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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain^

«nd den Beilagen:Na< Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und«chandwirtschasttiche Beilage."

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DieOberhessisch« Zettunn" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2,25 M lohne Bestellgeld), bei unteren Zeitungsstellen und der Expedition (Mark 21), 2.00 M. (Für unverlangt zugeiandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Drittes Blatt.

Marburg

Sonntag, 11. Dezember 1910.

Die Insertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7ge'"altcne Zeile oder deren Miffl 16S, ffit auswärtige Inserate 20 S, rar Reklamen 40 'S. Druck «nd Verlag: Ioh. «ug. Koch, Univerfitäts-Buchdruckerei. Inhaber Dr. C. »itzermo, Mmdurg, Markt 21. Televbon 55.

45. Jahrg.

Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.

> 8. L U. Berlin, v. Dez.

Zu Beginn der heutigen Berhandlung wird auf kie Aussage des Schneidermeisters Oslath zurückge- «tiffen. der bekundet hatte, er habe PersonenBlut­hunde"^ rufen hören, die nach feiner Ueberzeugung Kriminalbeamte waren. Der Erste Staatsanwalt er­klärt, daß der Polizeipräsident Ermittelungen an- Restellt habe, wonach 33 Kriminalbeamte an der be­zeichneten Stelle tätig waren. Er benenne diese 33 Schutzleute als Zeugen dafür, daß keiner von ihnen ^.Bluthunde" gerufen habe. R.-Atz Heine hält die negative Aussage dieser Zeugen für belanglos; bet Gerichtshof hält sich den Beschluß über die eventuelle Ladung vor. Hierauf wird wieder auf den Fall Pilz lurückg'egriffen, der sich allmählich zum Mittelpunkt der ganzen Berhandlung auswächst. Der Zeuge Well- schmidt will bekanntlich in diesem Lokale von Strei- renden, auch von Pilz selbst geschlagen worden sein. Sr ist am anderen Tage mit dem Kriminalkommissar uhn und Kriminalwachtmeister Faber nach dem Pilzschen Lokal gegangen und hat dort verschiedene Personen bezeichnet, die als Schläger in Betracht kommen sollten. Die Verteidiger bemühen sich nach- tzuweisen, daß Wellschmidt völlig unglaubwürdig fei. Der Angeklagte Pilz weist darauf hin, daß auf die Angaben Wellschmidts hin verschiedene Personen ver­haftet wurden, von denen sich nachträglich heraus- stellte, dah sie am Tage der angeblichen Schlägerei har nicht tn seinem Lokal waren. Bei dem Zeugen Perthold hat Wellschmidt eine Portierstelle angenom­men, sie aber nicht angetreten, mit der Begründung, jer werde wieder nach Oesterreich zurückgehen. Als der Zeuge dann hörte, daß Wellschmidt doch noch in Deutschland sei, habe er ihm Vorwürfe wegen Kon- 'traktbrnches gemacht, aber nur die Antwort bekom­men, et solle machen, daß er weqkomme, sonst werde er ihn die Treppe hinunterwerfen. Zwei Arbeiter belunben. das, Wellschmidt, als er aus den Kästen die angeblich Schuldigen heraussuchen sollte, bezüglich des Pilz geäußert habe,: Der Wirt ist gut zu mir ge­wesen und hat mir zu essen gegeben. Der Zeuge Wellschmidt sowohl wie Zeuge Faber bestreiten ent­schieden, daß eine solche Aeußerung gefallen sein könne. Es soll hieraus die Frau Pilz als Zeugin vernommen werden. Der Angeklagte Pilz gerät beim Anblick seiner Frau in eine solche Erregung, daß er unter Tränen bittet, während der Vernehmung seiner Frau den Saal verlassen zu dürfen. Der Vorsitzende gestattet ihm das. Die Zeugin Frau Pilz hat nicht gesehen, daß an dem fraglichen Tage in ihrem Lokal eine Schlägerei war. Als sie einmal aus der Küche kam. feien zwei junge Leute in das Lokal gekommen, von denen einer erklärte, daß er den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Sie habe ihm bann zu essen und zu trinken, gegeben unb sei wieder nach der Küche gegangen. Später habe sie dann gesehen, daß ihr Mann den betreffenden jungen Menschen aus dem Lokal geführt und gesagt habe: Wenn ihr euch hauen wollt, haut euch draußen. Auf die Frage des Staats­anwalts, ob sie denn jedem, der erklärt, noch nichts gegessen zu haben, zu essen gebe, erwidert die Zeugin: ja, sie wisse, wie Hunger tue. Der Verteidiger R.-A. Kohn' hält den beiden Kriminalbeamten wiederholt vor, daß sie die Angaben des Wellschmidt mit Vor­sicht hätten aufnehmen sollen. Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam, daß die Fragen über die Glaub-

(Nachdruck verboten.)

Die berühmte Frau.

Eine lustige Geschichte noch dem Schwedischen don Bert Sanders.

Sie war Schriftstellerin und nannte sich Ellen Prosper. Ihre Bücher atmeten Leben, Kraft, Romantik und waren dennoch gar wahrheits­getreu. S'e wurden von jung und alt gern ge­lesen die Alten liebten darin die poetischen Gedanken, die Jungen hingegen die fesselnden Liebesgeschichten. Sie schrieb von jener großen Liebe, nach der alle sich sehnten, und alle glaub­ten voller Neid, daß die Schreiberin sie selbst er­fahren gäbe. Einige Neugierige hatten das Ver­langen, ste kennen zu lernen, jedoch kamen sie nier.rc.ls weiter, als bis zu ihrem Verleger. So blieben die Quellen ihrer Jnspiratton unaufge- klä'.t.

Einige Monate nach dem Erscheinen ihres RomansArkadien" bekam sie einen Brief aus Kanada. Der Schreiber dankte ihr für die große Freude, die ihre letzte Arbeit ihm bereitet hätte. Er habe all ihr« Bücher mit Entzücken gelesen und oft schon die Absicht gehabt, ihr zu schreiben, habe es aber nicht gewagt. Ihr letztes Buch jedoch mit der lebhaften Schilderung kanadisch r Land­schaften und Bewohner habe seine Scheu be­kämpft. Er shloß mit dem Wunsch, ihr einmal persönlich danken zu können. Der Brief war unterzeichnet mit Tom Wilson.

Fräulein Prosper las den Brief mehrere Male. Handschrift und Ausdmcksweise gefielen ihr. Sie antwortete in einem längeren Briefe, als nötig war, und in ein m Tone, ber Antwort heischte.

Nach einigen Wochen befand sie sich in regel­mäßiger Korrespondenz mit ihremwilden Mann aus den Wäldern", wie sie ihn nannte.

Würdigkeit ober Hnglaubroürbigfeit bes Zeugen Well- I schmidt doch nichts mit der vorliegenden I Anklage zu tun hätten. Bert. R.-A. Liebknecht * fragt Kriminalkommissar Kuhn, ob et wisse, wer der Verfasser eines Artikels sei, ber burch bie Bresse ging unb bie Uerberschrift trugDas Fehmgericht im Pilz­schen Lokal". Der Kriminalkommissar erklärt, baß et nicht die Genehmigung des Polizeipräsidenten habe, hierüber etwas auszusagen. Als ber Angeklagte Pilz einwirst, er habe ihm (Kuhn) gesagt, et möchte nicht ganz unschuldige Leute festnehmen, macht ber Zeuge Kuhn eine verächtliche Handbewegung mit ben Wor­ten: Ach, Sie . . .! Der Vorsitzenbe rügt dieses Be­nehmen des Zeugen. R.-A. Khnn fragt den Zeugen Kuhn, ob er nicht eine gewisse Genugtuung empfun­den habe, gerade Pilz verhaften zu können unb auf diese Weise die sozialdemokratische Organisation mit den Krawallen in Verbindung zu bringen? Der Vor­sitzende untersagt diese Frage, der Verteidiger besteht aber auf ihr und beantragt einen Gerichtsbeschluß. Der Gerichtshof lehnt die Zulassung dieser Frage ab. Im weiteren Verlaufe bet Verhandlung rügte die Verteidigung ferner, daß ein für heute geladener Zeuge vorher noch einmal von bet Kriminalpolizei vernommen worden sei, wahrscheinlich um ihn einzu- schüchtern. Der Erste Staatsanwalt nahm für sich das Recht in Anspruch, Zeugen durch die Kriminalpolizei vernehmen zu lassen.

Deutsches Reich.

Die Wahl in Labiau-Wehlau. Labiau, 9. Dez., 10% llhr abends. Gezählt sind ffit Wagner 9762 Stimmen, für Burchardt 7140 Stimmen. Zwei kleine Bezirke stehen noch aus. Wagner ist gewählt.

Der Kaiser in Springe. Saupark bei Springe, 9. Dez. Der Kaiser unb bie Jagdgäste sind um 12% Uhr auf ber Station Kaisetallee bei Springe einge­troffen, wo ber Landtat des Kreises Springe, v. Laer, sich zur Meldung eingefunden hatte. In Automo­bilen fuhr die Jagdgesellschaft in das nahegelegene Jagdschloß. Vor dem Schloßportal wurde ber Kaiser vom Oberjägermeister und den übrigen Herren der Jägerei begrüßt. Der Kaiser stellte ben Herren bie beiben Herzöge vor, worauf die Jagdgesellschaft sich zu einem kleinen Frühstück im Speisesaal versam­melte. Das erste Jagen im neuen Jagdrevier bei Etünighausen findet um 2% Uhr statt. Das Wetter war morgens regnerisch. Gegen Mittag klärte sich der Himmel auf. Kutz vor 3 Ahr traf die Jagdgesell­schaft im Jagdschloß Springe ein unb nahm alsbald ihre Stände ein. Bester Schütze am ersten Iagdtage blieb der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Kurz nach 4 Uhr traf der Kaiser unb bie 4brtgen Gäste wieder im Schloß ein, wo Abend­tafel stattfand, an ber aus Hannover Oberpräsident Dt. v. Wentzel unb ber fommanbierenbe General bes 10. Armeekorps, General ber Infanterie Emmich, teilnahmen. Der Reichskanzler begab sich entgegen seiner ursprünglichen Absicht nach Berlin zurück.

Die Kommission für die Schisfahrtsabgaben.

Berlin, 9. Dez. Die Reichstagskommission zur Vor­beratung ber Schiffahrtsabgaben begann bie Sitzun­gen unb beriet vier weiteres Material von ber Regie­rung vetlangenbe Anträge. Sie nahm ben Sammet»

Seine Briefe waren höchst interessant. Er schrieb fast nie von sich selbst, doch zwischen den Zeilen fand sie einen Mann, ber ihr Herz er­wärmte; stark und dennoch mild, poetisch und ursprünglich, gerecht und edelmütig. So hatte der Briefwechsel sich nach zwei Jahren verttau- lich und freundschaftlich gestaltet.

Da wurde wieder ein Roman von Ellen Prosper veröffentlicht, über dessen Entstehen sie Tom WUson nich s verraten hatte. Es sollte eine Ueberraschung für ihn werden. Er war der Held des Buches, und sie hatte ihr Bestes darin kon­zentriert. Jedoch im letzten Augenblicke hatte sie Lust, das Manuskript von dem Verleger zurück- zufordern, weil sie fürchtete, dem Helden nicht gerecht geworden zu sein. Er wird sich wieder­erkennen, wird verletzt sein, und alle Verbindung zwischen ihnen wäre dann zu Ende. Denn alles was er schrieb, hatte das Gepräge jugendlichen Stolzes. Allein es war zu spat, der Roman kam heraus. Er spielte wiederum in Kanada, ein Teil etsthielt das Tagebuch eines jungen Mädchens, das einen stattlichen, jungen Kanadier kennen lernt, und dessen Liebe zwischen den Bergen und Wasserfällen heranwächst.

Ellen war ungeduldig. Schließlich kam Tom Wilsons Brief. Er bat ut ihre Photographie, die er in Kanada nirgends bekommen könne. Er müßte sie haben, um das Bild vollenden zu kön­nen. das sie in ihrem Buche von sich selbst gäbe. Es genügte ihm nicht, zu wissen, daß sie blaue Augen und braunes Haar habe usw., er wolle sie stets vor sich sehen.

Sie anttvortete erwas kühl, daß st« sich grund­sätzlich nie photographieren lasse. Umgehend kam ein Entschuldigungsschreiben von ihm, und das frühere Freundschaftsverhältnis war wieder her- gestellt.

Allmählich entwickelte sich aus bet Freund­schaft die Liebe. Er äußerte seine »treybe ber»

mittag an, ber von bet Regierung eine denkschrift­liche Beantwortung aller Auskünfte verlangt unb lehnte bie Anträge ber Sozialdemokraten ab.

Der Biirgermeisterpoften von Metz. Metz, 9. Dez. Der ©emeinberat beschäftigte sich heute mit bet Bür­germeisterfrage unb beschloß, nicht mehr als 15 000 ohne jegliche Nebenabzüge für ben Bürgermeister auszuwerfen. Bei ber erstmaligen stattgehabten Wahl war mit weniger Stimmenmehrheit als Bürger­meisterkandidat Ministerialrat Dittmer - Straßburg hervorgegangen, ber aber für bie Annahme bes Postens bie Bedingung stellte, daß ein Gehalt von wenigstens 20 000 M bewilligt werde als Ersatz für bie ihm durch bie Annahme bes Postens verloren gehende Penswn.

Berurteilte Matrosen. Wilhelmshaven, 9. Dez. Das Kriegsgericht der zweiten Marineinspektion verurteilte den Torpedobootsmatrosen Lange wegen Fahnenflucht im Komplott und Rückfalle zu 6 Jahren Zuchthaus unb Ausstoßung aus ber Marine. Kiel, 9. Dez. Das Kriegsgericht ber 1. Marineinspektion verurteilte wegen Mißhandlung mit nachfolgenbem Tode bezw. wegen Beihilfe, begangen an bem Heizer­rekruten Branb. bie Torpedomaschinenmaate Werschke zu 7 Jahren unb 1 Monat Zuchthaus, zur Degrada­tion unb Ausstoßung aus ber Marine, unb Grunwald zu 1 Jahr Gefängnis. Die beiden Verurteilten waren Leute des DivisionsbootesD 7.

Ausland.

** Die Wahlen in England. London, 9. Dez. 5 Uhr 30 Min. Gewählt sind 156 Liberale, 207 Unionisten, 29 Vertrer der Arbeiterpar ei, 54 Redmondiste», 5 Obrienisten. Die Liberalen ge­winnen 14, die Unionisten 21, bie Arbeiterpartei 4. Die Unionisten gewannen Altrincham.

* Zusammenstoß zweier Torpedoboote. Cherbourg, 9. Dez. Während einer Nacht­übung auf der hiesigen Reede rannte gestern der TorpedobootszerstörerEscepette' das Torpedo­boot 257 an. Beide Fahrzeuge wurden erheblich beschädigt. Die Mannschaften sind gerettet.

** Brand des Brester Arsenals. 9. Dez. 1 Uhr 45 Min. Im Arsenal ist in den Zentralwerk­stätten der Flotte eine Feuersbrunst ausge­brochen, die zwei Drittel der Gebäude zerstörte. Die Feuersbrunst im Arsenal brach heute früh fünf Uhr aus, in der Nähe des Poutniou- Baffins. Der westliche Teil der Zentralwerkstatt der Flotte, das erste Stockwerk und das Dachge­stühl des westlichen Teils des Gebäudes wurden zerstött. Das erste Stockwerk des östlichen Teils wurde beschädigt. Der Brand ist noch nicht voll­ständig gelöscht. Ma» hofft, bedeutende Material- Vorräte des Ostflügels des Gebäudes teilen zu können. Der Arsenalbrand ist gelöscht. Die Materialvorräte sind gerettet. Das Feuer ist wahrscheinlich durch die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters entftanben, der eine brennende Zigarette in einen Haufen Holz und Werg fallen liefe.

über, daß sie nie mit einem Worte die vielen Ver­ehrer erwähne, die sie haben müsse. Er fand ste außergewöhnlich klug für ihre Jahre, sie würde bei ihrer Heirat sicher einmal eine gute Wahl treffen. Kurz darauf teilte er ihr mit, daß er beabsichtige, seine Heimat zu b'suchen, und daß es ihm eine besondere Freude gewähren würde, wenn er sie auf der Durchreise sprechen könne.

Ellen blickte in den Spiegel. Das Bild der dürftigen, frühzeitig gealterten und ergrauten Sude Klarens starrte ihr entgegen. Ihr arbeits­reiches Leben hatte seinen Tribut gefordert. Die strömenden Tränen verbargen den tiefen Glanz ihrer blauen Augen. Das war also das Ende ihres Romans. Es war dir gerechte Strafe für ihren Betrug, aber sie war schwer zu tragen. Wenn er nicht käme, bliebe si» für ihn stets eine Schönheit von sechsundzwanzig Jahren. Doch nun würde ste in kurzer Zeit gezwungen fein, ihren Helden für einen Fehler zu bestrafen, den er nie begangen hatte, das war das schlimmste von allen. Jedoch er mußte die Wahrheit erfah­ren, sie durste die Begegnung nicht vermeiden.

Der verhängnisvolle Tag war gekommen. Fast gegen ihren Willen hatte sie sorgsam Toi­lette gemacht, doch im letzten Moment kleidete ste sich um und legte ihre ältesten Sachen an. Laut klopfenden Herzens stand sie auf dem Bahnhof in der war'enden Menge. Als sie bie erregten Ge­sichter um sich her erblickte, fühlte sie' sich noch ein- samer als sonst. Der Strom der Passagiere schien endlos; er kam immer noch nicht; zweifellos würde sie ihn sofort erkennen.

Plötzlich fiel ihr Bfick auf einige Gepäckstücke, die ein Träger vorbeibrachte. Die magischen WorteTom Wilson' standen auf den Adrefe- zetteln. Neben dem Gepäckträger ging ein Heiner Herr, der etwas in feinen Taschen suchte. Lucie namtt unwillkürlich feinen Namen. Der Heine Herr blieb stehe« und schaute ste a».

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Criginalartlfel ist gemäß § 18 bei Urheberrechts nur mit ber deutlichen Quellenangabe Oberheff. Ztg.' gestattet.)

Marburg, 10. Dez.

* Der silberne Sonntag. Nun wirb es allmählich Zeit mit ben Weihnachts-Einkäufen, beim morgen haben wir schon ben silbernen Sonntag. Jetzt heißt es, sich zu entschließen, was man ben Sieben zu Weih­nachten schenken will. Mit bem Anschauen ber schönen Auslagen in ben Fenstern allein ist es nicht getan, dazu find bie Sachen nicht ba. Wer genügend kleines unb großes Gelb hat, bet hat jetzt Gelegenheit, dafür zu sorgen, daß es nicht rostig wird. Die Verkaufs­stunden dauern morgen wieder bis abends 7 Uhr. Am goldenen Sonntag können bie Läden bis 8 Uhr ge­öffnet lein. Auch morgen wird sich sicher in den Stra­ßen der Stadt ein reger Verkehr entwickeln; ba bürste es angebracht sein, bie Passanten baran zu erinnern, baß sich unter ber Parole:Rechts gehen!" auch ein größerer Verkehr von selbst regelt.

* Unfertigen von Christbaumschmuck. Es ist eine schöne alte Sitte, die sich noch immer in vielen Familien erhalten hat, den Chritbaum, den fteude- umwobenen, selbst zu schmücken unb auch den Schmuck oder einen Teil desselben selbst herzustellen. Zuweilen tun eS die Eltern allein und der Baum darf bot dem Feste von den Kindern nicht gesehen werden, oft aber ist die ganze Familie nm ihn bemüht. Da find zunächst die schweren Aepfel zum Niederhalten der Zweige nötig, auf denen die Kerzen stehen. Rol und blank heben sie sich wirkungsvoll aus dem dunklen Grün hervor. Sie, sowie die mit Gold und Silber­papier beklebten Nüsse bedürfen kleiner Holzstiele, trat welche die Schlinge, am besten aus grünem od« schwarzem Garn, gelegt wird. Streichholz- und Mckizinschachteln werden mit buntem Papier überzöge», ebensolchen Bändchen als Henkel versehen und stellen dann, mit Süßigkeiten gefüllt, kleine Körbchen bai Auch Pavierblumen unb Ketten lassen sich leicht nach eigener Phantasie anfertigen. Glas- ober Blechkugeln, bunt beklebt ober bemalt, sinb ebenfalls gut zu verwenben. Mau kann ttoddem gekauften Christbaum­schmuck unter den selbst gefertigten mische». Je bunter daS Bild, desto wirkungsvoller ist es osc. Eine gewisse Geschmacksrichtung muß natürlich auch cabef verfolgt werden. Schokolade- und Marzchansachen mit anzuhängen, hat für Kinder immer einen besonderen Reiz, da sie alsdann ab and zu etwasbom ^aiim' verzehren können, bis er kahl und kahler w d schließlich ganz abgeleert wird. Wo das Anfertigen von Cl.rif.» baumschmnck in der Familie nickst Sitte ist, sollte man die Kinder wenigstens beim Ansöd-ln oder Anhängen des Schmuckes helfen lassen, d mii man bereitet ihnen damit unvergeßliche Stunde» de: Vor- freube, bie sich tief in bie Kindesseele (inpiägen, vielleicht ebenso tief, wie ber Tag ber Bescherung selbst.

Kommen Sie von Fräulein Prospe.?' Jaa.' sagte Lucie unsicher.

Wie liebenswürdig von Ihnen." Er zog den Hut und entblößte feinen kahlen Kopf.

Fräulein Prosper ist doch nicht etwa krank?« Nein."

Sie ist wobl durch eine wichttge Angelegen- hnt verhindert?"

Ja,' antwortete Lucie bebend.Sie bat mich Sie zu erwarten.'

Der kleine -Herr schien wie aus den Wolken gefallen, sammelte sich jedoch bald wieder.

Es bereitet mir ein großes Vergnügen, Fräu­lein Prospers Freunde kennen zu lernen. Ich möchte mich einiae Tage hier aufhalten. Würden Sie wohl die Freundlichkeit haben, mit mir zu frühstücken?'

Er schaute sie mit feinen gütigen Augen fra­gend an. Sie fetzten die Zeit fest, und dann ber. ließ sie ihn rasch.

Beim Frühstück redeten sie von allen mög­lichen Dingen, doch der Gesprächsstoff schien bald erschöpft. Schließlich sagte der Keine Herr:

Sie scheinen Fräulein Prospers intimste Freundin zu fein. Ich muß ihr ein Bekenntnis ablegen, das Sie vielleicht schon erraten haben Ich habe mich eines unfreiwilligen Betruaes fchuldig gemacht, der iedoch entzückend war. Sir wissen wohl, welche Vorstellung Fräulein Pros­per von mir bat. Sagen ®e ihr, bitte ich sei so alt. daß ich ihr Vater sein könnte, und sei hierher gekommen, um sie darüber auszuklären. Jedoch nun wage ich nicht, ihr gegenüber zu treten, «nd fürch'e die Folgen meines Betruges. Sagen Sie ihr auch' seine guten Augen nahmen einen herzlichen Ausdruck an,daß die Romantik der letzten drei Jahre eine herrliche Oase in mei­nem einförmigen Leben bildete.'

Ja, das will ich ihr sagen,' erwiderte fie