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45. Jahrg.

Drittes Blatt

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Die Festung Silberberg mit der Frltx Reuterzede

Wachheit: Der

Lehnstuhl aus die Wirischaft regierte, nur wenig als vermittelndes Element eingreifen konnte. Bald nach dem Fritz im Jahre 1824 die Ge- lehrtenschule in Friedland bezogen hatte, wo er sich freilich nicht eben durch Fleiß auszeichnete, begann das Martyrium. Auf maßlos heftige Briefe des Vaters, wenn der Sohn seine Pflicht nicht voll getan hat, kommen von Friedland demütige Entschuldigungen und Versprechen. Ms Fritz wider Erwarten nicht nach Prima versetzt wird, bricht das Ungewitter des väterlichen Zornes los. Aber endlich erringt sich der jeden Zwang hassende Jüngling zu Michaeli 1831 doch ein sehr mittelmäßiges Reifezeugnis mit dem er, da der Vater ihm die Ausbildung als Maler ver­weigert, die Londesuniversität Rostock bezieht, um die Rechte zu studieren. Als er nach einem Semester die ihm widerwärtige Weisheit der akademischen Eulen von Rostock mit Jena ver­tauschen will, gibt es aufs neue entsetzliche Auf­tritte. Schließlich setzt er aber seinen Willen durch und zieht im Mai 1832 nach der thüringi­schen Musenstadt, deren Burschenherrlichkeit ihn ohne sein Verschulden in die tragischsten Ver? wickelungen sühren sollte, die ihm auf lange Jahre hinaus die Freiheit kosteten.

Obwohl er sich nie ernstlich um politische An­gelegenheiten geschert und auch im trinksreudigen Jena den Bierkrieg allen anderen Dingen vor­gezogen hatte, wurde er als Mitglied der Bur- sckenschast Germania doch auf die Liste der Ver­dächtigen gesetzt. Zwar berief ibn der böses ahnende Vater nach dem am 3. April 1833 in Szene gesetzten, sinnlosen Sturm des Göttinger Privadozenten Rauschenplatt auf die Frankfurter Hauptwache und Konstablerwache sofort nach Hause Fritz Reuter aber beging die unter den damaligen Verhältnissen unfaßbare Unvorstchtiq- [' feil, sich aus dem sicheren Stavenhagen schon tm

Oktober behufs seiner Immatrikulation nach Berlin zu wagen, wo er am 31. Oktober ver­haftet und nach dem berüchtigten Gefängnis am Hausvogteiplatz gebracht wurde.

Die Pforten des Gefängnisses hatten sich hin­ter ihm geschlossen, um erst nach langen 7 Jahren den unglücklichen Studenten wieder frei zu geben, dessen einziges Verbrechen es gewesen war, die deutschen Farben zu tragen und den Jdealtraum von einem großen, einigen und freien Deutsch­land in begeisterten Liedern und Worten hinaus­strömen zu lassen. Wegen Hochverrats nach drei­jähriger Untersuchungshaft zum Tode verurteilt, aber zu dreißigjähriger Festungshaft begnadigt, wird er nunmehr, obwohl sein Vater alles daran setzt, ihn frei zu bekommen, von Festung zu Festung, von Silberberg in Schlesien nach Groh- I Glogau, nach Magdeburg, nach Graudenz ge- i schleppt, 1839 an Mecklenburg ausgeliefert, wo I er in Dömitz an der Elbe interniert wird, und I endlich nach dem Tode Friedrich Wilhelms 111.

Derantwortlich für die Redaktion: 1

Dr. phil. Tarl Hitzeroth in Mari«-. 1

TeileUt de Franzosenttd",Ut mine Festungs- tib- und besondersUt mine Sttomttd" zu tarn Besten gehören, was in der deutschen Er- zählungsltteratur der Neuzeit erschienen ist.

Nach den großen literarischen Tnumphen konnte auch der klingende Erfolg nicht ausblei­ben Auf den im Sommer gemeinsam unter­nommenen Erholungsreisen, bei denen auch Thüringen wiederholt berührt wurde, faßte Frau Luise den Plan der dauernden Uebersiedelung nach jenen anmutigen Gegenden, die dem Dich­ter von seiner Studentenzeit in Jena her eng ans Herz gewachsen waren. Ihre Wahl ft« auf Eisenach und, obwohl Reuter erklärte: Wuo «ich plattdütsch red't ward, holl lckt nich ut" willigte er schließlich doch ein und erbaute sich nachdem er zuerst in einem Schweizerhause am Predigerplatz zur Miete gewohnt hatte, nach seiner Rückkehr von einer Orientreise, im Jahre 1866 am Fuße des Hainsteins und Ausgang deS HelltalS nach dem Entwurf von Prof. Bohn- stedt in Gotha das hellleuchtende, in edlen Archi­tekturen gehaltene Landhaus, in dem er acht Jahre später, am 12. Juli 1874, in die Ewig­keit hinüberging. .. .

Um Ostern 1874 begann em schon lange durch Vorboten sich ankündigendes aus Arterienver­kalkung beruhendes Herzleiden schnelle Fort­schritte zu machen. Ein Schlaganfall lähmte ihn an den Füßen, so daß er nur noch im Rollstuhl sitzend den Blick von seinem Garten ins Tal ge­nießen konnte und am Nachmittag des 12. Juli I um y25 Uhr hatte sein Herz zu schlagen ausge- hört. Die Inschrift seines Grabdenkmals aus dem neuen Friedhof am Wartenberg hatte er sich /elbst verfaßt. Sie lautet in schlichter Ein-

Marburg

Sonntag, 6. November 1910

dir, Herr, ist Klarheit und licht ist dein Haus.

Anfang, das Ende, o Herr, -sie dein,

Spanne dazwischen, das Leben, mein,

irrt ich im Dunkeln und fand nicht aus,

Vermischtes.

DieGenossin" Prinzessin Paulin« von Würt­temberg. Breslau, 3. Nov. Die Breslauer Volksmacht" verzeichnet mit großer Genugtuung die Tatsache, daß die Prinzessin Pauline von Württemberg, die Gattin des hiesigen jüngst ver­storbenen Sanitätsrats Dr. Willim, eine organi­sierte Genossin der sozialdemokratischen Partei sei, während bisher in der Presse nur bekannt ge­worden war. daß sie forsschrittlichen Neigungen huldigte. Man erfährt jetzt auch, auf welche Weise die Verbindung der württembergischen Prinzessin mit dem verstorbenen Dr. Willim zu­stande gekommen ist. Die Muter der Prinzessin, Herzogin Mathilde von Württemberg, hatte sich 1878 in Behandlung des Geheimrats Biermer in Breslau begeben. Biermer legte seinem Assi­stenten Dr. Willim die besondere Pfleg- der Pa- ttenttn ans Herz, und so ergab sich eine häufige Begegnung des jungen Arztes mit der Prinzessin, die zu einer tiefen gegenseitigen Neigung de« jungen Paares führte. Trotz aller energischen Gegeneinwendungen der großherzoglichen Fa­milie blieb die junge Prinzessin standhaft, und so erfolgte die Eheschließung im Jahre 1880. Die junge Gattin faßte ihren Beruf als Dattorsgattm sehr ernst auf Sie widmet sich mit großer Ler- denfchaft sozialen, hygienischen und wohltätigen Bestrebungen. Ihre besondere Vorliebe aber gilt der Politik, in der die Prinzessin durchaus demokrattschen Anschauungen huldigt. Man steht ihre charatteristische Erscheinung Frau Dr. Willim ist fast immer in ein wallendes schwarzes Tuchkostüm getteidet. ihr kurz geschnittenes Haupt­haar ist von einem Männerhut bedeckt und an den Füßen trägt ste gewöhnlich Schaftstiefel sehr häufig in sozialdemokratische Versammlungen in deren Debatten sie zuweilen eingrerft. Eine starke Neigung verbindet Frau Dr Willim auch seit Jahren mit dem Theater. An dem Leichen­begängnis Dr. Willims nahmen die Führer der hiesigen Sozialdemokratte lell.

mit bem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beila

von Preußen int September 1840 in Freiheit I gesetzt. I

Der aussichtslose Versuch seines Vaters, trotz allem war vorausgegangen, den Dreißigjährigen, der sich in Silberberg das Laster des Quartal­trinkens ang"wöhnt hatte, dennoch in die Juristcnlaufbahn hinein zu pressen, scheitert, nachdem ein in Heidelberg fröhlich verbrachtes Semester mehrere Rückfälle ins potatorium ge­bracht. Fritz Reuter wird Landwirt oder Strom", wie im mecklenburgischen der land­wirtschaftliche Volontär genannt wird, muß die­sen Benrf aber wegen Mittellosigkeit ausgeben, nachdem sein Vater, der int März 1845 gestorben, ibn in seinem Testament als Trunkenbold er­klärt und ihm sein geringes Erbteil auf drei Jabre gesperrt hatte. Vergebens bemühte sich Reuter der sich mit Louise Kuntze, einer Tochter des Geistlichen zu Roggenstorf verlobt hatte, um eine gesicherte Lebensstellung und wurde, um heiraten zu können. Privatturnlehrer in Treptow an der Tollense, woraus er seine Braut am 16. Juni 1851 zum Altar führte.

Mit dunflen Schicksalswolken schien die Zu­kunft des eben getrauten Paares um so mehr verhangen zu sein, als die unselige Neigung zum Alkohol bei Reuter zu immer neuen Rückfällen führte. Indes das Wunder geschah durch den sänftigeuden Einfluß dieser edlen Frau, ohne di« Reuters Leben früher oder später wohl einen kläglichen Ausgang genommen hätte. Schon int Jahre 1842 batte er zu schriftstellern angesangm, einen Entwurf seinerStromttd" in hochdeut­scher Sprache und Heine, plattdeutsche Gedichte gereimt, von denen einige anonym im Jahrbuch Mecklenburg" von 1847 abaedruckt wurden. In den ersten Monaten seines Eheglücks begann er manches von den Anekdoten, die er als flotter Erzähler seinen Freunden am Stannnttsch unter großem Beifall vorgetragcn hatte, niederzuschrei- ben, was später unter dem TitelLauschen un Rinnels" in die Welt ging und als endlich, nach­dem Justizrat Schröder in Treptow alsedler Borger" das erforderliche Geld vorgestreckt, im Jahre 1853 das Buch int Selbstverlag des Dich­ters erschien, war für Reuter das Eis gebrochen und das bis dahin ihm so abholde Glück heftete sich fortan an seine Sohlen.

Der ungeteilte Beifall seiner platckeutschen Leser der schnelle Absatz der ersten Auflage und nicht an letzter Stelle die Anerkennung hervo» ragender Literaturgrößen und Kritiker gab«t tym das nötige Selbstverttauen. Semem Genius waren die Schwingen gewachsen und so begann er nachdem er 1856 nach Neu-Brandenburg übersiedelt war,De Reis nach Vellingen", di« ergreifende TragödieKein' Hüsing".Schnurr Murr",Hanne Nüte" und die den Gesamttitel Olle Kamellen" tragende lange Serie von Er- -ählungen -u veröffentlichen, von denen die

(Nachdruck verboten.) I Fritz Neuter.

Cin Lebensbild des Dichters zur 100. Wiederkehr I seines Geburtstags I

1810 7. November 1910. I

Von Dr. Curt Rudolf Kreuschner (Friedenau). I

In der langen Rtthe von Dialett-Dichtern, I die im Deutschen Volk erstanden sind, seit der I seligeRektor von Eutin", Johann, Heinrich 1 Voß es als erster nach langer Zeit wieder I wagte, eine Volksmundart zu poetischen Dar- I stellunaeu zu benutzen, nimmt Fritz Reuter nicht I nur durch die unerschöpfliche Tülle seines kost- I lichen Humors eine besondere Stellung ein. Ein I ihm ebenbürtiger lebt, noch ("eute mitten im teeren Schaffen stehend, im Herzen der grünen I Steiermark,. Betet Rosegger, dem das Schicksal I das seltene Glück beschieden hat. daß er sich auch I zum geistigen Führer des bedrohten Deutsch- I ftrms im Reiche der schwarz gelben Grenivkähle I «nd rum ersolareicben Kämpfer für Gewissens- I und Glaubensfreiheit aufschwingen konnte. Bei­den gemeinsam aber ist, daß ste unter den Geyen- I sätck'ckkeiten. wie sie in Natur, Mundart und Volkswaratter Zwischen den Alvcnbergen und der deutschen Tiefebene an der Waterkante bestehen, für den Ausdruck des von tonen empfundenen und Erlebten die wahrsten und echtesten Natur­laute gefunden haben, die der lesens- und hörensfreudiae Deutsche mit demselben ästheti- swen Vergnügen in sich aufnimmt gleichviel ob sein Vaterhaus am reißenden Berastrom der Mur. tief drinnen imMeckkenbörgischen" oder in irgend einem anderen Winkel des gemein­samen germanischen Vaterlandes steht.

Sechsunddreißig Jahre nach seinem Tode lelen sich Reuters Werke ohne Ausnahme noch ebenso, als ob er mitten unter uns weilt. Als ecktet Dicktet, der seine Gestalten aus dem realen Leben herausariff. und nach Art der Schlüssel­romane in voller plastischer Wirklichkeit vor dem Leserkreis hinstellte, ist cr von dem traurigen Sck'cksal iener zahlreichen litcrariscken Mode- gößen verschont geblieben, die nach einer kurzen Zett scheinbarer Berühmtheit, physisch noch lebend ihren schriftstellerischen Tod und Leicken- beaängnis mit ansckauen mußten. Dazu aber kommen noch die unsaabar traurigen Schicksals- füaungen die die volle erste Hälfte seines 64 Jahre währenden Lebens ausfüllen und es als fritier unbeareiflick erscheinen lassen, wie der schwer geprüste und anscheinend rettungslos dem temporären Alkobolismus verfallene Mann, der in keinem Berufe recht bodenständig ut werden vermag, sich erst an der Grenze zwischen dem jünaeren und reiferen Mannesalter plötzlich als ein gottbegnadeter Dicktet erst.:: Ranaes ent­puppt und zur hoben Zierde im Vildersaal der deutschen Nationalliteratur entwickelt. Alles in allem so ein Dichterleben das kaum seines gleicken findet und es nickt als zur Gattung jener unetguicklicken littrariscken LeichenauS- grabunaen gehörend erscheinen läßt wenn an feinem 100. Geburtstag beguckt, der Nach­welt fein Cbaraktervrofil im engen Rahmen eines Zeitttnasseuilletons mit wenigen Strichen zu verreicknen.

Fritz Reuters Familie gehört, zu jenen tausenden fleißigen und ruhig gesinnten, pro­testantischen Bewohnern des Erzbistums Salz­burg. die ihres Glaubens wegen von dem da­mals noch voll souveränen Landesft-irsten, dem Erzbisckos aus ihrer alten angestammten Hei­mat Vertrieben worden waren und in ihrer Mehrzahl in den Landen Friedrich Wilhelms L von Preußen gastliche Aufnahme fanden. Des Dickters Großvater, der den geistlichen Beruf er­greifen wollte, war jedoch, um sich vor den preußifcken Werbern in Sicherheit zu bringen, nach Mecklenburg gegangen und wurde dort Prediger in Dehmen. wo ihm fein zweiter Sohn des Dichters Pater geboren wurde, der die Ver­waltungslaufbahn einfchlug uns feit 1805 als Auditor und seit 1808 als Bürgermeister von Stavenhagen amtierte. Nach allen Berichten scheint er ein über die Maßen rauher und scharf­kantiger Mann gewesen zu fein. In feiner Red- lickkeit und ernstem Wollen über alle Zweifel er­haben, so daß die S<adt alle Fortschritte auf kom­munalem Gebiete nur ihm allein zu verdanken hatte, kebrte er im eignen Hause die stacheligen Seiten seines herrischen Wesens mit rücksichts loser Schärfe heraus.

Die Konflickt-. die sich so häufig dort heraus- bikden wo eigensinnige Väter die Erziehung der Individualität der Söbne nickt anpassen sondern deren unfehlbare Vorsehung spiele« wollen, blie­ben auch hier nicht aus, umsomehr als des Dich­ters sanfte Mutter, die bei einer späteren Ent­bindung bleibend« Lähmungen erlitt, und vom

Briefkasten bet Redaktion.

tz (Es muß schon ein tüchtiger Kynologe sein, dem es gelingen sollte, die Rasse Ihres Hundes zu bestimmen. Ihre Frage erinnert «ns lebhaft cm Marx Möllers reizendes Gedicht vom Hündchen des Tobias, das ein ähnliches Vieh gewesen zu sei« scheint, wie Ihr Droll. Der Dichter final von ihm: Weiß war des schwarzen Tierchens Brust «nd weiß die Vorderpfoten. Wem» es dahin Mo| rote ew Blitz Konnt's wie «in Jagdhund schernen. Rach feinen Ohren war's ein Spitz, Ein Teckel nach den Beinen. ___________________.

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