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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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unb den Beilagen: ,Mch Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."
Die „Ooethessische Zeitung- erscheint täglich mit Ausnahme der
45. Jahrg.
Marburg
Sonntag, 20. November 1910
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Zweites Blatt.
Wilhelm Raabe f.
Von August Hagemann.
Nun ist der alte kernige Niedersachse dahingegangen. Bis vor wenigen Jahren stand er noch als ein frischer und aufrechter Greis unter uns, und jetzt nimmt auch ihn der „Schüdderurnp" auf, der große Leichenwagen, der uns Alle einmal, früher oder später, ins Grab kippt. Er hat ihn nicht gefürchtet; hat er ihn doch in den Mittelpunkt eines großen Romanes, einer seiner tiefsten Schöpfungen gestellt; und wenn er uns im Eingänge dieses Romanes mit dem Schüdderump und seiner Bestimmung bekannt macht, da gesteht er, daß ihm der Gedanke daran, seitdem er den schwarzen Wagen in der kleinen Sachsettstadt zum ersten Male gesehen hat, immer nachgegangen ist. „So ist mir der Schiidderurnp" allmählich zum Angelpunkte eines ganzen, tief und weit ausgebildeten philosophischen Systems geworden."
In jenen 6Gcr Jahren, da der „Schiidderurnp" und einige andere Meisterwerke Raabes, vor allem der „Hnngerpastor" und „Abu Telfan" erschienen, hatte der Dichter keine guten Tage. Es war eine schwere Zeit für ihn. und über seiner ganzen Welt- und Lebensanschauung wölbte sich der graue Himmel des Pessimismus. Schopenhauer war gerade Raabe nicht unbekannt geblieben. und ein herber Ernst, eine zuweilen bittere Melancholie bilden de« Grundton jener drei er- wähnt-'n Meisterwerke. Er. der zum Humoristen geboren war mußte de« Schmerz und die Sorge, die int Grunde unseres Menschenloses liegend, erst in sich und mit sich durchkämpfen, um zur boll n Freih-it zu gelanaen. Durch dies« Periode des Pessimismus kämpfte sich Wilhelm Raabe erst endgültig zu dem souveränen Humor durch, der ibn kennzeichnet jenen Humore. der alles versteht, alles mitfühlt, aber über alles hinaus noch auf e'N Höheres blickt.
Leicht ist es dem Wilhelm Raabe aus Eschershausen in Braunschweig überhaupt nicht geworden. Zu se'nem wahren Berufe mußte er sich erst durchfinden. Zuerst war er in di« buchhändlerische Laufbahn gekommen und hatte in Magdeburg gearbeitet, als ihn der übermächtige Drang erfaßte und er sich lieber hinter die Bücher setzte, um das Schülp nsum da wieder auszunehmen, wo er ez hatte liegen lassen. Er bestand di- Reffetirüfnng und ging nun als Sttident nach Berlin. Ein witnderlicher Student war es. der da im alten Berlin still in seiner Bude hauste. Er trieb Studie« von allerlei Art, philosophische, geschichtliche, literarische, aber er trieb sie doch nicht so, wie sie der normale Student betreibt, mit einem Hinblicke auf ein regelrechtes Eramen und einen bürgerlichen Beruf. Umsomehr aber fand der Student Raabe Zeit, aufzumerken und aufzuhorchen. die Menschen, die ibn umgaben, zu erfassen und für das geheime Weben und Werden des deutschen Volkes sein Ohr zu schärfen. Es war ein rechter romantischer Student, als der Raabe dazumal int alten Berlin herumwandelte, aber eine Romantiker, dem doch die neue Zeit nicht spurlos vorübergeganaen war. ein Romantiker mit einem gesunden Wirklichkei'sstnne. Und aus der Mischung so verschiedener Neigungen und Gaben entstand s-in erstes Werk, die nun heut doch wohl schon klassisch zu nennende „Chronik der Sper- lingsaasse", die 1857 erschien und worin die Kleinwelt der Spreestraße zu Berlin mit soviel meisterlichem Realismus, mit soviel Sonnenschein und soviel Humor geschildert wird. Der Dichter Wilhelm Raabe, d r sich damals übrigens noch hinter dem Kricasnamen Jakob Corvinus versteckte, hatte sich gefunden.
Das war im Jahre 1857, und der junge Dichtersmann, seine: Schöpfung froh, «rocht: wohl die Hoffnung hegen, nun einem behaglichen Dichlerleben entgegenzuyehen. So ist es ihm nun nicht geworden, der Ernst des Lebens blieb ihm nit erspart. Kaum einem deutschen Dichter der letzten fünfzig Jahre ist es so schwer geworden, fein Publikum, seinen Erfolg zu finden, wie Raabe. Er war schon 70 Jahre gcwor den, da hatte es der größte Teil seiner Werke noch nicht über die zweite Auflage hinaus gck- brachü; und dabei war es doch eine lange, stattliche Reihe von Schöpfungen, die Raabe erzählerfroh in die Welt binausaeschickt hatte und es befanden sich darunter Meisterstücke, wie „Horacker" und der „Drömling", wie „Unseres Herrgottes Kanzlei" und „Alte Rester", um nur einige wenige aus der Reihe herauszugreifen. Die Erflärung, warum der Erfolg so lange I zögerte, ist nicht schwierig. Raabe ist immer ein I »Eigener" gewesen, und soviel man auch 1
heutigen Tags den Individualisten zu preisen pflegt, das wahrhaft Originelle hat es doch heut schwerer, als je. Und dieser hartnäckige Sachse tat auch so gar nichts der Tagesmode der Literatur zu Liebe. Ging seinen eigenen Weg, ohne rechts und links zu sehen. Baute seine eigene Welt nur immer reicher und voller aus — hatte im Tiefsten seines Herzens am Ende gar gegen die Götzen des Tagesruhmes eine kräftige Verachtung. Wenigstens hören wir ihn in einem Briefe aus dem Jahre 1894 sagen: „Ich bin mir bewußt, auch während der letzten zehn Jahre meines literarischen Tuns und Treibens meinen Schild rein gehalten zu haben, von de: Reflame, schreibseliger Ueberhastung usw." So ohne Nebengedanken und ohne Haß. ging et seinen Lebensweg weiter, der ihn erst nach Stuttgart, dann aber nach Braunschweig führte, wo et nun jahrzehntelang fleißig, still, aufmerksam und genügsam gehaust hat. Und langsam kam nun das deutsche Volk an den alternden Dichter heran, und als er vor nun nenn Jahre« seinen 70. Geburtstag beging, iit sah et, daß die Besten seines Volkes den Weg zu ihm gefunden hatten, da fühlte er sich verstanden und gewürdigt, da erblickte er ein junges Geschlecht, das sich huldigend um ihn scharte und sich zu freiwilligen Verkündern seines spät erkannten, aber dauerhaften Wertes machte.
Das ist ein gar einfaches Dichterleben, dessen äußere Umrisse wir hier gezogen haben. Aber das schlichte Gefäß birgt einen reichen und schönen Gehalt. Versuchen wir es, die Haupt - züge der geistigen Persönlichkeit Raabes uns zu vergegenwärtigen.
Zwei Dichter haben besonders stark auf ihn gewirkt; Jean Paul und Dickens. In natürlicher Geistesverwandtschaft zog ihn zu Jean Paul d>e Unerschöpflichkeit seiner Phantasie und die nimmer müde Lust an der Beobachtung des Ein gellten und des Besonderen. Er teilte mit ihm die Freude an allem Originellen und an allen Originalen, sie mochten seinethalben selbst ans Groteske streifen. Was ihm aber dann vor allem mit Jean Paul gemein war, das war jene besondere Art des Humores. der eben nur durch diese beiden Dichter vollgültig vertreten ist. Es ist jener Humor, dem die Tragik so eng verschwistert ist, daß sie voneinander nicht zu trennen sind, daß wir mitten im Humcre die Schatten des Tragischen den Himmel verfinstern sehen und mitten in der bittersten Tragik noch die Silbertöne des Humores vernehmen. Darum gibt es bei Raabe, ähnlich wie bei Jean Paul, eigentlich fast nie jähe Uebergänge vom Humoristischen zum Tragischen sond-rn es ist nur ein Tonwechsel, der die Grundhaltung der Erzählung bestimmt. Weniger glücklich war es, daß Raabe von Jean Paul auch die zerflatternde Art der Komposition annahm, die ihm lauge nachge- aanaen ist und die er vollständig wohl nur in seinen weniger umfangreichen Arbeiten überwunden hat. In dieser Entwickelung ist ihm nun Dickens von großem Nutze« gewesen. Raabe war ein ungemeiner Bewunderer des Engländers. dessen erste frische Erfolge er wohl noch hinter dem Ladentische des Buchhändlers erlebt hat. Von ihm lernte er die Wirkung breiter An laae, übernahm er die Nötigung zum Nc''chttime der Komvosition, zur Einführung zahlreicher Persönlichkeiten, in deren individueller Charakteristik er mit Dickens toetteif'1rt. Er erlernte von ihm auch den Kunstgriff, durch gewisse Hebe» raichunaen in der Handlung zu wirken. Und so bildete sich nach und nach Raabes eigene fünft leriswe Persönlichkeit aus in der man aber nie den Nachklang der Spättomantik überleb'-« darf, der nicht allein in der „Chronik der Sperlings- gasse", fonbem noch in einer großen Anzahl anderer Werke vernehmbar wird. Zuweilen glaubt man in Raabes Naturschilderungen den köstlichen Eichendorfs singen zu hören.
Was ibn aber wieder ganz von Dickens trennt, das ist die Tiefe feiner Weltanschauung, das ist sein philofovhischer Geist. Daß der Mangel an einer Weltanschauung die Achillesferse des einzigen Talewes Dicken's gewesen ist. das hat schon sei« Bioaravh Forster schonend bervorgebob'n. Unter Raabe bacneaen gehörte von Hause aus zur Familie der Philosophen, der Grübler und was er in den eingangs angeführten Worten. von feinem tief und weit ausgebildeten philasophifchen System fagt, das darf man, so will uns bebünten, ziemlich wörtlich nehmen. Freilich .System" — ein Stiftern nach der Art der Fachphilofophen darf man bei ihm nicht suchen. O, nein, dieser Dichter, der einen so ausgeprägten Sinn« für das Besondere bas Jndivibuelle hatte, b^r war weit davon entfernt, alles, was lebt, auf das Prokrustesbett eines philosophi''chen Systems zwängen zu wollen Seine Philosophie war eine Philosophie des Lebens — noch mehr vielleicht: des Empfindens. Er war tote toir bereits and uteten, durch die Bitternisse schwerer Zeiten hindurch gegangen,
er hatte den Enttäuschungen und de» «»Most-- leiten des Lebens tief ins Auge geblickt, und fein ganzes Leben lang hat er unerschütterlich den Kops gegen Hohlheit, Unwahrhastigkeit, Phrase und Pose geführt. Es erinnert ein wenig an Dickens, wie sich feine Mensche« immer in zwei Gruppen zu scheide« pflegen. Die eine Gruppe: das find die Kinder dieser Welt, die den großen Hunger habe« nach Macht und Ehre, nach Geld und Eitelkeiten. Die andere Gruppe: das find die Stillen, die Innerlichen, die Feine«, die nach den wahren Worte« schürfe« und die sie letzten Endes nur in einem finden — in dem einen, das der Dichter gefeiert hat mit den schönen Worten: „Sei gegrüßt, du große schassende Gewalt, welche du die ewige Liebe bist!" Diese Stillen aber — das find fast durchweg schlichte Leute. Raabe hat sich nie in Salons oder Fürstensälen wohl gefühlt, aber mit einem Landbriefträger zu wandern mit einem Scyuster unter seiner Glaskugel zu sitzen, mit einem originellen vielleicht selbst halb verschrobenen Gelehrten in seinem stillen Stt'dium zu stöbern, schließlich mit allerlei wundersamen Leuten umzugehen, die unter Knien. Schroffen und Ecken ech es Gold bergen: das ist allezeit feine Freude gewesen. Und wer genauer zusieht, wird auf di ser Seite einen soziale« Zug bei Raabe finden. Rur daß er nie „Armettutmalerei" getrieben hat sondern daß er uns vielmehr gelehrt hat, selbst die kümmerlich ste« und wunderlichsten zu ehren und zu lieben, in denen er «ns in ihr oft verborgenes, oft verbogenes und dennoch echtes und wahres Menschentum hineinfühtte.
Die breite Anlage, so sagten wir, übernahm er von Dickens. Aber während Dickens vor allent ein aroßes Gemälde der äußeren, der fl* sellschastliche« Well lieferte, wie sie das damalige Engianv tiebie, so liegt der Akzent bet Raabe auf einer anderen Seite. Deutschland hatte eben nicht das große geselljchaftliche Leben des eng« Ittchen Volkes, es war, wie es Raabe kennen lernte, «och in Dutzende von Staaten, Städtchen, Kreisen und Kreischen gespalten. Weltstadtdichter, Gefell'chastsschilderer im gewöhnlichen Sinne ist Raabe also nicht. Aber wir möch'en ihn dafür den „Dickens des deutschen Gesiihls- lebens" nennen. In dem deutschen Gefühlsleben fand Raabe eine ganze eigene große Welt und durch diese Welt ist er ein unvergleichlicher Führer. Da ist der deutsche Mondschein und die deutsche Kefühlssinnigkeit. der deutsche Humor und die deu'sche Sehnsucht, die zarte Siebe und die hahnebüchene Derbheit, da ist diese ganze wunderlich-reizende Mischung die das deutfche Gemütsleben kennzeichnet. Und darum halten wir es für richtig, daß Raabe selbst wenn seine Schriften übersetzbar sein sollt n, doch nie den Weg zum Auslande finden tonn. Er ist kein Heimatsd'ch'er in dem beute landläufige« Sinn des Wertes, aber an der deutsche« Scholle haftet er allerdings unablöslich. Es ist von aufmerksamen Beobachter« bereits bertooraeboben worden, daß Raabe obgleich Niederfachse in jedem Blutstropfen. doch in seiner Dicbttlng zu einem vollen und gamen Deutfchtume sich ausgewachsen bat. Der berühmte Germanist mochte schon recht haben, der dem Dichter bei der Feier seines 70. Gebur'stoaes saate. seine norddeutschen Menschen glaube er ihm doch am meist.n. Darum bleibt es dennoch wahr, daß Raabe auch die Menschen vom Bodenfee und von Schwaben auch Nürnberger und Wiener mit erstaunlicher Wahrheit gezeichnet bat. Das machte, daß er die Konstitution der Erscheinung „Der Deutfche" mit seltener Kraft erfaßt hatte und daher das $er wöaen befaß sie durch alle Stammesverfchieden- hei en hindurch immer wieder zu erkennen. Es kehren daher bei seinen Menschen auch gewisse ttipische Grundeigenschaften fast immer wieder, und vor allem hat vielleicht niemand so scharf und fo fein wie Raabe jenes Doppelwesen des Denttchen erkannt, daß in ihm zugleich ein Erz Philister und ein Erzidealist, zugleich ein schwerfälliger Erdenmensch und ein Held schlummert In der Schilderung des deutschen Philistertums ist Raabe geradezu flassisch, rnb schön ist es, wie er dies Philistertum, das er doch mit blutigen Hieben geiff ehe, zugleich wieder als den ewigen Mehr- und Mutterboden alles Großen darstelli und rühmt, das wir in unserem Vater- laude erzeugt haben. Dadurch eben wild Raabes Vaterlandsliebe, seine Liebe zum Deutschtume so überzugend, daß sic nicht aus Hurrahbegeistemng, nicht auf Schönfärberei zurückgeht. Er kennt fein deutsches Volk, kennt es auch in allen seinen Schwächen — und doch hebt er es liebt er es darum nur umsomehr und er glaubt daran. Er hat an das deutsche Volk geglaubt, als er noch zerrissen urO ohnmächtig war, er hat daran geglaubt, als die Schmutzflut des Mammonismus es zu ersttcken drohte. Und so darf man als ein edles Vermächtnis dieses echten und im höchsten, goethischen Sinne tüchtigen Manne- wohl die Verse anführen, die er
vor Jahren einem Studenten in den Mund gelegt hat;
Ans Werk, ans Werk mit Herz und Hand, Zu bauen das Haus, das Vaterland!
Ans Werk, ans Werk und laßt euch nicht Ruh, Gegraben, gehämmert zu und zu!.
Die Moabiter Straßenkrawalle vor Gericht.
S. & H. $ e r l i n, 18. Nov,
In der heutigen Verhandlung sind sämtliche Zeugen erschienen, die jedoch bis auf diejenigen Polizeioffiziere, die seinerseits das Kommando geführt haben, entlassen werden. Bevor der Hauptbelastungs- zeuge Polizeimajor Klein vernommen wird, beschwert sich Rechtsanwalt Heine dagegen, daß zwei Zeugen, die von ihm benannt, aber noch nicht geladen worden seien, in ihrer Wohnung durch Polizeibeamte in Zivil belästigt worden seien. Die Beamten hätten sich als Angestellte der Berliner Morgenpost bezw. als Bruder eines der Verhafteten vorgestellt. Der Verteidiger bezeichnet dieses Vorgehen der Staatsanwaltschaft als eine Ungehörigkeit, obwohl er zugebe, daß diese das Recht habe, über Zeugen Erkundigungen einzuziehen. Wenn, so fährt der Verteidiger fort, das in dieser Form geschehen ist, werde ich Anordnungen geben, daß das aufhört. — ^1^«» major Klein schildert dann eingehend das allmähliche Anwachsen der Unruhen und die baqegen getroffenen Maßnahmen der Polizei. Als selbstverständlich habe et es betrachtet, daß zunächst Personen und Eigentum zu schützen seien. Am 24. September erfolgte der elftere größere Zusammenstoß. Ich gab damals den Offizieren und Mannschaften die Weisung, immer persönliche Schonung zu üben, sich durch nichts reizen zu lassen und weder auf Schimpfworte, noch auf Steinwürfe zu reagieren. Die Mannschaften sollten sich ruhig verhalten und nie ohne speziellen Befehl der Offiziere von der Waffe Gebrauch machen. Den Beamten könne er ob ihres Verhaltens gelegentlich der Moabiter Krawalle nur das beste Zeugnis aus« stellen. Der Zeuge erklärt auf Befragen des Vorsitzenden weitet, daß er schon im Jahre 1892 eine Abteilung Polizeimannschaft am Brandenburoer Tot tont- manbiett habe. Von einem Janhagel könne bei den Zusammenrottungen in Moabit weniger die Red« fein, vielmehr sei er der Ansicht, daß es sich um Arbeiter handelte, die mit der ganz bestimmten Absicht voraingen, die Abfahrt bet Kohlenwagen der Firma Kupfer & Eo. zu verhindern. Der Zeuge schildert dann eingehend, wie am 27. September der Krawall feinen Höhepunkt erreichte und wie die Beamten immer wieder angegriffen wurden, ohne daß man der Anführer der Angreifer Herr werden konnte. Aus den Fenstern der umliegenden Wohnungen lei mehrmals geschossen worden. Dann wurde auch an die Polizeimannschaften der Befehl erteilt,,. mit der Schußwaffe vorzugehen, Ba mit dem Säbel allein nichts mehr auszurichten war. Rach dem Gebrauch der G^m^waffe trat vollkommene Ruhe ein. Nach der Angabe des Zeugen sind bei den Unruhen etwa 40 Beamte verletzt, darunter auch bet Zeuge selbst durch einen Steinwurf am Knie. Auf Befragen seitens des Vorsitzenden und des Staatsanwalts erklärt der Zeuoe noch, dost in der Menne eine gewisse Er- reounn besionden hohe, die 1-hließlich in einen kraß sowohl aeaen die Arbeitswilliaen der Firma Kuvfer & Go. als auch aeaen die Polizeibeamten selbst ausartete. Auf eine Bewertung der Verteidiaung, daß onaehlich Beamte bet Polizei anständiae Frauen, die sich auf der S*-rnh» w'l "nanstonvigen Re
densarten bedacht hätten, erklärt bet Zeuge, dc>K ko etwas vollkommen ausoekchlossen fei. Der betreffende Beamte würde unhedfnat heftraft werden. Auf die Bemerkung zmeier Bnoeklaater, baß sie durch Polizeibeamte verhindert worben sind, sich in ihre Wohnunaen zu beoeben bemerkt f»err Major Klein, daß sie sich in diesem Falle an die Voraefetzfen hätt 'n wenden müssen. Er selbst habe verschiedene Leute durch die S*uhman*’«Mte hindurchaelassen.
Hierauf wird der Zeuge Poizeileutnant Poltv vernommen der Vorsteher eines Moabiter Polizeireviers. Er schildert die Voraänge in ähnlicher Weife wie der Vorzeuge und betont, daß et die Menae wiederholt aufgefardert habe, in Ruhe aus- einanderzuaehen. Erst als dies nicht erfolgt fei der Befehl erteilt worden, blank zu ziehen. Nach der Meinung des Zeugen waren in der Hauptsache Arbeiter beteiligt, nicht der Ianhaoel. — Morgen werden die Verhandlungen fortgesetzt.
• Deutsches Reich.
— Für die Armee. Alle Berufe suchen heutzutage nur ein Personal aufzunehmen, das fachlich vorzüglich vorgebildet ist; die Entstehung zahlreicher Fachschulen für alle freien Gewerbe und Berufe war die Folge. Man wird anerkennen müssen, daß in dieser Art der Vorbildung bas Vollkommenste der beruflichen Leistungsfähigkeit zu erblicken ist. Und in der Tat find unsere wirtschaftlichen Erfolge in der Hauptsache mit mtf diese Tatsache zurückzuführen. Auch in unserer Armee ist es gang und gäbe, die berufliche Vor- und Fortbildung in den Vorder- gntnd zu stellen. Richt allein für die Erlangung eins guten und zuverlässigen Offizierersatzes hat man Kadettenanstalten, Kriegsschule« und andere Lehranstalten errichtet, nein auch für die Heeresbildung eines guten Unteroffizierersatzes hat man Berufsschulen in den Unterosfizier-Vov- schulen und Unteroffizierschulen gegründet. Die ältesten dieser Anstalten blicke» bereits auf ef».