Der heutigen Nummer liegt bet Kreisblatt Nr. 3.
Aus dem Reichsländle.
Elsaß-Lothringen, das durch den demnächst zur Verhandlung kommenden Verfassungsent- routf in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist, hat ja stets durch allerhand Ueberraschungen das Erstaunen der außenstehenden politischen Kreise zu wecken gewußt. Jetzt haben stch wiederum Szenen dort abgespielt, die denjenigen recht zu geben scheinen, die immer davor warnten, den Elsässern die Selbstverwaltung zuzugestehen, da jle für diese nicht reif seien. Eine eigenartige Stellung nimmt diesmal die Polizei ein. Der Polizeipräsident von Mühlhausen hat es näm- kich fertig gebracht, für die am Sonntag ange- setzten sozialdemokratischen Demonstrationsumzüge ein richtiges Programm aufzustellen. Da hieß es z. B.: Gemäß § 2 der Ortspolizeiverordnung vom 1. Dez. 1888 genehmige ich, daß an der Spitze des Zuges Trommler und Pfeifer spielen, daß in der Mitte des Zuges die Arbettermusik abwechselnd den Sozialistenmarsch und den An- dreashofermarsch spielt, und daß Arbeiter-Gesangvereine die „Internationale" und den „Weckruf" sinnen."
Genau nack diesem Programm haben sich die Umzüge denn auch abgespielt, wie folgende Meldung beweist:
M L h l h a u s e n i. E., 8. Jan. Die für heute angesetzten Demonstrationsumzüge gegen den Regierungsentwurf für eine Verfassung von Elsaß- Lothringen haben stch programmäßig abgewickelt und soweit sich bis jetzt übersehen läßt, zu keiner besonderen Störung geführt. Besonders zahlreich war die Beteiligung in Straßburg, Eolmar und dem tndustriereichen Mühlhausen. Die Teilnehmer an den Umzügen waren in der Hauptsache Sozialdemokraten. da die Liberalen und Demokraten eine offizielle Anteilnahme abgelehnt hatten. Sehr entgegenkommend hatte sich der hiesige Kreisdirettor, Polizeipräsident Dieckmann gezeigt, der auf Ansuchen des Reichstagsabgeordneten Engel fast alle Wünsche des Organisationskomitös für den Umzug erfüllt hatte. Rach Schluß der öffentlichen Volksversammlung in der neuen Markthalle, in der die Berfaffungsvorlage der Regierung in Grund und Boden kritisiert worden war, bewegte sich der lange Zug durch die Belforter-, Straßburger-, Eolmarer-, Zeughaus-, Lange-, ßinne=, Fabrik- und Dornacherstraße, wo sich der Zug an der Ueberdeckungsstrecke auflöste.
Daß durch derartige Lauheit der Polizei den Sozialdemokraten erst recht der Kamm schwillt, war vorauszusehen. Man bemühte sich denn auch in den zur Annahme gelangenden Resolutionen so unverschämt wie nur irgend möglich zu fein. Es heißt da: „Die freiheitlichen Traditionen unseres Landes fordern auch die republikanische Regierungsform, die eine und alleinige
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Marburg
M 9
Mittwoch, 11. Januar 1911.
die bereits gemeldeten Kundgebungen ab. Von den Verhaftungen wurden nur zwei aufrechterhalten. Man sieht, eine starke Hand täte hier Not.
zum Wohle des Einzelnen wie des ganzen Staates. Es ist, als wenn Mohl den Prozeß um den Kupfer» scheu Streik vorausgeahnt hätte. Die auffällige Begleitung der Kohlenwagen durch die Stadt hat Me Kenntnis von dem höchst lokalen und untergeordneten Ereignis durch ganz Groß-Berlin getragen. Die Polizei darf aber nach Mohl teilte an stch rechtswidrige Pläne durchführen. Die Räumung der verschiedenen Lokale war eben eine solche Maßregel Weiter darf nach Mohl der individuelle Nutzen mit den Mitteln des Staates nicht gefördert werden. Das ist geschrieben worden im Jahre 1833, als von der Firma Kupfer noch keine Rede war. Man begegnet bei der Polizei einer direkten Vergeudung der Kräfte. Wem ist noch nicht ausgefallen, welche ungeheure Anzahl von Schutzleuten die Korridore der Eerich s- gebäude bevölkert, um wegen irgend einer Straßen- übertretung oder einer sonstigen Kleinigkeit auszusagen. Die Entblößung der Stadtteile ist zum Teil darauf zurückzuführen auf die Zuvielregiererei und darauf, daß die Schutzleute von der Straße weg, und einem unleidlichen Gerichts- und Zeugendienste zuge» führt werden. Warum hat die Polizei das Hausrecht, zu dem auch das Fensterrecht gehört, in so sinnloser Weise beschränkt? Weil ste nicht Zeugen dafür haben wollte, wie sie stch ruhigen Passanten gegenüber benommen hat Es fehlt an der Innehaltung der gesetzlichen Vorschriften. Dle größere Verantwortung dafür fällt den gebildeten Elementen unter den Beamten, den Offizieren zu. Die Offiziere haben ebenfalls geschlagen und sich an den Beschimpfungen beteiligt. Der Polizeileutnant Folte hat seine Waffe nicht zum ritterlichen Schlagen gebraucht, wenn ich so sagen darf, sondern zum Stechen, was nach studenft- schem Gebrauch immer noch als unkomme tmäßig gegolten hat. Vernunftmäßiges Handeln kommt überhaupt nicht in Betracht bei den Mißhandlungen der Kinder. Es darf von der Staatsanwaltschaft, der objektivsten Behörde der Welt, erwartet werden, daß sie die polizeilichen Vorschriften auf ihre Zweckmäßigkeit prüft und ebenso die Verletzung der strafrechtlichen Bestimmungen zu ermitteln sucht, soweit diese Verletzung Schutzleuten zur Last fällt. Man hat der Polizei mit Recht nachgesagt, daß sie sich vom Volke absondere. Es gibt aber doch eine Demokratie bei uns, daß ist die Demokratie des Schutzmanns- säbels. Jung und Alt, der Mann der Feder und 6er Arbeiter, alle sind gleichmäßig vom Säbel getroffen worden. Wenn einmal ein künftiger Holbein oder Rethel einen neuen Totentanz zeichnen wird, vielleicht wird es ihm beikommen, den Tod mit dem Schutz- mannssäbel zu bewaffnen. Der Verteidiger geht dann auf die Frage der agents provocateurs ein und behauptet, daß das Lockspitzeltum feit 50 Jahren eine ständige Einrichtung bei dem Berliner Polizeipräsidium sei. Er stellt eventuell unter Beweis, und zwar durch Vernehmung des Geh. Oberregierungsrats Friedheim, daß zwei Kriminalschuhleute der siebenten Abteilung sich in Arbeitervereine eingeschlichen haben und dort zu Dynamitattentaten aufreizten, daß da« Anarchistenblatt die „Freiheit" mit dem Selbe des Berliner Polizeipräsidiums gedruckt wurde, daß der Kriminalkommissar Wohlgemut an Lockspitzel einen Brief schrieb, indem er aufforderte, sich mit Leuten bekannt zu machen, die geeignet seien, Dynamttakien- tate zu begehen, daß der noch jetzt im Dienst befft^c liche Kriminalkommissar Schöne einen russischen
Volkskammer, gewählt auf Grund eines allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes (nach dem Verhältniswahlsystem) für alle großjährigen Bewohner des Landes, ohne Unterfchiä» des Geschlechtes. Die Versammelten geloben, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, und alle geeignet erscheinenden Mittel in Anwendung zu bringen, um diese Forderungen des elsaß-lothringischen Volkes zu verwirklichen. Vom Reichstage erwartet die Versammlung, daß er dle Elsaß-Lothringer nach vierzigjährigem Hörigkeitsverhältnis vor der völligen Verpreu- ßung bewahre und ihnen endlich zu ihrem Rechte verhelfe." Mühlhausen hielt es für angebracht, in dieser Resolution hinter die Worte: „alle geeignet erscheinenden Mittel" einzufügen: „erforderlichenfalls auch den politischen Massenstreik."
Gleichzeitig kommt aus Metz die Kunde von antideutschen Krawallen^Darüber wixh be-
M e tz, 9. Januar. Die bekannte Sportvereinigung „Lorraine Sportive" hatte für gestern nachmittag ein Konzert int Terminushotel veranstaltet, das aber von der Polizei nicht genehmigt worden war, trotzdem versuchten die Teilnehmer das Konzert zu Stande zu bringen, worauf die Polizei zur Auflösung schritt. Darauf scharrte stch die inzwischen angewachsene Menge zu einem Zuge zusammen und zog unter den Rufen Dive Lorraine und dem Gesang des Sambre- und Meuse- Marsches des Marche-Lorraine durch mehrere Straßen zum Marschall Rey-Denkmal, wo eine mit Beifall gehaltenen Rede gehalten, und Rufe vive la France ausgestoßen wurde. Diese Rufe wiederholten sich später noch mehrfach, ebenso wurde die Marseillaise gesungen. Als schließlich in der Ladou- cette-Sraße die Schutzmannschaft, die auf mehr als 1000 Personen angewachsene Menge zu zerstreuen suchte, nahm diese eine drohende Haltung ein. Zwei Soldaten eilten zur Hauptwache, die alarmiert wurde und mit aufgepflanzem Seitengewehr aus- rückte und die umliegenden Straßen absperrte. Die Demonstration auf der Straße währte bis 11 Uhr abends. Acht Verhaftungen wurden vorgenommen, acht Personen wurden verletzt.
M e tz, 9. Jan. Zu dem gestrigen Verbot der Veranstaltung des Vereins Lorraine sportive wird weiter gemeldet: Die Polizei hatte die Erlaubnis zur Abhaltung des Konzerts verweigert, weil es sich um eine öffentliche Veranstaltung handele und eine Nummer des Programms beanstandet wurde. Der Wirt des Terminus- hotels, in dem das Konzert statffinden sollte, verweigerte die Hergabe des Saales. Darauf stürmten die Vereinsmitglieder den Saal und hielten die Aufführung ab. Ein anwesender Polizeiinspektor, der den Vorsitzenden auf die Straffälligkeit dieser Handlungsweise aufmerksam machte, wurde mit höhnischen Worten abgewiesen. Der Polizeikommissar forderte die Versammlung auf, auseinanderzugehen und ließ den Saal räumen. Auf der Straße spielten sich dann
Die Moabiter Straßenkrawalle vor der Strafkammer.
Berlin, 9. Januar.
Rach Eröffnung der Sitzung fahren die Verteidiger in den Plädoyers fort. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfeld weist darauf hin, daß nach dem Ergebnis der ganzen Beweisaufnahme die Polizei an dem schlimmsten Tage, dem 26. September, ein überaus hohes Maß von Ungeschicklichkeit gezeigt und die Straße vollkommen dem Mob überlassen habe. Daher könne auch nicht die Rede davon sein, daß die Ausschreitungen an diesem Tage von Arbeitern begangen worden seien, die Täter gehörten vielmehr eben diesem Mob an. Es gehe auch nicht an, zu sagen, die Polizei habe sich im allgemeinen korrekt benommen, es sei nur zu einzelnen Mißgriffen gekommen: eine solche Behauptung werde durch die Beweisaufnahme widerlegt. Die' Polizei habe sich nicht darauf beschränkt, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, sondern sie habe in durchaus ungerechtfertigter Weise Angriffe auf das Publikum unternommen, die absolut sinnlos waren. Falsch sei es natürlich auch, die Unruhen irgendwie den Gewerkschaften in die Schuhe zu schieben: die Gewerkschaften wirkten im Gegenteil beruhigend auf ihre Mitglieder ein. — Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Liebknecht beschäftigt stch sodann eingehend mit dem Fall des Angeklagten Pilz, die von der Staatsanwaltschaft gegen diesen beantragte Strafe von VA Jahren Gefängnis sei exorbitant hoch. Der Hauptzevge gegen Pilz sei Wellschmidt, dessen Angaben keinen Glauben verdienten. Die Anklage gegen Pilz stehe auf ungeheuer schwachen Füßen, das sei auch aus dem Plädoyer des Staatsanwalts Stelzner hervorgeganaen. Wenn man die räumlichen Verhältnisse des Pilz- schen Lokals kenne, müsse man sagen, daß sich die Schlägerei unmöglich so abgespielt haben könne, wie Wellschmidt sie schilderte. Der Verteidiger bittet, das Strafmaß, wenn nicht Freisprechung erfolge, erheblich herabzusetzen.
Der folgende Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Eohn geht in seinem Plädoyer eingehend auf die allgemeinen Verhältnisse der Polizei und die bei dem Prozeß zutage getretenen Mißstände ein. Er bezieht sich einleitend auf das Urteil, das der Stiatsrech s- lehrer Robert v. Mohl über die Stellung und die Tätigkeit der Polizei gefällt habe, ein Mann, der gewiß nicht vom hyperradikalen St- dpuntte aus las Amt der Polizei auffaßte. Dieser Staatsrechtslehrrr definierte schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, daß sich aus dem Begriff der Polizei auf der einen Seite die Freiheit des Bürgers als Grundlage des Rechtsstaates ergebe. Der ganze Staat mit feinen Einrichtungen dürfe nur dazu dienen, diese Freiheit zu schützen. Andererseits geht hieraus hervor, daß die Polizei nut einzugreifen hat, wo der Bürger stch nicht selbst helfen kann. Weder Staat noch Bürger dürfen von diesem Standpunkt der Selbsthilfe abgehen. Das sei nötig, wie Mohl sagt,
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bie Zeile 40 <5. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt — Für Inserate, bei denen der Auftrag- 46. ^SduClL AoÜPi* iit tärnrfi. mitrtpfpiEt tnprhen fnßL mirh ein* föpfiühr nnn
gebet in bet Expeb. mitgeteilt werden soll, wird eine Gebühr von 10 Pfg. erhoben. — Druck bet Unia. - Buchdrucketei I. A. Koch, (Inh.: Dr. Hitzeroth.) Mark 21, — Telephon 55.
Die „Gverhel stsche Jettnng" erscheint tagltch mit Ausnahme bet Sonn, unb Feiertage. — Der Bezugspre 1 s betragt viertel, jährlich burch bte Post bezogen 2.25 ■«, (ohne Bestellgeld), bet unseren Zeitungsstellen uno der Expedition (Markt 21s, 2.00 -4! frei ins Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt bie Rebaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg, Markt 21. — Telephon 55._____________
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
unb den Beilagen. „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
5 (Nachdruck verboten.)
Der stille See.
■ ' Roman von H. Eoutths-Mahler.
lFortletzung.)
Schwer lag ihm das Herz in der Brust, und ihm war zumute wie einem Vogel, dem man die Flügel gestutzt und festgebunden hatte. Es half nichts, daß er stch sagte: „Sei froh, daß dir das Aergste erspart blieb. Was hätte werden sollen, wenn stch dir diese Ausficht nicht geboten hätte. Dann ständest du dem Nichts gegenüber. So hast du dir wenigstens dein schönes Rochsberg erhalten. Und Hilde hättest du auch nicht besitzen können. Sei doch zufrieden, es ist gut so. Mit dieser Ruth Ravenport wird fich leben lassen. Ihr Vater sagt ja selbst, sie wirb eine bequeme Frau. Jedenfalls hat er fie an strengen Gehorsam gewöhnt, sonst wäre er nicht so sicher gewesen. Oder handelt er doch im Einverständnis mit ihr ? Gelüstet es fie, Gräfin Rochsberg zu werden'? Ist fie ehrgeizig, wie ihr Vater, und will er nur den Anschein erwecken, als wisse sie von nichts, und h *be sich willenlos zu fügen? Ah bah, was zerbreche ich mL den Kopf, es ist ja doch alles eins."
Leichter wurde ihm nicht ums Herz. Schließlich sprang er auf und trat ans Fenster. Mit trüben Augen blickte er die Kastanienallee hinab nach der Kapelle.
„Du schläfft gut, Vater. Wohl dir, daß du ni ht mit ansehen mußt, wie fich der le^te Rochsberg verkauft," murmelte er.
Peter Ravenport fuhr in bet eleganten Rochs- berger Equipage nach der Residenzstadt zurück. Er dehnte fich mit sonderbarem Lächeln in den mit |
lichtblauem Seidendamast bezogenen Kissen, und ftri.4 mit der Hand wie besitzergreffend barüber hin.
„Mein — alles mein. Und meine Enkel werden die Grafenfrone im Wappen führen," dachte et befriedigt. Vor vierzig Jahren begann ich mit wenig Talern mein Geschäft. Zehn Jahre später wurde ich vom Grafen Rochus als Geschäftsführer angenommen. Und heute ist Graf Rochsberg mein Schwiegersohn. Ich kann mit mir zufrieden fein. Freilich, ohne Inspektor Seltmann wäre ich nicht so weit gekommen. Es war mein Glück, baß er käuf lich war. Die Waldparzellen und das übrige Gelände sind für einen Spottpreis an mich gekommen, unb an geschlagenen Hölzern unb Getreibe habe ich die Hälfte verdient. Seltmann hat dabei freilich auch fein Schäfchen ins Trockene gebracht. Aber gut ist es doch, baß er vorigen Sommer starb. Er wäre mir jetzt unbequem geworden, der gute Freund. Entlassen durfte ich ihn nicht. So ist es schon besser. Seine Familie ahnt nichts von unseren geheimen Beziehungen und lebt weit ab vom Schuß. Ich bin einen unangenehmen Zeugen los. Gut ist es auch daß Graf Rochus starb. Es geschah zur rechten Zeit. Er hat gerade lange genug gelebt, um mich mit seinem Leichtsinn vor seines Sohnes scharfen Augen zu schützen. Jetzt brauche ich ihn nicht mehr, denn nun ist alles mein. Er wäre eine unangenehme Zugabe gewesen, und hätte mein schönes Gelb in alle Winde zerstreut. Hans Rochus ist von festerem Schlag, er wird unter meiner diskreten Leitung ein vernünftiger Wirtschafter werden. Run bleibt nur noch Ruth. — Das Mädchen gefällt mir schon lange nicht mehr. Sie gibt sich mir nicht mehr offen und klar. Irgendeine Torheit steckt ihr im Kopf. Aber was schert mich das. Bor Mädchenlaunen mache ich nicht kehrt. Wenn ich nur wüßte, was fie so verändert hat in ihrem Wesen — seit fast zwei Jahren
ist fie eine andere. In der ersten Zeit, als fie aus dem Pensionat zurückkam, war ich mit ihr zufrieden Ihre vornehm sttlle Art paßt in meine Pläne. Aber dann kam plötzlich etwas Fremdes in ihr Benehmen — etwas, das ich nicht mit Namen nennen kann Wie eine sttlle Auflehnung und Abwehr liegt es oft in ihren Augen. Sehr zärtlich war fie ja nie — das hätte mich auch nut gestört, aber jetzt erscheint sie mit oft geradezu feindlich in ihrer Haltung. Ach was — fie hat stch zu fügen — punktum." — Diese Gedanken beherrschten Peter Ravenpott auf der Fahrt nach Hause. Mit geschlossenen Augen lag er in den Wagenpolstetn, und fein unbewegliches Gesicht verriet auch jetzt, da et allein wat, nichts von dem, was er empfand. —
Peter Ravenport bewohnte schon seit langen Iahten ein altes, zweistöckige Gebäude in der Mariensttaße. Im Parterre befanden fich die Ge- schäststäume hinter mit Eifengittern versehenen Fenstern. Der erste Stock enthielt die bescheiden ausgestatteten Wohntäume. Sie umschlösse" noch die, selben schlichten Möbel, die bei Peter Ravenports Verheiratung hineingestellt worden waten. Das einzige neu angeschaffte Stück in dem sogenannten „Salon" war ein „Blüthner-Flügel. den er seiner Tochter geschenkt hatte, damit fie mit dem Klavier- spiel nicht aus der Hebung kam. Er nahm fich recht fremd unb auffallend vornehm in der schlichten Umgebung aus, gleich der Tochter des Hauses, die mit ihren eleganten, eigenartigen Toiletten und den feinen, schlanken Händen ganz aus dem Rahmen dieser Umgebung fiel.
Im zweiten Stock lagen die Schlafzimmer Raven- ports und seiner Tochter, ein Zimmer für Fräulein Ernestine Hebenstreit, die seit dem Tode der Frau Ravenport den Haushalt führte, und Heinere Räume für das Hausmädchen und wirtschaftliche Zwecke.
Fräulein Etnesttne Hebenstreit wat eine stille, sanfte Person, die ohne viel Wort ihren Pflichten nachkam, und fich als einzigen Luxus eine schwärmerische Verehrung für alles, was vornehm war, leistete. Sie las mit Vorliebe Hofnachrichten und wußte genau über alle Vorkommnisse in den hohen und höchsten Kreisen Bescheid, soweit fie in die Oeffenilichkelt drangen. Wenn ihr auf ihren Ausgängen ein Hofwagen begegnete, ober fie gar eine der hohen und höchsten Personen zu Gesicht bekam, dann ging ste mit einem erhabenen Gefühl nach Hause, als habe sie etwas Köstliches erlebt.
Für die Tochter ihres Brotherrn hegte fie eine starke, ehrliche Zuneigung, die fie aber scheu verschloß unb nur bei befonberen Gelegenheiten einmal durchblicken ließ, während fie Ravenport selbst wohl ftreng respektierte, aber eigentlich nicht leiden mochte. Zwar hotte fie nie ein hartes ober scheltendes Wort, er war höflich zu ihr, wie zu allen Menschen. Aber bei dieser Höflichkeit fror Fräulein Hebenstrelt innerlich immer ein wenig. Am wohl- sten war ihr, so lange Ravenport unten in den Geschäftsräumen war. Dies pflegte den größten Teil des Tages der Fall zu fein. .
Ruth Ravenpott wußte ganz genau, daß Fräulein Hebenstreit für sie durchs Feuer gegangen wäre. Da fie aber selbst sehr still unb zurückhaltend war, unb ihre Gefühle hinter einer ruhigen Gleichmäßigkeit verbarg, kam es nicht zu vielen Motten zwlscheu ihnen. Es ging überhcupt alles still unb ruhig M im Ravenpottfchen Haufe, denn auch der Hausherr pflegte nur das Nötigste zu sprechen, als müsse <t auch mit Worten sparen. Dieser reichgeworde» SKaim gönnte sich keinen Luxus, auch nicht den mit Worten.
(Fortsetzung folgt}