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Deutscher Reichstag,

* Stimmungsbild. v \

Berlin, 30. November, 1

Ei» komisches Intermezzo würzte die tzeuti- qen Verhandlungen. Nach denwässerigen" De­batten der lebten Tage wurde es als eine wahre Erlösung empfunden, daß der Humor auch einmal wieder zu seinem Rechte kam. So haben sich die Reichsboten schon lange nicht mehr amüsiert, und ihre mollige Behaglichkeit bewies, daß das Lachen auch ein wichtiger hygienischer Faktor ist, der für die so notwendige Gesundheit der Volksvertreter hohe Bedeutung besitzt. Nach dem bekannten Lust­spiel von Schönthan u .Kadelburg erlebt der Be­sitzer einer Villa zwei glückliche Tage: den einen, an dem er die Villa gekauft hat, den andern, an dem er sie verkauft. Eine kleine Probe von den Leide» des Billenbesitzers wurde nun dem Reichs­tage vorgeführt und -war in Gestalt eines An­trags auf Strafverfolgung seines Mitgliedes Dr. Pachnicke, um dessen Genehmigung der Amts­anwalt aus der bayerischen Gemeinde des Som­mersitzes des freisinnigen Abgeordneten ersucht. Herr Dr. Pachnicke hat nämlich das Verbrechen begangen, seiner ortsstatutarischen Verpflichtung, von der ihm vermutlich nichts bekannt war, zur Krankenversicherung seiner Haushälterin, nicht zu genügen, und er hat es sogar fertig gebracht, sich selber die ganzen fünf Jahre nicht anzu­melden. Natürlich erhielt, wie es ja auch bei noch weit schwereren Verbrechen zur Wahrung der Immunität des hohen Hauses geschieht, auch hier der pflichteifrige Amtsanwalt eine abschlägige Ant­wort,' aber in der ironischen Wichtigkeit, mit der eine Reihe von Rednern, Herr Junck, Herr Dove, Dr. Arendt und Dr. Mayer-Kaufbeuren, die Ange­legenheit erörterten und mit der sie Stürme von Heiterkeit entfesselten, lag eine bittere Anklage gegen den bureaukratischen Geist, der mit seiner ^kor­rekten" Behandlung nichtigster Nichtigkeiten nicht nur Bürger des deutschen Reiches mit dem M. d. R. auf der Visitenkarte und parlamentarische Ver­sammlungen schikaniert. Nachdem sich das hohe Haus so in eigener Sache mehr als eine halbe Stunde unterhalten, trat cs wieder in die sachliche Arbeit. Das Schutzgesetz für die Banknoten des Reiches wurde verabschiedet und dann begann eine interessante Aussprache über ein rechtsstrittiges und schwieriges Themar Die Frage der Kurpfuscherei. Die verbündeten Regierungen haben auf mehrfache, schon eine Reihe von Jahren -urückliegende An­regungen des Reichstages eine Vorlage gemacht, die sichEntwurf eines Gesetzes gegen Mißstände im Heilwesen" betitelt. Mit der humorvollen Stim­mung war eS von da an natürlich sehr gründlich zu Ende. Ein ernstes Kapitel aus dem tiefsten Ernste des Lebens beschäftigte das HauS in dieser Vorlage, bereit Beratung auch morgen noch ben größeren Teil der Sitzung beanspruchen tuirb-:

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i M T Sitzungsbericht. ' ' '

90. Sitzung vom 30. November.

Am Tische des Bundesrats» Dr. Delbrück, Summ.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten.

Auf der Tagesordnung steht zunächst ein münd­licher Bericht der Kommission für die Geschäfts­ordnung über ein Schreiben des Ämtsanwalts beim königl. Amtsgericht Füssen (Allgäu), in dem um die Erteilung der Genehmigung -ur Strafverfolgung des Abgeordnete« Dr. Pachnicke wegen Uebertretung ortspolizeilicher Vorschriften er­sucht wird.

Berichterstatter Dr. Junck (ntl.) teilt mit, daß die Uebertretung Dr .Packnickcs darin bestehen solle, daß er seit fünf Jahren unangemeldet in der Ge­meinde Füssen wohne und für seine Haushälterin keine Krankenkassenbeiträge bezahlt habe. (Große Heiterkeit.) Die Geschäftsordnungskommission habe sich mit diesen wichtigen Fragen gründlich beschäf­tigt und beantrage, der Uebung des Hauses ge­mäß, die Genehmigung zu versagen. (Erneute Heiterkeit.)

Abg. Dove (Vp.) betritt mit einem Stoß dicker Bücher unter stürmischer Heiterkeit die Tribüne» Mit Rücksicht auf die Bedeutsamkeit dieses Falles dürfen wir unseren Beschluß nicht debattelos in die Welt gehen lassen. (Heiterkeit.) Es muß die rechtliche Seite dieses Falles gründlich geprüft wer­den. Die dem Abg. Pachnicke zur Last gelegten Handlungen sind folgende: Er soll für ein weib­liches Mitglied seines Hausstandes nicht die vorge­schriebenen Krankenkassenbeiträge gezahlt haben. Der Fall liegt aber so, daß die Krankenkassenbei­träge nicht bezahlt worden sind, weil sie nicht be­zahlt zu werden brauchten. Als reuiger Sünder hat er sich übrigens sofort nach Bekanntwerden des Strafverfahrens an die zuständige Behörde ge­wandt und gebeten, ihm die Bestimmungen mit­zuteilen, auf Grund deren er zahlungspslichtig sei und ihm die Beiträge anzugeben. Darauf hat er den Bescheid erhalten, daß keinerlei Ansprüche gegen ,»yn zu erheben seien. Nicht so einfach liegt der -werte Fall. Hier handelt es sich um ein sortge- retztes Verbrechen (Große Heiterkeit). Dr. Pach- «rcke wohnt nämlich seit fünf Jahren bei Füssen junb hat sich niemals angemeldet. Der Ortsvor­steher, der Mitglied des bayerischen Landtages und der Centrumspartei ist, hat »etzt anscheinend die Üleberzeugung gewonnen, daß Dr. Pachnicke an seinem Ort den Unterstützungswohnsitz erlangen tonnte, was für die Gemeinde von finanzieller Tragweite sein könnte. (Stürmische Heiterkeit.) Der Redner weist unter großer Heiterkeit des Dawes Lurch .eine rimsLNgreube^illristlscht Literatur

nach, daß in dem betreffenden Falle^lätsächlichUne Anmeldepflicht bestehe. Wenn nunmehr bei der Strafprozeßreform die Jmmunitätssrage erörtert wird unb der Staatssekretär wieder erklären wird, daß er den Abgeordneten keinen Freibrief geben könne, Verbrechen zu begehen, wird der Fall Pach­nicke eine Rolle spielen, besonders wenn behauptet wird, daß überflüssige Sachen nicht Vorkommen, und daß man sich auf den Takt und die Ge­schicklichkeit der Behörden berufen könne. (Heite­rer Beifall.)

Abg. Dr. Arendt (Rp.)t Der Vorredner Lat mit Recht die Sache von der humoristischen Serie aufgefaßt, aber sie hat auch einen ernsten Hinter­grund. Wie ist es möglich, daß der Reichstag ge­zwungen wird, sich mit einer solchen Angelegen­heit zu befassen? Ich glaube, die Strafprozeb- resorm wird uns vor der Wiederkehr ähnlicher Mißgriffe schützen, da der alte römische, Grund­satz mehr Geltung bekommen sollt »,minima non curat Praetor".

Abg. Dr. Meyer-Kaufbeuren (Ctr.): Der frag­liche Ort liegt in meinem Wahlkreise. (Große Heiterkeit.) Der Amtsanwalt konnte gar nicht an­ders handeln, sonst hätte er gegen den Paragraph 346 des Reichsbeamtengesetzes verstoßen, der jede unterlassene Verfolgung einer strafbaren Handlung mit einer Strafe b i s zu fünf Jahr en Zuchthaus bedroht. (Stürmische Heiterkeit.) Es ist nun wirklich interessant, daß der Abg. Dove feinen Witz über die Erhebung der Anklage wegen einer Lappalie ausläßt. In der Strafprozeßkom- mission ist cs doch gerade die fortschritt­liche Volkspartei gewesen, die an dem starren Legalitätsprinzip, das die Anklageerhebung in sol­chen Fällen fordert, festhalten wollte. Nach un­seren Anträgen wird eine solche Anklage sicherlich unterbleiben. Zum Schutz der Ehre der angegriffe­nen Amtsperson möchte ich konstatieren, daß Abg. Dove das Delikt der verspäteten Anmeldung selbst anerkennt und sich im übrigen nur in Vermutungen bewegt. Ich konstatiere das, damit nicht der Ver­dacht eines illoyalen Vorgehens des betreffenden Beamten entsteht.

Abg. Dove (Bp.): Mir ist nicht ieingefallen, irgend eine amtliche Stelle des Wahlkreises Kauf­beuren oder sonst eines bayerischen Bezirkes anzu­greifen. (Heiterkeit.) Ich habe auch nicht vom Le­galitätsprinzip gesprochen, sondern lediglich die staatsrechtliche Frage zum Gegenstand meiner Er­örterungen gemacht. (Heiterkeit.)

Das HauS tritt dem Antrag der Kommission bei.

Das Reichsbanknotenschutzgesetz wird in dritter Lesung verabschiedet.

Das Kurpfnschergesetz.

Der Entwurf eines Gesetzes gegen Miß - stände im Heilgewerbe verlangt, daß jeder, der sich gewerbsmäßig mit der Behandlung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden an Men­schen ober Tieren befaßt, ohne die entsprechende staatliche Anerkennung (Prüfungszeugnis oder Ap­probation) zu besitzen, den Gewerbebetrieb der zu­ständigen Behörde seines Wohnorts anzuzeigen hat. Gänzlich verboten wird für solche Leute die sogenannte Fembehanblung, die Behandlung mit­telst mystischer Verfahren unb Hypnose, die Be­handlung gemeingefährlicher Krankheiten, Ge­schlechts- und Krebskrankheiten, ferner die Behand­lung unter Anwendung von Betäubungsmitteln. Der zweite Teil des Entwurfes räumt dem Bun­desrat das Recht ein, den Verkehr mit Arzneien und Apparaten, Krästiguugs- und Säuglingsnähr- mitteln, sofern von deren Anwendung eine Ge- sundheitsschädigung ober eine Ausbeutung der Ab­nehmer zu erwarten ist, zu verbieten.

Staatssekretär Delbrück: Die Mißstände, die sich aus der Ausübung der ärztlichen Praxis durch nicht approbierte Personen ergeben haben, sind der­artig geworden, daß ein Einschreiten im Wege der Gesetzgebung geboten ist. Die Kraukeubehand- lung, für die bis 1869 in allen deutschen Staaten eine Qualifikation nachzuweisen war, ist damals nur aus einer allgemeinen, im wesentlichen wirt­schaftlichen Doktrin freigegeben worden. Heute wird man zweifellos das eine anerkennen, daß die Zahl derer außerordentlich groß ist, denen jede Qualifi­kation für einen derartigen Gewerbebetrieb fehlt und die das Gewerbe in erster Linie nicht im Interesse ihrer Patienten, sondern um ihres Geld­beutels ausüben. Dasselbe gilt bezüglich der Heil­mittel. Man kann ja nun einen Zustand, bet 40 Iahte bestanden hat, nicht ohne weiteres beseiti­gen. Da erschien es am zweckmäßigsten, die Krankenbehandlung nicht schlechtweg wieder zu untersagen, sondern das Verbot auf bestimmte Krankheiten zu beschränken, bei denen die. Aus­übung der Krankenbebandlung durch nicht appro­bierte Personen zweifellos zu Mißständen geführt hat und auch öffentliche Interessen zu schädigen geeignet ist. Im übrigen aber beschränkt l><b der Entwurf, Vorsorge zu treffen, daß der Gewerbe­betrieb der nicht approbierten Krankenbehandlunaen einer Kontrolle unterworfen wird. Es ist zu diesem Zweck Anmeldung vorgeschrieben, Führung von Büchern, und ferner Vorsorge getroffen, daß bte Möglichkeit besteht, die Ausübung des Gewerbe­betriebes ungeeigneten Personen zu unterlagen. Was die Frage der Geheimmittel anlangt, so hat der Entwurf in erster Linie darauf Bedacht ge­nommen, die Auswüchse der öffentlichen Reklame zu beschränken und gewisse Heilmittel zu unter­lagen. Die Untersagung soll indeß nur erfolgen können nach einem geordneten Verfahren vor einer aus Richtern, Verwaltungsbeamten und Sachver­ständigen zusammengesetzten, dem kaiserl. Gesund- 6ei::nmt angegliederten Kommission. Die verbün­deten Regierungen glauben, daß die Bestimmun­gen ausreichen werden, die Auswüchse zu beseitigen,! ohne auf der anderen Seite übermäßig in einen, Gewerbebetrieb einzugreifen, gegen den Eiuwen-. düngen nicht zu erheben sind.

Abg. Dr. Faßbender (Ctr.): Ein Schutz des ärztlichen Standes ist in der Tat am Platze. Der^ vorliegende Entwurf findet aber selbst in Aerzte-! .'li ?'i nicht, allgemeine Zustimmung, denn er srbasft

bte Kategorie^der nicht approblettetmerzte, bte oen approbierten gleichgestellt werden. Ausschlaggebend bei der Verabschiedung des Gesetzes muß etnztg der Schutz des Publikums sein. Freilich darf tn bte per­sönliche Freiheit nicht eingegriffen werden. Auch, manche Laien sind doch bedeutende Heilkünstler ge-. worden. Für die Jrrenpslege sind besondere Kaute-, len notwendig. Eine Lahmlegung ber Naturhetl- kuude wäre bedauerlich. Auch eine Schädigung der deutschen chemischen Industrie muß verhindert wer­den. Der Redner beantragt Verweisung an eine Kommission von 28 Mitgliedern.

Abg. Henning (kons.) begrüßt vor allem die einheitlichen reichsgesetzlichen Maßnahmen gegen die Mißstände und die Beseitigung der buntscheckigen iandespolizeilichen Vorschriften.

t Abg. Zietsch (Soz.): Zur Bekämpfung des kvirklichen Schwindels mit den Geheimmitteln sind auch wir bereit. Wir werden daher gern in der Kommission mitarbeiten. Aber die Vorlage schika­niert Handel und Industrie. Der Entwurf enthält leider keine Erklärung des BegriffesGeheim- mittel". Warum sollen Präparate approbierter Aerzte von vornherein als einwandfrei gelten. Die Jmpfmethode ist doch jedenfalls nicht unbedenklich. Der Begriff der Kurpfuscher ist falsch gefaßt. Tie Aerzte wollet» jeden als Kurpfuscher behandeln, der Nichtarzt ist und doch behandelt. Das geht zu weit. Wenn wir das auf andere Berufe übertragen woll­ten, bann kämen wir zu merkwürdigen Ergebnissen. Wir haben ja sogar in der Reichsregierung Herren gehabt, die dir üblichen Prüfungen nicht abgelegt zaben. Dann gäbe es also auch in der Regierung unb zwar in den höchsten Aemtern Kurpfuscher. (Heiterkeit.) Der Redner polemisiert gegen das Vorgehen der Aerzte in der Neichsversicherungs- frage und tritt für die Naturheilkundigen ein.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.): Dem Grundgedanken des Gesetzes, dem Kampf gegen den Schwindel, stimmen wir durchaus zu. Aber wir verstehen es nicht, daß man uns noch in der letzten Tagung eine Reihe von so strittigen Ge­setzesfragen vorlegt. Das kann leicht zu einer legislatorischen Kurpfuscherei führen. Der ganze Entwurf strotzt auch von einer lieber» jchätzung der Zuständigkeit des Bundes­rats. Diesem Bestreben treten wir mit aller Schärfe entgegen. Erfreulich sind die Maßnahmen «egen das Gesundbeten, diesen Unfug, der haupt­sächlich unter den oberen Zehntausend sich breit macht. Diesem Aberglauben muß der Garaus ge­macht werden. Erfreulich ist, daß den Dentisten ihr Recht geworden ist. Der Paragraph über die Geheimmittel ist in der vorliegenden Form unan- uehmbar. Jeder Satz enthält eine gewisse Gefahr nicht bloß für die chemisch-pharmazeutische Indu­strie, sondern auch für die Presse. Die Strafbe- jiimmungen stellen sich als ein Codex criminalis -peeialis draeonicus dar. Wir sind aber der Ansicht, l> nicht drakonische Strafverordnungen, sondern » die Aufklärung das beste Mittel gegen den Geheimmittelschwindel ist. (Beifall.) j

Ministerialdirektor Dr v. Jonryuieres: Ich möchte der, Annahme widersprechen, als ob sich stier um einen Gesetzentwurf zum Schutze der, nerzte handelt. Es handelt sich lediglich um den Schutz der Volksgesundheit. Der Gesetzentwurf richtet sich keineswegs gegen ben Stand ber Naturheilkundige n,. aber wir mußten, selbst-s verständlich ben ganzen Kreis ber nichtapprobierten. Personen, darunter die Naturheilkundigen unb die s'entisten, diesen Vorschriften unterwerfen, weil sie ins dem Rahmen des Gesetzes nicht herausgelassen Derben können. Die Naturheilkundigen und auch ne Dentisten sind in feiner Weise gehindert, ihren Beruf wie bisher auszuüben, soweit nicht öffent- »che Interessen ber Gesundheitspflege entgegen« regen. Die Regierung glaubt an einen Erfolg des Gesetzes, und zwar nach den Erfahrungen auf den» Drbiete des Geheimmittelwesens. Da haben sich die, Zustände doch ganz wesentlich schon gebessert, gegenüber der Befürchtung, daß infolge zu regi».

Bestimmungen das Publikum in dringenden die nötige Hilfe finden könnte, trifft' jo«) .Paragraph 11 des Gesetzes Fürsorge. Die wmrsche Industrie wird nicht geschädigt. Summa! ummarum: Der Entwurf ist nicht getragen von ent Bestreben, einen Stand unseres Erwerbs» kbeus zu bevorzugen und einen anderen zu unter­drücken, sondern er will nurAuswüchfeunter- drücken.

Abg. Dr. Arning (ntl.) weist die Angriffe des sozialdemokratischen Redners gegen den Aerztestand zurück. Gewiß, auch Nichtmediziner können Her­vorragendes leisten. Aber sie bringen es immer nur zu Fertigkeiten auf einem bestimmten Gebiet unb beherrschen nicht bas ganze große Gebiet der Medizin. Wer auf die Menschheit losgelassen wird, muß eine tüchtige wissenschaftliche Vorbildung haben. Dabei verfügen viele der nichtapprobieri len Heilkundigen nicht einmal über die gewöhn- tiaje Schulbildung. Aber viele Leute meinen, daß io ein bißchen Kurpfuscherei eigentlich ganz schön >«. (Heiterkeit.) Ich glaube, auch manches Mit­glied die,es Hauses geniert sich gar nicht, zum Kur­pfuscher zu gehen. Das Gesundbeten vor allem sst der finsterste Aberglaube, der sich denken läßt, od) richte demgegenüber an die wirklich Gebilde­ten den Appell, mit gutem Beispiel voranzugehen. Iber auch sonst muß streng vorgegangen werden. Es muß verhindert werden, daß neue Präparate frei verkauft werden, ehe sie erprobt finb und chre eventuelle Gefährlichkeit ermittelt ist. Der Redner verweist auf die Erprobung desEhrlich Hata Bob" hin und gibt seiner Freude Ausdruck, daß Prof. Ehrlich mit seiner Erfindung die beut iche Wissenschaft wieder an die Spitze gestellt hat. (Beisall.)

. Abg. Höffel (Rp.) weist auf zahllose Fälle von ge uudheitlichen Schädigungen, ja selbst Todesfälle ruwlge Kurpfuscherei hin, die von den Strafge- rtasten festgestellt worden sind, so z. B. in Bres­lau 168 Fälle. Wir begrüßen im allgemeinen die Vorlage, in der alle Vorschriften gegen die Kur­pfuscher vereinigt sind.

Mlg.Mktmanü ^lvirtsch. Bgg.): Das Schicksal, der Vorlage ist noch ungewiß. Erst die Kommission wird die Entscheidung bringen, denn bisher hat, sich keine Partei festgelegt. Vielleicht wäre es besser, mehr aufklärend zu wirken als Gesetze zu erlassen, die doch immer nur Stückwerk sind. Auch in der Naturheilkunde steckt ein guter Kern. (Bravo!)

Das Haus vertagt sich. i

Donnerstag 1 Nhr: Wetterberatung, Inter- ' pellation über die Rebsthädlinge.

Schluß G'i Uhr. i

Kunst und Wissenschaft.

# Bei einer Versteigerung älterer Münze« und Medaillen in Frankfurt a. M. wurden durch­weg hohe Preise erzielt. So bezahlte man für einen Taler aus dem Jahre 1525 des Kurfürsten Ludwig von der Malz 1375 M, für den ein­einhalbfachen Dicktaler, 1655 des Pfalzgrafen Wilhelm, 630 jK, für einen ovalen, goldenen Gnadenpfennig 1596 Friedrich IV., des Auf­richtigen, 2250 jK, für eine Schaumburger Doppelpistole 1829 des Fürsten Georg Wilhelm 480 Jl und für eine goldene Salzburger Medaille von 1728, mit dem Bilde von Leopold Anton, Graf von Firmian, 640 X

Unpolitische Tagesnachrichten.

Unterschlagung bei der Deutschen Bank. Ber­lin, 30. Rov. In einer Depositenkasse der Deutschen Bank ist eine Unterschlagung von 73 000 M vorgekommen; der Oberkassierer Höf­ling wurde verhaftet. Die Kassierer Krause, Gieseund Jde, die an den Unterschlagungen gleich­falls beteiligt sind, sind geflüchtet. Die Unte«- schlagungen waren nur dadurch möglich, daß sich drei Beamte, die sich gegenseitig kontrollieren sollten, zu dieser Handlungsweise zusammentaten.

Das brennende Benzin. Berlin, 30. Nov. Auf dem Gelände der Benzinlagerungsgesellschast Nobelshof brennt seit heute Mittag noch ein Tank. Im Ganzen sind fünf Tanks ausgebrannt. Sechs gefüllte Tanks sind noch unverfehrt, diese werde« fortwährend abgekühlt. Bier Dampffpritzen be­folgen die Pumparbeiten.

Der Ausstand auf der ZecheLukasch Ef se« (Ruhr), 30. Nov. In einer gestern abgehaltenen' Belegschaftsversammlung der ZecheLukas" bei. Dortmund wurden drei Vertrauensmänner ge­wählt. die mit Revierbeamten über die Wieder­aufnahme der Arbeit verhandeln follen. In der gestrigen Nachtschicht sind von 130 Mann nur fünf eingefahren, in der heutigen Frühschicht von 230 mtr 13. Die Verwaltung der ZecheLukas" verharrt auf ihrem Standpunkt, daß sie nur in Verhandlungen ein treten könne, wenn die unter Bruch des Kontraktes niedergelegte Arbeit wieder ausgenommen wird. Alsdann wolle sie die For­derungen ber Belegschaftsversammlung gewissen­haft prüfen.

Fünf Bergleute verschüttet. Gelsenkir­chen, 30. Nov. Auf Schacht drei der Zeche Rheinelbe" wurden heute früh durch Zubruch­gehen der Strecke 5 Bergleute verschüttet. Im Lause des Vormittags wurden zwei der Ver­schütteten als Leichen geborgen; zwei wurden schwer einer leicht verletzt geborgen.

Rückzug Cooks. London, 30. Nov. Die Abendzeitungen bringen heute ein Newhorker Telegramm, wonach Cook in einem Artikel in bet Hamptons Magazine" erklärt, er müsse nach reif­licher Ueberlegung bekennen, daß er nicht wisse, ob er ben Nordpol erreichte ober nicht. Er glaube, daß sei« Geisteszustand durch die Strapacn bei der Polarfahrt gelitten habe.

Opfer ber See. Cuxhaven, 30. Nov. Der deutsche SchonerEngelius", auf der Fahrt von der Elbe nach der Weser, ist wäh- rnd des letzten Sturmes unterge- angett. Die ge­samte Besatzung ist umgekommen. London, 30. Nov. Ein unbekannter Koblendamvier stieß heute früh mit dem auf ber Höhe von Gravesund ankernden englischen KohlenbampferGratitunde" zusammen, der binnen Zwei Minuten sank. Von der aus zehn Kövfen bestehenden Mannschaft wur­den nur zwei Mann aeretttt. Sa-otunna, 30. Nov. An der spanischen Küste herrscht ein funbtbarei Sturm. Von einem Dampfer wurden drei, von einem anderen ein Mann fortgesvült. Das BootPrincesa" sank, von ber Besatzung wurde nur einer gerettet, die übrigen zwölf sind ertrunken.

Eine Feuersbrunst. Petersburg, 30. Nov. Bei einer F-mersbrunst im Dorfe Schernrnetwske im ff reife Tscheubarsk sind neun Personen ver­brannt.

Verhaftete Diebesbande. Hamburg, 30. November. Kürzlich wurden hier fünf Burschen verbastet, die 186 000 M an Brillanten unb Gold­waren erbeutet hatten. Der Bote Neunzig ge­stand nun daß die Bande eine rni Brillanten g» füllte Konservenbüchse auf dem Ohlsdörfet Fried- Hofe begraben hatten; eine Büchse mit Brillanten im Wer'e von etwa 90 000 Jl wu.de tatsächlich dort gefunden.

Verantwortlich für bte Redaktion: Dr. pbil Carl HitzeroZH In Marburg.

Überall erh&ltlich

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