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45. Jahrg.

Zweites Blatt

Marburg

Freitag, 16. Dezember 1910

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

«nd den Beilagen: .Aach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage

Die Jnsertionsgebühr betragt für Inserent : i aus Lern engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7p-' "itene Zeile oder deren »tonnt 16 «, ffit auswärtige Inserate 20 L. für Reklamen 40 4. Druck «nd Verlag: Ioh. Aug. koo), Universttäts-Buchdn'ckerei. Inbab-r Dr. 6 -- ..«ardnrg, Markt 21. - 55.

krum betriebene ffoniessioüeUe"Organffation. Näch­stens wird man wohl auch katholische Re­gimenter bilden. (Zuruf i. Ctr.: Sie werden Oberst eines protestantischen! Heiterkeit.) Der Freiherr v. Hertling hat erklärt: Wir drängen uns nicht an den Thron! (Lachen links.) Und ein kle­rikaler Wunschzettel schrieb über die Kaiserdebatte am 26. November: ..Pilatus und Christus! Moder­nismus und Christentum standen sich gegenüber, und die christliche Weltanschauung siegte!" Eine gröbere Taktlosigkeit und Verquickung von Politik und Religion ist mir noch nicht vorgekomnien. Das Verhalten Erzbergers Dernburg gegenüber war be­zeichnend. Es bedeutet den Chimborasso der Heu­chelei, uns die Annahme der sozialdemokratischen Unterstützung in Labiau-Wchlau zum Vorwurf zu machen. Hat doch in Bayern auch schon eineEnn- desgenossenschaft zwischen Centrum und Sozialde­mokraten bestanden. Der Reichskanzler hat uns in eine wirtschaftliche Bewegung hineingesührl. Auch wir müssen eine Sammlungspolitik treiben, die Sammlung aller liberalen und demokratischen Elemente. (Lebh. Beifall links, Aha! rechts und im Centrum.) Zurück aus die Schanzen! Es lebe der frisch-sröhlichc Kampf unter der Fahne des Fortschritts. (Stürm. Beifall links, Zischen i. Ctr.)

Vizepräsident Schultz: Dr. Müller-Meiningen sprach zu Anfang in Bezug aus den Abg. Raab vom Reinlichkeitsgefühl. Das verstösst gegen die parlamentarische Ordnung.

Abg. Gröber (Ctr.): Die persönlichen Angriffe richten sich in den Augen jedes objektiv Denkenden von selber. (Beifall im Ccntrum.) Man hat alle möglichen Steuerungen einzelner Personen und Zeitungen.äks Material gegen uns zusammenzu­tragen versucht, von Zeitungen, die die Cen- triimspartei in der schärfsten Weise bekämpfen, wie z. B. das ..Bayerische Vaterland"! Die Rede des Dr .Müller-Meiningen bezeugt den schweren Aer- ger seiner Person und Partei über den Verlauf der Finanzreform. (Lebh. Zustimmung i. Ctr. und rechts.) Sie haben ein Recht, sich zu ärgern, und Sie haben auch allen Anlaß dazu. (Heiterkeit reckss und im Centrum.) Sie haben darauf speku- li'rt,. das Certrum werde unter keinen Umständen mitmachen. Sie könnten Ihre Bedingungen lm Block stellen. Und da kam der Moment, wo Ihnen das Brett unter den Füßen weggezogen tvurde, und da sind Sie hinuntergefallen. (Heiterkeit im Centrum und rechts.) Das ist die negative Politik des Freisinns von jeher: wenn es neue Steu­ern gilt, versagt er. (Beifall rechts und i. Ctr.) Das beweist ja die politische Unzulänglichkeit deS Fürsten Bülow, daß er sich mit einer solchen Par« i tei in eine Allianz einließ. (Heiterkeit.) Dr. i Müller-Meiningen hat uns vorgeworfen, wir ' arbeiteten auf eine konfessionelle Spaltung hin. Ich weise diese Verleumdung denn das ist sie zurück. (Lebh. Beifall i. Ctr.)

Vizepräsident Schultz: Das geht nicht, daß Sie einem Mitglied« des Hauses Verleumdung vor- toerfen.

Abg. Gröber: Ich meinte es nur objektiv. (Unruhe links.)

Vizepräsident Schultz: Sie nehmen also das Wort Verleumdung zurück.

Abg. Gröber wendet sich zum Präsidenten um: Ich habe das Wort in dem Sinne gebraucht, daß Dr. Müller-Meiningen wider sein besseres Wissen uns den Vorwurf gemacht hat, daß wir systematisch auf eine Spaltung hinarbeiten. Da! kann ich nicht zurücknehmen.

Vizepräsident Schultz erteilt dem Abg. Gröber nunmehr einen Ordnungsruf.

Abg. Gröber: Das ist eine Unterstreichung Weines Satzes. (Gr. Unruhe links.)

Vizepräsident Schultz: Das geht nicht an, das Sie in dieser Weise eine Beledigung noch einmal wiederholen, nachdem sie soeben gerügt worden sind

Abg. Gröber wendet sich gegen den Abg. Schrader. Dieser habe nicht erwähnt, daß es auch Bei den Protestanten konfessionelle Vereinigungen in der Art gebe, gegen die er sich aus katholischer Seite wende. Das ist imparitätische Behandlung. Abg. Gröber spricht sodann über den Modernisten­eid. Nicht mit einem einzigen Satze bezieht dieser sich auf die staatliche Gewissensfreiheit. Es handelt sich um eine rein inner-kirchliche Angelegenheit. Es ist nichts als ein Amts- und Diensteid der katholi­schen Geistlichen. Und da stellt. Herr Schrader sogar die Frage, ob ein Katholik überhaupt noch zu einem Standesamt zugelassen werden könne. (Gr. Unruhe i. Ctr., Abg. Sittart ruft: Echt frei­sinnig!) Welchen Staat meint Herr Schrader? (Ab­geordneter Schrader: Jeden modernen Staat.) Wir steben auf dem Boden des BersassungsstaateS und unsere Partei hat sogar den Namen Versas- sungspartei geführt. Beweisen Sie, daß der Mo­dernisteneid damit etwas zu tun hat. Der Vor­stoß Schraders ist ein Vorstoß gegen die Gleichbe­rechtigung, die Grundlage des konfessionellen Friv- dens. (Abg. Sittart ruft: Echt freisinnig!) Herr Schrader hat gestern den Katholiken die Fähig- feit abgesprochen, öffentliche «erntet zu bekleide». Fort mit dem Kulturkampf und solchen Kultuw kämpfern! (Lebh. Beifall im Centrum.) i

Inzwischen rückt der Zeiger der Uhr gege» die Zahl 8 an. Auf allen Bänken zeigt sich große Ungeduld. , !

Abg. Frank-Mannheim (Soz.) protestiert^ gegen die Absicht des Reichskanzlers, neue «u^ nahmegesctze zu schaffen. Die heutige Gummi« und^ Blechpolitik der Regierung werden der Sozlaldemo» kratie nichts anhaben. (Beifall b. d. Soz.)

Staatssekretär Dr. Delbrück bestreitet entschiv- be«, daß aus des Kanzlers Reden eine solch« »M bestehende Wsicht hervorgehe.

Zlbg. Mverling (ntl.)r H« SvzyW» eedtittfc .

seindlichkelt^bMmtvtgt, ruft einffozialdemokratstcher Abgeordneter Triole! .

Abg. Raab: Dieser Zwischenruf ist emfach hundsgemein.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz ruft dem Abg. Raab zur Ordnung. _

Abg Raab: Der Abg. Noske hat gesagt: Es soll nach sozialdemokratischer Prophezeiung bei uns noch so kommen wie in Portugal. Nun, rch meine, anders werden sich unsere deutschen Fürsten doch benehmen als der König von Portugal. Aber sollten Sie einmal dem Kaiser bte Abdankungsur­kunde zur Unterschrift vorlegen wollen, dann wählen Sie dazu keinen Familienvater; denn es ist ein lebensgefährliches Unternehmen. _ (Beifall rechts.) . ,

Der Präsident tritt mit, daß ein Schluß,- nntrog eingegangen ist. Die Unterstützung für den Antrag reicht aus.

Abg Dr. Müller-Meiningen (Vp.) zur Ge- tofiftaor'bnung: Es int höchsten Grade bedauer­lich, daß die einzige Gelegenheit, die für ba? heu^ sche Parlament besteht, die gesamte politische Situa­tion zu behandeln, durch einen Schlußantrag be­seitigt werden soll. Die Parteien haben ihre Dis­kussionen nach dem getigert Verbalten eingerichtet. Nun sind im letzten Moment noch durch den Vor­redner eine Reihe unwahrster Behauptungen auf- ,7 eil eilt worden. Wir protestieren mit aller Ent­schiedenheit gegen ein derartiges Borgeben der Mehrheit und werden noch bei, anderer Gelegen- beit dieses Vorgehen charakterisieren. (Lebh. Zu­stimmung links.)

Abg Dr. Knerling (ntl.): Auch ich protestiere auf das Entschiedenste gegen den Schluß der De­batte weil ich verhindert bin, auf die Ausführun­gen des Herrn Erzberger über die Enzyklika zu er­widern.

Abg. Singer (Soz.): Da? ist bte erste bemer­kenswerte Aktion des schwarz-blauen Blocks, die Vergewaltigung der Minorität. (Zuruf rechts: Der rosa-rote Block!)

Aba Dr. Wicmer (Vv.) beantragt nament­liche Abstimmung über den Schlußantrag.

Der Antrag auf namentliche Abstimmung wird von der gesamten Linken und der wirtschaftlichen Bereinigung unterstützt.

Bei der Abstimmung stimmten 113 Stimmen mit Nein, 112 Stimmen mit Ja.

Der Schluß der Debatte ist öffn auf Grund der bnrlfiitRacn Zählung mit einer Stimme Mehrheit abgelebut. (Gr. Bewegung.)

Abg. Sveck (Ctr.) beantragt, die Sitzung zu vertagen. (Unruhe und Gelächter links.) Auch dieser Antrag wird abgelehnt.

Abg. Dr. Böbme (b. k. F.): Der Redner kann sich lange in der Unruhe des Haufe? nicht verständ­lich mgchen. Man bört nur bruchstücksweise, daß er erklärt, gegen die über die Wahl in Labiau-Weblau von der rechten Seite verbreiteten Unwahrheiten sprechen zu wollen. Es seien von behördlicher Seite ungesetzliche Eingriffe jeder Art erfolgt. Ans der andauernden Unrube ruft der Aba. Pauli- Potsdam: Verlogenheit! Die Sozialdemo­kraten verlangen stürmisch einen O-bnungaruf.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Der Ausdruck Verlogenheit ist unzulässig. Ich nehme an, daß Sie ihn nicht auf den Redner bezogen, haben, sondern auf Vorgänge draußen. (Unruhe links.)

Abg. Dr. Böhme: Wir freuen Uns, daß der Reichskanzler an der bisherigen Wirtschaftspolitik festhält. Das Vorgehen des Bundes der Landwirte gegen die Industrie ist nicht staatsmännisch. Wir wollen mit der Industrie gehen, sie soll uns auch lassen, was uns gebührt. (Zustimmung b. d. Nat.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.)>: Gegenüber den Schmähungen des Herrn Rgab beschränke, ich mich guf die Feststellung, daß er selbst den Sozial­demokraten in seinem Wahlkreffe ein Bündnis ange­tragen hat. (Hört, hört!) Im übrigen verhindert mich mein Reinlichkeitsgefühl, mich mit diesem öerrn noch weiter einzulassen. (Sehr gut! links.) In allen anderen Fällen hat er wider besseres Wissen die Unwahrheit gesagt. (Hört, hört! links. Unruhe rechts.)

Vizepräsident Schultz: Das ist eine schwere Kränkung und Beleidigung; ich rufe Sie zur Ord­nung.

Abg. Dr. Müller-Meiningen: Worin besteht denn die Tätigkeit feiner Zwergpartei eigentlich? Die Herren stimmen sich gegenseitig nieder. Die politische Situation wird durch nchts besser beleuch­tet als durch das Auftreten Erzbergers. Das ist wieder der alte Erzberger, so liebe ich das Cent rum. Er fühlt sich wieder als politischer Mittelpunft Deutschlands. (Heiterkeit.) Armer Herr von Hehdebrand! Sie haben ausgespielt hier und werden Ihre Tätigkeit nach dem preußischen Abgeordnetenhause verlegen müssen. Hier herrscht Erzberger. Wenn der Staatssekretär für jede Un­wahrheit der schwarz-blauen Presse über die Fi­nanzreform nur eine einzige Reichsmark erheben würde, so könnten sie den Kommunen die ganze Wertzuwachssteuer erlassen. Und Ihre soziale Fi- nanzresorm! Kratzen da die einzelnen Mark mit der verhaßten Zündholzsteuer zusammen! Der Redner verliest Aussprüche desBayerischen Va:er- lanb" über das Ccntrum und seine Finanzresorm und bemerkt auf das Gelächter des Centrums r Wollen Sie etwa bestreiten, daß das ein wasch­echtes Centrumsblatt ist? Sie waschen bat Vor« Wurf nicht fort, daß Sie eine klassenegoistische Steuerpolitik gemacht haben. Das klerikalkonserva« live Handelsgeschäft blüht überall. Denken Sie an den Wahlrechtsverrat und die Farce über die Bor- romäns-Enzyklika im Abgeordnetenhause. Ich will darauf nicht eingehen, obwohl ich geladen bin.

Lerdawmeuewert Jfi hic Jmm» -Lev«

ifier "nicht mehr um die Finanzreform, bald wird ein anderer Richter darüber urteilen, das sind die Wähler draußen im Lande. (Sehr gut! links.) Modernisteneid und Enzyklika haben das Protestantische Volk schwer erbittert. Man muß so­gar erwägen, ob dieser Eid nicht mit der Ver­fassung in Widerspruch steht. (Zustimmung links, Lachen i Ctr.) Daß das Centrum gegen Dernburg eine gewisse Abneigung hat, ist selbstverständlich. Dernburg ist ja auch schon von seinem Nachfolger energisch in Schutz genommen worden. Wir Na­tionalliberalen erkennen die große Bedeutung Preußens ohne weiteres an. Wir verzichten aber nicht auf eine freiheitliche Ausgestaltung des preußi­schen Wahlrechts. Wir verlangen die Fortbildung der Sozialpolitik, die scharfe Durchführung der Ge­setze. Aber Ausnahmegesetze lehnen wir ab. Wir fordern den Schutz der nationalen Arbeit, aber den Schutz von Landwirtschaft und Industrie. (Zuruf rechts: Hansabund!) Der Han'abund ist landwirt- schastssreundlich. (Lachen rechts.) Allerdings weist er auf die Uebertreibungen und Jntrigucn des Bundes der Landwirte hin, die unsere Schutzzollpolitik aufs schwerste gefährden. Jetzt greift uns der Bund auch in Hannover an. Das ist alter nationalliberaler Besitz. Wenn er auch hier zu wühlen sucht, so gibt es keinen Frieden mehr, bann gibt es Kamps! (Beifall bei ben Nationall.) Wir wollen Fortführung der Sozialpolitik. Aber wir wollen bie sozialpolitischen Einrichtungen nicht ber Sozialbemokratie ausliefern. Als gestern ber Reichskanzler seiner Pflicht genügte und herbe Angriffe zurückwies, da erfolgten aus Ihren Reihen die schwersten Beleidigungen. (Hört, hört!) So lange wir unsere staatlichen Institutionen,freihalten können von sozialdemokratischem Terrorismus, so lange werden wir es tun. (Beifall.) Der Reichs­kanzler ist wegen seiner einleitenden Rede in her Presse schwer angegriffen worden, und ebenso wir, weil wir ibm zustimmten. Man sagt, der Reichs­kanzler suche auf Umwegen die schlimmsten Aus­nahmegesetze berbeizuführen. Er bat hingewiesen auf die Notwendigkeit der Beschleunigung unseres ge­richtlichen Verfahrens und auf eine andere Formu­lierung von Baragraphen deS Strafgesetzbuches. Diese Vorschläge Hegen doch in der Strafvrnreßorb- nung ja sogar schon im Kommiffionsbeschluß und in dem veröffentlichten Entwurf zum neuen Strafgesetzbuch schon seit Fahren vor. Grund zu dem Mißverständnis ist allerdings auch die allge­meine Nervosität, die heute jede politische Arbeit ungemein erschwert. Eine Hauptforderung de? Li­beralismus ist, die Person des Gegner? zu achten, ihm nicht Dinge unterzuschieben, an die er selbst nicht gedacht hat. Daran müssen wir festhalten. Neulich wurden wir an einem Taae in zwei extremen Berliner Blättern angegriffen, in der Kreuzzeitung" und in berVolkszeitung". Das beweist, daß wir auf dem rechten Wege sind. Wir werden ihn weiter schreiten, wenn er auch manchmal schwer ist. (Lebh. Beifall b. d. Nat.)

Abg. Fürst Hatzfeldt (Rv.): Wir danken dem Staatssekretär für den Etat. Er ist erst durch da? Zustandekommen der Finanzreform ermöglicht wor­den. Allerdings hätten wir gewünscht, daß man­ches ander? gekommen wäre. Ein großer Fehler war der Ausschluß der Liberalen. (£>5rt, hört! im Centrum.) Umsomehr, da wir die Berechti­gung der liberalen Weltanschauung anerkennen. (Hört, hört! i. Ctr.) Die Liberalen werden nun in vielen Fällen die Hilfe-der Sozialdemokraten erlangen, lieber die Borromäus-Enzyklika sollten wir die Akten schließen. Jedermann muß aner­kennen, daß Dernburg eine neue Aera für unsere Kolonien geschaffen hat. Wir wünschen seinem Nachfolger ähnliche Erfolge. (Beifall.) Herr von Kiderlen-Wächter hat es gut getroffen. Am poli­tischen Himmel droht keine Gewitterwolke. Jeden­falls wird Deutschland den Frieden nicht stören. Zu unserer Freude hat der Reichskanzler erllärt, er hoffe, ohne Ausnahmegesetze auszukommen. Wir wollen ihn nicht dazu drängen. Eine Politik der ausgleichenden Gerechtigkeit werden wir stets unter­stützen. (Beifall.)

Abg. Raab (wirtsch. Bgg.): Die Linke weint dem Block und dem Fürsten Bülow große Tränen nach. Früher stand man mit Bülow nicht gut Die Nationalliberalen techtelmechteln immer mehr mit den Sozialdemokraten. Die Nationalliberalen kommen mir vor wie das Pferd, dem ein Bündel Heu und ein Bündel Hafer vorgehalten wird und und das nicht weiß, wonach cs schnappen foll.

Vizepräsident Schultz: Der Vergleich der nationalliberalen Partei mit einem Tier verstößt gegen bie Ordnung des Hauses. Ich bitte, sich zu mäßigen. (Heiterkeit.)

Abg. Raab: Gerade Demokraten durften sich bei der Finanzreform nicht auf den Stand­punkt völliger Verneinung stellen. Eugen Rich­ter hätte sicher sich der Mehrheft gefügt als ech­ter, bescheidener Demokrat. Man täte jetzt eigent­lich am besten, die Liberalen unter einer 'Jeher* schrift mit den Sozialdemokraten zu behandeln. Die llcinen Epigonen Eugen Richters, ber ben Sozialdemokraten ein kräftiges Pfui Teufel zu- rief, gehen jetzt zusammen mit ben Sozialbemo- fraten. (Unruhe und Widerspruch links.) Wenn sie sich so weiter entwickeln, bann bürfen wir künf­tig bie Liberalen als vaterlanbslose Gesellen ober besser schon beide zusammen als vaterlanbs­lose Meister und Gesellen bezeichnen.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Sie haben doch damit hoffentlich kein Mitglied deS Hauses gemeint.

Abg. Raab (in entrüstetem Tone): Nein! (Gr. allseitige Heiterkeit.) Es wird sich ja nicht» än­dern Die Dummheit wird bleiben. (Stürm. Zu­rufe d. Soz. : Ja, Sie! Große Heiterkeit.) Als der JE ebner .bie. Sozialdemokraten ..der .Reltgftms-

Deutscher Reichstag.

Stimmungsbild.

Berlin, 14. Dezember.

Wenn die Reichsboten sich anschicken, in die Ferien zu gehen, bann pflegen sie friedlich und Nachsichtig gegeneinanber gesinnt zu fein unb lieber hie letzten Beratungenübet bas Knie zu brechen", als baß sie bie ersehnten Eisenbahnanschlüsse ver­passen. Diesmal aber kam es anders. Es herrschte von vornherein ein gereizter und leidenschaftlicher Don, und bie Frage, ob die Reben zur ersten Lesung des Etats abgebrochen, ober ob die endlose Redner- Kte erschöpft werden solle, rief geradezu tumul- arische Szenen hervor. Den Vers Schillers! Da werben Weiber zu Hyänen" konnte man ge­bührend folgendermaßen ins Männliche übersetzen! Da wandeln Männer sich zu Tigern" r. ; Zu­nächst redet der ntionalliberälc Dr. Heinze. Er jrebet gegen bie Reichsfinanzreform, gegen ben schwarz-blauen Block, gegen Erzberger unb die Bor­romäus-Enzyklika. Der Reichsparteiler Fürst Hatzfeld wendet sich in gemessenen Formen gegen den Vorrebner, währenb Abg. Raab von ber ^wirtschaftlichen Vereinigung mit ben Nationallibe­ralen, bem Hansabunb, bem Freisinn unb ber Sozialdemokratie mit hahnebüchener Deutlichkeit ins Gericht geht. Für sein überschäumenbes Tempera- Utent wirb er geziemenb mit einem OrbnungS- iruf bestraft. Nun war bie zweite Rednergarni­tur erledigt, und es wurde ein Antrag auf Schluß eingebracht. Dagegen aber protestierte bie Linke mit höchster Entrüstung. Laute Rufe burch- Kallten den Saal.Vergewaltigung!"Wortab­schneidung t" tönt es von vielen Seiten, nnb eine Anzahl von Volksvertretern springt erregt von ben Sitzen empor. Der Antrag wirb schließlich mit Seiner Stimme Majorität abgelehnt, ebenso ein Ver­tagungsantrag. Also Dauersitzung! Die Un­iruhe hält an! Dr. Böhme, ber Vertreter von Marburg unb Generalbirektor des Bauernbundes, kämpft längere Zeit vergebens gegen bie Erregung an, bie biefen Abstimmungskämpfen folgte. Abg. Dr. Müller-Meiningen führt bie Kämpfe sachliche Erörterungen sind es ja längst nicht mehr auf ein enges Spezialgebiet: Er geht gegen das Centrum an. Wortgewandt wie immer ist er mit großem Eifer unter lebhaftem Beifall feiner Freunde bemüht, bie Position bes Centrums zu schwächen. Herr Gröber, ber Führer bes schwä­bischen Centrums, folgt ihm. Kein Wunber, baß er seinem Vorrebner, nicht minber wortreich, scharf zusetzt, wobei er auch seinem schwäbischen Humor einigen Spielraum gönnt. Inzwischen war es ;;7 Uhr geworben. Zum allgemeinen Erschrecken werben die Kohlenstifte in ben großen Bogen­lampen ausgewechselt; offenbar richtet sich bas Haus auf eine Dauersitzung ein. Es war also der große Moment gekommen wo jedermann im Hause, ob Abgeordneter, ob Zuhörer, jeden Redner, ber noch die Tribüne besteigt, aus tiefster Seele verwünscht. Uber was nutzt bas, wenn bie politische Erre­gung bas Haus in einem solchen Grabe heimsucht! /Jeber verspricht natürlich, es kurz zu machen. Das 'tat auch Herr Frank, ber sozialbemokratische Rechts­anwalt von Mannheim, als er sich jur heftigsten Polemik gegen bie beim Reichskanzler vermuteten Ausnahmegesetzneigungen wanbte. Unb auch Herr Delbrück war sichtlich bestrebt, e? kurz zu machen, als er seinen Chef gegen diese Auffassung ver­teidigte. Aber ber Zeiger ber Uhr rückte vor. Es würbe 8 Uhr. Noch war bie Rebnerliste nicht er­schöpft. Aber die 9. Stunbe sollte boch endlich ibie Beendigung des Überaus eifrig betriebenen Kleinkrieges unb bamit ben Beginn der Weih­nachtsferien Bringen.

> Sitzungsbericht.

j7': 101. Sitzung vom 14. Dezember.

Am Tische des Bundesrats! Wermuth, Del« brück, v. Heeringen, Lisco.

Gingegangen ist bie Interpellation ber fortschrittlichen Volkspartei auf Aushebung ber 'S ü n b tti a r e n ft e u e r.

Präsibent Graf Schwerin-Löwitz eröffnet bie Sitzung um 12 Uhr 15 Minuten.

Erste Lesung des Etats. ' !/i (5. Tag.)

K6g. Dr. Heinze (ntl.): Herr Erzberger hat in seiner letzten Rede über alles Mögliche geredet und besonders uns gewissermaßen als politische Hinter­wäldler bingestellt. Das interessiert uns wenig. Auffallend für uns war nur ber lebhafte Beifall der Rechten. (Sehr gut! links.) Das gibt zu denken! Unsere Stellung zur Reichsfinanz­reform ist burchaus klar. Wir verlangten, daß der große Besitz herangezogen wirb, bie großen Vermögen, bie Latisunbien. Diese werben von bet IFinanzreform so gut wie gar nicht getroffen. Die Haltung bes Centrums war nur von politischen Motiven diktiert. Das Centrum hat die Erbschasts- Steuer abgelehnt, um bie Reform in andere Bahnen zu lenken, um ben Kanzler zu stürzen. (Heiterkeit Lstr,. Beifall JÜlItLL -Streiten.uuS Mr

DieDui- isische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn» unb Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel» r "Wn 904 jährlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei vl=. unseren Zeitungsstellen und der Ervedition (Markt 21), 2.00

(Für unverlangt zugefandte Manuskripte übernimmt die Redak- non keinerlei Berantrvortung.)