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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg und Kirchhain
»nd den Beilagen: .Mach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
J3 285
Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn, und Feiertage. — Der Bezugspreis betragt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 <M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Erpeditton (Markt 21), 2,00 Jt. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- Hon keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Dienstag, 6. Dezember 1910.
Die Jnserttonsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7ae^altene Zeile oder deren Raum 16 für auswärtige Inserate 20 A, Wr Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Üniversitäts-Buchdruckerei. Inbab->r Dr. C. f'il-e: \ Marburg, Markt 21. — Telo"^on 55.
45. Jahrg.
Erttes Blatt.
Labiau — Wehlau.
Die vierzigste Nachwahl zum Reichstage hat da» Ergebnis gebracht, daß der konservative Kandidat, Landrat a. D. Burchard-Austinehlen mit dem freisinnigen Bürgermeister der Stadt Tapiau, Wagner, tn die Stichwahl kommt. Die Geschichte dieses Wahlkreises, eines Teiles des alten Ordenslandes, ist äußerst wechselvoll. 1867 vertrat ihn der konservative Abgeordnete Prinz Friedrich Karl von Preußen. 1871 ging er in nationalliberalen Besitz über. 1874 erhielt der Liberale Fernow 4789 Stimmen, während der Konservative es nur auf 533 Stimmen brachte. 1878 kam er wieder in konservativen Besitz und in der Wahl 1881 ging er mit gewaltiger Mehrheit in den des Freisinns über. Von da ab galt der Kreis als sicherer Besitzstand der konservativen Partei. 1903 wurden von den 20 074 Stimmen 14 227 abgegeben. Der konservative Kandidat, Herr » .Massow (Parnehmen), erhielt 7127 Stimmen, der Freisinnige 2021, der Sozialdemokrat 5066. 13 Stimmen waren zersplittert. Bei der Wahl 1907 lagen die Verhältnisse wesentlich anders. Damals stand man unter der Dlockparole und der Konservative wurde glatt gegen den Sozialdemokraren gewählt, der schon 1903 Aussicht hatte, in die Stichwahl zu kommen. Der Besitzstand der konservativen Stimmen ist der gleiche geblieben, wie 190 3.
Man muß sich diese Geschichte des Wahlkreises vor Augen halten, wenn man die Dinge richtig einschätzen will und vor allem den Jubel unserer linken Brest« über den Verlust des „bombensicheren" ost- elbtsch-konservattven Mahlkretses an den Freisinn als die richtige Agitationsmache erkennen will. Der Freisinnige wird ja voraussichtlich auf den Krücken der Sozialdemokratie das Mandat holen, wenn auch Aeberraschungen nicht ausgeschloffen sind. Eine besondere symptomatische Bedeutung hat die Wahl keineswegs. Der Zuwachs, den die Konservativen 1907 zur Blockzeit wohl von nationalliberalen Stimmen gegenüber 1903 erhalten hatten, ist eben diesmal dem Freisinnigen zugute gekommen.
Das war vorauszusehen und ist auch von der konservativen Partei vorausgesehen worden. Gerade der Umstand aber, daß die Konservativen den eigentlichen Besitzstand gewahrt haben, zeigt am besten, daß die Behauptung von dem Niederschmettern der Konservativen eben eine Phrase ist, die durch ständige Wiederholung nicht wahrer wird.
Immerhin bedeutet der Verlust des Mandates viel im Hinblick auf die allgemeine politische Lage.
51 f"?oAhrur; verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire v. Glümer.
k Fortsetzung.)
Wenn er gewußt hätte, wie ernst und schwer ste alles nahm!--Und doch, sie war zu schön
und er zu verliebt — knabenhaft verliebt, wie er sich eingestand —, um ste aufzugeben. Ein heißes Verlangen, heißer, als er es je empfunden hatte, wallte in ihm auf.
„Christiane!" flüsterte er und versuchte wieder sie zu umfaffen, aber mit angstvollem „Nein, nein!" streckte sie abwehrend die Hände aus.
„Du liebst mich nicht ... Du hast kein Herz!" rief er zornig: sie ließ seufzend die Hände in den Schoß sinken und sah ftittnm darauf nieder; dann, ohne den Blick zu erheb n, sagte sie:
„Du tust mir unrecht; ich liebe Dich von ganzem Herzen . . aber ich kann's nicht zeigen, wie . . . wie Du es verlangst ... ich —", sie schauerte leicht zusammen; „ich fürchte mich!"
„So glaubst Du mir nicht, vertraust mir nicht?" rief er vorwurfsvoll.
„Ja, ja? unbedingt!" antwortete ste, die leuchtenden Augen zu ihm aufschlagend, und reichte ihm die Hand, die er zärtlich küßte. „Ich bin auch nicht mutlos, nicht verzagt," fuhr ste mit ihrer stolzen Kopfbewegung fort. „Nicht der offene Kampf, nur das Heimliche, Lichtscheue ängstigt mich."
Christian lächelte.
„Geliebte Törin," sagte er, „das heimliche Glück kennst Du noch nicht."
' „Das gibt es nicht für mich," antwortete ste. „Heimlich beiden, das verstehe ich — aber ein Glück, das sich verstecken muß — nein?"
„Und doch werden wir uns verstecken müssen," sagte Christian.
‘ „Warum denn?" fragte ste, und ihre Augen I blickten vertrauensvoll zu ihm auf; „weder der I Kampf mit Deinen Angehörigen, noch die •
Wir sind s. Z. dafür eingetreten, daß über die Reichsfinanzreform eine Einigung auf der Grundlage der Annahme einer Nachlaßsteuer, die nicht allzu tief in das Rechts- und sittliche Gefühl des Volkes beim Tode des Ernährers der Familie einschnitte, zustande käme. Wir geben gerne zu, daß mit dem radikalen Freisinn der „Franks. Zig." und der Herren Träger und Naumann eine nationale Blockpolitik aus die Dauer nicht zu machen war. Die Herren arbeiten viel lieber mit Bebel. Auch sonst hatte die „Block- üra" schwache Seiten, wie sich jetzt zeigt. Aber es war parlamentarisch ein Fehler, dem wirklich bürgerlichen Liberalismus nicht auf dem Gebiete der Nachlaß- steuer die Konzeflionen zu machen, die er gegen seine früher» nachlaßsteuerfeindliche Stellung selbst gemacht ha t>. und es war, rein politisch genommen, ebenso sc: Große Teile des Mittelstandes und führende
Mü:!,!-r wie Adolf Wagner sahen in der Belaswng der W-.hlhabenden durch die Erbschaftssteuer einen sozialen Ausgleich für die doch immerhin das Haushaltungsbudget stark belastenden neuen Steuern. Daß der Wohlhabende, wenn er von seiner Bank 1000 M abholt, 10 Pfg. Stempel bezahlen muß, davon sieht das Volk nichts. Von der Talonsteuer merkt es schon gar nichts, denn es weiß vielfach noch nicht, wie ein Dividendenbogen aussieht. Wenn aber, wie im letzten Jahre, ein Mann wie der Seniorchef des berühmten Bankhauses Mendelssohn, Geheimrat von Mendelssohn-Bartholdy, gestorben ist, oder wenn über kurz oder lang der alte Fürst Henckel-Donnersmarck sterben sollte, und wenn dann die Erben solcher schwer reichen Männer eine runde halbe Million Erbschaftssteuer zu zahlen hätten, wenn dann die Mitteilungen über solch riesige Steuerleistungen Ein- yelner bekannt würden, so würde man klarer sehen, wie die Kreise, die es wirklich können, dem Staate Mittel überlassen.
Gewiß hat gerade die Nachlaßsteuer starke Gründe gegen sich, aber um der Finanznot abzuhelfen, war dieser von der Regierung vorgeschlagene Weg der Nachlaßsteuer der richtige. Die konservative Partei hat nach unserer Auffassung eben damals dies sozialausgleichende Moment, das die Steuer in der bestimmten Lage hatte, bis auf einige, speziell die sächsischen Abgeordneten, nicht richtig eingeschätzt und geht nun jetzt der Stimmen, die sich ihr schon genähert hatten, wieder verlustig. Das ist die Lehre von Labi '»-Wehlau. Man wird das Auge vor der wahren Sachlage nicht verschließen wollen, angesichts des Verlustes dieses rein ländlichen Wahlkreises.
Wohl- beweist her Wahlausfall, daß die konservative Partei sich nach wie vor auf eine sichere Zahl ihrer Anhänger verlassen kann, wie auch Herr v. Heydebrand neulich voraussagte. Aber dies genügt nicht, angesichts des
Opfer, die Du unserer Liebe zu bringen hast, werden leichter, wenn Du zögerst."
Ein Gefühl der Beschämung zwang Christian, sich abzuwenden, aber nur für einen Augenblick dann besann er sich darauf, daß es nicht feine Schuld war, wenn sie sich törichten Hoffnungen hingab. — Von Heirat — das wußte er bestimm: — hatte er nie gesprochen; hafte nur Liebe, uneigennützige Liebe gesucht und begehrt. Konnte sich Christiane dazu nicht ausschwingen, so mußte sie wie andere den Schmerz der Enttäuschung er- ttagen. — Bis zum Ende der Manöver mochte sic immerhin weiter träumen — warum sollte er sich auf peinliche Erörterungen einlasten? Vielleicht gelang es ihm auch noch, sie gefügiger zu machen.
Mit verdüsterter Miene sagte er:
„Geliebtes Herz, so einfach, wie Du meinst, liegen die Dinge nicht. Mit meinem Harthäuser Onkel darf ich es nicht verderben. — Er hat eine glänzende Heirat für mich geplant, aber die Auserkorene ist heimlich mit einem meiner Freunde verlobt, — gelingt es den beiden, ihre Wünsche durchzusetzen, so bin ich nach der Richtung frei: vorläufig heißt es laväeren. Wie lange das dauern kann, weiß ich nicht, und ebensowenig, wie ich die Zeit des Wartens überstehen soll, wenn Du Dich weigerst, uns zu ungestörtem Zusammensein zu verhelfen."
„Ich kann es nicht!" sagte Christiane.
„Du mußt! — Wenn es hier nicht möglich ist, komm' diesen Muter für eine Weile in die Residenz ... Du bist Künstlerin, brauchst Anregung willst Studien machen ... ein plausibler Vorwand findet sich und ebenso gut eine anständige Familie, bei der Du wohnst und ich mich als Dein Jugendfreund einführe . . . Chrstiane, wenn ich an Deine Lieb« glauben soll, mußt Du auf meinen Vorschlag eingehen ... Du mußt!"
Sie bebte und glühte bei seinen leidenschast- liche« Worten; plötzlich erinnerte sie sich an ihr letztes Zusammentreffen mit Jonathan, und der jöäwi ixxrr geyrvlyen.
immer wachsenden Ansturmes der Radikalen, wäre Stillstand Rückgang. Alle Wahlen werden durch Mitläufer entschieden, wo sind die überzeugten Parteigenossen? Die allgemeine Volks- sttmmung ist ein Faktor, der wohl beachtet sein will, ste ist es, die z. Z. die Mitläufer gegen die deutsch- konservative Partei dirigiert.
Von Preßsttmmen seien erwähnt: Das mit Recht so beliebte „Berk. Tcgebl." stimmt folgenden Hymnus an: „Dieses Resultat bedeutet einen vollständigen Zusammenbruch der Konservativen und einen glänzenden Sieg der Fortschrittlichen Voccspartei. Man kann ruhig von einem Siege sprechen, denn es ist ja wohl nicht zweifelhaft, daß die sozialdemokratischen Wähler in der Stichwahl Mann für Mann dem fortschrittlichen Volksparteiler ihre Stimmen geben werden — genau so, wie wir es für selbswerständlich halten, daß in allen kommenden Stichwahlen zwischen Vertretern des schwarzblauen Blocks und Kandidaten der Sozialdemokratie jeder wirklich liberale Mann für den sozialdemokratischen Kandidaten stimmen wird."
Wie sich in den Köpfen dieser Leute doch die Tatsachen malen.
Die „Post" kommt zu folgendem Ergebnisse: „Der Ausfall ist keineswegs in dem Maße vernichtend für die Konservativen, wie die gegnerische Presse vorausgesagt hat. Die Zunahme der linksliberalen Stirn; men erklärt sich zum Teil daraus, daß diesmal die Nationallberalen mit ihnen gegangen und auch manche städtischen Wähler sich von den Konservativen abgewandt haben. Beachtenswert ist ferner die geringe Zahl der sozialdemokratischen Stimmen. Müßte man nicht in Bezug auf allgemeine Schlußfolgerungen aus einzelnen Nachwahlen äußerste Vorsicht üben, so könnte man in Verbindung mit den Ergebnissen der letzten sächsischen Wahlen aus dieser Tatsache folgern, daß die rote Flutwelle zum Stillstand gekommen ist und sich eine rückläufige Bewegung anbahnt. Alles in allem genommen muß man sagen, daß weder die Befürchtungen der Konservativen noch die Hoffnungen der Liberalen in vollem Umfange eingetroffen sind, und daß daher dem Ergebnis der in Rede stehenden Ersatzwahl keine große sympiomische Bedeutung beizumeffen ist, als vielfach vorher angenommen wurde."
Die „Nordd. 9t 11g. Ztg ": „Läßt man die Wahlen von 1907, die unter außergewöhnlichen Umständen stattfanden, außer Betracht, so stellt sich das Ergebnis folgendermaßen: die Konservativen haben sich behauptet, die Liberalen haben an Stimmenzahl gewonnen, die Sozialdemokraten find zurückgegangen. Allgemeine Folgerungen möchten wir aus dem Wahlausfall nicht ziehen, da erfahrungsgemäß bei Nachwahlen besondere Momente, wie lokale Umstände und
„Ich kann nicht . . . will nicht!" sagt« sie in härterem Tone, als ihre Absicht war, zog die Hand zurück, die Christian erfaßt hatte, stand auf und ging schnell der Richtung zu, aus der Caras Lachen herüberklang. Christian ging ihr langsam nach.
„Eine beleidigte Königin!" sagte er in Gedanken zu sich selbst; „es ist Rasse in dem Mädchen — Erbteil des unbekannten Vaters vieli- leicht!" — Er lach e spöttisch vor sich hin. „Mit welcher Entschlossenheit sie darauf ausgeht, mich trotz Familientradi'onen und Majorat zu heiraten ... schneidig, wenn's nicht so komisch wäre! . . . Dabei macht mich ihre kluge Sprödigkeit ganz toll . . . nur keine Dummheiten macherr, alter Junge, denn wenn Onkel Christian und Tawe Karolin« etwas erführen . . ."
Ihm graute bei dem Gedanken; aber gleich darauf lachte er wieder; wie konnten die fernen Verwandten erfahren, was er hier int täglichen Verkehre selbst vor Cousine Melanies Späherblick so geschickt zu verbergen mußte?
Und doch sollten nicht mebr vierundzwanzig Stunden vergehen, bis das gefürchtete Familienhaupt der Parnims von den Vorgängen in Elmenach unterrichtet war. — Jonathan Wild, der von ferne das Zusammentreffen der beiden Offiziere mit Cara und Christiane gesehen batte, war ihnen vorsichtig gefolgt, hatte sich vorsichtig längs der Hecken hinaeschoben und von Parnims Gespräch mit Christiane genug erlauscht, um über den Stand der Dinge im klaren zu sein. Schnell ensscklossen beaab er sich in sein« nahegelegene Wohnung, fand das nötige Schreibmaterial zusammen und brachte seinen alten und neuen Groll in folgendem Briefe zum Ausdrucke: „Elmenach, 26. September 1886.
Ew. Hochwohlgeboren kennen mich nicht, aber ich habe Ste flücbttg gesehen und weiß nur z» gut, welch ein verteufelt hübscher Junge Sie vor zirka einem Vierteljahrhundert gewesen sind. — Zu sener Zeit gelang eS Ihnen das hübsche Mädchen zu betören, da- ich mit aller Leiden
konzentrierte Agitation, mitsprechen, die bei den Hauptwahlen nicht im selben Maße zur Geltung kommen. Insbesondere würde es nicht gerechtfertigt fein, aus dem Stillstand der Sozialdemokratie in diesem ländlichen Wahlkreise optimisttsche Anschauungen abzuleiten."
schäft der Juaend lieb e. Sie hieß Mathild« Tanner und lebte mit ihren Ettern in Elmenach Erinnern Sr sich der hübschen Episode
Es ist freilich lange her, und ich würde nich so geschmacklos sein, Sie daran zu mahnen wenn die Geschichte nicht ein Nachspiel hätte.
Wie Sie wissen, hat Mathilde Tanner ein< Tochter hinterlassen, hie — wie Sie nicht wissen, da Sie sich nie um Ihr Kind bekümmert haben, — fast noch schöner ist. als die Mutter war, Dem edlen Vater zu Ehre» heiß' sie Christiane, und der edlen Familientradition zufolge Hal ein jüngerer Christian v. Parnim dem sie, bei den Rortbeimbs im Elmenacber Schlösse begegnet ist, den Blick des Wohlgefallens auf sie geworfen und stellt ihr nach, wie er es von seinen Vorfahren gelernt haben wird. Er Lbi seine Vogelstellerei mit umso größerer Gemütsruhe, da das schöne Kind unter der Obhut einer alten, kranken Großmutter lebt und so arm ist, daß sie ihr hübsches Mattalent einer Fabrik verkaufen mußte. Noch weiß sie den Herrn in Schach zu halten, denn sie ist klüger und energischer als ihre arme Mutter war.
Aber sie scheint den glatten Gesellen zu lieben, und so finde ich's denn doch geraden, dem schutzlosen Mädchen zu Hilfe zu komm-n. — Liegt Ihnen also an dem Burschen, der nicht nut Ihren Namen trägt, sondern, wie ich höre, auch Ihr Pflegesohn und Erbe ist. so sorgen Sie dafür daß er so bald wie möglich aus Christtanen- Gesicb'skreis verschwindet. Geschieht das nicht, so sch'eße ich ihn nieder wie einen tollen Hund — darauf gebe ich Ihnen mein Wort! — dar Wort -ttnes Elenden, dem das Leben nicht ein« Pfifferling wert ist.
In gebührender Hochachtung
Jonathan Wild, Maler a. D." Noch denselben Abend ging diese- Schreib« nach tzarchausen ab. '
, , (Fortsetzung folgt.» 3.
Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.
S. & H. Berlin, 3. Dez.
Die bereits gestern von uns angebeutete Möglichkeit, daß die Staatsanwaltschaft noch auf die neuen Zeugen zurückgreifen werde, die sich infolge des Aufrufs des Polizeipräsidenten Iagow gemeldet haben, hat sich bewahrheitet. Zu Beginn der heutigen Sitzung erhob sich der Erste Staatsanwalt zu folgender Erklärung: Es sind hier im Laufe der Verhandlung viele Zeugen aufgetreten, die Über das Verhalten der Polizei während der Unruhen ausführliche und zum Teil ungünstige Angaben gemacht haben. Nachträglich sind bei mir aber zahlreiche Meldungen von Personen eingegangen, die bereit find, als Zeuge auszutreten. Es haben sich bei mir 70 Leute gemeldet, die ausführliche Beobachtungen über das Verhalten der Polizei gegenüber den Demonstranten gemacht haben und vor Gericht aussagen wollen. Ich überreiche dem Eerichtsbof die Liste der 42 Personen, deren Ladung ich vorläufig beantrage. Außerdem beantrage ich noch, den Eeschäftsfiihrer Burchard zu laden, der eigene Bekundungen machen soll darüber, wie sich dir Streikenden und die Arbeitswilligen bei Streiks im Stadtteile Moabit zu verhalten pflegen.
Der Gerichtshof gibt dem Anträge des Stattsanwalts auf Ladung der von ihm benannten Zeugen statt. Darauf wird in der Erörterung der einzelnen Anklagepunkte fortgefahren. Der Angeklagte Kliche soll, während er auf einem Leiterwagen saß, mit Steinen geworfen und dabei einen Knaben verletzt haben. Verschiedene Polizeibeamte bekunden, daß man in den Taschen des Angeklagten, nachdem dieser sistiert worden war, eine Anzahl größerer Steine gefunden hohe. Der Angeklagte behauvtet, daß er bei seiner SüHeruna aefrf’lagen und ouck, in der Helle mißhandelt worden sei.— Ein Drogist Weißmüller hat von den Mißhandlungen nichts gesehen. Er meint, der Angettaate sei von den Schutzleuten eher zu anständig behandelt worden. Ueber diesen Ausdruck kommt es zu einer längeren Auseinandersebnng zwischen der Verteidigung und dem Zeugen. — Einweitere Zeugin bekundet, daß ein älterer Mann, der ruhig seines Weges ging, von Kriminalbeamten mit Stöcken zu Boden geschlagen wurde, sodaß et blutüberströmt zusammensank. Mitleidige Passanten trugen ihn dann von der Straße auf den Bürgersteig. Dem Angeklagten fieibe wirb von seinen Kollegen bestätigt, daß er ein fleißiger und nüchterner Mann sei. Seine Logiswirtin weiß zu bekunden, daß er englische und französische Svrachstudien getrieben und auch bas Modell einer Fluomaschine gebaut habe. — Zeuge Schneidermeister Oslatb will gehört hab-"' daß aus der Menge Rufe: Auf die Blauen! und Bluihunde laut wurden, ist aber der Meinung, daß die Rufe von Kriminalbeamten verrührten. — Norf.: Wie lange standen Sie dazwischen? — Zeuge: Etwa eine halbe Sttinde. An der Ecke Wald- und Turm- sttaße habe ick gehört, rote eine Attacke kommandiert wurde. Der Leutnant, der den Befehl führte, schlug