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45. Jahrg.

Erstes Blatt

Vielleicht fast zu freigebig, wenn man sich da­ran erinnert, in wie unverhohlener Weise ge­rade im letzten Jahre ein Teil der reichsländi- schen Bevölkerung seine Sympathien für Frank­reich und seine Abneigung gegen das Deutsche Reich bekundet hat. Man mutz sagen, datz dieser so liberale Gesetzentwurf in sehr weitgehender Weise den christlichen Grundsatz betätigt, Böses mit Gutem zu vergelten. Wir wollen wünschen und hoffen, datz die elsatz-lothringische Bevölke­rung durch ihr Verhalten von jetzt ab sich des ihr durch das neue Gesetz entgegengebrachten Ver­trauens stets würdig zeigen wird.

erfolgte, und datz er hierher mit der einzigen Absicht kam, eine Zeichnung des neuenZeppe­lin" für die Heeresverwaltung anzufertigen, um den französischen Ingenieuren eine Unter- .lage über Bau und Charakter des neuen deut­schen Militärluftschiffes geben zu können. Bei aller Vortrefflichkeit der französischen äroplane sind bekanntlich ihre lenkbaren Luft- schl/se von sehr geringer Qualität. Man kann sagen, datz die französische Heeresverwaltung tatsächlich über kein einziges wirklich brauchbare Luftschiff für Kriegszwecke verfügt. Die Heeres­verwaltung hat bekanntlich vor einiger Zeit em Preisausschreiben für ein gutes Militärluft- schiff erlasien. Zu diesem Preisausschreiben sind zwar an 100 Entwürfe eingelaufen; es soll aber keiner wirklich kriegstüchtig sein. Die Zeich- nunge'l des Hauptmanns Lux könnten also zur Schosst ng eines französischen Mintärlu,i».

viel beitragen. Es ist zu erwarten, datz derar­tige Vr'kommnijse in Zukunft verhütet werden.

Die Znserttonsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7gcT*rttene Zeile oder deren Staunt IS -3, für auswärtige Inserate 20 L, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. C. Hiuerorh, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.

Ausland.

* Die Wahlen in England. London, 16. Dez. Um 1 Uhr waren als gewählt bekannt: 253 Liberale, 261 Konservative, 40 Mitglieder der Arbeiterpartei, 67 Anhänger Redmonds, 8 Anhänger O'Brien. Es gewannen: die Libera­len 22, die Arbeiterpartei 4, die Konservativen 26 Sitze. Barnes, der Vorsitzende der Arbei­terpartei, erklärte gestern in Croydon, die libe­rale Regierung habe jetzt ein zweites, unzwei­deutiges Mandat erhalten, er hoffe deshalb, datz man mit den Lords keine Umstände weiter ma­chen werde; die Arbeiterpartei könne überhaupt keine Notwendigkeit» für ein Oberhaus aner­kennen! Das Fortbestehen des Oberhauses be­deute eine Beleidigung für die Intelligenz eine» freien Volkes.

** Rußland und Frankreich. Paris, 16. Dez. Ein Mitarbeiter desEcho de Paris" berichtet, ein Vertrauensmann des gestern hier eingetrof­fenen russischen Botschafters Iswolski habe ihm folgendes erklärt: Die Gesinnungen Rußlands gegen Frmkreich werden in der feierlichen A»

Marburg

Sonntag, 18. Dezember 1910.

Politische Umschau.

Verhaftung eines französischen Spions bei Zeppelin.

Eine sensationelle Mitteilung geht der Kor­respondenz .Leer und Politik" aus Luftschiffer­kreisen zu, welche die Verhaftung eines ftanzösi- schen Offiziers, der in Friedrichshafen bei Spio­nage ertappt worden ist, betrifft. Der franzö­sische Hauptmann Lux befand sich nach dieser Mitteilung, die wir bisher noch nicht genau nachprüfen konnten, seit einigen Tagen in Fried­richshafen, um der grotzen Zepelinwerf einen Besuch abzustatten. Hier wird inzwischen das Luftschiff, das gegenüber den bisherigen Syste­men eine viel grötzere Eigengeschwindigkeit ha­ben wird, die von der Heeresverwaltung als un­umgänglich notwendig gefordert wurde. Es ist natürlich auf das Strengste verboten, irgend welche Zeichnungen von Teilen eines Luftschiffes zu machen, besonders wenn es sich um ein Luft­schiff der Heresverwaltung handelt. Der fran­zösische Hauptmann Lux ist nun von einigen Werftarbeitern dabei getroffen worden, wie er Zeichnungen von einigen Teilen des für die Hee­resverwaltung bestimmten Luftschiffes aebeim für sich anfertigte. Es wurden mehrere Skizzen bei ihm gefunden, die immerhin Zeichnungen bedeutenderen Inhalts enthielten. Da er über den Zweck dieser Maßnahmen keinerlei Auskunft geben konnte, so wurde er sofort wegen dringen­den Verdachtes der Spionage verhaftet. Eine Untersuchung dieser höchst seltsamen Angelegen­heit wurde eingeleitet. Man nimmt in militä­rischen Luftschifferkreisen wohl mit Recht an, datz die Abordnung des Hauptmanns Lux nach Fried­richshafen im Interesse de» französischen Heer«

Die neue Verfassung für Elsaß- Lothringen.

Der Bundesrat hat heute nachmittag dem Entwürfe der neuen Verfassung für Effatz-Loth- ringen seine Zustimmung gegeben und da wohl

auch der Reichstag die Vorlage annehmen wird, so dürfte binnen kurzer Frist Elsatz-Lothringen im Besitze einer weitgehenden Autonomie sein. ' Bei der Abfassung des Verfassungsentwurfs und des Wahlgesetzes galt es, zwei Gesichtspunkte zu berücksichtigen: einmal mutzte aus vitalen na­tionalen Interessen Sorge getragen werden, datz die Reichslande im engsten und festesten Zusam-! menhange mit dem Reiche blieben, zweitens aber mußte dem Wunsche der reichsländischen Bevöl­kerung nach Selbständigkeit nach Möglichkeit entsprochen werden.

Man darf sagen, daß es gelungen ist, diese beiden in mancher Hinsicht einander entgegen­strebenden Interessen zu vereinen. Wahl ist die elsaß-lothringische Gesetzgebung dem Reichstage und dem Bundesrats entzogen, aber umso fester ist das Reichsland mit der Person des Kaisers verknüpft, der die Verkörperung des Reichsge-

" dankens ist. Dem Kaiser liegt unter Gegenzeich­nung des Reichskanzlers die Ernennung des Statthalters ob, er erlagt mit Zustimmung der reichsländischen Kammern die Gesetze, er er­nennt weiterhin mit Zustimmung des Bundes­rates einen Teil der Mitglieder der neu zu schaf­fenden Ersten Kammer des Reichslandes. So find also seine Befugnisse mannigfach und da­durch werden die Elsaß-Lothringer immer von neuem daran erinnert, datz sie dem Reiche zuge­hören. So zahlreich aber auch die Befugnisse des Kaisers sind, so kann man doch nicht sagen, datz sie etwa absolutistischer Natur wären, denn stets wirkt ein versassungsmätziger Faktor mit: bei der Ernennung des Statthalters der Reicbskanz- ker, bei dem Erlasse von Gesetzen der reichslän­dische Landtag und bei der Ernennung der Mit­glieder der Ersten Kammer der Bundesrat.

So sind die Reichslande mit fester Hand an das Reich gekettet, so wird doch ihre Selbständig­keit ganz außerordentlich erweitert. Der Lan­desausschuß, wie er bis jetzt bestand, war sowohl in seinen Befugnissen beschränkt, wie in der Art der Erwerbung der Mitgliedschaft veraltet. Die neu zu begründende Zweite Kammer, die eigent­liche Volksvertretung, wird ein ganz anderes Gepräge haben. Ist doch das Wahlrecht für diese Kammer ein sehr liberales, ja man kann sagen demokratisches. Das Wahlrecht ist das allge­meine, direkte und geheime, so datz jede politische Strömung ihre Gesinnngen unbeeinträchtigt zur Geltung bringen kann.

Dieses demokratische Wahlrecht ist wohl vor allem in Rücksicht darauf gewählt worden, datz Elsatz-Lothringen an Bundesstaate grenzt, die ein sehr freies Wahlrecht haben: an Bayern und Baden. Trotzdem wird die Sozialdemokratte sich durch das gewährte Wahlrecht nicht für be­friedigt erklären, hauptsächlich deshalb, weil das Wahlrecht an eine ziemlich lange Ansässigkeit ge- öunden ist. Für selbständige Personen wird ein einjähriger, für unselbständige ein dreijähriger Wohnsitz verlangt. Gewiß wird dadurch die So­zialdemokratie geschädigt, denn gerade die indu­strielle Arbeiterschaft verändert oft ihren Wohn­sitz. Andererseits aber ist gerade in' Elsatz- Lothringen diese Bestimmung notwendig, weil gerade in diesem Grenzgebiete sich viele Ele­mente mit alles eher als deutscher Gest- -«"5 aufhalten. Der Gesetzgeber nimmt rrnh* fff Recht an, datz ein nicht zu kurzftistiger be> je­ner Aufenthalt an dem Wohnsitze die erste Der aussetzung für das Verständnis für die Zugehö­rigkeit Elsatz-Lothringens zum Deutschen Reiche ist. Wenn außerdem gerade für Elsaß-Löthrin- gen dem Gesetzgeber ein etwaiges Ueberwiegen der Sozialdemokratie in der Volksvertretung ganz besonders unerwünscht erscheint und wenn er dieser Möglichkeit entgegen zu wirken sucht, so wird man ihm das nachfühlen können. Alles in Allem muß man gewitz zugeben, datz das Wahlrecht sehr freigebig bemessen ist.

Mütter und Reichsversicherung.

Von einem Geschichtsforscher ist einmal nicht mit Unrecht behauptet worden, daß rott in der Geschichte die Mütter viel zu stiefmuterlrch be- handeln. Wir erfahren da wohl von dem orien­talischen, überschwenglichen Luxus einer Semi- ramis, von Kleopatra, die ihr Reich mrt mann- licher Energie beherrschte, aber doch int Gefühl« gekränkter Eitelkeit einen tragischen Tod wählte, von Messalina und Agrippina, den verworfenen Herrscherinnen des niedergehenden Rom von Theodora unter Papst Sergius und Marozzi« unter Papst Leo IX. aber von jenen edlen Frauen, die uns einen Alexander, einer Casar, ... Augustus oder Hermann, einen Napoleon oder Eneisenau geschenkt haben, wissen wir recht we­nig. Wir schätzen eben in dem Weibe nicht me Mutter nach Gebühr. Das ist der eigentliche tiefste Kern der sozialen Frauenfrage. Wir ver­sichern alle, die im sozialen Kampf stehen, fm alle Notlagen des Lebens, nur diejenigen dt« uns das Leben schenken, versichern wir nicht. Wohl haben die Krankenkassen dte Befugnis, für ihre weiblichen Mitglieder und für die. Frauen ihrer männlichen Mitglieder eine Wochnerin- nenverficherung einzuführen, doch nur etwa der vierte Teil der Kassen gewahrt ihren Mitglie­dern, und nur der zehnte Teil gewahrt den An­gehörigen von Kassenmitgliedern Wochnerinnen- unterstützung. Jetzt ist die Mutter, der der Er­nährer wegstirbt, häufig auf Armenunterstutzung angewiesen. Es ist also die höchste Zeit, daß der Mütter mehr als bisher auch in der Reichs-Ver­sicherungsordnung gedacht werde. Der Bund für Mutterschutz, der in seinen Forderungen oft über das Ziel hinausgeschossen hat, befürwortet mit Recht eine obligatorische Schwangerschaftsunter­stützung und eine Erhöhung der Witwen- und Waisenrenten auf dem Wege der Reichsversiche­rung. Würden diese Forderungen in der jetzt zur Beratung stehenden Reichsverficherungsord- nung verwirklicht, so wäre damit einem tiefen sozialen Eerechttgkeitsgefühl Genüge getan. Eine bessere Bekämpfung der Säuglingssterblich­keit und des beginnenden Geburtenrückganges könnte es auch wohl kaum geben, als genügender Schutz der Mutter.

Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.

Berlin, 16. Dezember.

31 Beginn der heutigen Sitzung erbittet Rechts­anwalt Cohn das Wort und protestiert erneut gegen die Einschüchterungsversuche und unerhörten Be­lästigungen, die fortwährend gegen Zeugen ausge­übt werden. So habe bei dem hier als Zeugen ver­nommenen Dr. Kochmann ein Kriminalbeamter in der Maske eines Postbeamten in dessen Hause vorge- Wen und Erkundigungen eingezcgen. Der Zeuge ekanntlich nicht besonders günstig für die Poli­zei ausgesagt, und so wurde bei den Portiersleuten gefragt, was der im Hause wohnende Dr. Kochmann sei und wo er sein Examen bestanden habe. Der Ver­teidiger bittet das Gericht, zu verhüten, daß durch solche zweckmäßige Maßnahmen der Be erde Ern- schüchterungen von Zeugen vorkommen. Erster Staatsanwalt Steinbrech!: Es wird hier wiederum die Staatsanwaltschaft angegriffen und ihr der Vor- rouif gemacht, daß sie in unzulässiger Weise Ermitte­lungen über bereits vernommene Zeugen anstelle. Dem muß ich entschieden widersprechen. Von mir sind keine dahingehenden Aufträee erteilt worden und wenn etwa der Herr Polizeipräsident derartiges angeordnet haben sollte, so muß ich doch darauf auf­merksam machen, daß es sein gutes Recht ist, die be­haupteten Verfehlungen seiner Bea.iten nachzu- prüfen. R.-A. Heine: Wenn dieses nur zutreffend wäre. Wir haben aber Briefe im Besitz, wonach die Zeugen die Rache der Polizei fürchten, und da der Staatsanwalt erst neulich seine Mißbilligung über solche Feststellungen Vorsitzender (unterbrechend): Von einer Mißbilligung des Herrn Staatsanwalts darüber ist mir nichts bekannt. Staatsanwalt Steinbrecher: Ich weiß auch nichts davon. Ich habe nur das Ersuchen ausgesprochen, doch solche Ermitte­lungen besser einzustellen. R.-A. Heine will noch­mals auf die Sache eingehen, der Vorsitzende bemerkt ihm jedoch, daß er die Debatte darüber schließe.

Es wird dann in der Erörterung des allgemeinen Teils der Anklage fortgefahren. Arbeiter Weide­mann befand sich an einem der Krawallabende mit seiner Frau auf dem Rückwege von einem Besuch seiner Schwester. In der Eotzkowsky-und Beussel- straße gerieten beide unvermittelt in die Tumul­tantenmenge und beobachteten, wie die Schutzleute die von dem Auftuhrgebiet wegstrebenden Leute im­mer wieder dorthin zurücktrieb. Dabei wurde ein alter angetrunkener Mann von zwei Schutzleuten mit Fäusten bearbeitet. Die herzleidende Frau des Zeugen bat diesen, sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen, doch blieb der Zeuge noch einige Zeit, um festzustellen, wie sich die Menge trotz der Provokationen der Beamten verhalte. Tatsächlich sei sie von den Beamten nicht nur in der unflätigsten solange er da war, der Polizei keinen Anlaß zu ihrem überaus scharfen Vorgehen . gegeben. Am nächsten Tage ging der Zeuge abermals mit seiner Frau zu seiner Schwester und sah sich plötzlich von mehreren Schutzleuten verfolgt. Da feine Frau nicht so schnell zu laufen vermochte, hätten die Schutzleute sie und ihn mit Säbeln vorwärts getrieben. Dem Zeugen gelang es, in einen Hausflur zu flüchten, während seine Frau draußen von den Beamten fest- gehalten und von diesen mit Faust und Säbel ge­schlagen wurde. Er habe durch die Glasscheibe der inzwischen von den Hausbewohnern verschlossenen Tür hindurch in ohnmächtiger Wut mit anhören muss.1, wie seine Frau auch noch mit den unflätig­sten Worten beschimpft wurde und als diese nach ihm gezeigt und um Hilfe gerufen habe, wollte einer der Beamten mit seinem Säbel durch die Scheibe nach ihm schlagen, während ein Kriminalbeamter den Revolver zog. Der Zeuge floh deshalb auf den Teppenpodest und konnte nicht mehr sehen, was wei­ter mit seiner Frau geschah. Nach ihrer Erzählung sei sie von den Beamten nicht nur in der uflätigsten Weise beschimpft, sondern auch verwundet worden. Ihre ärztliche Untersuchung ergab, daß ihr der rechte Arm bis auf die Knochen durchschlagen war, was eine Knochenhautentzündung zur Folge hatte. Ein weiterer Zeuge Arbeiter Bäcker bekundet wieder, ; daß die Schutzleute durchaus besonnen und ruhig vor- aegangen seien, während das Publikum sich höchst ungebärdig verhielt,Bluthunde" schimpfte und mit Steinen warf. Der Zeuge hat auch den Eindruck gewonnen, daß drei Radfahrer, die immer erst dann auftauchten, wenn die Polizei verschwunden war, ge­wisse Direktiven an die Menge ausgaben.

Auf die Frage des R.-A. Heine, was der Zeuge daniit meine, daß die Radfahrer planmäßig vorge- ganzen und an die Menge Direktiven erteilt haben, erwidert der Zeuge, daß er in der Menge einen Radfahrer beobachtet habe, der ausgerufen hatte: Vor den Hallunken werdet ihr doch nicht ausrücken! Zeuge Goldammer bemerkt vor seiner Verneh­mung, daß er nicht hier als Zeuge erscheine aus

Grund des Aufrufs des Polizeipräsidenten, sondern um der Aussage des Dr. Kochmann entgegenzutreten. Am 29. September will er bemerkt haben, daß sich jeder Schutzmann, der in der Beusselstraße Dienst hatte, sich vollkommen korrekt benommen habe. In der Nacht sei er aus eigenem Interesse per Auto­mobil nach dem Auftuhrgebiet hinausgefahren und habe alles vollkommen ruhig gefunden. Anfänglich habe sich der Chauffeur geweigert, der Unruhen wegen nach Moabit zu fahren und erklärte, wenn ihm die Sache zu schlimm vorkomme, müsse er unbe­dingt umkehren. Schließlich habe er ihn doch hrnaus gefahren. Auf Befragen seitens des Vorsitzenden er­klärt der Zeuge, daß die Menschenmenge, unter der sich viele Frauen und auch Kinder befanden, ge­schrien und gepfiffen habe. Die Leute hätten glaubt, sich in einem Volkstheater zu befinden Nach seinen Beobachtungen hätten sich die Beamten in Zivil sehr reserviert verhalten. Als werterer Zeuge wird hierauf der Kohlenhändler Geißler aus der Beusselstraße vernommen: Von einem Ausgange mit seiner Frau heimkehrend und im Begriff seine Ladentür auszuschließen, kam ein Polizeibeamter auf sie beide zugestürzt und gab das Kommando. Haut den Hund! Die ihm folgenden Schutzleute fähigen sowohl auf ihn als auch auf seine Frau ein. Da es ihm inzwischen gelungen war, die Tur zu offnen, er­hielt sowohl er als auch seine Frau nur wenige Schläge. Viele Fahrgäste der Straßenbahn die an der dortigen Haltestelle ausstiegen und von den Dor- aänqen nichts ahnen konnten, wurden von den r,n Schutze der Häuser stehenden Kriminalbeamten ver­hauen. Als der Zeuge weiter seiner Aussage f. rt- währt: Wenn alle Leute die dort Senge gekr egt haben, sich melden wollten, .... ., R.-A- H ine (unterbrechend): Es haben sich deren weit aber 500 gemeldet. Als weiterer Zeuge wird sodann der Schriftsteller Freiherr v. Kriegelstein men. Er gibt an, daß er als Krieflskorrespondent derartige Erlebnisse häufig mitgemacht habe. Die russische Revolution z. B. habe er an Ort und Stelle verfolgt. Seiner Meinung nach habe sich die Po­lizei während der Krawalle in Moabit ausgezeichnet gehalten. Aus der Menschenmenge, die viele Tau­sende Personen betrug, sei zuerst ein Schuß gefallen. Beim Zurückdrängen der Leute seien bte Schutzleute sehr vorsichtig und schonend vorgegangen. Auf Vorhalten der Verteidigung bemerkt der Zeuge, daß er an den ganzen Vorgängen absolut kein Interesse habe und weder für noch gegen die Polizei eingenom­men sei. Der in der Huttenstraße in Moabit wohnhafte Zeuge Brumbach bekundet, daß er von den Schutzleuten anstandslos durch die Kette hindurch­gelassen wurde, als er ihnen seine Papiere zeigte. Plötzli-^ sei er aber von Schutzleuten hinterrücks überfalle» worden und habe mehrere Echlaae er­halten. Die Gemeindeschullehrerin Frl. Moller bekundet, daß sie von ihrer Wohnung aus das kor- refte Verhalten der Schutzleute bewundert habe. Die Schutzleute hätten nur dann eingefälagen, wenn sie von der Menge gereizt wurden. Bei der Verneh­mung des Polizeileutnants Heck und den im Restau­rant'von Langerat zurzeit des betreffenden Vorfalles anwesenden Personen kommt es bei der Gegenüber­stellung zu einer heftigen Kontroverse zwischen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung, die aber schließlich negativ verläuft.

Die Weiterverhandlung wurde auf morgen vor­mittag 9% Uhr vertagt. - Während eine- Teiles der heutigen Verhandlung waren Eeneralstaats- anwalt Supper und Oberstaatsanwalt Preuß im Sitzunassaale anwesend.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: Illach Feierabend" (wöchentliche Unterhallungsbellage) und Landwirtschaftliche Beilage

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