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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
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Die „Gberheffftche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 (ohne Bestellgeld), Bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Mark 21), 2.00 frei in» Hau». (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Berantwortung.)
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Freitag, 6. Januar 1911.
Die Jnsertronsgebühr beträgt für die 7 gespaltene Zeile oder deren Raum 15 bei auswärtigen Inseraten 20 4, für Reklamen die Zeile 40 A. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt — Für Inserate, bei denen der Auftraggeber in der Exped. mitgeteilt werden soll, wird eine Gebühr von 10 Pfq. erhoben. — Druck der Univ. - Buchdruckerei I. A. Koch, (Inh.: Dr. Hitzeroth.) Mark 21, — Telephon 55.
46. Jahrg.
Vom Parlamentarismus.
Heiseres Geschrei und Gekrächze war in den letzten Wochen von der ganzen 6<bor der roten Genossen und den Freisinnigen, die allerdings schon mit einem Fuße im sozialdemokratischen Lager stehen, verüxhmbar. Die Einführung des parlamentarischen Regiments soll das Deutsche Reich vor dem gänzlichen Zusammenbruche bewahren. Man konnte sogar aus manchen dieser staatsrechtlichen Aeußerun- gen heraushören, die Reichsverfasiung habe an so etwas wie Parlamentarismus gedacht. Aber es gehört wohl eine bewußte Gedanknfülscherei dazu, um solche Bestimmungen in unserer Verfassung entdecken zu wollen. Es ist demnach ein gutes Recht des Reichskanzlers, als er in seiner Etatsrede diese Unterstellungen mit voller Entrüstung zurückwies; denn ganz abgesehen vom Standpunkte des gemeinen Rechts wäre auch praktisch ein Parlamentsregiment im Deutschen Reiche unmöglich. Da trifft es sich nun ausgezeichnet, daß just in dem Augenblicke, wo sich die Uebereifrigen bemühen, durch ein solches Danaergeschenk unser politisches Leben zu befruchten, in einem Lande, wo sonst der Parlamentarismus immer hoch im Kurse stand, sich Dinge zulfgen, die erwiesen, daß der Parlamentarismus bankerott, dekadent st. Als Balfour in England das Referendum als Wahlparole ausgab, geschah es in der richtigen Erkenntnis, daß der Glanz, der in früheren Jahren auf dem House of commons ruhte, in den Augen des englischen Volkes immer mehr verblaßte, und daß dieses Volk nicht mehr unbedingt der Erbweisheit der patres conscripti traut. Wer bei uns bisher in den 397 Reichsboten die Blüte der Nation erblickte, der dürfte nicht für ernst genommen werden. Immer häufiger siegen Mammon oder Kleon tm Wahlkampfe, das klingende Geld oder die wüste demagogische Phrase. — Es braucht deshall. garnicht Wunder zu nehmen, r nn sich diese Dekadenz auch in den Debatten und im parlamentarischen Verkehr zeigt. Die letzten Etatsreden vor Weihnachten boten für den aufmerksamen Beobachter eine reiche Fülle. Biele unserer mit Weihwasser Geweihten hielten nichts weiter als Wahlreden, die mit dem vorliegenden Etat größtenteils nichts zu tun hatten, ein würdeloses Gezänk Hub an, das in einen Ton ausartete, rote er bislang den Hallen im Wallotbau fremd war. Die maßlosen Ausdrücke, die während des Reichskanzlers Rede von den Sitzen der „Roten" erschallten, entstammten der Gosse und gehörten nicht in be t Deutschen Reichstag. Daß sich Leute vom Schlage Ledebours und Zubells als Rufer im Streite unrühmlich hervortaten, wird nirgends Erstaunen erregen, aber eine so zahlreiche Partei, wie die Sozialdemokratie, in der auch Leute von Bildung und Anstand vertreten sind, sollte doch bald zu der Einsicht gelangen, daß Roheit des Ausdrucks und kräftige Kehllaute weder Beweisgründe sind, noch den unter gesitteten Menschen üblichen dlmgangsformen entsprechen.
Das steht im Widerspruche mit dem angeblichen Streben der „völkerbefreienden" Sozialdemokratie, dem Parlamentarismus erst zu seiner großen Bedeutung zu verhelfen. Für sie, wie für die radikale Linke, ist das Plenum nur vorhanden, um die Massen draußen aufzupeitschen, die nach dem kecken
1 (Nachdruck verboten.)
Der stille See.
Roman von H. Eoutths-Mahler.
Graf Rochus von Rochsberg war soeben in der Familiengruft beigesetzt worden. Viele hatten ihm das letzte Geleit gegeben. Ein glänzendes Trauergefolge war hinter seinem Sarge hergeschritten. Dffi= ziere, hohe Würdenträger des Landes, Vertteter des herzoglichen Hofes und Mitglieder der ersten Adelsfamilien — sie schritten nun alle einzeln oder in Gruppen vereinigt, mit mehr oder minder feierlichem Ausdruck, die breite Kastanienallee hinab,, welche von der Kapelle zum Schloß fühtte. Dott wurde ein auserlesenes Frühstück serviert. Dem Toten war sein Recht geworben, — nun forderten die Lebenden, was ihnen zukam.
In der mächtigen, holzgetäfelten Halle versammelte .sich das Trauergefolge. Hans Rochus, der einzige Sohn des Verstorbenen, war anwesend und mc-chte die Honneurs. Unterstützt wurde er darin ocn der verwitweten Generalin Sontheim, einer entfernten Verwandten seines Hauses. Der junge Graf trug die glänzende Uniform des herzoglichen Leib- cegiments. Seine schlanke, kräftige Gestalt hielt sich straff und aufrecht, und der scharfgeschnittene Kopf mit den tiefliegenden, stahlblauen Augen und dem kurzgeschnittenen blonden Haar saß stolz und ungebeugt auf den breiten Schultern.
Graf Hans Rochus hatte in seinem Vater auch einen Freund verloren, und zwar einen, der trotz seines Alters das Leben ungestümer, feuriger genoß, als der Sohn. Man wußte in den beteiligten Kreisen längst, daß die beiden Grafen Rochsberg über ihre Verhältnisse lebten. Wie schlecht es aber wirklich auf Schloß Rochsberg stand, ahnte kein Mensch. Bis »it: letzten Atemzuge des »erstorbenen Grafen war
Eeständnisie, das dem „Vorwärts" in seinem Neujahrsleitaufsatze entschlüpft ist, „gut Entscheidung Mitwirken müssen", denn die .parlamentarischen Kämpfe müssen unterstützt und geförde-t werden durch die großen Attionen der Massen draußen!"
Die Sätze wird man sich merken müßen. Denn sie zeigen deutlich, daß die Partei, die die Hüterin des Parlamentarismus zu sein vorgibt, selbst die Bedeutung des Parlamentarismus systematisch untergräbt, dessen einzige und sichere Stütze gerade die geschmähte Rechte ist.
Die Moabiter Straßcnkrawalle vor Gericht.
Berlin, 4. Jan.
Am heutigen 38. Verhandlungstage des Moabiter Krawallprozesses soll nunmehr endlich die langwierige Beweisaufnahme zu Ende geführt werden Md in Ermattung der Schlußatte des Riesen- prozesses hatte sich nicht nur die Anklagebank und der Berteidigertisch wieder vollkommen gefüllt, sondern auch der Zuhörerraum wies wieder eine komplette Besetzung auf. Der Gettchtshof ließ zunächst sehr lange auf sich warten, da et noch die verschiedenen Anträge der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung auf weitere Beweiserhebungen, auf Abhaltung eines Lokaltermins in dem Geschäft des Angeklagten, Gastwirts Pilz u. a. zu beraten hatte. — Erst gegen %11 Uhr erschien der Gerichtshof im Saal.
Der Vorsitzende Landgettchtsdirettor Lieber. gab zunächst bekannt, daß die Lokalbestchtigung bei Pilz abgelehnt worden sei, da der Verteidigung zugegeben werden könne, daß die in Frage kommenden Wörtlichkeiten mit den Bekundungen der Zeugen Lbereinstimmten. Ebenso lehnte das Eettcht die Hinzuziehung eines psychiatrischen Sachverständigen zur Beobachtung des Geisteszustandes des Zeugen Blechschmidt ab, der den Angeklagten Pilz belastet hatte. Schließlich wurde auch die Ladung der Redaktions- und Expedittonsmitglieder des „Vorwärts" abgelehnt, die darüber vernommen werden sollten, daß im Vorwärts vorher von den Krawallen nichts bekannt gewesen sei und auch während dieser keine Beziehungen zwischen der Redaktton und den Krawallmachern bestanden hätten. — Vom Polizeipräsidenten von Jagow lag ferner die Mitteilung vor, daß er nach wie vor die Genehmigung, seine Beamten über die Maßnahmen während der Krawalltage zu hören, verweigere. R.-A. Rosenfeld bemerkt hierzu, daß er dann den Antrag zu stellen habe, den Kriminalkommissar Kluth darüber zu vernehmen, bezw. die Genehmigung zur Aussage über folgenden Vorfall einzuholen: An einem der Krawalltage soll Kriminalkommissar Kluth von einem uniformierten Beamten aufgefordert worden sein, doch eine Attacke auf die Menge anzuordnen, damit das Verhalten der Leute, das so „unangenehm anständig" sei, sich ändere. Staatsanwalt Stetn- brecht erklärt hierzu, daß er selbst den Polizeipräsidenten ersuchen werde, dem Zeugen Kluth eine Aussage hierüber zu gestatten. Inzwischen werden die letzten Zeugen zum allgemeinen Teil der Anklage vernommen. Ein Kommis Knauer weiß zu
alles aus dem Vollen gegangen, glänzende Feste wurden gefeiert, große Jagden abgehalten, und das Schloß wurde nicht leer von anspruchsvollen Gästen. Auch sonst versagten sich die beiden Herren keinen Lebensgenuß. Der alte Herr war unverbesserlich leichtsinnig und huldigte dem Wahlspruch: Apres nous le deluge und sein Sohn, der zuweilen ernste Bedenken geltend machen wollte, wurde wieder durch die übermütige Sttmmung seines Vaters in das alte verschwenderische Treiben mit hineingerissen. Der alte Herr war keine heilsame Gesellschaft für seinen Sohn, und ließ diesem gar nicht Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen.
Und nun hatte der Tod jäh seine Hand nach dem Manne ausgestteckt, dessen nimmersatter Lebenshunger nie völlig gestillt worden war. Ganz plötzlich hatte ihn eine Lungenentzündung hinweggerafft, vielleicht gerade noch zur rechten Zeit, ehe der Ruin über ihn hereinbrach.
Das Trauergefolge verabschiedte sich nach dem Frühstück. In langen Reihen fuhren die Euipagen nach der Residenz zurück, die etwa in zwei Stunden mit dem Wagen zu erreichen war.
Einige Herren zogen es vor, nach der Bahnstation hinunter zu gehen, um von dort die Heimfahtt anzutreten.
Hans Rochus verabschiedete sich von allen in seiner elegant liebenswürdigen Manier, die seinem ernsten Gesicht einen belebten Ausdruck gab. Die Halle entleerte sich. Zuletzt war nur noch die Generalin Sontheim mit ihrer schönen Tochter Hilde und ein Freund des Grafen, Baron Kracht, zurückgeblieben. Die c'le Dame mit dem kalten, konven- lionellen Eeflchtsausdruck wandte sich an den Grafen.
„Fährst du mit uns zur Stobt zurück, Hans Rochus?"
„Jetzt noch nicht, gnädigste Tante, ich habe noch | einiges hier zu ordnen. Doch kannst du ruhig mit
bekunden, daß der Gastwirt Pilz, bei dem er wiederholt verkehrt habe, sich durchaus ruhig verhalten habe. Er habe weder seine Gäste gegen die Polizei aufgehetzt, noch Rufe ausgeftoßen, wenn Polizei vorbeikam. Auch will der Zeuge nicht beobachtet haben, daß Pilz einen von der Polizei eskortierten Kohlen- transpori der Firma Kupfer u. Eo. mit höhnischen Zurufen bedacht habe. Der Borfitzende macht den Zeugen darauf aufmerffam, daß eine ganze Anzahl Zeugen bereits das Gegenteil bekundet habe und daß er erst 3 Monate nach dem Vorfall mit seiner Zeugenschaft zur Sache hervortrete. Der Zeuge bleibt jedoch bei seinen Bekundungen. Ebenfalls zu Gunsten des Angeklagten Pilz sagen noch mehrere andere Zeugen aus, die Nachbaren des Angeklagten find bezw. von einer gegenüberliegenden Bäckerei aus Pilz und sein Lokal beobachten konnten. Nachdem dann noch einige weitere Zeugen über das Verhalten des Angeklagten Weiß gehört worden waren, der bekanntlich mit einem Blumentopf von seinem Balkon ausgeworfen haben soll, wurde Kriminalkommissar Kluth vernommen, der jedoch von dem von Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld behaupteten Vorgänge keine Kenntnis zu haben erklärt. Er weiß nur, daß eines Tages der Polizeileutnant Litzner sich über die Ruhe in den Straßen gewundert und etwa geäußert habe: Na, hier ist ja nichts los. Diese Aeußerung habe aber nicht den Sinn verfolgt, ihn zu einem Vorgehen gegen die Menge zu veranlassen. Auf eine Frage des R.-A. Rosenfeld, ob die Aeußerung von einer anderen Stelle aus nicht weit ernster als von ihm aufgefaßt worden und er darüber bereits vernommen worden sei, verweigert der Zeuge die Aussage. — Auch der Polizeileutnant Litzner, der hierauf vorgerufen wird, und die Angabe des Kommissar Kluth über das mit ihm geführte Gespräch bestättgt, gibt keine Antwort auf die Frage, ob er über dieses Gespräch schon vernommen worden sei. Damit ist die Beweisaufnahme beendet, und es nahm Erster Staatsanwalt Stein? brecht das Wort zu seinem Plädoyer: Er behandelt den allgemeinen Teil der Anklage, während Staatsanwalt Stelzner das Ergebnis der sechswöchentlichen Beweisaufnahme in Bezug auf die einzelnen Angeklagten erörtern wird. Einleitend weist Erster Staatsanwalt Steinbrecht die Behauptung zurück, daß jemals auf Seiten der Staatsanwaltschaft die Abficht bestanden habe, die Sozialdemokratie oder die Gewerkschaften, oder den „Vorwärts" für den Krawall verantwortlich zu machen. Weder vor noch während des Prozesses sei das z-m Ausdruck gekommen. Allerdings habe die Verteidigung sich bemüht, durch Vernehmung von Mitgliedern der Parteileitung den Anfckein zu erwecken, als wenn die Anklagebehörde bemüht gewesen wäre, der Sache ein politisches Mäntelchen umzuhängen, und da das Gericht dir dahingehenden Beweisanträge nicht ablehnen konnte, so sei natürlich jetzt der Jubel in der sozialdemokratischen Presse groß, daß die Beweisaufnahme nach dieser Richtung hin negativ ausgefallen sei. Leider sei dies sozialdemokratische Scheinmanöver einem Teile der bürgerlichen Presse nicht klar geworden und er erkläre deshalb nochmals ausdrücklich, daß die Staatsanwaltschaft niemals die Sozialdemokratie für die Moabiter Unruhen verantwortlich gemacht, noch einen Tendenzprozeß geführt habe.
Hilde meinen Wagen benutzen. Ihr sendet ihn wieder zurück, dann ist er noch immer zeittg genug für mich hier." Baron Kracht hat heran.
Wenn ich die Damen in meinem Wagen nach Hause fahren dürfte, wäre das unnötig."
Das kalte Gesicht der Generalin beleb e sich.
„Ah, sehr liebenswürdig, lieber Baron. Hörst du, Hilde. Baron Kracht will uns begleiten."
Die junge Dame hatte in lässiger Grazie vom Fenster aus der Abfahrt der Gäste zugesehen. Nun wandte sie sich um und trat zu den anderen.
Sie war eine berückend schöne Erscheinung. Die elegante Kleidung schmiegte sich um ihren schlanken, geschmeidigen Körper, dessen Formen wundervolles Ebenmaß verrieten. Ihr Gesicht war fein geschnitten und rassig. Blütenklarer Teint, ein kleiner rotleuchtender Mund, die schmale gerade Nase mit den feinen Nüstern und braune Augen mit seltsam lockendem, faszinierendem Ausdruck, von dunkeln, feingezeichneten Brauen überdacht. Dazu der eigenartige Kontrast des rotgolden üppigen Haares, welches zu einer reizenden kleidsamen Frisur geordnet war. Hilde Sontheim galt mit Recht für die hervorragendste Schönheit der herzoglichen Residenz, und sie wußte diese Schönheit in graziös-verführerischer Weise zur Geltung zu bringen.
Mit einem Lächeln, welches Kracht die Röte in das gutmüttge, etwas derbknochige Gesicht trieb, sah sie zu ihm aus, und nahm dankend sein Anerbieten an. Während Kracht der Generalin seinen Arm reichte und sie hinausführte, hing sich Hilde in Hans Rochus Arm und sah mit einem heißen Blick in seine Augen.
„Armer Hans Rochus! Steht es wirklich so schlimm um eure Finanzen?" fragte sie leise.
! Er sah in ihre lockenden, irrlichternden Augen und preßte ihren Arm fest an sich.
^Jch fürchte, es kann nicht schlechter stehen..
Wohl aber müsse daran festgehalten werden, daß die sozialdemokratische Behauptung durchaus nicht zutreffe, daß nur der Janhagel die Unruhen verschuldet habe. Ein Blick auf die Anklagebank beweise das s Gegenteil. Auch unter den Zeugen habe man . Arbeiter und ihre Frauen gesehen, deren Schuldlosigkeit nicht immer einwandssrei festgestellt sei. Das Gesamtbild zeige ferner, daß ein ungeheurer Haß, gegen die Polizei in Moabit bestand, ein Haß, der nicht zum geringsten Teile auf die sozialdemokratische Verhetzung zurückzuführen sei. Dieser Haß sei sehr bald nach dem Ausbruch des Streiks bei der Firma Kupfer u. Eo. in die Erscheinung getreten, als es sich für die Polizei darum handelte, die Arbeitswilligen dieser Firma vor den Ausschreitungen der Streikenden und der von ihnen ausgestellten Streikposten zu schützen. Darüber herrsche wohl heute kein Zweifel mehr, daß von dieser Seite der erste Anstoß zu den Unruhen gegeben worden sei. Es stehe fest, daß die Streikenden die Arbeitswilligen der Firma Kupfer in oft brutaler Weise mißhandelt hätten, daß sie mii Revolvern ausgerüstet waren und den Kampf mit Pflastersteinen zu fuhren begannen. Als dann die Polizei zunächst in durchaus ruhiger und fachlicher Weise den Schutz der Arbeitswilligen organisierte, wurde fie von demselben Schicksal wie die Arbeitswilligen selbst betroffen. Der Erste Staatsanwalt erinnert daran, von welchem Hohngelächter die aus- fahrenden Wagen von Kupfer u. Co. durch ganz Moabit geleitet worden, obwohl Schutzleute hoch zu Rotz sie begleiteten und wie viele von Steinwürfe zerbeulte Schutzmannshelme heute den Eerichtstifch zierten. Als einen bet Führer im Kampfe gegen die Polizei schildert bet Erste Staatsanwalt dann den Angeklagten Pilz, in dessen Lokal offenbar eine Zentralauskunftsstelle über den Streik und die dabei Beteiligten bestanden habe. Er sei fest davon überzeugt, daß die Zeugen richttg gesehen hätten, die im Pilz'schen Lokal die Streikposten auf- und ein« gehen sahen und er zweifele auch keinen Augenblick daran, daß sich die geschilderten Prügelszenen dort ereignet hätten, bei denen Arbeitswillige die Opfer waren. Es unterliege auch keinem Zweifel, daß während dieser Zeit im Pilz'schen Lokal ein führendes Mitglied des sozialdemokratischen Transport- arbeiterverbandes verkehrt habe und daß ein großer Teil der Loewe'schen Arbeiter zu Gunsten der Streikenden operiert habe, wie denn ja schließlich überhaupt bte gesamte Arbeittrichaft >.es Moabiter Stadtteils jar die Streikenden und damit --egen die Polizei f-^riei genommen habe. Der Staatsanwalt schildert dann eingehend die einzelnen Phasen im Moabiter Krawall und gibt zu. dob die Polizei, gereizt und erbittert durch die ungeheuerliche Entstellung des wahren Sachverhalts und die immer infamer werdenden Angriffe auch hier und da schärfer vorgegangen sei, als man dies vielleicht billigen' könne. Er unterbricht dann fein Plädoyer, das er morgen fortsetzen wird, teilt aber gleichzeitig schon mit, daß er gegen die Angeklagten Tiedemann, Mertens, Raschtui, Pflaster, Lietwicki, Meyer, Nöhrenberg i-nb Muslewski Gefängnisstrafen von 4 Monaten bis zu einem Jahr 6 Monaten beantragen werbe. Hierauf wurden die weiteren Verhandlungen auf Donnerstag früh 9% Uhr vertagt.
„Was soll aber dann aus dir werden?"
Er zuckte die Achseln und seufzte auf. „Ravenport ist noch hier. Ich habe ihn gebeten, ins Papas Arbeitszimmer zu warten, bis alle Gäste fort sind. Vielleicht kann ich noch eine Summe flüssig machen, die mich noch einige Zeit über Wasser hält. Rochsberg ist fo und fo für mich verloren, wenn nicht ein Wunder geschieht."
Hilde seufzte.
„Schade um den feudalen alten Bau. Wir haben fo manche glückliche Stunde in ihm verlebt."
„Ja. und vielleicht schon in kurzer Zeit wird hier ein reich gewordener Parvenü alle Sputen von einst zu verwischen suchen."
Die junge Dame seufzte wieder.
Graf Hans Rochus warf einen Blick hinunter in den Talkessel auf den See, der sich am Fuße des Rochsberges lang und schmal zwischen dem Dorf« dahinstteckie. Ringsum lagen freundliche Wohnhäuser, weiter hinten, nach dem Walde zu, sogar einige elegante Billen. Die Residenzler hielten vielfach ihre Sommerfrischen in Rochsberg ab. Das hatte das reizend gelegene Dorf reich gemacht, während die Grafen von Rochsberg von Jahr zu Iaht mehr verarmten. Sie hatten sich auch freilich nicht gegen den Untergang gestemmt, sondern waren ihm geradezu in die Arme gelaufen.
Hans Rochus sah jetzt ernst und finster aus. Sein Blick glitt die Kastanienallee hinunter nach bet Kapelle, in bet bie Grafen Rochsberg ihre letzte' Ruhestätte gefunben hatten.
„Es ist gut fo, Vater, bu brauchst ben schalen Rest nicht zu erleben," sagte er, wie in tiefe Gebauten verloren. Dann ging er in bas Schloß zurück, i
(Fortsetzung folgt.) --