Nnd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage.^
45. Jahr^
Erstes Blatt
Zu Beginn der heutigen Sitzung erscheint der gestern verschwundene Zeune Journalist Klebinder genannt Binder und entschuldigt seine gestrige Ab- weienheit mit Krankheit und schwerer seelischer De- pression. Seine Vernehmung gestaltet sich. weil der ausaereate Zeuge fortwährend auf andere Themata zu kommen sucht, äußerst charakteristisch und temperamentvoll. Er schildert einen ..Klavierhandel" zwischen der Redaktrice Frau Marn Bera-Lindemann und dem Klavierbändler Hintze. der einen Erohban- del mit alten Instrumenten der gröberen Klavierfirmen Deutschlands betreibt. Rach seiner Darstellung. die auf Angaben von Hintze beruhen soll, hat Frau Bera-Lindemann fterrn Hintze eingeladen, ste
Haupt nur feine Sachen an die Zeitungen versende, aber er werde von der Revolverpresse scharf verfolgt, zu der er die „Große Glocke", aber nicht die „Wahrheit" rechne, denn Bruhn habe stch in dem vorliegenden Falle Hintze sehr anständig benommen. Sein gestern zitierter Artikel, behauptet der Zeuge, habe auf direkter Information Hintzes beruht, der ihn aufgesucht habe, nicht umgekehrt.
Eine schlimme Wendung scheint der Prozeß für den Angeklagten Bruhn zu nehmen, als Wolf Wertheim, einer der beiden Brüder, der stch von der Familie getrennt hat, vernommen wird. Die Familie ist mit ihm zerfallen, seit er seine Frau geheiratet hat, die auf dem Gute Cladow an der Havel ein Heinedenkmal errichtet, ein Kostümfest für 25 000 M veranstaltet und dem „Hauptmann von Köpenick" eine lebenslängliche Pension ausgesetzt hat. Dies und anderes persönlichere noch über die exaltierte Frau hat in der „Wahrheit" gestanden, und zwar, wie Wolf Wertheim ausdrücklich meint, zu erpreste- rischen Zwecken. Im Verlaufe der Vernehmung erklärt er, er vermute hinter den Angriffen seinen Bruder Georg, von dessen Vorgehen aber Bruhn wohl keine Kenntnis gehabt habe; sein Bruder habe ihn wohl zwingen wollen, bei der geschäftlichen Auseinandersetzung innerhalb der Familie nachzugeben.
Die Vernehmung des nächsten Zeuaen, Georg Wertheim, ergibt zunächst, daß die „Wahrheit" nie um Inserate angefragt habe, und dann, daß die Annahmen Wolf Wertheim auf Hirngespinsten beruhten. Der Zeuge beeidet, daß er niemals, weder direkt noch indirekt, Angriffe auf seinen Bruder in die Presse lanciert habe. Dieser erklärt darauf, daß er die Meinung, die Artikel der „Wahrheit" hätten der Erpressung gedient, nicht mehr aufrecht erbalte. Jn- folaedessen teilt auch der Staatsanwalt dem Gerichtshof mit, daß er in diesem Falle die Anklage gegen Bruhn fallen lassen müsse. Auf eine weitere Beweis- aufnabme in dieser Anaeleqenbeit wird allseitig verzichtet und damit ist die unanaenebmste Stelle des Vrozesses vom Angeklagten endlich umschifft.
Ebenso ergebnislos verläuft das Zeuaenverhär im Falle des Svielklubs „Berolina", der sich durch einen Herrn Dreiwurst mit der Geschäftsstelle der "Wahrheit,, behufs Aufgabe von Jpse-at-n in Verbindung gesetzt hat. Es wird festaestellt, daß Brubn zu der Zett dieser Verhandlung krank im Sanatorium lag: außerdem haben die Anariffe aeaen den Klub auch nach Erteilung des Inserats nicht aufgehärt.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 89.
Die »Wahrheit* vor Gericht.
Berlin, 3. Nov.
Für den Vorsitzenden ist es nicht leicht, unter den aufgeregten Zeugen für die nötige Ordnung zu sorgen. Mit einem großen Wortschwall erzählt Klebinder, daß er die feinsten Leute einschließlich des Fürsten Bülow interviewt habe, daß er Lber-
Die dänische Jrredenta und ihre deutschen Beschützer.
Aller Streit über die Politik der Regierung in der Nordmark rührt daher, daß die einen in der Partei der „Dänen" staatsgefährliche Leute seh-n, die.auf die Lostrennung vom Reiche ausgebe'.., vie anderen sie für harmlos und loyal ansehen, als Leute, die nur ihre Eigenart in Sprache und Sitte bewahren. Die Frage ist durch einen Vertreter der letzteren Richtung wieder akut geworden. Der freisinnige Abgeordnete Dr. Leonhardt hat in einer Polemik mit Prof. Metger seinen Standpunkt von der Loyalität der Dänen etwas eifrig vertreten. Das wäre an stch nichts Besonderes, wenn nicht bei dieser Gelegenheit Vertreter der Dänenpartei ihr Herz ausgeschüttet hätten.
Das angesehene, am meisten verbreitete Dänenblatt, der „Flensborg Avis" beschäftigt stch mit dem Versuch Dr. Leonhardts, und wir meinen, die Ausführungen sind so deutlich, wie sie nur jeder, der mit offenen Augen und nicht als Ideologe deutsche Politik treiben will, sich wünschen kann. Das Blatt schreibt nämlich: „Dr. Leonhardt versteht anscheinend nicht die Lage. Unser Kampf um Sprache und Volksleben ist so loyal wie nur denkbar, unsere Forderung auf die Wiedervereinigung wurzelt jedoch ebenso fest in der ganzen Bevölkerung, sie ist ebenso ernst gemeint, ebenso unerschütterlich, wie sie der „Staatsgefährlichkeit" entbehrt. Die Dänen wünschen nicht verteidigt zu werden, indem ihnen eine Anerkennung der Eroberung beigelegt wird, gegen die sie sich mit Händen und Füßen wehren."
Roch deutlicher und herausfordernder wird das Blatt, das wie gesagt sich des allergrößten Einflusses in den Dänenkreisen erfreut, mit folgenden Worten: „Die Nordschleswiger haben wiederholt klar und deutlich ihren Wunsch zu erkennen gegeben, nach Dänemark zurückzukommen, und das tun wir noch. Aber was tun die Preußen? Anstatt ihre heilig gegebenen Versprechungen zu erfüllen, verhöhnen und verfolgen ste uns auf alle erdenkliche Meise. Wenn ein so heiliges Versprechen gebrochen wird, bedeutet das nicht ein ehrenvolles Vorgehen. Ja, wahrlich, die deutsche Ehre bedarf sehr der Reinigung. Aber soll das gründlich gemacht werden, muß zuerst und. vornehmlich die Verpflichtung im 8 5 erfüllt werden. Erst dann, wenn dieses geschieht, wollen wir versuchen, ob wir einen Strich machen können über alle übrigen Versündigungen
Deutschlands gegen Dänemark und die dänischen Nordschleswiger, und erst dann könnte an ein gutes Verständnis zwischen den beiden Nachbarreichen gedacht werden."
So sieht die dänische „Loyalität" aus. Ist es nicht eine Tollheit, wenn der Bevölkerung in Nordschleswig vorgeredet wird, sie habe ein Recht darauf, wieder mit Dänemark vereinigt zu werden. Leute, denen man dies voredet, werden natürlich nicht zur Ruhe kommen, zumal wenn sich fortgesetzt die dänischen Agitatoren an sie heranmachen. Und nun bedenke man. Jetzt endlich geht die Regierung gegen gewissenlose Agitatoren und Ausländer mit systematischer Strenge vor und schon bilden sich unter unfein Freisinnigen und Demokraten Vereine, die auch hier eine Gelegenheit sehen, der bösen, „reaktionären" Regierung eins auszuwischen. Herr Leonhardt gründete einen „Friedensverein", der allerdings nach einjährigem Bestehen erst 13 0 Mitglieder zählt und darunter verschwindend wenig heimdeutsche Leute. Prof. Rade glaubt zum Kampf gegen die Regierung sammeln zu müssen zum „Schutze der deutschen Ehre" und findet großen Beifall — in Dänemark.
Dieser freundlichen Hilfsstellung für die dänische Jrredenta gegenüber ist es immer wieder nötig die wahre Sachlage in der Nordmark hervorzukehren.
Wie die einheimische Bevölkerung denkt, zeigt ihr Zusammenschluß im „Deutschen Verein" mit seinen 12 000 Mitgliedern, meistens einheimische Deutsche, der die Regierung immer wieder gemahnt hat, eine Politik der festen Hand gegenüber den ausländischen Agitatoren und ihren Aspirationen zu führen. Die Regierung wird gut tun, wenn sie dessen Ratschlägen folgt, wie sie das jetzt mit erfreulicher Entschiedenheit tut.
Zum Schluß noch eins. Im „Tag" beschäftigt sich Dr. Kähler mit dieser Frage und speziell mit der Rechtfertigung des Dänentums durch Dr. Leonhardt, der von dem Abgeordneten Haussen Beweise seiner Loyalität anführte, daß et sich bei den Blockwahlen auf Seite der Regierung gestellt habe. Dr. Kähler schreibt dazu: Nun hat Herr Hanssen allerdings bei jener denkwürdigen Abstimmung über die Kolonialforderungen am 13. Dezember 1906 für die Regierungsvorlage gestimmt. Sein Verhalten hat ihm aber von fetten seiner Partei die schärfsten Angriffe zugezogen, und diese find erst verstummt, als ein namhafter Führer der Dänen öffentlich erklärte, daß toanffen nur mit der Regierung gegangen sei, um dem Optantenvertrag, der damals in Vorbereitung war, möglichst viel für die Dänen herausschlagen zu können. Kommentar überflüssig.
Marburg
onnabend, 5. November 1910
zu besuchen. Sie habe eine elegant eingerichtct« Wohnung und wolle ein Klavier kaufen. In der Wohnung der Dame sei es dann zu einigen Zärtlichkeiten gekommen und Herr Hintze lieferte einige Zait später als Aequivalent ein Klavier, das eine alte bekannte Firma trug. Frau Berg-Lindemann will nun die Entdeckung gemacht haben, daß das Klavier durchaus wertlos und die Firma zu unrecht auf ein anderes Instrument aufgeschraubt worden sei. Sie schrieb dieserhalb an Hintze und sprach dabei von Betrug und Schweigegeldern. Auf dieses Schreiben hin lud Hintze die Dame zu sich ein, steckte aber vorsichtshalber einen Lehrjungen unter das Kanapee und seinen Geschäftsführer ins Nebenzimmer. Als Frau Berg-Lindemann erschien, begannen unter Zeugenschaft der beiden Versteckten die Verhandlungen über ein Schweigegeld. Frau Berg-Lindemann erklärte sich mit 3000 Jl einverstanden, als ihr Herr Hintze die drei Tausendmarkscheine von weitem zeigte. Als er das Einverständnis hatte, steckte er die Scheine wieder ein und verklagte Frau Berg-Lindemann we- - gen Erpressung. Die Untersuchung in der Sacht schwebt noch. Die „Wahrheit" hat sich dann des Falles bemächtigt und verschiedene Artikel gebracht. Der Zeuge erklärt, daß der Angeklagte Bruhn in dieser Angelegenheit seine Hiebe gleichmäßig nach rechts und links verteilt habe. — Es wird dann in der Erörterung des Falles Mertbeim fortaefabren und zunächst die Verlesung der hierzu vorliegenden Artikel der „Wahrheit" zu Ende geführt. Zunächst wird der Warenhausbesitzer Wolf Wertheim vernommen, der zunächst mit seinen drei älteren Brüdern das alte Stammhaus in der Leivzigerstraße leitete, dünn aber mit diesen in Differenzen geriet und das Passagekaufhaus eröffnet. Der Zeuge behauptet unter großem Staunen von Gericht, Zeuaen und Zuhörerschaft, daß die in der Wahrheit erschienen Artikel gegen das Warenhaus Wertheim sich speziell gegen seine Person gerichtet hätten, da seine persönlichen Verhältnisse in den Vordergrund aerückt gewesen seien. Er habe Inserate an die „Wahrheit" geaeben. um diese feindseligen Artikel zu verhindern. Der Vorsitzende macht den Zeugen daraus aufmerksam. daß seine Darstellung sehr seltsam sei. Bruhn habe ihn, den Bö- sitzer des Passaaekausbauses. im Gegenteil immer aunftia behandelt, die An griffe batten sich nur aeaen die alte Firma gerichtet. Die oünstiaen Artikel über das Passaaekaufbaus seien sogar foriaesetzt worden, als er. Zeuge, keine Inserate mehr aufaeoeben habe. Der Zeuge erklärt dies damit, man habe sich den Anschein neben wollen, als äroere man sich darüber nicht. Dem Zeugen werden verschiedene Umstände voraehalten, aus denen heraus seine Anschauung eine irriae fein müsse, er bleibt aber bei seiner Darstellung und gibt schließlich zu. dab er seinen Bruder Georg für den Hintermann der Wabr^-ft halte, der dieser das Material über seine, des Zeuaen. persönliche Verhältnisse geliefert habe. — Der jetzige Leiter des groben Wertbeims-ben Wareubguies in der Leiv- ziaerstrgbe. Wertbeim. belnndet als Zeuge zu dieser Sache, daß er weder btreft noA indirekt durch Mit- telsnersanen die „Wabrbei^" über persönliche Ver-
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einen Druck auf diesen auszuüben. Der Angeklagte Anilin fi****1® fortg notnixd^t
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was er zu den Erklärungen seines Bruders Wolf zu tauen babe.' zuckt der Zeuoe fAmeiaenb die Achteln. Wolf Wertbeim erklärt auf Betragen, daß er feine Ansicht. Bruhn habe mit feinen Artikeln emresse- ritAe Zwecke verfolgt, minmebr niAt länger aufreAb erbglten könne. Darauf resümiert der Staateianmatt, daß er kaum noch die Anklage im Falle Wertheim werde gnireAterbglten »WaA Vorlesung einiger Artikel über den Snielklub Berolina werden die Verhandlungen auf morgen vertagt.
Die Insertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7per-attene Zeile oder deren maunt 16 -5, für auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 L- — Druck und Verlag: Joh. Aug. Son), Universitäts-Buchdruckerei, Inhaber Dr. C. Hltzeruid. Marburg. Markt 21. — Telenban 55.
Die „Oderhesiische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn» unb Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- üfn Oßn jährlich durch die Post bezogen 2,25 M söhne Bestellgeld), bet
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17 fo?., ASri,f- verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire v. Glümer.
(Wortfetning.)
Wie gebrandmarft fühlte ste sich — und noch brennender als die eigene.empfand st« die Schmach der Mutter u:ch die Gewissenlosigkeit des Mannes, der ihr Vater war. — Aber war er denn gewissenlos? Ihr stolzer Sinn empörte stch dagegen. Vornehm hatte ihn Jonathan genannt, und so wenig sie vom Leben wußte, daß Familienrücksichten nur zu ost das Glück liebender Herzen vernichten, hatte sie ihren Büchern erfahren. So war es sicherlich auch ihren Eltern ergangen — gewaltsam hatte man ste getrennt — unglücklich waren ste nicht schuldig! Niemand hatte das Recht, sie zu verurteilen, und wenn alle anderen hart und ungerc,i waren, ihre Tochter wollte ste lieben und verehren
Hätte ste nur über den Vater Näheres zu erfahren gewußt; seinen Namen vor all: , und ob er noch lebte. Jonathan würde ih. Auskunft geben, wenn sie fragte, aber ste konnte sich nicht dazu entschließen. Und Tante Lore? Nein — ihre Klagen und Anklagen erschienen Christiane fast ebenso unerträglich wie Jonathans Hohn. Vielleicht wußte Wilhelm Bescheid, und vielleicht, wenn Christiane mit ihm zusammengekommen wäre, hätte ste den Mut gefaßt, ihn ins Vertrauen zu ziehen — brieflich wer es ihr unmöglich —, ste konnte nicht mit eigenen Händen niederschreiben, was ihren Eltern zur Unehre gereichte.
So blieb denn nichts übrig, als stch zu be- iwingen, zu warten. In diesem Vorsatz, 'dem schwersten, den Christiane ihrem Ungestüm ab- lingen konnte, kam sie soweit zur Ruhe, daß sie
es über sich gewann, zu ihren Malstunden zurück- zukebren.
Aber sie befriedigten ihre durstende Seele nich mehr.
Der Wunsch, Genaueres von dem bunten Leben zu wissen, in das ihr Jonathans Berichte hin und wieder Einblicke gegeben batten, war durch seine Andeutungen über den Liebesroman ihrer Mutter zum glühenden Verlangen geworden. Vielleicht konnte ste in den Büchern, die man ihr bisher verboten hatte, bessere Auskunft finden, als in den veralteten Goldschnittbändchen der Großmutter. Ohneweiteres bemächtigte sie sich eines Tages der nötigen Schlüssel, ging in das Privatzimmer des Großvaters, das nur noch in Großreinigungstagen betreten wurde, öffnete seinen Bücherschrank und fand eine Anzahl von Dichterwerken, die ste dem Namen nach oder bruchstückweise aus der Literaturstunde kannte. Auf gut Glück raffte sie einen Arm voll zusammen, ging damit zu Lore — heimlich zu lesen, widerstrebte ihr — und erklärte der bestürzten Tante, daß sie kein Kind mehr sei, stch vielmehr berechtigt fühle, endlich mit den Dichten vertraut zu werden, die ihr früherer Lehrer so hoch gepriesen habe. Wenn man ihr Großpapas Bücher versage, fügte sie hinzu, werde ste Jonathan Wild um Seftüre bitten.
Das half. Lore wußte zwar, daß die Büraer- meisterin DHiller, Goethe und Konsorten für das Unglück ihrer Tochter mit verantwortlich machte; aber der Bücherschrank eines Tanner war jedenfalls reinlicher und ungefährlicher, als der Hexent- keflel einer Leihbibliothek, aus dem Jonathan schöpfen würde. Seufzend gab sie dem Verlangen des jungen Mädchens nach.
Mit einem wahrem Heißhunger verschlang Christiane, was ihr irgend mundgerecht schien:
Walter Scott und Wilibald Alexis. Stifter und Bcrtbold Auerbach, mehrere Jahrgänge der „Gartenlaube", Körners gesammelte Werke, Ublands Gedichte, vor allen eine Ausgabe Lessing'scher, Goethe'scher und Schiller'scher Dramen.
Ihre Lieblinge, die ste immer wieder las, wurden „Miß Sarah Sampson" und „Egmont". In Klärchen und Sarah fand sie ba:: poetisch verklärte Abbild der Mutter, in Ezmont trat ihr die Gestalt des Vaters entgegen; vornehm, wie ihn Jonatban geenannt batte, aber auch warmherzig, großgesinM. tapfer, bezaubernd liebenswürdig. wie ibn der Dichter geschildert hat.
Ihrer Malerei taten die neuen Interessen keinen Einttag; sobald Christiane mit den geliebten Farben bantterte. war sie ganz bei der Sache, und doch verliefen die Stunden in der „Arbeitshöhle" anders als bisher. Die instink ttve Scheu des jungen Mädchens vor Jonathan war noch gewachten und sie sah ihn aus den flaren. ehrlichen Augen so unverhohlen an, daß er tagelang groll-md verstummte. Wenn sie das wenigstens beachtet hätte? Aber sie schien nur für ihre Aufgabe Sinn zu haben.
Ost. wenn er das schöne, junge Wefen mit glühenden Wangen über ihre Arbeit gebeugt f«b. eine Arbeit die er kleinlich und verächtlich fand, konnte er sich faitm bezwingen, ihr nicht den Pinfel aus der Hand, sie selbst in seine Arme zu reißen und ihr wilde, tolle Dinge zu sagen. — Im nächsten Augenblick lachte er sich aus; sie hätte ihn ia nicht verstanden.
Gewöhnlich machte er dann seiner Mißstimmung durch Sarkasmen Lust, dic nichts und ni» mand verschonten; nur von Mathilde Tanner sprach er nie mehr. Am bittersten wurde er, wem, Ferdinand Wild, der auf seinem täglicher»
Rundoanae durch die Fabrik auch bei dnn Vetter voruifprechen pflegte, Christianens Fortschritte gelob' hatte.
Sie möge stch daraus nWs einbilden, sagte er dann. Ferdinand, der nichts sei als ein elender Gewerbetreibender, verstehe von der Malerei so wenig wie der Efel vom SautenfAfagett. Wenn ste ihm — einerlei ob gut oder schlecht — liefere, was auf dem Fächermartte im Auaenblick am meisten „gefraaf" sei wären seine Anfvrüche befriedigt. Heutzutage wären, zu Christianen? Vorteil. Blumen Mode; moraen würden ste vielleicht durch Zwiebeln- oder Koblköpse verdrängt; übermorgen käme vielleicht die anmutige Unnatur des Rokoko wieder an di- Reihe, um gleich darauf ungewaschener, unaekämmter Realistik weichen zu müssen. — Ob sie sich etwa einbilde, allen dielen Ansorderungen genügen zu können? — Talent hätte sie ja, das wollte er nicht bestreiten: aber das fei nur ein Hindernis für ste, ein wahres Danaergeschenk. Die edle Aufgabe, ein Svielzeug für Salon und Ballsaal anzufertigen, würde Ye mit ihren gefchickten Finaern. ihrem pedanttsch-n Fleiß und ohne Talent löten können, und würde sich als brave Kopistin weit glücklicher gefühlt haben, als wenn sie den Schaffens- teufel, der immer eigensinnige Seitensprünge macken wolle, in der Enge und Kleinlichkeit ibres Metiers feftbalten und in den Dienst der Mode zwinaen müsse. — Sie tue mir leid: je mehr künstlerische Eigenart in ihren Blumenpbantasien zum Ausdruck komme, umso bedenklicher blicke et in ihre Zukunft, denn eines schönen Tages werde ste dadurch für die Zwecke jedes Arbeitgebers ebenso unbrauchbar werden, wie er es sei. Zur freien Künstkerschast werde sie es niemals bringen, daze stecke sie zu tief im Philistertum.
(Fortsetzung folgt.)