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(Obcrljcfril'rfjc Zeitung

Zweites Blatt

Rr. 290

Sonntag, 11. Dezember

herscharwenzelt und die Volksvertretung miß-

aber in Wirklichkeit? Für

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cor?, verboten.)

Cbristiane Tanner.

Glümer.

I

-

Befehl mden, all

für Deine Liebe

fiel Parnim ein

wenn Onkel Jsearimm befohlen hatte.

Mit

minderte?

Christian war durchaus nicht

sttanens Anwesenheit geradezu lächerlich.

Me

kanzler also als einen dem Kaiser und dem

Höfling hin, der hinter österreichischen Thronfolger

gegen zehn Uhr nach Elmenach

I

achtet.

Wie verhält es sich

Ton war wie bisher der eines er nach einer Pause sagte: Natürlich bist Du bereit,

Opfer zu bringen." Natürlich . ." Das habe ich erwartet,"

Roman von Claire v. (gortfetiung.) XIII.

Es regnete, als Christian morgens von Lingenau wt-der

nen Menschen wieder aufzurichten und wieder einem nützlichen Glied« der Gesellschaft zu machen, werden zweifellos die Zustimmung eines jeden Phi» lantropen finden. Von diesem Standpunkt aus kann man es nur gutheißen, daß sich der Verein für Mut­terschutz der unehelichen Mütter und Säuglinge eben­falls annehmen will. Das darf aber nicht soweit . gehen, daß dabei derfreien Liebe" ein förmlicher Hymnus gesungen wird, wie es beim Berliner Ver­bandstage des Bundes für Mutterschutz letzthin ge­schehen ist. Frau Meisel-Heß stellt die etwa sonder- bare Forderung auf, daß der staatliche Schutz tn dem weitesten Maße auch auf die unehelichen Mütter aus­gedehnt werde, damit nicht gerade diebesten Kin- ' der", dieKinder der Jugend und Kraft" der Mensch- ' heitunterschlagen" würden) Damit aber würde man 3' die ehelichen Kinder ju solchen zweiter Klass« herab­setzen. Das ist eine Anschauung, die noch nicht avge- ' mein geteilt werden dürfte. Die sonst sehr liberal gesinnte und dafür bekannte Schöneberger Stadtver­ordnetenversammlung hat nun die zur Unterstützung des Vereins für Mutterschutz geforderten 100 M ge­strichen! Die Zeit derfreien Liebe" scheint also dem­nach noch in nebeliger Ferne zu liegen.

man ste bewundert hatte! Vor allem et selbst... ganz toll hatte sie ihn gemacht. Obwohl sei» Verstand ihm sagte, daß es geraten sei, dem aus­sichtslosen Verhältnis ein Ende zu machen, konnte er el nicht über sich gewinnen, Herrn von Ltngeimus Einladung auszuschlagen. Aber warum aussichtslos? Vielleicht war Christtane »achaiebiaer. wenn ste den Schmerz dar Trennung

auch ich hätte alles für Christianens Mutter ge­tan aber es wurde mir nichr erlaubt. Ei» anderesmal mehr davon; jetzt zu Dir. Ich hab« alles reiflich erwogen und hoffe. Dich für das, was Du aufgibst, schadlos halte» zu können ich meine sür das Majorat."

Christian biß die Zähne zusammen, während er wie zustimmend den Kopf neigte.

Meine Tochter kommt natürlich nicht mti leeren Händen in die Ehe," fuhr Parnim fort. Seit Jahren liegt eine anständige Summe für sic in der Bank, und nach meinem Tod- fällt ihr Quelldorf zu, das ich aus mein n Privattnitteln gekauft habe. Dir aber werde ich sofort Buch- balden zedieren, das ich von dem Bruder meinet Mutter geerbt habe und eigentlich dem Majorat zufügen woll e. Aber Harthausen ist auch ohne dies Gut jetzt bedeutend mehr wett als ehemals. Der Heroenbofer Parnim, der nach Deinem Ver­zicht Majoratserbe wird, muß sich damit be­gnügen

Das kann er!" sagte Christian bitter. Hatt- bauken erschien ihm plötzlich begehrenswerter all bisher: wie verraten und vettauft fühlte er sich indes Parnim in der Zuversicht, ihn zu be­glücken, seine Zukunftspläne weiter -nttvickelte.

(Fortsetzung folgt.)

empfunden hatte, ließ sich vielleicht noch bewege», im Winter nach der Residenz zu kommen. Und was bann? Müßige Fragen . . . genießen, was die Stunde bringt, ohne vorwätts oder tück- wätts zu sehen, das ist wahre Lebenskunst. . . die wollte er üben. Irgendwelche Verantwortung für Chttstiane hatte et nicht zu übernehmen; sie war hellsehend und willensstark genug, um für sich und ihre Lebensführung einzustehen. Wurde ihm aber aus irgendwelchem Grunde das VerhälMis zu ihr unbequem, so braucht- er sich nur auf ein Machtgebot des Harthäusers zu be­rufen, um mit Anstand loszukommen. Chttstian lachte vor sich hin: unter Umständen konnte sogar ein tyrannischer Oheim zur Annehmltchiktt werden!

Im Augenblick war er das freilich nicht, denn eben schlug eS dreiviettel Zehn in Elmenach, und wehe jedem, der nicht pünktlich zur Stelle war,

den Reichskanzler kommt nicht die H o f j a g b in Bettacht, sondern die Anwesenheit des Erz­herzogs Fran; Ferdinand. Bet dem hohen Alter des österreichischen Kaisers kann der Thronwechsel im Nachbarland« jeden Tag erfolgen. Mit dem Manne, der vielleicht bald zur Ausübung des Herrscheramtes in dem engverbündeten Nachbar­staate berufen ist. persönliche Fühlung zu nehmen, ist für den höchsten Beamten des deutschen Reichs allerdings von Bedeutung. Dies umsomehr, als zu solcher persönlichen Fühlungnahme sich ja doch ziemlich selten Gelegenheit findet. Andererseits verliett der Reichskanzler nicht viel, toenn er ge­rade am ersten Tage der Etatsdebatte nicht im Reichstage ist. An diesem Tage hält zunächst ttadttionsgemäß der Reichsschatzsekretär eine lange Rede, deren Inhalt nämlich dem Reichs­kanzler längst bekannt ist. Darauf sprechen Wetter traditionsgemäß Redner der größten Parteien also des Zentrums und der Konservativen. Selbst wenn deren Reden an sich dem Reichs­kanzler Anlaß zur Erwiderung böten, würde et dies doch im Falle seiner Anwesenheit kaum an

Politische Umschau.

Mutterschutz und Siinglingsfürsorg«.

Es bedeutet in unserer Zeit ein Zeichen hohen Kulturstandes, wenn eine Ration darauf bedacht ist, für die ärmeren Bevölkerungsklassen durch Alters­und Invalidenversicherungen, Krankenkassen und son- sttge Wohlfahrtseinrichtungen zu sorgen. Der Bund für Mutterschutz hat die Pflege und Versorgung von Säuglingen, Müttern und Waisen auf sein Pro­gramm gesetzt. Gewiß eine vornehme Aufgabe, der Mitarbeit der Edelsten der Nation wert. Nur sollte bei all diesen Wohlfahrtsbestrebungen nicht über das Ziel hinausgeschosien werden, um nicht das Gegenteil von dem zu erreichen, was beabsichtigt war. Letzten Endes sollen doch alle diese Wohlfahrtsbesttebungen dahin zielen, die gesamte Bevölkerung vor den Folgen unverschuldeten Unglücks nach Möglichkeit zu bewah­ren und sie kräftig und widerstandsfähig zu erhalten. Dadurch wird gleichzeittg eine moralische Hebung er­zielt, die sich in erster Linie darin äußert, daß gute Sitten gedeihen, das Familienleben gefördert und so für eine gesunde kommend« Generatton gesorgt wird. Auch die Bestrebungen, die dahin gehen, den gesunke-

cttt, und gtctt tote der Herbsttag toar btt Stim­mung des jungen Mannes.

Welche Tyrannei, ihn wenige Stunden nach einem Balle mit Geschäften zu quälen, von denen er nichts verstand und nichts zu verstehen brauchte, denn natürlich handelte flch's um irgendeine Grenzregulierung oder um die Ver­teidigung alter Gerechtsame, oder um ein neues Projekt zur Verhätschelung der vielgeliebten Hintersassen und Arbeiter.

Ob der Oheim sich einbildete. daß Christian in dieser Rtchtttng weitergehen, sich überhaupt per­sönlich mit der Bewittschafiung des Majorans be­fassen werde? Dazu war denn doch ein Adnti- nisttator gut! Was lag daran, wenn sich in sei­nen Händen der Erttag der Güter etwas ver-

Lieber Onkel," stammelt« er,ich ... kann Dich versichern"

Keine Ausflüchte!" fiel Parnim ein.Gestern abend man hatte mir vorläufig ein Zimmer im zweiten Stock gegeben habe ich Dich und das junge Mädchen auf dem Balkon unter mei­nem Fenster gesehen und habe jedes Wott gehört, das Du ihr gesagt hast. . . Dann hast Du st« umarmt, sie hat sich losgemacht und ist Dir ent­flohen . . .*

Ratlos sah Christian vor sich nieder; bl« ganze Szene stand ihm mit peinlicher Deutlichkeit vor Augen, und ehe er sich klar machen konnte, ob eS besser sei, sich zu entschuldigen oder die Sache scherzhaft als eine Ballaune zu behandeln, fuhr Parnim fort:

Auch im Ballsaale habe ich Euch beobachttt und habe mH dem jungen Mädchen lange genug gesprochen, um zu wissen, daß sie eben so gut wie schön ist . . . eine ernste, edle Ratttr . . , j-des Glückes wert!

Wie seltsam er, das sagte, halb weich, halb grollend. Und dann stand er wieder auf, trat ans Fenster und sah eine Weile stumm in den Regen hinaus, während Christian sich vergeb-ns fragte, wohin das alles führen solle. Endlich ab r es war nicht möglich, ein Traum, mutzte feinen Spuk treiben! endlich hörte Christian den Oheim sagen:

Mit einem Wott, ich gebe meine Einwillig, utig daß Du sie heiratest."

Onkel!" es war ein Schrei mehr des Schreckens als des Entzückens, womit der junge Mann vom Sessel auffuhr.

Parnim beachtete das nicht; noch immer aus dem Fenster sehend, fuhr er fort:

Vor allem mußt Du wissen, daß sie schon jetzt auf den Nomen Parnim Anfpruch hat . . ste ist meine Tochter..."

Christian fank in den Stuhl zurück; nach die­ser Eröffnung mußte er jeden Widerstand auf­geben.

Sie hat nie die leiseste die Andeutung ge­macht' bemerkte er, um nur etwas zu sagen.

Weil ste bis vor einer Stunde den Kamen

_______1 ihres Baiers nicht gekannt hat," antwortete Par­nim.Run habe ich ihr geschrieben . . . sie soll Zeit haben, sich zurechtzufinden, ehe wir zu ihr gehen. Vorher habe ich noch einige! mit Dir zu besprechen."

Mit diesen Worten kehrte er auf seinen alten Platz zurück. Christian warf einen scheuen Blick ju ihm hinüber; aber so schwer bl-fem stolzen, strengen Manne das Gestänbnis einer Jugend­sünde geworden sein mußt«, in Haltung und Wesen ließ sich bas nicht erfennen. Auch fei»

hinter bet durchschnittlichen Bevölkerungsver- mehrung des Reiches wesentlich zurück, sondern manche Gebiete hatten sogar eine absolute Ver­minderung der Bevölkerung zu verz ichnen. Seit der Besserung der Lage der Landwirtschaft und seit der wirtschaftlichen und kulturellen stärkeren Berücksichtigung des platten Landes durch den Bau zahlreicher Kleinbahnen, durch Ausdehnung des Fernsprechnetzes auf das platte Land und durch ähnliche Annehmlichkeiten ist die Bevölke­rung des platten Landes wieder seßhafter ge­worden. Das zeigte sich schon nach der Volks- . zäglung vom Dezember 1905 und das dürfte jetzt in noch stärkerem Matze hervortreten.

Darin liegt unzweifelhaft eine Gesundung. So wichtig auch dir Industrie für die Wohlhaben­heit und materielle Leistungsfähigkeit des Reiches ist, so gefährlich wäre es doch, toenn, tote in Eng­land, toeit« Landfirecken sich entvölkerten und brach lägen. Im Gegenteil: ein: immer intensi­vere Ackertoirtschast und Viehtoirtlfchast ist in hohem Maße erwünscht und sie ist nur möglich durch eine dichtere Besiedelung des platten Landes.

demselben Tage tim, denn zu dem durch mehrere ausgedehnte Reden bereits ermüdeten Hause zu sprechen entspricht kaum der Stellung des höch­sten Reichsbeamten. Der Reichskanzler würde also am Freitag im Reichstage nut Dekorations­stück fein, während er durch das Zusammensein mit dem österreichischen Thronfolger den Inter­essen des Reichs nützen kann. Das Alles weiß auch dasBerliner Tageblatt", es zieht aber vor, den Reichskanzler zu verdächtigen.

Da wir gerade bei den so erbaulichen Ver­hältnissen- zwischen demBerliner Tageblatt" und dem Reichskanzler sind, möchten wir noch auf eins Hinweisen. DasBerliner Tageblatt" hat schon vielleicht, ein Dutzendmal de» Rücktritt des Reichskanzlers unmittelbar nach den nächsten Reichstagstoahlen angekündigt. Auch wir glau­ben, daß diese Wahlen sehrunerfreulich für die Regierung ausfallen werden, aber wir glauben nicht, daß dadurch der Rücktritt des Reichskanzlers bedingt würde Fürst Bismarck erlitt bei den Reichstagswahlen von 1881 eine schwere Nieder­lage, denn seine schärfsten Gegner, die Fort­schrittler und die Sezessionisten konnten ihre Mandate mehr als verdoppeln. Sie brachten denn auch dem Reichskanzler während bet Legislatur­periode 1881 bis 1884 mehr als ein Schlappe b i, ohne daß Fürst Bismarck deswegen aus seinem Amt« geschieden wäre. Wir erinnern ferner an die Wahlen von 1903, die der Sozialdemokratie eint gewaltige Zunahme an Stimmen -uw Reichstagsmandaten brachten. Diefer sozialistische Erfolg ab-r hatte keineswegs den Rücktritt des Fürften Bülow zur Folge. Es ist also nicht wohl abzusehen warum die Wahlen vom Herbste 1911 eine Wirkung habe» sollten, welche die Wahlen von 1881 und 1903 nicht gehabt haben

Man mag es Henn von Betbmann-Hollw g überlassen ob er den voraussichtlichen ungün­stigen Ausfall der nächsten Reichstagstoahlen zum Anlaß des Rücktritts nehmen wird. Jedenfalls dürften die Auffassungen desBerliner Tage­blattes" über diese Frage für seine Entschließung kaum maßgebend sein, schon darum nicht, weil er bei einem ihn derart mit vergifteten Waffen be­kämpfenden Blatte kaum die Fähigkeit einer ob­jektiven Beurteilung der Sachlage voraussetzen dürfte.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Ortginalartikel ist gemäß § 18 bei Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe Oberhess. Ztg." gestattet.)

Marburg, 10. Dez.

* Di« Sonntagsruhe. Bei der zuständigen Reichs­behörde finden gegenwärtig nicht nur Beratungen über eine Neuregelung der Sonntagsruhe im Han­delsgewerbe statt, sondern auch getrennt hiervon solche über eine Revision der im Jahre 1895 vorn Bundesrat erlassenen Ausnahmevorschriften für bU Sonntagsruhe in der Industrie. Die Verhältnisse in dieser haben sich in letzter Zeit wesentlich verändert, es haben neue Verfahren Platz gegriffen, so daß ein« Abänderung der betreffenden Bestimmungen eventuell angezeigt ist. Was die Beratungen über die Sonn­tagsruhe im Handelsgewerbe anbetrifft, so würde eine Umarbeitung der jetzt gültigen Vorschriften eine Novelle zur Gewerbeordnung darstellen, die dem Par­lament vorgelegt werden würde. Nachdem die ent­sprechenden Unterlagen hierfür bereits vor längerer Zeit herbeigeschafft waren, sind Gutachten aller Art im Reichsamt des Innern geprüft worden. Vielfach ist die Ansicht verbreitet, daß die interessierten Kreis« sich durchweg für eine Erweiterung der Sonntagsruhe ausgesprochen haben. Dies ist irrtümlich. Es finden sich auch Stimmen, die die bestehenden Umschriften beizubehalten wünschen. Dies sind nament ch solche, die in den kleinen Städten von einer Ausdehnung bei Sonntagsruhe eine Schädigung des Erwerbes befürch­ten. Hieraus erhellt, daß die ganze Materie einet eingehenden und sorgfältigen Prüfung bedarf, die zur­zeit noch nicht abgeschlossen ist und sich auch noch wei­ter hinziehen dürste.

* Reu« Bestimmungen über Gewährung von Dar­lehen hat der Vorstand her Landesversicherungsanstalt Hessen-Nassau soeben veröffentlicht. Die Bestimmun­gen ersttecken sich auf 1. an gemeinnützige Bauvereine, Baugenossenschaften und Baugesellschaften, 2. an land­wirtschaftliche Arbeitgeber und 3. an einzelne Ver­sicherte zum Zweck« der Förderung des gemeinnützigen Baues von Arbeiterwohnungen. Die Bestimmung für einzelne Versicherte, wonach mit Zustimmung des Ge­samt-Vorstandes auch Häuser im Werte von mehr als

Willens, für alles, Was Parnim heißt. Goldonkel zu fein, Wie bet jetzige Majoratsherr, und ebenfowenig würbe er sich trotz Cousin« Me­lanies Avancen jemals ben Luxus gestatten, ein Mädchen ohne bedeutende Mitgift zur Frau zu nehmen. Gute Melanie! Sie hatte auf dem Balle Unglaubliches an mütterlicher Ver­blendung geleistet; tyat'e ihm und anba- '-i-? Geständnis abgepreßt. daß ihre keine '"'rste die Königin des Festes fei. Im ganzen wollte das steilich nicht viel sagen, war aber in Ehrt-

wiederkehrendem Verdruß jagte Christian dem Städtchen zu.

Nur herein!" rief bet Harthäufer, nicht im freundlichsten Tone, als ihm bet Herr Leutnant gemeldet wurde, et stand, als Christian eintrat, mitten im Zimmer und sah dem Neffen finster entgegen.

Vorsicht Sturm ftn Anzuge!" fagte Chri­stian zu sich selbst, suchte, während er den Oheim begrüßte, möglichst unbefangen auszusehen, er­hielt mehr ben Bes-chl als bie Einladung, sich zu setzen und eine Zigarre zu nehmen; et warf sich in den Sessel, ben ihm bet Onkel anwies, und fah in unbehaglicher Erwartung dem auf und nieder Geh-mden nach. Was er nur haben mochte? Sein Gesicht war tote versteinert.

Einig« Minuten vergingen, bann trat bet ältere Parnim an den Sofatisch. toatf bie ausge- gangene Zigarre in bie Aschenschale unb fagte mit hörbar fchwerem Atem, während er üch Christian gegenüber in die Sophaecke sinken ließ:

Ich werde ohne weiteres zur Sache kommen: was mich herführt, ist Dein Verhältnis zu Chri­stiane Tanner."

Christian wechselt bie Farbe.

GuMSdte und plattes Land.

In den letzten Tagen Ist das Ergebnis der Volkszählung in einer ganzen Anzahl von Groß- stöd en beiaimt geworden. Handelt es sich dabel Puch nur um vorläufige Zusammenstellungen, so ditr'te doch erfahrungsmäßig das endgültige Er- gebtiis kaum wesentlich abweichel'. Wenige hun­dert Stimmen weniger oder mehr sind auch für Pie hier folgenden Betrachtungen nebensächlich. Eint vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus sehr wichtige Angelegenheit ist die Frage, ob die Großstädte sich mehr und mehr zu den Riesen- spinnen entwickeln, die die Bevölkerung des Plat­ten Landes in ihr Reh hineinlocken und fo dem Laude gewissermaßen das Mark aussaugen. Wir glauben, daß nach dem bisher bekannt geworde­nen Ergebnisse diese Frag« verneint werden darf «nd daß von einer Landflucht nicht mehr die Rede sein kann.

Die Bevölkerung Deutschlands hat in den letz­te» Jahren durchschnittlich um 900 000 gl ich tV2 Proz., in dem Jahrsünft vom 1. Dezember 1905 bis 1. Dezember 1910, also um etwa 4y2 Millionen gleich 7 bis 7y2 Proz. zugenommen Diese Bevölkerungsvennehrung im Durchschnitte des ganzen Reiches wird allerdings von einigen Großstädten nicht unwesentlich überschritten, so von München, Stuttgart, Mannheim, Chemnitz «sw. Auch die Städte in bet nächsten Umgebung Berlins, wie Schöneberg, Charlottenburg, Wil- mersdotf und vor allen Dingen Rixdotf, haben sich weit über bett Reichsdurchschnitt vermehrt, Rixdorf besonders um 54 Prozent, also fast um das Achtfache desReichsdutchschnitis.

Auf bet anbeten Seite fehlt es aber nicht an Gtoßstäbten unb größeren Städten, bie ben Reichsdurchschnitt nut ganz geringfügig über- schritten, teilweise sogar hinter ihm zurückgeblie­ben sind. So hat sich Hannover um knapp 10 Prozent vermehrt, Barmen um 8 Prozent, Augs­burg um 7 Prozent, Magdeburg unb Braun­schweig um je 6y2 Prozent. Halle um sy4 Prozent, Elbing um 5 Prozent, Elberfeld um 4% Proz, Mühlhausen im Elsaß, das noch während bet Periode von 1900 bis 1905 um 5000 Einwohner zugenommen hatte, hat jetzt gar eine Verringe­rung um 500 gleich y> Prozent erfahren.

Die Zahl der Großstädte, die denReichsdurch« schnitt der Bevölkerungsvermehrung eben nur er­reicht haben ober sogar hinter ihm zurückgeblieben sind, dürfte sich nach dem Bekanntwerden weiterer ZählungsetgebnUe in den nächsten Tagen noch wesentlich vermehren, fo wird vor allem Berlin selbst kaum um mehr als 4 Prozent zugenommen haben. Hier fieat allerdings ein besonderer Grund vor. well Berlin sich nach verschiedenen Himm ls- richtungen, beispielsweise nach Westen, nicht m hr ausb-chnen kann.

Wie dem auch sei. so scheint bie Volkszählung doch jedenfalls sowiel zu ergeben, daß auch bie großstädtischen Bäume nicht in ben Himmel wach­sen. Uebrigens ist bet bem Wachstum mancher Großstädte noch in Rücksicht zu ziehen, baß inner­halb der letzten Jahre bie Einverleibung von Vororten erfolgt ist, was natürlich eigentlich von der Bevölkerungsvetmehmng in Abzug zu brin­gen wäre.

In ben 80er unb 90er Iahten be8 vorigen Jahrhunderts hatte ba8 Wort von bet Landflucht eine sehr ernste unb tiefe Bedeutung. Damals verlor das platte Land einen n'cht unerheblichen Teil feiner Bevölkerung teils durch Binnenwan- btrung an bie Großstädte, teils durch Auswande- turtg an das Ausland. Damals blieben bte aus­gesprochen ländlichen Gebiete nicht nur relativ

Giftpfeile.

DemBerliner Tageblatt" ist jede Waffe gegen den Reichskanzler recht, auch der Giftpfeil Es bekämpft ihn in derselben gehässigen Weise, wie vorher den Fürsten Bülow, den es ihm jetzt, was nicht ohne Humor ist, öfter als Muster vot- führt. DasBerliner Tageblatt" schießt in sei­ner Morgennummer vom 7. Dezember einen Gift­pfeil gegen den Reichskanzler ab, weil er am Freitag, dem Tage des Beginns der Etatsbe- foredjung im Reichstage, an bet zu Ehren des österreichischen Thronfolgers veranstalteten Hof­jagd teilnimmt und somit nicht ir: Reichstage er­scheinen kann. DasTageblatt" bemerkt zu dieser Tatsache:Der österreichische Thronfolger würde es wahrscheinlich durchaus zu würdigen wissen, wenn der Reichskanzler tn ben Reichstag ginge statt auf bie Jagd. Wie Herr von Bethmann f*in Amt aber auffaßt, ist für ihn die Hofjagd selbst- verständlich wichtiger, als bie Etatsberatung im Reichstage." DasTageblatt" stellt ben Reichs-