mit dem Kreisblatt für ine Kreise Marburg und Kirchhain
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Marburg
Dienstag, 25. Oktober 1910.
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4ü. Jahrg.
Hansabund und „Nordd. Allg. Ztg."
Auf die Vorhaltungen der „Nordd. Allg. Ztg", über die wir kürzlich berichteten, hat der Vorsitzende des Hansabundes Geh. Rat Rießer, in einer Interview Stellung genommen, das die „Münch. Reuest. Nachr." veröffentlichten, und auch die „Korrespondenz des Hansabundes" veröffentlicht jetzt eine Erklärung, die jenem Interview fast wörtlich entspricht. Es wäre, so heißt es, notwendiger und richtiger gewesen, wenn die „Nordd. Allg. Ztg."„ die in der ganzen letzten Zeit nie ein Wort des Tadels gegen weit schärfere Wendungen des Bundes der Landwirte, nicht einmal gegen dessen Boykottierungspolitik gefunden habe, einmal die allein wichtige ernste Frage untersucht hätte, woher es denn komme, daß selbst Männer, die sich ihrer Verantwortung voll bewußt find und ebensowenig wie ihre Gegner daran denken, der Arbeit aller Erwerbsstände den ihr notwendigen Schutz zu versagen, fich in ihrem Gewissen verpflichtet fühlten, so scharf und so rückhaltslos zu reden. Sie hätte endlich einmal die Frage aufwerfen sollen, ob denn nicht in der Tat ein großer Teil der auch in solchen Kreisen herrschenden Erbitterung daher kommt, daß eine große Reihe von Gesetzen, Verordnungen und Enqueten der letzten Zeit, also von „Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung", welche Gewerbe, Handel und Industrie nicht zur Ruhe kommen ließen, von der agrar-demagogischen Richtung teils aus Unkenntnis der gewerblichen Be- dürfnisse, teils aus rein egoistischen Sonderinteressen heraus sowohl der Regierung wie der Nation diktiert und aufgedrängt worden seien. Hätte die „Nordd. Allg. Ztg." dem Ernste der Lgge entsprechend diese Fragen erörtert, so wäre wohl auch sie zur Erkenntnis gelangt, daß es nur einen Ausweg' aus der heutigen Zerfahrenheit und nur einen Weg gebe, die «logistischen Ziele der Sozialdemokratie mit Erfolg zu bekämpfen, wenn es nämlich gelinge, eine offene «nd entschiedene Abkehr von der agrar-demagogischen Richtung, sowie ferner herbeizuführen, daß nicht mehr fast ausschließlich oder überaus vorwiegend einzelnen Schichten der Bevölkerung, sondern der Gesamtheit des Bürgertums, die diesem gebührende Stellung in der Verwaltung und Leitung des Staates gesichert werde. Eine Politik des Zuredens «nd Abwartens sei nicht geeignet, den bürgerlichen Kreisen, worauf es vor allem ankomme, Vertrauen »nd neuen Mut einzuflößen
Darauf antwortet die „Nordd. Allg.": „Wir find aller Vorausficht nach noch ein Jahr von den Wahlen entfernt. Welche Berge von Verbitterung und Verärgerung werden sich auftürmen, wenn es das ganze Jahr nicht.nur in dieser Tonart fortgehen soll, sondern einer den andern an Schärfe der Sprache zu überbieten versuchen wird? Warnend einzuwirken, betrachten wir als unsere Pflicht. Dieser Pflicht würden wir uns auch nicht gegenüber agitatorischen Ausschreitungen des Bundes der Landwirte entziehen. Wir müssen dabei aber feststellen, daß Lhn- i liche Angriffe auf Gesetzgebung und Verwaltung, wie
• INa-Kdrint verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire ». Glümer.
l Fortsetzung.)
Eine Weile hatte die alte Frau diese Berichte mit schweigendem Ingrimm angehört; aber als sich Christiane eines Tages so weit vergaß, die ehemalige Amtsstube des Großvaters eine Mäusespelunke zu nennen, brach eine der heftigsten Strafpredigten, die ihr jemals zuteil geworden waren, über die Frevlerin los, die mft den heiligsten Erinnerungen Spott trieb. Zum Schluffe verwies die Großmutter, mit dem Stocke aufftapfend, das „herzlose Geschöpf" aus ihren Augen.
Mit Tränen des Zornes und nichts weniger als reuevoll flüchtete Christiane zu Tante Lore in die Küche; aber statt des Trostes bekam sie auch hier nur Vorwürfe. — Sie wäre nachgerade alt genug, um vorsichtig zu sein, sagte Lore Daß Großmama von den Wild'schen Einrichtungen nichts totff en wolle, müsse sie doch längft bemertt haben.
„Das habe ich nicht," fiel Christiane ein; „im Gegenteil; ich bin überzeugt, daß sich Großmama sür reden Nagel interessiert, der da unten eingeschlagen wird ... darum habe ich ihr alles beschrieben . . . Aber ich tu's nicht wieder; nicht ein Sterbenswörtchen soll sie mehr davon hören."
„Wie Du nun wieder bist?" Nagte Lore. ^Wenn Du meinst — was ich auch gar nicht be- stretten will — daß es Deiner Großmutter lieb ist, um das, was im Hause geschieht. Bescheid zu wissen, so kannst Du ja davon spreche« .... aber auf andere Art , . .•
। sie vom Hansabunde ausgegangen sind, von agrari- I scher Seite gegenwärtig nicht zu verzeichnen sind. I Herr Geheimrat Rießer zählt eine Reihe von Maß- I nahmen der Gesetzgebung und Verwaltung auf, die I der Regierung von der „agrar-demagogischen Rich- I tung" diktiert worden seien. Ist aber unsere Fabrik- I und Eewerbegesetzgebung wirklich ein Produkt der I Agrardemagogie? Bisher gingen die Klagen nach I einer ganz anderen Richtung. Daß das I Branntweinsteuergesetz landwirtschaftliche Interessen I berücksichtigt, ist gewiß richttg. Eine Regierung, die I bei dieser Materie nicht den Interessen der Land- I wirtschaft Rechnung trüge, wäre mit Recht den I schwersten Vorwürfen ausgesetzt. Inwiefern aber das I Gesetz den Kaufmann entrechten soll, ist völlig un- I erfindlich. Auch die Kanalpolitik der Regierung I kann den Vorwurf nicht rechtfertigen, daß sie unter I agrar-demagogischem Einflüsse steht. In den I Kämpfen um den Ausbau des Kanalsystems haben I doch die Interessen der Industrie gewiß nicht an I letzter Stelle gestanden, und das Kompromiß ist I schließlich unter Zustimmung der Industrie und ihrer I parlamentarischen Vertretung zustande gekommen. I Vollends künstlich erscheint uns die Heranziehung der I preußischen Wahlkreiseinteilung, mit der doch für die I angeblich durch unsere Wirtschaftspolittk verursachten I Schädigungen von Handel und Industrie absolut I nichts bewiesen werden kann. Hiernach müssen wir I den Versuch, die Sprache des Wahlzirkulars des I Ainsabundes zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, I als mißglückt bezeichnen. Unsere Wirtschaftspolitik, I die eine Grundlage des wirtsachftlichen Aufschwunges I Deutschlands in Landwirtschaft und Gewerbe gewor- I den ist, beruht auf der gemeinsamen politischen Ar- I beit dieser Berufsstände innerhalb und außerhalb der I Parlamente. Die Fortsetzung dieser Politik, die wir | als eine Lebensfrage der Ration betrach- I len, erfordert auch die Fortsetzung der gemeinsamen I Arbeit."
I In der Presse kommt der Zwiespalt zwischen rechts und links auch hier zum Ausdruck. „Berliner Tageblatt" und „Frankfurter Zeitung" jubeln über die Ausführungen Rießers; die „Post" dagegen meint: „Aus dieser Fehde ist die „Nordd. Allg. Ztg." ohne Zweifel als Siegerin hervorgegangen." Wir haben unsere Meinung über die Angelegenheit bereits gesagt. Der Hansabund kann wohl von sich sagen: „Gott schütze mich vor meinen Freunden", denn wenn er sich dem Freisinn verschreiben wollte, worauf die linksliberalen Elemente in seinen Reihen hinsteuern, so würde er sich selbst das Grab der Bedeu- ! tungslosigkeit graben. Die Situation erscheint uns für ihn nicht leicht. In diesem Sinne ergreift die bekannte mittelparteiliche „Deutsche volkswirtschaftliche Korr." das Wort zu der Angelegenheit:
„Die Gründer hatten damals nicht geglaubt, daß es sich bei der Gründung im wesentlichen um eine zweite Auflage des Handelsvertragsvereins handele, jenes einst viel besprochenen Vereins mit leise ausgesprochenen demokratischen und freihändlerischen Anwandlungen und Absichten und mit der offen ausgesprochenen Abneigung gegen unsere Landwirtschaft
-Ach so!" rief Christiane; „Du verlangst, daß tch dabei seufze und klägliche Grimassen schneide, wie die alten Heuchelkatzen, die jetzt so ost Visite machen? . . . Aber, das kann icj nicht — will ich nicht — tu' ich nicht! Das Beste ist, ich sehe mtr nichts mehr an, dann kann ich auch nichts mehr sagen, was Euch ärgert."
Soweit sie konnte, hielt Christtane Wort das heißt, sie sprach nicht mehr von den Arbeiten in Haus und Hof, und wenn sie über den Flur ging, huschte sie. ohne aufzublicken, an den offenen Türen der künftigen Kontore und Muster- lager vorbei. Dagegen war es geradezu unmöglich, den Vorgängen im Hofe bh Augen zu verschließen. Wenn sie nur den Rollvorhang ihres Kammerfensters auszog, mußte sie ja sehen, wie toeit man am vergangenen Tage mit dem'Torwege gekommen war, durch den der ehemalige Posthof mit der Bürgermeisterei in Verbindung gesetzt wurde — Und als sie eines Morgens durch ein Raffeln und Dröhnen geweckt wurde, von dem das ganze Haus zittette, war's doch natürlich, daß sie aus dem Bette sprang, um sich zu überzeugen, ob ein Unglück geschehen sei.
Es wurde aber nur eine der Maschinen herbeigefahren von denen Großmamas Heuchelkatzen achselzuckend berichtet hatten, wie viel sie Mieteten und welche Wunderleistungen Fer- drnand Wild, der mit Gewalt auf seinen Bankerott loszusteuern scheine, davon erwartete
Was Christiane aber weit mehr interessierte, war die Mitteilung, daß Wild in seinem Fabrikantenubermut sich sogar einen Maler, einen „wtrkltchen Kunstmaler", wie die Berichterstatterinnen sagten, aus München verschrieben habe.
Da« herrlichste Luftschloß war bei diesen
und ihre Vertretungen. Einig war man fich allge- • mein in dem Bestreben, für Gewerbe, Handel und
Industrie eine gemeinsame Vertretung zu schaffen, die danach streben sollte, dem Einfluß dieser Erwerbsgruppen in den Parlamenten, in den Gesetzgebung unb Verwaltung und im gesamten öffentlichen Leben diejenige Erweiterung zu verschaffen, die ihm von Rechtswegen gebührt. Deshalb fand fich auch sofort der allergrößte Teil unserer Industriellen bereit, dir Ziele des Hansabundes zu unterstützen. Sie setzten dabei voraus, daß an unserer Wirtschaftspolitik zum Schutze der nationalen Arbeit, döm Ver- mächwisse Bismarcks, nicht gerüttelt werde; fie setzten ferner voraus, daß in bei Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht ein Stillstand et «trete, sondern mit gesteigerter Energie fortgefahren werde. E» ist noch nicht entschieden, ob beide Voraussetzungen vom Hansabunde jetzt als irrige bezeichnet werden, aber das hat sich bereits gezeigt, daß im Hansabunde mächtige Gegner dieser beiden Programmpunkte fich finden. Hier wird es unbedingt zu einer Auseinandersetzung kommen müssen. Auch wird dem Gründer des Hansabundes, Herrn Geheimen Justizrat Rießer, dabei nicht verhehlt werden, daß der von ihm wie von allen Industriellen ohne jede Ausnahme beklagte Gang unserer Fabrik- und Eewerbegesetzgebung nicht von einer „agrar-demagogischen Richtung" gemacht worden ist. Wer der eigentliche Urheber dieser Gesetzgebung ist, weiß jeder Industrielle. Es ist neben der Sozialdemokratie jenes kleine Häuflein von Eroßstadt-Demokraten, das aus Parteinöten heraus um die Stimmen der Massen bet den Wahlen wirbt. Sollte der Hansabund fich dieser Wirtschasts- und Sozialpolitik zuwenden, fich ihr auch nur in erkennbarer Weise nähern, so würde damit sein Zerfall, und wenn auch vielleicht nicht sein Ende, so doch seine gänzliche Bedeutungslostgkeit befiegelt sein."
Deutsches Reich.
— Der elsaß-lothringische Zentrumstag. Straßburg, 23. Oki. Der Andrang zum ersten elsaß-loth- ringischen Zentrumstag war ungemein stark, sodaß der 1500 Personen fassende Saal des „Sängerhauses" wegen Ueberfüllung polizeilich gesperrt werden mußte. Eine zweite Versammlung wurde deshalb gleichzeitig int „Ritter" abgehalten, während in einem Nebenraum des Sängerhauses eine dritte Versammlung für französisch Sprechende siattfand, an der etwa 200 Personen teilnahmen. In der deutschen Versammlung, in der Reichstagsabgeordneter Dr. Vonderfcheer den Vorsitz führte, kam es zu einer starken Betonung des Zusammengehens der elsaß-lothringischen Zentrumspartei mit der altdeutschen Zentrumspartei. Es sprachen unter anderen: Reichs- iagsabgeorneter Hauß über die politische Lage in Elaß-Lothringen und die Verfassungsreform, wobei er ausführte, daß auch das Zentrum für ein proportionales Wahlsystem fei, aber erst müsse das geheime und direkte Wahlrecht für die Wahlen zur 2. Kammer bewilligt werden, worauf man versuchen könne, es durch ein proportionales Stiftern zu verbessern.
Nachrichten vor den Augen der jungen Phantastin aufgestiegen. — Ein Maler sollte in der Bürgermeisterei aus upb ein gehen? Er konnte lhr begegnen .... vielleicht mit ihr sprechen? Wie er toohl aussah? Daß er jung, schön unb „besonders" war, verstand sich von selbst. Auf den ersten Blick mußte ihn Christiane erkennen Wenn sie, toas freilich in dem He'nen Elmenach nur selten geschah, auf dem Schulwege eine unbekannte Männergestalt bemerkte, schlug ihr das Herz, bis sie sich beim Räherkommen überzeugte, baß sie ein ganz gewöhnliches Menschenkind vor sich hatte; selbst während des Unterrichtes, mit dem sie es sehr ernst nahm, kam es vor, baß sie plötzlich an ben Ersehnten dachte. — Herr Ferdinand Wild konnte der Eröffnung seiner Fabrik nicht ungeduldiger entgegensetzen als Christiane.
Endlich —-seS war inzwischen Frühling geworden — war der Tag des Einzuges da. — Musik , voran, marschierten Arbeiter unb Arbeiterinnen im Sonntagsstaate in ben ge- schmückien Hof. Auch Verwandte und Freunde des Fabriksherrn waren in Feierfleidern ev- schienen, und er selbst, der kleine, freundliche Herr mit ben raschen Bewegungen, hatte heute etwas Feierliches. Es wurde zesungen, geredet, „Hoch" geschrien, wobei die Sttaßenjungen, die sich im Posthofe eingeschlichen hatten, nach Kräften mitwirkten; dann zog die ganze Versammlung wieder mit Musik nach bem Schützenhause, wo sie ein Festmahl erwartete.
Christiane fand das alles zwar sehr schön; aber daß sie unter ben Festgenossen ihren Raffael nicht zu entdecken vermochte, trübte ben Genuß. | — Die Großmutter grollte, daß Ferdinand | Wild, der Bäckerssohn, der ehemals in bet I
Professor Spahn trat bann für die Konfessionsschule« ein und untersttich dabei kräfttg die Notwendigkeit des Zusammengehens mit der altdeutschen Zentrum«- partei. Für den erkrankten Reichstagsabgeordnete« Dr. Heim-Regensburg sprang der Reichstagsabgeorb. nete Will ein, der über die Mittelstandsfrage sprach.
— Der Pofischeckverkqr. Berlin, 21. Oft Der Postscheck))erkehr des ganzen Deutsche« Reiches umfaßte am 1. Oktober 55 599 Sontti Diese Zahl ist nach einem Bestehen der Postscb^ etnrtchtung von 1% Jahren erreicht worden. Dies ist ungefähr soviel als Oesterreich in 17 Jahren erreicht hat. In ben ersten neun Monaten b. I. belief sich bei deutsche Gesamtumsatz auf über 15% Milliarden Mark. Aus Guffchriste« entsallen 7634% Millionen, auf Lastschriften 7620% Millionen Mark. Im internattonalen Postgiroverkehr wurden seit seiner Einrichtung im Februar d. I. bis Ende September 29% Millionen Mark umgesetzt. Von den bayerischen Scheckämtern hatte Anfang Oktober Nürnberg 2619 Konten, München 2605, Ludwigshafen 1263, zusammen 6586. Der Umsatz bet bayerischen Scheckämter belief sich auf 1546 Millionen. Das Gesamtguthaben bet Teilnehmer betrug @nbe September mehr als 9 Millionen. Da« württembergische Postscheckamt Stuttgart hatte 2920 Konten. Sein Gesamtumsatz erreichte in ben neun Monaten dieses Jahres 834% Millionen. Die Kontoinhaber hatten Ende September nicht ganz 4% Millionen gut.
— Der Bremer Straßenbahnerstreik. Bremen, 22. Oki. Der Vorsitzende des Eewerbegerichts hatte heute die Straßenbahnkommission zu sich geladen, um Eint- gungsversuche mit der Direktion der Straßenbahn anzubahnen. Die Straßenbahner lehnten es ab, mit der Direktion ohne Verbandsvertreter zu verhandeln, während die Direktion erneut erklärte, daß sie an dem Beschluß festhalte, nicht mit den Verbandsoertretern zu verhandeln. Damit sind die abermals angebahnten Einigungsversuche gescheitert.
— Die Moabiter Straßenunruhen vor Gericht. Wegen bet Straßenunruhen in Moabit ist bereits gegen 17 Personen Anklage vor der Strafkammer und gegen 9 vor dem Schwurgericht erhoben. Voraussichtlich werden sich etwa 40 Personen vor der Strafkammer und etwa 20 vor dem Schwurgericht zu verantworten haben.
L Hauptversammlung des Reichsverbandes deutscher Städte.
s. & H. Berlin, 22. Ott.
Im hiesigen Elite-Hotel hielt gestern und heute der Reichsverband deutscher Städte, der die Ort« schäften unter 25 000 Einwohnern des Deutschen Reiches und die Preußischen Landgemeinden umfaßt, seine 1. ordentliche Hauptversammlung ab. Bekanntlich sind die Städte von über 25 000 Einwohnern im Deutschen Reiche im Deutschen Städtetag, der unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kirschner (Berlin) und des Oberbürgermeisters Ritter Dr. von Bericht (München) ftebt, zusammenaefaßt, und dieser Verband tritt alljährlich zur Abhaltung eines Deutschen Städtetages zusammen, auf dem die Angelegenheiten der mittleren und kleinen Städte einschließlich der Landgemeinden eine genügende Vertretung ihrer
Bürgermeisterei nur als Fritz Tanners Spielkamerad geduldet war, jetzt nach Gefallen grat- brotig darin schalten konnte.
Und die alten Damen, die sich heute wieder zahlreich einstellten, schrien Wehe über die Sei- denfleider und Samtmäntelchen der weiblichen Wildangebörigen; fanden aber für sich und die Bürgermeisterin einigen Trost in. den verheißungsvollen Sprichwörtern, daß Hochmut vor dem Falle kommt, und daß Vögel, die zu früh singen, von der Katze gefressen werden. Christiane, die sich von ihrer Enttäuschung zu zerftteuen suchte, zeichnete das hochwürdige Konvivium mit überraschender Äehnlichkeit als Vögel rupfende und fteffende Katzen, worüber Lore so böse wurde, daß sie das Blatt ^rriß.
Und dann gab es noch schlimmere Tage als bisher. Die Bürgermeisterin kam mit zu bald zu der Einsicht, daß Herrn Wilds Arbeit noch aufdringlicher war als sein Fest. Vom frühen Morgen an stampfte di« Lokomobile im ehemaligen Wascbhause, und aus den angrenzenden Arbeitstäumen und vom Posthofe herüber antwortete das Raffeln. Knirschen und Schnurren der verschiedenen Maschinen, die sie in Bewegung setzte. Zwischendurch Nangen schrille Glockensignale, das Zu- und Abfahren bet Kohlenwagen, das Schwatzen der Arbeiter, wenn sie kamen und gingen.
Die Empörung der alten Frau wuchs von Tag zu Tag. Wild überschritt seine Befugnisse; sie brauchte sich das nicht gefallen zu lassen. So sehr sich Lotte dagegen sträubte, endlich blieb ihr nichts übrig, als, ihren Mut zt/ammennebmend, tn das Kontor des Fabriksherrn hinuntetzu- gehen und ihm die Beschwerden bet Bürgermeisterin vorzulegen. (Fortsetzung folgt.)