mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
Mnb den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) «nd.Landwirtschaftliche Beilagen
J1254
Die „Ovett,essische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2,25 JH lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition lMarkt 21), 2.00 M.. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- tkon keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Somabend, 29. Okwber 1910.
45, Jahrg.
Die Znsertiousgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Berbreitungsgebter des Blatte« für die 7o^»-'ltene Zeile oder deren Raum 15 für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4. — Druck und Verlag: Joh. Bug. Koch, Univerfitäts-Duchdrnckerei. Ivssoh-r Dr. C .'"-hnrg.
Markt 21. — 3>Ti’T>Mrt 5n.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 87.
Luftfahrt und Spionage.
Von militärischer Seite wird uns geschrieben: Zur Zeit werden angeblich amtliche Ermittelungen über zwei Fälle von Beschießung deutscher Ballons in Frankreich angestellt. Je nach dem Ergebnis würden „diplomatische Schritte" erfolgen. Diese ganze Nachricht, die von dem Publikum mit großer Genugtuung ausgenommen wird, hat nur den Fehler, falsch zu sein. In Wirklichkeit ist bei all den Beschießungen an der russischen und französischen Grenze noch niemals jemand zu Schaden gekommen. es ist auch niemals die geringste Schuß- Verletzungen an einem Ballon festgestellt worden. Daraufhin, daß ein Ballonführer deutlich „den Knall gehört" hat, kann man keine diplomatische Aktion einleiten. Vermutlich ist auch bei Verdun jetzt nur mit Platzpatronen geschossen worden. Das ist ein Warnungssignal, Wetter nichts: meistens sogar nur der Ausdruck der Verlegenheit eines braven Postens, der die Luftschiffer auf „Verbotenes" herunterstarren steht und sie — verjagen möchte.
Ein Abschießen der Luftschiffer ist sicherlich nirgends beabsichtigt. Auch der dümmste Rekrut aller Länder hat heutzutage schon von Ballons allerlei gehört imh weiß, daß man ihnen beispringt, nicht aber, daß man sie — mitten im Frieden — wie einen Raubvogel herunterholt. Ich selbst bin einmal als Führer eines Militär- Freiballons über eine deutsche Festung dahinge- fegelt und habe mich dabei beinahe „abschießen" lassen. Der Wachhabende im Fort, ein Hauptmann, ließ seine Kompagnie bereits antreten nnd wollte (mit Platzpatronen natürlich) Schreckschüsse abgeben, um mich zur Landung zu zwingen und mir dann die etwa gemachten photographischen Aufnahmen zu konfiszieren. Im letzten Moment, durch Zuruf beehrt, erkannte er dann die Nationchität des Ballons und die dienstliche Eigenschaft des Führers. Aber die Aufnahme der Feste war dennoch erfolgt. Und es ist richtig, daß eine einzige solche Photograhie in feindlichen Händen eine außerordentliche ®e= fahr bedeutet. Allein schon die Kenntnis, wo im Fort die 'Panzerbatterien untergebracht sind, ist die' Dutzende von Millionen Mark wert, die ein modernes Fort kostet. Hat man „bril6en* die Pläne, dann können wir nur lieber gleich umbauen. sonst nützt uns die ganze Befestigung nichts.
Freilich, ein Freiballonführer wird selten in der Lage sein, solche Aufnahmen heimzubringen, da er meist doch tief im feindlichen Staate landen muß. wo er von Gendarmen empfangen und untersucht wird. Fast nie schlägt der Wind so um. daß man, ohne gelandet zu sein, zurückfliegt Man wird also seine Platten lieber fortwerfen oder in die Sonne haften und dadurch verderben. Trotzdem ist eine Gefahr tatsächlich vorhanden und es wäre ganz verständlich, wenn die Mächte folgendes vereinbarten: Jedes Lust-
11 -'■hrur verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire v. Glümer.
< Fortsetzung.)
Die Besserung der Bürgermeisterin schritt nur langsam vorwärts. Tage vergingen, ehe die Augen verrieten, daß sie bei klarem Bewußtsein war und die Ihrigen erkannte, Wochen, ehe sie die Glieder zu bewegen vermochte, und noch später fand sie allmählich die Sprache wieder. Christiane mußte sich geirrt haben, als sie bet dem ersten Lebenszeichen der Kranken ein Wort von ihren Lippen zu hören glaubte.
Es war ein heilsamer Jrrttim; wie umgewandelt war das junge Mädch:n durch dies eine liebevolle Wort. Um die Kranke zu schonen, bezwang sie ihr ungestümes Wesen, ging auf leisen Sohlen, schloß leise die Tür und sprach mit gedämpfter Stimme. Selbst ihrer Kränkung darüber, daß sie von der Krankenpflege ausgeschlossen blieb, gab sie verhältnismäßig sanften Ausdruck und beklagte sich überhaupt nicht mehr, als Lore sie darauf aufmerksam machte, wie sehr der Anblick eines anderen Gesichtes als das der gewohnten Pflegerin ihre Großmutter zu beunruhigen scheine. So schmerzlich es Christiane war, sie sagte sich selbst, daß sie vorläufig darauf verzichten müsse, der Kranken ihre zärtliche Sorge zu beweisen.
Sie sollte sich bald noch mehr im Entbehren üben.
Wilhelms Abschied stand bevor; einige Tage vor Palmarum brachte er den Bescheid, daß er bie erstrebte Prima errungen habe.
„Wie mich das freut!" rief Christiane, die er
fahrzeug, gleichviel welcher Art, das über eine l Festung dahinfliegt, hat auf die ersten Signal- I schüsse hin zur Landung zu schreiten; sucht es statt I dessen größere Höhen auf, so wird sofort geschossen. Unseren Militärballons ist das lieber« fliegen der Grenze sowieso dienstlich verboten. Die Lustschiffer vom ZivU aber müßten sich in eine solche Verordnung umsomehr schicken, als dann endlich Nates Recht geschaffen und eine Belästigung in allen „harnttosen" Fällen ausgeschlossen wäre. Unser Kriegsministerium hätte jedenfalls gegen eine solche Regelung nichts einzuwenden.
Die „Wahrheit" vor Gericht.
Berlin, 27. Ott.
Aus der Welt des Klatsches werden allerlei üble Bilder entrollt und wir erfahren, wie schon gestern, so auch heute, daß die Informatoren der „Wahrheit" nicht denselben Kreisen angehören, die angegriffen werden. Es wird einem schlecht bei all diesen Geschichten, zumal da in dem-kleinen Schwurgerichtssaal bei drangvoll fürchterlicher Enge der Dust von „Anthtopin" immer überwältigender wird. Rechtsanwalt Dr. Schmidt bitet daher um Uebersiedelung in einen größeren Raum.
Gegen Herrn Krojanker hat Herr Menteles, gegen Herrn Wertheim Herr Traube, gegen Herrn Sieg- metjt" )err Schapira, gegen Herrn Tietz Herr Heppner „Material" an die Bruhn,cye oder andere Wochenschriften gegeben, ebenso hat der Cafctier Sally Berkowitz die „Wahrheit" mit Informationen über andere Restaurateure versorgt, kurz, sehr viele Leute, die dem Angeklagten parteipolitisch sicherlich nicht nahestehen, haben ihm als Angeber gedient; kein einziger der Zeugen bleibt aber heute in öffentlicher Sitzung bei der Behauptung, die der eine oder andere vor dem Untersuchungsrichter gemacht hat, daß er nämlich „aus Angst vor Angriffen" oder „im Gefühle des Bedrohtseins" bei Bruhn inseriert habe. Der verstorbene Redakteur Dahsel erscheint in den Aussagen als der wirklich Schuldige; sehr viele stark belastende Erklärungen werden auch gegen den noch lebenden Redakteur Dietrich laut, der ursprünglich mit Bruhn zusammen die „Wahrheit" begründet hat.
Gegen die Vereidigung Dietrichs hat der Strafkammerpräsident Bedenken, weil augenblicklich wegen Erpressung gegen Dietrich eine Voruntersuchung im Gange sei, hervorgerufen durch eine Anzeige de« Bankiers Sieckmeier. Schließlich wird der Zeuge aber doch vereidigt. Er beftteitet, jemals gesagt zu Haden, die Leute müßten sich bei seiner Zeitschrift „mit etlichen Blauen gegen Brandschaden versichern". Die sogenannten .^Lebemannsbrceje" in der „Wahrheit", die Zeuge verfaßt habe, seien nicht zu Zwecken der Erpressung, sondern im Gegenteil als Rettame für die Nachtlokale geschrieben worden. Nach einer weiteren Vernehmung des Herrn Eisner, früheren Geschäftsführers einer Erammophongeselljchast, der sich bezüglich der von ihm in der „Wahrheit" überwiesenen Inserate auf nichts mehr besinnen kann, werden die Kolportagehändler als Zeugen befragt, ob die „sensationellen Titel", mit denen einzelne Ar-
im Zimmer der Tante allein fand. „Mer Dn siehst ja gar nicht vergnügt aus . . ."
„Ich bins auch nidrt," sagte Wilhelm, indem er sich dem jungen Mädchen gegenübersetzte. „Das Geständnis, das ich heute noch zu machen habe, liegt mir schwer auf der Seele; ich fürchte mich — weniger vor dem Zorn meines Paten und den Stachelreden der Mama als vor dem sorgenvollen Gesicht des Vaters ... ich hätte ihm so gern Freude gemacht."
Christiane nickte ihm verständnisvoll zu, und der warme Blick der braunen Mgen tat ihm so wohl, daß er mit einem Anflug seines gewöhnlichen Humors fortfuhr:
„Dazu das leidige Mschicdnehmen von der Schule und den Schulkameraden, von meiner Bude und meiner Wirtin, von Tant« Lore und von Dir, Kleine!" — und ihre beiden Hände fassend, fügte er neckisch hinzu: „Natürlich zähle ich darauf, daß zwischen uns alles beim alten bleibt... ich meine, daß, sobald ich ein Herr Förster bin, Du meine Frau Försterin wirst."
Christiane lachte. „Warum nicht, wenn mir bis dahin kein anderer besser gefällt!" begann sie, wurde plötzlich dunkelrot und verstummte. War es, weil sie sich des Unsinns schämte, der sich für eine Konfirmandin nicht paßt — oder weil in ihrer Erinnerung ein feines, swlzes Knabengesicht austauchte? — Es war ihr lieb, daß in diesem Augenblicke Tante Lore das Zwiegespräch mit Wilhelm unterbrach.
Auch ihm war es lieb; so töricht er sich fand, Chistianens Antwort hatte ihn verletzt. Ohne diesen Eindruck überwunden zu haben, brach et auf.
Dennoch kam et zur Konfirmation herüber.
titel ausgerufen wurden, von dem Angeklagten ihnen vorgeschrieben worden seien. Das wird verneint.
Dir Verteidigung gibt hierzu an, daß bet „$ot« wärts", die „Welt am Montag", die .Leit am Montag", früher auch „Die große Schnauze" und andere Blätter ebenso ausgebrüllt worden feien und noch ausgebrüllt würden. Die Tip« dazu machten sich die Straßenhändler selber, das gehöre zu ihrem Geschäft. Morgen sollen noch einige von den Händ- lern vernommen werden, es scheint jedoch, daß auch in dieser Beziehung nichts Belastendes zustande kommt. Es ist interessant, daß gleichzeitig in einem anderen Prozeß festgestellt wurde, daß auch der Führer der „Demokratischen Bereinigung", Dr. Breitscheid, die „Wahrheit" und „Die Große Glocke" benutzt hat, um einen Parteifreund zu verdächtigen; diese Blätter find also tatsächlich Sammelorgane der großstädtischen Klatschsucht.
Im einzelnen wird über die Verhandlung folgendes berichtet:
Im Prozesse Brubn und Genossen wurde heute die Vernehmung der Zeugen fottgesetzt. Der Herausgeber der „Deutschen Konfektion" Traube wird in ein langes Kreuzverhör über das Zustandekommen eines Artikels in der „Wahrheit" vernommen, der sich gegen das Warenhaus Wertheim richtete. Es wird schließlich festgestellt, daß der Attikel das Produkt einer gegen Wertheim arbeitenden Clique war, und daß Bruhn ihn ohne Kenntnis dieses Umstandes veröffentlichte. — Interessant gestaltete fich dagegen die Vernehmung eines Bantters Eieckmeier (Herne i. W.). der den Mitarbeiter der „Wahrheit" Dietrich beschuldigt hatte. Bestechungen zugänglich zu sein. Ihm wird vom Gerichtshof vorgehalten, daß er nicht ganz einwandfreie Kurengeschäfte betteibe «nd der Angeklagte Bruhn bezeichnet ihn sogar als einen Wucherer und fordert ihn auf, ihn deswegen zu ver- Nagen, worauf der Zeuge gelassen erwidett, daß ganz Berlin seine Redlichkeit kenne und daß es ihm deshalb gleichailtig sei, was der Angeklagte von ihm denke. (Heiterkeit.) — Bors.: Was ganz Berlin sagt, ist uns aber auch gleichgültig. (Erneute Heiterkeit.) — Zeuge: Ich möchte noch unter meinem Eide darauf Hinweisen, daß ich 55 Jahre alt und unbesttast bin. — R.-A. Brederek: Ja, Sie haben Glück gehabt. (Heiterkeit.). Alle gegen Sie anhängig gemachten Verfahren mußten schließlich eingestellt werden. (Heiterkeit.) — Der folgende Zeuge Gastwirt Rittershaus sollte auch etwas von der Bestechlichkeit des Redakteurs Dietrich wissen. Er weiß aber nur. daß Freunde des vorher vernommenen Bantters Sieckmeier ein paar „Blaue" opfern wollten, wenn die „Wahrheit" ihre Anqttffe gegen diesen einstelle. Was aber aus der Sache schließlich geworden ist, weiß er nicht. — Angett. Bruhn: Haben Sie es je für möglich gehalten, daß ich etwa durch Inserate käuflich sei? — Zeuge: Nein.
Hierauf wurde unter allgemeiner Spannung der Warenhauskönig Tietz als Zeuge aufgerufen. Er ist ein kleiner älterer Herr. Er ist der Meinung, daß er mit dem Artikel „Der 5>arem im Warenhaus Tietz" gekitzelt werden sollte, in der „Wahrheit" Inserate aufzugeben. — Der Vorsitzende hält ihm jedoch vor, daß Bruhn ja gerade die Warenhäuser bekämpfe. Der Zeuge hat dann einen Prozeß gegen Bruhn geführt und auf Grund eines Bergleichs durfte Bruhn nichts mehr gegen Tietz i*reihen. Als es trotzdem einmal geschah, mußte er eine Buße von 1000 M. zahlen. Der Zeuge deutet dann an, daß fDatei mehrfach Versuche gemacht worden seien, mit ihm geschäftlich zufammenzukommen, was der An- gettaqte Bruhn jedoch energisch beitreitet. Es wird schliesslich festgestellt, daß' verschiedene Inseraten-
Er war so lange gewöhnt, die „Kleine" in seinen brüderlichen Schutz zu nehmen, daß et es nicht übers Hetz bringen konnte, sie — wie Tante Lore Nagte — an diesem Tage „mutterseelenallein" in die Kirche geben zu lassen.
Aber statt der „Kleinen" trat ihm ein schlankes Mädchen mit ernstem Gesicht und ge: haltenem Wesen entgegen. Damenhaft fremd erschien sie ihm in dem langen, fchwarzseidenen Kleide, das dem Nachlaß ihrer Mutter entstammte. Ihr Benehmen gehen den Pflegebruder hatte sich zwar nicht geändert; als er ihr ein paar Neine Efeuzweige vom Grabe ihrer Mutter gab, fiel sie ihm um den Hals und ttißte ihn wie in alten Tagen. Auf dem Kirchwege war sie jedoch wieder, wie er es in Gedanken nannte, „ein erwachsenes Fräulein".
Wilhelm war nicht der einzige, dem Chri- stianens Veränderung auffiel. „Schön wie ihre Mutter!" flüsterte man sich zu, während sie durch den Mittelgang der Kirche dem Altäre zuging; auch Nug sollte sie sein, wurde htnzugefügt; der Herr Superintendent hätte sie eine seiner besten Schülerinnen genannt. — Gekränkte Mütter waren jedoch der Ansicht, der Herr Superintendent würde wohltun. den Tag nicht vor dem Abend zu loben. Da Christiane äußerlich ihrer Mutter so ähnlich sei, werde sie auch wohl deren Eitttfttt, Hochmut und Leichtsinn geerbt haben.
Während in dieser Weise über die arme Mathilde Thanner geutteilt wurde, waren die Gedanken ihrer Tochter in schmerzlicher Sehnsucht mit der Verstorbenen beschäftigt. Wie glücklich erschienen dem verwaisten Mädchen die Ge- sährtinnen, die heute am Hetzen einer Muttet
aaenten diejenigen gewesen sind, die den Zeugen uni die „Wahrheit^ zusammenbringen wollten. — Ei, iernerer Zeuge ist der Kaufmann Unger, dem die be- annten Kemmnstt'schen Weinstuben in der Leipzigerstraße gehören. Er wurde in drei Artikeln bet ,,Wahrheit"^ angegriffen und hat später bei Bruhn inseriert. Die Inserate gingen jedoch über eine Champagnerfirma. Einem Druck ist der Zeuge-bei bet Jnseratenaufgabe nicht ausgesetzt gewesen. — Auch ein weiterer Zeuge, Fabrikbesitzer Krojanket von der Firma Tack & Co. in Burg bei Magdeburg, ist in der „Wahrheit" angegriffen worden. Er wurde auch von dem zweiten Angeklagten Paul Brubn wegen eines Inserats besucht, hat aber (eins auf- gegeben. Doch ließ er fich durch den Redakteur Dah- fet hinter dem Rücken Bruhns den Verfasser des Schmähartikels, ein Fräulein v.^ Ravenstein, nennen und zahlte dem Dahsel für diesen Bruch des Redak- tionsaeheimnisses 1000 M, nachdem Dahsel zunächst 3000 M verlangt hatte.
Es kommt dann zu einem Zwischenfall, da bet Staatsanwalt inzwischen durch den Reichsaerichtsrat Opvermann veranlaßt worden war, den zurückzunehmen, daß dessen Freund, der Döttenredak- teur Sweitzer der „Frankfurter Zeitung", fich absichtlich seinem Sachverständigenamt in diesem Prozesse entzogen habe. Der Staatsanwalt erklärt, daß nach den ihm gewordenen Mitteilungen Herr Schweitzer wohl in der Lage sei, zur Börse zu gehen, aber nicht an Gerichtsstelle zu erscheinen, da er nervenkrank sei.
Mit großem Interesse ermattet man nunmehr di» Vernehmung des Inhabers dreier Berliner Lebe weltlokale, eines Restaurateurs Wall und seines Geschäftsführers Klant, die beide in der Voruntersuchung die „Wahrheit" als Revolverblatt bezeichnet hatten. Es stellt sich jedoch heraus, daß sie schon voi dem ersten Erscheinen der „Wahrheit" ihre Inseratt aufgegeben hatten, bevor sie also den Charakter d« Blattes kennen konnten. Ein weiterer Zeuge, Cafetier Berkowitz, erklärt auf die Frage, weshalb er in der „Wahrheit" inseriere: es gebe nur bann einen Schutz vor den Zeitungen, wenn man in ihnen inseriere. (Heiterkeit.) Die dann folaende Vernehmung des Schriftstellers Dietrich enttäuschte etwas, da auch et unter seinem Eide jede Presst onsabsichi gegen Inserenten der oder solche, die es
werden sollten, in Abrede stellte und festgestellt wird, daß gegen ihn nur eine Anzeige des Zeuaen Bankier Sieckmeier verliegt, von dessen Kuren übrigens der Zeuge erttärte, daß sie auch jetzt noch nicht zu verkaufen feien und wohl nur infolge des Äruhn- prozesses int Kurs steigen würden, sonst ab^ nie. (Hefterkeii.)
Auch der Schluß der heutigen Zeugenvernehmung erbrachte in Bezug auf die Anklage wegen Erpressung nichts Belastendes geaen Bruhn, doch wird erst in die Verhandlung der Einzelfälle eingetreten werden, sodaß man sich am besten noch jeden Urteils über den Stand der Dinge enthält.
F ' ..... '
Deutsches Reich.
— Das deutsche Kaiserrn- siel. Brüssel,
27. Ott. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen heute nachmittag im königlichen Palais das deutsche Konsularkorps in Belgien, die Senioren der deutschen Kolonie in Brüssel und Antwerpen, die Präsidenten der deuffchrn Vereine und die Vorstände der Veteranen- und Offiziersvereine in Brüssel und Antwerpen. Später nahmen die Majestäten und die Pttnzessin Viktoria Luise den Tee bei dem Herzog und der Herzogin von Urenberg ein. — Heute abend nahmen die Majestäten an einem Diner in der deutschen Gesandtschaft teil. Der Kaiser, die Kaiserin, die Prinzessin Viktoria Luise und der König und die
ihre Rührung ausweinen oder sich bet Verlorenen erinnern konnten. Sie hatte nicht einmal biefcn Trost! — Aber auch das Anbenken bet Ungekonnten wollte sie hochhalten. Das Gesicht tief niedersenkenb, drückte sie einen Kutz auf den Heinen Grabesstrautz, den sie mit dem Gesang- buche mit den zitternden Händen hielt und gelobte sich selbst, zu werden, wie Lore von der Verstorbenen gesagt hatte: „Gut — ein sanftes Lamm, ein goldenes Herz, das immer mehr an andere gedacht hat als an sich selbst" . . . während Christiane! ... mit tiefer Beschämung mußte sie sich eingestehen, daß sie heute nicht einen Gedanken für Wilhelms" Röte gehabt hatte.
Aber das wollte sie gut machen, wollte ihm fortan ein treuer Kamerad sein. Sobald sie nach beendigtem Gottesdienste mit ihn zusammentraf, fragte sie nach dem Stande seiner Angelegenheiten.
„Unbehaglich, höchst unbehaglich!" antwortete er. „Mein guter Vater stimmt mit zwar zu, daß ich ohne Herzensdrang nicht Geistlicher werden dürfe; aber ich merke ihm doch an, daß er noch immer holst, seinen Saulus zum Paulus werden zu sehen."
„Und die anderen?" fragte Christiane.
„Benehmen sich, wie ich's erwarten mutzte," sagte Wilhelm. „Pate Lingenau schwört bei allen Teufeln, datz ich Ordre parieren solle, und nachdem sich die Mama überzeugt hat, datz ih« Buß- und Strafpredigten auf mich keinen Ein« flusi üben, peinigt sie meinen armen Vater . . . In den nächsten Tagen mache ich ein Ende, gehe auf und davon." . ,
(Fortsetzung folgt.) ....