mit dem Kreisblatt für dre Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Beilage
J£257
Di« „Oberhessifche Zeitung- erscheint täglich mit Aüsnahrne der Sonn-und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 föhne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Crvedition (Markt 21), 2.00 Jl (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- tion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Mittwoch, 2. November 1910.
Die Znsertionsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7a-'-fitene Zeile oder deren Slam» 16 4, für answekrtige Inserate 20 Ä, für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Zoh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdrnckerel. Inbnb-s Dr. (£. <5if-r '
Markt 21. — Teb>^^n 55.
45. Jahrg.
Erstes Blatt.
Ter Zar.
Vermutlich würden Staaten, die nur mit dem Stmplizissimus-Leutnant bei uns rechnen, im Ernstfall böse Ueberraschungen erleben. Der wirkliche deutsche Offizier leistet doch mehr, als nur blödsinnige Stilblüten. Denselben Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit erleben wir bei dem Zaren, dessen Bild in den Witzblättern so verzerrt worden ist, daß es mit dem Original wenig mehr gemein hat. Und doch gibt es kaum ein Staatsoberhaupt, den alten Herrscher des Habsburgerreichcs vielleicht ausgeschlossen, das auf dem politischen Schachbrett von uns so zu beachten wäre, wie Nikolaus II.; und gerade darum sollten wir uns ein zutreffenderes Bild vom Zaren machen.
Die jetzt bevorstehende Zusammenkunft des deutschen und des russischen Kaisers findet die öffentliche Meinung wenigstens schon etwas bester gerüstet, als noch vor wenigen Monaten. Wer sich sein Urteil von den bluttriefenden Bildern Th. Th. Heines im Simplizissimus oder von den Leitartikeln einzelner Organe der Linken beeinflussen ließ, der nahm an, Nikolaus II. sei, mit einem Worte gesagt, ein grausamer Schwächling. Er lasse seine Satrapen mit Knute und Galgen gegen jede freiheitliche Regung wüten, verkrieche sich aber selber in Todesangst vor allem Volk, lebe als „freiwilliger Gefangener" in seinen Schlössern und rase nur in Panzerautomobilen durch das Land. Diese Darstellung, die zweifellos dazu angetan ist, bei unseren Nachbarn ftn Osten keine freundschaftlichen Gefühle auszu- lvfen, ist aber nicht nur politisch unklug, sondern auch eine Karrikatur der wirklichen Vev- hältnisse. Der Zar ist seiner Vemüts- anlage nach eher weich, als grausam, wofür schon der ideologische Einfall der Haager Friedenskonferenz zeugt, und bangt so wenig um sein Leben, daß er nicht nur in Petersburg in offener Kalesche fährt oder am Newakai spazieren geht, sondern auch mutterseelenallein weite Märsche über Land macht — so wird wenigstens berichtet. Und wenn von der russischen Regierung alle zum Teil scharfen Vorsichtsmaßregeln gebraucht werden, um das Leben des Zaren gegen die fortgesetzt drohende Anarchistengefahr zu schützen, so sagt das nichts über den mangelnden persönlichen Mut des Zaren. Biel wich- flger als diese persönlichen Eigenschaften sind für uns aber die politischen Gedanken, die ihn bewegen.
Die letzte polisische Erziehung des russischen Herrschers fiel in eine Zeft. wo am Hofe der Einfluß seiner Mutter, einer dänischen Prinzessin, übermächtig war. Der Haß von 1864 her wurde auch dem künftigen Thronerben eingeimpst; er sollte in den Deutschen skrupellose, eidbrüchige Länderräuber sehen, denen niemals über den Weg zu trauen sei. Dazu kam die chauvinistische Hochflut in Rußland, die anhaltende Erregung über den russischen Mißerfolg auf dem Berliner Kongreß, dann die Annäherung an Frankreich und schließlich der Zweibund. Es spricht für die Selbsttätigkeit seines Urteils, daß Nikolaus II. trotz seiner „erblichen Belastung" und trotz seines Hineinwachsens in den vom Vater abgeschlossenen antideurschen Zweibund das Verhältnis, das in den guten alten Zeiten zwischen dem Berliner und dem Petersburaer Hof bestand, wiederherstellte. Er ist ein Monarch von starkem Selbstbewußtsein, der wohl weiß, daß er ein Riesenreich von 160 Millionen Einwohnern beherrscht, und dieses Selbstbewußffein mag manchmal hart an deutsches Emporstreben anstoßen. Trotzdem hat er, der persönlich nicht einmal zu flanzösi- schem, sondern zu englischem Wesen neigt, auch die englische Sprache ständig gebraucht, die feste Uebcrzeugung von deutscher Zuverlässigkeit und Nachbartreue sich von niemand, auch von Eduard VII. nicht rauben lassen und hat dementsprechend gehandelt: heute ist der „Draht zwischen Petersburg und Berlin" stärker denn je geknüpft. Und ganz wie in alter Zeit hat Nikolaus II. einen deutschen höheren Offizier, Kontreadmiral von Hintze, und Wilhelm II. einen russischen, General von Tatischffchew, in seiner ständigen Umgebung, auch auf allen Reisen.
Beim Zarenbesuch in Potsdam, der nicht „aus der Durchreise" statffindet, sondern zu dem Nikolaus II. eigens aus Darmstadt herüberkommt, erscheint diesmal auch der neuernannte russische Minister des Auswärtigen. Nun zerbrechen sich die Geberdenspäher die Köpfe, welche hochpolitische Dinge da „beschlossen" werden würden. Wir meinen: gar keine. Man sucht überhaupt viel zu viel hinter solchen Monarchenbegegnungen, die doch eigentlich nur eine symbolische Handlung sein sollen, die von Freundschaft und Einigkeit spricht; auch die Zuziehung eines Mi
nisters soll lediglich die etwaige übelwollende Auslegung von Pariser und Londoner Blättern verhindern, daß es sich nur um eine höfliche private Aufwartung bei dem Hausherrn des Landes handele, in dem die Zarin zur Kur sich aufhält. Vielleicht trägt diefer Besuch aber auch dazu bei, daß die verrohten politischen Sitten eines Teiles unserer Presse sich endlich mildern und das Zerrbild des Simplizisstmus-Zaren allmählich der besseren Erkenntnis weicht, daß Nikolaus II. ein tatkräftiger und uns freundlich gesinnter Monarch ist, dem an unserer guten Freundnach barlicbkeit ebensoviel gelegen ist, wie uns an der seinigen.
Die „Wahrheit" vor Gericht.
Berlin, 31. Ott.
Die einzige Sensation des Verfahrens gegen den Verleger der „Wahrheit" ist nun auch ausgeblieben. Für heute war die ehemalige Kammerstau der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein vorgeladen, um darüber auszusagen, wie „anständig" sich Wilhelm Bruhn in einem Falle benommen hatte, der von allen anderen Beteiligten dazu benutzt worden war, Geld oder Ehren zu — erlangen. Da war einer plötzlich Ritter und Geheim. Hofrat geworden, der Herr Rene alias Tack, der bis dahin für eine ziemlich dunkle Existenz gegolten hatte; da hatte ein anderer sich mit einer gesvickten Geldkatze zurückziehen können — und nur Bruhn, der eine Artikelserie „unterdrückt" und verschiedenes Material an den Hof „ausgehändigt" hatte, tat dies ohne Entgelt pour le Roi de Prusse. Aber die ehemalige Kammerfrau der Prinzessin ist auf Peisen und nur ihre Schwester erscheint und bestätigt kuxz die Behauptung des Bruhnschen Anwalts, während Herr RenL alias Graf Tack überhaupt nicht geladen ist; und gerade ihm, der so häufig mit Dahsel zusamMngesessen hat, könnten die pikantesten Fragen vorgelegt werden.
Somit ist dieser Fall im Handumdrehen erledigt und man fährt in der „regulären" Zeugenvernehmung fort. Die Brüder Max und Leopold Ball, Inhaber einer Möbelfabrik, bekunden, daß eines Tages ein Angriff voll unwahren Behauptungen gegen sie in der „Wahrheit" erschienen sei. Sie hätten darauf Bruhn von dem Gegenteil überzeugt, worauf er anstandslos eine Berichtigung ausgenommen habe; von Inseraten sei dabei überhaupt nicht die Rede gewesen und Bruhn habe sich durchaus fair benommen. Ebenso günstig für Bruhn verläuft die Erörterung des „Falles Israel". An der Firma Israel, so wurde in der Voruntersuchung behauptet, seien von Bruhn Erpressungen verübt worden; er habe versprochen, dafür über die Verfehlungen des freiwillig aus dem Leben geschiedenen Kommerzienrates Israel nichts bringen zu wollen. In der heutigen öffentlichen Verhandlung versagt der Belastungszeuge, Annoncenakquisiteur Novarra, völlig, und auch sonst wirtt die Beweisaufnahme derart, daß der Staatsanwalt selber auf weitere Zeugen in diesem Fall verzichtet.
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Zu Beginn der Heutigen Verhandlung gibt der Sachverständige Kluge, der Inseratenchef der „Voss. Zig." die Erklärung ab, daß seine neuliche Aeuße- rung über den Zusammenhang zwischen redaktionellen und Inseratenteil der Zeitungen mißverstanden worden sei. Es habe ihm fern gelegen zu behaupten, daß sich große Zeitungen aus anderen als sachlichen Motiven bei der Veröffentlichung von Berichten leiten lassen. Es wird dann in der Beweisaufnahme fort- befahren. Zeuge Fabrikbesitzer Max Ball ist einmal in der Wahrheit angegeriffen worden und hat daraufhin einen Mittelsmann zum Angeklagten Bruhn geschickt, um eine Berichtigung zu erzielen. Diese Berichtigung ist dann auch erschienen, und zwar ohne Gegenleistung des Zeugen. Der folgende Punkt betrifft die Affäre Milewska, die bekanntlich längere Zeit Kammerfrau einer' Prinzessin von Schleswig- Holstein war und später mit deren Erbin wegen ihrer Ansprüche an die verstorbene Prinzessin in Konflikt geriet. Bruhn hat sich in diesem Konflikt der Interessen der Frau Milewska angenommen und durch seine Vermittlung ist auch ein Vergleich zustande gekommen. Die Schwester der Frau Milewska bekundet als Zeugin, daß dem Angeklagten Bruhn für feine Bemühungen eine Entschädigung angeboten worden sei, die er aber abgelehnt habe. Auf weitere Zeugen zu dieser Sache wird allseitig verzichtet. Es kommt sodann der Fall Israel zur Sprache. Israel hat im Jahre 1905 Selbstmord begangen, weil er von einem Schauspieler Ohm im Sinne § 175 erpreßt wurde. Als die Erpresserbriefe im Jahre 1904 ein- ttefen, wurde der Inseratenchef des Hauses Israel, Nowarra, zu den Berliner Zeitungen entsandt, um dahin zu wirken, daß etwaige Mitteilungen Ohms nicht ausgenommen würden. Dies ist denn auch geschehen. Bruhn will von den Verfehlungen des Kommerzienrats Israel erst 1905 erfahren haben. Er bat '"'m erne sogenannte Reklamenotiz über
-s Hauses Israel veröffentlicht, für die ,■’:s Don 5 M anstatt des üblichen von 1,50 .cl gexihlt wurde. Die Vermittlung dieses Inserates ist durchs den Inseratenakquifiteur Sounner von der «taatsburger-Zeitung geschehen, der außerdem von der <jtrma Israel für eine wertlose littera-
rasche Arbeit 300 M. erhielt. Die Verhandlungen zwischen Israel und der Staatsbürger-Zeitung wurden durch Sommer geführt. Dem Angeklagten Bruhn will es nicht ausgefallen sein, daß damals eine jüdische Firma in der Staatsbürger-Zeitung inserieren wollte; das gleiche taten um jene Zeit 20 andere jüdische Firmen. Der Zeuge Nowarra bekundet, daß Israel ihm die Erpresserbriefe des Ohm gezeigt und ihn beauftragt hätte, mit der Presse Verbindung zu suchen, um etwaige Artikel darüber zu unterdrücken. Auf Befragen durch den Vorsitzenden bestätigt der Zeuge, daß er mit Erfolg an alle Berliner Blätter herangetreten sei, nicht nur an die Staatsbürger- Zeitung. Bei der weiteren Vernehmung des Zeugen stellen sich einige Widersprüche gegen seine Aussagen in der Voruntersuchung heraus, er bleibt daher zunächst unvereidigt. Der Zeuge Sommer behauptet, daß er wegen eines Inseratenaustrages zu dem Zeugen ;'iorootrct gegangen sei, ohne Kenntnis, daß es eine Affäre Israel gebe. Nowarra behauptet demgegenüber, daß Sommer damit gedroht habe, daß die Zeitnno noch mehr Material gegen Israel in Händen habe. Der Widerspruch zwischen den beiden Zeugen wird nicht geklärt. Schließlich wird noch der Fall Iandorf erörtert. In der Wahrheit waren drei Artikel gegen Iandorf erschienen. Iandorf soll nun durch Vermittlung eines Zeugen Iakobsohn versucht haben. Inserate in der Wahrheit erscheinen zu lassen, um dadurch den Angriffen ein Ende zu machen. Der Angeklagte Bruhn erklärt, daß ihm das Anerbieten gemacht worden sei, Iandorfsckie Inserate aufzunehmen. Er habe sich mit seinen Freunden darüber besprochen und diese hätten nichts unreckffes darin gefunden. llebrigens sei vier Tage nach Aufnahme des Inserats ein Artikel gegen Wertheim erfcknenen, der sich zum Teil auch gegen Iandorf richtete. Der Angeklagte Bruhn weist noch darauf hin, daß ein Jähr nach den fraglichen Vorgängen doch wieder ein Artikel gegen Iandorf ers^ienen sei. Im übri-'en habe z. B. auch die Deutsche Tageszeitung gegen Wertheim gekämnft und brinae jetzt Inserate von ihm. — Darauf wurden die weiteren Verhandlungen auf morgen früh vertagt.
Der Sieg des
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Der Streik der EisenbahiM hatte in der französischen Kammer die Gemüter sechs Tage lang in Auflegung versetzt, die ihren Höhepunkt in der Sonnabendsitzung erreichte, wo es bekanntlich zu stürmischen Szenen gegen Briand kam. Man konnte nach dieser Sitzung zweifelhaft sein, ob Briand aus diesem Kampfe neu gestärtt hervorgehen wird. Die darauffolgende Sitzung vom 30. hat aber dem Kabinett Briand ein absolutes Vertrauensvotum ausgestellt. Dieser Sieg ist ein Beweis von der mehr und mehr sich durchringenden Ueberzeugung, daß ein Land nicht vom radikalen Sozialismus regiert werden kann. Daß dieser Sieg Briands bei der radikalen Presse Franfleichs große Auflegung hervorgerufen hat, ist selbstverständlich. Diese Blätter schäumen geradezu vor Wut. Aber auch der deutfche Radikalismus ist von dem Siege Briands nicht sehr erbaut,, so überschreibt die „Welt am Montag" ihren Bericht „Der reattionäre Briand gerettet." Desto mehr Beifall findet die Haltung Briands von der gemäßigten Presse. Brand wird sogar von den meisten bürgerlichen Blättern offen aufgefordert, nunmehr, gestützt auf die Machtfülle, mit der ihn die imposante Vertrauenskundgebung der Kammermehrheit ausgerüstet hat, gegen die Revolutionäre enffchieden vorzugehen und vor allem den ungesetzlich bestehenden Arbetterverband auszulösen!
Nachstehend bringen wir den Bericht über den Verlauf der Sitzung:
Paris, 30. Oft. Die Sitzung der Deputiertenkammer wurde iu Gegenwart sämtlicher Minister und bei überfüllten Tribünen eröffnet. Kammerpräsident Brisson verlas mehrere Tagesordnungen; diejenige, welche Raynaud im Namen der demokratischen Linken einbrachte und welche der Negierung das Verttauen ausspricht, fand besonderen Beifall. Ministerpräsident Briand bestieg die Tttbüne. (Lebhafte Bewegung.) Der Ministerpräsident betonte, der Lärm habe ihn gestern gehindert, seine Gedanken vollständig zur Kenntnis zu bringen. Er habe gesagt: „Es gibt ernste Stunden, in welchen die Regierung zu Ausnahmemaßregeln Zuflucht nehmen muß", er habe indes hinzugefügt, er sei immer glücklich gewesen, sich auf dem Boden der Gesetzlichkeit bewegen zu können. (Widerspruch auf der äußersten Linken, Beifall auf den anderen Bänken.) Briand erinnerte sodann daran, daß er seit Uebernahme der Regierung lediglich die repubftkanische Mehrheit, cmf welche er sich stützen wolle, gebeten babe, ihm Verttauen zu schenken. Die ganze Mehrheit habe ihm dieses Vertrauen geschenkt. Dann fuhr der Ministerpräsident fort: „Heute, nachdem ich ernsten Ereignissen gegenübergestanden, die ich nicht voraussehen konnte und angesichts deren die Regierung nicht aufgehött hat. ihren Willen zur Gerechtigkeit für alle zu bekunden, ohne gewaltsame Unterdrückung mit Mäßigung und Zurückhaltung, trete ich, nachdem die Ordnung auf der Straße wiederhergestellt, vor Sie, ohne dieGrenze der Gesetzlichkeit überschritten zu haben, oh« einen Tropfen Blut an den fcänben und bitte Sie
um dasselbe Verttauen. Verweigern Sie ez, st wird der „Dittator" sich beugen, wollen Sie ihn aber stürzen, so tun Sie es am Hellen tage!" (Beifall.) Briand schloß: „Meine Herren von der Mehrheit, ich habe das Recht, Klarheit und Offenheit zu verlangen, dteRegiemng kann diese- Haus nicht verlassen mit einem zweideutigen Vertrauensvotum, das ihr nicht gestatten würde, gewissen Ereignissen die Stirn zu bieten. Sie sagen, die Regierung sei reaktionär; gut, Sie haben sie in der Hand, zerbrechen Sie sie! Aber ich bitte Sie, es am hellen Tage und nicht im Finstern zu tim!" (Wiederholter lebhafter Beifall im Zentrum und bei einem Teile der Linken.) Hierauf wurde die von der Regierung bekämpfte änfache Tagesordnung mit 384 gegen 155 Stimemn abgü- lehnl. Guesde (geeinigter Sozialist) forderte sodann die Kammer auf, das Werk heilsamer Ge- rechttgkeit zu vollenden und den Mittisterpräst- denten in den Anklagezustand zu versetzen. Seine in diesem Sinne gehaltene Tagesordnung wurde mit 503 gegen 75 Stimmen abgelehnt. Hierauf bat Briand, über die Tagesordnung Raynaud abzustimmen, und stellte die Vertrauensfrage hinsichtlich ihrer Priorität. Der Gegenanttag zugunsten einer Tagesordnung Ernest Roche, worin die Regierung aufgeforbert wird, sich mit der Wiederanstellung der abgesetzten Eifenbahner zu beschäftigen, wurde mit 373 gegen 103 Stimmen abgelehnt. Am Schlüsse der Sitzung wurde die gesamte Tagesordnung, welche der Regierung das Vertrauen ausspricht, mit 388 gegen 94 Stimmen angenommen. Die nächste Sitzung findet Donnerstag statt.
Deutsches Reich.
— Reue Ausschreitungen in Berlin. Berlin, 31. Ott. Die Nacht von Sonntag zu Montag verlief verhältnismäßig ruhig. Es wurden nur einige Verhaftungen vorgenommen. Am Vormittag wurden vor der Schlächterei, von der die Ausschreitungen ihren Ausgang genommen hatten, zwei Frauen, die dott einkauften, von einigen hundert Frauen beschimpft und bedroht. Die Polizei mußte einschreiten und nahm zwei Frauen fest. Auch am Nachmittag sammelten sich wieder etwa 200 Burschen, meist im Alter von 18 bis 20 Jahren, vor dem Geschäfte an. Die Polizei vertrieb sie jedoch. Ein Bursch: wurde festge- nemmen. — Der Zentralverband der Schlächtergesellen machte am gestrigen Tage an Häusern der Umgegend und in einet Anzahl von Lokalen den Streik bei Morgenstern, die Ursache der Tumulte, durch folgenden Anschlag bekannnt: „Parteigenossen, Arbeiier, Hausfrauen! Kauft eure Fleisch- und Wurstwaren nicht bei Morgenstern. Unterstützt die streikenden Fleischergesellen. Zeigt dem Herrn, der gern eure Grosch n nimmt, das Solidaritätsgefühl." Diese Plakate wurden jedoch von der Poftzei entfernt. — Der „Vorwärts" ließ abends in den Straßen am Wedding eine Extraausgabe verteilen, in der unter scha» fen Ausfällen gegen angebliche verbrecherische Pläne des Scharfmachertums die Parole ausgegeben wird: Kein Arbeiter und keine Arbeiterfrau beteilige sich aus Neugierde an einer Ansammlung; jeder Parteigenosse und jede Parteigenossin suche die Indifferenten zu veranlassen, sich gleichfalls von der Straße fernzuhalten.
— Vom Roten Kreuz. Der Begründer des Roten Kreuzes, Dunant, ist im Patriarchenalter von 82 Jahren heimgegangen. Seine Schöpfung ist von 38 Staaten durch Beitritt zu der Genfer Konvention anerkannt, aber eine Macht — so schreibt uns ein alter Aflikaner — legt die Konvention mitunter ganz anders aus, als Dunant es sich gedacht hat: England. Als im Burenfliege die Schlacht bei Dal- rnanutha tobte, sandten die englischen Batterien nicht nur Schrapnel auf Schrapnel nach dem Verbandplatz der Buren, sie brachten sogar in Zeltwagen, welche das rote Kreuz trugen, Maschinengewehre in Stellungen der vorderen Linie. Und Kitchener, der Tapfere, benutzte sogar einen Rote-Kreuz-Eisenbahn- zug, um darin ungefährdet von Bloemfontain nach Johannesburg z« gelangen, da der de Wett damals gerade diese Gegend unsicher machte. Die Behandlung verwundeter Deutscher durch Engländer spottete jeder Beschreibung. Aber selbst kaiserlichen Schutztruppen gegenüber verfuhren die menschenfleund- lichen Engländer merkwürdig genug. Rach dem verlustreichen Gefechte, das wir im Oktober 1905 Mo- renga bei Hartebeestmund am träge dahinfließenden gelben Oranje lieferten, machten die britischen Landreiter allerhand Schwiettgkeiten, als unsere entsetzlich leidenden Verwundeten ins Englische hinübergebracht werden sollten. Und als wir trotzdem end> lich Entgegenkommen fanden und die Verletzten zu« Bischof von Pella brachten, da wurde diesem ein „Protokoll gemacht", weil er Hals über Kopf „ohnc vorherige amtliche Erlaubnis" Lebensmitctel für bit 1 Leidenden hatte heranschaffen lassen! Die Engländer
Kabinetts Wand.