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mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain

»nd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."

Jti 259

DieOberheisische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2,25 M. (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition sMarkt 21), 2.00 Jt. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Marburg

Freitag, 4. November 1910.

Die ZnsertionsgebÜbr beträgt für Inserenten aus dem engeren Lerbreitungsgebier des Blattes für die 7ae'"oltene Zeile oder deren srauni 16 4, für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Joh. Bug. Koq, Universitäts-Buchdrnckerei. Inbab-r Dr. C Bitten A . -. rrbnrg, Markt 21. Telenf-nn 55.

45. Jahrg.

Zweites Blatt.

Irrsinnige Verbrecher.

Die Fortschritte, die das kulturelle Leben »nd Wissen der alten Welt gemacht hat, haben auch einen fundamentalen Umschwung in dm Anschauungen über Geisteskranke und deren sach­gemäße und gerechte Beurteilung und Behand­lung mit sich gebracht. Die Zeiten, in denen das Volk in dem Irrsinnigen einen vom Teufel Be­sessenen sah und nach dem Priester mit dem Weihwcdel rief, damit dieser den Tmfel aus­treibe, sind längst vorüber. Auch die grausame Behandlung, die den armen Geisteskranken oft zu teil wurde, hat sinngemäßen Kuren und sorg­samer Pflege in öffentlichen und privaten Irren­anstalten Platz gemacht. Die irrtümliche An­nahme daß es sich bei den Geisteskranken um die selbständige Erkrankung einer immateriellen Seele handle, hat längst dem Wissen weichen müssen, daß der Irrsinn, wie jede andere Er­krankung, körperlicher Natur ist, allerdings seinen Sitz im Gehirn hat und deshalb durch Störung der geistigen Funktionen die freie und bewußte Willensäußerung des Erkrankten ausschließt und ibn zu Reden itnb Taten veranlaßt, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann. Die Ursachen filr das Auftreten der Geisteskrankheit können febt verschiedener Natur sein. Die Geisteskrankheit kann infolge von Kopfverletz­ungen und als Folgeerscheinung schwerer Krank­heiten, wie z. B. Typhus' und Gelenkrheumatis­mus, austreten. Es genügen oft hochgradige Ueberanstrengungen, Gemütsbewegungen, anhal­tendes Denken, ferner abnorme Mischungen des Blutes und abnorme Reize, bie von anderen Or­ganen des menfchl. Körpers ausgehen, um vorüber­gehende oder dauernde Geistesstörungen hervor- znrufen. Die Annahme, daß mit dem Forifchrei- tcn der Zivilsation auch ein häufigeres Auftreten der Geisteskrankheiten zu beobachten sei, ist wohl nicht aufrechtzuerhalten und kaim jedenfalls tvisscnschöstlich nicht nachgewiesen werden. Nur die Zahl der Irrenanstalten nimmt mit der fort­schreitenden Kultur zu, ihre Einrichtungen toefr den sachgemäßer, und die beffere Pstege, die den Irren gegen früher zuteil wird, trägt zur Ver­engerung der Lebensdauer dieser armen Men­schen bei. Bei einem großen Teil der Geistes­kranken ist der Irrsinn auf erbliche Belastung zurückzusühren. Die Statistik behauptet, daß bei 30 v. H. aller Irrsinnigen die Krankheit ererbt und schon bei den Vorfahren aufgetreten sei. Nächst bet Erblichkeit ist übermäßiger Alkoholge- nuß die häufigste Ursache für das Auftreten der Geisteskrankheit.

Wenn man die Verbrecher als Bevölkerungs- klaffe betrachtet, so tritt die Erscheinung zutage, daß diese das größte Kontingent aller Geistes­kranken, nämlich 5 v. H., liefern. Es ist deshalb zu beachten, daß das Verbrechen ost nur der Ausdruck geistiger Störung ober bereits vorhan­dener, ererbter psychischer Anlage ist. Viele, viel­leicht die m-iften, waren schon bei B gehung der Tat geisteskrank, bei anderen Verbrechern tritt der Irrsinn erst nachher, in der Strafanstalt, in die Erscheinung. In rechtlicher Hinsicht dürfen

Geisteskranke wegen Verbrechen, Vergehen und Uebertretungen nicht bestraft werden. Ist ein Verbreche nach der Tat in Geisteskrankheit ver­fallen, so kann vorläufige Einstellung des Sttaf- verfahrens beschlosi.'n werden. Todesurteile dürfen nicht vollstreckt werden, die Vollstreckung von Freiheitssttafen muß aufgeschoben werden.

Wenn auf der einen Seite unsere humanen Weltanschauungen für die geisteskranken Ver­brecher in gesundheitlicher und rechtlicher Be­ziehung alles mögliche tun, so sei doch anderseits zu betonen, daß für den Schutz der menschlichen Gesellschaft vor dem Tun und Treib n bei geistes­kranken Verbrecher noch viel zu wenig geschieht. Man wird beshalb bei ber Reform bes deutsche Strafgesetzbuches ber wichtigen Frage:Sßte be- hanbeln wir bett irren Verdr eher, um ihn selbst und die Gesellschaft vor ihm zu schützen?!" große Aufmerksamkeit zuwenden muffen. ber biesjährigen Beratung bes Justizetats im Abae orbnetenhause wurde g-rade diese Seite ber Frage sehr sorgfältig in Erwägung gezogen und besonbers von konservativer Seite bie ernste Mahnung an bie Regierung g-richtet, in biefe: Beziehung auf sachgemäße Reformen bebacht zu fein. Der konservative Abgeordnete v. Strofs r streifte bett Fall ber Frau v. Scboenebeck und rügte es ganz besonbers, daß di- ^rau, nachdem von sachverständiger Seite festgestellt worden sei, sie sei vielleicht nach der Tat. nicht zur Zeit der Ermordung ihres Gatten geistig unznrechnunas- fähig gwiesen, nach längerer Behandlung und Beobachtung entlassen worden fei Wenn die Aerzte die Frau als geheilt anaefeben und ent­lassen hätten, hätte das schwebende Verfahren g gett sie sofort weitergeführt werden müssen. Betrachtete man sie aber noch immer als unzu- rechnnngs fähig, so mußte sie in einer Staats- irrenftalt sicher untergebracht werden. Stal! dessen konnte die Frau unb-helliat nach London reifen, sich hier ttr Bars und Nachtlokalen be­wegen und sich wieder verheiraten. Die Behand­lung dieser Affäre habe in bett weitesten Volks­kreisen ein Kopfsckütteln unb eine Empörung er­regt, tote es schlimmer gar nicht zu denken fei. Man müsse verlangen können, daß bie irren Ver­brecher nicht bei jeder Gelegenheit wieder auf die Menfchbeit losgelaff n werden.

Es wird auch bei der Strafrechtsreform in Erwägung gezogen werden, ob nicht Be­stimmungen auf gesetzlichem Wege getroffen werd n müssen, um verbrecherische Trinker in Trinkerheilanstalten berbringen unb bort auch gegen ihren Willen festhalten zu können. Der Voreniwurf zum Strafgesetzbuch zeigt in dieser Hinsicht unverkennbare Fortschritte. Er stellt auch die Trunkenheit als solche unter bestimmten Vor aussetzungen unter das Gesetz und ermöglicht die Besttasung getoiffer, in sinnloser Trunkenheit begangener Tatrn. Es ist nur gerecht und zweck­entsprechend, wenn Trinker, deren Unheilbarkeit sich im Saufe der Anstaltsbebanblung herausge- ftellt hat, bauernd zurückaehalten ober einer be­sonderen Pfttgeanstalt überwiesen werben. Es soll alles g schoben, um dem nnalücklichen. a-istes- franfen Verbrecher sein entsetzliches Schicksal zu erleichtern, cs darf ab'-r auch nichts verabsäumt wrden, um bie menschliche Gesellschaft vor bett Untaten ber Irrsinnigen erfolgreich zu schützen.

Hessen-Nassau und Nachbargebiete.

Frankfurt a. M., 1. Nov. Ein Diensimäbchen hatte ein Verhältnis mit einem Handwerker, das zu einem Verlöbnis geführt haben foll. Die Parteien gingen später wieder auseinander. Das Mädchen vervagte den Bräutigam auf Grund des § 1300 B. G.-B. Es wurden von dem Bräutigam 1200 .H Schadenersatz gefordert. Vor ber Zivilkammer des Landgerichts machte der Bräutigam, von dem behauptet wurde, er habe das Verhältnis ohne Schuld der Klägerin gelöst, geltend, das Mädchen hätte noch nebenher ein an­deres Verhältnis besessen und sich von einem Sergeanten küssen lassen. Auf Grund einer Be­weisaufnahme gelangte das Gericht zu der An­nahme. daß tatsächlich ein Verlöbnis vorlag und der Bräutigam zur Aufhebung berechtigt ge­wesen sei, denn eine Verlobte, die sich mit anderen treffe und küssen lasse, nehme dem Ver­lobten jedes Vertrauen. Das Gericht wies die Klage ab.

Darmstadt-Truppenübungsplatz 1. Rov. Am 29 Oktober unternahm der Aviatiker August Euler in Anwesenh-it des Prinzen Heinrich von Preußen, auf dem Darmstädter Truppenübungs­platz einen Rundflug von etwa 5 Kilometer um den Platz mit einer Gleifluglandung aus 50 Meter Höhe. Auf Wunsch Seiner Königlichen Hoheit wurde bann eine Acht um den Platz ge­flogen. F-rner wünschte Seine Königliche Hoheit auf Vorschlag des Hern Euler, nachdem dieser versichert habe, daß dabei nichts passieren könne, einen Rundflug mit cnem Gleitslug aus 100 Meter Höhe mit vollständig abgestellten Motor zu sehen. Auch dieser Flug gelang. Seine Königliche Hoheit sah sich die im Sand einge­drückten Spur-n der Landung an unb überzeugte sich davon, daß die Landung vollständig stoßfrei unb weich, ohne ben Sand mehr wie 12 Meret tief einzudrücken, erfolgt war. Schließlich in­teressierte sich Seine Königliche Hoheit dafür, ob die Euler-Flugmaschine auch aus dem tiefen Sande heraus star'en könnne unb wieviel Meter Anlauf ber Maschine hierzu gebrauche. Die Maschine würbe auf ben Sand des Exerzier­platzes geschoben, vom Start gelassen und ging glatt nach 60 Meter Anlauf in bie Luft und zwar über eine etwa 50 Meter weiter stehende Barriere hinweg. Seine Königliche Hoheit ließ die Entfernung, welche bie Mgschine für ben Statt aus bem Sanbe brauchte, abfchreiten. Sie betrug 36 Dovpelfchritte. U. a. wurde auch ein Flug vorgeführt, der in etwa 100 Meter Höbe über bie Flugmaschinenhalle hinwegging, von wo aus in einer kleinen Kurve bie Lanbung vorgenommen würbe. Die Resultate biefet Tliige hat Seine Königliche Hoheit bnrch eigenhändige Überschrift in bem Flugkontrolllmche anerkannt.

Washington, 2. Nov Der Chef bee- Signal!- dienstes der Bundesarmee veröffentlicht in feinem Jahresbericht den Ankauf von mind.stens 20 Aeroplan n.___

Unpolitische Taaesnachrichten.

Verhaftung eines Deftandanten. Berlin,

2. Nov. Der Bureaugehilfe Bellach, ber vor drei

Monaten bet der Milmersdorfer Stadtkafs« 15 000 Mark unterschlug und ins Ausland flüch­tete, ivurde gestern in Berlin verhaftet; es wur­den bei ihm noch 2,60 Mark gefunden; das Geltz will er auf bem Domplatz verloren haben.

Ein eigenartiger Unfall. Paris, 2. Rov. Auf bem Dache eines Eisenbahnwagens britier Klasse wurde gestern auf ber Station Vendome ber Leichnam eines jungen Mannes von etwa 20 Jahren mit gespaltenem Schädel aufgefunden. Der Verunglückte war ans seinem Abteil auf das Dach gestiegen unb beim Passieren eines Tunnels war hm der Sckiädel zerschmettert worden.

Die Taten eines Rowdys. Berlin, 2. Nov. Bei einem Streit in ber Nähe des Ringbahnhofes in 5 er Frankfurter-Allee feuerte gestern der 19- jährige aus der Erziehungsanstalt in Zühlsdorf entwichene Fürsorgezögling Paul Müller ans zwei Maurer fechs Schüsse ab, ohne sie jedoch zu verwui den. Er schlug einen Maurer mit einem Schlagring nieder, ebenso einen herbeieilenden Schutzmann. Nur mit Mühe gelang es, de« Burschen festzunehmen.

Süirmverheerungen. München, 2. Nov- Vom Neubau des Verkehrsministeriums riß der Sturm ein 52 Meter hohes Gerüst mit dem Kuppelturm .in. Personen sind nicht verunglückt.

Tonristenabfturz. Salzburg, 2. Nov. Bei einer Klettertoilr über den Ostgrad am Unters- berg stürzte der Cbemiker William Pielding aus Manchester ab, er wurde sofort getötet.

Literarische».

Erinnerungen an Giovanni Segantini, diesen Sohn und Verkünder der Alpennatur, dessen macht­volles Hauot mit den dunklen Locken, dem wirren Bart und dem christueartigen Ausgruck jedermann einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ, veröffent­licht fein Landsmann I. C. Heer in einer fesselnde« Abhandlung in der .,M « br r nen Kunst" (Verlag von Rich Bong, Berlin W i>7, Preis des Vierzehn- lagsheftes 00. -4) Das neueste Heft enthält außer­dem -ine Fülle wertvollen literarischen und künst­lerischen Materials.

Marktber ,ce.

Cassel, 31. Oktober «Viehmarktsb -idjt) Sckla^tviebvreise. Es kosten die 50 Ä f wam Schlachtgewicht hon Ochsen: 1. Qual. 6000 *$1. 2. Qual. 61-85 M. 3. Qual. 74-78 M.

1 Qual. 75-78 M. 2. Qual. 70-73 M. 3.

00-10 M Kühe und Rinder: 1. Qual. 76-80

2. Ouol. 72-74 M. 3. Qual. 65-68 M. Sch «*ne 1 Qual 70 -74 M. 2. Qual. 60-65 M agl^er dos */t kg Lebendgewicht 4551 Tfg. Hammel ba8 Vi kg itteitchgewicht 74-00 Psa. Auftrieb: 14 O*fen, 6 DuNen 74 M e. 28Rin0er, 182Schweine, 31 Kälber, 44 Obmine« Tendenz: langsam

Berc.n'mortNch für >.ie Redakt i n:

Dr. vbil. Carl Hißeroth in Marburg

Liegehalle. Sorgsame Behandlung u. Ver, kuren. (Denendance L Minderbemittelte!..

i. Wät-

Winterkur für SXeSS jf d. Taunus, ßenagi. ^?i.ge- |J richt.kl. Anst. Spezialh"il- I anstatt. Centr. He.z » Be- I leucht., neue Ces Lsch.- 1 < Räume, warme und al te

16 rw^-r.xrtir* verboten.)

Christiane Tanner.

Roman von Claire v. GlÜmer.

lForttetzung.)

Jonathan zuckte die Achseln.

Gut, lassen wir Deinen Herrn Vater bei­seite,- sagte er höhnisch; »ich selbst bin mir ja viel interessanter . . . und vielleicht versöhnt es Dich mit mir, wenn Du hörst, daß mich die Nach­richt von dem Tode Deiner Mutter gepackt hat, als ob sie mir nie was zuleide getan hätte. Mein Tun und Treiben, die Kameraden, bie Kunst, alles ekelte mich an. Ich reiße mich los, flüchte ins Gebirge, klettette tagelang in Sonnenbrand und Regensturm bergauf und bergab, übernachte in Heustadeln unb nähre mich von dem trocke­nen Brote, bas mir Hol,knechte ober Wurzel­gräber überlassen . . . Nun, unb bann . . .*

Ich kann's mir denken,- schaltete Christiane ein, als er eine Pause machte;bann haben Sie Unglück gehabt, sind beim Klettern gestürzt.*

Tut mir leib so einfach wohlanständig ist's nicht zugegangen.* antwottete Jonathan im grimmigen Lächeln.Hat doch der Seelenfänger, ben wir Teufel nennen, allezeit ben Jagdhund Zufall bei der Hand, wenn es gilt, ein aus­brechendes Wild in fein Revier zurückzutreiben. Mich hat das wackere Biest in die Schenke eines Gebirgsdorfes verlockt.Drinnen aber ist's fürchterlich* denn wie immer am Sonn- tagnachmittag sitzen da, so eng geschart, daß ich kaum Platz finde, ältere Männlein und Weib- lein beim Bierkruge, in ekelhaftem Qualm von

bemeinem Tabak, Zwiebel- und Käsedünstrn. Kaum auszuhalten war's! Doch nun geht's im Oberstock los mit Fiedeln, Trompeten unb Stampfen lärmende Jugendlust. Im Um­sehen bin auch ich unter ben frischen Buben unb Mädeln, die sich vor Uebermut nicht zu lassen wissen. Eine vor allen, eine große, dunkel­haarige mit kecken, blitzenden Augen und roten Lippen im Weißen Gesicht tut es mir an. Ich sage mir selbst, daß ich lange genug erfolglos Trübsal geblasen habe, will's 'mal 'wieder mit Lustigsein probieren, nehme den rechten Augen­blick wahr, die Schwarzhaarige ihrem verdutzt dreinschauenden Tänzer zu entführen, und wäh­rend ich nach Landessitte das üppige, lachende Geschöpf mit einem Jauchzer hoch aufschwinge, fällt alles Schwere von mir ab der tolle Rokoko Wild hat sich wiebergefunden.

Meine Schöne aber wirb bedenklich, als sie sich nach beendigtem Tanz vergebens nach ihrem beleidigten Galan umsieht.

So gut ber Loisl sei, könne er doch zuweilen fuchsteufelwikd werden, sagt sie und bittet flehentlich, daß ich mich gleich durch bie Hinte» tür des Hauses entfernen möge, um nicht an ber Schenkstube, wo bet Loisl beim Bier sitzen werde, vorbeizukommen. Ich bem Bauern­lümmel das Felb räumen? Fiel mir nicht einl Wenn's gerauft fein mußte, stand ich meinem Mann. Statt zu gehen, werfe ich ben Mustkan- ten Gelb zu, verlange einen Galopp, nehme bas nur leicht widerstrebende Mädel wieder in bie Arme unb wie berauscht von lang entbehrter Lust rase ich mit ihr durch ben Saal. Auch et« <m

ber Tür ausbrechender Lärm von Stampfen unb Schreien stört mich nicht, bis meine Tänzerin mit einem Schreckensschrei sich von mir losmacht, während ich unter toütenbem Schimpfen zu ©oben gerissen, mit Fausten, Knütteln, Bier- krüaen von einer Rotte betrunkener Burschen be­arbeitet, blutend fortgeschleift und zur Treppe hinuntergeworfen werde, an deren Fuß ich mit zerbrochenen Gliedern besinnungslos liegen bleibe, woraus mich der Wirt dem Dorfbader überantwottet.

Der brave Kerl hat mich zwar notdürftig zu- fammengeflickt, aber ein Krüppel bin ich geblie­ben, und daran ist, wie schon gefaxt, Deine Mutter schuld. Wäre sie mein Weib geworden, hätte sie mich zum großen Künstler, zum an­ständigen Menschen gemacht. Die Strafe ist denn auch nicht auSg-blieben; Mathilde Tanner hat für ihre Hoffart fchwer gebüßt . . .*

Es ist nicht Hoffart, wenn man den heiratet, ben man lieb hat,* siel Christiane ein; Jonathans gellendes Auflachen schnitt ihr bi: Worte ab.

Heiratet!* wiederholte er halb grimmig, halb höhnisch.Ich hätte sie geheiratet ... ihr vor­nehmer Galan dachte nicht daran . . Kind, das hätte ich wohl nicht sagen dürfen?* unterbrach er sich selbst, als er das junge Mädchen, bis in bie Lippen erblaßt, mit großen, starren Augen tat Stuhl zurücksinken sah.Wußtest Du benn Nicht? . . . Verzeih' mir, verzeih'!*

Er beugte sich über den Tisch unb versuchte, ihre Hand zu Men; aber sie wich ber Berührung aus, indem sie hastig aufstand uni mit einem Blick, der Jonathan an ben bes zu Tode ver­

wundeten Rehes erinnerte, o.»z bem Zimmer eilte. Beklommen sah er ihr nach, bi? sie im Vorderhaus«: verschwand.

Wird sie tviederkommen? Wie soll.. M)8 ertragen wenn sie nicht wiederkäme?' fragte er sich selbst, und bann brach er r.l .mr.. in fein häßliches Lacken aus. Zu folcher SHnberei war er denn doch zu all.

Christiane kam wieder, am nächste Morgn fckon. So peinlich ihr fortan das Zusammensein mit Jonctthan werden mochte, seinen Unterricht konnte sie nicht mtfgeben; selbst wenn sie's ge­wollt lätte, icht denn welche Erklärung hätte sie dafür geben fallen? Den wahr-a Grund konnte sie niemanden nennen, auch Tante Lore nickt! Das hatte sie erfahren, als sie glühend und zitternd zu ihr geeilt, um überxiS eben von Jonathan Gehörte Auskunft zu verlangen. Nicht ein Wort von dem was sie wtt'.n wollte, hatte sie über die Lippen gebracht, h-tte Kopfschmerzen vor.eschützt und war in ihr Kämm chen ge- flüchtet, um allein mit sich felbst fertig zu werden.

Wozu auch andere fragen? Daß Jonathan die Wahrheit gesagt hatte, konnte sie nicht be­zweifeln; jede Erinnerung bestätigt He Schmach ihrer Geburt. Darum hatte ihr die Großmutter den Verkehr versagt; darum war Lore ausge- ivichen, wenn sie von ihren Eltern hören wollte; darum hatten sich die Mitschülerlnne» von Ihr ferngehalten; darum hatte man sie an jenem un­vergeßlichen Winternachmittagarmes Kind* ge­nannt; darnnt gewiß nur darum hatte sich Christian v. Parnim nie mehr um sie gekümmert.

(Fortsetzung folgt.)