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Zweites Blatt

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Dienstag, 6. Dezember

Deutscher Reichstag. |

, Stimmungsbild. W?A

' : Berlin, 3. Dezember. 1

Der heutige Tag stand unter dem Zeichen des Mittelstandes.. Die Bänke der Abgeordneten waren nicht so stark gefüllt, wie es bei der Wichtigkeit des Gegenstandes wünschenswert gewesen wäre. Auch die Regierung hatte nur einen einzigen Ge- Keimen Rat entsandt. Und es ist bekannt: Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Umso lebhafter jaber wurde die Unterhaltung geführt. Galt er doch, tzie Meinungen auszutauschen über das Wahlresul- >tat von Wehlau-Labiau. Die Freude auf liberaler Seite hierüber ist grenzenlos, und in den Restau- ^rationsräumen soll zahlreichen Flaschen edlen Rebensaftes der Hals umgedreht worden sein was leider auf die gegenwärtige Winzernot kaum einen wirksamen Einflust haben dürfte, x; - Die > ^konservativen schickten zur Begründung ihres Mittelstandsantrages ihren Herrn Pauli vor, den Potsdamer Handwerksvertreter. Er bedauert im nationalen Interesse die geringe Zunahme der selbständigen Handwerker, denen ein Riesenwachs­tum der gewerblichen Grobetriebe gegenübersteht. Warenhäuser und Konsumvereine auch die der Beamten und Offiziere hält der Redner für bedau- trrlswerte Erscheinungen nagen am Marke der deutschen Handwerkerschaft. Der CentrumSredner, Ilbg. Euler, hat gleichfalls die Not des Hand­werks am eigenen Leibe erfahren. Ist doch auch er ein wackerer Tischlermeister, der immer in den Reihen der Kämpfer für feinen Stand gestanden hat. Im Borgunwesen sieht er u. a. mit einen der schlimmsten Feinde des Handwerkes, waS auch der sozialdemokratische Schuhmachermeister B r ü h « e zugesteht, der im Übrigen in der Reichsfinanzre­form die Ursache der Notlage sehen möchte. Der fortschrittliche Redner Dr. Pachnicke glaubt auS dem heutige« Zustand im Handwerk die Gewiß- steft »u gewinnen, daß nur «ine liberale 'Gesetz­gebung Hilfe bringen könne. Er ruft mit dieser Be­hauptung »« 2 stündiger Abwehrrede den Deutsch- f8ozial«.n Raab, wieder einen Handwerksmeister, stuf den Plan, und dieser macht den Hansabund fn teilweise sehr -humoristischer Form zu« Gegen­stände einer Kritik vom Standpunkte deS Hand­werkers aus. Nach persönlichen Bemerkungen ver­fügt sich daS HauS, um am Montag mit der wichti­gen Beratung des Arbeitskammergesetzes zu be­ginnen '

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. MtzmrsSberichik. d

93. Sitzung vom 3. Dezember.

Die Tische deS BundeSratS sind leer. -DaS 0<wS ist fast leer.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffn^ .die Sitzung um 11 Uhr 20 Minuten. ' Ä i'sft - kouservativ« MittelftandSantrag. *

Zur Verhandlung steht der von der gesamte« konservativen Fraktion unterzeichnete Anifiativan- krag v. Normann-Graf v. Kanitz: Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, auf gesetzliche Matz- Hegeln Bedacht zu nehmen, welche geeignet sind, dem fortschreitenden Niedergang deS Handwerks und der weiteren Abnahme der Zahl der selbständi­gen Gewerbetreibenden vorzubeugen.

Abg .Pauli-Potsdam (kons.) begründet den Antrag. Hätten wir eine Interpellation einge­bracht, dann hätten wir eine mündliche Antwort vom Regierungstische erhalten. Heute find sie leer. lEin Geheimrat, der einsam an der Wand lehnt, tritt vor: gegenseitige Verbeugung. Heiterkeit.) Der Antrag will die Herren von der Regierung veran­lassen, sich einmal die Sache durch den Kopf gehen tzu lassen. Sie sollen erwägen gesetzgeberische oder Werwaltungsmaßregeln, um dem Mittelstand zu helfen. Es steht schlecht um die kleinen und auch die mittleren Gewerbe. In der Zeit von 1895 bis 1907 haben sich die kleinen Betriebe nur um 6,4 Prozent vermehrt, die Zahl der mittleren um 39,8 Prozent, während die der großen um 68,9 Prozent gestiegen ist. Auf den Stillstand folgt aber der Rückschritt . Und wer trägt die Schuld daran? Die Warenhäuser, das Großkapital und die Kon­sumvereine. Die sozialdemokratischen Konsumver­eine, die einen jährlichen Umsatz von 270 Millionen Mark haben, sind eine soziale Krankheit. gie üben einen verheerenden Einfluß auf den üttelstand aus. Auch die Beamten- und Offi- zierskonsumvereiile schließe ich nicht aus. Wo blei­ben die Aufsichtsbehörden? Wenn man dem Hand­werker das Brot nimmt, dann muß doch die Steuerkraft des Reiches leiden. Die Beamtengehäl­ter sind erst im letzten Jahre aufgebessert worden. Diese Herren haben also gar keine Veranlassung, bie Existenz der kleinen Handwerker zu unter­graben. Der Redner bespricht Mißstände im Bau- fewerbe. Der Berliner Bauschwindel blüht mmer noch. (Staatssekretär Delbrück und Mi­nisterialdirektor Caspar erscheinen vorübergehend km Saale.) Allein die Maler Großberlins haben bei den Bauten des letzten Jahres rund 800 000 Mark verloren. Wo steckt denn die Polizei? Der Redner fordert eine Revision der Submissionsbedin- aungen, möglichste Ausschaltung des Zwischenhan­dels und Vergebung der Arbeiten am Orte. Leider führe« die unteren Verwaltungsbehörden die An- »rdnungen des Handelsministers über das Ver- tzingungswesen nicht so durch, wie sie gemeint sind. Die Gefänanisarbeit macht den Handwer­kern die Existenz fast zur Unmöglichkeit, da sie Itgen diese Konkurrenz nicht aufkommen können, erdet ist eine Einigkeit int Handwerk nicht vor- anden. Einigkeit mutz nicht bloß in dem Stre- en, daß etwas geschehen soll, bestehen, sondern auch i den Mitteln und Wegen. (Beifall rechts.)

. Abg. Euler (Ctr.)r Nötig ist, daß das Handwerk ach durch Korvoratinnen eine teste O rna n i i

Oton-gibt."In diesem Sinne ist unsere'Fraktion stets bemüht gewesen, durch die Gesetzgebung ein­zugreifen. Bedauerficherweise ist der zweite Teil des Gesetzes zur Sicherung der Bau­handwerkersorderungen doch nicht zur Ausführung gelangt, trotzdem dieses Gesetz, seit einer Reihe von Jahren gefordert, endlich nun auch zu stände gekommen ist, jetzt aber nur zum Teil ausgeführt wird. Man darf nicht so lange warten, bis da- ganze Handwerk von Großbe­trieben aufgesogen ist. Denn es eröffnen sich dem Handwerk auch immer wieder neue Absatzgebiete. Das Handwerk muß vor allem in sich fest ge­schlossen sein und Standcsbewußtsetn zei­ge«. Ein großer Uebelstand für daS Handwerk liegt auch in dem übermäßig ausgedehnten Kredit- w e s en. Der kleine Kaufmannsstand befindet sich in derselben Lage. Daher möchte ich beson­ders die Beamten bitten, denen im vorigen Jahre durch unsere Initiative die Wünsche erfüllt wor­den sind, jetzt auch Rücksicht zu nehmen auf die kleinen Gewerbetreibenden. (Sehr richtig? i. (Str.) Der Prinzregent von Bayern hat verboten, daß die Beamten und Offiziere durch ihre Organisa­tionen den Mittelstand schädigen. Ich hoffe, daß die verbündeten Regierungen in demselben Sinne Vorgehen. (Lebh. Beifall im Centrum.)

Abg. Dr. Püchnicke (fortschr. Bp.): Die Kon­servativen haben bis jetzt noch nichts für das Handwerk getan. Die konservative Forderung nach dem allgemeinen Befähigungsnach­weis war eine taube Nuß. Die Handwerker selbst haben diese Handwerksbeglücker verleugnet. Der konservative Antrag, nur selbstgesertigte Er­zeugnisse dürfen verkauft werden, hätte zahllose Existenzen vernichtet. Nun forderte man noch ausschließlich Zwangsinnungen, obgleich freie Innungen ebenfalls nützlich wirken. Und nun der Sturm gegen die Warenhäuser! Ist nicht das Warenhaus für Armee und Marine von Konservativen gegründet worden? (Hört, hört!) Der Bund oer Landwirte selbst ist ein große- Warenhaus! (Hört, hört!) Was kann man bei ihm nicht alles kaufen? Die Folgen der konservativen Politik sind eine unerhörte Teue­rung und eine große Erbitterung. Darum wen­den sich die Handwerker ab von den Konservati­ven. Die Mittelstandsvereinigung ist bereits zum Hansabunde gegangen. Und seit sie sich abgekehrt hat von der Rechten, ist es auch besser gewor­den. Der Gedanke der Selbsthllfe wird wieder lebendig. Das Handwerk ist noch lebensfähig und von größter Bedeutung für unsere Volkswirtschaft. Die Handwerksfrage ist int wesentlichen eine Bil­dungsfrage. Der Redner fordert den Aus­bau des gewerblichen Unterrichtswesens, Ein­schränkung der Gefängnisarbeit und spricht sich ent­schieden gegen den obligatorischen Religionsunter­richt in den Fortbildungsschulen aus. Schaffen Sie doch den Handwerkern größere« Einfluß auf Gesetzgebung unb Verwaltung. Geben Sie auch in den Bundesstaaten ein Wahlrecht, das die Handwerker in den Stand setzt, ihre Wünsche frei zu äußern. Wir haben die Bauer« befreit, wir wollen auch die Handwerker zu freien Menschen machen. (Beifall links.)

Abg. Brühne (Soz.): Aus dem Anträge spricht die Angst der Konservativen vor den Wahlen. (Widerspruch rechts.) Die gestrige Nachwahl beweist Ihnen doch wieder, wie es um Ihre Sache steht. (Lachen rechts.) Wenn Sie für Sie Handwerker etwas tun wollen, dann schaffen Sie ihnen billi- ges Brot. Der Redner verteidigt die Arbeiter-, Konsumvereine, die neutral seien Und denen Tau-' [ende von Handwerkern angehören. Gewiß haben ie Handwerker schwer $u leiden, aber noch schlech­ter gehfs den Arbeitern. Schweren Schaden rich­tet auch die Schmutzkonkurrenz verschiedener Hand­werker an. Der Redner verweist auf verschiedene, Submissionsblüten. |

Abg. Findel (ntl.): Die Antragsteller haben «ns fern einziges Mittel der Abhilfe angegeben." Welche Wunden hat nicht in neuester Zeit die Fi­nanzreform geschlagen! Ich bin der letzte, der un­serer Sozialpolitik unfreundlich gegenübersteht, aber wie bitter muß diese Arbeiterfürsorge von den Handwerkern empfunden werden, die ohne jede staatliche Hilfe um ihr Dasein ringen. Die Ge­fahr, die der Warenhausbetrieb für das selbst­ständige Handwerk in sich birgt, ist nicht zu unter­schätzen. Sehen wir weiter die Entwickelung der Konsumvereine an, so fragen wir uns: Was bleibt den Detaillisten noch übrig. (Beifall b. d. Nat.)

Abg .Linz (Rp.): Die bürgerlichen Parteien sollten bei der Debatte über Mittelstandsfragen sich nicht gegenseitig bekämpfen. Wir verlangen eine scharfe Abgrenzung zwischen Fabrik unb Handwerk, mittelstandsfreundliche Regelung des Submissions­wesens, strikte Durchführung der Bestimmungen zur Sicherung der Bauhandwerker, Festlegung der Altersgrenze zum selbständigen Handwerkerbetrieb, in der Regel die Volljährigkeit, Bedürfnisnach­weis für Wand-roew-rbebetriebe, Einschränkung der Gefäuguisarbeit, obligatorische Einführung der Fachschulen unter Heranziehung tüchtiger Hand­werksmeister und zwangsweise (Einreibung juristi­scher Personen, die ein Handwerk betreiben, in die Innungen. An die Mittelstandsfreundlichkeit der Sozialdemokratie glauben wir nicht. Bor allem tut Selbsthilfe not, genossenschaftlicher Zusammenschluß und bessere kaufmännische Ausblldung. (Beifall rechts.) Abg .Raab (wirtsch. Vgg.): Bis heute ist nur sehr wenig zu Gunsten des Mittelstandes geschehen. Wo bleibt bie Einführung des Befähigungsnach­weises. den die Freisinnigen so heftig bekämpfen? I« Berlin hat ein jüdischer Bäckermeister aus Wie« fünfzig FLialeu errichten können, was ihm in seiner Heimat nie erlaubt gewesen wäre. Wir verlangen die Errichtung von Kleinhandelskammern bei ben Landgerichten. Am schlimmsten wirkt bet gewerkschaftliche Terrorismus. Die Nationallibe­ralen haben nur Worte, Taten erwarten wir von ihnen nicht. Sie finb nur eine Vertretung bet Großstnanzen nnb der Großindustrie. Der Freiherr v. Heyl hat ja auch die Nationalliberalen als Äuf- fichtsrotsvarlei hereiibnet. (MidertnruLch. d. Nat.)

««ytZkungk^fkeurwe -des vandwerkr^inddie Frei- sinnigen. Mtt ihrem Ruf nach Fortbildung ist eS «icht getan. Wir leisten schon heute durchaus Gutes, aber wir finden keine Käufer dafür. Un­sere Organisationen, unsere Innungen, haben die Liberalen uns ja zerschlagen. Sie werfen uns die i&tttttKitefornt vor; ia waren die Liberalen nicht Bereit, 4Ö0 Millionen indirekte Steuern zu bewilli­ge«. Aber die Kotierungssteuer, die hat Sie auf ,ve« Kampfplan gerufen und da haben Sie den Hansabund begründet. Diese neue Firma des wirtschaftlichen Liberalismus hat es sich ja etwas kosten lasse«, einen Teil des Mittelstandes unter seine Fahne zu sammeln. Nu« nehmen wir ja auch das Geld des Hansabundes. Er will dem Handwerk billige BetriebSmittA besorgen; dann werden aber die Großhändler rebellisch werden, dann kommt zu der 99. Palastrevolution bald die 100. WaS verspricht der Hansabund nicht alles; wen« er so werter bleibt, dann werden bte jünge­re« SÄitglieber dieses Hauses es noch erleben, daß der Hansabund daS Schießpulver erfindet. (Heiter­keit rechts.) Ich habe nur eine einzige positive Forderung entdeckt, bei der der Hansabund keinen Widerspruch aus seinen Mitgliederkreisen gefunden hatr den Bau einer neuen Brücke bei Fürsten- beta über die Oder. (Heiterkeit rechts.) Viel- leicht kommt noch anderes nach Errichtung von Bedürfnisanstalten und dergleichen; es eröffnet sich nod> etn weites Gebiet für echt liberale Betätigung. (Heiterkeit und Beifall rechts.) Das beste am Han- sabund ist fein Name; aber damals in der alten Hansa lauteten die Namen anders: Jürgen Vüllen- toeber nsw. und heute Jakob Rießer! Der Hansabund soll sich H ä n s e l b u n d nennen , aber die Handwerker werden sich von ihm nicht länger hänseln lassen. Der Redner wendet sich da«« gegen die Sozialdemokratie. Die ist jetzt vorsichtiger als früher, aber hie und da kommt die ganze erbarmungslose Grausamkeit zum Vorschein, mit der dieser alte Feind dem Mittel­stand den Untergang wünscht. Aber Vorsicht auch gegenüber den neuen Freunden! (Beifall rechts.) ; Das Haus vertagt sich.

i Aba. Ledebour (Soz.) erklärt in persönlicher JBemerntng unter entrüstetem Gelächter der Rech­ten, weder er noch irgend einer feiner Parteige­nosse« habe jemals dem Mittelstand den Untergang gewünscht.

\ Abg .Raab (wirtub- Bgg.) erklärt sich bereit, tone Behauptung bei gegebener Gelegenheit zu be­weise«,

äfcotiae S Ölte*. ArbejlSkammerge-

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Zum eiisilischeu Wahlkampf.

Der kluge Balfour merkt, daß diesmal mit dem Deutfchenhasse besondere Geschäfte nicht zu machen finb. Einmal darf man de« Wählern nicht immer wieder dasselbe Lied Vorsingen, weil sich dadurch die Wirkung abstumpft, und zweitens hat im letzten Jahre die Angst vor Deutschland etwas nachgelassen So wird also von der Partei Balfours die deutschfeindliche Note bei der Wahlagitation zwar mitgesungen, aber doch nur in leisem Tone. Dafür hat der vielseitige Agitator eine andere Wurst ans der Tasche gezogen, die er den Wählern vorhält. Hatten die Unionisten im vorigen Wahlkampfe erlläri, daß die Tarifteform ihr erstes Werk sein würde, wenn sie die Mehrheit erlangen sollte, so will Balfour diesmal, daß die Tarifreform, selbst wenn sie vom Unterhause und dem Oberhause angenommen sein sollte, dann nm Geltung z>l erlangen, erst noch ein Referendum des Volkes passiere« müsse. Er will also eine ähnliche Ein- richtung schaffen, wie sie seit Jahrzehnten in der Schweiz besteht, wo ja auch über wichttge allge­meine Fragen ein Vollsreferendum entscheidet, beiläufig nicht immer gerade zum Vorteil der schweizerische« Republik.

Der Schachzug Balfours ist aus mancherlei Gründen nicht übel. Einmal könne« dadurch auch solche Wähler für die unionistische Partei ge­wonnen werden, die gerade in der Frage der Tarifteform anderer Ansicht sind d. h. auf dem freihändlerischen Standpunkte stehen. Denn diese Leute können sich ja sagen, daß sie durch die Wahl eines unionistischen Mannes durchaus noch nicht die Tarifteform herbeiführen, daß sie es vielmehr ja dann noch immer in der Hand haben würden, bei der Volksabstimmung die Tarif­reform zu verwerfen Unzweifelhaft gibt es in England sehr viele Wähler, di« der liberalen Partei an sich nicht hold sind vor allen Dingen der Arbeiterpartei sehr weit entgegen zukommen gezwungen sinddie aber als Freihändler für die schutzzöllnerifchen Unionisten nicht sfimmen toürben Sobald nun durch das Referendum dieses Motiv in Fortfall kommt, können solche Wähler für unionistische Bewerber stimmen. Zweitens aber liegt in dem Referendum un­zweifelhaft ein der Eitelkeit der Massen schmeichelnder Zug. Die liberalen Parteien stellen mit der von ihnen beabsichtigte« Mund- totmachung des Oberhauses ein« demoftatische Forderung ab, Herr Balfour setzt ihnen nun eine fast noch demokratischer« entgegen

Dieser Schachzug Balfours hat bi« Aussich­ten einer Partei ganz außerordentlich gefördert. ®te_ liberale« Blätter haben nun steilich sofort erklärt, daß bi« Unionisten, wenn sie erst gesiegt haben würden garnicht daran denken würden, das Versprechen mit dem Referendum zu halten, sondern daß sie dann die Tarifteform einfach an­

nehme» würden, ohne nochmals an das Volk z« appelieren DaS ist vielleicht richtig, zunächst aber glaubt di« Wählerschaft, was ihr von ben Parteiführern gesagt oder versprochen wird, be­sonders wenn es sich um eine so hervorageude Persönlichkeit handelt, wie Balfour ja -ein« ist. Dazu kommt nun noch, daß das Homerul« für England auch vielen liberalen Wählern ein Dom im Aug« ist, was schon Gladswne hat erfahre« müssen Es ist auch ein ganz geschickter Zug, diese Abneigung auch liberaler Wähler gegen daS Homerul« noch dadurch zu verstärken, daß sie ihre unionifnfchen Anhänger in Irland veran­laßte, zu erllären, sie würden sich der Einführung von Homerule mit Waffengewalt widersetzen

Für den unbefangenen Beobachter ist es wie im vorigen Jahre, so auch in diesem, ein Genuß, die Züge und Gegenzüge der englischen Parteien auf dem politischen Schachbrett zu verfolgen. Wir müssen neidlos bekennen, daß die englischen Par- teien und ihre Führer den unseren in der Führung des Wahlkampfes an diplomatischer Verschlagenheit weil überlegen sind.

Landwirtschaftlicher Kreisverein.

* Marburg, ". Dez.

Die heute im Restaurant Pfeiffer (Lederer) ab- gehaltene Sitzung des Landwirtschaftlichen Kreisver­eins Marburg war gut besucht.

Nach Erledigung eines Aufnc';megefuches machte der Vorsitzende, Herr Detcnomierat Direktor Dr. Hesse, Mitteilung von verschiedenen Eingängen sei­tens der Landwirtschaft , kammer und privater Unter­nehme', bie landwirtschaftliche "Maschinen usw. an- bieten. Die Erhebung bezüglich der Jungviehweiden in hiesiger Gegend ist zwecks näherer Feststellung wie­der zurückgekommen; es sollen u. a. auch bie Ziegen­weiden mit aufgeführt werden. Die Liste der Wei- denbesttzer wurde noch einmal zur Verlesung gebracht und aus der Mitte der Versammlung ergänzt. Gleich­zeitig wurde vom Vorsitzenden ar1 -'Geteilt, daß die landwirtschaftlichen Kalender eingegai.gen seien und heute schon zur Verteilung gelangen sollten.

Herr Direktor Schmidt-Breitenau, ein im land­wirtschaftlichen Verein bereits bekannter tüchtiger Redner, sprach dann r^-t das Thema: .Zucht auf Leistung". Der Redner wies in seiner Einleitung ruf die vortrefflichen Viehbestände in den norddeut­schen Tiefebenen hin. Man habe festgestellt, daß bie den aus Holland stammenden Ui'-rungstieren n'ch- gezüchteten Tiere diese an Mächtigkeit noch über­träfen. In Schlesien, Posen und Mecklenburg gebe es die Stammzuchtschäfereien. Es würden dort Fleksch- und Wollschafe gezüchtet. Was die Pferdezucht an­belange, so sehe man d e hervorragendsten Leistungen in England, Frankreich und Oesterreich; Deutschla'ib stehe trotz aller Bemühung»" immer noch etwas zu­rück. Den besten Beweis habe man bei den großen Kennen. Alle diese Tierarten und Zuchtrichtungen, die der Redner in kurzen Zügen schilderte, seien zu­stande gekommen, weil die Leute auf Leistung züch­teten. Was die Simmentaler Rindviehrasse, die ja hier gut bekannt sei, anbelange, so müsse man fest­stellen, daß seit 2050 Jahren, seitdem man dies« Tiere importiere, immer noch nicht das gewünschte Resultat erzielt sei. Manchmal, besondere wenn die elften Nachzuchten von Importen nicht vorhanden seien, gingen die Tiere an Qualität zurück. Mit ben (Ergebnen, die man sich von der Simmentaler Rasse versprochen, könne man hier nicht so zufrieden fein, wie man es wünsche. Mangel an Leistungszuch- sei es wohl, daß man hier nicht voll unb ganz mi dieser Rasse zufrieden sei. Die Ursache liege viel leicht daran, daß die Erwartungen, die man an dies Vieh stell-, zu hoch seien. Fleisch, Milch und Arbeit zusammen zu verlangen, da« genüge nicht. Der springende Punkt, der so viel« Landwirt« veranlasse, sich der llimmentaler Z hi zuzuwe^ sei die Er­scheinung, die gewaltige Größe unb Schwere, welch« diese Tiere hätten. Die Ansprüche, welche die ein­zelnen Besitzer an die Tiere stellen, sind recht ver­schieden, wie der Vorsitzende an der Ha-d von Ziffer« eingehend vor Augen führte. Die Hauptsache bei der Zucht sei, daß man sich mehr um die Herkunft bet Tiere kümmern müsse; beim beide Eltern seien nach dem züchterischen Grundsatz in gleichem Maße an der Qualität der Tiere beteiligt. Die schöne Körperform mache es bei dem Simmentaler Vieh nicht aus, son­dern der Milchertrag. In v-.en Gegenden hab« man, um bie Leistung bet Tiere festzustellen, sogen. Kontrollvereine eingeführt; hier in unserer Gegend, wo noch der Körnerbau vorherrsche, wurden solch« Kontrollvereine nicht bestehen können. Es gebe aber noch ein Mittel, um die Milchergiebigkeit der Küh« festzustellen, das seien die regelmäßigen Probemelk­tage. Auf dieser Grundlage könne man bie beste Leistungsprüfung einrichten unb Tier« auf ihren Milchertrag züchten. Der Redner machte dann Mit­teilungen von seinem eigenen Biehstand. Er habe in seinem Stall jetzt nur Landvieh, aber keine Kuh unter einem Milchertrag von 3000 Liter jährlich. Um handgreifliche Unterlagen zu haben, müsse ma»

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