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WchM Safttag mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain »nd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage."

Erstes Blatt.

Die heutige Nummer umsaßt 3 Blätter.

Ter Ijenttflcn Auflage für den Kreis KirHain liegt Kreisblatt Nr. 91a bei.

Rückblick.

In diesen Tagen, am 10. November, waren es hundert Jahre, da Eduard v. Simson, Deutschlands erster Reichstagspräsident, geboren wurde. Simson war bereits 1848 Vizepräsident der Frankfurter Na­tionalversammlung. Er war es auch, der als Führer jener Deputation Friedrich IV. die Kaiserkrone an­bot. Von 18671874 leitete er als Präsident die Verhandlungen des norddeutschen und des deutschen Reichstages. Am 18. Dezember 1870 überreichte Simson in Versailles das Schreiben, durch welches dem König Wilhelm I. die deutsche Kaiserwürde an­getragen wurde. Eduard v. Simsons Begabung und Bildung, deren besondere Stärke allerdings in einem außerordentlichen Formtalent bestand, ließ ihn als den geborenen Parlaments^ deuten erscheinen. Sein Sinn für politische Rea,..^,en war dagegen weniger entwickelt. So geriet Fürst Bismarck wie­derholt in Gegensatz zum Präsidenten v. Simson, der dem Kanzler beim Auftreten im Reichstage anfangs nicht die seinem Amte entsprechende Stellung ein­räumen wollte. Politisch zählte Simson zu den Na­tionalliberalen. 1874 lehnte er jedoch eine Wieder­wahl ab und zog sich mehr vom politischen Leben zu­rück. 1879 wurde Simson zum Präsidenten des Reichsgerichts ernannt, welchen Posten er bis 1891 inne hatte, 1899 ist er in Berlin gestorben. Mit der Geschichte des deutschen Parlamentarismus ist Sim­sons Name als einer seiner glänzen!,ren Repräsen­tanten unlösbar verbunden. Das Andenken an den Dahingeschiedenen wurde, wie wir bereits meldeten, auch durch den Präsidenten des Reichstages Grafen von Schwerin in pietätvoller Weise geehrt.

Der Kaiser weilt zur Zeit in Schloß Wolfsgarten zur Erwiderung des Zarenbesuches in Potsdam, während in der ausländisch:n Presse noch immer nicht die Stimmen über den politischen Charakter der Potsdamer Monarchenzusammenkunft verstummen wollen. Schon diese Tatsache beweist, daß die Zu­sammenkunft tatsächlich eine politische Bedeutung hat, wenngleich englische und französische Blätter eifrig bestrebt sind, diese Bedeutung abzuleugnen oder wenigstens abzuschwächen. Erwähnt sei, daß di« russischeBörsenztg." meldete, in der persischen Frage sei ein bedeutender Grad der Einmütigkeit erreicht

Zur Geschichte der Armenanstaltcn imb milden Stiftungen in Marburg.

Von L. Müller.

Die erste Orgel ließ der Bürgermeister und Rat im Jahre 1408 aus dem Verkauf eines jähr­lichen Zinses von 18 Pfund Heller erbauen. Die gegcnartige Orgel ist 1722 erbaut und stand bis 1873 im Chor hinter dem Hochaltar. Durch die Freilegung des Chors und die Versetzung der Orgel ist eine wesentliche Verschönerung der Kirche geschaffen worden. Der Anbau mit der Uhr, nach Osten, ist ein Werk von Landgraf Moritz dem Gelehrten und wurde nach dem Bildersturm 1605 ausgeführt. Der lutherische Kirchhof war früher ein Totenhos und mit einer Mauer umgeben, die nach Osten den Raum zwi­schen dem Schulhaus und dem Kerner abschloß und an deren Außenseite eine lange steinerne Bank sich befand. Ein großes Tor und eine Pforte führte zum Kirchhof. Am westlichen Ende war ein ebensolches Tor und außer diesen gab es noch zwei Zugänge zum Kirchhof. Bei allen diesen Eingängen war ein wettgittriger Rost, da­mit kein Vieh diese geweihte Stätte betrat. Reben der Pfarrkirche lag die Wohnung des Oberpfar­rers, »der deutsche OdenS-Pfarrhof", in dem vor der Reformation der Plebanus mit seinen vier Kaplänen wohnte. Auf der westlichen Mauer des oberen Pfarrgartens stand ehedem ein zur Pfarre gehöriges Brauhaus, das 1647 im dreißig­jährigen Kriege zerstört wurde.

Bis 1527 gehörte die Kirche dem katholischen Kultus an; da setzte Landgraf Philipp unter Protest des Landkomturs zwei evangelisch ge­sinnte Geistliche in die Pfarrei und wurde zu Pfingsten 1527 zum erstenmal evangelischer Gottesdienst in der Kirche abgehalten. Als Land­

45. Jahrg«

ten wie Bruhn Journalisten von deren es Gott sei

ziehen immer mehr als echte, solide Ware. So ist es auch im Zeitungsgeschäft, wenigstens in der Welt­stadt. Eigenartig ist das Verhalten der Berliner Presie, der man gleichfalls allgemein das Prädikat der Senfationspresie zu erteilen gewohnt ist. Wir haben bereits öfter auf den den schlüpfrigen Inhalt speziell des Inseratenteils derWelt am Montag" hingewiesen. Im Bruhnschen Prozeße führte der Verteidiger jene schmierigen Anzeigen zur Ent­lastung seines Mandanten an, worauf das angegrif­fene Blatt mit großem Stolz auf diemoralische" Wirkung der Inserate betreffend Heilung von Ge­schlechtskrankheiten und Verhütung von Empfängnis hinwies. Die Arbeiterklasie könne nur dann zu Ansehen und Macht gelangen, wenn sie aufhöre, proletarisch" zu sein, wenn sie eben die Kinder­erzeugung einschränke. Deshalb seien jene Anzeigen keine schlüpfrigen! Eine eigenartige Beweis­führung!

Am Mittwoch hat der Prozeß gegen die Moabiter Demonstranten begonnen. Schon die ersten Tage haben gezeigt, in welcher Form seitens der Verteidi­gung der Kampf geführt werden wird. Das Ver­balten der Verteidigung hat zur Genüge bewiesen, daß sie das Oberste zu Unterst kehren, nämlich statt der Angeklagten den Kläger auf die Anklagebank setzen will. Man muß es dem Staatsanwalt hoch an­rechnen. daß er durch die Bestrafung des Rechts­anwalts Bahn bewiesen hat, daß man nicht gewillt ist, sich von der Verteidigung auf der Nase herum­tanzen zu laßen. Zwar wird es sehr schwer sein, die Zusammenhänge zwischen den Demonstranten und den politischen Hetzern gerichtlich notariell festzustellen, aber selbst wenn, wie im Prozeß Bruhn, ein klarer Schuldnachweis nicht erbracht werden kann. Es kann für den Urteilsfähigen kein Zweifel sein, wer die Verantwortung für die Moabiter Exzeße in Wirk­lichkeit zu tragen hat die Hetzer der Sozialdemo­kratie.

(Für unverlangt zugesandte Manustripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Der Siementf des Sternenbanners.

Die Amerikaner hoffen im Jahre 1914 den Panamakanal etnweihen zu können. Bis dahin wird die wirtschaftliche Eroberung Mittel amerikas durch die Pankees weitere Fortschritte gemacht haben. Reben den kleineren durch fort­währende Aufständ- und Parteikämpfe in ihrer kulturellen Entwicklung stark behinderten Repu- bliken steht Mexiko als einziger Staat von festem Gefüge. Aber Porfiro Dtaz. der seit 30 Jahren an der Spitze steht, ist ein Achtzigjähriger und nach menschlicher Voraussicht kann er nicht mehr lange leben. Ohne Zweifel wird sein Tod auf die inneren Verhältniße des Landes lebhaft ein wirken und -3 ist mehr als fraglich ob seine Rach- folaer dieselbe Energie und Zäbtgkeit besitzen Werden, um Meriko vor der Umklammerung durcb die große Rachbarrepubltk dauernd zu schützen. Von den rund 25 900 Kilometern Ets nbahnen befindet sich ein großer Teil im Besitze nord»-

worden. Das ist nicht unwahrscheinlich, denn auch im vergangenen Sommer schon, als Verhandlungen über Persien zwischen den drei Mächten stattfanden, war die Haltung Rußlands Deutschland gegenüber versöhnlich und verständig, die englische dagegen von der üblichen mißtrauischen Feindseligkeit erfüllt. Wenn ferner viel von der Hoffnung auf Veßerung der rußisch-österreichischen Beziehungen gesprochen worden ist, so kann man, wie schon gesagt, diese Hoff­nung durchaus teilen. Das Deutsche Reich hat ein Zntereße daran, daß Rußland und Oesterreich in zum mindesten erträglichen Beziehungen miteinander leben, ist sich aber wohl bewußt, daß seine eigenen Beziehungen zum rußischen Reiche die Vorbedingung dazu bilden.

Neben dieser erfreulichen Tatsache füllte eine weniger erquickliche Angelegenheit die Spalten der deutschen Zeitungen: der Prozeß Bruhn. Wir haben während der Verhandlungstage unserer Stellung zu diesem Prozeß Ausdruck verliehen, sodaß wohl heute nur nötig ist, mit ein- paar Worten darauf zurück­zukommen. Der Prozeß hat mit der Freisprechung Bruhns geendet. Der Staatsanwalt konstatierte in seiner Schlußrede:Objektiv liegt in dem Falle Wolf Wertheim der Tatbestand der Erpreßung vor, denn Wolf Wertheim hat ausgesagt, daß er sich nur durch blt Angriffe derWahrheit" zu Inseraten veranlaßt gesehen habe. Tatsächlich find nach der Aufgabe der Inserate weitere Angriffe nicht erfolgt. Aber sub­jektiv ist ein Beweis der Schuld gegen den Ange­klagten nicht erbracht." Weiter wurde festgestellt, daß dieWahrheit" keinRevolverblatt", sondern nur einSensationsblatt" ist. Zwischen dem straf­baren Revolver und der nicht strafbaren Sensation wird hier eine Grenzlinie gezogen, die uns bei Leu-

etwas zu zart anmutet. Die Ansehen und Selbstbewußtsein, Dank in allen politischen Lagern

amerikanischer Kapitalisten. Die Bergbauinduftrt, ist ebenfalls zum größten Teile von Amerikaner» ins Leben gerufen worden. Die Einwanderung amerikanischen Kapitals nimmt immer mehr zu. Wenn auch Deutschlands Handel in Mexiko eine geachtete Stelle einnimmt, wird er doch schon vom englischen übertroffen, der aber wiederum hinter dem der Union weit zurücksteht. Die wirtschaft­liche Erorbemng Mexikos, die bisher hauptsäch. lich von Norden aus über den Grenzfluß Rio del Grande vor sich ging, wird nach Eröffnung d"s Panamakanals ein zweites Einsallstor von Süden her erhalten. Denn di- zwischen Mexikos Südgrenze und der jetzigen Scheinrev'Glick Panama liegenden Zwncgrepubliken Guatemala, Honduras, San Salvador, Nicaragua und Costarica mit ihren fortwährenden Revolutionen und Kriegen werden auf die Dauer keinen ernst­lichen Md rstand leisten. Darüber können ge­legentliche Ausbrüche des ^ankeehasses bei der Mischlings- und Kreolenbevölkerung nicht Hin­wegtäuschen. Das wirtschaftliche Uebergewicht der Union muß früher oder später einmal di- poli­tische Aufsaugung nach sich ziehen. Deutschland ist nicht in der Lage, dagegen Einspruch zu er­heben. Auch Frankreich, Dänemark und dis Niederlande, die durch ihren Kolonialbesitz auf den Reinen Antillen intre stiert sind, werde« rubig zufehen müssen. Bleibt also nur England, der Besitzer Jamaikas und der auf bet Halbinsel Pukatan liegenden Kolonie Honduras.

John Bull, der sonst aller Wett gern die Zähne zeigt, ist dem Bruder Jonathan gegenüber stets sehr sanftmütig ausgetreten. Er wird kaum seinem Bundesgenossen Javan zu Liebe, dem die Befestigung des Panamakanals ein Dorn im Auge ist, es mit seinem angelsächsischen Vetter verderben wollen. In Südamerika freilich sind die Aussicht n für das Sternenbanner nicht so günstig. Hier habe» die europäische Einwande rung und der Wettbewerb der großen euro­päischen Handelsnationen ein kräftiges Gegnge- wicht geschaffen und bett natürlichen Gegensatz des lateinischen Amerika zur nordamerikanischen Expansionspolitik verstärtt.

gibt, geben sich mit Blättern vom Schlage der Wahrheit" Lerhaupt nicht ab. Daß sich genug Außenseiter und journalistische Desparados finden, die für diese Preße schreiben, ist selbswerständlich.

Man hat die Frage aufgeworfen, ob dieser Pro­zeß denn überhaupt nötig oder nützlich gewesen sei? Man kann das getrost bejahen. Es war durchaus nötig, einmal zu zeigen, was für Elemente hinter derartigen Sensationsblättern stehen, die sich als Sittenrichter über die übrige Menschheit aufspielen, und wie fern die übrige Preße derartigen Machen­schaften steht. Rach dieser Seite hat der Prozeß doch wohl aufklärend gewirkt. Am Pranger standen aber nicht nur Bruhn und Konsorten, sondern auch das liebe Publikum. Auf dieses konnte sich der Angeklagte immer und immer wieder berufen, wenn ihm die anrüchige Aufmachung seines Blattes zum Vorwurf gemacht wurde. Das Publikum wolle es nun einmal so haben, nur durch grobkörnige Sensa­tion sei das Publikum für die gute, dienationale" Arbeit des Blattes zu gewinnen. Hat er ganz Un­recht? Der aufdringliche Tand, schreiende Farben

Deutsches Reich.

Som Kaiser. Egelsbach, 11. Nov. Nach herz­licher Verabschiedung von den füfftlichen Damen wurde der Kaiser vom Zaren, dem Eroßherzog von Heßen und dem Prinzen Heinrich zur Bahn geleitet. Um 2 Uhr 57 Min. erfolgte die Weiterfahrt nach Baden-Baden. Trotz des strömenden Regens blieben der Zar, der Eroßherzog und Prinz Heinrich bis zur Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteige, fortgesetzt dem Kaiser Abschiedsgrüße zuwinkend. Baden- Baden, 11. Roo. Kaiser Wilhelm ist mittelst Son­derzuges um 5Vi Uhr hier eingetroffen. Der Kaiser wurde am Bahnhofe vom Eroßherzog von Baden be­grüßt. Zum Empfange waren ferner erschienen: der preußische Gesandte v. Eisendecher, der russische Mi- nisterrestdent v. Eichler, der Amtsvorstand Geheimer Oberreaiervnasrat Lang und der Oberbürgermeister

Marburg

Sonntage 13. November 1910

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch die Post bezogen 2,25 M. (ohne Bestellgeld), bei v"=- äv 4 unseren Zeitungsstellen und der Ervedition (Mnrtt 21), 2.00 M..

Die Jnsertiotisgebühr beträgt fiir Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7o^"sltene Zeile oder deren Rannt 16 für auswärtige Inserate 20 i, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Ioh. Aug. nöo), Univerfitäts-Buchdrnckerei. Inbnk-r Dr. C. ^it-er -Naryurg, M"ttt 21. ",

graf Moritz am 6. August 1605 das lutherische Bekenntnis gewalffam unterdrückte und die Geist­lichen vertrieb, war die Kirche der Schauplatz einer wilden Aufruhrszene, indem die Marburger Bürger die reformierten neuen Prediger miß­handelten und vor die Kirche warfen. Nach Unter­drückung dieses Aufftandes durch bett Landgrafen fand seitens diesem eine vandalische Zerstörung der bisherigen Kultuseinrichtung in der Kirche statt. Der gothische Hochaltar wurde zerschlagen, ebenso die goldene Tafel, alle Apostel- und Hei­ligenstatuen wurden in der Kirche sowohl, wie in ganz Marburg zertrümmert. Heute sieht man an manchen Gebäuden noch die Spuren der ab­gehauenen Bilder. Unter dem Rufe:Bist du Gottessohn, so steige herab", wurde das über dem Altar hängende vergoldete Kruzifix mit Aexten zerhauen und auf dem Kirchhofe ver­brannt. Den jetzigen Hochaltar hat Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt, der das luthe­rische Bekenntnis wieder 1624 in Marburg ein­führte .gestiftet. 1630 ließ er ihn für den zer­trümmerten herstellen. Die beiden fürstlich.» Grabmäler hat Landgraf Ludwig IV. von Ober­hessen für seine verstorbene Gemahlin und für sich 14 Jahre vor seinem Tode machen lassen, ebenfall das schön« schmiedeeiserne Gitter. Die anderen beiden Monumente gehören dem Land­grafen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt und seiner Gemahlin an, die Landgraf Georg II. zu Ehren seiner Eltern, die das lutherische Bekennt­nis hochhielten, hat errichten lassen. Vor und unter diesen Denkmälern befand sich eine große geräumige Gruft, in der diese und noch andere fürstliche Leichname beigesetzt wurden, an deren Särgen die Namen nebst Geburts- und Todestag angeschrieben standen. Bei einer Oefsnung am 13. März 1823 durch den Regierungsdirektor von Hanstein sand man im Gewölbe di« Särge, die

von Holz und Zinn waren. Man nahm die im Sarge des Landgrafen Ludwig IV. gefundenen Schmucksachen heraus, und zog in pietätloser Weise die schwere goldene Kette dem Leichnam quer durch den Hals. Weiter waren hier beige- setzt Landgraf Otto mit seinen zwei Gemahlinnen und zwei Kindern. Bei Otto fand man einen kostbaren Degengriff mit Brillanten. dessenKlinae halb verrostet war. Die Totenkleider der Frauen waren von schwarzem und die der Kinder von weißem Atlas Die Körper waren bis auf die Gebeine in Asche verwandelt. Alle Schmucklachen und Ringe nahm Hanstein entgegen dem Protest der Pfarrer an sich und schickte den Gräberschmuck nach Cassel dem Kurfürsten, welcher denselben dem Casseler Museum überwies. Der vermauerte Eingang zu dieser Gruft befindet sich unter den Steinplatten rechts neben der Sakristei. 1828 wurde in der Kirche eine verfehlte Renovation vorgenommen, welche 1300 Taler kostete. Unter dem Fußboden der Kirche fand man damals eine Schicht Totengebeine, da hier die Geistlichen mit ihren Familien ihre letzte Ruhestätte fanden. Außerdem wurden aber noch hohe Militärs und adelige Familien hier begraben, wie aus vor­handenen Grabdenkmälern zu ersehen ist. Das letzte Begräbnis einer Pfarrerswitwe Fenner fand hier am 23. Mai 1783 statt. Auch der bet der Kirche befindliche Totenhof war so überfüllt, daß die Stadt genötigt war, einen neuen Toten­hof anzulegen. Sie kaufte im Jahre 1568 das vor dem Barfüßertor gelegene, der Witwe des Superintendenten Kraft gehörige Grundstück für 330 Gulden und legte hier den Totenhof mit Kapelle an, die im Jahre 1575 eröffnet wurden. Da die Kapelle später baufällig wurde, wurde sie abgerissen und 1736 die jetzige Toten-Kapelle, die spätere Turnhalle, dahin erbaut. 1865 wurde der Totenhof geschlossen. Der Lotenhof ans dem

lutherischen Kirchhofe stammte aus dem 13. Jahr­hundert: es fanden auch hier Beerdigungen ohne und mit Faß (Sarg) statt. Nach Schließung dieses Totenhofes wurden jedoch noch Ausnah. men gemacht, argen Zahlung von 5 Gulden in den Almosenkasten; so wurde 1615 noch ein von einem Soldaten erschlagener Student hier be- graben. Auch die Bewohner ton Ockershouse-i und Marbach fanden hier htc Ruhestätte. Rach dem Bau des neuen Schulbaufes wurde 1829 der lutherische Kirchhof geebnet, die Grabsteine weageräumt und mit Platanen bepflanzt. Reben diesem Totenhofe östlich liegt derKerner" heißt Beinhaus: weil die auf dem Kirchhoke ausre- grabenen Gebeine in dessen unterem Stockwerke ängesammelt wurden, um anderen Leichen Platz zu machen. Im 14. Jahrhundert Wurde dieses Beinhaus in eine Kreuckapelle umgewandelt. Rach Westen neben dem Kerner, da wo jetzt über dem Gewölbe einer Mauer sich ein Gärtchen be­findet brachte man nun die G-beine in diesem Gewölbe unter. Bei der Erneuerung der Mauer im Jahre 1846 kamen Wagen voll Gebeine und Schädel hier zum Vorschein. Bis zum Jahre 1457 fanden im Ke"«er die Ratssitzungen statt und als der Dachstuhl abbrannte, wurden sie in das Schulhaus am Kirchhofe verlegt, bis zur Vollendung des Rathauses 1526. T>er Kerner gab nun Zeughauv zur Aufbewahrung von Waf­fen und Munition. Ueber dem seitwärts befind­lichen Gewölbe, wo eben das Gattchen ist, stand ein Holzbau, in dem die Bäcker ihre Zunftstube von 1550 an hatten. Auf dem Kerner war ein Dachreiter mit einer Glocke, gerade wie auf dem ehemaligen steilen Dach vom Kilian. 1683 tourbc der Kerner zu einem Pfarrhaus« eingerichtet und Decken eingelegt. 1

(Fortsetzung folgt.)