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Deutsches Reich.

Der neue Kolonialetat zeigt, wie uns ei« alter Afrikaner schreibt, zum ersten Male die Hand des Fachmannes, der die Lebensfrage« unserer Kolonien gründlich kennen gelernt hat. Die Verdienste Dernburgs um den Ausbau des Verkehrswesens sollen gewiß nicht verkleinert werden Da diese Fragen aber allzusehr nach kaufmännischen Gesichtspunkten gelöst wurden und eine Tarifpolitik zur Einführung gelangte, die nur hochwertige Erzeugnisse vertragen kön­nen erfährt das Verdienst Dentburgs eine er­hebliche Einschränkung. Ganz unbeachtet blie­ben aber weit wichtigere Lebensfragen bei Kolonien, die freilich nur der beurteilen kann, der praktische Erfahrungen gesammelt hat. Ver­suchsfarmen und Versuchspflanzungen sollen entstehen, ein bakteriologisches Institut ge­schaffen, das Veterinärweffn zweckentsprechend gegliedert, Versuche mit Trockenlandkultur, Obst­und Weinbau, hochwertigen Tabafforten ge­macht, der Bau fester Plätze namentlich in Kamerun beschleunigt werden, der Wagende» kehr im Hinterlande dieser wichtigen Kolonie zur Einführung gelangen alles Dinge von un- gehmrem Werte, wie jeder nachrechnen kann, der nur einigermaßen mit dm Verhältnissen vertraut ist. Es muß gehofft werden, daß der Reichsatg dem neuen Herrn im Reickskolonial­amte dasjenige Vertrauen entgegenbringt, daS wir alten Kolonisten ihm schenken und daß Ab­striche an vermeintlichen unwichtigm Posten nicht vorgenommm werden. Die Zukunft wird lehren, daß die Forderungen ganz erheblich wirtschaftlich werbend wirkm werden und daß sie sich enffprechend der Finanzlage des Reiches und der Kolonien in sehr btcheidenem Rahmen bewegen. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo unsere Kolonien dann der finanziellen Hülfe des Mutterlandes entraten können. Trat erhöhter Anforderungen ist der Reichszuschutz bereits auf ein Weniger gegen das Voriahr von 3 700 000

Dabei wollte er sie umarmen, aber mit einet raschen Bewegung entzog sie sich ihm.

Richt so!" sagte sie;vorläufig müssen wir uns begnügen ..." _ ,

Ich kann es nicht!- fiel er ein.Du sollst es auch nicht können. Hier fteilich ist grotze Vorsicht geboten . . darum müssen wir uns auf anderem Boden treffen. Besinne Dich . . . hilf mir!'

Sie fchüttelte stumm den Kopf.

Wie wär's, wenn ich Dich bei Deiner Groß­mutter aufsuchte?'

Ganz unmöglich!'

So sage mir, in welchm Häusern Du vev- kehrst ... ein Vorwand, mich einzuführen, wird sich finden . . . und wenn's Gevatter Schneider und Handschuhmacher sind mich soll's nicht stören!'

Christiane warf stolz den Kopf zurück; kannte er sie so wenig?

Unpassenden Umgang könnte ich nicht er» tragen- antwortete sie.und warum ich außer Rortheimb keinen passenden habe . . .' Ihre Stimme versaate, aber tot nächsten Augenblick hacke sie die Schwäche Überwunden und fuhr, wenn auch mit stockendem Atem, fort:Man hat strenge Grundsätze in der Heinen Stadt, und Weil auf meiner Herkunft ein Flecken siegt ... ich kenne den Namen meines Vaters nicht . . .*

Latz, ich bicke Dich.' rief Christian, der sich für die Famisienangelegenheiten der Tanners nicht tot mindesten interessierte,laß die Ver­gangenheit . . . Wir haben mit uns selbst so vi« zu ton . . . aber Du zftterll! Komm, setze Dich.'

Mit diesen Borten führte er sie zu einer Steinbauk im Schatten der Hecke, an der sie bis­her langsam hingegangen waren.

(Fortsetzung folgt.)

OberheWje 3cituiu]

Zweites Blatt

stehen, so daß sich ihr Einfluß nach dem Grund» satz des Divide gegenseittg schwächt und aufhebt.

Reformen in Rußland.

Stolypin entwickelt einen Reformeffer, bei insofern Überraschen kann, aber gar nicht ans russische Art sich äußert, die darin besteht, daß ein Anlauf genommen wird und dann alles beim alten bleibt. Nach diesem alten Rezept arbeitet bekanntlich auch die Reichsduma. Anders Stolypin, der seine Pläne sorgsam vorbereitet, dann aber mit großer Zähigkeit an ihnen feft» hält. Vor allem geht er schrittweise vor, und er sucht die Agrarftage von verschißenen Seiten her der Lösung näherzubringen. So hat er den fünften Kongreß für örtliche Wirtschaft mit einer Rede begrüßt, durch die er eine tiefgreifende Re­form des kommunalen Kreditwesens ankündigt. Städte wie Landschaften sollen mit Hilfe des Stackes etwa in der Weise wie es durch die Landschaften der preußischen Pr ovinzen geschieht, sich selber Kredit beschaffen. Derreattionäre- Premierminister läßt gar keinen Zweifel, daß er auf die Mitarbeit der nichtbeamteten Kreise rechnet er hält Selbstverwaltung für notwendig Stolypin ist in der Tat ein moderner Staats mann. Daß er bett russischen Staat dem dortigen Liberalismus nicht ausliefern mag, wird keinen überraschen, der den russischen Liberalismus wirklich kennt. Die russischen Liberalen müssen erst zu Siaatsbewußffein und zu nüchterner, bot allem zu positiver politischer Arbeit erzogen wer­den Als Erzieher Rußlands ist in der Gegen­wart vielleicht kein anderer so geeignet wi< Stolypin, der nach russischen Begriffen ein Mann von außerordentlicher Nüchternheit und Pedanterie ist Gerade solche Männer sind not« wendig, um ein neues Rußland aufzubauen.

Entgegenkommen haben später die Europäer mit der ihnen eigenen Fähigkeit ein Recht herausge­bildet das sie sich selbst dann nicht nehmen ltetzen, als der Sultan infolge der sich daraus für den Staatsbetrieb ergebenden Schwierigkeiten und des taffächlichen Mißbrauches, der mit diesem Ge­wohnheitsrecht getrieben wurde, dagegen ein­schritt und die Aufhebung dieses von den Vertre- tcnt der Mächte für sich beanspruchten Schutz- rechtes forderte. So ist es zur Madrider Kon- bentton gekommen. Schon vorher aber hatte Frankreich das Institut in weitgehendster Weise in den Dienst seiner Interessen gestellt und durch Verleihung des Schutzrechtes alle irgendwie poli­tisch bedeutsamen Elemente in Marokko von sich abhängig zu machen gesucht. Vielleicht wäre es damals zu seinem Ziele gekommen, sich in Ma­rokko zum ausschlaggebenden Faftor zu machen, wenn nicht, wie überhaupt auf der ganzen Erde, so auch besonders in Maroffo, der alte englisch- französische Gegensatz bestanden hätte und der da­malige langjährige Vertreter Englands, Sir Edward Gay, auf der Hut gewesen wäre und die althergebrachte maroffanische Sorglosigkeit Mulay el Hassans aufgerüttelt hätte. So hob Mulay el Hassan, gestützt auf den Rat Englands, die be- ftehenden, teilweise auch auf älteren Verträgen beruhende Schutzrechte auf. wogegen Frankreich in scharfer Form Protest einlegte. Die dadurch entstandenen Differenzen sührten dann zur Madrider Konferenz und weitck zur Madrider Konbenfion. die das Schutzrecht in Marokko auf die gegenwärtig noch geltende Basis stellte.

genossenschaftliche Arbeiterbew gung in den Sumps, in die Anarchie führen. Einhalt tun müssen wir dem demagogischen Treiben Einzel­ner, die mit ihrer Maflenverhimmlung die Massen zur Disziplinlosigkeit und damit zur Machtlosigkeit führen. Das liegt im Interesse der Stärkung der gesamten Arbeiterbewegung.

Rk. 284

Sonntag, 4. Dezember

Das Schutzrecht europäischer Kultur- Staaten iii Marokko.

Wer je in Maroffo auch nur kurze Zeit weilte wird fraglos in Berührung mit einer eigen­artigen Sondereinrichtung gekommen sein, die in vielen Puntten an die Exterritorialität der Justtz int Orient erinnert. Es' ist das Schutzrecht, das in Maroffo von den dortigen Vertretern der Großmächte an marokkanischen Staatsange­hörigen ausgeübt wird gegenüber der marok­kanischen Regiemng mit deren ausdrücklichen Zu­stimmung. Dieses Schutzrecht ist nun von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung, da es die schutzgewährenden Staaten ermächtigt, zugunsten ihrer Schutzbefohlenen gegen Anordnungen der maroffanischm Behörden zu protestieren und unter Umständen tief in innexmarottanische Ver­hältnisse einzugreifen. Dadurch ist natürlich häufig eine Konfliktmöglichkeit gegeben. Aus die­sem Grunde haben sich die Diplomatie, und die Regiemngen der einzelnen Großmäche schon mehrfach mit dieser Einrichtung befaßt. Beson­ders fn hier die Madrider Konscrenz vom Jahre 1881 erwähnt, die zum Madrider Abkommen führte, das zum größten Teil der Regelung der Frage der Schutzbefohlenen gewidmet ist und bis heute die rechtliche Grundlage für dieses Institut darstellt. Dieses Schutzr.cht ist aber nicht nur eine Quelle diplomatischer Schwierigkeiten gewesen, sondern hat andererseits auch wieder in einzelnen Gegenden sehr segensreich gewirkt und gerade dadurch, daß durch das Jnterventions-recht der fremden Vertreter die marokkanische Staats antorität beschränff wird, in vielen Fällen Recht und Gerechtigkeit gegenüber der marokkanischen Mandarinewillkür Geltung verschaffe. Unter sei­nem Schutz ist erst einzelnen die Möglichkeit ge­geben worden, einen gewissen der Staatsgewalt entzogenen Wohlstand zu erlangen. d:r bann an bere ebenfalls zu intensiverer Arbeit angespornt hat. In einzelnen Geaenden, besonders solchen, die in unmittelbarer Nähe der Küste liegen, wie bet Sckauja, wo bas Institut der Schutzbefohle­nen vornehmlich ausgebaut ist, größere Ge­schäftshäuser in Casablanca haben bis zu 100 Schutzbefohlene - hat es sogar zur Auflösung der al<en Dorfverbände geführt und den Ucber gang vom alten Nomadentum zur festen Ansied­lung bewirkt.

Die Anfänge dieses Schutzrechtes dürsten nicht über die Micke des vorigen Jahrhunderts zurück­gehen, zu welcher Zeit bekanntlich der Macht rückaang Maroffos begann: denn einen der- ar'igcn Eingriff in seine Souveränitätsrechtc läß« sich kaum ein in seiner Vollkraft befindlich r Staat gefallen. Allerdings muß man anderer­seits auch wieder berücksichtigen, daß das Macht gebiet der maroffanischen Beamten sich nicht mit dem der Unionen vergleichen läßt daß es viel­mehr in Maroffo durchaus Sitte ist, Konnexionen mit hochgestellten Persönlichkeiten zu beachten und deren Einspruch in Regierungsmaßnahmeu zu dulden. Es entspräche also nur marokkanischen Herkommen und marokkanischer Höflichkeit, aitdi den diplomatischen und konsularischen Vertretern der Großmächte, als angesehenen Persönlich­keiten, ein-n derartigen Einspruch zugunsten ihnen irgendwie nahestehender Personen zuzu- ftefien. und zwar auf Grund eines Gewohnheits­rechtes, das sich in Marokko jeder angesehene Mann anmaßt. Aus diesem unverbindlichen

Massen und Führer.

Hamburg, 30. Rov.

' etnif reff ante Ausführungen über das Thema Mchsen^md Führer' machte der bekamite Ge­werkschaftsführer A. b. Elm in einem Bortrage, L er vor Funktionären der gewerkschaftlichen und polittschen Organisationen Hamburgs hielt. Er kam dabei zu folgenden Schlüssen: Wenn m Magdeburg dasdemokrafische Mißtrauen gegen alle Führer- als Grundsatz proklamiert wurde, so können die polittschen Führer sich weit leich­ter damit abfinden, als die gewerkschaftlichen. Mißtrauen hin Mißtrauen her: Auf polrti- schem Gebiete werden die Führer führend blei- bml Massenabsttmmungen vor einer Ent­schließung im Parlament sind ein Ding der Un­möglichkeit. Bei den gewerffchastlichen Kämpfen liegen die Dinge anders. Die Massen wollen entscheiden und werden bei dem ihnen einge- predigten Mißtrauen gegen die Führer deren Ratschläge häufig nicht befolgen. Auf polckischem Gebiete sind die Massen noch nie führend ge­wesen ^nnd werden es auch nie werden. Ganz abgesehen davon, daß man sie nicht befragen kam, Es ist unmöglich, die Massen zu allen Einzelhetten eines Gesetzentwurfs Stellung nehmen zu lassen. Es fehlt ihnen zur Beur­teilung die Befähigung. Auf politischem Gebiete nehmen wir zu den Resultaten gesetzgeberischer Wirffamkeit Stellung. Die polittschen Führer werden niemals Werkzeuge, Handlanger der Massen sein. Anders liegt es bei wirtschaftlichen Kämpfen. Wenn da die Massen die Führer zu Werkzeugen ihres Willens nur en wollen, sind Konflikte unausbleiblich. Die sozialistische Be­wegung ist heute eine Massenbewegung, aber die W>een stammen nicht bon den Massen, nicht ein­mal bon Arbeitern, sondern von hervorragenden Köpfen aus der bürgerlichen Klasse. Marx, Engels, Lassalle, Liebknecht, selbst Bebel waren keine Arbeiter. Die von ifaen entwickelten Ideen wurden von den Arbeitern akzeptiert, aus deren Köpfen stammen sie nicht. Lassalle war durchaus kein urwüchsiger Demokrat, sofern seine eigene Person in Frage kam. . . . Die großen Gewerkschaften werden gezwungen sein, ihre revräsentattven Einrichtungen besser cmszu«- baueu Es ist erklärlich, daß die Arbeiter eine Zentralinstanz nicht als Dolmetsch ihrer Ge­fühle betrachten, daß sie der Meinung sind, der besoldete Beamte verliere allmählich das lebendige Verstündnis für die Gefühle des Arbeiters. Leicht ist das Problem nicht zu lösin, eine Instanz zu schaffen, welcher die Arbeiter bei Krieg und Frieden das'ige Vertrauen etttgegenbvingen. Die Massenfttnnnung ist wandelbar: Heute Hosiannah, morgen kreuziget ihn! Die Massenverhimmlung, die heute im Schwange ist, ist genau so verwerflich, wie der Byzantinismus. Man dichtet den Massen Tugen­den an, die sie garnicht besitzen. Vor allen fehlt ihnen die Kenntnis der wirtschaftlichen Verhält­nisse Mit den Gefühlen allein ist es nicht getan. B i allen Kämpfen ist Kenntnis der Konjunttur erforderlich. Aber man soll cwch nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und die Be- anttenbtftatot als das allein Richtige prokla- mieren. Wir müssen Formen zu finden suchen, durch welche wir die Kentnisse der Führer nutz­bar machen, bei welchen aber auch die Vertrauens- Personen der Arbetter zu Wort kommen. Nur dadurch, daß wir die Massen zur zwecken'- fprechenden Jn-teressendemokratie zu erziebto, ver­suchen. werden wir Erfolge erzielen. Mit dem demokratischen Mißtrauen gegen die Führer Werden wir nur Mißerfolge zeitigen. Die wirk­lich fähigen und ehrlichen Leute werden sich be­danken, als Handlanger des Massenwillens zu figuriern, und dann werden auf allen Gebie­ten Unfähige die politische, gewerffchastliche und

Politische Umschau.

BerschmelzungSbesttebungen bei den deuffchen Zwergstaaten.

DerPost" entnehmen wir folgende Zu­schrift: Die Leitung der Staatsgeschäfte der Fustentümer Schwarzburg-Rudolstadt und Schwar-burg-Sondershausen liegt bereits seit einiger Zeit in einer Hand, und nun soll auch in den Finanzabteilungen der beiden Ministeoen eine Personalunion allmählich angebahnt wer­den. Der Finanzausschuß des Landtages ber grüßte die Vorlagen freudig, da hierin der erste Schritt zu einem Zusammenschluß der beiden Fürstentümer zu erkennen ist. So sehr man an und für sich das Ende einiger bei mittelbeutschen Zwergstacken, schon vom Standpunkt der Ver­einfachung der Verwaltung und der Kostener­sparnis b grüßen wird/ so ruft der Ver­schmelzungsprozeß gewisse verfassungsrechtliche Bedenken wegen der Vertretung jener Zwerg­staaten im Bundesrat wack. Bekanntlich bat jeder der Bundesstaaten tm Bundesrat mindestens eine Stimme, auch der kleinste. Durch Zu- sammenlegeu mehrerer der Staaten in eine Re­gierung, würde eine Vereinigung mehrerer Bundesratsstimmen in einer Hand erreicht wer­den, die der betreffenden konstruierenden Bundesstaatsregierung eine Macht verleihen würde, die ihrer tatfächlichen Bedeckung nichts im en ferntesten entspricht. Beispielsweise würde die Vereintaung der beiden Rudolstadt und der beiden Reuß unter eine Regierung, dieser im Bundesrat dieselbe Macht g-'ben, die die Königreiche Württemberg oder Sachsen haben, d. h. die Vertretung einer künstlichen, gar nicht historisch bered)igten Staatsschöpsung von 2945 Quadrackilometer mit 0,397 Millionen Menschen hätte dasselbe Gewicht wie die Vertretung von 14 993 Quadratkilometer mit 4,508 Millionen Menschen bei Sachsen ober von 19 514 Quadrat­kilometer mit 2,302 Millionen Menschen bei Württemberg (Zahlen von 1905). Die Ver­tretung aller jener Zwergstaaten mit einer vollen «Stimme im Bundesrat ist nur erträglich, wenn diele Zwergstaaten unter sich gleichberechtigt, selbständig und unabhängig nebeneinander be-

50 verboten)

CbrMane Tanner.

Roman von Claire v. Glümer, (Fortsetzung.)

Aber Tia, Du toirft doch unseren Ball nicht vergessen haben?- fragte sie. zog einen Bttes aus der Tasche und fuhr, ihren Groll vergessend, triumphierend fort:Da ist die Einladung für Dich; schon vorgestern hättest Du sie haben können . . . das Warten mag Deine Strafe fein.*

Ich habe nicht gewartet, denn ich werde nicht hingehen,- fagte sie.

Nicht hingehen!- rief Cara;das ist nicht Dein Ernst ... ich hätte ja nur das halbe Ver­gnügen ohne Dich ... Du mußt!- und als Christiane den Kopf schüttelte, fügte sie unbedacht hinzu:Ich schwöre Dir, daß ich ohne Dich auch nicht hiugehe!-

Plöhlich begriff sie, was sie getan hatte, wurde dunkelrot und bot, während ihr Tränen in die Augen stiegen:

O, nicht wahr, nun kommst Du? Ich wäre außer mir, wenn ich den lieben, himmlischen Ball, auf den i<fi mich so furch bar freue, aufgeben müßte . . . und wie fottte ich's Mama e» klären? . . . O Tia! Tia!'

Sie fchluchzte; dem Jammer war nicht zu widerstehen.

Beruhige Dich,- sagte Chrifttane;noch weiß ich nicht, wie ich mir Großmamas Einwilligung verschaffen soll, aber ich will tun, was ich tun kann . . . Deinen Ball mußt Du haben.'

Cara fiel ihr um den Hais; sie war wirffich das liebste, beste Mädchen der Welt. Wenn sic nur wolle, sei alles gut, versicherte die Kleine; Großmama würden sie schon Herumkriegen, und wenn nicht so müsse sich Christiane entführen taffen. Jetzt aber müsse sie freiwillig mitgehen;

sie hätten noch Zeit, vor dem Tee einen kleinen Umweg zu madten, der ihnen beiden febr gut tun werde. Christiane hatte sich trübe Augen angear- btitet und ihr selbst wäre zumute wie dem Gaul in der Tretmühle solange müsse sie, da sie nichc allein spazieren gehen dürfe, sich damit begnügen, round and ronnd durch den Schloßgarten zu laufen.

Sie gingen; Christiane mit einer Mitzernpsin düng die sie nicht zum Genuß des schönen Herbst­tages kommen li-'ß. während sie am Flüßchen entlang der Hinterpsor'c des Schloßgartens zu-- wanderien. Wie ein Verrat erschien es ihr, im Hause der Frau, die auf ihren Beistand rechnete mit Christian zusammenzukommen. Darum war sie, ihre Sehnsucht bezwingend, die letzten Tage zu Hanse geblieben.

AberSeele des Menschen wie gleichst Du dem Wasser- als beim Einbieaen in die Heckenwege das «Schieferdach des Schlosses sicht­bar wurde, zerstoben alle Bedenken, und ihr Herz schlug hoch auf in freudiger Erwartung.

Nur wenige «Schritte noch, und sie war erfiillt; aus dem nächsten Gäßchen kam der Ersehnte mit Herrn v. Enke auf sie zu und hatte, während Cora ihren Heinen Freund begrüßte, für Christiane einen Bl'ck und Händedruck, die sie wonnig durchschauerten.

Dann war er wieder vorflcbtig-kühl. Herrn v. Enke verdrängend, wendete er sich zu Cara und er-ählte ihr im Weiteraeben. daß sie eben die Festräume im Schiitzenbause besichtigt hätten. Eineschauderhafte Butike-, wie er sagte. Der Tanzsaal mit gelbgrundiger, großblumiger Tapete, roten «Samtdraperien, vergoldeten hölzer­nen Quasten und den Oeldruckporttäts der fiirst- lichen Familie wäre der Typus ffeinstädtischer Geschmacklosigkeit. Sie Hä1«en darum die Absicht, dem Schloßgärtner aufzutragen, diefe Horreurs durch Pflanzendekorattonen zu maskieren, und

wären auf dem Wege, Cousine Melani« um 'Be­fürwortung ihrer Wünsche zu bttten.

Cara riet davon ab; der alte Schloßgärtoer, ein wunderlich-r Kauz, möge ihre liebe, reizende Mama nicht leiden und werde ihr nichts zu Ge­fallen tun.

Sie aber, gnädiges Fräulein, erfreuen sich feines Wohlwollens-, fugte Herr v. Enke,das sah ich gestern, als er Ihnen die schöne Rose gab . . .-

Gut, Kleine, so magst Du uns zu ihm führen!' fiel Christian ein.

Wie besehlshaberisch er das nun wieder sagte stack dm ffeinen Enke bitten zu lassen! Aber der Ball ging allem vor. Cara erttärte sich bereit.

Jetzt gleich wollen wir hingehen,' sagte sie, als sie in diesem Augenblicke den Garten betrat. Das Gärtnerhaus ist ganz nabe. . . . Uebrigens wär's am besten, wenn Du zurückbliebest, fügte sie ärgerlich hinzu, als Christian Miene machte, an ihrer Seite zu gehenDel alte Vollrath nimmt's sirrchtbar übel, wenn man an feiner lie­ben Vaterstadt Elmenach 'was auszusetzen findet; und wenn Du Dein fpöttifches Gesicht machst, während ich von dem schönen Ballfaale spreche, so bekommen wir nicht ein Blatt von ihm '

Christian verbeugte sich.

Wie Du befiehlst, große Diplomatin,' gab er zur Antwort;ich will Dich Enkes ritterlichem «Schutz anbertrauen und bitte Deine Freundin, mich inzwischen zu trösten . . . .'

Aber hier bleiben, bis wir wiederkommen, hört ihr!' siel Cara ein; bann ging sie, von Enke beglei'et. dem Gärtnerhause zu.

Chttstian sah ihnen nach, bis sie hinter dem Gebüsch verfdiwunden warm, dann wendete et sich zu Christiane und rief, indem er ungestüm ihre Heiden Hände erfaßte:

Es ist nicht zu ertragen ... ein Wiedersehen wie nmlich und Sehen ist Folteraual.'