rom, 8. Zan.
Unzweifelhaft hat die Spannung zwischen Rom und Wien gegen früher beträchtlich zugenommen. Auch in den Verhandlungen des hiesigen Parlaments zeigt fich das: nicht eine Spur von irredentistischen (unsere Elsaß- Lothringer würden sagen: protestlerischen) Klagen mehr; Minister und Kammer scheinen eins zu sein in der Ueberzeugung, daß man mit Oesterreich unter allen Umständen gute Nachbarschaft, ja Freundschaft halten müsse. Me ist das zu erklären?
Noch vor einem Jahre war die Stimmung gegen die beiden Zentralmächte Europas bitterböse in Italien. Die Unzuverlässigkeit der italienischen Politik hatte bislang ihren Hauptgrund in dem altrömischen Selbstbewußtsein der modernen Italiener, und in ihrem Unvermögen, sich vorerst zu bescheiden und zu warten. Wie ste im Jahre 1870 meinten, daß Rom in 2—3 Jahren eine Stadt von mindestens einer Million Einwohnern sein würde, ebenso sicher waren sie, in ihrem naiven Glauben, daß sich das Wort Eiobertis von dem „primato polittco e morale" Italiens sofort nach der Einigung bewahrheiten müßte.
Aber das moderne Italien steht sich, ungleich dem alten Rom, zu gleicher Zeit einer beträchtlichen Zahl großer, ja gigantischer Mächte gegenüber, mit denen das kleinere und ärmere Italien nicht Schritt halten kann. Und um das llebel noch größer zu machen: ein paar dieser Mächte — England und Frankreich — liegen ihm derart zur Seite, daß es ohne deren guten Willen weder vorwärts noch rückwärts kann. Mehr Ellenbogenfreiheit also: Das wäre die erste Vorbedingung, um größer zu werden.
Als der deutsch-französische Krieg eine unaus- füllbare Kluft der Feindschaft zwischen zwei annähernd gleich großen Mächten riß, glaubten die Italiener ihrem Ziele zur Eröße so beträchtlich näher gekommen zu sein, indem sie das Bündnis mit Deutschland suchten, denn ein baldiger neuer Krieg zwischen diesem und Frankreich schien damals unvermeidlich, und in dem letzten Kampfe hatte sich Deutschland als das ungleich stärkere erwiesen. Crispi — der einzige italienische Staatsmann nach Eavour — war der entschlossene Parteigänger dieses Bündnisses, und zu seiner Zeit gab es keine östliche Zrredenta, aller Italiener Blicke waren dazumal auf Tunis, Korsika, Nizza und Savoyen gerichtet. Aber Jahrzehnte gingen dahin, ein Krieg zwischen
7 (Nachdruck verboten.)
Der stille See.
Roman von H. Eoutths-Mahlet.
(gortfefcung.)
„Wie kamst du dazu, uns zu belauschen?" stieß er heiser hervor.
„Ich »ar, gegen dein Gebot, in dein Zimmer gegangen, um mir etwas Schreibpapier, das ich brauchte, zu holen. Da hörte ich dich die Treppe heraufkommen und versteckte mich hinter dem Vorhang, hinter welchem du in einer Nische allerhand Bücher und Akten aufbewahrst. Weil du um diese Zeit immer unten im Kontor warst, glaubte ich, du würdest gleich wieder hinunter gehe«. Du tra est jedoch mit Seltmann ein und gingst nicht wieder fort. Ich schämt« mich, vorzukomme«, und mich meines Ungehorsams wegen vor einem Fremden ausschelten zu lassen. So blieb ich und hört« alles."
Ravenport hatte eine leichte Miene erzwungen.
„Und hast dir in deinem Unverstand wer weih war für grausliche Dinge zusammenphantrfiert. Von Geschäften verstehst du nichts," sagte er ironisch.
„Nein — aber ich kann Recht und Unrecht unterscheiden."
Er fuhr auf.
„Willst du mir etwa Vorwürfe machen? Das wäre neuer Art."
„Gewih nicht, denn Vorwürfe würden nichts ungeschehen machen." erwiderte sie ruhig und furchtlos. Er stand auf und trat an dctt Münster, mit finsterer Miene hinausstarrend. Wütend war er auf sich selbst, dah er nicht genügende Vorsicht hatte wallen lasten. Freilich — wer konnte daran denken, dah sich seine Tochter in seinem eigenen Zimmer versteck Hatte. Nach einer Weile wandte er sich «A wieder- Hewonnener Ruhe nach ihr um. . • ■ . .
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
Das Urteil im elften Moabiter , Krawall-Brozetz.
Berlin, 11. Januar. w
Die Urteilsverkündigung im ersten Moabiter Krawallprozeß war für heute mittag 2 Uhr angesetzt: es war aber bereits nach 4 Uhr, als der Gerichtshof im Saale erschien.
Der Vorsitzende erteilte zunächst den Angeklagten | das letzte Wort, di« um ihr« Freisprechung 6e$». eine milde Strafe baten.
Hierauf stellte der Verteidiger Rechtsanwalt Lohn eine ganze Reihe von Erentual-Antragen, u. a. den auf nochmalige Vernehmung des Polizeimajor Klein und des Polizeileutnants Folte unter Bezugnahme auf deren Aussagen vor dem Schwurgericht. Der Paltzeimajsz.habe gestern ausdrücklich. erklärt, er könne eine Garantie dafür, daß seine Anordnungen immer befolgt worden "eien, nicht übernehmen.
Um %5 Uhr zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück und erscheint nach einer Viertelstunde wieder, worauf der Vorsitzende in zweistündiger Rede folgendes Urteil verkündet.
Die Straftaten, deren die Angeklagten beschuldigt werden, stehen sämtlich im Zusammenhang mit de» Vorgängen, die den Streik b-i der Firma Kupfer veranlaßt Haden. Es ist niuft Aufgabe des Gericht zu entscheiden, «6 der Streik bered tigt war, es muß aber zugunsten der Angeklagten fest gestellt werden, dah die streikenden Arbeiter sowohl wie lit Einwohnerschaft von Moabit davor auszehen lonn.en, der Anspruch auf eine Lohnerhöhung sei derechrigt. DasGesetz gibt den Arbeitern das Recht, sich zur Herbeiführung besierer Lohnverhältnisse zu vereinige«, das Ersetz verlangt aber auch, daß dabei die Rechte anderer geachtet werden, und das ist nicht geschehe». Die slleikenden Arbeiter hab n das Eigentum der Firma angegriffen, und daher war die Polizei verpflichte». zugunsten des angegriffenen Eigentums und zum Schutze der angegriffenen Personen einzulchrei- ten. Der Vorsitzende geht dann an der Hand der Beweisaufnahme die gesamten Unruhen von Anfang bis zu Ende, sowie die dabei begangenen Aus-
Marburg
46. Jahrg.
CTrArt 1Q cyrtttit/ti* 1071 gebet in bet Exped. mitgeteilt werden soll, wird eine Gebühr von
(jlvtlUfl, JLd. Junuui 1311. io Pfg, erhoben. — Druck bet Univ. - Buchdruckern ?. A. Koch,
(Inh.: Dr. Hitzeroth.) Mark 21, — Telephon 55.
kriegerisch« Abgeordnete Vrunialti hat kürzlich die denkbar zahmste und politisch umsichtigste Rede in der Kammer gehalten.
Die Jnsettionsgebüht beträgt für bie c gespaltene Zeile oder beten Raum 15 4. bei auswärtigen Inseraten 20 für Reklamen bie Zeil« 40 <3. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt — Für Inserate, bei denen der Auftrag-
jenen beiden Mächten allein wurde immer unwahrscheinlicher, und das Abwarten erschien den Italienern immer schwieriger, Crispi stürzte, und nicht allzulange darauf folgte Prinetti.
Der kurzsichtige mailändische Fahrradfabrikant Prinetti schlug den entgegengesetzten Weg ein. Er schien nicht zu begreifen, daß im Mittelmeer Frankreich und nicht das in der Adria schwache Oesterreich Italien tatsächlich bedrückte; er meinte zudem,, daß die politische Macht Frankreichs der von Deutschland noch immer gleichwertig sei, insbesondere seit dem Rußland fich der ersteren angeschlosien hatte; er war überzeugt davon, daß das von einem Dutzend Nationalitäten zerklüftete Oesterreich dem gigantischen Nachbar im Osten in keiner Weise zu widerstehen vermöchte. Er wandte darum seine Augen von Westen nach Osten, und die westliche Zrredanta verschwand, um einer östlichen Platz zu machen. Er wurde bei diesem Werke auf das Vorteilhafteste von dem französischen Botschafter Vanrtzre unterstützt, der als ehemaliger Journalist in Rom alle Wege und Stege kannte, um zu den Herzen seiner italienischen Berufsgenosien zu gelangen. Und im Handmdrehen war die Sache gemacht! Man verließ Deutschland, dem man noch vor kurzem so bündnistreu zugejubelt hatte, und wandte fich mit all seinen Gefühlen von neuem der lateinischen Schwester im Norden zu. Und man kann ohne alle llebertteibung sagen, daß noch vor Jahresfrist, als es fich bei der Annektion Bosniens um eine Kraftprobe der mitteleuropäischen „Alliance" gegen die „Entente" handelte, die Herzen aller politisierenden Italiener nichts sehnlicher -al» eine Niederlage Deutschlands - wünschten. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß Italien heute nicht mehr dem Dreibunde angehören würde, wenn Deutschland-Oesterreich im diplomatischen Waffengange damals den kürzeren gezogen hätte.
Die konstituierende Versammlung der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft.
B e r l i n, 11. Jan. Heute Vormittag fand unter dem Vorsitz des Kultusministers in der Königlichen Akademie der Künste die konstituierende Versammlung der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wisienschasten statt. An der Versammlung nahmen etwa 100 Personen, darunter 83 der bisherigen Stifter für Ee- senllschaftszwecke, teil. In seiner Begrüßungsansprache erinnerte der Kultusminister an die Kaiserliche Kundgebung anläßlich des Berliner Univerfitätsjubiläums, bei welcher der Kaiser, welcher auf. die Ideen Wilhelms von Humboldt über die Organisation der wissen- schaftlichen Forschungen hinwies, die Notwendigkeit dartat, größere Mittel als bisher, vor allem zur Begründung wissenschaftlicher Forschungsinstitute, in den Dienst der Wisienschast zu stellen, und die opferwillige Mitarbeit wohlhabender Persönlichkeiten aufrief. Zugleich hatte der Kaiser in Aussicht gestellt, weiter unter seinem Protektorate eine Gesellschaft zu begründen, deren Aufgabe es sein sollte, in diesem Sinne zu wirken. Der Minister teilte mit, daß er vom Kaiser beauftragt sei die Begründung der Gesellschaft in die Wege.zu leiten. Er habe demzufolge unter der Beteiligung einer größeren Anzahl von Stiftern aus verschiedenen Landesteilen einen Satzungsentwurf aufstellen lasten, der den Versammelten hier vorgelegt «erde, um über die endgiltige Fastung Beschluß zu fasten. Abschließend betonte der Minister, wie mit der Förderung gerade der naturwistenschaftlichen Forschung auch wirtschaftliche Jnteresten von größter Bedeutung Hand in Hand gehen. Er glaube da
ist dem Kaiser als Protektor vorbehalten. Anschließend an die Konstituierung der Gesellschaft fand die Wahl von 10 Senatoren statt, welche dem Kaiser zur Bestätigung vorzulegen sind. Der Kultusminister schloß mit Dankesworten, indem er der ins Leben getretenen Gesellschaft bestes Gelingen ihrer bedeutungsvollen Aufgaben wünschte. In das von ihm ausgebrachte Kaiserhoch stimmten die Anwesenden begeistert ein. Aus der Versammlung sprach Exzellenz Prof. Harnack allen, die an den vorbereitenden Arbeiten mitgewirkt haben, insbesondere dem Kultusminister, für ihre aufopferungsvolle Förderung des Planes den Dank der Versammelten aus. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt. — Der Kaiser wohnte heute Nachmittag im Kultusministerium einem von Profestor Emil Fischer in der Versammlung der Kaiser Wilhelms-Gesellschaft gehaltenen Vortrag bei.
Die „«berhesstsche Aettmrg" erscheint täglich mit Ausnahme ber Sonn, unb Feiertage. — Der BezugspreiS beträgt oiettsl- - _ . . jährlich durch bte Post bezogen L25 (ohne Bestellgeld), ber llfo 11 unseren Zeitungsstellen unb der Expedition (Markt 21),, 2.00 -M. •'*=* H frei ins Haus? (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redattion keinerlei Verantwortung.)
Marburg, Mark 21. — Telephon 5k ■
Der so vielfach angefeindete Graf Monts, der diesen Gemütszustand der italienischen Polittk bester begriff als irgend ein anderer seiner diplo- mattschen Vorgänger in Rom, und solches auch offen aussprach, hat zuletzt dieses Besterwiffens halber seinen Abschied nehmen müssen — zur großen Genugtuung der Italiener. Die Machtprobe aber schlug zugunsten Deutschlands aus; und mit dieser Tatsache änderte sich sofott die
her, daß gerade diesem Teile ein weitgehendes Verständnis für die hohen Aufgaben vorhanden sei, welche der zu gründenden Gesellschaft in der Förderung des Kulturfortschritts auf mancherlei Gebieten obliegen würden. Die Versammlung trat denn in die Beratungen des vorliegenden Satzungsentwurfs ein, der mit wenigen Abänderungen angenommen wurde. Nach den gefaßten Beschlüssen wird die Mitgliedschaft der Gesell-
Stimmung in Italien — der beste Beweis dafür, daß man in diesem Lande weitab von jeder Empfindsamkeit lebt: man wurde wieder drei- bundfteundlich.
Die Italiener zeigen fich sogar bereit, ihrer neuen Ueberzeugung Opfer zu bringen. Sie gehen daran, den Irredentismus zu begraben; selbst der Tristiner Barzilai will nichts mebr von ihm wissen; und der noch vor einem Jahre so
schäft erworben durch einen Aufnahmebeitrag von 20 000 M: Der jährliche Beitrag ist auf 1000 M festgesetzt, er kann aber fortfalten, falls der Aufnahmebeitrag mindestens 40 Ouu <M. beträgt. Die Organe der Gesellschaft find außer der Hauptversammlung der Senat und der Verwaltungsausschuß. In den Senat bat die Gesellschaft durch Wabl mindestens 10 Mitglieder zu entsenden, die Ernennung weiterer Senatoren
„Was ich getan, geschah für dich, denn btt bist mein einziges Kind, meine einzige Erbin."
Ruth sah ihn schmerzlich an.
,Zch bin nicht anspruchsvoll unb verlange nicht nach Elanz unb Reichtum. Für mich hättest bu die Hände nicht nach fremdem Gut auszusttecken brauchen."
. „Rein, du hast leider keine Spur von dem Ehrgeiz, der mich auf die Höhe gebracht hat."
„Auf die Höhe?" fragte sie traurig.
„Schweig! Deine Kritik verbitte ich mir. Denkt btt, ich fürchte dich?"
Sie legte mit einer müden Bewegung den Kops zurück.
„Bon mir hast du auch nichts zu fürchten."
Er atmete heimlich auf.
„Natürlich nicht. Es wäre auch sehr sonderbar, daß ein Vater fich vor seinem Kinde zu fürchten hätte. Lasten wir das affo ruhen und kommen wir auf den Hauptzweck der Unterredung. Du weißt also, daß Etas Rochsberg um deine Hand angehalten hat, unb wirst ihm morgen dein Jawort geben."
Ruth hatte bie Augen wieder gesenkt unb saß still unb bleich vor ihm.
„Da es keine ander« Möglichkeit gibt, Graf Rochsberg alles, was ihm rechtmäßig gehört, zurück- zugeben, so werde ich deinen Wunsch erfüllen," sagte sie tonlos.
Ravenport atmete tief auf.
„Gut, ich sehe, du bist vernünftig. Unb sei versichert, ich habe von Anfang an beabsichtigt, Erai Rochsberg auf diese Weise schadlos zu halten."
.Lag dir denn so viel daran, daß ich Gräfin Rochsberg werde?" fragte sie müde.
Ravenpotts kalte Angen leucht ten auf.
„Ja! Du verstehst wohl nicht, was das für mich ist. Jeden anderen Lebensgenuß habe ich mit versagt. Jetzt hi» ich am Ziel. Unb meine Nach
kommen werben bie Erasenkrone tragen, mein Gelb wird Rocksberg wieder zu Glanz unb Ansehen bringen. Wenn mein gräflicher Schwiegersohn Gäste empfängt, werde ich mitten unter ihnen fein mb brauche mich nicht mit einem g-ädigen Kopfnicken abtun zu lassen. Der Herzog fieht es gern, wenn bürgerliches Geld bie erlauchten Geschlechter seines Landes vor dem Untergang bewahrt. Er wird es nicht an Auszeichnungen fehlen lasten. Ist das nicht ein Ziel, wert, danach gestrebt zu haben?"
Ruth wollte fragen: „Auch rett, ein Unrecht darum zu begehen?" Aber sie preßte bie Lippen zusammen und schwieg.
Was nutzte es auch?
Still und fckeu zog sie fich wieder in fich selbst zurück und verschloß in ihrer Seele, was fie nicht auszusp.ecken vermocht«. Der Batet wat ihr immer innerlich fremd gewesen. Sie wat unter fremden Menschen aufgewachsen, die gewissenhaft ihr Er- ziehungswett an ihr vollendeten, ihren Körper pflegten und ihr genau einpvgten, was alles bet gute Ton von einem Menschen verlangte, ber in den ersten Gesellschaftskreisen verkehren soll. Rach ihrer Seele unb dem, was fie bewegte, hatte nie ein Mensch gefragt. Sie hatte auch unter ihren Pensionsschwestern nie eine wirkliche Freundin besessen, mit bet sie austauschen konnte, was sie innerlich beschäftigt«. Immer «ar sie allein gewesen, im Hetzen, auf sich allein angewiesen in Freud und Leib. Und bas hatte fie still und scheu gemacht nach außen und ernst übet ihre Iahte. Solche einsam *n Menscken reifen früh und lernen die schwere Kunst bet Selbstbeherrschung. Sie le* en nach innen. Manenport sah fie lange Zeit unschlüssig an. Er fühlte, daß sie ihn trotz aller Fügsamkeit verurteilt«. Unb zugleich kam ihm bte Erkenntnis, baß Ruth ihm nur gehorchte, weil fie es wollte, weil fie auf dies« Weise Mn Unrecht gutmachen wollte. Obgleich
ihm bas nur von Nutzen wat, genierte es ihn. Et erkannt«, baß hinter ihrer scheinbaren Fügsamkert mehr starkgeistige Selüstbehettschung unb festet Wrllc verborgen wat, als schwachmütige Indol.nz.
Die Erkenntnis, baß Ruth ein inn lich festet Charakter fei, beschäftigte Peter Ravenport mehr, ab e sich zugestehen wollte. Er hatte allezeit mit den menschlichen Schwächen gerechnet unb es meisterhaft verstanden, fich dieselben nutzbar zu machen. Das war das Geheimnis seines Erfolges. So hatte «r auch mit ber Bedeutungslosigkeit feinet Tock.et gerechnet, unb es war für einen solchen Rechenmeister sehr unangenehm, sich geirrt zu haben.
Warm« Gefühle kannte er nicht, und bie Entdeckung, daß seine Tochter von wesentlich anderer Art wat, als et angenommen hatte, vertiefte keinesfalls seine Zuneigung für sie. Daß fie nicht an ihm zum Verräter werden würde, wußte er, unb das beruhigte ihn immerhin. Die Hauptsache war und blieb, baß fie Rochsbergs -Gattin wurde. Wie "'e sich innerlich zu ihrem künftigen Gatten stellen würde, war ihre Angelegenheit. Sie hatte fich damit abzufinden, daß ihre Ehe durch äußerliche Verhältnisse zustande kam. Biele tausend Verbindungen wurden auf gleiche Weise geschlossen. Und wenn Ruth erst als Gräfin Rochsberg im Mittelpuntt bet vornehmen Gesellschaft stand, und bei Hofe vorgestellt war, bann würbe fie schon einsehen, baß ihr Batet gut für fie gewählt hatte. — Das Schweigen zwischen ben beiden Menschen hatte einen schweren, drückenden Charakter angenommen. Beide fühlten, daß fie fich in dieser Stunde vollends entfremdet hatten. Hm nur etwas zu sagen, fragte et endlich:
„Du kennst Graf Hans Rochus wohl nicht? Ich meine von Ansehen. Er war doch zuweilen unten im Kontor bei mir. Es wäre möglich, daß btt ihn hättest bas Hau» betreten ober verlassen sehen." 1
I (Fortsetzung folgt.) ?