Marburg
Jk. auf die Berg-, Hütten- und Salinenverroal- I für Zivildeamte werden mit 87y2 Millionen
Erttes Blatt.
1910 ein plus von 2 900 000 JA bedeutet.
tung. Die Einnahmen haben sich infolge des Sinkens der Kohlenpreise nur um 2 044 480, die
spitzeln unterb er Menge sei durchaus nicht erwiese«. Dagegen Hütte die Beweisaufnahme ergeben, daß sich Personen fälschlich als Kriminalbeamte ausgegeben haben. Wenn hier Mißhandlungen seitens der Polizeibeamten zur Sprache gekommen feien, so werde die Staatsanwaltschaft ihre Pflicht tun und eine Untersuchung einleiten. Auch der Fall Herman« werde in dieser Untersuchung einbegriffen werden.
Es nimmt sodann nochmals der Verteidiger Rechtsanwalt Heine das Wort, der bedauert, daß die Ausführungen der Verteidiger bei der Staatsanwaltschaft auf unfruchtbaren Boden gefallen zu sein erscheinen Wenn der Polizeipr.'iöcnt die "ukliirung nicht scheuen wollte, dann hätte er ja ollen Beamten di« Genehmigung zur Aussage erteilen können. Der 8$et. leidiger geht dann auf verschiedene Einzelfälle ein in denen sich Polizeibeamte brutal benommen haben sollen. Der Verteidiger behauptet weiter, daß ver- schiedene Zeugen sich gefürchtet hätten, hier vor Gericht die volle Wahrheit zu sagen. Diese Zeugen würden mit einem gewiffen Terrorismus behandelt, beispielswese habe der Zeuge Prevor bekundet, das. er von konservativer Seite wegen seiner Aussage gesellschaftlich geächtet worden sei. Die Entlchuldigung der Staatsanwaltschaft für >ie Abhandlungen stimmt nicht. Wenn einzelne Beamte verletzt worden sind, so haben die Polizisten noch lange nicht da- Recht, dafür an ganz Unbeteiligten Rache zu nehmen Wenn auch gegen die Schutzleute Schimpfworte gefallen find, so durften diese als Beamte nicht mit noch schwereren Beschimpfungen antworten. Allgemein resümiert der Verterdiger dahin, daß die Ausführungen der Verteidigung von der Staatsanwaltschaft nicht widerlegt worden sind. — Nach Heine repliziert Rechtsanwalt Liebknecht, worauf Rechtsan- walt Heine nochmals auf den Fall Pilz zurückkommt — Das Urteil wird morgen Nachmittag zwei Uhr verkündet werden.
veranschlagt, gegen 1910 ein plus von 10 Mill. Die gesetzlichen Witwen- und Waisengelder sind mit 34 400 000 JA in Ansatz gebracht, was gegen
Die Moabiter Straßenkrawalle vor der Strafkammer.
Berlin, 10. Januar.
Rach Eröffnung der heutigen Sitzung nimmt der Erste Stactsanwalt Steirbrecht das Wort zur Replik. Er geht davon aus, daß der Polizeipräsident diese Verhandlung nicht zu scheuen gehabt hat. Er hat nach den Aufzeichnungen eines Stenographen sofort die gegen die Beamten voktzebrachten Beschuldigungen untersuchen lasten und das Ergebnis der Staatsanwaltschaft mitgetetlt. Die betreffenden Beamten sind denn auch hier als Zeugen vernommen worden. Die Verteidigung hat der Staatsanwaltschaft den Vorwurf gemacht, dah die Zeugen, die gegen die Polizei aussagten, als unglaubwürdig hingestellt worden sind. Das treffe aber nicht zu. Er habe lediglich aus« geführt, daß die Aussagen dieser Zeugen nicht genügten, um ein allgemeines Urteil zu fällen. Er selbst habe anerkannt, daß Ausschreitungen der Polizei vorgekommen seien. Dies sei aber erst der Fall gewesen, nachdem die Beamten in den ersten Tagen schioer gereizt und verschiedene von ihnen verwundet worden waren. Man könne daher nicht ohne weiteres jagen, daß die Polizeibeamten direkt Lust am Prügeln gehabt hätten. Gewiß seien die rohen Ausdrücke, die einzelne Beamte namentlich Frauen gegenüber gebraucht hätten, zu verdammen. Andererseits seien aber auch die Beamten mit Ausdrücken, wie Lausejungen", „Bluthunde", „Strolche" belegt worden, so daß. auf beiden Seiten gesündigt worden sei. Bedauerlich feien die schweren Angriffe, die gegen den Leutnant Sätze gerichtet worden seien, dem et attestieren müsse, daß et sich während be* Unruhen nach jeder Richtung hin mustergültig und tadellos benommen habe. Auch der Polizeileutnant Folte, dem man vorwerfen wollte, daß er mit dem Eide nicht vorsichtig genug umgegangen sei, habe sich siets gewissenhaft Genommen. Daß ein so fanatischer Haß gegen die Schutzleute entstehen konnte, daran trage die jahrelange systematische Verhetzung Schuld. Es sei auch zu bedenken, daß sich in dem Unruheviertel viel Prostitution breit mache. Die Verteidigung hat auch auf die sozialdemokratische Jugendorganisation hingewiesen, aber diese habe hier vollständig versagt. Die Staatsanwaltschaft hat auch nie die Behauptung aufgestellt, daß die sozialdemokratische Parteileitung an den Unruhen schuld sei. Eine derartige Behauptung befinde sich lediglich in dem Schreiben eines Vertreters der Firma Kupfer u. Eo. daß die Staatsanwaltschaft zu den Akten genommen habe. Wenn jetzt noch einer der Angeklagten eiuge- stehen würde, daß er geschimpft habe, so würde et, der Staatsanwalt, der erste sein, der eine milde Strafe beantrage.
Staatsanwalt Stelzner ergänzt diese Ausführungen und sucht die Maßnahmen der Polizei als durchaus gerechtfertigt hinzustellen. Die Tätigkeit von Lock-
Die Moabiter Straßenkrawalle vor dem Schwmgerickt.
Berlin, 10. Januar.
Rach Eröffnung der heutigen Sitzung durch de« Vorsitzenden Landgerichtsdirektor U..ger wurde zu, nächst in der Vernehmung der Angeklagten fortgs- fahren, die aber keine neuen Momente zeitigte. D i Lvjährige Angeklagte Rod» behauptet, daß er gesehen habe, wie ein lljährig-s Kind von Schutzleuten je« schlagen wurde. Darüber sei er so empört gewesen, daß er angefangen habe zu schimpfen. Der Angeklagte Minor gibt zu, zweimal mit einem Revolver geschossen zu haben, et habe aber nur in die Luft gezielt. Bei d"t Vernehmung des 18jährigen Marquardt beantragt der Offizialverteidiger, den Angeklagten aus der Haft zu entlasten, zumal erdicht -or die Geschworenen gehöre, denn er sei zur Zeit der Tat erst 17 Jahre alt gewesen. Außerdem sei die dem Angeklagten jur Last gelegte Tat nur ein „Dummer Jungenstreich". Der Gerichtshof beschließt den Haftentlassungsantrag später zu bergen. Nachdem die Vernehmung beendet, wird in d'e Beweisaufnahme eingetreten, und, wie bei den Strafkammer' Verhandlungen, als erster Zeuge Polizeikommissar
Der preußische Etat.
Mer preußische Etat schließt in Einnahmen Ausgaben mit 4 085 314 749 JA ab. Die Otzlußsummen erhöhen sich gegen den Etat von 1910 um 153 583 405 JA. Zur Herstellung des Gleichgewichts wurden 29 Millionen als außerordentliche Einnahmen eingestellt, die auf dem Wege einer Anleihe zu beschaffen find. Andererseits ist infolge der Begrenzung des für allgemeine Staatszwecke verwendbaren Reinüber- fchusses der Eisenbahnverwaltung auf 2,10 Proz. des Anlagekapitals der Betrag von 32474 292 zur Verstärkung des Ausgleichsfonds in Ansatz gebracht worden. Abgesehen von diesen beiden Etatsposttionen stellen sich die ordentlichen Ein- . nahmen auf 4 035 456749, die dauernden Ausgaben auf 3 838 837 204, die ordentlichen Einnahmen auf 20 858 000, die einmaligen und außerordentlichen Einnahmen auf 214 000 253, der Ueberschuß im Ordinartum somit auf 196 619 545, der Zuschuß im Extraordinarium 193 142 253. Gegen die Veranschlagung für 1910 steigen die ordentlichen Einnahmen um 217 724 405, die ordentlichen Ausgaben um 112 253 664. Der Ueberschuß der Mehreinnahmen über die Mehrausgaben mit 96 277 292 wird verwendet mit 63 800 000 zur Herabminderung des Fehlbetrags, von 92 800 000 auf 29 Millionen und mit 32 477 229, wie erwähnt, zur Verstärkung des Ausgleichsfonds. Bei. den staatlichen Betriebsverwaltungen find im Ordinartum o .ne Berücksichtigung der zur Verstärkung des Ausgleichsfonds angesetzten Ausgaben von 32 474 292 Mehrüberschuß überhaupt 119 015 977 'JA veranschlagt, an denen die Eisenbahnverwaltung mit 100115 793 JA beteiligt ist. Bon den Mehreinnahmen der Eisenbahnverwaltung entfallen 44180000 auf den Personenverkehr und 91 760 000 auf den Güterverkehr. Die Verwaltung der direkten Steuern folgt mit einem Mehrüberschuß von 19 384 300, die Einkommensteuer ist mit 15 Millionen, die Erganzungs- steuer mit 3y2 Millionen JA höher veranschlagt. Die Forstverwaltung zeigt einen Mehrüberschuß von 8 665 000 JA. Die Einnahmen für Holz sind unter Berücksichtigung einer einmaligen Mehreinahme von 13 Millionen anläßlich des durch Nonnenfraß in Ostpreußen verursachten Mehranschlags um 10 Millionen JA höher angesetzt. Bei der Lotterieverwaltung konnte teils infolge des Anschlusses von Elsaß-Lothringen an die preußische Klassenlotterie, teils infolge weiterer Losevermehrung ein Mehrüberschuß von 3 008 664 JA verans<blagt werden. Von den Minderüberschüssen entfällt ein Betrag v. 10 077 190
Ausgaben dagegen um 8 121 670 JA gesteigert. Außerdem ist in Aussicht genommen, ausnahmsweise für einzelne dringend erforderlich werdende Neuanlagen den Anleiheweg zu beschreiten, um den Neubaufonds des vorliegenden und des nächsten Etats nicht übermäßig stark zu belasten. Die Verwaltung der Zölle und der indirekten Steuern bringt einen Minderüberschuß von 5 809 340 JA, der in der Hauptsache durch Mindereinnahmen verursacht ist. Der Anteil an der Reichserbschaftssteuer ist um 3 554 000 JA niedriger eingestellt worden. Ferner ergibt sich eine Mindereinnahme bei der Stempelsteuer um 850000 JA. Bei der Domänenverwaltung tritt ein Mtnderüberschuß von 666 651 JA hervor. Dotation und allgemeine Finanzverwaltung weisen im Ordinartum einen Minderbedarf von 555 339 JA auf, die Krondotation ist um 2 Mill, höher eingestellt. Die Verwaltung der öffentlichen Schuld erfordert eine Mehrausgabe von 2 550 690 JA. Bei der allgemeinen Finanzverwaltung ergibt sich ein Minderbedarf von 14 946 567 -K. Die Ueberweisungen vom Reiche find um 10 156 083, der Matrikularbeitrag um 9 978 561 JA niedriger eingestellt. Im Ganzen ergibt fich bei 100 545 147 JA Ueberweisungen und 131859 674 Matrikularbeitrag ein ungedeckter Matrikularbeitrag von 31314 527, gleich 33,97 Pfennig pro Kopf der preußischen Bevölkerung. Bei den eigentlichen Staatsverwaltungen ist die Einnahme um insgesamt 11 185 466 JA höher veranschlagt. Die dauernden Ausgaben bei den eigentlichen Staatsverwaltungen steigen um 25 296 041 JA. Das Finanzministerium erfordert mehr 7 439484, davon 4 796 000 für Zivilpersonen, neben 5 204 000 bei der Eisenbahnverwaltung, 1419 000 an gesetzlichen Witwen- und Waisengeldern neben 1 481 000 bei der Eisenbahnverwaltung, die Justizverwaltung beansprucht mehr 4 808 000 JA. Bei der Verwaltung des Innern sind 3 216 231 JA mehr veranschlagt, bei der landwirtschaftlichen Verwaltung und den geistlichen und Unierricb^sangelegenbei- ten 5 718 400 • * den einmaligen außer
ordentlichen „-.gaoen entfallen auf die Betriebsverwaltungen 145 544 927 JA, denen außerordentliche Einnahmen von 20 858 000 JA gegen» überstehen.
Aus dem Etat ist hervorzuheben: Das Etatsgesetz enthält die Ermächtigung zur vorübergehenden Verstärkung der Betriebsmittel der Eeneralftaatskasse und deren Betriebsfonds. 133 497 000 Schatzanweisungen bis zu 100 Mill, ausgeben zu dürfen. Die Erhöhung des Woh- nungsgeldzufchusses erfordert für 1911 einen Mehraufwand von 4 779 932 JA. Die Pensionen
unb beu Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" unb „Landwirtschaftliche Berlage
g“ erscheint täglich mit Ausnahme nb Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt oiertel- M . .. jährlich durch die Post bezogen 2£5 * (ohne Bestellgelds Bet
Wo 10 unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2.00 -*
frei fns Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte Wer- nimmt bie RedakKm keinerlei Verantwortung.)
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.___
Die Fnsertionsgebühr beträgt für bie 7gespaltene Zeile ober deren Raum 15 4. bei auswärtigen Inseraten 20 -H, für Reklamen die Zeile 40 -z. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder _ .
Rabatt gilt als Barrabatt — Für Inserate, bei denen der Auftrag» 46. Jayrg.
10 1 Ql 1 qeber in der Exped. nntgetetlt werden soll, wird eme Gebühr von •
Donnerstag, 12, jCUtUuT IVll. fo erhoben. - Druck der Univ. .Buchdruckerei st. A. Koch,
(Inh.: Dr. Hitzeroth.) Mark 21, — Telephon 55. I
6 (Nachdruck verboten.)
Der stille See.
.£»■’ Roman von -. Tourt hs-Mahler.
l Forttetzung.s
Als Ravenport von Rochsberg zurückkam, zog er sich in seinem Zimmer schnell um, wobei et mit peinlicher Akkuratresse sofort jeden Gegenstand an seinen bestimmten Platz legte. Dann nahm et ein frisches Taschentuch, nachdem et sich überezugt, daß es unter dem Monogramm die nächste Summet trug des eben benutzten. Wäre es durch irgendeinen Zufall nicht zur Stelle gewesen — vielleicht hätte et fich nicht entschließen können, eines außet bet Reihe zu nehmen. Aber solche Unregelmäßigkeiten waten einfach undenkbar in seinem Hanse.
Al» er fertig war, ging et in das Wohnzimmer, wo er feine Tochter anzutreffen hoffte. Sie saß, übet eine feine Handarbeit gebeugt, am Fenster. Bei seinem Eintritt flog eine intensive Röte über ihr Gesicht. Sie sah jedoch nicht auf, und erwiderte seinen kurzen Gruß in gleicher Weise, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„ßege deinen Flickkram beiseite, Ruth, ich habe mit dir zn sprechen."
Sie folgte sofort seinem Gebot. Die Röte war so schnell, wie sie gekommen, aus ihren ernsten jungen Zügen verschwunden. Ohne ein Wort bet Erwiderung erhob sie sich, unb stand vor ihm mit niedergeschlagenen Augen.
Er schob ihr einen Stuhl hin unb setzte sich Ihr gegenüber. Sie ließ fich niebet. Kein Zug in ihirem Gesicht verriet eine besondere Erregung, nut die Hände legten fich fest ineinander, weil ein leise» Beben ihre innere Unruhe hätte verraten können.
Ravenpott beobachtete sie scharf. Etwas wie lln- willen glitt übet sein GesM Sein« Finget deh-
ten wie spielend an der dünnen goldenen Uhrkette. Endlich sagte er ruhig, fast geschäftsmäßig.
„Du bist nun in dem Alter, in dem junge Mädchen heiratsfähig genannt werden. Es hat sich auch ein Freier für dich bei mir gemeldet, bet alle Eigenschaften besitzt, bie ich von meinem künftigen Schwiegersohn erwarte. Ich habe ihm deine H.nd bereits zugesagt. Du wirst mit der Wahl zufrieden sein, die dein Vater in weiser Fürsorge für dich getroffen hat."
Er machte eine Pause. Ruth antwortete nicht. Sie saß noch immer mit gesenkten Augen da. Rur ein unruhiges Heben und Senken der Brust vertret, daß Leben in ihr war.
„Sun, du fragst mich nicht, wer dieser Freier ist?"
„Sein," antwortete sie leise.
Peter Ravenyott wat gewöhnt, baß sie fich ruhig all seinen Befehlen und Anorbnungen fügte. Daß sie aber auch bei dieser Gelegenheit kein Wort bet Erwiderung fand, verursachte ihm einiges Unbehagen.
„Du fragst nicht, weil du wohl überzeugt bist, daß dein Vater eine gute Wahl für dich getroffen hat. Ich habe dich für ein vornehmes Leben erziehen lassen, weil ich dich mit einem vornehmen Manne verheiraten wollte. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Also kurz und gut, Graf Rochsberg hat mich um deine Hand gebeten, und ich habe sie ihm zugesagt, Morgen mittag wird et kommen, um persönlich bei dir seine Werbung vorzubringen."
Ruth preßte die Lippen fest aufeinander, und Über den Augen auf der Stirn erschien eine kleine Falte. Die Hände schlossen sich noch fester ineinander und die Augenlider zuckten leise. Dieses Zeichen deutete ihm an, daß sie nicht so ruhig war, wie sie schien. Seine Eesichtsmuskeln spannten fich an, als ob er fich auf einen Kampf vorbereiten müßte.
Ruth zwang aber schnell ihre äußere Unruhe zurück.
„Es ist gut, Vater," sagte sie fest.
Er richtete fich nun doch überrascht auf. Diese glatte Fügsamkeit, ohne eine Frage, eine Einwendung. hatte et nicht erwartet.
„Du scheinst gar nicht überrascht zu sein?" fragte et zögernd.
„Sein," erwiderte sie kurz.
Er riß etwas ungeduldig an feiner Uhrkette.
„Willst du mit dein sonderbares Benehmen nicht erklären? Wie kommt es, daß du es als so etwas Selbstverständliches annimmst, daß Graf Rochsberg um dich anhäli?"
Ruth atmete tief auf.
„Muß ich dir darauf antworten, Vater?" fragte sie ernst.
„Gewiß. Dein Verhalten bei dieser Eröffnung ist so eigentümlich, daß ich dafür eine Erklärung erwarte."
Das junge Mädchen schlug jetzt die dunklen Augen groß auf und sah dem Vater mit ernstem Ausdruck in bas Gesicht, in dem sich eine nervöse Gereiztheit spiegelte. „Ich habe schon lange gewußt, daß du mich dazu befHmmteft, Graf Rochsbergs Gattin zu werden. Deshalb war ich nicht erstaunt über deine Eröffnung."
Ravenpott fuhr empor.
„Das hast du gewußt? Woher?"
„Muß ich auch das noch sagen, Vater? Es wäre mir lieber, der erließest mit die Antwort auf diese Frage."
„Ich will es wissen!" rief et scharf und innerlich unruhig.
Ruth strich mit bebenden Händen über die Stirn. Ein gequälter Ausdruck lag in ihrem Gesicht. Sie blickte wieder vor fich nieder, als bereite es ihr Schmerz, den Vater anzusehen. Mit leiser Stimme begann sie dann: „Es ist fast zwei Jahre her — da war ich einmal, ob* *» zu wollen, Zeuge einer
Unterredung, die du mit dem Rochsberger Inspektor Seltmann hattest."
Ravenpott zuckte zusammen und verfärbte sich Sein: Augen bohrten sich unruhig forschend in ihr Gesicht. „Was hast du gehött?" fragte er heiser.
Sie seufzte tief auf und krampfte bie Hände ineinander.
Daß du mit Seltmann auf unrechtmäßige Weise Verkäufe abgeschlossen hast, d'e einen großen Teil Rochsberger Grund unb Boden und alle landwirtschaftlichen Produtte, auch geschlagene Hölzer für einen Spottpreis an dich brachten. Es handelte sich um hohe Summen, die Graf Rochsberg entzogen wurden. Ich hötte, daß du Seltmann für seine Beihilfe bezahltest und ihm Anweisung gabst, wie er in seinen Wirtschaftsbüchern die Einttagungen zu machen hätte. Seltmann sagte dir, daß et sich Gewissensbisse machen würde, wenn du ihm nicht die Versicherung gegeben hättest, daß deine Tochter e.ne» Tages Gräfin Rochsberg sein würde. Dann käme \c doch alles wieder in die Hände der Rochsbergs zurück. Du bestättgtest bas noch einmal ausdtückttch und sagtest ihm, er brauche keine Angst zu haben. In zwei bis drei Jahren sei deine Tochter sicher mit Graf Hans Rochus vermählt. Et solle nur weiter ganz nach deinen Wünschen handeln, dann sei es ein Schaden nicht. Das ist alles, was ich weiß.
Sie hatte das alles gejagt, ohne al'ch nur einmal die Stimme zu heben. Ganz monoton kam es übet ihr: Lippen. Ravenpott hatte sich vorgebeugt. als müsse et die Watte vom Munde ablesen, ehe si-. ausgesprochen waren. Sein Gesicht war fahl und sch'iss geworden. Als sie geendet hatte, bewegte er einige Male in krampfhafter Art den Unietttefer, ohne ein Wort 5ervorzubringen. Endlich fand er die Sprache wieder.
(Fortsetzung folgt.)