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ObcrhcWe Jcitunn,

zweites Blatt

Paragraph 2 wird unter Ablehnung deS so­zialdemokratischen Antrages angenommen.-

Die Paragraphen 3 und 4 bleiben unverändert.

Nach Paragraph 5 sollen Angelegenheiten du lediglich die Verhältnisse einzelner Betriebe betreffen, nicht von den Arbeitskammern behandelt.

Nk. 287

Donnerstag, 8. Dezember -

Die größeren Einkommen in Preußen.

Was sagt die Statistik, die viel angeseindete, Me dem Volkswirtschaftler einen so sicheren Maßstab für die Beurteilung der Finanzkrast der Nation gibt? Die Gesamtzahl der mehr als 3000 M. Einkommen versteuernden physischen Zenfiten ist um 96,1 v. H. ge­stiegen; insbesondere hat fie fich in den Städten aus mehr als das Doppelte (genau um 100,4 v. $>.), auf dem Lande um 83,3 ». also über vier Fünftel, ver­mehrt. Die Zunahme in den Städten war hiernach überhaupt im Zeiträume 18921909 bedeutend stärker als auf dem Lande. Im Verhältnis zur Gesamt» bevölkerung war aber die Zensitenvermehrung auf dem platten Lande bedeutender als im Stadtgebiete, wenngleich auch noch im Berichtsjahre ein mehrfach größerer Bruchteil der städtischen als der ländlichen Bevölkerung sich im Genüsse eines besseren Einkom­mens befand.

Anders als zu 1892 verhält sich das Steuerjahr 1909 zum Vorjahre. Die Zunahme der Zensiten mit mehr als 3000 <M Einkommen betrug überhaupt 4,9, in den Städten 4,2, auf dem Lande 7,1 v. H.. Zm Jahre 1909 war also die Zunahme in den ländlichen Bezirken beträchtlich höher als in den städtischen. Vom Hundert sämtlicher Einkommenzensiten mit über 3000 von

praktisch nur von Fall zu Fall beantwortet wer­den. Eine nähere Erklärung darüber, dre für alle praktische» Fälle ein Wegweiser ist, kann gar nrcht gegeben werden.

Paragraph 6 wird aufrecht erhalten, ebenso Paragraph 6.

Paragraph 7 setzt fest, wer als Arbeitnehmer im Sinne dieses Gesetzes zu gelten hat. Die Kom- Mission hat auch gegen den Widerspruch der Rech­ten und der Regierung dre Eisenbabnarbei-

Freunve itno umMt einverstanden, 'väA dleENen- bahnarbeiter aus dem Gesetz herausbleiben. Dre Eisenbahnarbeiter selbst wollen nrcht tu daS Ge­setz. Besser ist der von der Kommission vorge­schlagene Weg, die in einer Resolution den organi­schen Ausbau der Arbeiterausschüsse fotbert. Der preußische Ersenbahnminister hat sich ia schon zu­stimmend geäußert. Wenn diese unsere Wünsche er­füllt werden, dann werden die Arbeiterausschüsse wirklich Instrumente des Friedens fern. (Verfall.)

916g. Hoch (Soz.t begründet einen sozialdemi^ kratischen Antrag auf Einbeziehung der Land- und Forstarbeiter, der Seeleute und Bureauangestellten.

Abg. Behrens (wirtsch. Vgg.): Die Anträge der Sozialdemokraten sind undurchführbar. (Abg Ledebouv: Weil Sie reaktionär srnd!) Sie sind reaktionär, denken Sie nur an Magdeburg. (Zu­ruf d. So».: Olle Kamellen» Dre Sozialdemo­kraten sind die größten Reaktionäre. Dre Mehr­heit der Handlungsgehilfen wrll dre Einbeziehung in das Gesetz nicht. Deshalb sind wir dagegen; entschieden sind wir aber für dre Einbeziehung der Eisenbahner.

Abg. Trimborn (Ctr.): Mr lehnen die An­träge der Sozialdemokraten wrc der BolkSparter ab. Erfreulicherweise ist es uns wenigstens gelun­gen, auch die technischen Angestellten dre­ien Arbeitskammern anzugliedern. Ich habe zwar früher auch aus dem Standpunkt gestanden, daß auch die H a nd el s a ng e st eilten in dieses Ge­setz einzubeziehen wären, ich bin aber davon av- gekommen. Nun beklagt sich Dr. Potthoff, ,daß ein Antrag von ihm verschwunden sei. Die An­träge wurden sämtlich einer Subkommisslon über­wiesen, an der die Sozialdemokraten nicht teu- nahmen. Außerdem vermißte ich noch ein teures Haupt - und das war Dr. Potthoff. (Heiter- feit.) Er beteiligte sich gleichfalls an diesen Ar­beiten nicht. (Hört, hört! rechts und t Ctr.) ol"erdings erhielt ich emen Prrvatbrief von ihm, in dem er mich bat, feine Anträge zu vertreten. Ich hatte aber an demselben Tage den Vorsitz der Kommission bereits niedergelegt. Aber nicht etwa aus Gram über das Ausbleiben Dr. Pott- Hoffs, sondern weil ich eine Reise nach Palä­stina antreten mußte. (Große Heiterkeit.)

Vizepräsident Schultz: Ihre Reise nach Palä­stina hat mit dem Paragraphen 7 absolut nichts zu tun .(Heiterkeit.) Ich habe die Nennung des Namens Dr. Potthofs zugelassen, weil Sre über die Untätigkeit Dr. Potthoffs m der Kommission gesprochen haben, lieber die Tätigkeit der Kom­missionsmitglieder ist es nicht üblich, hier unter Namensnennung zu berichten. (Heiterkeit.) Ich habe es ferner zugelassen, weil Dr. Potthoff selbst die Frage angeschnitten hat. Ich bitte, das aber nicht als Präzedensfall anzusehen.

Abg. Trimborn: Ich werde dann den Namen Dr. Potthoff nicht mehr nennen. (Gr. Heiterkeit) Also Dr. Potthoff . . . (Stürm. Heiterkeit.) Ich werde den Namen nicht mehr nennen und sage: der Herr, der da steht (Schallende Heiterkeit), soll sich mit dem zufrieben geben, was wir erreicht haben. (Lebh. Beifall im Centrum.)

Abg. Horn-Rcuß (ntl.): Der Handelsgehilfen, stand in überwiegender Mehrheit wirt die Einbe­ziehung in die Arbeitskammern nicht.

Abg. Schirmer (Ctr.): Zu den nicht der So­zialdemokratie nachlausenden Arbeitern gehören die Staatsarbeiter. Sie wissen, daß eS ihnen unter sozialdemokratischer Herrschaft so gehen würde, wie den Staatsarbeitern in Frankreich. (Lachen b. d. Soz.) Das provozierende Auftreten der Sozialdemokraten, die hier ihre aussichtslosen Anträge in abstoßender Weise vertreten (Sehr rich­tig ! i. Ctr.), schädigt nur unsere Verhandlungen. (Lachen b. d. Soz.) Aber gerade weil die Eisen- bahuarbciter durchaus königstreu sind, ist die Hal­tung der Regierung und der Mehrheit bedauerlich.

Abg. Hue (Soz.): Eine Urabstimmung der Staatsarbeirer würde sicher eine große Stimmen­zahl für die Einbeziehung ergeben. Es muß fest­genagelt werden, daß die Konservativen gegen Para­graph 1 des Gesetzes, also gegen die ganze Vor­lage, gestimmt haben. *»'

Abg. Dr. Potthoff (Vp.): Die Ausführungen be8 Abg. Trimborn waren absolut unzutreffend. Ich leugne natürlich nicht, daß der heutige Ent­wurf besser ist als der ursprüngliche. Aber daß auch der heutige noch nicht befriedigend ist, ist die Schuld des Centrums. (Sehr richtig! links. Die einfache Berusung darauf, daß die Mehrheit der Handelsangestellten die Einbeziehung m die «r- chLitskammeunicht milL beweist, doch nichts. Wenn

ter eingeschlossen.

Abg. Irl. (Ctr.) beantragt, daß ausdrücklich festgelegt wird, daß nur seßhafte Personen unter das Gesetz fallen, nicht solche, die b lob v o r- übergehend und gelegen_tsich, ober auch in einem anberen Betriebe tätig smb.

Abg. Dr. Potthoff (Vv.) bittet, bie Ersenbahn­arbeiter int Rahmen dieses Gesetzes festzuhalten. Sie haben dasselbe Recht auf Koalitionsfreiheit wie jeder andere Staatsbürger. Der Redner be­fürwortet sodann den Antrag der fortschrittlichen Volkspartei, die Errichtung einer besonderen Kammer für bie Angestellten im Han- delSgewerbe burch ausdrückliche Aufnahme einet Bestimmung in den Text dieses Gesetzes sicher zu fierten, während sich die Kommission darauf beschränkt hat, sie in einer Resolution der Re­gierung zu empfehlen. Wenn der Reichstag diese Kaufmannskammern wirklich haben wollte, dann könnte er das mit zwei Paragraphen schon heute tun. ....

Staatssekretär Dr. Delbrück: Die verbündeten Regierungen stehen grundsätzlich auf dem Stand­punkte, daß die Nebenbetriebe von dem Haupt­betriebe der Eisenbahnen nicht getrennt werden können, sondern einheitlich behandelt werden müssen. Das öffentliche Interesse erfordert es, daß weder die Gewerbeordnung noch die Bestimmungen dieses Entwurfs auf die betreffenden Arbeiter An­wendung finden können. Ich glaube, die RechtS- laae tit ziemlich klar. S8a« bie BetriebSbe- amten in den Privatbetrieben und bie Han­delsangestellten betrifft, so haben sich die verbündeten Regierungen mit der Ausdehnung des Gesetzes auf die Techniker, Werkmeister usw. ein­verstanden erklärt. Wir haben es ober für bedenklich gehalten, die Bestimmungen deS Gesetzes auf das Handelsgewerbe auszudeh­nen, weil wir die Ucbcrzeugung gewonnen haben, daß in den unmittelbar beteiligten Kreisen keines­wegs Uebereinstimmnng in dieser Frage besteht. Abge'eben aber von diesen sachlichen Einwendun­gen lüfte ich dringend, die Vorlage nicht mit diesem Anträge zu belasten.

Abg. v. Bolko (kons.) begründet die ablehnende Stellung seiner Parteifreunde gegen den Kommis­sionsbeschluß auf Einbeziehung bet Eisenbahnar­beiter. Es besteht ein grunbtegenber Unterschied zwischen Eisenbahnarbeitern und Arbeitern der Privatbetriebe. Damit werden bie staatlichen Ar­beiter burchaus nicht zu Arbeitern zweiter Klasse herabgewürdigt, im Gegenteil, sie haben es mit Behörden zu tun, die ihre Wünsche weit eher er­füllen werden, als es nach den Verhältnissen in Privatbetrieben vielfach der Fall ist. Wird dieser von der Kommission eingesügte Abschnitt angenom­men, dann müsse« wir das ganze Gesetz ab- ' ebnen.

Abo Schwabach <ntLl; Meine politischen

werden. . . .,

Abg. Bömelburg (Soz.) beantragt Streichung dieses Paragraphen. -

Abg. Manz (Vp.) empfiehlt Beibehaltung. ES würde sonst leicht zu kleinlichen Zänkereien und. Reibereien kommen, und die Arbeitskammer Wäre, bann fein Friedensinstrument mehr.

Abg. Hue (Soz.) verlangt eine Erklärung von der Regierung, was unter einemeinzelnen Be­triebe" zu verstehen sei. Qn.

Abg. Severing (Soz.) beantragt, die Abstim mung über Paragraph S auszusetzen, bis die Re­gierung eine Erklärung zur Sache abgegeben habe

Vizepräsident Dr. Spahn: Das entspricht nicht den Gepflogenheiten des Hauses. Der RcgierungS- kommissar kann Antwort geben, er kann sie aber auch unterlassen.

Ministerialdirektor Caspar: Die Frage kann

------ Fall zu Fall beantwortet wer- Erklärung darüber, die für alle

iLie bei Crlae der Dteuergesetze die Steuerzahler befragen würden, würde sicherlich eine ungeheure Mehrheit gegen daS Gesetz sicherklaren. (Hetter- keit und Sehr gutl links.) Wir werden schließ» lich für die Resolution der Kommisnon stimmen, da unS ia nichts anderes übrig bleibt. (Beifall links.) .

Abg. Behrens (wirtsch. Rgg.,) erwidert auf eme Bemerkung deS sozialdemokratischen Abg. S)). oiflr Sie sind die bürgerlichen Parteien, alle Nlcht- NaldemKatem eine reattwn5re W ©.e haben für uns nur Beschimpfungen, dal sollen Leute auch sehen, wie sie durch S re ihre Untere,) en ver­treten (Stuf der Soz. Beifall rechts.)

Abg. Severing (Soz.): Herr Behrens ist s» . weltfremd, wie man es ihm nicht zutrauen könnte lRuse d Soz : Doch!) Sonst muß er wissen, daß L SSS L K

m8reÄ

Die Abstimmung.

Abaelehnt werden der Antrag der S°zialdemoUnten (Forstarbeiter Bur-an­personal, Seeleute) gegen bte Stimmen der Antrag fterter ebenso der CentrumSautrag (nMnetz- hafte 'Arbeitnehmer) und der v o l k s p a r t e i l l ch e Antrag (Handelsangestellte).

Die Abstimmung über den Kommlisionsbeschluß betressend die Eisenb ahnarb eit er bleibt zu nächst zweifelhaft. Für die Einbeziehung der Eisen­bahnarbeiter stimmen die Sozialdemokraten, die fnrtftbrittli&e Volkspartei, dre wirtschaftliche Ver einigung und die Polen geschlossen, ferner em Tei? deS Centrums. Nach der Gegenprobe erklärt

Mxzsident daß das Bureau einig fei, daß die »ebrbeit fich für Ausrechterhaltung £ iomMissionsbeschlusses ausgesprochen habe. AlS dann über den ganzen, somit unver­ändert gebliebenen Paragraphen 7 der Kommis­sionsvorlage abgestimmt wird und die Parteien genau in der gleichen Weise stimmen, orbnetber Präsident einen Hammelsprung an. Dieser ergibt 132 Stimmen für unb 115 gegen ben Paragraph 7. .

Die Paragraphen 9 unb 10 werben gleichfalls ongenontmen. * aBeitctbcratung und Rech­nungssachen. J

Schluß GVi Uhr.

Deutscher Reichstag.

Stimmungsbild. -.

f Berlin, 6. Dezencket.

- Rei sozialpolitischen Debatten pflegt ber Hu-. «or nicht auf feine Kosten zu kommen. Sie haben wenig Erfrischendes an sich, was seinen Grund schon darin hat, daß die Gegensätze der sozial von einander getrennten Kreise sich als unüber­brückbar erweisen. Die Gegner pflegen dann hart aneinander zu geraten.; So geschah es auch in ber heutigen Verhandlung, in bet ber Reichstag bei Paragraph 2 bie Einzelberatung bei Arbeitskam­mergesetzes fortsetzte. Die Sozialbemokrateu hatten sich gehörig in bk Brust geworfen, und ihr Red­ner, der sonst gar nicht so blutige Genosse Bö­melburg, zog die schärfsten Register auf. Er behauptete mit ungewohntem Nachdruck, daß die Interessen ber Arbeitgeber unb ber Arbeiter ent­gegengesetzt fein unb bleiben würben, er prokla­mierte bamit also wiederum bett Klassenkampf, was von ben Rednern ber bürgerlichen Parteien natür­lich Übel vermerkt würbe. Der Denhettel, ben Herr Bömelburg erhielt, konnte ihm jedenfalls nicht schaden. Nachdem die Debatte bann, mit per­sönlichem Geplänkel arg beschwert, ben ganzen Nachmittag hingeflossen war, fiel in ber Abend­stunde eine wichtige Entscheidung. Die Einbe­ziehung ber Eisenbahnarbeiter in bie Zuständig­keit ber Arbeitskammern wurde mit einet anfangs zweifelhaft scheinenden, bann aber durch einen Hammelsprung bestätigten Mehrheit von 132 gegen 115 Stimmen in der zweiten Lesung vom Ple- itnnt deS Reichstags bestätigt. Das Schicksal deS Gesetzes würde bamit besiegelt sein, wenn nicht noch eine britte Lesung bevorstände unb man nicht bk Erfahrung hätte, baß sich eine Anzahl Abge< ordnetet fti letzter Stunde bte Sache noch einmal) gründlich überlegen.; *

Sitzungsbericht.

95. Sitzung vom 6. Dezember.

Ant Tische des BundeSratSi Dr- Delbrück, Caspar.

Präsident Graf Schwerin- Löwitz eröffnet bie Sitzung um 1 Uhr 15 Miu.

Das Haus setzt die zweite Lesung de» ' ArbeitSkammergesetzeS " £* fort beim f 2, bet den Zweck ber ArbeitS- lammern sestlegt. Sie sollen die gemeinsamen gewerblichen und wirtschaftlichen Jntermen der Ar­beitgeber und Arbeitnehmer bet in ihnen vertre­tenen Gewerbezweige, sowte bte auf bem gleichen Gebiete liegenden besonderen Interessen bet betei­ligten Arbeitnehmer unter gleichmäßiger Berücksichtigung der Arbeitgeber- i tt t e r e f f e n wahrnehmeu.

Abg. Bömelburg (Soz.) beantragt, bie Be- atcTjunn bte St r b e 11 g e6 e t in t er eH#n m »reichen. Denn wtocuet« nn» Unternehmer­interessen find Gegensätze, da ber deutsche Unter­nehmer nur von dem einen Gedanken beseelt ist, Geld zu machen.

Abg. Manz (Vp.): Wir stehen auf dem Stand­punkt der Parität, die durch den sozialdemokrati­schen Antrag verletzt werden würde. Seine An­nahme würde ein Mißtrauensvotum gegen die, Unternehmer sein. Daher sind wir dagegen.

Abg. Sevtttng (So».): Die Arbeitskammern haben nur Zweck, wenn sie eben eine einseitige Vertretung der Arbeiter sind.

Abg. Dr. Fleischer (Ctr.): Halten Sie die Re­gierungsvorlage aufrecht l Ein hoher Lohn liegt auch int Interesse des Unternehmers^ denn da­mit schafft er sich einen brauchbaren Stamm von Arbeitern.

Abg. Bömelburg (Soz.) und Abg. Molkenbuhr (Soz.) empfehlen die Annahme des sozialdemokra­tischen Antrags.

Abg. Hue (Soz.): DaS Ceutrum schneidet sich iuS eigene Fleisch. Die Behörden werden gerade den katholischen Fachabteilungen ftar, machen, daß das, was sie wollen, die Arbeitgeber» interessen schädigt, daß sie also gegen dieses Ge­setz verstoßen. 1 * 3 4

Abg. Dr. Fleischer (Ctr.) widerspricht dieser Auff?Jfitng.

Jl Einkommen wurden mit einem

Einkommen

mehr als 5000 <M. veranlagt:

1892

1908

1909

in den Städten

16,9

12,2

12,3

auf dem Lande

7,7

6,4

63

überhaupt

13,0

10,1

10,2

Zur Geschichte der Armenanstalten nnd milden Stiftungen in Marburg.

Von L. Müller.

(Fortsetzung.)

Eine vorreformatorische Einrichtung waren die Prozessionen und Bittgänge, die folgender­maßen beschrieben werden:

Unter Glockengeläute verließ die Versamm­lung die Pfarrkirche und nahm auf dem Kirchhofe Aufstellung zur Prozession. Den Zug eröffneten die Musiker, bann kamen die Stadt knechte ober bie Wächter mit ben Stadtkerzen und die Mini­stranten mit den Weihrauchfäffern. Diesen folgte ber Geistliche mit der Monstranz unter einem von Vieren an Stangen gettagenenDamaskat- teppich", umgeben von Priestern, welche bren­nende Kerzen und andere, welche Sakramnts- fahnen trugen. Hierauf folgten die fürstlichen Personen, die Gemeindevertreter, die Bürg r- armee, Beamten, Notablen der Stadt und die­jenigen, welche Kreuze trugen; die,en folgten die Zünfte mit ihren Fahnen, Kerzen und Emblem.n in folgender Ordnung: Leineweber, Lohgerb-r, Schuhmacher, Bender, Zimmerleute, Sattl.r, Schmiede, Metzger. Darnach kamen die bürger­lichen Kerzen, dann die Weingärtner, Wein- zäpfer, Wollenweber, Krämer, Schneider, Stein­metzen und Bäcker, dann die Schüler, Barfüßer, Dominikaner und Kugelherren und den Schluß machten die Frauen. An den Prozessionstag n waren die Häuser menschenleer, denn wer nicht notwendig zu Haufe bleiben mußte, ging zur Pfarrkirche und beteiligte sich an der Prozession. Zur Sicherheit der Stadt und um sie vor Heber« fällen zu schützen, ließ ber Rat bie Pforten ber Stabt, ben Pfarrkirchhof, den Dammelsberg mit I

Wächtern aus der Bürgerschaft von früh morgens bis spät abends besetzen, denen nun auf Rech­nung der Stadttafle Bier, Brot, Käse und Lichter verabreicht wurden.

Mit feierlichem Glockengeläute wurde die Prozession in der St. Elisabethkirche empfangen. Sie trat durch die geöffneten Türen des W st- pottals ein und bewegte sich zum Lettner. Hier auf dem auf beiden Seiten mit kostbaren Vor- hängen begangenen und mit brennenden Kerzen umgebenen heiligen Kreuzaltar fand die Mon­stranz Aufstellung, dann trat eine Pause ein. Am Fronleichnamstag war es den Teilnehmern an der Prozession von bem Lanbkomtur gestattet, währenb biefer Zeit ihre mitgebrachten Speisen auf bem Platze vor ber Firmanei ober im Keller­hause zu verzehren, wobei ein Jeber, besten Ver- m.ögensverhältnisse es erlaubten, sich bes von ben beutschen Herren in ber Firmanei frequentierten Weinschankes bebienen konnte. War bie Pause vorüber, bann riefen bie Glocken von ben Tür­men ber Elisabethkirche bie Festgenosten zur Teil­nahme an dem Hochamte, welches an Feiertagen der Prior des Ordens mit päpstslicher Erlaubnis, bekleidet mit ben Insignien eines Bischofs, unter päpstlicher Assistenz zweier Dukone zu halten pflegte. Die bischöflichen Insignien, als Mitra, Ring unb Insul lagen auf bem Kreuzaltar bereit, während alles übrige zu einem Pontifikal-Hoch- amt erforderliche auf den beiden noch vorhan­denen Kredenztifchen in ben Seitenschiffen bem Altar gegenüber lag ober stand. So ost die Monsttanz tvährend des Hochamts gezeigt wurde, ertönte bie Meßglocke unb bie Sakraments- fahnenttäger, bie zu beiden S'iten des Altars standen, neigten bie Fahnen. Nach beenbetem Hochamte trat bie Prozession ihren Rückweg an. In ben Klosterkirchen unb in ber Pfarrkirche würbe sie mit Glockengeläut« empfangen und nach

bem fakramentalischen Segen in ber Vsarrkirche entlassen, worauf bte Monstranz wieder in dem Tabernakel Aufftellung fand. Im Pfarrhofe fand gewöhnlich auf Rechnung ber Stabt Mar­burg eine Mahlzeit statt, wobei ein bedeutendes Weinquantum verbraucht wurde, da Bürger­meister und Rat, die Burgmannen, die Rotabl.n, Weltgeistlichen. Beamten und Bürgerschaft hier­zu Einladungen erhielten. Auch die anderen machten sich auf den Zunftstuben, Bursen und Schenken einen fröhlichen Nachmittag. Jedes Kloster erhielt von der Stadt zw-i Viertel Wein. Rach einet Ratsordnung vom 6. Juli 1523 für Marburg mußten die regelmäßigen Ratssitzungen, wenn Donnerstag kein Festtag war, nach Voranv gegangener Anhörung der Messe, an diesem Tage gehalten werden. Jeden Sonntag nach Fronleich­nam fand ein Passionsspi»! statt, zu dessen Aus­führung sich eine Brüderschaft gebildet hatte, die man kurzerhand das spiel nannte. Den Sonn­tag, an dem es aufgeführt wurde, nannte man den Spielsonntag. Am Fronleichnamstage ging bte Prozession durch den .min über das Schloß, wo das Spiel als Korporation vor dem Sakra­ment herging, während die kirchlichen Laien- bruderschasten. als die St. Killens. St. Jakobs, St. Sebasttans, St. Josts, St. Rupertus, St. Severi, St. Annen und die Kosenbruderfchast auf­gelöst in ihre Glieder unter ben Fahnen bet Zünfte gingen, benen sie angehörten unb benen sie als Meister ober Gesellen angehörten. Die Ein­führung bet Reformation in Hessen machte bem Prozesstonswesen ein Enbe. Die letzte würbe am 3. Juni 1526 in Marburg abgehalten und ebenso das letzte Passionsspiel in ber Pfarrkirche. Eine Stadtrcchnung berichtet barübet wie folgt:

Ausgabe für Zehrung in Marburg.

Idem auf Sonntag nach corporis Christi mit bem heiligen Sakrament unb der Prozession

um den Hain und zum D-wischen Hanse gegan­gen, darnach haben Schreiber und Knechte mit dem Bürgermeister gezehrt, tut 8 Schilling.

Idem, bem Pfarrer mit seinen Kaplanen geschenkt ein Viertel Wein, die Halbe 9 Denare, tot

3 Schilling.

Idem, den Vieren vom Tuche über bem heiligen Sakrament zu tragen gegeben 1 Viertel Wein, tut 3 Schilling.

Idem, ben Wächtern von des Raths Kerzen zv tragen gegeben jedem 16 Denare, tut 2% Schil­ling 2 Denare.

Idem, auf Spielsonntag denjenigen, so ei« Harnisch auf dem Dammelsberg und vor die Pforten gegangen, zu vertrinken gegeben

4 Viertel Bier, tut -2V> Schilling 2 Denare.

Rach Ablauf des Jahres 1526 lösten sich die Lalenbruberschaften auf. Ihre Güter und Ge- fölle wurden teils zu weltlichen Zwecken ver­wandt, teils dem neu gegründeten Armenkasten überwiesen. Die letzten Brüden- meister der Prozessionsbruderschafl waren die hiesigen Bürger Virgilius Schwan, Johanne- Maler und Traugott Holtscher.

Nach Einführung der Universi A finaen einige Jahre später Studenten und Bürgerssöhne an, Tragödien und Komödien auf bem Marktplätze unb auf bem Plan vor bem Bibliotheksgebauoe aufzuführen, welche sich das ganze 16. Jahrhun­dert hindurch fortfetzten. Die Stadttafle gab zn diesen Spielen jedesmal einen Beft-ag dem Leiter ber Spiele, ber enttoeber in Geld oder ein-m Weinvräsent bestand. Später führten die Schüler das Spiel des Pädagogium- hn Deutschen Hause. Hmherziebende Komödian­ten und ber Dreißigjährige Krieg bereiteten ihm ein Ercke.

(Fortsetzung folgt.)