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Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 86.

Die Londoner Regierungskreise zeigen sich über den Abbruch der türkisch-franz^^en Anleihever­handlungen nicht sonderlich erstaunt. Man steht vollkommen auf Seiten Frankreichs.

DerStandard" schreibt auf Grund einer ihm zu­gegangenen Information:Die Anleiherverhand­lungen zwischen der Pforte und der französischen Re­gierung sind auf einem kritischen Punkte angelangt. Frankreich forderte, daß das von ihm gegeben« Geld unter der Aufsicht zweier französischer Beamten im türkischen Finanzresiort gestellt wird. Dschawid ^ey weigerte sich, hierauf einzugehen. Jnfolgede,j. i wurden die Verhandlungen abgebrochen. Di« fran­zösische Regierung hat ein Entgegenkommen bis zur äußersten Grenze gezeigt. Man kan ihr keine Vor­würfe über ein etwaiges Scheitern der Transaktion machen, denn sie hat sich bemüht, der Türkei zu zeigen, daß sie ihr nur freundschaftliche Gefühle entgegen­bringt."

Run wird trotz derfreundschaftlichen Gefühle" hoffentlich der Dreibund das Geschäft machen.

Liberalismus gewesen, beide haben uns schwer ent­täuscht. Frankreich, das dem reaktionären Rußland Milliarden gegeben, macht unserem Verfasiungsstaat Schwierigkeiten bei einer Anleihe, die man dem Iildiz in zehnfacher Höhe bewilligt hätte. England streckt seine Hand nach Persien aus, aber die Moham­medaner der ganzen Welt haben einen mächtigen Beschützer, der ihnen zur Seite stand, wo immer sie bedrängt wurden, ob am Bosporus, in Mazedonien oder in Marokko. Dieser Beschützer ist der deutsche Kaiser. Auf ihn richten sich in diesem historischen Augenblick die Augen der ganzen mohammedanischen Welt. Für die Türkei gibt es nur eine politische Kombination in Europa, bei der sie Verständnis finden kann, den Dreibund, der ihre Jnteresien auch schützen wird. Wenn Sie mir daher erlauben, wollen wir hier anwesenden Mohammedaner, die wir sehr wohl für den ganzen Islam fprechen können, da ich Vertreter aller mohammedanischen Stämme hier um mich sehe, ein Danktelegramm an den Deutschen Kai­ser senden, und ihn, den treuesten Beschützer des Islam, bitten, seine Hand auch über unsere be­drängten Brüder in Persien zu halten."

Jubelnder Beifall antwortete dem Redner, der darauf erklärte: Ich nehme an, daß Sie nicht mir, sondern dem Deutschen Kaiser applaudieren. Alles erhob sich von den Sitzen, und dreimal durchbrauste der RufZaffaschim Guilelm Jkkindschi",Hoch lebe Wilhelm II. den Saal. Ein von der Ver­sammlung gewählter Ausschuß wird das Huldigungs­telegramm redigieren, welches morgen abgeht.

So erfreulich derartige Kundgebungen sind, wird man sich doch einige Vorsicht auferlegen müssen. Ob das Telegramm inzwischen eingetroffen ist, ist uns zur Zeit noch nicht bekannt. Wir wisien daher auch nicht, welche Aufnahme es dort finden wird. F«st steht aber, daß Deutschland sich kaum in der Lage und berufen fühlen kann, ihm eine praktische Folge zu geben. Denn schon jetzt beginnen unsere Freunde im Westen und unsere Vettern jenseits des Kanals über die angeblich hinterlistige Haltung Deutschlands her­zufallen. Das kann uns allerdings wenig genieren. Immerhin ist es aber ein Beweis dafür, wie recht Deutschland mit seiner bisherigen Stellungnahme hatte. Daß Deutschland aber andererseits ein Inter­esse daran hat, daß die politische und wirtschaftliche Selbständigkeit Persiens erhalten bleibt, ist selbst­verständlich.

Wie sich die französische Presse zu dem Scheitern der Anleihe verhält, wird man sich leicht denken können. Cie verrät eine lebhafte Mißstimmung wegen des Scheiterns der türkischen Anleihe. Wie schon gestern derTemps", so macht auch heute der Gaulois" den türkischen Finanzminister verant­wortlich, welcher beschuldigt wird, durch seinen Bot­schafter in Paris Vorschläge gemacht zu haben, die er dann selbst in Konstantinopel zu Fall brachte. Selbst die radikaleLanterne" bemächtigt sich des Gegen­standes und bedauert, daß die Jungtürken Frankreich so lebhafte Enttäuschungen bereiten. Sie betont, daß die Jungtürken sich Deutschland nähern, während sie es bisher abgelehnt haben, das Protektorat Frank­reichs über Tunesien anzuerkennen: das lasse den Verdacht entstehen, daß die Gefühle der Jungtürken gegenüber Frankreich keineswegs herzliche seien.

Deutsches Reich.

Di« kaiserliche Familie. Berlin, 24. Okt. Der Kaiser wohnte heute abend im Neuen Königlichen Operntheater der Aufführung vonAida" bei. Auch die Prinzessinnen Viktoria Luise, Margarethe, Eitel Friedrich und Prinz Eitel Friedrich waren erschienen. Caruso sang den Rhodames. Der Kaiser gab wieder­holt das Zeichen zum Beifall für die hervorragenden Leistungen Carusos, der das Haus vollständig fesselte. Kurz vor dem letzten Akt verließen der Kaiser und die Prinzessin Viktoria Luise das Haus und begaben sich nach dem Potsdamer Bahnhof, um von da die Reife nach Brüssel anzutreten. Potsdam, 24. Okt. Nachdem der Sonderzug mit dem Kaiser rmd der Prinzessin Viktoria Luise von Berlin auf der Sta­tion Wildpark eingetroffen war, bestieg die Kaiserin den Sonderzug, der um 10 Uhr 47 Min. nach Brüssel weiterfuhr.

Die Reise des Kronprinz::;. Das Programm der Kronprinzen-Reise ist amtlich wie folgt fest­gesetzt: Die Abreise von Berlin (Anhalter Bahnhof) nach Genua erfolgt am 1. November, wo am 3. die Einschiffung auf dem ReichspostdampferPrinz Lud­wig" und die Ausreise stattfindet. Die Ankunft in Colombo erfolgt am 20. November. Am 11. Dezember verläßt der Kronprinz Colombo und trifft am 14. De­zember nach einem Besuch in Kandy in Bombay ein. Der Aufenthalt in Indien ist auf rund zwei Monate berechnet. Besuche sind vorgesehen in Delhi, Agra und Benares. Von Kalkutta erfolgt die Abreise Mitte Februar. Nach den Besuchen von Heiderabad, Iohore, Madras und Simla läuft das Schiff am 20. Februar Singapore an. Nach kurzen Aufenthalten in Bangkok, Batavia und Hongkong wird Schanghai am 31. März erreicht. Der Besuch von Tsingtau fin­det am 4. April statt. In Tientsin betritt der Kron­prinz mit seinem Gefolge den Boden Chinas zur Reise nach der Hauptstadt Peking. Am 25. April wird Pokohama erreicht, Tokio, Nagasaki, Hiogo be­sucht, während am 16. Mai wieder der asiatische Kon­tinent in Wladiwostok erreicht wird. Am 16. Mai wird im Sonderzug die Reise auf der transsibirischen Bahn über Irkutsk, Moskau und Petersburg an-

Universitäts-Buchdruckerei. Fnbab»r Dr. C. k>itzeroib. Marburg.

Markt 21. 55.

Das Scheitern der türkisch-französischen Anleihe-Verhandlungen.

Di« französisch-türkischen Anleiheverhandlungen, die bereits seit längerer Zeit die Gemüter in Auf­regung versetzten, sind nun doch endgiltig gescheitert, wie folgendes Telegramm bestätigt:

Paris, 24. Okt. DieAgence Havas" ver- -ffentlicht nachfolgende Note: Der französische Bot­schafter in Konstantinopel erhielt von seiner Regie­rung den Befehl, der ottomanischen Regierung zu er­klären, daß die Verhandlungen bezüglich der tür- kischen Anleihe abgebrochen seien, da der ottomanische Ministerrat das zwischen dem französischen Finanz­minister Cochery und dem türkischen Finanzrat in Paris getroffene Uebereinkommen nicht ratifiziert.

Ueber die Gründe, die zu dem Abbruch der Ver­handlungen führten und führen mutzten, haben wir ja ausreichend berichtet. Man hatte aber in Frank­reich immer noch gehofft, daß die Türkei noch nach­geben werde. Zuletzt wurde gleichzeitig in Paris, zwischen Pichon, Cochery und dem türkischen Bot­schafter und in Konstantinopel zwischen Djavid Bey und dem französischen Botschafter verhandelt. Solche doppelten Verhandlungen sind bekanntermaßen sehr schwierig und bieten reichliche Gelegenheit zu absicht­lichen oder unabsichtlichen Mißverständnissen und allerlei diplomatischen Detailkünsten. Aber die fran­zösisch« Diplomatie wollte es so. Als von Konstanti­nopel die Ablehnung der französischen Forderungen gemeldet wurde, stellte man sich in Paris sehr er- stauU und meinte, dies wäre um so eigenartiger, als bei den gleichzeitigen Pariser Verhandlungen gerade über diese Punkte schon ein Einverständnis erzielt worden sei.

Die politische Bedeutung dieses ftanzöfischen Miß­erfolges ist recht beträchtlich und liegt auf der Hand. Der Versuch, marokkanisch-persische Bevormundungs­manieren auf die junge Türkei zu übertragen, ist mißlungen. Es wirft auf die Hohlheit der wort­reichen Freundschaft, mit der dieliberalen" West- mächie das neue Regime in der Türkei ihrer Sym­pathie versicherten, ein greller Licht, hat in der Türkei sehr aufklärend gewirkt und wird nicht ver­gessen bleiben.

Gerade die Annektionsgelüste Englands und Ruß­lands auf Persien haben in der Türkei wohl dazu beigetragen, die Stimmung gegen Frankreich zu ver­schärfen. Naturgemäß kommen jetzt die türkischen Sympathien für Deutschland, das ja schon vor einiger Zeit seine Hilfe in der Anleihefrage zugesagt hat, in recht enthusiastischer Weise zum Ausbruch. So liegt aus Konstantinopel folgende Meldung vor:Heute nachmittag wurden in einem Theater in Pera eine von der persischen Kolonie organisierte Protestver- sammlung gegen die englisch-russische Aktion in Per­sien abgehalten, in der der Tunesier llbeidallah a. a. sagte:

Frankreich und England sind einst die Ideale der türkischen Freiheitsbestrebungen und des türkischen

Die Infettisnsgebüht betragt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7a-- "'Mene Zeile oder deren maum 18 «, für «wswörtige Inserate 20 4, 45

ffit Reklamen 40 L Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, n m m . < v 1 (V..t. * fC At h>irr : h M11 rtt* nltTf!

getreten. Zu Teilnehmern an der Ostafienreise de» Kronprinzen, welch« nicht im Mai 1911, sondern erst Ende Oktober 1911 beendigt fein wird, find folgende Herren im Gefolge des Kronprinzen bestimmt: Generaladjutant Generalleutnant v. Schenck, Major Graf zu Solms-Wildenfels, Leutnant v. Zabeltitz, Oberstabsarzt Professor Dr. Widenmann, Ober!, d. R. Graf Finck von Finckenstein, Kaiser!. Gesandter von Treutler und Hofftaatssekretär Sommer.

Die Zustizkommission. Berlin, 24. Ott. Di« Iustizkornrnission des Reichstages nahm mit allen gegen 7 Stimmen die in der ersten Lesung in bi« Strafprozeßnovelle neu eingefügten § 47a an. Hier­nach können Mitglieder des Reichstages oder andere, gesetzgebender Versammlungen Auskünfte über Per­sonen, die ihnen in der Ausübung ihres Berufe« etwas anvertraut, oder denen sie in der Ausübung ihres Berufes etwas anvertraut haben sowie über die ihnen anvertrauten Tatsachen, verweigern, es sei denn, daß die Mitteilung den Tatbestand eines Ver­brechens begründet oder ein Verbrechen zum Gegen stand hat.

Strafversetzung? Karlsruhe, 22. Ott. Die National-Ztg." läßt 'sich von hier telegraphieren: Der Oberamtmann in Karlsruhe, Dr. Arnsperger, wurde lautKarlsruher Zeitung" als Amtsvorstand nach Staufen versetzt. Arnsperger hatte, wie Ciiitner» lich, in einer national liberalen Versammlung die Grotzblockpolitik verteidigt. In der Versetzung ist die offene Mißbilligung dieses Tuns durch die Regierung zu erblicken." Das klingt beinahe, als ob von oben her in Baden ein anderer Wind wehte; sollten die Tage des Ministers Freiherrn v. Bodmann gezählt sein?

Absage an dir Nattonalliberalen. Dort­mund, 22. Ott. Eine Versammlung bet hiesigen Fortschrittlichen Volkspartei sprach such dahin au», daß in Westfalen an einen gemeinsamen Wahl­kampf mit den Nationalliberalen nicht zu ben» tat sei.

Marburg

Mittwoch, 26. Oktober 1910

DieWahrheit" vor Gericht.

Berlin, 24. Ott.

Unter dem Vorsitz des Landgerichtsrats Campe begannen heute vormittag vor der ersten Straf» kammer des hiesioen Landgerichts I die Verhand­lungen in dem sensationellen Strafprozesse gegen den Herausgeber der antisemitttcken WochenschriftDie Wahrheit, den Reickstagsabgeordneten W i l b e l m Brubn und die Mitarbeiter dieses Blattes Rolf Sommer und Otto Weber sowie den Geschäfts­führer derWahrheit" Paul B r b n. d-n Bruder des fiauptanqeklaaten. der der mehrfachen Erpressung (bie übrigen der Beihilfe dazu) beschuldigt ist. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Letterina. die Vertei- diouna der vier Anaeklaaten f>"5ren die Rechts­anwälte Dr. Schwindt, Brederek, Meyer I und Grün- spach. Der kleine Zuhörerraum ist fast ausschließlich von den Vertretern der Presse aller Parteien ange­füllt. Als jonrnalisiit^er Sachverständiaer fun-'i-Tt der Berliner Vertreter derLeipziger Neuesten Nach­richten" Dr. Paul Liman und als ^nseraten-Sach- verständiger der Inseratenagent Kluge.

Die Verhandlung begann mit einem interessanten Zwischenfall, da die Verteidigung die Ladung des Leiters der Berliner Volittichen Polizei Dr. Rem- niger als Sachverständigen bezw. auch als Zeugen darüber wünschte, daß er als Preßdezernent des Ber­liner Polizeipräsidiums in derWahrheit nichts Anstößiges bemerkt und sich sogar dahin geäußert habe, daß sie ein gut nationales Blatt und nur ein Geoenmn-t w-.- h^mn«rrtffs*cn 93erlir*er

Di«Oberhessische Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme bet Sonn» und Feiertage. Der Bezugs prei »betragt viertel- W' f)4 jährlich durch die Post bezogen 2,25 -Ä (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Erveditton (Markt 21), 2M^k. (ffhr unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt dre Redak- Hon keinerlei Verantwortung.)

& mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: ,Iach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage"

8 tN^brnck verboten.)

Christiane Tanner.

s Roman von Claire v. Glümer.

f lForttehung.)

Mit freundlicher Ruhe hörte er sie an, zuckt« die Achseln, versicherte, daß er durch seinen Kon- traft zu allem, was er tue, berechtigt sei, und daß zu seinem Bedauern keinerlei Aenderung seines Betriebes eintreten könne.

Mil zitternden Knien stieg Lore die Treppe hinauf, der Frau Pate diesen unliebsamen Be­scheid zu bringen; aber schon nach wenigen Minuten erschien sie abermals im Schreibzimmer des verwundert aufblickenden Fabrikanten.

Die Frau Bürgermeisterin wünsch« . . . das heißt, sie lasse bitten, Herr Wild möge so ge­fällig sein, ihr den Mietkonttatt zur Einsicht hin­aufzuschicken, brachte sie stammelnd heraus.

Den Mietkonttatt! wiederholte. Herr Wild in gedehntem Tone, und in seiner gewöhnlichen, höflichen Weise fügte er hinzu, daß er leider die­sem Verlangen der Frau Bürgermeisterin nicht nachkommen könne; dagegen werde er sich heute nachmittag die Ehre geben, ihr mündlich alles Nötige mitzuteilen.

Die Bürgermeisterin lachte höhnisch auf, als Lore mit diesem Bescheid zurückkam.

Dacht' tch's doch! rief sie,mit dem Kon- ttatt stnd's faule Fische . . . aber er soll nur komme« . . . beschwatzen lasse ich mich nicht, und wen» er nicht gutwillig tut, was ich verlange,

so wird er verklagt. Es ist ja möglich, daß ich ihn nicht ganz loswerden kann, ehe fein Kon- tratt abgelmifen ist: aber für seine Maschinen und den übrigen Höllenlärm w^d et sich andere Unterkunft suchen müssen.

In dieser Siegeszuversicht nahm sie Herrn Ferdinand Wild, als er sich im Laufe des Rack­mittags einstellte, mit herablassender Höflichkeit auf. Sie lud ihn ein, sich zu setzen, und blickte von ihrem Fenstertritt mit dem Stolz einer Tanner auf den Bäckerssohn nieder, der sichtlich befangen auf der äußersten Stuhlkante saß, den Hut in den Händen drehte tmd nicht zu wissen schien, wie er beginn eit sollte.

Großmütig, aber nichts weniger freundlich kam sie ihm zu Hilfe.

Fch muß gesteben, Herr Wild, sagte sie, die Achsel« zuckend,ich muß gestehen, daß ich nicht begreif«, wie Sie mir die Einsicht in den Miet Vertrag verweigern können, der mich mindestens ebensoviel angebt wie meinen Sohn, wenn Sie's auck nicht der Mühe wert gefunden haben, meine Zustimmung einzuholen.

Bitte, Frau Bürgermeisterin, antwortete der Fabrikant mit großer Ruhe,Fritz hatte Vollmacht, über die Liegenschaften des väter­lichen Nachlasses zu verfügen.

Das hatte er, fiel ihm bie atte Frau ins Wort;und da er Sie für feinen Freund halt . .

Er hält mich nicht nur dafür, ich bin's, sagte Ferdinand Wild;ich habe das oft genug be­wiesen. , ...

Und machen sich jetzt dafür bezahlt, fiel die Bürgermeisterin ein.Aber ich habe auch ein Wörtchen mitzureden . . .

Frau Bürgermeisterin, begann der Fabriks­herr in energischerem Tone als bisher, aber sie ließ ibn nicht weitersprechen.

Hören Sie mich gefälligst zu Ende! tief sie mit erhöhter Stimme.Mein Sohn hat Ihnen, wie er mir schrieb, unser Parterre und die HiMergebäude vermietet, um die ehemalige Roth'scke Fabrik darin unterzubringen. In 'die­ser Fabrik ich habe mich genau darnach er­kundigt wurden aber nur Handmaschinen ver­wendet; so brauche ich mir denn das Toben Ihrer Dampfmaschinen nur gefallen zu lassen, wenn Sie fick int Mietkonttatt die Erlaubnis dazu ausgemacht haben ... Ist das geschehen!? Kann Fritz so rücksicktslos gewesen fein!?

Wild zuckte die Achseln.Ich versichere Sie, Frau Bürgermeisterin, daß ich zu allem, was ich tue, das Recht habe, antwortete er, ohne auf­zublicken.

Zeigen Sie mit Ihren Kontrakt . . .

Ich habe in dieser Sache nur mit Fritz zu tun . . . ,

Meinen Sie!? rief die alte Frau; und in­dem sie sich mit Hilfe ihres Stockes auftichtete, fuhr sie mit steigender Heftigkeit fort:Ich kann Sie steilich nicht zwingen, mir das Schriftstück ju zeigen . . . aber das Gericht wird «8 tun . . . ich verttage Sie, Herr . . .

Sie schien fortgeben zu wollen; Wild, der ^aufgesprungen wat, verttat ihr dm Weg.

Mich vetttagm . . . das werden Sie bleiben lassen! rief er, feine gewöhnliche Höflichkeit ver­gessend.Den Kontrakt, ben Sie zu sehen ver­langen, kann ich nicht votlegen, weil ... Sie sind selbst schuld, Fra« Bürgermeisterin, daß ich Ihnen was Unangenehmes fagen muß, weil die gonje Mietsgeschichte eine Finte ist. Da Fritz das Geld, das mir zur Uebernahme bet Fabrik unentbehrlich war, nicht zurückzahlen konnte, hat et mit, unter bet Bedingung, Ihnen bis zn Ihrem Lebensende ben ganzen ersten Stock zu überlassen, bie Bürgermeisterei verkauft. Den f»genannten Mietanteil, ben Sie vierteljährlich zu beanspruchen haben, will er mit schicken . : . Sie sehen . . . wir haben betbe jede Rücksicht ge­nommen . . .

Rücksicht! wiederholte die alte Frau mit bebender Stimme.Rücksicht nennen Sie das? - Ich will Ihnen sagen, was es ist: Fritz hat sein Mutter um Haus und Hof, seine Richte um ihr Erbteil betrogen und Sie haben dabei geholfen!

Erlauben Sie, erlauben Sie! fiel ihr Wild zornig ins Wort.Die Vollmacht, die Fritz ix Händen hat, berechtigte ihn ... um Gottes- willen! unterbrach et sich selbst unb sprang <mf, um bie wankende Bürgermeisterin zu stützen, «e ihm zum zweitenmale vom Schlage gerührt bewußtlos in bie Arme fiel.

(Fortsetzung folgt)