Jingos Hoffen.
Von einem alten Afrikaner wird unS geschrieben:
Als am 31. Mai 1902 zur Vereinigung die Buren ihre Zustimmung zum Frieden mit England gaben, brach der damalige Kommandant- General Louis Botha in Tränen aus „Nun ist es erst recht vorbei mit meiner Ruhe" — klagte er, „ich werde erst Ruhe finden, wenn ich im Grabe liege." Als sieben Monate später der damalige Kolonialsekretär Mr. Joe Chamberlain in Pre- iroia seinen Einzug hielt, wurde et von • den Buren kühl, aber höflich empfangen. Die Engländer und Engländerfreunde schrien ihm zu: „Good old Joe" und an den Ehrenpforten in der Marktstraße grüßten die Worte herab: Empire builder.
Am selben Vormittage - fand in der alten holländischen Kirche der Vorstadt Sunnyside eine Versammlung der Vertrauensleute der „bidder einders" statt. Da sagte der schwarze Christiaan de Wet mit schelmischem Lächeln: „Seid zufrlr- ben, Kerls, het zal alles wel recht kamen!- Und ganz Zuverlässigen raunte er zu, der Freistaat w:rde wieder Freistaat werden, sie sollten sich das „Oranje River Colony- garnicht erst angewöhnen. Und Botha erklärte: „Macht Frieden mit allen, die in Südafrika wohnen, das Land gehört doch uns!" In Kapstadt gab der vor Jahresfrist entschlafene alte Bondführer Jan Hosmeyr, ein begeisterter Freund deutscher Staatseinrichtungen, zur großen Verwunderung Joe Chamberlain das Versprechen, der Bond werde auf Raflenpolitik Verzicht tt. Bothas Polt tik orientierte sich nach derselben Richtung. Der Erfolg war der Sieg auf der ganzen Linie, den die Burenparteien über ihre militärischen Sieger davontrugen.
Sie haben noch mehr erreicht. Die trennenden Grenzen, die den Buren im Koplande, Oranten, Natal und Transvaal eine ganz verschiede:: geartete staatliche, wirtschaftliche und kulturelle Richtung gaben, fielen mit der Union Südafrikas die schon Rhodes und Krüger wenn auch auf verschiedenen Wegen anstrebten. Sie brachte nicht nur gesundere wirtschaftliche Verhältnifle, sondern auch erhebliche Machtvollkommenheiten, die manchen in England mit banger Sorge er füllten, als namentlich die von Botha vorhergei- sagte Tatsache eintrat, daß die Buren die Herrschaft in die Hand nehmen konnten.
Jetzt ist der Herzog von Connought in der ewig grünen Kapstadt, um diese Machtvoll- kommmbeiten nochmals zu besi geln. indem er im Namen des Königs das erste südafrikanische Parlament einweiht. das mitten zwischen den herrlichen von südländischen Pftanzen und Bäumen bestandenen Gärten sein Heim gefunden bat. Und an dem feierlichen Aki» beteiligten sich auch die Vertreter der anderen Kolonien, die Selbstregierung besitzen, so Mr. Fish t aus Australien
20 verbot:-'.!
Christiane Tanner.
Roman von Claire V. Gkümer. , lForttetzung.i
Die Reizbarkeit der Großmutter hatte sich noch gesteigert: sie duldete nicht die fteinste Meinungsverschiedenheit, nicht den leisesten Widerspruch. Christiane lernte schweigen, ihr Verkehr mit bft alten Frau beschränkte sich meist auf das Anhören ihrer Klagen über Schicksal und Menschen.
Auch Lor» war anders geworden. Trotz ihrer immer gleichen Zuneigung wußte sie nicht mehr h: die Empfindungen des jungen Mädchens einzugehen, und verlebte, wenn sie ermuntern oder trösten wollte. Als ihr Christiane in einer Stunde der Mutlosigkeit vertraute, wie schwer ihr das Bewußtsein, in ihrer Kunst nicht mehr weiterzukomme». auf der Seele liege, fand sie das töricht und undankbar. War nicht Herr Ferdinand Wild mit ihren Malereien zufrieden? Verdiente sie nicht eine Menge Geld, so daß sie der Großmutter die beste Pflege und allerlei Genüsse verschaffen konnte? — Und wie hatte sie ihre alte Tante ansstaffiert: und wie mußte sie sich über ihr eigenes Aussehen freuen, wenn sie sich an die Schäbigkeit ihrer früheren Kleidung erinnerte. „Glaube mir, Kind,- fügte Lore hin- zu. „das beste und klügste ist, sich mit dem zu be- gnüaen, was man hat . . . versuch's nur 'mal!*
Christiane antwortete nicht, aber das Samenkorn der Weisheit schien auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, denn sie Rügte nie wieder, wenigstens nicht gegen Tante Lore.
Umso rücksichtsloser sprach sie sich gegen Wilhelm aus. Er war noch imme: der gute
unb den Beilagen: „Nach Feierabend» (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage.»
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45. Jahrg.
Die „Oderhesiische Zeitung» erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel-
Marburg
Mittwoch, 9. November 1910
Die InsertionsgebLbr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7prT"i(tene Zeile oder deren Nanni 16 i, für auswärtige Inserate 20 -5, für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Joh. Aug. kkoq, Unioersitäts-Buchdrnckerei. ftnbng»r Dr. C arbnra.
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Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 90.
und Mr. Lemieux aus Kanada. Bei einem Fest- I mahle, das 'm Parlamentsoebäude gegeben I wurde, lobte der Minister der öffentlichen Arbeiten, Mr. Sauer, die liberale Anschauung der Engländer auf die auch der Oberrichter Lord de Villiers ein Loblied anstimmte. Der Australier Mr. Fisher prieß die Union als das größte Werk des Jahrhunderts und Mr. Lemieux hoffte, daß Buren und Briten immer miteinander arbeiten würden.
Dr. Jameson hatte noch einen besonderen Wunsch. Er als Unionist und exttemer „Größer- England--Schwärmer verlangte Homerule auch für Irland, Schottland und Wales, damit die fünf Staaten, Großbritanien, Kanada, Austra- lien, Neuseeland und Südaftika zu einer Union zusammengefaßt werden könnten, Großbritannien als festgefügtes staatlich s Gebilde mit einem gemeinfamen Parlamente, einem gemeinsamen Herrn, einer gemeinsamen, die ganze Welt bedingungslos beherrschende Flotte dastehe. Ausgezeichnet; aber bis dahin wird es noch lange Wege haben.
Die türkische Anleihe.
Konstantinopel, 6. Nov. Wie aus halbamtlicher Wiener Quelle verlautet, hat der Ministerrat die Bedingungen des Anleihevertrages für günstig befunden und den Entwurf genehmigt. Der Finanzminister hatte darauf abends eine neue Beratung mit Direktor Helfferich.
Köln, 7. Nov. Die „Köln. Ztg." meldet aus Konstantinopel: Pei der in den Grundzügen abgeschlossenen türkischen Anleihen handelt es sich zunächst um 175 Millionen Franks, auf die sofort gegen Schatzscheine Zahlung geleistet werden wird. Für weitere 100 Millionen hat die Deutsche Bank die Option übernommen. Es ist also im Grunde dieselbe Anleihe, die in Paris abgelehnt wurde.
Türftsche Metallbestellungeu in Deutschland.
Paris, 6. Nov. Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß der türkische Finanzminister in Schwerte in Westtalen 928 Tonnen Nickel im Werte von fünf Millionen Mark bestellt hat, die zur Herstellung von* 15 Millionen Franks neuen Nickelgeldes bestimmt sind, da das Kuvfergeld in der Türkei vollständig abgeschasft werden soll.
Die „Wahrheit" vor Gericht.
Berlin, 7. Nov.
Die auf mehrere Wochen veranschlagte Verhandlung gegen den Abgeordneten Wilhelm Bruhn geht schon weit früher zu Ende, da auf allseitigen Verzicht bereits heute die Beweisaufnahme geschlossen worden ist und die Plaidoyers begonnen haben. Noch einige entlastende Aussagen werden vorher gemacht, wonach Bruhn auch gegen zahlende Inserenten wiederholt schonungslose Angriffe in der „Wahrheit" gebracht habe: ebenso ergibt die zur Verlesung gebrachte Aussage des verstorbenen Redakteurs Hermann Dahsel vom 2. November, die entsprechend den damaligen
Kamerad, bet obwohl sie sich feit feiner Flucht aus Lingenau nicht wiedetgeseheu hatten, im gleichen Schritt und Tritt an ih'er Seite blieb.
„Wenn Du nicht wärst.- schrieb sie hm eines Taaes. „hätte ich das wirftiche Sprechen, ich meine das Wortefindest für meine Gedanken und das Antworten längst verlernt. Großmama, Tante Lore und ick verbrauchen nur die herkömmlichen Redensarten für \ die herkömmlich n Tagesereignisi-: Aufstehen, Essen, Schlafengehen, gutes ober schlechtes Wetter. Kann ich bas nicht mehr aushalten, so wirst Du zitiert, unb wir plmibern. — Nicht in Briesen; bie sinb nur Monologe unb können nur in Freistunden zu Worte kommen. Nein, wo ich gehe unb stehe, fange ich an, Dir zu sagen was mir eben br:rch den Sinn geht. Du antwortest, neckst mich, ärgerst mich: wie oft bin ich Dir mit bem lauten Ausruf: „Aber Will!- ins Wort gefallen — unb wie oft habe ich Dein Lachen gehört — aber wir sprechen auch ernsthaft unb zanken uns ernsthaft unb vertragen uns wieder. Unb bas, lieber alter Junge, sinb meine besten Stunben, besonbers wenn ich sie int Freien verleben kann . . .*
Eine dieser Stunden war wieder einmal für sie gekommen, als sie nach mehrtägigem Früh- sommerregen, vom Abendsonnenschein hinausget- lockt dm schmalen Weg längs der Vorstadtgärten verfolgte.
Während sie in tiefen Zügen die erfrischende Lust einatmete, sich gegm den Wind anftemmte, der die letzten Regenwolken gegen Westen trieb, zur Linken den angeschwollenen Bach rauschen hörte und zur Rechim im triefenden Blättergerank der Hecken rotgotbene und blaugrüne Lichter auf- blitzeu sah, ging ihr Jägers „Abenblied" durch
Zeitungsberichten allgemein als belastend angenommen wurde, garnichts im Sinne der Anklage. Dahsel hat ausdrücklich erklärt, daß er über irgend einen Zusammenhang zwischen Jnseratengeschäst unb redaktioneller Haltung der „Wahrheit" nichts bezeugen könne. Dem Staatsanwalt Leisering, der von allen Zeugen verlassen ist, bleibt nichts anderes Übrig, als Bruhns unb der Mitangeklagten Freisprechung zu beantragen. Er dehnt sein Plaidoyer aber doch auf- 40 Minuten aus, um den Gang dieses Prozesses zu beleuchten. Nach dem Rückzug des Staatsanwalts fallt den Anwälten ihre Aufgabe natürlich leicht. Sie vermeiden dabei auch nicht offenkundige Hebet» tteibungen; so erklärt Rechtsanwalt Bredereck, daß die „Wahrheit" kein Sensationsblatt, sondern ein ernsthaft geleitetes, politisch ernst zu nehmendes Organ sei. 'Viele hochangesehene bürgerliche Tageszeitungen hätten bei Erörterung der Affäre Luise von Sachsen und ähnlicher Fälle die „Wahrheit" in Sensationsmache sicherlich noch übertroffen. Die Rechtsanwälte Cchwindt und Meyer sprechen sich etwas zurückhaltender aus, sind aber natürlich auch der Ansicht, daß die ganze Anklage „ein juristisches Unding,, sei.
Zu Beginn der heutigen Sitzung teilt der Vorsitzende mit, daß der Gerichtshof noch einen neuen Sachverständigen, den Chefredakteur Vollrath (Berlin) geladen habe. Hierauf tritt die am Lause des Prozesses viel erwähnte Frau Berg-Lindemann vor den Richtertisch und erklärt, sie sei von einem geisteskranken Verbrecher, dem Redakieuer Klebinder, hier im Gerichtssaal auf des schwerste angegriffen worden. Der Mann verfolge sie seit Jahren mit seinem Haß und sie sei diesem Haß beinahe erlegen. Diese letztere Ausführung erregt bei den Anwesenden gelinde Heiterkeit, da die Frau wie die verkörperte Gesundheit aussieht. Es wird sodann noch einmal der Fall Koller erörtert, die Beweisaufnahme hierüber ergibt aber keine neuen Momente. Der Verteidiger R.-A. Bredereck stellt noch feit, daß in der „Wahrheit" verschiedene angesebene Firmen inseriert haben, trotzdem sie in dem Blatte angegriffen wurden. Hieraus wird die Beweisaufnahme für geschlossen erklärt und Staatsanwalt ßeiiering nimmt das Wort zu seinem Plaidoyer. Er führt aus: Als feiner Zeit die Anklage erhoben wurde, war man sich von Anfang an klar darüber, daß der Beweis für die Anschuldigungen schwer zu führen sein würde. Es handelte sich nicht um Erpressungen, wie sie gewöhnlich im Ee- richtssaale aufgerollt werden, wo jemand einen anderen wegen einer unlauteren Handlung bedrängt; die Anklage ging vielmehr dahin, daß durch ein Blatt die infriminierten Angriffe vorgekommen seien. Es war ferner klar, daß da viel zwischen den Zeilen gelesen werden mußte. Ich bin mit bem Sachverständigen darNber einig, daß sich ein Beweis der Schuld aus dem Inhalt des Blattes schwer konstruieren (assen würde, der Zusammenhang zwischen Inseraten- und redaktionellem Teil ift nicht leicht zu beweisen. Es kommt hinzu, daß sich niemand gern vor Gericht stellt unb sich übet Dinge vernehmen läßt, die einem unangenehm sind. Die Zeugen mußten sich sagen, daß alle die Sachen, die in der „Wahrheit" oessänden batten, in her gerichtlichen V->rbond- lung wieder zur Sprache kommen würden. Es mußte ihnen unangenehm fein, wenn sie gefragt wurden: Hoben Sie Angst gehgbt? Haben Sie sich bedroht gefühlt? Denn die Beantwortung dieser Frage in- nolviert ein gewisses Zugeständnis, daß sie Anlaß zur Anost hatten, in ib-er Pe^on. in ihrer Familie oder
den Sinn. Wilhelm war es, der „wild und still" im Felde schlich, ob er wohl ihr liebes Bild vor sich aufffeigett liefe?
Sie seufzte; wen» er es tat, sah er sie ja nicht, wie sie jetzt war. denn an die Photographie die sie ihm kürzlich geschickt hatte, wollte er nicht glauben.
.....Ein schöne junge Dame, die Dir ähnlich sieht," hatte er ihr geschrieben, „aber Du selbst bist es nickt, kannst nicht so geworden sein. Meinem Kameraden brauche ich nur in die Augen zu sehen, um g^nau zu wissen, ob sein Seelenbarometer auf Sonnenschein oder Sturm deutete. Die Biiddame verschweigt mir alles. Das soll mich aber nicht irre machen! Mein Gedächtnis, das Dich in jeder Stimmung wiederspiegelt, malt jedenfalls treuer als die Maschine . . ."
Unb boch hatte diesmal die Maschine recht.
Die schrankenlose Offenheit, die früher aus Christianens Augen sprach, war — seitdem sie um das Schicksal ihrer Mutter Bescheid wußte — dem Ausdruck bet Zurückhaltung gewichen, unb je mehr sie sich durch den Pharisäerhochmut der Elmenacher verletzt und verschüchtert fühlte, umso stolzer raffte sie sich äußerlich zusammen. — Selbst den wohlmeinenden Ferdinand Wild, der hin unb wieber ben Wunsch äußerte, sie in seine Familie einzuführen, kräntte sie burch ihr schroffes Ablehnen.
Wilhelm hatte sie darum getadelt; et war der Meinung, daß jedem der Verkehr mit Menschen notwendig fei, selbst wenn sie nicht allen Anforderungen genügen. — Aber Christiane wollte sich nicht dazu verstehen. „Ich warte, bis Du wiedep- kommst," antwortete sie.
Aber Jahr um Jahr verging und et kam nicht; während sich ihm tu der Fremde Herze« und
in ihrem Geschäft. Die Zeugen mußten auch damit rechnen, daß der Angeklagte Bruhn sie zu verdächtigen suchen würde, wenn er sie nur auf der kleinsten Hhgenauigfett ertappte. Er hat ja sogar einen Zeugen deshalb verdächtig gemacht, weil dieser Dissident ist unb nicht schnell genug ben Bleistift zückte, als der Angeklagte einmal im Reichstage eine Rede vom Stapel ließ. Im allgemeinen muß ich sagen: Es i1 mir noch nie vorgekommen, daß das Bild der Haupr- verhandlung so kolossal abweicht von dem der Voruntersuchung. Es war keine angenehme Aufgabe für mich, 14 Tage lang an dieser Stelle zu stehen unb zu sehen, wie ein Belastungszeuge nach bem anderen umfiel. Teilweise hatten die Zeugen eine gehörige Angst vor dem Angeklagten. Der Redner geht bann die sechs verschiedenen zur Anklage stehenden Fälle durch und kommt zu dem Ergebnis, daß er die Anklage nicht mehr aufrecht erhalten könne und daher Freisprechung beantragen müsse. Immerhin werde Bruhn aus dem Eerichtssaale den Ruhm mit hinaus- nehmen, daß sein Blatt von der Geschäftswelt für einen Schrecken gehalten wurde und daß man die Heberzeugung hatte, es sei Herrn Bruhn mit Inseraten berzukommen. — Die drei Verteidiger Rechtsanwälte Bredereck, Dr. Schwindi und Meyer I plädieren in verhältnismäßig kurzen Ausführungen auf Freisprechung. Letzterer betont, daß ihn eine ganze Welt von der Anschauung Bruhns trenne, juristisch gesprochen sei aber die Anklage völlig unhaltbar. Nach den Plaidoyers beschloß der Gerichtshof, die Erklärungen der Angeklagten morgen entgegenzunehmen und setzte die Schlußsitzung auf morgen mittag 12 Hhr fest.
Bruhn wird also freigesprochen werden.
Deutsches Reich.
— Reue Kaiser-Legenden. Das bekannte englische Witzblatt „Punch" brachte vor langen Jahren einmal eine Karrikaiur des deutschen Kaisers, auf der er mit 10 Armen barg- stellt wurde: mit dem einen hielt er ben Felbberrnstab, mit dem zweiten bett Taktstock, mit bem brütet; den Malerpinsel, mit bem vierten den Fiebelbogep nfw. Die Tendenz des Bilbes sprang in bt( Augen, sie sagte dem Beschauer: wer allzu viele; kann, kann sicher gar nichts gründlich. Für ein« Menschen in irgend einem Brotberuf stimmt bas natürlich, aber nicht für eirtht He rcher, bet alle Zweige des Staatsbetriebes und des öffentlich « Leb ns überblicken muß, um überall anregend eingreifen unb auch das nötige Verständnis ffil die Vorträge seiner Minister haben zu können. Der Pariser „Univers" hat da bte neueste Legende aufgebracht: Wilhelm II. arbeite Tag unb Rocht an einem Geschicktswerk über seinen Vorfahren Friedrich den Großen, das alles überstrahlen solle. Diese unsinnige Behaoptttug wird amtlich dementiert. Für Kenner der Verhältnisse hätte es dieser Wiberlegung gan.'cht erst beburft, benn sie wissen, baß schon bas tägliche Minimum an rein politisch-geschäftlicher Arbeit bem Kaiftr garnicht bie Zeit läßt, sich in aller Rude an solches Unternehmen zu setzen, bas übetbies voll-- fommen überflüssig wäre, ba die Staatsarchive aus ber ftiberizianischen Epoche längst allen Gelehrten osfen stehen unb beim besten Willen nie« manb etwas vollkommen neues über ben groß n König sagen könnte. Der alte Fritz ber in seinem kleinen Staate wie eine Ar« G' ” en leben konnte, hatte freilich die nötige Mi ße für Litera- tur unb Literaten unb machte scgar mitten im
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Türen in Menge öffneten, blieb ihm bas Vaterhaus verschlossen, selbst nachbem ihm ber Vater verziehen hatte. — Frau Betty wußte bem fchwa- cken Manne einzureben bafe er durch offenkunbigk Ausföhnung mit bem Uebeltäter seinen Patronatsherrn aufs neue erzürnen unb bie Zukunft seiner jüngeren Söhne gesährben würbe. So hatte sich benn Pastor Martinv damit begnügt, seinen Aeliesten auf neutralem Boden wiedtr- zusehen.
Christiane war empört darüber; Wilhelm sand die Handlungsweise des Vaters — den et einen Apostel der Geduld nannte — begreiflich. „Auch wir müssen uns gedulden," schrieb er ber Zürnenden. „Da ich das Unheil angerichtet habe, ist's an mir, es wieder gutzumachen. Sobald meine Examina glücklich überstanden sind, gehe ich meinem Herrn Paten, ber meine Briese nicht beantwortet, persönlich zu Leibe unb bann wollen wir boch 'mal sehen, ob er mir nicht wieber gut wirb. Daß Du unb ich bis bahin getrennt bleiben müssen, ist hart — aber solange wir uns getreulich Mitteilen, was uns beschäftigt unb was wir erleben, tarnt unsere gute Kameradschaft feinen Schaden leiden"
Diese Briefworte, an die sich Christiane häufig erinnert hatte, fielen ihr auch jetzt wieder ein, unb sie fragte sich bekommen, welchen Eindruck es auf Wilhelm machen werde, wenn er erfuhr, daß ihm nicht nur die Bilddame, fonbern auch sie felbft nun schon fett Jahren etwas verschwieg.
Plötzlich fuhr sie aus ihren Gebanken auf Im nächsten Heckengäßchen erhob sich Kinderge- schrei, Gelächter, ängftliches Hundegekläff; eint Rotte barfüßiger Knaben, zwischen denen et« kleiner, rehfarbene- Windspiel hin- und herschoß, lief herbei. (Fortsetzung folgt)