f.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«nd den Beilagen: .^iach Feierabend" lwöchentliche Unterhaltungsbellage) und Landwirtschaftliche Beilage.
45. Jahr-.
M 255 S« A'L
Erstes Blatt
sicherungs gesellschaften, die großen Banken und andere Jnstirute dazu zwingen sollen, einen Teil der Reserven in Staatsanleihen anzulegen. Das ist durchaus zu begrüßen, namentlich, was die Verfiche- rungsgesellschaften angeht. Es muß gelingen, hier Mittel und Wege zu finden, um den Kurs der Anleihen wieder auf eine Höhe zu bringen, die ihrem inneren Werte und dem Ansehen des Deutschen Reiches entspricht.
Die heutige Nummer umfaßt 3 Blätter.
Sparsamkeit und Anleihen.
Wer die Kurse für englische und deutsche Konsols in Berlin und London im Zusammenhang mit der Geldbewegung verfolgt, kann zur Zeit eine sehr eigenartige, weil außergewöhnliche Erscheinung bemerken, die vom Deutschen Standpunkt aus als sehr erfreulich bezeichnet werden muß. Die Geldverhält- nisse haben stch in den letzten Wochen schnell und sehr erheblich versteift. Die Bank von England hat ihren Diskont auf 5 Prozent erhöht und in den Londoner Berichten wird jetzt schon von der Möglichkeit einer weiteren Erhöhung auf 6 Prozent gesprochen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Eeldversteifung auf die Kurse aller Papiere zu drücken pflegt, aber, da sie durch einen vermehrten Bedarf der Industrie, also durch industriellen Aufschwung bedingt ist, auf die Kurse der Jndustriepapiere weniger, als auf die der fest verzinslichen Werte, am meisten stets auf die niedrig verzinslichen erstklatzigen Staatsanleihen. Demgemäß ist auch der Kurs der englischen Konsols in den letzten Tagen auf einen seit Jahrzehnten (seit 1847) nicht mehr dagewesenen Tiefstand, nämlich auf 78% 'gefallen. Auffallenderweise werden nun die deutschen Anleihen von dieser Bewegung nicht ergriffen. Im Gegenteil: der Kurs der deutschen Anleihen hebt stch langsam, aber stetig. Es müssen Motive für diese Aufwärtsbewegung vorhanden sein, di« stark genug sind, den Einfluß der ungünstigen Eeld- »erhältntsse gänzlich zu climinieren. Diese Ursachen find nicht in der Eeldbewegung selber, sondern in der deutschen Finanzlage und gewissen schon etngetretenen »der noch erwarteten Aenderungen der deutschen Finanzgebarung zu finden. Dabei kommt manches zusammen.
Der neue Etat, der jetzt dem Bundesrat zur Be- rat"-g vorliegt, ist zwar noch nicht veröffentlicht, aber man weiß schon heute, daß es gelungen ist, ihn ohne Einstellung neuer Anleihen zu nichtproduktiven Zwecken zu balanzieren, trotzdem er bereits die durch die neue Militärvorlage bedingten Mehrausgaben enthält. Das bedeutet keine oder nur eine sehr geringe Neuausgabe von Reichsanlethen. Die „Frankfurter Zeitung" hat kürzlich mitgeteilt, der Reichskanzler habe in einem Gespräch vor einiger Zett oe- äußert: „Der Etat, den ich Ende November dem Reichstage vorlegen werde, ist auch ein Stück Programm und ein nicht unwichtiges." Diese Aeßerung wird wohl richtig sein. Wir glauben gerne, daß es «in schweres Stück Arbeit war,, die vorwärtsdrängenden Ressorts im Zaume zu halten und den Etat, an dem schon im vorigen Jahre sehr wesentliche Abstriche gemacht morden waren, noch weiter zu kürzen. Es sind in der letzten Zeit allerlei Notizen über angebliche Unstimmigkeiten zwischen dem Reichsschatzsekretär und den einzelnen Ressorts in die Oeffent- lichkeit gelangt, die wohl unbegründet und irreführend waren. Sie sind indes wohl ein Niederschlag der schwierigen Bemühungen des Reichsschatzsekretärs, der im Auftrage des Reichskanzlers die nicht immer leichte Sparsamkeit an den anderen Stellen durchzusetzen hatte. Das ist gewiß ein Stück Programm und ein sicherlich dankenswertes. Es ist während der Reichsfinanzreform von Sparsamkeit die Rede gewesen und manche Versprechung gegeben »worden; man hatte einiges Mißtrauen gegenüber diesen Versprechungen und dachte, sie würden, wenn einmal die Steuern bewilligt, schnell in Vergessenheit geraten.
Es ist zweifellos, daß diese veränderte Finanz- gedarung der Reichsverwaltung an den steigenden Kursen der Reichsanleihe einen "Anteil hat. Jede Reuausgabe von Reichsanleihen pflegt auf den Kurs zu drücken, da große Teile nicht gleich in feste Hände gelangen und auf dem Markte herumschwimmend, stets Angebot verursachen. Nachdem nun jetzt keine neue Anleihe zu befürchten ist, ist es den Banken möglich, ihre noch nicht ausverkauften Bestände früher übernommener Anleihen langsam anzubringen, ohne den Kurs zu drücken. Es war auch höchste Zeit, daß die Finanzverwaltung Rücksicht nahm auf den beklagenswerten Tiefstand unserer Anleihen. Er fft auch heute noch tief genug, wenn man ihn mit der französischen, italienischen, türkischen und spanischen Rente vergleicht.
Es ist indes zu hoffen, daß die Regierung sich mit dieser indirekten Wirkung, die die Sparsamkeit auf den Markt unserer Anleihen ausübt, nicht begnügen wird. Man spricht von Vorschriften, die die Ver-
Demokraten unter sich.
Während uns der Prozeß Bruhn allerlei unsauberes auS dem Leben einer gewissen Berliner Presse vor Augen führt, wirst ein Privatprozeß ein plötzliches Schlaglicht auf die Verhältnisse in der Leitung einer Parteigruppe, die auch für Marburg einiges Interesse verdient, da einer ihrer Führer bei uns wieder zu kandidieren ge- denkt. Ueber die interessante Gerichtsverhandlung berichten wir daher ausführlich:
Eigenartige Vorgänge innerhalb der Demokratischen Vereinigung, die ein recht eigentümliches Licht auf das Wirken einzelner führender Personen dieser Partei werfen, kamen am Dienstag in einer Verhandlung vor der Abteilung des König!. Amtsgericht Berlin-Mitte zur Sprache. Es standen sich hier irt Schriftsteller Dr. Rudolf Breiffcheid, der gegenwärtige Führer der Demokratischen Vereinigung, und der Schriftsteller Franz Pfemfert, ein ehemaliges Mitglied des Demokratischen Vereins in Wilmersdorf und Schriftleiter des „Demokrat", jener als Prival- kläger, dieser als Beklagter gegenüber.
Gegenstand des Prozesses bildeten Aeuße- rungen, die Pfemfert Ende vorigen Jahres in einer größeren Versammlung in den Arnim- hallen gegen Dr. Breiffcheid gebraucht hatte und die dieser als Verleumdungen bezeichnete. So hatte der Beklagte behauptet, Dr. B. habe ein Fälscherstückchen begangen, indem er in einer anderen Versammlung, die acht Tage vorher stattgefunden, ein« Ehrenerklärung für sich zur Verlesung gebracht hätte, die er, Pfemfert, gegeben und unterzeichnet haben sollte. Weiter habe Dr. Breiffcheid ihn bei dem Herausgeber des „Blaubuch", Dr. Jlgenstein, böswillig verleumdet, indem et ihn der Homosexualität verdächtigte, um ihn aus feiner dortigen Stellung als verantwortlicher Redakteur herauszudrängen. Endlich hat er Breitscheid öffentlich den Vorwurf gemacht, er sei ein Mann, der über Leichen gehe und als Illustration zu dieser Behauptung auf den Tod des Ingenieurs Freund, eines einstigen Mitgliedes der demokratischen Partei, der durch Selbstmord endigte, hingewiesen, indem er den Privatkläger bezichtigte, er habe den Mann in den Tod getrieben.
In der Verhandlung, zu der 10 Zeugen geladen waren (unter ihnen die Herren Gädke, von Gerlach, Astor-Wilmersdorf und Dr. Jlgenstein), trat der Beklagte den Wahrheitsbeweis für einige seiner Behauptungen an. So wurde ihm von dem Zeugen Dr. Jlgenstein testiert, daß Dr. Breitscheid wiederholt bei ihm angeklingelt habe und ihm nahe gelegt habe, et solle Pfemfert entlassen. Zunächst sei dieser Wunsch allerdings nicht in klaren Worten zum Ausdruck gekommen,
Deutsches Reich.
— Die Rückreise des «aiserpaare». Brüssel, 28. Okt. Beim Abschied auf der deutschen Gesandtschaft zog der Kaiser in Gegenwart des Eeneralkommissar« der belgischen Regierung, de« Herzogs v. Ursel, nochmals den Reichskommissar Geheimrat Albert ins Gespräch und unterhielt sich besonders mit ihm über die Frage der Weltausstellungen und ob eine Weltausstellung in Deutschland möglich wäre. Der Kaiser gab nochmals seiner Befriedigung darüber Ausbruch daß die deutsche Abteilung bei der Eröffnung fertst gewesen ist, und sprach seine Anerkennung aus üb« das, was in ihr geleistet worden ist. — Köln, 28. Okt Der Kaiserliche Sonderzug traf heute Vormittag 1 Uhr hier ein. Nach der Besichtigung des Dome« setzten die Majestäten und Prinzessin Vtttoria Luis« die Reise nach Wildpark fort. — Wildpark, 28. Okt. Das Kaiserpaar und die Prinzessin Vikwria Luise trafen mit Gefolge heute Abend 7 Uhr auf der Station Wildpark ein und begaben sich ins Reue Palais — Zu den überraschenden Besuch des Kaisers in Köl» wird gemeldet: Köln, 28. Ott. Der Kaiser liebt Ueber. raschungen; eine solche hat er heute den Kölnern und vornehmlich den Behörden der rheinischen Metropole bereitet. Entgegen dem festgesetzten Plane, die Rückkehr von Brüssel über Aachen-Krefeld zu nehmen, er- schien der Hofzug mit dem Kaiserpaar und der Prinzessin Viktoria plötzlich heute morgen nach 7 Uhr im Kölner Hauptbahnhof. Die hohen Herrschaften ent» stiegen dem Zuge und begaben sich zu Fuß in die Dom- kirche, umgeben von Hunderten von Arbeitern und Handwerkern, die um jene Zeit zu ihrer Arbeitsstätte eilten. Bald war die Domttrche und der Domplatz mit einer dichtgedrängten Menschenmenge besetzt, ohne daß e« bei den wenigen, den Polizeidienst versehenden Beamten zu irgendwelchen Störungen gekommen wäre. Ebenso sang- und klanglos, wie er gekommen, verließ das Herrscherpaar mit der Prinzessin die Stadt, nachdem es einen Rundgang durch die weite»
jedoch habe man ihn unschwer aus den Worten heraushören können und so habe er, der mit seiner Zeitschrift gewissermaßen abhängig von der Demokratischen Bereinigung gewesen fei und den Zusammenbruch seiner Existenz befürchten mußte, nach langem Zögern den Beklagten entlassen müssen. Breiffcheid habe ihm nämlich zuletzt sogar gedroht, wenn Pfemfert nicht aus der Redattion verschwände, würde er selbst nicht mchr arbeiten und auch andere hervorragende Mitarbeiter wie Dr. Potthoff und Bürgermeister Schücking veranlassen, ebenso zu handeln. Di« Beweisaufnahme zog stch fast vier Stunden hin. In den Plädoyers wurde von feiten der klägeri- schen Partei erttärt, es käme weniger auf die Höhe der Strafe an, da Dr. Breiffcheid in s'inrr politischen Stellung nur rein und makellos da- stehen wolle. Andererseits bat Rechtsanwalt Caro, der Vertreter des Beklagten, diesem den guten Glauben beizumessen und ihm den Schutz des § 193 Str.-G.-B. (Wahrung berechttgter Interessen) zu gewähren, indem er betonte, Dr. Breiffcheid habe doppelzüngig gesprochen und unter Mißbrauch seiner politischen Machtstellung in peffönlicher Ranküne seinem Gegner, dem Beklagten, die Existenz nehmen wollen.
Das Gericht sprach den Privatbeklagte« Pfemfert frei und legte sämtliche Gerichtskosten Dr. Breitscheid auf. In der Urteilsbegründung wurde hervorgehoben, daß der Bettagte den Wahrheitsbeweis für seine beleidigenden Aeuße- rungen zwar nicht durchweg habe führen können. Jedoch habe er überall in gutem Glauben gehandelt. Zum Teil sei ihm auch der Schutz des § 193 zuzubilligen. Zu den Verhandlungen erhält die „D. Tgsztg." folgenden Bericht:
„Die Beweisaufnahme ergab, daß Dr. Breitscheid, als er Herrn Pfemfert bei der Herausgabe des „Blaubuchs" san dem Pfemfert damals als verantwortlicher Redakteur zeichnete) der Homo- serulität verdächtigte, stch aus einen Artikel berief, den die „Große Glocke" gegen den Beklagten 9* bracht haben sollte. In der Verhandlung ergab sich nun seltsamerweise, daß jener Arffkel niemals in der „Großen Glocke" erschienen war, daß aber acht Tage später, nachdem Dr. Breiffcheid sich bemüht hatte, aus Grund jenes angeblichen „Glocken'-ArttkelS die Entlassung Pfemferts bei Dr. Jlgenstein zu erreichen, in der „Wahrheit" des Abg. Bruhn ein Aufsatz erschien, der Pfemfert der Homosexualität verdächtigte. — Den Anlaß zu der Klage gab ein Attikel im „Demokrat vom 8. Januar dieses Jahres, der in der Verhandlung wörtlich verlesen wurde und in dem Dr. Breiffcheid vom Pfemfert öffentlich aufge- fordert wurde, ihn zu verklagen, damit „durch diese Klage di« deutsche Polittk von der leidi- gen Begleiterscheinung Breiffcheid be- fteit werde."
Kommentar überflüssig!
Marburg
Sonntag, 30. Oktober 1910.
Die Ins«rtion«gebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die Tpf’^ftene Zeile ober deren Sionm 16 i, für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Zoh. «ug. Koch, Universitäts-Buchdni<ker->i. Inbah-r Dr. C. 5itzero:h. Marburg.
Markt 21. — DelenNns, 55.
Ich weigerte mich auch zunächst, weil ich glaubte, daß Bruhn nicht dafür zu haben fei. Bei einer Unterredung mit Bruhn bestätigte sich auch diese meine Annahme. Bruhn sagte: Wenn Sie nicht ein so guter Freund von mir wären, würde ich Sie sofort binaus- roerfen. Angekl. Bruhn: Habe ich dabei nicht auch auf unser gemeinsames Parteiprogramm hinge- wiesen? Vors.: Um Gottes Willen! Lassen wir nur die Politik aus dem Spiele, die fehlt uns gerade noch. (Heiterkeit.) Bei der Besprechung eines Falles Moser, der ebenfalls in der „Wahrheit" inserierte, und zwar auf eigenen Antrieb, erklärt der Sachverständige Kluge, Inseratenchef der „Vossischen Ztg.": Selbstverständlich würde, wenn einem Chefredakteur etn Angriff gegen einen Eroßinserenten der Zeitung überbracht wird, die Aufnahme desselben ohne weiteres abgelehnt werden. (Bewegung.) R.-A. Bre- dereck: Das ist bezeichnend, das wird ja eben von uns behauptet, daß die sogenannte anständige Presse Berlins. wenn es sich um einen Eroßinserenten handelt, schweigt. — Durch die Vernehmung eines Redakteurs Meszkowskt von der ..B. Z. am Mittag" wird fest- gestellt, daß das Blatt einmal einen Bericht über einen sensationellen Selbstmord in einem Berliner Hotel brachte. Für die Straßenhändler wurden aber Zettel mit der Aufschrift „Sensationeller Selbstmord im Hotel Adlon" gedruckt. Auf Beschwerde des Hotels wurden die Zettel, soweit sie noch nicht verausgabt waren, zurückaezogen. Die Verteidigung will mit diesem Fall beweisen, daß auch andere Zeitungen sensationelle Ueberschriften anwenden. — Zeuge Journalist Simonsohn jetziger Miiinbaber der Zei- tungskorrefvondenz Schweder & Hertzsch, hat früher eine juristische Zeitschrift herausgegeben und bei deren Vertrieb Studien über die Organisatton der Berliner Sirasiensiändler gemacht. Diese kämen täglich in einer Kneipe zusammen und bestimmten hier die sensationellen Ueberschriften für die einzelnen Artikel, die dann ausaerufen würden. Um seine Zeitschrift einzuführen, habe er die Händler einmal auf den Artikel eines Reichsgerichtsrats aufmerksam gemacht, der in der Zeitschrift erschienen war. Die Händler hätten aber erwidert: Nee, Herr Dotter, das ist zu langweilig! Einen ernsten juristischen Artikel über den Fall des Rennfahrers Breuer hätten sie ausgerufen unter der Evi Kmart«: Hochinteressanter Sportartttel! Rennfahrer Breuer usw. (Große Heiterkeit.) — Zeuge Redakteur Kammer von der „Staatsbürger-Zeitung" hält die „Wahrheit" für kein Revolverblatt. Ohne Reklame sei für ein nationales Blatt in Berlin kein Boden. — Nach weiteren Zeugenaussagen wird die Verhandlung auf Montag früh vertagt.
Die „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- hrlich durch die Post bezogen 2,25 <M. (ohne Bestellgeld), bei _j(eren Zeitungsstellen und ver Erpedition (Markt 21), 2.00 «M.. (Für unverlangt zugefandte Manuflripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Die „Wahrheit* vor Gericht.
(Von unserer Berliner Redattion.)
B e r l i n. 28. Ott.
Es ist nicht nur das „nächtliche Berlin", das sich in diesem Prozesse ein Stelldichein gibt, das Berlin des „Cafe Lebenslänglich", des Wirtshauses des groben Gottlieb", des „Alten Ballhauses" u. der anderen Tanzlokale, des „Cafe Keck" usw., sondern auch das angeknackste Berlin, das Berlin der Gentleman mit einem ganz kleinen Fleck auf der weißen West«. Hin und wieder tauchen Namen längst Entgleister auf, so der des „Finanzschriftstellers". Professor Meyer, der einst al« Handelsredakteur der „Vossischen Zeitung" sich schmieren ließ und dann „geschaßt" wurde, ober anderer Leute, die man schon für tot hielt, die aber in der grausamen großen Asphaltwüste Berlin doch noch irgendwo eine versteckte Wasserstelle gefunden haben, die sie vor dem Verdursten bewahrt.
Alle diese Leute haben von einander sehr viel zu erzählen, aber sehr wenig von Bruhn. Der „Original-Meier" bezeugt, daß einst seine Bitte, milde mit Aschinger zu veffahren, von Bruhn abgelehnt fei; Rieprich aus der .LopfenblÜte" bekundet dasselbe. Kapellmeister Samuel Stern weiß nicht« Nachteiliges Über das Verhältnis der „Wahrheit" zum „Taft ' Keck" und der Acquisiteur Leupold kann sogar beschwören, daß ein junger Mann, der im Auftrag« d«r Keck-Leut« dem Angeklagten Bruhn Geld anbot, sehr schnell ans dessen Privatkontor hinausgeflogen sei. Der Geschäftsführer Moser von der „Vereinigung der Rechtsfteunde" erklärt, di« Vereinigung sei in bet „Wahrheit" zuerst heftig angegriffen, nachher aber, als sie Inserentin geworben war, sehr kulant behan- belt worden; wenigstens wäre gleichzeitig mit einem weiteren Angriff auch eine Gegenerklärung ausgenommen worden. Das ist etwas für den hohen Gerichtshof, der bisher noch nichts gegen Bruhn hat finden können, und so wird alsbald der zweite Sachverständige, der Inseratenredakteur der „Vossischen Zeitung" Kluge, nach seiner Ansicht über den Fall befragt; aber er meint, die Aufnahme eines solchen Angriffs, wenn es sich um Großinserenten handle, würde vom Chefredatteur wohl abgelehnt werden, — und wenn die „Vossische Zeitung" so handelt, so kann man sie doch nicht auch als Revolverblatt erklären. Alle Zeugen wissen heute nichts gegen Bruhn auszusagen, dessen Chancen — bis jetzt — täglich steigen. Zwar ist jeder einzelne Richter, Zeuge, Zuhörer davon Überzeugt, daß die „Wahrheit" ein Skandalblatt erster Güte sei, aber — „man kann ihr nichts beweisen". Und deshalb schweigt man fein stille. Am Montag aber soll der Angeklagte sogar in der Glorie des selbstlosen Patrioten erstrahlen, den für diesen Tag ist, gegen den Widerspruch des Staatsanwalts, Frau Meyer geborene Milewska vorgeladen ,die ftühere Kammerfrau der Prinzessin Hneriette von Schleswig-Holstein, in deren Affäre Dahsel und RenL und Bruhn eine große Rolle gespielt haben.
Zu Beginn der heutigen Sitzung kommt R.-A. Bredereck auf ein Telegramm der „Frankfurter Zei- tting" zu sprechen, wonach diese sich erbietet, den Chefredakteur ihres Handelsteils auf ihre Kosten nach Berlin zu entsenden, der bekunden werde, daß bei ihr ein Zusammenhang zwischen Redaktion und Inseratenteil niemals bestanden habe. Der Verteidiger bemerft hierzu, daß er lediglich festgestellt habe, daß auch die „Frankfurter Zeitung" trotz eines Angriffs auf einen Inserenten von diesem noch Anzeigen aufgenommen habe; eine böse Absicht habe ihm bei dieser Fe^"ellung ferngelegen.
Als erster Zeuge wird dann der Restaurateur Meyer vernommen, der gebeten hatte, außer der Reihe vernommen zu werden, damit er sich nachher auslchlafen könne. (Heiterkeit.) Der Zeuge hat freiwillig in der „Wahrheit" inseriert und will auch Erfolge von den Inseraten gesehen haben. — Der folgende steuge ist der Wirt der „Hopfenblüte", Rieprich. Er bekundet, daß eines Tages der verstorbene Kommerzienrat Karl Aschinger, dessen Bruder antisemitt- schen Kreisen angehörte, zu ihm gekommen sei und sich beklagt habe, daß die „Wahrheit" ihn angreife. Dann habe er angedeutet, daß er, bet im Jahre 1200 000 verdiene, doch in der Lage wäre, solche Angriffe zu unterdrücken. Vors.: Wollte er etwa mit der Andeutung seines Verdienstes sagen, daß es ihm nicht darauf ankomme, etwas von diesem Gelde in die Hände des Herrn Bruhn zu legen? Zeuge: Ja, er meinte, wenn es auf gütlichem Wege nickt ginge, sollte ich ihm etwas anbieten. Vors.: Bares Geld?
! Zeuge: Nein, bares Geld konnte ich Herrn Bruhn I natürlich nicht anbieten, dazu kannte ich ihn zu lange. I Vors.: Also Inserate? Zeuge: Ja, da« kann ich auch I nicht sagen. Deutlicher wurde Herr Aschinger nicht.