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45. Jahrg.

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samten national Nachrichten von derartige Reise man ihnen sehr

Frankfurt Jahre fe

gesinnten Volkes. Als zuerst die der Absicht des Kronprinzen, eine zu unternehmen, auftauchten, stand skeptisch gegenüber. Man hielt es

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zum Ausdruck, indem es schreibt: Die Rückfahrt, über deren Weg noch keine endgültige Bestimmung getrof­fen ist, könnte den großen informatorischen Wert die­ser Reise um ein ganz Bedeutendes erhöhen, indem sie zu einer Information des Kronprinzen über unsere eigenen deutschen Kolonien, de­ren Verhältnisse, Möglichkeiten und Bedürfnisie aus­genutzt würde. Die Fahrt um Afrika würde Ge­legenheit geben, nacheinander unsere dortigen Kolo­nien dem Kronprinzen zu zeigen oder wenigstens die wichtigsten und lehrreichsten, Deutsch-Ostafrika und Südwest. Jedenfalls ist das ein Gedanke, der ernste Berücksitigung verdient. Zur Tat geworden würde er den Wert dieser Wetreise sehr steigern.

Das ist sehr richtig. Hoffen wir, daß der Gedanke an der maßgebenden Stelle Berücksichtigung findet. Frohe Fahrt und glückliche Heimkehr!

Die Reise des Kronprinzen.

Dem Kronprinzen, der gestern seine Reise ange­treten hat, begleiten die herzlichsten Wünsche des ge-

«infach für ausgeschosien, daß mit der althergebrach­ten Tridition, den Erben des Thrones so wenig wie möglich an die Oeffentlichkeit treten zu lassen, gebro­chen werden sollte, um so mehr, als verschiedentlich behauptet wurde, der Kronprinz werde mit einer be­stimmten politischen Mission betraut. Inzwischen aber hat man einsehen müsien, daß der Wunsch, eine derartigeReise zu unternehmen, der rein persönlichen Initiative des Kronprinzen entflossen ist und ledig­lich von der Absicht diktiert, über die Verhältnisie im Auslände seine Kenntnisse zu erweitern, um für seinen hohen Beruf genügend vorbereitet zu sein. Das muß unbedingt anerkannt werden. Ist es doch an anderen europäischen Höfen seit langem Brauch, daß die Erben des Thrones die Zeit, die ihnen vor Uebernahme der Herrscherpflichten bleibt, dazu be­nutzen, um die Welt kennen zu lernen, durch Reisen, statt nur aus den Büchern zu schöpfen. Nichts bildet auch bekanntlich mehr, als das Studieren von Land und Leuten an der Quelle. Der Eroßkaufmannssohn, der später das väterliche Geschäft leiten soll, unter­nimmt derartige Reisen und muß sie unternehmen, nm zu wissen, was für Bedürfnisse das Land hat, mjt dem er in geschäftliche Beziehungen treten will. Das ist bei den Eroßkaufleuten unserer Hafenstädte alter Brauch, und wer immer nur hinter Vaters Kontor­schreibtisch gesessen hat, wird von ihnen nicht für voll angesehen. Wie viel mehr Berechtigung haben der­artige Reisen erst für einen zukünftigen Herrscher, der das Wohl und Wehe seines Landes zu behüten hat!

Verschiedentlich hat man es getadelt, daß der deutsche Kronprinz auf seiner Fahrt mit Ausnahme eines Sekretärs und eines Arztes, nur von Offizieren begleitet wird. Dieser Tadel hat auch eine gewisse Berechtigung, denn eine militärische Inspektionsreise kommt nicht in Frage, und wenn der Kronprinz von der Reise wirklich eine Bereicherung seines Wissens haben soll, so erscheint die Durchsetzung seines Ge­folges mit Männern der Wissenschaft, des Handel» und der Industrie auf den ersten Blick durchaus ge­boten. Der Kronprinz tritt seine Reise aber durchaus wohlvorbereitet an. Schon seit Anfang Juli hat er sich von dem bekannten Forschungsreisenden, Dr. Georg Wegener, der als einer der besten Kenner Asiens gilt, im Marmorpalats regelmäßig Abend­vorträge über die auf der Reise zu berührenden Ge­biete halten lassen. Außerdem findet er, wo er auch hingelangt, in der Person des deutschen Konsuls oder ansässiger deutscher Kaufleute Männer genug, die ihn über ihm aufiällige Erscheinungen zweckdienlich un­terrichten können. Und wo das, wie z. B. bei der Durchquerung Indiens, nicht der Fall ist, hak die in­dische Regierung ihm eine Anzahl höherer Beamter zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt.

Daß die Reise trotz des privaten Charakters nicht ganz ohne politische Folgen bleiben kann, liegt schon in der Natur der Sache. Denn wenn der Sohn des Deutschen Kaisers in Tokio oder Peking erscheint, so ist das natürlich eine Tatsache, die nicht ohne Rück­wirkung bleiben wird. Wenngleich man diese Rück­wirkung nicht nach der Seite vermuten braucht, daß dadurch eine Steigerung des ohnehin schon stark ge­nug angewachsenen Selbstgefühls der gelben Rasse zu befürchten ist, also einen Effett, den herbeizufüh­ren nicht im europäischen Interesse liegt.

Mehrere Blätter benutzen die Gelegenheit dazu, um auf die Konkurrenz der Großmächte sprechen zu kom­men. So schreibt dieTägliche Rundschau":Aber gerade zwischen unserem mächtigsten Konkurrenten auf diesem Gebiete und uns liegen die nationalen Lebensbedingungen so völlig verschieden. Wohl steckt die junge deutsche Weltmacht ihre Fühler überall in die Welt hinaus, leitet sie ihre überschüssige Dolks- kraft in alle Erdteile, um dort mit deutschem Fleitze und deutscher Energie, jeder für stch, neue Werte zu schaffen, Werte, die dem Einzelnen wohl in erster Linie, dann aber auch dem Heimatlande zum Heile dienen sollen. Aber trotz allem bleibt doch unser Schwerpunkt immer im Herzen Europas, mächtig und tteit liegen die Wurzeln unserer Kraft im heimischen Boden verankert, und alle diejenigen, die draußen Lberm Meere auf ferner Wacht stehen, sind sich dessen bewußt und sollen sich dessen bewußt bleiben."

Dasselbe Blatt bringt aber auch jetzt zum Beginn Net Kronprinzenreise einen sehr richttgen Wunsch

in Aussicht genommen worden.

Ein neuer Zeppelin Ballon.

a. M., 2. Nov. Die im vergangenen

Tierärztliche Hochschule zu Berlin und die Tech­nische Hochschule zu Hannover. Die Promotions­bedingungen sind dieselben. Die Prüfungsgebühr beträgt 300, bei Ausländern 500 JL

Dr. Sols auf der Fahrt nach Europa. Newyork, 2. Nov. Der Gouverneur von Samoa. Dr. Solf, trat über Vancouver, von Samoa kommend, gestern mit seiner Familie an Bord des Schnelldampfers de» Norddeutschen LloydKaiser Wilhelm II. die Reise nach Europa an. DieSamoanische Zeitung mel­det: Dr. Solf zu Ehren wurden von der gesamten Bevölkerung aller Nationalitäten herzliche Abschieds­feiern veranstaltet, bei denen zahlreiche Dankadressen, in welchen seine Verdienste während der zehnjähri­gen Verwaltung Samoas zum Ausdruck kamen, über­reicht wurden. In den Reden und Adressen wird der Wunsch ausgesprochen, Dr. Solf möge nach Beendi­gung seines Erholungssurlaubs nach Samoa zurück- kehren, das unter seiner Verwaltung kräftig empor­geblüht sei und seiner auch künftig bedürfe.

Zum Verkauf des Tempelhofer Feldes. Berlin, 2. Nov. DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" widmet der Frage:Ist die Genehmigung des Reichstages zum Verkauf des Tempelhofer Feldes erforderlich? eine längere juristische Betrachtung, worin die Behauptung, daß die Veräußerung von Grundeigentum des Reichs zu ihrer Rechtsgültigkeit die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften bedürfe, als zweifellos unzutreffend bezeich­net wird. DieNorddeutsche Allg. Ztg. betont zum Schlüsse:Der Zweck dieser Ausführungen soll ledig­lich sein, endgültig mit der Meinung aufzuräumen, der Reichstag sei in der Lage, den mit der Gemeind« Tempelhof geschlossenen Vertrag rückgängig zu ma­chen und Berlin an die Stelle Tempelhofs zu setzen. Pacta sunt servanda. Der Reichstag kann die Ge­meinde Tempelhof ihrer wohlerworbenen Rechte nicht entkleiden. Selbstverständlich hat die Reichsverwal­tung die politische Verantwortung für den Verkauf des Tempelhofer Feldes, so wie es geschehen ist, dem Reichstage gegenüber zu übernehmen."

Di« Wirkungen des Staatsbahnwagenoerban­des. Stuttgart, 2. Nov. DerStaatsanzeiger" schreibt: Als finanzielle Wirkung des seit dem L April 1900 bestehenden Staatsbahnwagenverbandes im Jahre 1909 kann, wie wir erfahren, für Württem­berg eine Ersparnis von rund 400 000 jK, herrührend vornehmlich aus der Ersparung von Wagenleerläu­fen angenommen werden. Eine Ersparnis in dieser Höhe ist seiner Zeit auch in der den Ständen vorge­legten Denkschrift über die Bildung des Verbandes und bet der Aufstellung des Eisenbahnetats für 1909

sehr vom Unglück verfolgte Deutsche Luftschiff­fahrts-Aktiengesellschaft läßt sich durch ihr Miß­geschick nicht entmutigen, sondern be folgt M und zielbewußt ihren Plan, zwischen den großen Städten Westdeuffchlands einen Luftverkehr zu schaffen. Dieser Tage hat die Generalversamm­lung der Gesellschaft stattgefunde» und zwar in der Privatwohnung des Oberbürgermeisters Adickes, weil dieser durch Krankheit ans Zimmer gefesselt war. Es wurde zunächst der Neubau einer Lustschiffhalle in Frankfurt aus dem Ter­rain des neu anzulegenden Luftschiffhafens defi­nitiv beschlossen. Die neue Halle wird in der­selben Form wie die in Oos gebaut werden, nur werden die Dimensionen etwas größer sein. Die Herstellung des Bauwerkes wird bereit? in aller­nächster Zeit in Auftrag gegeben werden. Der Bau wird im zeitigen Frühjahr i- Angriff ge­nommen werden, so daß die Halle im kommenden Herbst gebrauchsfertig sein wird. Ferner wurde die Anschaffung eines neuen Zes-^elin-BallonS beschlossen. Die Gesellschaft hatte sofort nach dem Unglück ihres Luftschiffes im Teutoburger Wache einen neuen LustkreuzerErsatz Deutschland" in Austrag gegeben. Dieser ist jetzt fettig gestellt, wird aber bis zum Frühjahr ungefüllt in Fried­richshafen liegen bleiben, da Aufstiege mit Passa­gieren wegen der vorgeschrittenen Iah.: "zeit nicht mehr angebracht wären. Im Frühjab wird das Luftschiff zu Passagierfahrten nach Düssechorf überführt werden. Das neue in Auftrag gegebene Lustfchiff fall die Fahtten ergänzen. Geplant sind vor allen Flügen zwischen Düssechorf, Frank­furt und Baden-Baden.

Der Fall Hanssen. Sonderburo, 1. Nov. Reichstagsabgeordneter H. P. Haussen legte ;n einer Versammlung feinen Wählern dieoffi­ziellen" Gründe dar, die ihn veranlaßt haben, auf sein Reichstagsmandat zu verzichten. Mangel an Unterstützung in der Dänenpresse und die von den radikalen Jungdänen ins Werk gesetzteGegen- sttömung gegen feine aus taktischen Erwägungen enffprungene Realpolittk, die ih' i seinem Wir­ken gehemmt habe, das sind dieoffiziellen" Gründe. Was die Ausführungen des Abg. H. P. Haussen, der künftig sich der Arbett in

Marburg

Freitag, 4. November 1910

DieOberhessifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- 7'. " '. rd) die Post bezogen 2,25 <M lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition lMarkt 21), 2.00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Deutsches Reich.

Der Reichskanzler beim Kaiser. Berlin, 2. Nov. Der Kaiser empfing heute Vormittag im Kö­niglichen Schlosse den Reichskanzler.

Zur Gestattung des neuen Etats entnehmen wir der91. P. C." noch folgende Angaben: Der Schatzanweisungskredit wird von 450 auf 375 Millionen Mark herabgesetzt werden können. Der ordentliche Etat wird in Einnahme und Aus­gabe mit rund 2 Milliarden 700 Million«,. Mark abschließen. Bei der Post werden die Ueberschüffe rund 71V!? Millionen Mark, bei der Eisenbahn­verwaltung rund 18% Millionen Mark betragen. Das sind gegen das laufende Jahr rund 18% und 2% Millionen Mark mehr. Die Schulden­tilgungsquote wird von 35% Millionen Mark auf rund 90 Millionen Mark anwachsen und der Anleihebedarf selbst 100 Millionen Mark nicht übersteigen; also gegen das laufende Jahr um mehr als 70 Millionen Mark zurückbleiben. Im Kolonialetat werden die Reichszuschüfle 25% Millionen Mark betragen, gegen das laufende Jahr also eine Minderung von mehr als 3% Millionen Mark aufweisen.

Die bevorstehenden sozialpolitischen Arbei- ien des Reichstages. Auf keinem Gesetzgebungs- gebiet sind so viele Entwürfe in Vorbereitung wie auf dem der Sozialpolitik. Der Reichstag wird sich voraussichtlich in seinem nächsten Tagungsabscbnitte über ein halbes Dutzend sol­cher Entwürfe schlüssig zu machen haben. Neben die Reichsversicherungsordnung werden noch das Hilfskassen- und das Einführungsgesetz treten; außerdem werden übet Arbeitskammergesetz, Hausarbeitsgesetz und Novelle zur Gewerbeord­nung Entscheidungen gefällt werden. Weitere Entwürfe werden an den zuständigen Regiet- «ngsstellen vorbereitet. Der Entwurf übet die Privatbeamtenverstcherung ist weit gediehen, auch an bet Neuordnung bet Sonntagsruhe im Handelsaewetbe wirb immer noch gearbeitet. Bei dieser Fülle von sozialpolitischem Material wirst sich di« Frage auf, ob es gut wäre, außer den im Reichstage fchon zur Entscheidung stehenden Entwürfen im nächsten Tagungsabschnitte noch weitere an ihn hetanzubtingen. Dem Stande der Vorarbeiten nach könnte es sich allerdings wohl nut um den Privatbeamtenversicherungsentwuts handeln, obschon auch hier nicht ausgemacht ist, daß die Stadien die et noch durchzumachen hat, vor dem Frühjahr 1911 tatsächlich werden durch­laufen werden können.

Dr. med. vet. Berlin, 1. Nov. Der Staatsanzeiger" veröffentlicht die Promottons­ordnung für die Erteilung der Würde eines doctor medicinae veterinariae durch die Kgl.

DieWahrheit" vor Gericht.

: S. & H. ® e r I i n, 2. Nov.

Solange Zeugen vernommen werden, stehen Bruhns Aktien hoch; sobald Artikel verlesen werden, fallen sie wieder. Das einzige Zeugnis, das sich bis­her wenigstens Halbwegs gegen Bruhn verwenden ließ, das gestrige des Herrn Iakobsohn-Jackson, wird heute durch ein Attest des Kreisarztes Dr. Leppmann entwertet. Darnach ist der Zeuge psychopathisch min­derwertig und nicht imstande, die Bedeutung des Eides einzuschätzen; seine Aussagen könnten daher auch nicht voll gewertet werden.

Von den neu vernommenen Zeugen macht der Hoftraiteur und frühere bekannte Hotelbesitzer Schaurtö großen Eindruck, als er, zuletzt fast unter Schluchzen, erzählt, wie sein Ruin herbeigeführt wor­den sei. Den letzten Rest habe ihm der vor seinem Hotel ausgebrüllte ArttkelSchauttäs Zusammen­bruch! SchaurtL enfflohen! gegeben, den dieB. Z. am Mittag" gebracht habe. Gegen BruhnsWahr­heit weiß der Zeuge nichts auszusagen.

Mit einiger Schwierigkeit ist es gelungen, den Pianofortefabrikanten Karl H. Hintze vor Gericht zu bekommen, da er zuerst sich krankheitshalber ent­schuldigt hatte und dann, als er vorgeführt werden sollte, weder im Geschäft noch zu Hause angetroffen worden war; der Hüne leidet an Fettherz, Beklem­mungen und Agoraphobie, erscheint auch im Geleite eines Arztes. Seine Aussagen gibt er aber forsch und so berlinerisch ab, daß der Vorsitzende ihn u. a. darauf aufmerksam macht, daßQuatsch" kein parla- mentattscher Ausdruck sei. Hintze gibt an, ein Jour­nalist namens Klebinder alias Binder habe sich ein­mal mit ihm unterhalten und daraus einen Arttkel für dieWahrheit gemacht, der ihm, dem Zeugen, peinlich gewesen sei, obwohl er darin nicht angegrif­fen, sondern eher gelobt wurde. Inserate habe et der Wahrheit daher auch nicht aus Angst gegeben, aber natürlich angenommen, daß künftig Arttkel, die sein Geschäft beträfen, ihm vorgelegt würden.

Der Rest der heutigen Verhandlung wird mit Verlesung von Artikeln ausgefüllt, die dieWahr­heit gegen das Warenhaus Wertheim gebracht hat. Wie der Vorsitzende mitteilt, habe Herr Wolf Wett­heim in der Voruntersuchung mtt dürren Worten ausgesagt, er habe sich bedroht gefühlt und daher die Inserate gegeben. In den Attikeln wird der Teeraum bei Wertheim ein Sammelpunkt für die Halbwelt genannt, Wertheim selbst eine männliche Aphrodite usw. Es wird bei der Verlesung verständlich, warum die Verteidigung sie alsüberflüssig hat vermeiden wollen; denn schön ist anders.

Am heutigen achten Verhandlungstage bedauerte der Vorsitzende, daß verschiedene Momente den Pro­zeß verschleppten, sodaß er sich wohl noch bis in die nächste Woche hineinziehen würde. Leider seien auch die als Zeugen geladenen Kriminalkommissare Kopp und Tresckow infolge des in Ttter verhandelten Breuer-Prozesses noch immer unabkömmlich. Der Angeklagte Bruhn konstatiert, daß diesen beiden Kri­minalkommissaren, die zu seinen Gegnern zählten, die Erlaubnis zur Aussage erteilt worden sei, oage- gen nicht dem Polizeirat Henniger. Er beantragt Auskunft einzuholen, warum dem Herrn die Erlaub­nis zur Aussage verweigett worden sei. Der Vor­sitzende erflärt, daß der Polizeipräsident keine Gründe für seine Handlungsweise anzugeben brauche. Auf ähnliche Vorhaltungen der Verteidiger erwidert der Vorsitzende schließlich: Ich kann Ihnen nur den Rat geben, beschweren Sie sich bei dem Herrn Mi­nister. Sodann wird Medizinalrat Leppmann über den Gesundheitszustand des gestern vernommenen Zeugen Jakobsohn alias Jackson gehört. Der Zeuge machte auf den Sachverständigen einen nervös erreg­ten und verworrenen Eindruck. Die Fortsetzung sei­ner Vernehmung würde für den Mann erhebliche Ee- sundbeitsgefahren mit sich bttngen. Er ist auch nicht eidesfähig. Solche V^r'onen legen sich in der Er­regung keine Rechens-' über ihr Tun ab und haben auch vom Eide keine rechte Vorstellung. Im ganzen genommen kann man sagen, daß der Zeuge auf der Zwischenstufe zwischen geistig gesund und geisttg krank steht. Der Gerichtshof beschließt nach diesem Gutachten, den Zeugen nicht zu vereidigen. In der darauf folgenden Vernehmung be» Angeklagten zum

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: «Flach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und «Fandwirtschastliche Beilage

Fall Wertheim betont Wilhelm Bruhn, daß er Wolf Wertheim gegenüber niemals habe Erpressungen verüben können, weil die Artikel garnicht gegen die­sen gerichtet gewesen seien. Es beginnt hierauf die Verlesung einer großen Reihe der gegen die Firma Wertheim gerichteten Artikel. Einer von ihnen trägt die lleberschriftDie Bleikammer bei Wertheim und richtet sich gegen angebliche Mißstände im photo­graphischen Atelier. Es wird weiter von der Firma behauptet, daß sie ein Ramschausverkaufshaus sei. Der Verfasser des Artikels polemisiert ferner gegen Wertheims eifriges Bestreben, einen Untergrund­bahnhof vor feinem Warenhaus in der Leipziger­straße zu erhalten. Es wird in dem Artikel behaup­tet, daß der Teesalon des Hauses Wertheim der Treff­punkt der Welt und Halbwelt geworden sei; es fehle nur noch, daßein direkter Zugang von dem Tee­salon nach dem Liebestunnel hinüberführe. Bruhn bemerkt hierzu, daß der eine Artikel von dem bekann­ten Politiker Stockmann herrühre, zwei andere seien von Redakteuren großer Blätter geschrieben worden. Inzwischen sind zwei Zeugen erschienen, gegen die am Anlang der Verhandlung wegen Nichterscheinens vor Gericht je 300 M Geldstrafe verhängt worden waren. Es sind der Redakteur Kleebinder und der Klavier­fabrikant Hintze. Die verhängten Strafen werden nach der Entschuldigung der Zeugen zurückgenommen. Der Zeuge Hintze erzählt, daß nach dem Erscheinen eines Artikels gegen ihn in der Wahrheit der Ange­klagte Weber bei ihm erschienen und ihm angedeutet habe, daß man auf die Firma eine gewisse Rücksicht nehmen würde, wenn sie Inserate aufgäbe. Der Vor­sitzende Landgerichtsdirektor Lampe und ein Beisitzer bemühen sich lange vergeblich, von dem Zeugen eine klare Antwort darüber zu bekommen, ob er den Eindruck hatte, daß man sagen wollte: Inseriere, dann wirst du nicht angegriffen! Der Zeuge erwidert: Meine Herren, wenn erst zwei Angriffe gegen mich erfolgt sind und dann jemand wegen Inserate vor­spricht, dann schließt man darauf, daß einem ein ge­wisses Wohlwollen entgegengebracht werden wird. Der Zeuge hat dann in der Wahrheit inserieren lassen, aber nicht für seine Firma, sondern für die Firma Schiedmener. Auf Befragen, warum das In­serieren unter einer Deckfirma erfolgt sei. erwidert der Zeuge' Wie hätte das denn ausgesehen, wenn ein Angegriffener plötzlich Inserate in der Wabrbeit erscheinen läßt. Es soll jetzt der Zeuge Kleebinder vernommen werden. Er bat sich aber inzwischen wie­der aus dem Gerichtsgebäude entfernt und ist trotz vielen Suchens nicht äufzufinden. Nach der Ver­lesung einer ganzen Reihe weiterer Artikel gegen das Warenhaus Wertheim wird die Verhandlung auf morgen früh vertagt.

Die Znfettionsgebühr bettägt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7g<,T-nItene Zeile oder deren Staunt 15 4, für auswärtige Inserate 20 -A, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Ioh. Slug. Kmy, Universitäts-Buchdrnckerei. flnbab-r Dr. C.Mt.erotfi, Marburg. Markt 21. Tel-uNan 55.