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OMHGsche 3cituiiß

Viertes Blatt

Nr. 284

Sonntag, 4. Dezember.

Vermischtes

und lebensge-

Stühlen. Bev- ^warmherzige^

Dänen, hat es,

Straßenbahnwagen überfahren fährlich verletzt, ch

Prof. Rad« zwischen zwei ltn, 1. Dez. Prof Rade, der Freund der armen unschuldigen

hat mit einem Schlage ihre schön) Stellung te dänischen Augen verloren durch ihr durch und durch unwahrhaftiges Bild der dänische» Kämpfe und durch ihr« groben Beleidigungen des dänischen Reichstagsabgeordneten.^ O weh!

wie wir Berliner Blättern entnehmen, nun auch mit diesen verdorben. Seine Ausführunaen über den Mandatsverzicht des Abg. H. P. Hanssen finden den Beifall der Dänen nicht; denn unter der Maske der Freundschaft, meint »Flensborg Avis*, würden dem Reichstagsabgeordneten Hanssen Pläne und Absichten unterstellt, die nur getanet sein könnten, ihn in den Augen der dänischen Bevölkerung anzuschwärzen. Das führende Dänenbla't der Nordmark fährt dann fort: .Professor Rades eben begonnene Arbeit, die Anerkennung bei allen Dänen gefunden hatte,

sich auch der Ruf an die deutschen Künstler, schon fetz* Entwürfe für ein würdiges Raabe-Denkmal zu schaffen.

Nie zufrieden. Mutter:. . . Glaub' mir. Kind, die Ehe bringt manche Enttäuschungen mit sich!* Junge Frau:Ach ja. Mama! ... Ich hatte mich immer so darauf aefieut, Artur wegen seines späten Ausbleibens eine Gardinenpredigt halben zu können und nun geht er abends nie aus!'

Hochschulnachrichten.

X Seminar für Genossenschaftswesen. Wie derHochschulkorr.' aus Halle a. S. berichtet wird, soll an dieser Universität ein Seminar für Genossenschaftswesen begründe: werden, ähnlich wie das Seminar für Versicherungswesen an der Universität Göttingen. In den akademischen Kreisen Halles wird diese Erweiterung der Lehreinrichtungen mit großer Genugmung be­grüßt.

Frauenbewegung.

K. Ev. F. Einen größeren Zuwachs an Ortsgruppen und Mitgliedern hat der Deutsch- Evangelische Frauenbund in diesem Herbst wiederum zu verzeichnen. In den Städten Wilhelmsburg, Otterndorf, Thorn, Schwetz a. W., DeusichEylau, Riesenburg, Oberlahnstein haben sich unter der Werbearbeit hauptsächlich der General Sekretärin des Bundes Frl. Sprock- hoff neue Gruppen zusammengeschlossen.

Da« erste Wilhelm Raabe-Denkmal. Dem großen Niedersachsen Wilhelm Raabe wird ferne niedersächsische Heimat das erste Denkmal cv- richten: es soll in Braunschweig erstehen, wo der Dichter die meiste Zeit seines Lebens ver- von

bracht hat. Die Anregung dazu ist Freunden des Verstorbenen ausgegangen. In einem Aufrufe an die Braunschweiger Be­völkerung wird daran erinnert, daß der Ehren­bürger Braunschweigs im Lande Braunschweig geboren wurde und daß die Braunschweiger Bürgerschafi die Absicht hatte, Wilhelm Raabe zu seinem 80. Geburtstage ganz besonders zu ehren. An diesem Tage sollte nun nach des Alten Tode zum mindesten der Grundstein zum Raabe-Denkmal gelegt werden, damit die Deut­schen in späteren Tage» einen Platz fänden, wo sie die lieben fieundlichen Züge Raabe's, ferne Gestalt in Erz und Stein erblicken könnten. Raabe sei aber nicht nur ein Niedersachse ge- wesen sondern gehöre dem ganzen deutschen Volke' «nd deshalb wendet sich der Ausruf nicht nur an alle Raabe-Verehrer in Stadt und Land Braunschweig, sonder,: im ganzen deuttchen ' Vaterlande und an alle, bei denen die Bücher des groben deuttchen Dichters «inen Ehrenplatz in der Bibliothek einnähmen. Gleichzeitig erhebt

und heute im Sitzungssaal des Reichstages tagU.

Km Ergebnis hatte die Aussprache V

Verantwortlich für die Redaktton: ,

Dr phil. Carl Hi beroth in Marburg. «

Preise ^gesunken, weit ntemanö mehr Weinbauer werden will.

Abg. Wallenborn (Ctr.) fordert schnelle Hilfe für das Ahrgebiet, wo nicht nur kleinen, son­dern auch schon mittleren Besitzern der wirtschaft- liche Untergang droht. Die Vorschläge der Winzer­vereine sollten mehr beachtet werden. Der Rot­weinbau an der Ahr leidet ohnehin unter der ausländischen Konkurrenz. Die Regierung sollte daher eine offene Hand haben.

Abg. Pauly (Ctr.) bespricht die Verhältnpsc der Winzer in der Moselgegend. Der Grundwert tfl ungeheuer gesunken, so daß das Nationalvermögen schweren Schaden erlitten hat. Unter der Rauch­entwickelung, die durch die Eisenbahn nnd Indu­strie veranlaßt wird, leiden die Reben erheblich. Viele Moseltäler werden von dieser Rauchplage so benachteiligt, daß sich ein Niederschlag aus den Reben bildet, der das Wachstum beeinträchtigt. Polizeigesetze helfen nicht. Man soll vielmehr bte Steuer für die Winzer erleichtern, und Kupfervitriol und andere Bekämpsungsmittcl umsonst zur Ver­fügung stellen. Vielleicht nimmt sich dec preußische Landwirtschaftsminister der Sache an. Wenn bte Winzer um Hilfe rufen, so ist das keine Bettelet. Es ist im allgemeinen Interesse notwendig, Ab­hilfe zu schaffen.

Abg. Spindler (Ctr.)i Auch meine engere Het- mat, bte Pfalz, ist durch die Rebschädlinge schwer getroffen worden. Warum geht man gegen dtese Schädlinge nicht ebenso vor wie seiner Zeit gegen die Reblaus, die durch das Ausrottungsverfahren wirksam bekämpft worden ist? Es gibt leider über­haupt kein wirklich durchschlagendes Mittel gegen diese Schädlinge. Die ttimatischen und Bodenver­hältnisse der verschiedene» Laitdschaften sind äußer- dem so verschieden, daß man ein- und dasselbe Mittel nicht überall mit demselben Erfolge anwen­den kann. Hoffentlich wird die Reichsregieruna bald geeignete Maßnahmen getroffen haben. (Beif.)

Abg. Lehmann-Wiesbaden (Soz.): Die Regie­rung tut nicht das, was sie tun müßte, und legt der Sache zu wenig Bedeutung bei. Die Behaup­tung, daß die Reichsregierung ihre stete Sorge der Angelegenheit zuwendet, ist nur eine Redensart. Wir vermissen ein tatkräftiges Eingreifen.

Abg. Dr. Zehnter (Ctr.): Ich möchte vom spe­ziellen Standpunkt meiner badischen Landsleute aus die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die von so vielen Seiten empfohlene weiße amerikanische Rebe den großen Nachteil hat, keinen guten Wein tzu liefern. Diese Rebe ist auch nicht reblaussest, wie behauptet worden ist. Es ist daher größte Bor­sicht geboten. (Beifall i. Ctr.)

Abg. Dr.Becker-Köln (Ctr.): Ich vertrete das Gebiet des Siebengebirges, wo das herrliche Drachenblut wächst, das schon zu Zeiten des alten deutschen Reiches berühmt war. Auch dort sind die Winzer in weiten Strecken geschädigt worden. Ich schließe mich dem allgemeinen Klagelied über den bejammernswerten Zustand der Winzer durch­aus an. Wir haben ja jetzt ein Weingesetz, das dem Winzer guten Absatz gewährt. Aber was nutzt uns der schönste Pokal, wenn er keinen Stoff ent­hält. Die traurige Folge wird fein, daß der S8ier» und Schnapsgenuß steigt. Hunderttausende könn­ten dem Betrieb« erhalten bleiben, wenn unser Weinbau wieder so gesund würde, daß kein Wein aus dem Auslande besorgt werden müßte. Vielleicht beruft der Staatssekretär bald ein Weinparlament, um alle diese Probleme zu prüfen. (Beif. i. Ctr.)

Abg. Baumann (Ctr.): Aus allen deutschen Weingebieten sind hier Stimmen laut geworden über die Notlage des deutschen Winzerstandes. Hosientlich wird die Regierung bald die notwendi­gen Konsequenzen ziehen. Ich bitte, daß alles Mögliche getan wird, um Abhilfe zu schaffen und vor allem bitte ich, die beabsichtigten Maßnahmen nicht zu lange Ihinauszuschieben. (Beifall L Ctr.) Damit schließt die Aussprache.

Das Haus vertagt sich.

Samstag 11 Uhr: Antrag Norman»-Graf Kanitz über den Niedergang des Handwerks,

Schluß gegen 6 Uhr.

Deutsches Reich.

Zum Ruhetag im Bäckergewerbe. Berlin, 30. Nov. Am Dienstag tagte in den Germania­sälen eine stark besuchte Mitgliederversammlung der 6 Mitgliedschaften des Bundes der Bäcker- und Konditor-Gesellen Deutschlands, vzelche zu dem von dem sozialdemokratischen Verband der Bäcker gefordetten 36stündtgen Ruhetag in der Woche Stellung nahm. Der Vorsitzende führte in dem Referat aus, dem sozialdemokratischen Verband müsse bekannt sein, daß diese Forde­rung ganz durchführbar ist. Rach iner kurzen Aussprache fand folgende Entschließung tin- stimmige Annahme; Die heute in den Germania- Sälen stark besuchte Versammlung des Bundes der Bäcker- und Konditor-Gesellen Deutschlands (6 Mitgliedschaften von Berlin) sprechen nach wie vor dem sozialdemokratischen Verbände das Recht ab, in der Ruhetagsftage im Namen der ganzen Bäckergesellen zu sprechen. Der Ruhemg in der Woche als ein 36stündiger ist undurch­führbar. Die Versammlung trat für einen Ruhe­tag für Gesellen und Meister in Gestalt eines ge­setzlichen Backverbotes für alle Betriebe, in welchen frische Ware hergestellt wird, von Sonn­tag früh bis Montag früh ein.

Fleischpreisminderung infolge Einfuhr stan- ösischen Viehs. Karlsruhe, 1. Dez. Mit Rücksicht auf die vermehrt Zufuhr französischen Viehs Hai die hiesige Metzgerinnung beschlossen, von morgn ab die Preise für sämtliche Fletscharten um 4 H für das Pfttnd herabzusetzen. Ein weiterer Preisabschlag bleibt zu erwarten.

Berlin, 2. Dez. Legatiorsrat a. D. Graf Hermann von Arnim. Besitzer der Standes Herr­schaft Muskau, Mitglied des Herrenhauses und früherer Reichs^aosabgeordntier für den schlesi­sch it Wahlkreis Rotbenburg-Hoverswerda, Se­kretär des Fürsten Bismarck in den Jahren 1872 bis 1874, wurde gestern abend von einem

Literarisches.

** Wilhelm Bölsche,Das Liebes, lebe« in der Natur." Verlebt bei Eugen Diederichs in Jena, in vollständig umgeardei« teter u. stark vermehrter Ausgabe. Pr. brofch. 6 M. gebunden 7,50 M.Geschenk einer einst angeregten Lebensstunde nach besonders harten Lehr- und Wan- derjahren" so nennt der Verfasser selbst fein Werk, das vor einigen Jahren bei dessen Neuerscheinen so gißes Aufsehen in allen Kreisen erregte. Be­wundernswert geradezu ist die Art, wie Bölsche btt Wunder in der Natur nicht trocken und in gelehrten Abhandlungen darstellt, die etwa vorwiegend nur den Leuten vom Fach verständlich wären, <- sondern bie Art und Weise, die auch das Laienpubtikum vom ersten Augenblick an, gefesselt hält. Bölsche ist ein Künstler. Gleich einem meisterhaften Maler malt er mit Worten die Vorgänge in bet Natur, bett sich ewig gleichbleibenden Vorgang von Werden und Vergehen, in feinen Schil­derungen. Wer einmal versucht hat, die Welt des Lebendigen als ein einziges Ganzes sich vorzustellen, und wer sich daran anWiefcenb be­mühte, von diesem Gesichtspunkte aus klar zu sehen welche Bewandtnis es eigentlich damit habe, bat bieser gewaltigen Naturerscheinuna seine Besonder, heit vor den übrigen Naturerscheinungen verleiht der wird auf etwas Unvergleichliches, auf etwa; Hohes, uns Erschauerndes hingewiesen. Es ist dar Werdende, das ewig wirkt und lebt, es ist die Er. scheinung des Entstehens, des Vergehens und bet ewigen Erneuerung der Eeschövse in dem ungeheuren Ström, den wir alsLeben" über diese Erde dahin, fluten sehen Breiter und wach'Wr denn je flutet der nie versiegende Strom der lebendigen Geschöpfe dabin, und keine Abnahme zeigt sich. Aus kleinem unscheinbaren Anfang entsteht ein Leben: schwächlich und hinfällig erscheint es. Nun wächst es heran, nimmt zu an Kraft und Größe, bis es seinen Höhe­punkt erreicht hat. Dann oeht es wieder abwärts, die kaum gesammelten Kräfte lassen nach und in kurzem verlöscht bie Flamme, sinkt in sich zusamm« und was übrig bleibt, ist ein Nichts. Diesen Vor­gang schildert Bötche mit meisterhafter Gewandt­heit in Stil und Darstellung in dem Kapitel:Die Auferstehung der Eintagsfliegen". und alle weitere« Kavitel schließen sich in derselben mustergilttgen Weise an. Wer sich in bas sehr umfangreiche Merk Wilh. Bölsches hineinvertiest hat unb es bann <me der Hand legt, wird das Bewußtsein empfinden, baß , er weihevolle Stunden erlebt hat, beten Eindruck ' nicht so bald zu verwischen fein wird. i

die Vernehmung der weiteren Hausbewohner ergibt, stand der Angeklagte Weiß damals kurz vor bei Hoch­zeit unb vor seiner Selbständigmachung. Es wirb ihm auch bas Zeugnis eines ruhigen und fleißigen Mannes ausgestellt. Die Zeugin Jordan wtrd noch von Rechtsanwalt Heinemann befragt, ob sie nicht auch gesehen habe, wie der Arbeiter Herrmann, bet inzwischen infolge bet bei den Tumulten erlittenen Verletzungen durch Säbelhiebe verstorben ist, von den Schutzleuten niedergeschlagen worden sei. Die Zeugin gibt dazu an, dieser Arbeiter Herrmann sei ganz ruhig durch die Straße gegangen, bie kurz vorher von den Schutzleuten gesäubert worden war. Da hatten sich plötzlich mehrere der Beamten auf ihn geworfen unb ihn zusammengehauen. Staatsanwalt Stern« brecht meint, ob der Angeklagte Weiß nicht zugeben wolle, daß er diesen Vorgang ebenfalls beobachtet und aus Erregung darüber vielleicht mit dem Blumentopf nach den Schutzleuten geworfen habe. Nach den Aus­sagen dieser Zeugin würde man ja seine Erregung am Richtertische gewiß begreifen und er könne bei einem offenen Geständnis auf eine mildere Bestra­fung rechnen. Landgerichtsdirektor Lieber: Ich möchte überhaupt alle Angeklagten darauf aufmerksam ma­chen, daß sie doch viel besser wegkommen, wenn sie offen sagen, was sie getan haben. Der Angeklagte Weiß bleibt jedoch dabei, daß die Frau Jordan ihn wider besseres Wissen beschuldige. Die Verhand­lung wendet sich dann dem Fall des Angeklagte« Wand zu, der in der Nacht zum 28. September in der Oldenburgerstraße seinen Spazierstock in eine Stra­ßenlaterne geworfen hat, um diese zu zertrümmern. Die hierzu vorgeladenen Zeugen: Oberlehrer Linke und dessen Dienstmädchen, die den Vorgang vom Bal­kon aus beobachteten, erkennen den Angeklagten als de» Täter wieder.

Mit Wand zusammen soll der nächste Angeklagte Schultz gegangen sein und einen Stein in eine ander« Laterne geworfen haben. Er gibt dies zu, während der Angeklagte Wand höhnisch lächelt, als Schultz ihn als denjenigen bezeichnet, der ihm den Stein zu­gesteckt habe. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Lieber bemerkt dem Wand deshalb, daß er ein sehr verstockter Mensch zu sein scheine. Jnbezug auf den Angeklagten Albrecht wird durch eine Reihe weiterer Zeugen festgestellt, daß dieser die Schutzleute durch den Zuruf reizte: Kommt doch her ihr Blauen! und daß er vor dieser Heldentat bereits 15 Glas Bier und 15 Schnäpse genehmigt hätte. Auch der Angeklagte Zolchow wird von den Polizeizeugen bezichtigt, daß er die Beamten Bluthunde genannt und daraus nach dem Kupferschen Kohlenplatz zu geschafft wurde. Kriminalschutzmann Scheussel gibt zu, daß der Ange­klagte von den dort befindlichen Arbeitswilligen verhauen worden sei, erklärt aber, daß er nicht ein­schreiten konnte. Hierauf erhebt sich der Angeklagte Alb recht und bemerkt, daß er trotz seiner damaligen Angetrunkenheit doch sehr deutlich gefühlt habe, daß man auch ihn verdroschen habe und zwar auf der Po­lizeiwache. Man habe ihn wie einStück Vieh" be­handelt. Aus den Akten wird festgestellt, daß bet Angeklagte auf der Wache geschrieen und getobt habe, sodaß er gefesselt werden mußte. Die Verteidiger suchen durch verschiedene Fragen an die Polizeizeu­gen festzustellen, daß auf dem Kupferschen Kohlenplatz unter der Leitung des vielgenannten Hintze auf die Verhafteten eingeschlagen worden sei. Die Beamten erfläten jedoch, sie hätten die Angeklagten einfach dort abgeliefert und feien sofort wieder aenangen. Den Schluß der heutigen Verhandlung bildeten wei­ter« Feststellungen über das Gebähten bet verschiede­nen Angeklagten an den Krawalltagen, worauf die Weiterverhandlung auf Sonnabend früh vertagt wurde.

. Deutscher Reichstag. *

/ .,-.k .... ,4. Stimmungsbild. -x-

Berlin, 2. Dezember. ;

Die heutigen Verhandlungen standen wieder /vollständig unter der Herrschaft des Sauerwnrms, jenes abscheuliche» Tieres, welches mit konsequenter ^Bosheit dafür sorgt, daß der notleidenden Mensch- Iheit der Genuß an dem edlen Rebensaft verküm- smert wird, so daß der Spruch: Im Wei» liegt ^Wahrheit nur allein! auch von sonst äußerst 'wahrheitsliebenden Zecher» nicht mehr in bem Um» i fange wie früher, seiner Bedeutung entsprechend ge- ,würdigt werden kann. Dieser elende Wurm, wel­scher in seiner Verbreitung den Schrecke» und die sVcrzweislung unserer fleißigen Winzer bildet, weil ier ihren Wohlstand, ja ihre Existenz ernstlich ge- ssährdet, hat ja keine Ahnung davon, welche Wich­tigkeit seine Existenz für die Reichsboten hat. Sie . bemühen sich krampfhaft, ihm das kleine Lebens- ! licht auszublase», und müssen seufzend erkennen, /wie schwer sich das vom grünen Tisch aus bewerk- !stelligen läßt. Die Vertreter der Pfalz und des j Elsaß, des Rheingaus und der Mosel und all der anderen Gegenden des deutschen Reiches- in denen /die Rebe wächst, forderten Hilfe von der Regie- i rung und zugleich beschwerten sie sich über zu Strenge Durchführung polizeilicher Maßnahmen. ,Daneben wurde wie schon gestern darüber , ge­stritten, wieweit die Zuständigkeit des Reiches ~"\/gegenüber den Kompetenzen der Einzelstaaten gehe !und die Frage erörtert, ob man nicht am besten ; tue, den ganzen Weinbau auf eine neue Grundlage zu stellen durch Anpflanzung der amerikanischen i- Rebe. 13 Abgeordnete kamen neben dem Geheim­rat v. Stein, dem TBdter des Weingesehes, »um Wort. Es war ein Weinparlament, das gestern

Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.

Berlin, 2. Dezember.

Die heutigen Verhandlungen int Moabiter Kra­wallprozeß drehte« sich zunächst um den Fall des An­geklagten Weiß, bet von bet Anklagebehötbe zu jener Gruppe von Tumultanten gerechnet wirb, bie ben Krawall durch Hinunterwerfen von Blumentöpfen, Steinen, Holzteile usw. aus ben Fenstern bei Häuser in bet Brüssel-, Wiclef- unb Huttenstraße verstärkten. Der Angeklagte wohnt in bem Hause Wiclesitraße 31 unb hat einen Balkon an seiner Wohnung. Er will am Tage bet Tat ruhig an feinem Schreibtisch ge­sessen haben, während eine Nachbarsfrau, bie Zeugin Oberländer, vor bem Untersuchungsrichter ausgesagt hat, sie habe auf ihrem Balkon geftanben unb deutlich gesehen, wie Weiß aus seiner in bei britten Etage Gelegenen Wohnung bezw. vom Balkon herab einen Blumentopf auf bie Schutzleute hinuntergeworfen habe, bie bie in bet Wiclesitraße angesammelte Men­schenmenge zu zesitreuen suchte. Dann sei Weiß so­fort vom Balkon zuriickgetreten unb in seiner Woh­nung verschwunben. Weiter hat bte Zeugin in bet Voruntersuchung noch bekundet, baß ihr Balkon von bem bes Angeklagten nur durch eine dünne Glas­wand getrennt gewesen sei unb baß sofort nach bem Herunterfallen bes Blumentopfes bei bte Schutzleute befehligende Polizeileutnant getufen habe: Dort hin­auf schießen! Die Zeugin nimmt heute biese ben An­geklagten Weiß schwer belastende Aussage zum größ­ten Teil aber zurück. So sagt sie, daß sie wohl gesehen habe, wie ein Blumentopf aus bei biitten Etage her- unterfiel, doch könne sie nicht sagen, baß Weiß ihn hetuntetgeworfen habe. Eistet Staatsanwalt Stein« brecht: Wie kommt es, baß bie Zeugin ihie Aussage heute dermaßen ändert? Hat vielleicht Jemand auf Sie eingewirkt? Oder fürchten Sie vielleicht, daß Ihnen etwas geschehen könnte? Zeugin: Nein. Ich will aber nicht mehr sagen, als ich verantworten kann und ich habe mir meine Aussage vor dem Untersuch­ungsrichter inzwischen überlegt. Ich kann nicht sa­gen, daß Weiß der Mann gewesen ist, bet auf bem Balkon stand. Der Angeklagte Weiß bemerft zu die­ser Aussage, daß es auch ganz unmöglich gewesen fei, durch bie Balkonscheibe Jemanden zu erkennen, da diese mit einer Schutzgardine verhängt wat. Dagegen erklärt eine weitere Zeugin, namens Jordan, die ebenfalls im Hause des Angeklagten Weiß wohnt, daß sie deutlich gesehen habe, wie Weiß, bet auf bem Bal­kon stanb, sich über bas Kittet gebeugt unb ben Topf hinuntergeworfen habe. Der Angeklagte Weiß wen­det gegen bie Elaubwürbigkeit dieser Zeugin ein, baß st« mit allen Hausbewohner« verfeindet sei. Wie

' Sitzungsbericht. \ <

92. Sitzung vom 2. Dezember- - "

Am Tische des Bundesrats r Dr.. Delbrück, v. Jonquieres.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten.

Die Besprechung der Interpellationen über den

Kampf gegen die Rebschädlinge . -

wird fortgesetzt. .' v^'

Abg .Dr. Roesicke (kons.): Es ist unS immerhin gelungen, durch die nach gesetzlicher Vorschrift er­folgende Reblausbekämpfung diesen Feind des Wern- baues in Schach zu halten. Durch den Sauerwurm 'ist in einem der letzten Jahre an der Mosel ein Schaden, von 30 . bis 40 - Millionen entstanden. Der diesjährige Schaden wird auf 10 bis 12 Millio­nen geschädigt. Manches Mittel der Wurmbekäm- psung ist noch nicht genügend erprobt. Die Wrirzer find nicht in der Lage, einen Groschen für btt Be­kämpfung aufzuwenden. Der Rheingau totrb fett 1896, die Pfalz seit 1907 durch den Sauerwurm geschädigt. Das Reich darf nicht länger mit ge­schlossenen Augen daran Vorbeigehen, es kann auch Inicht warten auf die Resultate, die Badern erstell. .Wünschenswert wäre eine Reichs-Studien- kominission.

! Abg. Dr. Hoffet (Rp.) : Elsaß-Lothringen muß zunächst mit Fürforgemaßnahmen bedacht werden. Es ist die Wiege des deutschen Reiches, hat den größten Weinbau im Reiche und hatte die schlimm­ste Mißernte. Bayern hat Versuchsstationen er­richtet, das ist nachahmenswert.

Abg. Dr. Frhr. v. Wolff-Mettemich (Ctr.): Die Vorschläge, die zur Besserung der trostlosen Lage des Winzerstandes vielfach gemacht werden, sind leider meistens nicht durchführbar. Man rät ihnen, ein kleines Landgut nebenbei zu betreiben. Woher aber sollen sie die Mittel dazu nehmen? Viele können nicht einmal die Hypothekenzinsen be­zahlen. Ihnen sollte man doch wenigstens die Wcinstener erlassen.

Abg. Delsor (Ctr.-Elsässer): Wir sind der Mei­nung, daß die Exekutive den Landesbehörden oder besser »och den Gemeinden überlassen bleibe» muß. Es bedarf keiner Polizeimaßregeln. Pädagogische Mittel wirken viel segensreicher. Für ben ein­zelnen Winzer sind die Kosten der Rebschädlingsbe- kämpsung zu hoch. Er kann nicht weitere finan­zielle Opfer bringen. Besserung kann nur das Zusammenwirken der beteiligten Faktoren bringen.

Abg. Schiller (Ctr.): Das Wichtigste ist die W n r m b e k ä m p f u n g. Leider ist ein wirklich brauchbares Mittel noch nicht gefunden. Unter keine» Umständen wünschen die Winzer polizei­liche Vorschriften. Der Staat und die Gemeinden brauchten nur Sorge dafür zu tragen, daß die Mittel zur Bekämpfung beigesteuert werden. Es wäre wünschenswert, den Winzern die Anschaffung der A m e r 11 a »e r r e b e durch Geldunterstützun- geit z» ermögliche«.

Abg. Geck (Soz.): Aus manchen Ausführungen schic» es, als wäre dem betreffenden Herrn eine Reblaus ii;er bie Leber gelaufen. (Heiterkeit.) Die Rebläuse sind jedeisialls schon mit der Arche Noah gekommen, er hat doch alles auf sein Schiff mit­genommen. (Heiterkeit.) Die französische Akade­mie hat für beste Mittel gegen die Reblaus 300 000 Sranes ausgesetzt, bei uns sind es nur 2500 Mark, er Redner empfiehlt genossenschaftliche« Zusam­menschluß.

Geheimrat Frhr. v. Stett»: Es wurde tiont ^Vorredner bemängelt, daß vom Reiche in 30 Jahre« 'nur etwa 170000 Mark für die Reblausbekäm­pfung ausgegeben worden feiyt- Dies mag -n- itreffen, wenn man lediglich das Reich ins Auge Haßt. Aber nach dem Reichsgesetz gaben die Bun­desstaaten hierfür an 20 Millionen aus. Man darf die Wirkung der Reblausbekämpfung nicht innterschätzen. I» den Jahren feit 1876 ist der 'gesamte Rebenbau Frankreichs, ferner der größte Teil des österreichische» und ungarischen Rebbaues sowie der größere Teil des italienischen, spani- fchen, schweizerischen usw/ vollständig zusammen- gebroche», aber unser deutscher Weinbau steht auf» i recht. Der Uebergang zum amerikanischen Weinbau Lift mit Schwierigkeiten verbunden, er muß als 1 ultima ratio betrachtet werden. 1

i Abg. Vogt-Hall (wirtsch. Vgg.)t Mr freuen «ns, wenn die Winzer auch in der Not treu an der Scholle hänge». Der Kampf gegen die ReblanS hat schon erhebliche Mittel gefordert. Württem­berg hat dafür bereits 1,35 Millionen ausgewen-