Einzelbild herunterladen
 

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

»nd den Beilagen: .Mach hend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."

M 272

DirOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vieriel- sährlich durch die Post bezogen 2,25 «M sahne Bestellgeld), bei unseren Zeitungssteilen und der Ervedttion (Markt 21), 2.00 JL (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- hon keinerlei Bernntwartung.)

Drittes Blatt.

Schiffbautechnische Gesellschaft.

8. L N. B e r l i n, 18. Nov.

Unter zahlreicher Beteiligung von hervorragen­den Persönlichkeiten aus Marine- und schiffstech- ntschen Interessentenkreisen trat hier in der Techni­schen Hochschule die schiffsbautechnische Gesellschaft zu ihrer 12. Hauptversammlung zusammen. Den Vor­sitz führte Geheimrat Professor Busley-Charlotten- burg, der die Erschienenen begrüßte und mitteilte» daß am folgenden Tage der Eroßherzog von Olden­burg als Ehrenvorsitzender die Verhandlungen leiten werde. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegen­heiten erstattete der Geschäftsführer Dr. Hochstätter den Jahresbericht der einleitend besagt: Die immer noch unbestimmte, nur langsam sich bessernde wirtschaftliche Lage unserer Schiffbau-Industrie ist auf die Entwickelung der Schiffsbautechnischen Gesell­schaft Int vergangenen Geschäftsjahr ohne störenden Einfluß geblieben. Unsere Leistungsfähigkeit hat sich gegen früher sogar wesentlich gestärkt, wie das letzt erschienene Jahrbuch bezeugt. Obwohl wir zwar wiederum über zahlreiche Beitritte berichten können, glich sich die dadurch erzielte Bereicherung durch den Austritt einer entsprechenden Zahl von Mitglieder ungefähr aus. Die Einnahmen und Ausgaben d.er Gesellschaft balancieren mit 58766 JL Der Bericht geht dann auf die Tätigkeit der Gesellschaft des ver­flossenen Geschäftsjahrs ein und erwähnt u. a. die Tätigkeit der deutschen Dampfkessel-Normenkommis- fion und des deutschen Schulschtffsveretns. Darauf wurden eine Reihe von Vorträgen entgeaengenom- men, die lediglich fachwissenschaftltches Interesse bo­ten, So sprachen Geheimrat Professor Stumpf-Ehar- lottenburg über die wettere Entwickelung auf dem Gebiet des Gleichftrom-Dampfmafchinenbaues. Fre­gattenkapitän Tborbecke-Berltn behandxteDen Auf­bau schwerer Eeschütztürme an Bord von Schiffen-. Zum Schluß feiner Ausführungen erwähnte der Red­ner eine neue Turmkonstruktion, die in den letzten Jahren viel von sich reden gemacht hat: den Geschütz- türm mit 3 Kanonen, den sogenannten Triple- oder Drillinasttirm. Weiter sprachen noch Direktor Säu- berltch-Osterholz überSchiffs-Dieselmotoren" und ZtvUtngenieur Weiß-Eharlottenburg überDie Ver­wendung elektrischer Ferntermometer an Bord". Er empfahl die Einrichtung von elektrischen Ferntermo- meterzentralen und bekämpfte dabet die Befürchtung, als könnte der dabei verwendeten elektrischen Ströme Selbstentzündung, z. B. von Kohlen etntreten.

Der Kaiser als Diskussionsredner.

Der zweite Tag der Verhandlunaen bot insofern ein besonderes Interesse, als der Kaiser erschienen war und in die Debatte einartff, und zwar geschah dies bet dem Vortrag des Geheimen Regierungsrats Professor Dr. Cranz über Beweaungserscheinunaen im S-buss. Der Kaiser machte Mitteilungen über seine Erfahrungen beim Schießen auf Wild. Er hatte feinen Leibarzt beauftragt, die Schußkanäle und die

29 kR->»brnck verboten.)

Christiane Tanner.

' Roman von Claire ». Glümer.

(Fortsetzung.)

Auch Christians Gedanken waren wieder und wieder zu Christiane zurückgekehrt. Sie war so ganz anders als die jungen Damen seines Ge­sellschaftskreises, daß sie seine Phantasie lebhaft erregte. Die Christiane von ehemals war sie nicht mehr; merkwürdig, wie viel Haltung sie ge­wonnen Hal« sie war geradezu vornehm in ihrer Schlichtheit und Ruhe. Dazu ihre ernste Schönheit, die-hohe schlanke Gestalt, der stolz ge­tragene Kopf, die edlen Züge. Und wie be­rückend wirtte das flüchtige Aufleuchten der großen, dunklen, einst so leidenschaftlichen, jetzt so stillen Augen? Ob diese Leidenschaftlichkeit er­storben war oder nur eingeschlafen? Interessante Aufgabe, sie wieder zu Wecken; doppelt interessant, da gleichzeitig Melanie Nort- heimbs Späherblick getäuscht werden mußte. Vielleicht machte er den Versuch. Rach den Stra­pazen des Manöverdienstes war solcher Salon­sport Erfrischung. So sah denn auch er in an­genehmer Spannung dem Sonntagsdiner ent­gegen.

Aber noch war der Sonnabend zu überwin­den; von Christian in Staub und Sonnenglut, von Christiane am Maltische, wo sie mit uw­ruhigen Händen und zekstreuten Gedanken die Wochenaufgabe, die heute abgeliefert werden mußte, zu vollenden suchte. Eine Künstlerin hafte sie Christtan genannt; ob er dabei bleiben würde, wenn er erfuhr, welcher Art ihre Täftq- keit war, Sobald sie ihn wieder sah. wollte sie es ihm erzählen, ihn überhaupt, so weit sie es durste, mit ihren Verhältnissen bekanntmachen Einem Irrtum mochte sie nichts verdanken.

Lore, die hastig hereintrat. entriß sie ihren Grübeleien.

Kind, ein Telegramm für Dich!" rief sie dem jungen Mädchen zu.Von wem kann das sein?"

Christiane sprang auf;von Christian" dachte sie, schast sich in demselben Augenblicke eine Törin, riß die Depesche auf und sah nach der Unterschrift.

Marburg

Sonntag, 20. November 1910.

Die Jnsertionsgebühr beträgt für Jnferenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7ge^altene Zeile oder deren Raum 16 L, für auswärtige Inserate 20 -5, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Joh. Aug. Kva), llniversitLts-Buchdrnckerei. Jnbab-r Dr. C. .ftitzer- ' Marburg, M->-kt 21. Tel<»'K"i, 55.

45. Jahrg.

52

Schußwirkung genau zu studieren. Die Wirkung sei einerseits auf den Drall zurückzuführen und seinen Einfluß auf die Feuchtigkeitspartikeln im Innern des Körpers. Die Einschußstelle beim Wild ist sehr schwierig zu finden, da sich oas Fell nach dem Kugel­durchschlag gleich wieder schließt und oft langes Su­chen notwendig macht, um die Einschußstelle zu ent­decken. Dagegen sei die Ausschußstelle sehr groß, daß man meinen könnte, sie sei von einer Granate verur­sacht. Die Rotation der Geschosse im Innern des Körpers erzeugt förmliche Explosionswirkungen und zwar auf die Wasserteile: wie Sprenggeschosse waren sie nach allen Seiten auseinander geplatzt. Auch bei Versuchsschüssen auf dem Versuchsschießvlatz Halensee hat der Kaiser dann Beobachtungen über die dichte Feuchtiakeit der Erplossonskräfte des Geschosses ge­macht. Ebenso hat der Kaiser bei der Jagd im Schnee die Ex" losionskräfte in den weit fortgeschleuderten, in dem Schnee zerstreuten Partikelchen wahrgenom­men. Das Geschoß selbst war dabei gänzlich unver­ändert geblieben und batte keine Spur von Defor­mation erhalten. Es können natürlich auch Abwei­chungen erfolgen. Den Kaiser hat besonders die Ro- tationswirkunq der Geschosse schon seit längerer Zeit interessiert. Daher glaubte er angesichts der Bedeu­tung dieser Frage, seine Selbstbeobachtungen der Versammlung Mitteilen zu sollen. Den Äusfüh- runaen des Kaisers folgte lebhafter Beifall.

Direktor Frahm-Hamburg sprach überSchlinger­tanks zur Abdämpfung von Sckstffsrollbeweg- ungen", Regierungsrat Mehlis - Charlottenburg überfteißdamvfanlaqen mit Ventilmaschinen für Schiffsbetrieb". Dr. Gebers-Berlin behandelte einen neuen Schleppdampfertyp für Scbiffahrts- kanäle. Zwischen den Vorträgen hatte Geheimrat Mietbe von der Technischen Hochschule zu Charlotten­burg Lichtbilder von einer Reise nach Spitzbergen ge­zeigt, die das lebhafteste Interesse des Kaisers wach­riefen. der fast drei Stunden den Verhandlungen bei- gewohnt hatte._______________________________________

eg""'"--------- " a

UnpsWMIagesnachrichten.

Ermordung Debou.

Paris, 18. Rov. Aus Udschda wird ftdneftet. daß bet französische Kaufmann Rppa Ricie, welcher bei einem Bergwerksingenieur angeftellt war, ty Debou während eineSMtjchen zwei ein­geborenen entstäiwenen Scharmützels

getötet wurde. Er hatte sich unter den Schutz eines Stammeshäuptlings gestellt und an dessen Seite gekämpft.

Vermischtes.

Aus Liebe zur Mutter! Aus Mutter­liebe zum Deserteur geworden ist der deutsche Staatsangehörige Leher, der sich dieserhalb vor dem Oberkriegsgericht zu verantworten hatte. Er war aus der Schweiz, wo er erzogen wurde, freiwillig zum Dienst nach Deutschland ge­meldet. Als sein Vater in Biel in der Schweiz

I starb, erhielt er nach dort sieben Tage Urlaub, um an dem Begräbnis teilzunehmen. In Biel fand er seine Mutter in so ttaurtgen Verhält­nissen vor, daß er es nicht über das Herz brin­gen konnte, sie in ihrem Elend zu verlassen. Er nahm in der Schweiz Arbeit an und unterstützte seine Mutter zwei Jahre lang, bis sich deren Ver­hältnisse wieder gebessett hatten. Dann kehrte er zu seinem Truppenteil zurück, der ihn vor das Kriegsgericht stellte. Das Gericht nahm unter den waltenden Umständen nur unerlaubte Ent­fernung an und verutteilte Leher zu 43 Tagen Gesänignis. Gegen dieses Urteil legte der Ver­treter der Anklage Berufung ein. die nunmher das Oberkriegsgericht beschäftigte. Dieses sah in dem Verhalten des Angeklagten auch nur unerlaubte Entfernung von seinem Trupp nteil, erhöhte die Strafe aber auf zwei Monate Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde dem Angeklagten aber voll angerechnet, sodaß er nur noch 17 Tage Ge­fängnis zu verbüßen hat.

Aufruf zu einer Sammlung für ein Fritz Reuter-Rattonal« mufeum.

Am 7. November 1810 wurde Fritz Reuter ge­boren. Als Huldigung für den großen Mecklenburger, dessenolle Kamellen" in Nord und Süd durch ihren Humor und ihr tiefes Gemüt volkstümlich geworden sind, hat derUnterzeichnete eine Fritz Reuter-tzundert- jahr-Ausstellung in Berlin veranstaltet, die dort am 12. Juli 1910. dem Todestage des Dichters, im Künst­lerhause eröffnet worden und Anfang Ottober in» Abgeordnetenhaus übergesiedelt ist. Hier nun, in­mitten der systematisch geordneten Sammlung von Büchern, Bildern, Schriftstücken, Skulpturen, persön­lichen Andenken und Erinnerungen jeder Art, die eine anschauliche Wanderung durch sein Leben und Schaffen gewährest, wurde am 7. November die Wie­derkehr fAnes, hundertsten Wiegenfestes gefeiert.

Auf dem väterlichen Schreibsekretär, woran unser Poet keine Hauptwerke geschrieben hat, ist ein Buch TtWBgtPnt mir der Aufforderung:

Setzt, Freunde, euch an Reuters Pult, Tragt ab hier eine Ehrenschuld.

Wenn euch aefällt. was rings ihr seht. Daß Sein Museum draus entsteht!

So jung as old, man Lmmer 'ran, Un gew jebetn* all was hei kann!

Viele Besucher haben Bausteine gestiftet, aber noch lange nicht genügend zur Verwirklichung eines Reu^er-Mukeums.

Das vaterländische Unternehmen ist von ange­sehenen Persönlichkeiten und Preßorganen mit leb­hafter Zusttmmu g bearüßt worden. So sagt der Neichsbote: ..Der Veranstalter trägt sich mit dem Plane, ein Reuter-Mukeum zu begründen, was um so mehr zu wünschen wäre, als die vielen wertvollen Sachen jetzt in aller Welt verstreut sind, im Privat­besitz - - allgemach verlieren würden und nur in

ihrer Vereinigung das Andenken an den großen Sohn Mecklenburgs voll und ganz der Nachwelt überliefern können"; und die Mecklenburgische Landes-Zeitung: Die Reuter-Ausstellung ist eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges uno hohen Charakters, die Dauer und Bestand haben sollte, nicht wieder verschwinden dürfte; ste scheint so gefügt und gebaut zu sein, al» wäre sse nicht für etliche Monate geschaffen, sondern als würde hier schon ein Reuter-Museum uns er­schlossen, das ja leider noch immer auf sich warten läßt. Wo wird'» erstehen? und wer hilft?! Kein besseres Monument könnte unferm Fritzing errichtet werden, als ein Reuter-Nationalmuseum."

Dies, wie die Begeisterung der Ausstellunasbe- fucher, spricht offen dafür, daß es der wahrhaftige Wunsch vieler Verehrer und Verehrerinnen Fritz Reuters ist, ihm eine bleibende Weihestätte zu be­reiten, wo ste alle immer aufs neue Anregung emp­fangen und des mecklenburger Klassikers wie seiner Schöpfungen dankbar gedenken.

Zu solchem idealen Zwecke mögen die Gaben reich­lich fließen! Die Reichsbank und ihre sämtlichen Zweiqanstalten nehmen Einzahlungen auf Girokonto Reuter-Nationalmuseum" für die Einzahler kostenfrei entgegen. Wie sagt doch Fritz Reuter?

Doch wat ein' gewen will, bat gew hei bald!" Berlin W Eentbinerstr. 15. 7. November 1910, am 100. Geburtstage Reuters.

Prof. Dr. Karl Theodor Eaedertz.

Auszug aus den Standesbüchern des Königlichen Preußischen Standesamt-b-irks Marburg

Som 12. bis 19. November 1910.

Standesamt werktäglich geöffnet von 1012 Uhr Standesamt befindet stch jetzt Zimmer Nr. 6.

Verehelichte:

1. Bahnarbeiter Heinrich Schäfer, wohnhaft Marburg, mit Maria Ludwig aus Holzhausen.

Geborene:

1. Luise, Tochter des Arbeiters Johann Theodor Schiele. 2. Werner Paul Hermann. Sohn des Uni« versitätsvroiessors Dr. vhil. Friedrich Emil Ludwig Diels. 3. Else Luise Christiane. Tochter des Bäcker­meisters AUaust Wilhelm Gust. Ewald Schmith. 4. Maraa Anette Margarete. Tostster des Rankübr-rs Heinrich Otto Fiege.' 5. Elsa Siddy, Tochter des I«- ' ?

Mhit5lef>rer5 Heinrich Karl Hermann Sandte. 6.

Erich, Sohn des Fabrikarbeiters Zofeph Wendelin Clafani. 7. Wilhelm Nikolaus, Sohn des Fabrik­arbeiters Nikolaus Hentrich.

Verstorbene:

1. Totgeburt, Sohn des Kaufmanns Hermann Brauer. 2. Rentner Wilhelm Heinrich Claus. 3. Kunigunde KhrifHnne Lutte Geisler, Tochter des' Wirts Wik! m Geisler. 4. Totgeburt, Sohn des Klempners Friedrich Reisse. 5. Dienstmaad Karo- line Böttner. 6. Schreiner Hieronymus Flick aus tx-T-u-erichenn^iu. 7. Kaufmann Giovanni Bernar- dinevo ouq Lendinoro in Italien.

Verantwortlich für die 7eboftion:

Dr. pbil Corl Hißeroth in OP'-'rbitro

Wilhelm!" rief ste und las mit steigender Verwunderung:Sei heute vormittag 11 Uhr 20 Bahnhof, muß gleich weiter," und fragte, der Tante das Blättchen reichend:Begreifst Du das? . . . wohin mag er reifen?"

Lore fchüttelte den Kopf.

Und fo eilig!" sagte ste:nicht einmal her­zukommen, der Unglücksmensch! Sie wird das die Frau Pate ,Übelnehmen. ... Du aber Kind . . . hingehen kannst Du doch nicht?"

Ich muß!" antwortete Christiane.Bitte, sag' es der Großmama, während ich mich eilig fertig mache; es ist die höchste Zeit!"

Wenige Minuten später trat ste, zum Aus­gehen gerüstet, ins Wohnzimmer, wo die Bürgermeisterin hoch aufgerichtet im Lehnstuhl am Fenster saß. Der Blick, womit ste der Enkelin entgegensah. war ebenso streng wie vor ihrem Schlaganfalle, und ebenso stteng war der Ton. in dem sie fragte:

Du willst gehen? Das schickt stch nicht, ein junges Mädchen zu dem jungen Manne . . .?"

Mein Pflegebruder . . . liebe, liebe Groß­mutter, das kannst Du mir nicht verbieten!" siel Christiane ein und eilte zur Tür hinaus, ehe die alte Frau antworten konnte.

Der Bahnhof lag ziemlich entfernt; so schnell Christiane ging, der Zug war bereits vorge­fahren, als sie den Bahnsteig bettat, und der Ruf:Drei Minuten Aufenthalt?" übertönte das Aufreißen der Wagentüren, die Schritte und Sftmmen der zur Abfahrt Herandrängenden.

So kurze Zeit . . . und noch dies Suchen!" dachte Christiane, während sie am Zuge entlang eilte. Plötzlich hörte sie ihren Namen rufen; ein großer, blonder, bärtiger Mann stürzte auf sie zu, schloß ste in die Arme und war im Begriffe sie zu küssen. Aber sie fenkte so rasch den Kopf, daß feine Lippen nur ihren Hut berührten und er sie losließ.

Kleine Christiane, wie groß Du geworden bist!" sagte er mit gepreßter Stimme;und toi? verändert?"

Innerlich nicht . . . innerlich bin ich die Alte," fiel sie ein, fühlte plötzlich, daß es nicht fo war, und wendete stch ab. Er fchien eS nicht zu beachten.

Das weiß ich, sonst hätte ich Dich schwersich

berzittert," sagte er, indem er ihr den Arm bot und sie aus dem Gedränge führte.Und doch . . . mein Verlangen, D'ch zu sehen, mich endlich einmal toieber mit Dir auszusprecheto, war zu groß . . ."

Auszusprechen. Wfl, wenn Du gleich weiter­fährst?" fiel sie ein.

So war es nicht gemeint," gab er zur Ant wort.Ich gehe nach Lingenau und hoffe, daß Du mich ein Stück Weges begleitest. Aufhalten kann ich mich nicht, mein Vater ist schwer krank . . ."

Dein Vater!" rief Christiane;wir wissen, daß Deine Brüder die Masern haben , . ., aber Dein Vater . . . was fehlt ihm? Und wie hast Du es erfahren?"

Pate Linaenau hat es mir geschrieben; hier ist fein Brief, er wird Dir Auskunft geben, während ich das Fortschaffen meines Gepäcks besorae. Dann geben wir."

u. Verwundert nahm sie den Brief. Seit wann stand Wilhelm wieder in $erbiiti>uttg mit Herrn von Lingenau?

Während bet junge Mann forteilte, der Zug abfuhr und der Bahnsteig leer wurde, fetzte sich Christiane auf eine Bank zog mehrere mit kräf­tig"« Schriftzügen bedeckte Blätter aus dem Umfchlaa und las:

Schloß Lingenau. 16. September 1886.

Lieber Wilhelm! Anfang dieses Monats wurden Deine Brüder, die. wie Du wissen wirst, in der Residenz das Gymnasium besuchen, von den Leut-m, die sie in Kost hatten, halb krank nach Hause geschickt. Der Zustand ist immer schlimmer geworden, und nun haben sie eine bös­artige Diphterifis. Wegen der Manöver, dir hier stattfinden, soll das nicht bekannt werden. Es heißt, die Pastorskinder hätten die Masern; damit ist die Absperrung des Pfarrhauses er­klärt, und die Panik, die für Hasenherzen gefähr­lich sein soll, wird vermieden.

Unter diesen Umständen konnte keinerlei Pflegehilfe ans dem Dorfe requiriert werden; ich erbot mich also, eine Diakonissin zu stellen, bin damit aber bet Deiner Frau Mutter übel anaekommen. Solche Person, die sich einbilden I würde, alles besser zu verstehen, dürfte ihr nicht I über die Schwelle, erklärte sie; und was der I

Herr einer Mutter auferlege, müsse sie allein zu tragen wissen. Dabei ist sie geblieben, eigen­sinnig wie na. sie ist die Frau meines Pastors, so will ich denn den Vierfüßler nicht nennen, den ich im Sinn habe! Aber daß es Frau Betty mit dem Alleintragen nicht buchstäblich genom- men hat. kann ich Dir nicht verschweigen. Dein guter Vater ohnehin nickst der Stärkste, hat heran gemußt. Tagsüber Amtsgeschäfte. Nachts die Krankenwache was wunder, daß er zu­sammengebrochen ist? Seit gestern liegt er in heftigem Fieber; Dr. Günther fürchtet, daß ihn die Kinder anaesteckt haben. Natürlich habe ich gleich eine geschulte Pflegerin für ihn hertele­graphiert. Noch lieber hätte ich den alten Freund zu mir ins Schloß genommen; meiner Einquartierung weaen gebt das leider nicht, aber ihn täglich zweimal zu besuchen, lasse ich mir nicht nehm-n. Als ich eben bei ihm war sagte mir Schwester Luise allem Anschein nach eint tüchtige Pfleaerin mit sanftem Gestcht und ge­schickten Händen der Kranke hätte die ganze Nacht von seinem Sohne Wilhelm phantasiert. Auch als ich an fein Bett trat, kam in den wirren Reden, die er vor sich hinmurmelte immer wie­der Dein Name vor. Ich versvrach, Dir zu fchreiben. daß Du kommen möchtest, und ich glaube, der Kranke hat mich verstanden, denn « wurde ruhiger. Also. lieber Junge, wenn Du iraend kannst, fo komme, und zwar fobald wie möglich. Wir wollen das Beste hoffen aber eine tückische Krankheit ift's. die Dem Vaterhaus Heimsucht. Um Deine Brüder und ihre Frau Mutter brauchst Du Dich nicht zu kümmern sie kampieren oben im Hause. Dein Vater im Erd­geschoß. Telegraphiere, ob ich Dich erwarten darf dann schicke ich Dir zum Mittagzuge den Wagen und lasse der Frau Pastorin sagen, daß ich Dich hergerusen habe, und daß Du sowohl wie Schwester Luise mein Gast bist. Also konnnl Vor der Krankheit fürchte Dich nicht; mit Ge­mütsruhe läßt sich dem Drachen Trotz biete«. Andere, besonders die mit Wttberköpfen, dürf­ten schwerer zu überwinde« sein. Lebe wohl, lieber Junge, es erwartet Dich mit Ungeduld Dein Pate !.

Friedrich Wilhelm von Singen«.' U lSortseymg Mflt) ,-1