mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain
xnb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage."
M 258
Dte „Oberheffijche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 <M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition (Markt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Donnerstag, 3. November 1910.
Die Insertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebier des Blattes für die 7 cm "oltene Zeile oder deren »raum 1R 4, für auswärtige Inserate 20 A. für Reklamen 40 — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koq,
UntverfitSts-Buchdrnckerei. Inbab-r Dr. T. ^itzero-h, ^.arbnrg, Markt 21. — Telenban 55.
45. Jahrg.
Ansiedelungsvolitik und Städteentwicklnng
Die Ostmarkenpolitik des preußischen Staates ist heute im wesentlichen eine Bauernpolitik. Die Ansiedlung. von über 15 000 Bauernfamilien, die Ausschüttung eines Goldregens von einigen Hundert Millionen Mark, dte Parzelliemng von rund 50 Quadratmeilen Großgrundbesitz haben -durch d-t*^dadurch hervorgerufene Vermehrung und Aeuderung von Produktion und Absatz, durch die Steigerung des Verkehrs, durch die Bildung neuer Wirtschaftsformen eine toirt« schaftliche Umwälzung in den Anstedlungspro- vinzen gebracht. Diese Wirkungen konnten natürlich nicht auf das Platte Land beschränkt bleiben, mußten vielmehr auf die Städte im Ansiedlungsgebiet weiter wirken. Die Städte unseres Ostens sind bis auf die wenigen Industriezentren Landstädte, d. h. in ihrer Existenz und Entwicklung von dem Platten Lande abhängig. Die Interessen des Städters insbesondere im Osten sind somit denen der Landbevölkerung nicht entgegengesetzt, sondern die gleichen. Diese kommunalpolitischen Probleme, die für die Entwicklung von Stadt und Land von größter Wichtigkeit sind, werden in "wer Broschüre „Ansiedlungspolitik und Städteentwicklung von Fritz Vosberg Posen" eingehend untersucht.
Der wirtschaftliche Aufschwung der westlichen Jndusttie, d r Zug nach dem Westen, haben eine starke Abwanderung der deutschen Bevölkerung aus Stadt und Land veranlaßt. Während die deutsche Landbevölkerung durch die bäuerliche Ansiedlung teilweise wieder ergänzt wurde, wurden die Städte, wo dieser Ersatz nicht stattsand, immer polnischer. „So mußte eine allmähliche, durch nichts aufzuhaltende Polonisterung der Städte eintreten." Dieser Polonisterung der Städte, d. h. ihrer unab- hängigen Bürgerschaft, kann auf die Dauer wirksam nur durch die Germanisterung des Zuzuges vom Land nach der Stadt, d. h. durch die Besiedlung des Landes mit einer deutschen bäuerlichen Unterschicht, entgegengetreten werden. Je stärker das deutsche bäuerliche Element in der Umgebung im Verhältnis zur Bevölkerung der Stadt wird, desto deutlicher tritt die Wirkung auf die Stadt zutage und desto mehr tritt der Nationalitätenkampf zurück. So hat der Nationalitätenkampf in dem vollständig von Ansiedlungsdörfern eingeschloffenen Janowitz an Schärfe verloren, Straz- und Sokolvereine haben dort keinen Boden und von einem wirtschaftlichen Bovkott ist wenig zu verspüren. Hier beginnt also das durch die Kolonisation geschaffene deutsche Uebergewicht normale Verhält- niffe zu verschaffen. So kommt Vosberg zu d m Schluß: „Nicht die deutsche Oberschicht in den Städten, auch nicht die geringe deutsche Oberschicht auf dem Lande, sondern vornehmlich eine breite deutsche ländliche Unterschicht kann witt- schastlich und germanisierend auf die Städte wirken."
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15 (97.-.Abrur' verboten.)
Christiane Tanner.
r Roman von Claire v. Glümer.
(Fortiehung.)
Cbristtane schlug das Herz, als ob es zerspringen wollte, aber anstatt ihr Geständnis, wie Lore dringend geraten hatte, mit der Bitte um Verzeihung zu beginnen, stieß sie ohneweiteres hervor: „Weil ich malen lerne, Großmama'" und sobald dies erste Wott gesagt war. hatte sie Mut und fuhr eifrig fort, daß sie es nicht nur tue weil es ihr große Freude mache, sondern weil sie wiffe. daß sie arm sei und Geld verdienen müsse. Danw berichtete sie, wie sie mit Jonathan Wild bekannt aeworden war, welche Aussichten ihr der Fabriksherr eröffnet hatte, und schloß mit der Bitte, daß ihr Großmama die Fott- setzung des begonnenen Studiums gestatten möge.
Während dieser Beichte waren die Augen der Kranken immer finsterer geworden; obwohl st« in der Entschlossenheit. womit das junge Go- schöpf zur Arbeit griff, die die, verloren geglaubte Tüchtigkeit der Tanners wiederfand, war sie nickt imstande, der Enkelin ein freundliches Wort zu sagen, denn so gut Chrisnanens Absicht war, in der Ausführung hatte sie gefehlt, das mußte die Großmutter rügen.
In ihrer herbsten Weise gab sie zur Antwort: „Man hat um Erlaubnis zu bitten, ehe man dergleichen anfängt; aber Du Has. einmal ange- fangen. und wenn es Dir wirklich ernst damit ist, das heißt, wenn Du es als Arbeit bettachtest, magst Du weitermalen . . . Laß das!" fügte sie abwehrend hinzu, als ihr Christtane mit dem
Die „Wahrheit" vor Gericht.
Berlin, 1. Nov.
Bisher ist dem Angeklagten Bruhn noch nichts „nachgewiesen" worden, aber verschiedene Leute, die in Verbindung mit ihm genannt worden sind, versuchen doch, jetzt schleunigst die Geringfügigkeit dieser Beziehungen zu behaupten. Das tut beispielsweise der Schriftsteller Eoldbeck, der gleichzeitig für „nattonale" und für „demokratische" Blätter gearbeitet hat; für Bruhn habe er nur ein paar Mal und dann „nicht ohne Handschuhe" geschrieben. Rechtsanwalt Vredereck weist demgegenüber aus den Büchern der „Wahrheit" nach, daß Eoldbeck innerhalb nicht ganz eines Jahres 46 Leitartikel und 90 Entre- milets der „Wahrheit" eingeschickt und dafür ein Honorar von 2579 erhallen habe. Bruhn bemerkt dazu, daß Eoldbeck ihm gefügt habe: „Ich stehe mehr links, werde mich bei Ihnen aber vielleicht mehr rechts entwickeln".
Bei der Fortsetzung der Zeugenvernehmung wird zunächst Herr Jakobsohn-Jackson aufgerufen, der sich seiner Zeit, als in der „Wahrheit,, Angriffe gegen das Warenhaus von Jandorf erschienen, mit dem Kommerzienrat Jandorf bekannt machen ließ, um ihm eine „Vermittlung" bei Bruhn gegen Hergabe von Inseraten vorzuschlagen. Ihm als gutem Juden, so erzählt der Zeuge, sei es schwer gefallen, den enragierien Antisemiten Bruhn aufzusuchen, aber Geschäft sei schließlich Geschäft. Er habe sich Bruhn als Jnseratenagent vorgestellt und ihm gesagt, er könne ihm Anzeigen von Jandorf besorgen, wenn er dafür eine gute Provision erhalte; aber natürlich müßte er dann seine Stellung gegenüber den Warenhäusern ändern. Das habe Bruhn abgelehnt, wie der Zeuge erklärt, aber die Inserate genommen und nachher äuch keine weiteren Angriffe gegen Jandorf veröffentlicht. Im weiteren Verlaufe der Vernehmung, wobei wiederholt der Sachverständige Kluge von der „Vosstschen Zeitung" herangezogen wird, stellt es sich dann heraus, daß Jakobfohn-Jackson es nicht verschmerzen kann, daß die spateren Inserate von anderen Akquisiteuren geholt wurden und et infolgedessen keine Provision mehr von der „Wahrheit" bezog. In derselben Affäre macht auch Kommerzienrat Jandorf selbst seine Aussagen. Jakobsohn-Jackson sei ihm im Cafe Westminster vorgestellt worden und habe sich erboten, es durchzusetzen, daß in bet antisemitischen „Wahrheit" die Inserate des Warenhauses aufgenommen würden; ob dabei von den Angriffen des Blattes die Rede wat, wiffe et (Jandorf) nicht mehr, glaube es aber nicht. Jedenfalls habe er sich zur Hergabe der Inserate nicht deshalb veranlaßt gesehen, damit irgendwelche Angriffe aufhörten. Auch fei Paul Bruhn bei seinen Nachfragen nach Inseraten niemals drohend aufgetreten.
Mehrere andere Zeugen bestätigen, daß Bruhn nur ungern und erst auf Zureden seiner Freunde Inserate von Warenhäusern ausgenommen, dabei aber erklärt habe, er gebe den Kampf gegen sie nicht auf.
Zu Beginn der heutiaen Sitzung erklärt bet Vorsitzende, daß in einem Berliner Blatt feine Vethand-
Jubeltnf „Großmama" die Hand küffen wollte. — „Deinen Dank brauche ich nicht; was ich verlange, ist nur, daß ich durch Deinen Verkehr mit den Wilds nicht belästigt werde; das merke Dir gefälliast."
Wieder die alte Unfreundlichkeit, unter der Christtane gelitten hatte, solange sie zurückdenken konnte? Auch in ihr erwachte der alte Trotz; sie sagte sich selbst, versichette Tante Lore, die ihr noch einmal das „Unalücksmalen" auszureden suchte, und schrieb an Wilhelm, daß sie sich die Frende an ihrer geliebten Arbeit nicht verkümmern laffe, und schloß den Brief mit den Worten: „Wie Du in den Wald geflüchtet bist, wenn es im Hause unbehaglich war, will ich zu meinen Farben flüchten."
Aber auch die Farben bereiteten ihr schwere Stunden. Je größere Fortschritte sie machte^ umsomehr eilten ihre Selbstansprüche ihrem Können voraus, und wenn sie hin und wieder, wie es Jonathan nannte, „eine FarbenskiM für Fäcker- pmselei" entwerfen durfte, hatte sie in diesem engen Gebiet das Zagen und Verzagen jedes Kunstnovizen zu durchleiden. Ihre liebsten Vorbilder waren Feldblumen und Gräser, die sie auf den Halbkreis des Fächers hinwarf. Aber bald fand sie ihre Zusammenstellungen plump und steif, bald verzweifelte sie, well ihre gemalten Blumen ben Farbenschrnttz der lebenden nicht erreichten, und nannte sich eine Stümperin die nicht wert fei, einen Pinsel iy die Hand zu nehmen.
Jonathan verstand es nicht, ihr in solchen Stunden zu Hilfe zu kommen. Meist beschränkte er sich auf ein Achselzucken; zuwellen aber — und das machte sie noch mutloser — ermahnte er sie, ihre Aufgabe nicht zu ernst zu nehmen.
lungsleilung als eine seltsame und burleske bezerch- net wurde. In einem Schreiben werde ihm als Verfasser des Artikels ein hier bereits vernommener Re- oatteur genannt. Er laste sich auf derartige Auslastungen grundsätzlich nicht ein, möchte aber die Sache "doch niedriger hängen. — R.-A. Bredereck verwahrt sich gegen die Darstellung, als ob er der Berliner Presse allgemein Bestechlichkeit vorgeworfen hätte, und konstatiert, daß der Schriftsteller Eoldbeck, der jetzt für demokratische Blätter schreibe, zu den fleißigsten Mitarbeitern der „Wahrheit" gehört und von ihr in noch nicht einem Jahre über 2500 M Honorar bezogen habe. Hierauf wird der Fall Jandorf erörtert und hierzu der Zeuge Jacobsohn genannt Jackson vernommen. Der Zeuge bekundet: (Eines Tages wurden, als ich im Cafe Westminster saß, Artikel gegen Jandorf ausgebrüllt. Da ich alle möglichen Geschäfte mache — die Verteidigung hat ja hier schon für mich Reklame gemacht, indem sie von mrr erzählte, daß ich mit Sekt und Schuhwichse handele — (Heiterkeit), so sah ich mich veranlaßt zu Herrn Jandorf zu gehen und ihm zu sagen, daß in England und Amerika ein derartiger Skandal unmöglich fei. Er müste mit seinem Jnseratenetat ganz anders arbeiten, dann würden im Handumdrehen alle Angriffe geegn ihn verstummen. Die ganze Gesellschaft von der „Wahrheit^ bis zu Herrn Eehlsen könne man mit Inseraten mundtot machen. Der Zeuge erzählt bann, wie er in der Maske eines Zilleratenagenten zu Bruhn gegangen sei und wie dann schließlich die Inserate Jandorf von der „Wahrheit" aufgenommen wurden. Der Zeuge führt gegen den Angeklagten Bruhn eine sehr scharfe Sprache und behauptet, besten eigener Redakteur Weber habe ihn einmal gesagt: Wenn ich bloß von der „Wahrheit" loskommen könnte, mich ekelt das Treiben an, Herr Bruhn ift der größte Schuft, ben es auf Gottes Erdboden gibt. Der Vorsitzenbe hält bem Zeugen vor, baß ber Redakteur Weber ben Zwischenfall ganz anbers barstelle, ber Zeuge bleibt aber bei seiner Darstellung und schließt: 'Er habe es mit Abscheu unb Ekel empfunben, wie Herr Bruhn als Antisemit in dieser Weise mit seinen Prinzipien schachern gehe. Die Verteidiger halten dem Zeugen verschiedene Unstimmigkeiten vor. Der folgende Zeuge Jnieratenckef Lewinsobn vom Kaufhaus des Westens bekundet, daß fick der Jnsera- tenoeefefrt zwischen diesem unb der „Wahrheit genau so abgewickelt habe wie mit anderen Blättern. Zeuge Kommerzienrat Jandorf erklärt, daß er durch den Zeugen Jacobsohn Inserate an die „Wahrheit gegeben haste. Daß in der „Wahrheit" Angriffe gegen ihn erschienen waren, war für die Aufgabe bet Inserate nicht bestimmend. Solche Angriffe erschienen auch in anderen Blättern. Auch ber Inseratenchef bes Kaufhauses Rudolf Hertzoa. Reuter, erklärte, daß seine Firma nicht etwa aus Furcht vor zukünftigen Angriffen in der „Wahrheit" inseriert habe. Der Reichstaasaba. Werner bestätigt dem Angeklagten Bruhn, daß dieser vor Ausnahme ber Warenhaus- Inserate an alle Abgeordnete seiner Partei heranqe- treten sei und daß biete unter Berücksichtigung ber Verhältnisse mit bet Aufnahme einverstanden waren. — Postsekretär Stockmann, ber langjährige Reichstagskandidat ber konservativen Partei für bte Berliner Wahlkreise bekennt sich als Verfaffer eines bet egen das Warenhaus Jandorf gerichteten Artikels tn bet „Wahrheit" und erklärt im Anschluß daran, daß ihm die Aufnahme bet Janbors-Annoncen durch Bruhn mißfallen habe. Die aleickreitiae Erklärung Bruhns, et werde seinen Standpunkt gegenüber ben Warenhäusern nicht ändern, habe ihn beruhigt. Es entsteht nun die Frage, ob bet Zeuge Jacobsohn. bet wiederholt in dringender Weise um seine Entlassung gebeten bat, vereidigt werden soll. Die Verteidiger widerivrechen- sie gedenken den Beweis zu führen, daß Jacobsohn geisteskrank sei, Zeuae fiofliefetant Schaurig, der frühere Leiter des Monovolhotels erklärt. daß der Zeuge Jacobsohn ein frommer Jude
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Wirkliche Kunstleistungen würden nicht von ihr ertoartet: ober er behandelte Christiane wie ein Kind, das heißt, er lobte, um sie zu trösten, was er kurz zuvor — mit Recht, wie sie sich selbst gestand — getadelt hatte.
Neberhaupt vermochte Christiane kein Ver- trmten zu ihrem Lehrer zu fasten. Seine Launen- hafiigkeit machte sie unsicher, seine Spöttereien erschreckten sie, und wenn er von seinen Erlebnissen erzählte, hatte sie häufig ein Gefühl des Unbehagens, obwohl sie weder seine Andeutungen noch sein Lachen verstand; aber wenn sie dann mit fragenden, verwunderten Augen zu ihm auffah, schämte er sich und brach ab.
Auch von Mathilde Tanner sprach er zuweilen; anfangs nur flüchtig, dann eingehender, mit immer größerer Wärme, und eines Tages — Christtane war seit einem halben Jahre seine Schülerin — sagte er: ihre Mutter wäre die einzige, die er wahrhaft geliebt habe; sie hätte ihn zum guten Menschen und tüchttgen Künstler macken können; daß sie ihn verschmäht habe, sei der Urquell jeder Verwirrung, die er sich vorwerfen, und jedes Unglück, das er erdulden müsse.
„Wie ungerecht!" fiel ihm Christiane ins Wott; „vor wenigen Tagen erst haben Sie gesagt, Ihr größtes Unglück sei. daß Sie auf Strüden gehen müssen, und als ich fragte wann und wodurch Sie lahm geworden sind, haben Sie geantwotttt, im deutsch französischen Kriege."
„Wirklich, Kind, habe ich das gesagt?" fragte Jonathan. „Da zeigt sick's 'mal wieder, daß Lügen kurze Beine haben — ich weiß fein Wott mehr von der schönen Erklärung. Den Ktteg von anno 70 habe ich nicht mitmachen können, wett ich damals schon ein Krüppel war, und daß
aber etwas überspannt sei. Im Anschluß daran erhebt der Zeuge scharfe Anklagen gegen die „B. Z. am Mittag", die ihn mit ihren Artikeln an den Bettelstab gebracht habe. Es wird befchloffen, den Zeugen Schaurte morgen mit bem Zeugen Jacobsohn zu kon- ftontieren unb hierauf bie Sitzung auf morgen früh vertagt.
Deutsches Reich.
— Die Steife des Kronprinzenpaares. Potsdam, 1. Nov. Aus Anlaß der morgigen Abreift des Kronprinzen und der Krorrpttuzessin fand gestern Abend bei den Majestäten im Neuen Palais ein Abschiedsdiner statt, an dem sämtliche in Potsdam anwesenden Prinzen und Prinzessinnen teilnahmen. Abends begaben sich der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Berlin, um im Kronprinzenpalais in Berlin Wohnung zu nehmen und morgen früh 8 Uhr vom Anhalter Bahnhof die Reise nach Ostasten anzutrtten. — Berlin, 1. Nov. Die „Nordd Allg Ztg." schreibt: Der Kronprinz und die Kronprinzessin werden sich am 3. November in Genua an Bord des Dampsers „Prinz Ludwig" begeben; Pott Said wird am 8. November passiert und Colombo am 20. No- | vemher erreicht In C evlon gedenken die hohen Reisenden unter dem Inkognito Graf und Gräfin von Ravensberg drei Wochen zu verbringen. Von dort tritt die Kronprinzessin.die Heimreise an, während der Kronprinz an Bord des Kreuzers „Gneisenau" am 11. Dezember seine Fahrt nach Bombap fottsetzen wird. In Indien wird der Kronprinz während seines Aufenthaltes von zwei Monaten alle sehenswürdigen Stätten kennen lernen. Von Kalkutta wird Mitte Februar die Fahrt nach Singapore fottaefetzi. Von dott begibt sich der Kronpttnz nach drei Taaen weiter nach Bangkok. Für den Besuch in Siam sind 5 bis 6 Taae vorgesehen. Von Bangkok geht die Reise in den ersten Tagen des März weiter nach Niederländisch-Jndien. Batavia wird voraussichtlich am 2. März err-icht. Die Abfahrt nach Hongkong soll Mitte März erfolgen Für Hongkong unter Einschluß eines Ausflugs nach Canion sind fünf Tage angesetzt. Es folgt ein dreitägiger Aufenthalt in Schanghai und ein fünftägiger Be- such in Kiauischou. In Peking wird der Kronprinz gegen 10. April ein'rllfen und zehn Tag; verweilen. Für den Aufenthalt in Japan sind etwa vom 25. April an vierzehn Tage ift Aussicht genommen.
— Eine wichtige Neuerung für unseren Seeverkehr. Berlin. 1. Nov Die Sturmwarnungen, die von der Deutschen Seewatte in Hamburg den Küstensignalstafionen zugehen, ettüllen nur teilweise ihren Zweck, da sie nattiraemätz nur im Hasen oder in Sichtweite der Signalstationen befindlichen Schissen nickt aber den auf hoher See befindlichen, bekannt werden. Ab 1. November wird die Funkent-legraphenstation Norddeich Sturmwarnungen und zweimal täglich auch kurze Wetterberichte über die Nordsee und den westlichen Teil verbreiten. Da die kleinen Fischereifahrzeuge nickt mit einer funfentefearabbifitie« Station ausgerüstet sind, kann man sich von die- ser Maßnahme nur dann einen Nutzen für unter.
ich's war. hat wie alles andere Deine Mutter zu verantworten."
„Haben Sie sick um ihretwillen duelliert?" fragte das junge Mädchen.
„Nein, Kind, auch diesen tttterlicken Nimbus kann ich nickt beanspruche." erwiderte Jonathan. „Ms mir Mathilde den Laufpaß gab. wußte ich nicht, daß es um einen anderen geschah. Ick glaubte, sie fände mich zu gering für eine Tanner ging wütend fort und juckte mich zu tröffen Pläsier, Kind Pläsier, je toller, je besser, ist eil probates Mittel gegen Herzweh."
Wieder sahen ihn die braunen Augen scheu verständnislos an; aber diesmal ließ er sich nichi stören.
„Ich ging also wieder nach München." suh, er fort, „und weiß der Teufel, wie es kam, Rokoko-Wild wurde plötzlich Mode aus dem Bildermarkt wie in der Gesellschaft — vor allem bei den Weibern. Je ärger ick's trieb, umsomehr liefen sie mir nach. — Ein paar Jahre ging das so fort; ich ließ mir's wohl sein wie der Spatz im Hanfsamen, streute das leicht erworbene Geld mit vollen Händen wieder aus, hatte Neider und Schmeichler wie ein großer Herr. Aus Elmenach hätte ich nichts, wollte nichts hören; Was ging's mich an, ob die schöne Mathilde Httrz ober Kunz geheiratet hatte? — Eines Tages aber platzt Vetter Ferdinand bei mir herein. Da kann ich's denn nickt lassen, nack ihr zu fragen, und erfahre, daß sie tot ist, seit zwei Jahren schon .... geftorben vor Gram um einen Schütten . ."
„Das war mein Vater nicht!" fiel Christtane ungestüm ein; .niemand soll von meinem Vater Böses sagen!" , ■
(Fortsetzung felgt.) y-'