mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
*nb den Beilagen: „Nach Feierabend« (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage.«
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Die „Oberheisische Zeitung« erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition lMarkt 21), 2.00 <M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Donnerstag, 10. November 1910.
Die JnsertiousgebShr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7g^"nltene Zeile oder deren Ran« 16 A, fflt auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Iah. Aug. Koq, Universitäts-Buchdr"ckerei. Inbob»r Dr. 6. "uurbnrg,
Markt 21. — Tc1-"''an 55.
45. Jahrg.
Erstes Blatt.
_Unferc Marine im Etat 1911.
In land petitioniert d'e „Royal Navy Leagnc« .ar um, daß wegen der deutschen Gefahr«-ein Riesenpump angelegt würde, um England die Seeherrschaft zu wahren. Bei der Ev- öfsnung des südafrikanischen Parlamentes hat der bekannte Dr. Jameson die Losung der imperialistischen Presse aufgegriffen: Men wanted — Seeleute werden gebraucht — und er sähe es «ichc ungern, wenn die Buren alljährlich etliche Tausend 61/2 Fuß hoher vierschrötiger Bauernjungen an die „Royal Navy« abgäben. Die schwärmen zwar gar nicht für die wackeligen „eisernen Festungen« und züchten lieber Schafe, als daß sie für eine Mark den Tag die blaue Jacke tragen und sich mit Teckwaschen und Kanoncnputzen beschäftigen. Aber stärker rüsten die britischen Nationalisten unter allen Umständen. Findige Berichterstatter englischer Blätter telegraphieren ja fast allwöchentlich die Schreckenskunde nach ihrer Insel, die schlauen Deutschen bauten ganz unter Ausschluß der Oeffentlichkeit weit über das offizielle Flotten-Baugesetz hinaus, „Fürchtenichtse«. Und Weng gar unsere Küsten irgendwo ein neues Forts erhalten, wird das als Bedrohung des seegewaltigen Albion umgedeutet.
Daran wird auch die Tatsach. nichts ändern, daß wir aus Sparsamkeitsrückstchten Heuer nur 16 Millionen Mark mehr in den Etat gestellt haben, als 1910, wobei es sich überdies in der Hauptsache um Besoldungsaufbesserungen handelt, Mehrausgaben, die sich aus der allgemeinen Teuerung herleiten. Ferner auch Mehrkosten, die durch die Schießübungen verursacht werden. Für Neubauten dagegen gibt es in der Tat nichts, was beunrubiacn könnte. Die ersten Raten für drei Linienschiffe, drei Kreuzer und die Gelder für eine Torpedobootflottille — das ist alles, was an einmaligen Ausgaben eingesetzt ist. Das entspricht vollkommen dem Flcttengesetze. Für Schiffsbauten und Armierungszwccke sind 250 Millionen ausgeworfen, d. h. rund 7 Millionen mehr als im Jahre 1910; und diese Summe erscheint zu niedrig, wenn man erwägt, daß die neuen Schiffe erheblich größer und teurer sind, als die früher gebauten.
Aber diese Mäßigkeit, die vielleicht bei manchen Freunden der Flotte Bedenken erregen dürste, wird kaum die Wirkung haben, die englischen Vettern weniger nervös zu machen. Als 1908 die deutsche Hochseeflotte unter dem Großadmiral Prinz Heinrich ihre Reise nach den Kdnarischen Inseln unternahm, lag die gesamte br'ttsrbe Flotte unter Dampf im Hafen von Portsmouth und vor der ewig grünen Insel Wight. Von den englischen Marineleuten, die Schr-iber dieses damals sprach, konnte man wirklich nicht mehr sagen: hearts of oak are onr men! — wie der alte, einarmige Nelson seine Leute rühmte/denn sonst hätten sie nicht einen so heillosen Respekt vor unseren zum Teil wenig modernen Eisenriesen haben können, der durch manche Bemerkungen hindurchklang. Wahr mag es ja sein, was ein englischer Offsizier an Bord eines kleinen Vergnügungsdampfers bei der Flottenschau vor Danzig äußerte, als die Torpedoboote in tollkühner Jaad kurz vor den mächtigen Rammspornen der Panzerschiffe von Luv nach See wechselten: das machen wir den (damned) Germans nie krach!
Darauf sind wir stolz. Ebenso stolz sind wir auf die kühle Ruhe unserer verantwortlichen Behörden, die sich auch durch die angedrohrcn Millionenpumps der englischen Deutschenhaner nicht beirren laffen. sondern ruhig, sicher una zielbewußt ihre Forderungen der Leistungsff^- kett der Steuerzahler soweit als möglich a.v paffen. Wie die aus dem Marineetat sprechende Bescheidenheit auf den Reichstag wirken wird, bleibt freilich abzuwarten.
Der neue Reichsbausballsetat.
' Berlin, 8. Nov.
Die „Norddeutsche Allg. Zig.' veröffentlicht «inen Ueberblick über den Entwurf des Reichshaushaltsetats für 1911, dem wir folgendes entnehmen.
Der Schatzanweisungskredit wird von 450 auf 375 Millionen Mark herabgesetzt. Der ordentliche Etat schließt in der Einnahme und Ausgabe mit 2 707 819 913 JK ab. Die Mehrerträge aus den bestehenden Zöllen und Steuern wurden auf 32 670 845 JL angenommen; darüber hinaus ist in dem Etat der Zölle und Steuern neueingesetzt der Ertrag aus der Grundstücks- Wertzuwachssteuer in Höhe von 13 Millionen Mark. Die Einnahmen und Ausgaben aus dem Kaligesetz erscheinen mit 4 800 000 hn Etat des
Innern. Die Ueberschüffe im ordentlichen Etat sind veranschlagt: a) bei der Post auf 71599 349 M (gegenüber 1910 mehr 18 648 101 Jt), b) bei der Reichsdruckerei auf 3 688191 M (d. i. weniger 866 980), c) bei der Eisenbahnverwaltung aus 18 767 495 (mehr 2 659 775 jft\
Die eisernen Bestände des Reiches betrugen am Ende des Rechnungsjahres 1909 105 Million. Mark Der Zugang im Etat für 1910 wird auf 18 Millionen Mark veranschlagt. Die Anleihe wird auf 97 755 930 JC bemessen (gegen 171 849 162 M im Vorjahre). Für die Schutz- gebiete ist neben dem Etat für 1911 ein zweiter Nachtrag zu dem Etat für 1910 aufgestellt. Dieser sieht insbesondere die Ausgaben vor, welche mit der südwestafrikanischen Diamantengewinnung in Verbindung stehen und in den Mehreinnahmen daraus ihre Deckung finden.
Nach dem Etat des Reichsamts des Innern erhöht sich der Aufwand des Reichs auf Grund des Jnvalidenverstcherungsgesctzes um 1 210 000 M. An Aufwendungen für Bauten sind hervorzuheben der Beitrag für das Deutsche Museum in München, die erste Rate für den Neubau eines elektrischen Laboratoriums der Pbyfikalisch- Technischen Reichsanstalt und die Errichtung eines von magnetischen Störungen freien Laboratoriums außerhalb Berlins für dasselbe Amt. Ferner sind Mittel bereitgestellt für die Beteiligung an den internattonalcn Ausstellungen in Rom und Turin. Im außerordentlichen Etat werden für die Wobnungssürsorge wieder 2 Millionen, für die Erweiterung des Kaiser Wilhelmskanals 48 Millionen Mark gefordert.
Aus Anlaß der Heeresverstärkungen im Rechnungsjahre 1911 fallen neu errditet werden: Eine Gcneral-Jnfpektion des MiEiär-Verkebrs- wefens, eine Inspektion des Militär-Luftfchiff- fahrts- und Kraftwesens 107 Mascknnen-Gewehr- Kompanien, ein Fußartilleric Reaiment. ein Kraftfahr-Bataillon und zwe" Luftschiffabrt Bataillone. Die hierzu erforderlichen Unteroffiziere und Mannschaften werden zu einem großen Teil durch Etatherabsetzunnen bei d n bestehenden Trupventeilen und durch Berechnung an bestehenden Formationen gewonnen.
Die Erhöhung des Personalstands in den Chargen vom Deckefsizier abwärts beläuft stch auf 3264 Kövse Bei den Tafel- und Meffeaeldern wird eine Ersparnis von 450 000 M. bei den Zulagen eine von 996 000 erwartet. Erste Raten Werden gefordert stir den Ersatz bezw. Neubau von drei Linienschisfen einen großen Kreuzer, zwei kleinen Kr-n»ern einer Torpedobootsflottille und von drei Pfeilbooten.
Der Postetat sieht den Znaana von 35 Stellen für höhere Beamte, von 1350 Stellen für mittlere Beamte und von 1310 an Unterbeantten- stellen vor. Für Versuche zur drahtlosen lieber« Mittelung von Nachrichten von Nauen nach Kamerun werden 200 000 ,H. zur Errichtung einer Funkentelegravhenstatton in Dunla. Swakovmund und Lüderibbucht 420 000 M bereitgestellt. U. a. stnd Grirndstücksankäuie und Neubauten voraekeben für Frankfurt a. Main an der Zeil St. Avold und Tsinatau.
Im Etat der Reichse'senbabnen ist der Zugang von einer höheren Beamtenstelle 16 mittleren und 61 unteren vorgesehen.
Die ,,Wahrbeit* vor Bericht.
Berlin, 8. Nov.
Am heutigen letzten Verhandlungstage machte sich das Interesse an den Verhandlungen des Prozesses gegen die „Wahrheit", das in den letzten Tagen ziemlich abgeflaut war, wieder in erhöhtem Maße bemerkbar. Der Zuhörerraum ist völlig besetzt. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden Land- gcrichtsrat Lamve erteilt dieser sofort dem Hauvt- angeklagten Wilhelm Bruhn das Wort, der zunächst in sehr ruhiger, dann etwas temperamentvollerer Weise seine Ausführungen macht. Die beiden Mitangeklagten verzichten aufs Wort. Nach ungefähr l4stündiger Beratung verkündete der Vorsitzende folgendes Urteil: Die Beweisaufnahme hat keinen Anhalt dafür ergeben, daß die Tendenz der „Wahrheit" sich als eine erpresserische darstellt, daß die „Wahrheit" ein Revolverblatt ist. Es ist festgestellt, daß die Inserate in der „Wahrheit" keine sogen. Angstinserate waren, keine solchen, die lediglich zu dem Zweck aufgegeben wurden, um sich vor Angriffen zu schützen. Gegen diese Annahme spricht ohjre weiteres der Umstand, daß große Firmen, die in dieser Beziehung über jeden Verdacht erhaben sind, ebenfalls in der „Wahrheit" inserierten, z. B. die Dresdener Bank, die Große Berliner Straßenbahn und die Schultheiß-Vrauerei. Auch die Art der Verbreitung kann nicht als charakteristtsch für ein Revolverblatt in Frage kommen. Dagegen muß man sagen, daß die »eit ein Sensationsblatt ist. Aber Sensations- find an sich nicht strafbar. Der Vorsitzende geht dann die speziellen Fälle durch, die ebenfalls nicht erwiesen seien. Daher ist das Urteil dahin ergangen, daß sämtliche Angeklagte freizusprechen seien. Die Kosten trägt die Staatskasse. Bei Verkündung des Urteils, das der Angeklagte Wilhelm Bruhn unter Tränen aufnahm, brach ein Teil der Zuhörer in Bravorufe und Händeklatschen au». Der Vor
sitzende rügte mit erregter Stimme dieses Verhalten. Ein Bravorufer wurde festgenommen. Die Angeklagten wurden allseitig beglückwünscht und unter Händeschütteln ging das forensische Drama zu Ende.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser. Berlin, 8. Rgv. Der Kaiser nahm im Neuen Palais die Vorträge des Staatssekretärs des Reichsmarineamts und des Chefs des Militärkabinetts entgegen.
— Gegenbesuch des Kaisers in Wolssgarten. Berlin, 8. Nov. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." meldet, wttd der Kaiser am 11. November auf dem Wege nach Donaueschingen den kaiserlich russischen und großherzoglich hessischen Herrschaften einen Besuch in Wolfsaarten abstatten.
— Die Reise des Kronprinzenpaares. Pott Said, 8. Nov. Die Reise des Kronprinzenpaares war bisher zumeist von schönem Wetter begünstigt. Nachdem der Dampfer „Prinz Ludwig" hier eintras, meldeten sich der Kommandant der „Hertha" sowie der deutsche und englische Konsul bei den hohen Herrschaften, die später di« Hertha" besuchten und die Stadt besichtigten. Nachmittags 1 Uhr erfolgte die Abreise von Port Said.
— Das badische Großherzogspaar. München, 8. Nov. Das badische Eroßherzogspaar ist nach Beendigung seines Besuches bei dem Eroßherzog von Luxemburg auf Schloß Hohenburg heute nachmittag 4% Uhr nach Karlsruhe zurückgekehtt.
— Eine Begrüßungsfeier für Freiherrn v. Schön. Paris, 8, Nov. Die deutsche Kolonie in Patts veranstaltete gestern ein Monatsessen zu Ehren des Freiherrn v. Schön, an dem übet 200 Gäste teil« nahmen.
— Landtagsersatzwahl. Berlin, 8. Nov. Bei der heutigen Ersatzwahl tm vierten Berliner Landtagswahlkreis wurde Kreitling (Fottfchrittl. Bolksp.) mit 269 Stimmen gegen Grunwald (Sozialdem.) gewählt, der 193 Stimmen erhielt;
— Rekrutenvereidigung. Potsdam, 8. Nov. Hier fand heute die Vereidigung der Rekruten der Potsdamer Garnison unter den übliiben Zeremonien statt.
— Bon der Armee. Alljährlich nach de« Manöver« machen Mitteilungen über den Wett unserer Truppe durch fremdherrliche Offiziere die Runde durch einen Teil unserer Großstadtpreffe, die es verdienen, den weitesten Kreisen unseres Bottes bekannt zu werden, da sie geeignet stnd. die immer mehr schwindende Lust a« dem an- streng-rnden Dienste unter der Fahne und besonders als Kapitulanten wieder zu heben und neu zu beleben. Wir meinen die Erötterungen über den Wett der Deutschen Armee, der Deutschen Offiziere und der Deutschen Unteroffiziere, General Caupillaud, der Vertreter des „Temps« bei den Deutschen Manöv-un 1910 äußert sich in der Hauptsache dahin: «Die Armee ist gesund und wird ausgezeichnet kommandiett. Nach unten hin bedeuten die Unteroffiziere das Gerüst des Baues; sie sind sehr tüchtig. Vorn obersten Offizier bis zum Soldaten bemettt man Achtung vor der Ueberlieferung. Korpsgeist und Pflichtbewußtsein.' Hoffen wir, daß es so tteibt.
— Die Einführung von französischem Schlachwieh. Berlin, 8. Nov. Die Einführung von französischem Schlachtvieh ist, wie die „Allgem. Fleischerztg." mitteilt, auch von der Regierung von Elsaß-Lothringen mit Zustimmung des Reichskanzlers beschlossen worden. lieber die Höhe des einzuführenden Kontingentes schweben nock> Verhandlungen.
— Dex Tempelhofer Kaufvettrag. Zwifche« einzelnen Berliner Zeitungen spielt stch augenblicklich eine Polemik ab, die die Rechtsgültigkett des Verkaufes des Tempelhofer Feldes zum Gegenstand hat, — ein Thema, das umso eifriger besprochen wird, als der bereingesallene Berliner Kommunalfreisinn unbedingt „das Gesicht wahren' und eine möglichst laute Rückzugskanonade veranstalten möchte. Aus der einen Seite führt di« „Voss Ztg.«, auf der anderen die „Rordd. Allgemeine'. Drüben wird behaupttt, der Verkauf werde erst dann rechtsgültig, wenn der Reichstag nochmals seine Zustimmung dazu gegeben habe, hüben, daß dies vollkommen überflüssig und der Vettrag mit Tempelhof rechts- gülttg sei. Mr begreifen die ganze Aufregung der freisinnigen Presse nicht. Es muß ihr doch bewußt sein, daß, selbst wenn die Angelegenhett vor das Parlament käme, niemals eine Mehrheit sich fände, die das abgeschlossene Geschäft annul- liette um ausgerechnet den zu spät aufgestandenen Berlinern das große Objett zuzuschanzen. Man täusche sich nur ja nicht über den Grad der Beliebtheit, den diese Kommune int Parlament genießt; und irgendwelche rechtlichen Gründe zu Bettins Bevorzugung liegen nicht vor. Soweit wir Gelegenhett hatten, die parlamentattsche Stimmung zu erforschen, können wir nur sagen, daß allgemeine Freude über die „Fixigkeit" der Tempelhofer herrscht und daß man überhaupt de.
Ansicht ist, daß kommunalpolitisch Bettin dem Kreise Teltow das Wasser nicht reichen kann. Die Rückständigkeit der freisinnigen Berliner Bureau- kratir hat Professor Wagner mit Recht an de« Pranger gestellt. *
— Die türkische Anleihe. Konstantinopel, 8. Nov. „Tanin" begrüßt den Abschluß der Anleihe mit großer Befriedigung und hebt hervor, daß die Anleihe weder mit politischen, noch mit wirtschaftlichen oder mit Bedingungen verbunden sei, die mit der Würde oder der Unabhängigkeit der Türkei unvereinbar sei; sogar Bestellungen für die Industrie seien nicht verlangt worden. Das Blatt rühmt die korrekte Haltung der deutschen Diplomatie, die bemüht gewesen sei, allem vorzubeugen, was die guten Beziehungen der Türkei zur Tripelentente hätte schädigen können. Die Ottomanen würden den freundschaftlichen Att Deutschlands nicht vergessen.
— Cie Dernburgprozeß. Vorläufig nut als Zeuge wird der frühere Staatssekretär Bernhard Dernburg, Dr. jur. h. c., in einem Prozesse aufzutreten haben, den der verdienstvolle Hauptmann der Landwehr Weiß aus Lüderitzbucht gegen den Rechtsanwalt Dr. Rhode und den bekannten Negerfreund und Teilhaber großer kolonialer Erwerbs- und Landgesellschaften, Verlagsbuchhändler Vohsen, angestrengt hat. Herr Dernburg beschuldigte seiner Zeit im Reichstage den Hauptmann Weiß und den Bürgermeister von Lüderitzbucht, Kräplin, der Teilnahme cm dem Diamantenschwindel von Hooloog. Den Staatssekretär selbst konnte man nicht vor Gericht bringen, weil er als immun gelten mußte. Nun hat man erfahren, wer dem Staatssekretär die häßliche Mär hinterbrachte — Dr. Rhode und Konsul Vohsen. Herr Dernburg erlebte damals, daß die Beschuldigungen von den ihm Nachgeordneten Behörden im Schutzgebiete glatt widerlegt wurden und nun wird er als Zeuge auftreten müssen. Wir heben hervor, daß dies nur der Auftakt zu einem anderen Prozesse sein soll, der eine politische Sensation allerersten Ranges darstellen dürfte.
Ausland.
* * Reue Befestigungen in Holland. Die englische Presse jammert beweglich über die finstere« Absichten Deuffchlands, denn Holland wolle mit einem Kostenaufwand von mehr als 40 Millionen Matt seine — Seeseite befestigen. Was in aller Welt hat Deutschland damit zu tunt Gegen uns müßte Holland doch an seiner Landgrenze Befestigungen errichten. Wenn es statt dessen den Amsterdamer Kanal sowie die Mündungen von Maas und Zuidersee durch FottS schützt, so tut es das in der Erkenntnis, daß — nur von England Gefahr drohe. Das wird auch wohl stimmen. Und diese flare Erkenntnis ist umsomehr anzuerkennen, als wir dabei nicht mit« geholfen haben. Die Geschichte« von einem „Brief Wilhelms II.* an die Königin Wilhelmina in dieser Sache stnd schon früher als Erfindung verwiesen worden.
* * Die Stteikunruhen in England. London 8. Nov. Das 10. jpufarenregi.rent und 200 Mann Infanterie sind in Sonderzügen nach dem Ausstandsaebiet von Wales abgefandt worden, ebenso 300 Mann von der Londoner Polizei. Während der Ruhestörungen in der vergangenen Nacht wurden die Venfilationsanlagen zweier Schächte unbrauchbar gemacht. Man fürchtet, daß infolgedessen 400 Pferde ir. diesen Schächten erstickt sind. Der ganze Bezirk bittet ein Bild der Zerstörung. Mehrere Polizeibeamte sind schwer verletzt. — Der Minister des Innern will in den Bergarbeiterausstand von Südwales vermittelnd eingreifen. Er wird morgen in London Befprechungen mit den Vertreter« der Bergleut. haben, um eine Lösung der Streitfragen herbeizufübren. Die bereits zur Unterdrückung der Unruhen abgesandttn Truppen haben den Befehl erhalten, in Swinden Halt zu machen. Der Ausstand der Fuhrleute in Liverpool ist bei« gelegt.
* * Spanien und Marokko. Paris, 8. Nov. Aus Madrid wird gemeldtt, Canaljeas habe dem König über das Ergebnis der Verhandlungen mit El Moktt Bericht erstattet und fodann den Journalisten erttätt, die Verständigung mtt Marokko fei erzielt. Der Inhalt derfelben soll in drei bis vier Wochen veröffentlicht werden.
* ♦ Die französische Kammer. Patts, 8. Rov. Zu Beginn der heuttaen Kanwersitzung herrschte im Saale und den Wandelgängen lebhafte Bewegung. Die Tribünen waren überfüllt. Ministerpräsident SSrianb verlas eine Erklärung der neuen Regierung. Die Stelle, daß die Regierung sich auf die republikanische Majorität stützen werde, wurde auf der Linken mit lebhaftem Beifall begrüßt, ebenso der Satz, daß der Betrieb der öffentlichen Dienstzweige gesichett werden solle. Hieraus trat die Kammer sofort ht di, Jnterpellationsdebatt, ein. Painlevs (unak.