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45. Jahrg.
Erstes Blatt
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 98.
Landflucht und Wehrfähigkeit.
Unsere Landwirtschaft klagt fortgesetzt über klrbeitermangel. Sie ist oft außerstande, genug fleißige Hände zur Bewältigung der erforderlichen Feldarbeit heranzuziehen. In ben Großstädten dagegen beschäftigen sich die einzelnen Kommunalverwaltungen seit längerem gewöhrtz- lich zur Zeit der Jahreswende, bisweilen schon im Herbst, mit der Frage der nachhaltigen Steuerung der überhandnehmenden Arbeitslosigkeit. Das sind bedenkliche Zeichen der Zeft, die jeden Ernstdenkenden mit banger Sorge erfüllen. Und das umso mehr, als die Statistik beweist, daß diese Zustände nicht nur vorübergehender Natur, sondern dauernde geworden sind und sich von Jahr zu Jahr verschlimmern.
Wenn wir uns zunächst von der Statistik erzählen lassen, wie sich das Angebot zur Nach- ftage auf dem Arbeitsr 'arkt stellt, so sinden wir erschreckende Zahlen. Um nur einige Fälle herauszugreifen, so kommen in Köln und Kiel auf je IOC offene Arbeitsstellen 367 bezw. 348 Arbeitsuchende. Für 1t Großstädte mit über 100 000 Einwohnern ergab sich für das Jahr 1909 — auf welches sich die statistischen Zahlen beziehen ein Durchschnitt von 188 Arbeitsuchenden auf 100 offene Stellen. Diese Zahlen reden eine deutlich» Sprache!
Ein andere?, vier «uerfreulicheres 93ttb drangt sich vor die Augen, wenn wir die Abnahme der ländlichen Arbeitsbevölkerung der Zunahme der Arbeiter gegcnüberstellen, die sich d-r Industrie zugewandt haben. Dieses sich immer mehr zu Ungunsten des Platten Landes verschiebende Verhältnis gewährt besorgniserregende Ausblicke in die Zukunft, besonders in Rücksicht auf die Er- halwng der Wehrfähigkeit unserer Bevölkerung. Wenn wir den Berechnungen des statistischen Am es folgen, so zeigt sich uns mit untrüglicher Klarheit, daß unsere Wehrfähigkeit in absehbarer Zeit zurückgehen mutz, wenn die Enwölkerung des flachen Landes und die Ueberbevöt'erung der Städte wie bisher fortschreiten sollte. Die Stach stik teilt die gesamte Bevölkerung Deusschlands in fünf Grupven und berechnet nach Pröpsten, wieviel jede Gruppe an wehrfähigen Männern unserer Armee zuführt.
1. Gemeinden bis zu 2000 Einwohnern (also zweifellos hauptsächlich die ländlichen Ortschaf- tenf 56.29 Prozent, also weit über die Hälfte; 2. 2000 bis 5000 E.nwohner 12,39 Proz.; 3. 5000 bis 20 000 Einwohner 12,92 Proz.; 4. 20 000 bis
schlug sich vorgestern ein Gepäckautomobil, wobei der englische Oberchausseur starke Schrammen davontrug. Die deutschen Diener blieben unverletzt. Zn der uralten Königsstadt Anurabhopura besuchte die Kronprinzessin gestern nachmittag die alten buddhistischen Heiligtümer im Felsentempel und den heiligen 2000- jährigen Baum. Der greise Oberpriester erklärte di« Heiligtümer. Zum Schluß stimmten die Priester alte, glückbringende Gesänge an.
— Das Arbeitsprogram« des Reichstages. Berlin, 5. Dez. Im Seniorenkonvent des Reichstages einigte man sich dahin, es im allgemeinen bei dem bereits vereinbarten Arbeitsprogramm zu belassen. Es soll am Freitag, den 9. Dezember, die erste Lesung des Etats und nach dem Abschluß derselben am Mittwoch oder Donnerstag der nächsten Woche in die Weihnachtsferien eingetreten werden. Die erste Sitzung im neuen Jahre soll am 10. Januar stattfinden. Der Arbeitsstoss ist folgendermaßen verteilt: Montag und eventuell morgen, Dienstag, zweite Lesung des Arbeitskammergesetzes, Mittwoch Rech- nungssachen, eventuell Fortsetzung der Mittelstands- dedatte vom vorigen Samstag, Donnerstag katholischer Feiertag. Von Freitag ab, wie erwähnt, erste Lesung des Etats. In der ersten Sitzung nach Neujahr soll die zweite Lesung der Strafgesetznovelle vorgenommen werden. Sollte jedoch die zweite Lesung des Arbeitskammergesetzes schon heute zu Ende gehen, so will man morgen und übermorgen die zweite Lesung der Strafgesetznovelle beraten.
— Landtagsersatzwahlen in Schlesien. Breslau, 5. Dez. (Amtlich.) Bei der Landtagsersatzwahl erhielten in der Stichwahl der Handelskammersyndikus Dr. Otto Ehlers-Berlin (natlib.) 839, Kaufmann Vogel-Breslau (Ztr.) 824 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. — Hirschberg, 5. Dez. (Amtlich.) Bet der Landtagsersatzwahl in Hirschberg wurden im ganzen 390 Stimmen abgegeben; davon entfielen auf Hugo Werk (freisinnig) 203 und auf Seydel (natlib.) 167 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt.
— Die Stichwahl in Labiau-Wehlau. Königsberg, 5. Dez. Wie die Blätter melden, ist die Stichwahl in Labiau-Wehlau auf den 9. Dezember festgesetzt worden. — Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei der Provinz Ostpreußen veröffentlicht eine Erklärung, in der sie ihre Niederlage mit der wüsten Agitation ihrer Gegner begründet und ihre Anhänger auffordett, bei der Stichwahl für den Kandidaten des Freisinns zu stimmen. — Wehlau, 5. Dez. Wahlaufruf an die Schuljugend. Die „Tägl. Rdfch." erhält folgende Zuschrift: Der diesmalige Wahlkampf hat die merkwürdigsten Blüten gezeitigt. Eines der gröbsten und verachtenswertesten Mittel hat sich die freisinnige Pattei bedient, indem sie selbst an die schulpflichtige Jugend Wahlaufrufe für ihren Kandidaten verteilen ließ. Eine große Anzahl Schüler, kleine und große, sah mit solch einem Elaborat bewaffnet, zur Schule gehen, das ihnen von einem Zettelttäger in die Hand gedrückt wurde. In der
,Mßt das polittsche Leben aus euch wirken! Studiert die politischen Parteien, ihre Programme, ihre Presse, ihr Verhalten — aber bindet euch an keine von ihnen, eh« die Studentenzeit zu Ende ist. Laßt die Frucht reif werden, ehe ihr sie pflückt!" So der Berliner Strafrechtslehrer v. Liszt. Der Student soll auch der Politik als Lernender, als Werdender gegenüberstehen. Wir brauchen keine agitierenden und randalierenden Studenten und haben allen Grund, Oesterreich, die romanischen und slavischen Länder nicht zu beneiden. Wir bedürfen keiner halbgebildeten, polihi-, frühreifen Schwadroneure,, denn wir haben deren ohnehin schon mehr als genug. Es wäre, wie ein Vergleich mit den genannten Ländern illu- fttiert, für das Hochschulleben verderblich, wenn sich an den Universitäten förmliche politische Verbände ausgestalteten, zu denen übrigens auch bei üns schon Ansätze nicht unbedeutender Art vorhanden find. Es wird die Aufgabe der Gesetzgebung und noch mehr die der akademischen Erzieher sein, dafür zu sorgen, daß die Hochschulen Erziehungsstätten auch für das politische Leben werden und bleiben, daß nicht neben den alten Zwistigkeiten zwischen Korporationen Und Nichtinkorporierten, konfessionellen und nichtkonfessionellen Korporationen noch der politische Gegensatz das akademische Leben vergifte.
Student und Politik.
Der Wunsch nach Aenderung des jetzt bestehenden studenttschen Vereins- und Versammlungsrechtes ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Im preußischen Abgeordnetenhause haben sich am 13. Juni 1910 fast alle Parteien, von links bis weit hinein nach rechts, dafür ausgesprochen, daß der gegenwärtige Zustand nicht mehr aufrecht zu erhalten fei. Es ist also kaum zu zweifeln, daß er in den nächsten Jahren geändert wird. Es ist kein Zufall, daß im Zusammenhang damit das Thema „Student und Politik" ventiliert wird, denn der freieren Gestaltung des Vereins- und Versammlungsrechts wird sicher eine eifrigere Teilnahme der Studenten an politischen Fragen folgen. In gewissen Grenzen kann man sich darüber nur freuen. Aber:
Deutsches Reich.
— Eine Ehrung Kaiser Wilhelms. Prag, 5. Dez. In der letzten Sitzung der medizinischen Fakultät der Prager deutschen Universität vom 28. November wurde der Antrag gestellt, den Deutschen Kaiser zum Ehrendoktor der Fakultät zu ernennen. Zn der Begründung hierfür wird auf das ungeheure Verdienst hingewiesen, das sich Kaiser Wilhelm II. durch die Errichtung der Gesellschaft für wissenschaftlich« Forschungsinstitute um die Wissenschaft erworben hat, die anläßlich des Jubiläums der Berliner Universität mit einem Kapital von neun Millionen Mark ins Leben trat. Der Antrag wurde, dem „Prager Tagebl." zufolge, einstimmig und mit lebhaftem Beifall angenommen. Die Ernennung bedarf noch der Genehmigung Kaiser Franz Josefs sowie des Ehren- dottors selbst. Die Prager Universität ist mit der Ernennung von Ehrendottoren äußerst sparsam. Die medizinische Fakultät besitzt zurzeit keinen einzigen Ehrendoktor; der letzte von ihr ernannte war Rudolf Virchow.
— Das Kronprinzenpaar ans Ceylon. Polga- hawlla, 5. Dez Das Programm für den weiteren Aufenthalt des Kronpttnzenpaares auf Ceylon ist dem „Lok.-Anz." zufolge etwas geändert worden. Die Kronpttnzessin überfiedelt heute nach dem Rasthaus Kantalei, das in der Nähe des augenblicklichen Iagdterrains des Kronprinzen liegt, und wird auch einen Tag den Jagden in den Dschungeln beiwohnen. Am Donnerstag kehtt das Kronpttnzenpaar nach Kandy zurück. Auf der Fahrt nach Tttnkomalie über
Marburg
Mittwoch, 7. Dezember 1910
100 000 Einwohner 8,9 Proz.; 5 100 000 und darüber 9,49 Prozent.
Wenn wir diesen einwandsfreien Zahlen nun die Prozentzahlen gegenüberstellen, die das Verhältnis der einzelnen Berufe »u der Gesamtbevölkerung darstellen, so kommen wir zu dem Ergebnis, daß die Landbevölkerung gegenüber der städtischen im Verlaufe der letzten 20 Jahre rapid im Abnehmen begriffen ist. Der Landwirsschaft gehörten im Jahre 1882 42,5 Prozent der Bevölkerung an, der Jndusttte 35,5. Die übttgen 20 Prozent verteilten sich auf Hanl el, Verkehr, öffentlichen Dienst, freie Berufe u. a. m. In Jahre 1907 hatte sich das Verhälnis ganz gewaltig verschoben; es betrug die landwirtschaftliche Bevölkerung nur noch 28,6 Prozent der Gesamtheit, die Jndusttte aber war auf 42,5 Prozent angewachsen. Da weiter einwandsstei festgestellt worden ist, daß die Militärtauglichkeit der Landbevölkerung — auch in Prozent n ausgedrückt — eine erheblich größere ist, als die der verschiedenen städtischen Berufe und besonders der Jndusttie, so liegt in diestft Verschiebung d-r Berufszahlen eine groMMfahr für unsere N ebrs^higkeit. Es ist nämlE Erwiesen, daß die Nachkommen der vom Lande in die Großstädte Abgewandetten Meist schon in der zweiten Generation die geringere Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Städter int Vergleich zu den Landbewohnern angenommen haben und nur noch 19 Prozent, an Stelle der von ihren ländlichen Vorjahren erzeugten 64 Prozent dem Heere als militärdienst- tüchtig zuführen. Daß daraus ein« Gefahr für unsere Wehrkraft erwachsen mutz, kann nicht nachdrücklich gemtg betont werden.
Gewaltmaßregeln gegen die Landflucht werden wenig nützen; denn an der Freizügigkeit wird heute wohl niemand mehr rütteln wollen Von vielen Mitteln, die zur Eindämmung der Landflucht in Vorschlag gebracht werden, erscheint noch als das beste, toetm Mittel und Wege gefunden würden, dem ländlichen Arbeiter in einer bestimmten Zeit den Erwerb eines eigenen, flehten Heims in sichere Aussicht stellen zu können und ihn so auf seiner Scholle seßhaft zu machen.
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52 verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire v. Glümer.
(Fottietzung.)
XI.
Der Tag des Ball-s^war gekommen. Als im Wld'scben Fabrikshofe die Feierabendglocke zu läuten begann, konnte Christiane, die während der letzten fünf Tage mit fieberhaftem Eifer gearbeitet hatte, Herrn Ferdinand Wild ihr vollendetes Ofenschirmbild abliefern. Si« wurde von ihm für ihre leichte, elegante Ausführung mit Lob überschüttet; bis zu den Beiworten „genial" und „meisterhaft" verstieg sich der freundliche Mann.
Ein Freudenschimmer flog über Christianens Gesicht. Während der Arbeit hatte auch sie die Empfindung gehabt, dieser größeren, zaghaft übernommenen Aufgabe gewachsen zu fein, und es tat ihr wohl, das bestätigt zu hören. Aber als sie das Konwr verließ, kam die Blässe und Mattigkeit wieder die Tante Lore mit steigender Sorge seit mehreren Tagen beobachtet, und als sie im Hausflur mit Jonathan zusammentraf, erwiderte sie seinen Grutz mit einem finsteren, beinahe feindseligen Blick.
„Hallob, da muß 'was passiett sein," sagte er zu sich selbst, stemmte die Krücken fest und sah Christiane nach, die gegen ihre Gewohnheit langsam, in müder Haftung die Treppe hinaufstieg
„Mein Brief scheint gewirft zu haben," dachte er weiter; „wahrscheinlich hat der alte Sünder hem jungen Sünder den Liebessport untersagt. Christianens Aussehen läßt dergleichen vermuten, auch ging der Briefträger mit einem Billetb- doux hinauf — vielleicht der nicht eben süße Abschied des Galans — armes Ding!"
Mi» triurnpierendem Grinsen humpelt« er aus dem Hause, und das wehmütige:
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat. Muß scheiden . . ."
wurde, als er es auf dem Kirchplatze vor sich hin summte, zum Ausdruck seiner Siegesfreude
Aber et war auf falscher Fährte; bis jetzt hatte der Harthäuser Parnim nichts von sich hören lassen, der Brief an Christiane war von Wilhelm und der Vorwutt in ihren Augen galt Jonathans früherem Eingriff in ihr Herzensleben, feinen Mitteilungen über das Schicksal ihrer Mutter. Nicht genug, daß sie dadurch verwundet und demütigt wurde — auch zaghaft war sie geworden; und nun hatte sie durch ihr« Zaghafttgkeit Chtt- stian gekränft, vielleicht verloren.
Oder war es nur Vorsicht, daß er nicht ein gutes Wott, nicht ehren warmen Blick für sie gehabt hatte, als sie nach dem unglückseligen Gartengespräche noch stundenlang im Schlosse zusammenblieben? — Und war es nur Zufall, daß sein erstes Lied — di« folgenden hatte sie kaum noch gehört — das Brahmssche Lied „Von ewiger Liebe" gewesen war —, oder hatte er ihr damit sagen wollen, daß er nicht mehr an ihre Liebe glaube, weil sie nicht das Gettngste dafür wagen wollte?
Wie in den vergangenen Tagen und Nächten, ging ihr das alles wieder durch den Sinn, während sie, in ihr Arbei'szimmer zurückgekehtt, das Malgerät zusammenräumte. Dabei fiel ihr Ml- helms heutiger Brief in die Hände; ein« Antwort auf die wenigen Zeilen, die sie dem Freunde in ihrem Herzleid geschrieben hatte.
Soweit sie sich darauf besinnen konnte, hatte fte, den Fragen nach seinen Kranken nur hinzugefügt: seine Ahnung hätte ihn nicht getäuscht; sie stehe wirklich in einem Kampfe, der über das Glück ihres Lebens entscheiden werde. Illusionen mache sie sich nicht; da sie seit Fahren über das Schicksal ihrer Mutter Bescheid wisse, sei sie fich
ber Schwierigkeiten ihrer Lage deutlich bewußt. Mehr dürfe sie jetzt nicht sagen; aber sobald es ihr erlaubt sei, werde sie Wilhelm alles mitteilen, denn ihren Kameraden könne sie weder im Glück noch im Unglück entbehren. Darauf antwortete er:
„Obwohl ich auf Dein Geständnis vorbereitet war, liebe Christiane, hat c8 mich mehr gepackt, als ich's sagen kann — und da ich mehr herauslese, als es zu en'halten scheint, hat es auch mir die ganze Schwierigkeit Deiner Lage offenbart. 9tbac ich getroste mich Deines tapferen Herzens und weiß, daß Du immer das Rechte tun wirst. — Es bedarf keiner Bersichenma, daß ich Dir über alle äußeren und inneren Hindernisse den Sieg wünsche, und ebensowenig, daß Du mich nie ent bebten wirst, wenn Du mich brauchst. — Die Genesung tne-ner lieben Kranken macht, Gott sei Dank, rasche Fottscbrttte; in wenigen Tagen werde ich aus der Klausur entlassen, und sobald ich nicht mehr fürchten muß. Euch Ansteckung zuzutragen, komme ich nach Elmenach. Hoffentlich sagen mir dann Dein- Augen, daß Du alücklich bist, wenn es D ein Mund auch noch verschweigen muß. Dein after. treuer Wilhelm."
„Ja, er ist mein alter, treuer Wilhelm," dachte Christian«, als sie den Brief jetzt noch einmal mit größerer Aufmerksamkeit als h-mtc früh im Fieber der Arbeit gelesen hatte. Daß Wilhelm beim Schreiben dieses Brieses rn schweres Herz haben muß<e, ließ sie im Egoismus ihrer Liebe außer Acht. In wenigen Stunden sollte sie mit Christian zusammen sein — das nahm sie ganz tn Anspruch.
In der Vorfteude des M derseh-ns wurde ihr immer leiwwt zumute. Sie sagte sich, daß sie zu schwarz gesehen habe; daß Christian mit Recht über ihr kindffches Fottlausen verstimmt gewesen fei, aber nicht daran gedacht habe, sie «ukzugeben. — Sie glaubte ! Zeder an seine
Liebe — an ihr war es, ihn zu überzeugen, daß sie dieser Liebe wert sei. Heute Abend mußte sich Gelegenheit finden, ihm zu erröten, warum sie auf seinen Winterplan, so weh es ihr tat, nicht eingehen dürfe. Feinfühlig wie er wat, würde er sie verstehen und ihre Weigerung billigen.
In dieser Zuversicht schmückte sie sich zum Balle, und Tante Lote, die zu ihr kan., als sie beinahe damit fertig wat, wußte nicht, ob sie sich über die plötzliche Veränderung in ihrem Aussehen und Wesen erfreuen ober betrüben sollte. Seit mehreren Tagen und vor wenigen Stunden noch so blaß und niedergeschlagen, daß Lote sich der Hoffnung hingegeben hatte, Christiane werd« nicht zu dem Feste gehen — und nun so frisch und ftöhlich. — Und wie schön das Unglücksfind gerade heute war — schöner noch, als ihre arm« Mutter auf dem Schützenballe gewesen war, wo sich alles Unheil angesponnen hatte.
Unbegreiflich, dttz die Großmutter Christiane in dasselbe Unglückshaus gehen und mit Offi- zieren tanzen ließ! — Die ehrgeizig» Frau litt freilich schwer darunter, nicht mehr wie sonst zu den Ersten in der Stadt gezählt zu werden. ES mochte ihr ein Triumph gewesen sein, zu hören, daß von allen jungen Mädchen tn Elmenach nut Christiane zu dem vornehmen Balle cingeladeu wurde. Als Cara, die kleine Schmeichelkatze, um ihre Einwilligung bat, hatte sie augenblicflich ja gesagt.
Einwendungen dagegen zu machen, das wußte Lote nur zu genau, würde vergeblich gewesen sein; auch würde sie es kaum Übers Herz gebracht haben, Christiane, die so viel entbehrt«, einer Freude zu berauben, nur weil sie selbst sich vor den Schemen der Vergangenheit beängstigt fühlt«. Oder hatte die treue Seele das Vorgefühl daß diese Vergangenheit tm Begriffe war, alte Rechte geltend zu machen. . ..
(Fortsetzung folgt.) - H '•