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MerheMche Leitung

MeiliBlatt

Nr. W1

Dienstag, 13. Dezember

Erste Lesung des Etats. (2. Tag.)

V Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Kitzung um 11 Uhr 20 Minuten.

Rede des Reichskanzlers.

' Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg: Ich be- vaure lebhaft, die gestrigen Reden nicht gehört, son­dern nur gelesen zu haben. Ich werde auf sie in einem späteren Stadium der Debatte zurückkommen «nd mich gegenwärtig nur zu einigen Fragen der inneren Politik äußern. Die Herren, die gestern geredet haben, haben auf den Zusammenhang zwi­schen Reichsfinanzreform und dem Etat für 1911 gesprochen. Dieser Zusammenhang liegt jo. auch auf der Hand. Praktisch entscheidend ist: Wie hätten wir uns einrichten sollen, wenn die Reichsfinanzreform nicht gewesen wäre? (Sehr richtig! rechts.) Wir hatten eine Milliarde neuer Reichsschulden. Ueber den Streit um diese oder jene Steuerart hat man ganz vergessen, daß die verflossene Finanzwirtschaft nicht weitergehen könne. (Zustimmung rechts, Unruhe links. Andauernde Unterbrechungen.) Deshalb hat auch Fürst Bülow /wegen der Ablehnung der Erbschaftssteuer nicht den Reichstag aufgelöst. Er hat im Gegenteil den so- lorkiqen,Abschluß der ReichsfmLnziesorm^iür. eine

mutz 'daher geändert werdend fUebht'Mnall/rechls) Lärm b. d. Soz.) Die Sozialdemokratie ist heute noch so antimonarchisch wie früher. (Zustimmung h. d. Soz.) Es ist notwendig, daß unser Volk über diese Absichten der Sozialdemokratie klipp und klar Bescheid weiß. Wer den Massen predigt, daß es erst gut werden kann, wenn das Bestehende zer- ikört ist, der trägt Schuld, wenn die. Massen d,e Konsequenzen ziehen. (Gr. Unruhe links.) Des- lvvlb ist die Sozialdemokratie moralisch mitver­antwortlich an den Exzessen von Moabit. (Stürm. Sehr richtig! rechts, Unruhe links. Zu­ruf: Der Reichskanzler greift in ein schwebendes Verfahren ein!) Wenn Ihnen (nach links) das un­angenehm ist, dann hätten Sie nicht selber die Angelegenheit berühren müssen. Wer Wmd sat, muß Sturm ernten. (Sehr wahr! rechts.) Rach dem Vorwärts" sollen die Moabiter Unruhen wo- möglich auf höhere Weisung von der Polizei ange­regt worden sein. Das ist eine unbewiesene und unsinnige Behauptung. (Gr. Lärm b. d. Soz. Abg. Stückicn ruft: Wollen Sie die Zeugen beein- fiufsen? Lärm rechts.) Dieser Behauptung setze ich die öffentliche Anerkennung entgegen, daß die Polizei in Moabit ihre Pflicht getan hat. (Stürm. Bravorufe rechts, gr .Unruhe b. d. Soz., Ruse rechts: Ruhe! Ruhe da drüben! Erneuter Wider­spruch b. d. Soz. Unruhe im ganzen Hause. Zurufe d. Soz.: Sie haben ja die Polizei beeinflußt.) Ich beeinflusse niemand. Sollen wir nun unsere Zuflucht zu AuSnahmeregelu nehmen, und damit eingestehen, daß wir uns der Sozialde­mokratie nicht mehr erwehren können? Ich bin der Ansicht des Fürsten Bülow, daß bei furcht­loser Anwendung der vorhandenen gesetzlichen Mit­tel Monarchie und Gesellschaft geschützt und jeder versuchte Umsturz niedergehalten werden kann. Vor­schläge zu Ausnahmegesetzen mache ich Ihnen Nicht. (Beifall links.) Das deutsche Volk kann von der Sozialdemokratie wohl verführt werden, aber ihre politischen Endziele lehnt es in seinem Herzen ab. Es ist aber Pflicht des Staates, alle gesetzwidrigen Angriffe auf seine Ordnung unter Anwendung aller gesetzlichen Mittel mit nachdrücklicher Energie me- derzuschlagen und diese Energie wird wachsen mit der Heftigkeit der Angriffe . (Lebh. Beifall b. d. Kons.) Die Einheit unseres Rechts, die Stärke des Heeres, die Schaffung der deutschen Flotte, die Sozial- und Wirtschaftspolitik Konservative und Centrum und Liberalismus Ihrer Mer Verdienste stecken darin. Nur durch gemeinsame Arbeit kann erhalten werden, was durch gemein­same Arbeit geschaffen worden ist. Schalten Sie dauernd einen Bestandteil aus, so wird dem Wohl des Vaterlandes nicht gedient sein. Nur diesem Wohle zu dienen, haben wir alle ein Recht, aber auch die Pflicht. (Lebh. Beifall rechts u. i. Ctr., Zischen b. d. Soz.)

Abg. Bassermann (ntl.): Es bleibt dabei, daß die Reichssinanzreform nicht dem sozialen Gedan­ken entspricht. Es war ein Fehler, daß Für st Bülow nach Ablehnung der Erbschafts­steuer den Reichstag nicht auflöste. Hätte er es getan, so wäre die Aufwärtsbeweguug der Sozialdemokratie nicht erfolgt. Die Wünsche des Reichskanzlers über die Ausgestaltung der Äcichs- versicherungsorduung und der anderen sozialpoliti­schen Gesetze teile ich. Wir wünschen auch, daß die Verfassung der Reichslande in libe­raler Weise umgestaltet werde. (Sehr richtig! b. b. Rat.) Die Aeußerungen des Kanzlers über die Wirtschaftspolitik unterschreiben wir in allen Teilen. Der Kanzler hat auch darin unseren Beifall, daß die bestehenden Gesetze gegen revo­lutionäre Bestrebungen mit voller Energie, aber ohne Ausnahmegesetze, durchgeführt wer­den sollen. Die Moabiter Vorfälle sind allerdings nicht zu unterschätzen. Aber an der jetzigen Aus­dehnung des Verfahrens trägt auch die Behörde schuld, die die Fälle kombiniert hat. (Sehr rich­tig! links.) Man hätte die Fälle einzeln zur Aburteilung bringen sollen. Der Schatzsekretär ver­dient Lob für die Aufstellung des Etats. Aber werden die neuen Steuern wirklich immer so viel bringen, wie veranschlagt worden ist? (Sehr richtig! links.) Die schärfste Kritik bilden die Wahlen in Lyck-Oletzko und in Labiau-Wehlau. Sie beweisen einen Zufluß von bisher konser­vativen Wählern zum Liberalismus. Das Quin- quennat halten wir für richtig. In Sachen des Tempelhofer Feldes nimmt der Kriegsminifter einen richtigen Standpunkt ein. Er sollte aber auch nicht das Augenmerk verlieren bezüglich der Exklusivität des Offizierskorps. (Leb­hafte Zustimmung links.) Wir erkennen an, daß die Flotte aus die Höhe gebracht wird. Mit Befriedigung sehen wir die auswärtige Poli­tik in den Händen eines so erfahrenen Diplo­maten wie des Herrn v. Kiderlen-Wächter. Der Eindruck des festen Zusammenwirkens Deutsch­lands und Oesterreichs ist auch in Italien nicht spurlos vorbeiqegangen. Die Besserung der Verhältnisse $u Rußland.und her T ür k e^i he«

Deutscher Reichstag.

Stimmungsbild.

Berlin, 10. Dezember.

* Die Spannung, die am heutigengroßen Tag" in der Atmosphäre des Parlamentes lag, löste sich, M der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg de» Kaat betrat und sich gravitätisch auf seinem bevov- zugten S-ssel nicderließ. Die Staatssekretäre folg­ten ihm ausnahmslos. Umgeben von dieser illu- stren Phalanx, konnte der Chef denn auch seine Ruhe bewahren. Im Hause, das ausnahmloS gut besetzt ist, herrscht erwartungsvolles Schweigen. sDer Reichskanzler ordnet sein Konzept und macht hier und da noch Notizen. Nun erhebt er sich ge­messen und spricht ; . . Herr v. Bethmann-Holl­weg spricht im Ganzen leidenschaftslos und manch­mal so leise, daß man versucht ist, ihm zuzurufenr Lauter! Ihm fehlt die glänzende Diktion seine» Vorgängers, die Lebendigkeft de- Vortrags, und mich für espritvollen Witz ist er nicht zu haben.- Dagegen läßt er gelegentlich tiefgründige philoso» -phische Gedanken aller Art einfließen. Heute waren des Kanzlers Worte übrigens von Anfang an fiat jtttb verständlich. Und als er sich gegen die Sozial­demokratie wandte und überda- bißchen Moa- fcit" äußerte, als er ferner eine Politik der Aus- nahmegesetzgebung namens der Regierung ablehnte, ha kam so gar etwas wie prometheischeS Feuer Uber ihn. Wie nicht ander- zu erwarten, kam daraufSieben in die Bude", und die Sozial­demokraten geberdeten sich wie von der Tarantel gestochen, obwohl sie den Reichskanzler durch ihre Dreistigkeiten provoziert hatten.^ Eindrucksvoll war schließlich die Ermahnung zur Einigkeit an alle DrdnungSparteien, die jede für sich ei« kleine- Kompliment al» staatserhaltende Faktoren ent# Jegennehmen konnten. Obwohl der Kanzler zunächst ie Absicht ausgesprochen hatte, heute nur auf die Innere Politik einzugehen, wurde et durch die Kede de» Abg. Bassermann, der im übrigen 8it seiner Ablehnung deS Finanzreformwerkes feit» hält, auf das Gebiet der Auslandspolitik geführt. Btt einer zweiten, vom Hause mit ruhiger Be­friedigung aufgenommenen Rede legte er kur» un» sere Beziehungen zu den Mächten dar, die ans dem bewährten Dreibund beruhend durchweg erfreulich sind. NuS dem Hause, das sich allmählich stark teerte, sprachen zum Etat unter Ausblicken auf -ie politischen Tagesfragen noch die Abgeordneten Wiemer (Bp.) und Frhr. v. GamP (Rp.), Wäh­rend der erstere eS entschieden ablehnte, dem Wammlungsrnfe deS Kanzlers Folge zu leisten, schloß der letztere mit einem Danke-wort an den tüchtigen Reichsschatzsekretär wegen seiner erfreu­lichen Finanzwirtschaft. Arn Montag wird der erste Neduerreigen wohl zu End« gehen. Dann kommt M* ».-weite Garnitur".

LedenSforderüng des deutschen Reiches' erklärt lind dieser Forderung seine Person unterworfen. (Sehr wahr! rechts.) Diesen Hergang versucht man jetzt im parteipolitischen Interesse zu verschleiern. (Sehr richtig! rechts.) Der Etat für 1911 ist die bün­digste Bechtfextigullg bafür. daß die verbündeten Regierungen Veli Mschlusien der ReichMgämehr- heit beigetreten sind, ungeachtet ihrer eigenen Be­denken. Gewiß, alle Ressorts haben sich nach der Decke strecken müssen, aber wir wollen mit dem System der Schuldenwirtschaft brechen. Das Prin­zip der Sparsamkeit des Fürsten Bülow hat ungeteilten Beifall gefunden. (Sehr richtig!) Der Borwurf deS ungenügenden Ertrages -er neuen Stenern soll also wohl nur bedeuten, daß die Herren nicht nur die Steuern anders umgelegen, sondern auch dem Reiche mehr Mittel gegeben wissen wollen. (Heiterkeit rechts und im Cen­trum.) Die Besorgnisse einer Bernachlässi- guna unserer Wehrmacht sind unbegründet. Alle Erzählungen von Krisen zwischen der Heeres- und der Reichsverwaltung gehören in das Reich der Fabel. Ich würde noch heute neue Steuern Vorschlägen, wenn die Aufrechterhaltung der Wehrmacht neue Aufwendungen erfordern würde. (Beifall rechts.) Bei der Reichsversicherungsord- ttunfl hat sich gezeigt, daß die sozialpolitischen Fragen nicht durch bestimmte Parteikombinationeu gelöst werden. Wenn nicht alle Wünsche dabei erfüllt werden, so sind doch die Einführung der Hinterbliebenenversicherung u. a. bedeutungsvolle und einschneidende Werke. Der Entwurf zur Fort­bildung der elsaß-lothringischen Verfassung läßt mich erwarten, daß wir uns über diese wichtige Frage verständigen werden. Das gilt auch für das Staatsangehörigkeitsgesetz. Die Frage, wie ich mich zur Wirtschaftspolitik stelle, beantworte ich dahin, daß ich an den bewährten Grundlagen un­serer Wirtschaftspolitik mit allem Nachdruck festhalte. (Stürm. Bravo! rechts, Lachen links.) Das werde ich auch bei den Verhandlungen mit Schweden und Japan über neue Handelsver­träge tun. (Erneuter Beifall rechts.) Damit handle ich int Einklang mit der großen Mehr­heit dieses Reichstages. Landwirtschaft, Indu­strie und Handel wünschen, daß die Wirtschafts­politik, auf der sich unser wirtschaftliches Leben so glänzend entwickelt hat, aufrecht erhalten wird. Auch der Rausch der bevorstehenden Neu­wahlen wird verfliegen und wie diese Wahlen auch ausfallen werden, eine Götterdämme­rung wird nach ihnen nicht anbrechen. (Bei­fall rechts, Widerspruch links.) Dann wird sich auch Herausstellen, ob es klug war, daß sich die Parteien, die trotz ihrer abweichenden Parteiansicht in den großen Fragen der Nation demselben Ziele zusteuern, so bitter untereinander befehdet haben. Fch kann mich nicht mit irgend einer Partei identi­fizieren. Durch eine bestimmte Wahlparole würde ich die Wahltaktik unendlich erleichtern. Das Ge­rede von dem schwarz-blauen Reichs-^ kanzlet hat die Witzblätter reichlich mit Stoff! versehen mich persönlich läßt das gänzliche kalt. (Lachen links.) Ich diene nicht dem Parla­ment. (Zuruf der Soz. : Aber den Junkern!) Und den Junkern ebensowenig wie Ihnen. Finde ich bei meiner Politik die Unterstützung des Centrums und der Konservativen, so nehme ich sie genau so dankbar an wie die irgend einer anderen Par­tei. Damit komme ich zum Verhältnis der Sozial­demokratie. Bor 14 Tagen richtete Herr von Hehdebrand die Aufforderung an mich, den revolu­tionären Umtrieben vorzubeugen. (Der Reichskanz­ler wendet sich direkt an die Konservativen.) Ich meine durchaus nicht, daß die Parteien, die den gegenwärtigen Zustand für lückenhaft ansehen, nicht von sich aus die Pflicht haben, den Regierungen bestimmte Vorschläge zu machen. ES wäre auch die absolute Pflicht der Regierungen, mit Vorschlä­gen hervorzutreten, wenn die gegenwärtigen Macht­mittel nicht mehr ausreichen. Ich kann aber nicht den Eindruck im Lande aufkommen lassen, als be­dürfe die Regierung eines besonderen Ansporns bei ihrer Aufgabe zum Schutze der staatlichen Ord- dnng. (Hört, hört! und Sehr richtig! links, Be­wegung.) Dieser Eindruck wird aber durch solche allgemeine Wendungen erweckt. (Sehr gut! links, anhaltende Bewe­gung.) In anderen Ländern ist aber Unzweifel­haft die Staatsordnung besser gestellt, wenn es sich um Vergehen gegen die öffentliche Ordnung handelt. Dort besteht ein beschleunigtes Verfahren. (Sehr richtig! rechts.) Bei uns münden solche Vorgänge in einen Monstreprozeß aus. (Sehr wahr! rechts.) Hoffentlich wird unsere Straf- Prozeßordnung hier Wandel schaffen. (Bei­fall rechts.) Auch unsere sozialpolitischen Ein eich tringen dürfen nicht zu Werkzeugen einer Machtpolitik mißbraucht werden. (Sehr gut! rechts und b. d. Rat., Gr. Unruhe b. d. Soz.) Auch unser Strafgesetzbuch genügt nicht gegen die Luihetscnbc. Tätigkeit..fanatischer. Agitatoren. -Es

grüßen wir. ' Me depksche Politik' in "Wär o fTo hat aber keine glänzenden Resultate gezeitigt. Der Vertreter des Centrums blies zum Sammeln der bürgerlichen Parteien. In den Zeiten der Bor» romäus-Enzyklika kann uns ein Bündnis mit dem Centrum nicht erwünscht sein. Ich glaube nicht an das Anwachsen der roten Flut. Aber Re­formen sind notwendig. Wir werden nur das er­reichen, was wir erstreben, wenn Thron und Volk treu zusammen stehen. (Lebh. Beifall.)

Der Reichskanzler über die Auslandspolitik. !

Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg: Ich will kein allgemeines Exposee über unsere äußere Politik geben, sondern nur auf einige Fragen antworten. Dabei spreche ich meinen Dank den Staats» itttern der beiden verbündete» Mächte aus, die in ihren Parlamenten unsere« Beziehungen warme Worte gespendet haben. Ich schließe mich ihnen voll an. Die Rechte der deutschen Untertanen in Marokko werden wir zu schützen wissen. Das Zustandekommen der tür­kischen Anleihe in Deutschland und Oesterreich be­grüßt die Regierung, weil dadurch seine bewährte Politik auf Aufrechterhaltung des Friedens im Orient unterstützt wird, lieber unsere Bezie­hungen ru England und angebliche Berhand» hingen mit diesem über eine vertragsmäßige Be­schränkung der Rüstungen zur See hebe ich her­vor» daß die großbritannische Regierung wieder­holt dem Gedanken Ausdruck gegeben hat, eine ver­tragsmäßige Beschränkung der Flottenrüstung her­beizuführen, ohne redoch Anträge zu stellen. lieber unser Verhältnis zu Rußland kann ich sagen, daß die Entrevne harmonisch verlaufen ist. Wir mußten zugeben, daß Rußland einen beson­deren Einfluß auf Nordpersien geltend mache» muß. Rußland wird unserem Handel dort fein Hindernis in den Weg legen. Es hat sich eine Uebereinstimmung über alle Fragen ergeben, da» alte vertrauensvolle Verhältnis zwischen uns und Rußland ist gestärkt und gefestigt worden. (Lebh. Beifall.)

Abg. Dr. Wiemer (Bp.) : Wir sind zu prakti­scher Arbeit stets bereit, die Sünden der Vergangen­heit aber bleiben bestehen. Vielleicht gibt der Reichskanzler hier eine Erklärung über den Stand der preußischen Wahlreform ab. Wir wollen eine schrittweise Herabsetzung der Zölle. Der Reichskanz­ler meinte, auf die nächste Wahlen werde eine Götterdämmerung nicht folgen. Wir sind ja ge­wöhnt, mehr Dämmerung als Götter zu haben. (Heiterkeit.) Wie denkt sich Fürst v. Bethmann (Gr. Heiterkeit; der Reichskanzler schüttelt lachend den Kopf) die Durchführung der Gleichberechtigung der Staatsbürger? Ich glaube es ihm, daß er kein Parteikanzler fein will. Aber feine Taten passen bisher ausgezeichnet in den blau-schwarzen Kur- hinein. Die Vorgänge beim Wahlkampf in Labiau- Wehlau sprechen eine deutliche Sprache. Ich würde von einer Paschawirtschaft sprechen, wenn ich nicht befürchten müßte, einen modernen türki­schen Pascha mit einem solchen Vergleich zu beleidi­gen. (Heiterkeit.) Das Vertrauen von mehr al» 9000 Wählern wird dem neuen Abgeordneten eine Genugtuung bereiten für die Verunglimpfungen und Kränkungen, die eine skrupellose, jeder Ritter­lichkeit bare Agitation einem Ehrenmann zugefügt hat. (Lebhafter Beifall links.) Ich begrüße, daß der Reichskanzler Ausnahmegesetze gegen die So­zialdemokratie nicht machen will. Er sprach auch von einer Cooperation der Sozialdemokraten und der fortschrittlichen Volkspartei. (Abg. v. Hcyde- brand: Sehr richtig!) Das ist nach dem Rezept der Kreuzzeitung". Ich finde das einigermaßen lächer­lich, denn der Reichskanzler weiß ganz genau, daß die Volkspartei eine Gegnerin der Sozialbenio- fratie ist und bleiben wird. Die Ausschreitungen in Moabit billigen auch wir nicht. Er hat der Polizei ein gutes Zeugnis ausgestellt. Warten wir ab, wie der Prozeß ausläuft. Jedenfalls i flöte anfänglich günstige Stimmung für die Polizei ein wenig erschüttert worden. Der Sturm draußen im Lande ist durch eine falsche Politik hervorgerufen. Der Kanzler und die Mehrheit deS Hauses tragen die Mitschuld an der falschen Finanzpolitik. Die Finanzreform ist ein Wechselbalg, den die vereinigte Zeugungskraft der Konservativen, des Centruntt und der Polen erzeugt hat. (Heiterer Beifall links.! Wir verlangen Beseitigung der verfassnngswidri gen Zurücksetzung der jüdischen Mitbürger. Bei bet Begnadigung der Bonner Borussen drängt sich bet Vergleich aus mit bet Verurteilung der Landwehr­leute, die sich mit einer Depesche an den Kaiser wandten, zu langjährigen Zuchthausstrafen. (Sehr wahr! links.) Eine auswärtige Politik nach dem Rezept der alldeutschen Lärmmacher kön­nen wir nicht brauchen. Bei bett Reformen im auswärtigen Dienst ist es bei schönen Worten ge­blieben. Der Ausgang des Streites über die Bor- tomäus-Enzhklika war kein diplomatischer Erfolgs Dem. RaHen k änaetLLklö.te von

Sitzungsbericht.

V ' 98. Sitzung vom 10. Dezember.

. Da» Haus ist stark besetzt; der Andrang zu den iTribünen ist groß.

Am Bundestatstischer v. Bethmann-Holltveg, Delbrück, Wermuth, v, Heeringen, v. Tirpitz, Araetke, v, Lindequisk.

Berliner Allerlei.

(Berliner Ptosessotenstreit. Kongresse. Wohltätiakeitsbazare. Lustbarkeitssteuer u. Groß- berliner Zweckverband.)

Die Berliner Univerfität macht in ihrem Jubi­läumsjahre mehr von sich reden ,als in den vorher­gehenden hundert Jahren ihres Bestehens zusammen- genontmen. Leider sinds keine allzu erfreulichen Dinge: int vergangenen Sommer wars die freie Studentenschaft", die sich bei den Jubiläumsfeiern benachteiligt glaubte und darum schmollend abseits blieb, und heute ists der Zwist der drei alten, be­währten Kathederfozialisten Wagner, Schmollet, Sehrtng gegen die junge, aufstrebende Kraft, Pro- Sor Bernhard, der sich den Alten nicht fügen will.

» die letzten Gründe zu dem unerquicklichen Pro- fefferenftreite liegen, das wird man wohl aus dem Spruche des Schiedsgerichts klar ersehen können, das unter dem Vorsitze des Rektors über Recht und Un­recht entscheiden soll. Unterdeß wird aber von den Parteien dafür gesorgt, daß es an Sensation nicht mangelt. Zuerst kam die Kunde, daß Professor Bern­hard seinen Kollegen Sehring wegen eines Briefes eine Pistolenforderung übersandt hatte. Darob schüttelten manche Leute den Kops, und meinten, es gehe doch nicht an, daß gekehrte Fragen auf Sem Piftolenstande ausgefochten würden. Die Frage scheint sich aber vom gelehrten schon recht weit aufs versönliche Gebiet hinübergespielt zu haben. Außer­dem ist ste von der Nationalökonomie schon an re Jurisprudenz gelangt; Professor Bernhard nämlich gab bei Beginn einer Vorlesung seinen Hörern eine mrze Erklärung über das persönliche Moment der Sache ab, worauf diese ihm dröhnenden Beifall tram­

pelten. Was einen großen Juristen im Nachbaraudi­torium störte und ihn zu einer Beschwerde veran­laßte. Der Beifall muß jedenfalls außergewöhnlich stark gewesen fein. Die drei bewährten Alten haben denn auch und das ist die neueste Phase des Strei­tes am schwarzen Brette eine Gegenerklärung er­lassen, in der sie ihrerseits den Komilitonen ihren Standpunkt klar machen und ihnen anheimgeben, die Entscheidung des Ehrenrates abzuwarten. Man wird sich also vorläufig in Geduld fasten müsten.

Mit dem Winter, der Parlamentssaison hat auch das Kongreßleben wieder lebhafter begonnen. An­fang nächster Woche beginnen die Tagungen der deut­schen Landwirtschaftsgesellschaft, zu deren Eröffnung auch der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hat.

Unterdessen haben die Bühnenkünstler und die deutschen Frauenstimmrechtlerinnen getagt. Bei den Mimen falls gar lebhaft zugegangen fein. Um die Figur des Präsidenten, Herrn Nistens hat der Kampf getobt, wie um die Leiche des Patroklus. Die intet« estanteste Sitzung war leider geheim, und nur ein Rostocker Delegierter, Herr Wehlau, fand den Mut, gegen diesen geheimen Rat zu protestieren. Wacke­rer Mann!

Ein Mann, dessen Mut nicht minder bewunders- wert scheint, ist der Abgeordnete Potthof, der süße Heini" nennen ihn böse Leute ob der treuen Vasallendienste. die er stimmrechtbegierigen Damen leistet. Der soll nämlich in der Generalversammlung des Preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht eine Besserung der wirtschaftlichen Lage der Frau durch Hebung der Einkünfte des Mannes erwartet haben! Daß unsere Suffragettes oder ist das Wort nicht doch zu schlimm für sie? milder sind, als ihre englischen Eesinnunasgenossinnen, dafür zeugt, daß man ihn für diesen Ausspruch unter ei» hitziges De­

battenfeuer nahm. Fast noch mutiger als Herr Pott- hoff und Herr Wehlau erscheint mir aber eine Dame, Fräulein von Harbou, die in der gleichen Versamm­lung einen Antrag der schleswig-holsteinschen Gruppe begründete, der an Stelle des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts auchgleiches Recht für Mann und Frau" aufs Panier gefetzt haben wollte. Derbescheidene" Antrag wurde selbstverständlich ab« gelehnt, und eine Resolution gefaßt, nach der als eins der wichtigsten Mittel, oie Frauenarbeit zu bessern, die Verleihung des allgemeinen Wahlrechts an die Frauen angesehen wird.

Vorläufig werden die Männer und mit ihnen wohl immer noch der größte Teil der deutschen Frauen die Stelle der Frau anderswo suchen als in den Parlamenten. Ungemein freundlicher sieht es jedenfalls aus, wenn die Frau sich der Armen an« nimmt, und dem Spruche lebt,wohlzutun und mit« zuteilen vergesset nicht". Da gehen die Prinzefsinen unseres Königshauses mit gutem Beispiel voran. Der j Bazar, mit dem kürzlich die Prinzessin August Wil­helm in Potsdam die Reihe der Wohltätigkeitsver- anftaltungen eröffnete, war nicht nur ein glänzendes Fest, sondern brachte auch dem Kinderhort der Er- löfergemeinbe zu Potsdam einen schönen Erlös. Man mag über Wohltätigkeitsbazare denken, wie man will, Tatsache ist doch, daß durch sie mancher zum Geben veranlaßt wird, der sonst keinen toten Piaster herausrücken würde.

Während so die Lustbarkeiten des Winters eröff­net stnd, droht die Lustbarkeitssteuer, die der Ber­liner Magistrat geplant hatte, um dem ewigen Dalles abzuhelfen, in den Orkus zu sinke». Sie fin­det keinen Anklang, und auch die Billetsteuer ist nicht glücklicher, die königlichen Theater werde» sie kaum einführe«, «nd da glaubt man, sie gerechter­

weise den Privatbühnen auch nicht oufbürben zu kön­nen. Der Magistrat von Berlin bat eben in alle« Dingen Pech. Und habet schwebt über seinem Haupte der drohende Zweckverband für Eroßberlin, durch de« der Verkehrs- und anderer Misere abgeholfen werden soll und hoffentlich auch abgeholfen werden wird. Di» freien Berliner Stadtväter sehen sich dadurch st ihrem otium cum bignitate bedroht, und haben bei Verbaut» bie Schlagfertigkeit ist die letzte Altber liner Eigenschaft, bie ihnen blieb als bald bei Zwangsverbantr' getauft.

Literarisches.

** Heinrich Naumann, Mit Pflug and Feber. Heinrich Naumann, unser Lanbsmann am Ranzhausen, bet unfern Lesern ja auch burch Ver­öffentlichungen in unjeter Zeitung bekannt ist, ist eie ganz einzigartiger Schriftsteller! Es gibt in ganz Deutschland keinen zweiten, der so wie et als et» fachet Bauet den Pflug führt und dabei den Drang in sich hat, in stillen Stunden bie Feder zu nehmen und schlichte Geschichten und feine Gedanken in einer Sprache voll Schönheit und Wohlklang zu Papier xe bringen. Wer noch Sinn hat für schlichte deutsche Art, für lebendige Frömmigkeit u. tiefe Heimatlich, wer sich noch freuen kann an dem deutschen Dorf ruck seinen kernhasten Bewohnern, der muß den schlichte« neuen Mann mit dem golbnen Gemüt von Hetze« liebgewinnen. Der wird auch gern dazu helfen, bafe dies fein neuestes Büchlein in feinem schmucken Sch­wand Vielen im weiten Vaterland bekannt wird und sie innerlich erquickt.