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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

Nnd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."

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DieOberhessisch« Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis betragt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2,25 M. (ohne Bestellgeld), bei unseren Zettungsstellen und der Expedition (Markt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskript« übernimmt die R.dak- tion keinerlei Verantwortung.)

Marburg

Sonntag, 23. Oktober 1910.

Die Jnsertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die Tpo'-nttene Zeile oder deren scanm 15 5>, für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4. Druck und Verlag: Joh. Aug. Ksih, Universitäis-Blichdrnckerei. 3nfinfi<>r Dr. C. 'öilfv'.b Vsnrlnirg, Markt 21. 55.

45. Jahrg.

Erstes Blatt.

Die Presse vor Gericht.

Vom Richter bis zum Laternenanzünder will fast jedermann seine Standesfragen öffentlich behandelt fetzen, Generalsekretäre großer Verbände und Schrift­führer kleinerer Vereine kommen alle zum Redakteur und laden ihres Herzens Lasten auf ihn ab, damit er fie auf das Forum zu allem Volke trage. Rur er selber, der Redakteur, ist in Dingen des eigenen Be­rufes schamhaft und will die Oeffentlichkeit damit nicht belästigen: weiß er doch selber, wie lästig die Verfasser von Standesfragen einem werden können.

Infolge dieser Zurückhaltung, die auf anderen Gebieten bei unserer Presse manchmal viel zu wenig in Erscheinung tritt, haben jahrzehntelang außer­ordentliche Mißstände in der behördlichen, namentlich richterlichen Behandlung der Presse geherrscht, di« jetzt endlich durch die neue Strafprozeßnovelle besei­tigt werden. Die Reichstagskommisston hat vor allem tu diesen Tagen das Berufsgeheimnis des Redakteurs auf gleiche Stufe mit dem des Arztes und des Ju­risten gestellt und damit den unwürdigen Zustand be­seitigt, daß in irgend einer Lappalienklage der Re­dakteur dem Zeugniszwang unterliegt, obwohl An­stands- und Berufspflicht ihm das Verschweigen von Einsendernamen gebieten. Wird eine Zeitung bös­willig oder leichtfertig herelngelegt, so wird fie selbst­verständlich die moralische Verpflichtung nicht aner­kennen, ihren Mantel über den heimlichen Preßfün- der zu breiten. In allen anderen Fällen aber wird ^Mschwiegen und fortan muß jedes Gerücht sich da­bei bescheiden, wenn es nur denVerantwortlichen" Ml. Das ist für das Publikum wie für den Redak­teur" in gleicher Weise angenehm, denn nunmehr ist der Beruf der Preffe als eines öffentlichen Anwalts, der seine Klienten nicht preisgeben darf, endgültig anerkannt und damit der ganze Stand gehoben, gehoben wenigstens in der behördlichen Klassifizie­rung. Von hier aus bis zur Anerkennung besten, daß der Tagesschriftsteller, wenn er Schäden geißelt,in Wahrnehmung berechtigter Jnteresten" handelt, ist noch ein kleiner Schritt und auch der muß gemacht werden. Ist das grundsätzlich festgelegt, so haben die staatlich nützlichen Elemente des Iournalistenstandes alles, was sie brauchen: und umso schärfer kann man dann gegen die Parasiten vorgehen, die den Stand' schänden, die Thersites-Naturen, die im Kläffen und Beschmutzen ihren Lebenszweck erblicken.

In der Komisston hat man jedes Für und Wider vorsichtig abgewogen und auch Ausnahmen von dem Berufsgeheimnis festgesetzt. Sobald es sich nämlich nicht um Vergehen, wie etwa Beleidigung und der­gleichen, handelt, sondern um Verbrechen, dann hört Schweigepflicht und Schweigerecht auf. Gegen diese vernünftige Einschränkung haben die sozialdemokra­tischen Kommissionsmitglieder vergeblich gewütet. Ginge es nach ihnen, so müßte die Preste Hochverrat üben und das Vaterland an den Rand des Abgrun- -ches bringen können, ohne verpflichtet zu fein, den Staatsanwalt in die Hexenküche hereinsehen zu lasten. Weitere Debatten beim Preßkapttel haben üch na­mentlich an die Frage der journalistischen Oeffentlicki- keit der Presse geknüpft: hier ist, wie wir erfahren, das letzte Wort noch nicht gesprochen, wahrschein­lich wird das Plenum die Gerichtstüren noch energi­scher vor Sensationsjournalisten zuschlagen, wie die Kommission, und es täte auch nur recht daran.

Politische Meinungsfreiheit und demokratische Bierseidel.

Bekanntlich istPreußen-Deutschland", der Ort, wo kein Mensch fehle freie Meinung äußern bars, so verkünden Herr v. Gerlach und seine Freunde, und wir sind überzeugt, fie sehen be­reits alle deutschen Männer unterdrückt, gemaß­regelt, geschunden und mit Maulkorb versehen umherwandeln. Das wird, wenn die Neudemo­kraten, bis lang fteilich noch nicht allzuviele, erst am Ruder sind, anders. Zu welcher Höhe geistiger und kultureller Freiheit wir dann steigen, ist garnicht auszudenken. Einen kleinen Vorgeschmack von der Freiheit, die sie meinen, gab eine demokratische Versammlung in Berlin, in der sich der frühere Oberst und jetzige politische Freund des Herrn v. Gerlach als Reichstags­kandidat für den Wahlkreis Berlin I. vorstellte. Wir erhalten darüber folgenden Bericht:

Zu wüsten Lärmszenen und Ausschreitungen kam es am Dienstag abend in einer von der Demokratischen Vereinigung nach demTier­gartenhof" einberufenen Volksversammlung, in der sich der sattsam bekannte Oberst Gaedke all,

Reichstagskandidat für den 1. Berliner Wahl­kreis vorstellte. Das Publikum bestand zu vier Fünftel ausdemokratischen" Elementen, außer­dem hätte die Nähe von Moabit den Besuch einer großen Anzahl höchst fragwürdiger Er­scheinungen bescheert. Auch mehrere Dutzend nationale Wähler waren erschienen, um Ein­spruch zu erheben gegen die unwürdige demo­kratische Hetze. Oberst Gaedke hielt zunächst die von ihm allenthalhen vom Stapel gelaffene Rede. Sie enthielt die abgedroschenen Ausfälle gegen Junker und Pfaffen, Berunglimpftmgen des Reichskanzlers, des Heeres, Verherrlichung der Moabiter Revolutionäre und ähnliches. Als programmatische Erklärung gab Gaedke an, daß bi einem Siege der Demokratie in Deutschland man schon sehen würde, was die neuen Macht Haber leisten könnten. Dann hetzte der Referent zur Revolution auf, indem et erklärte, daß das Beispiel von Porttigal bewiese, wie man zur Er­reichung vonBolksrechten" nicht Jahre, son­dern nur weniger Stunden bedürfe. Den Schluß der Gaedkeschen Rede bildete eine unerhörte An pöbelung des Kaisers, dessen Haltung er unter dem Beifall der Zuhörerschaft alsvolksfeind­lich" bezeichnete. Nachdem in der Erörterung ausschließlich Gesinnungsgenossen des Referen­ten zu Wort gekommen waren, versuchten es zwei nationale Gegenredner. Schriftsteller Doering und Dr. Oestteicher zu sprechen. -Trotz­dem ihnen volle Redefreiheit zugefagt war, er­hob sich fchon bei den ersten Sätzen ein geradezu höllischer Lärm. Die beiden mutigen Männer mußten eine Fülle von nicht wiederzu­gebenden Schimpfereien über sich ergehen lassen, vor der Rednerbühne hatte sich ein Haufen Männer und Frauen angesammelt, die unter Ge­schrei und Drohungen aller Att die beiden Redner aus der Fassung zu bringen suchten, Trotz der verzweifelndsten Anstrengunaen gelang es jedoch nicht, die Redner völlig nieder­zuschreien.

Die darauf folgenden demokratischen und fozialistischen Debatteredner ergingen sich in der­art pöbelhaften Ausfällen, daß es die nationalen Zuhörer unter ihrer Würde hielten, einer der­artigen Versammlung länger beizuwohnen und upter einem Hoch auf den Kaiser den Saal ver­lassen wollten. Während sie durch die Tür hinausgingen, fiel hinterrücks eine Rotte von Demokraten undMoabiter" Gestalten mit Stöcken und Bierseideln über die ruhig Hinaus- gehenden her. Mehrere allein im Saal zurückge­bliebene nationale Männer, die ihrer Entrüstung über diese Vorkommnisse Ausdruck gaben, wur­den gleichfalls beschimpft und mißhandelt."

Und will Du nicht mein Bruder sein, So schlage ich Dir den Schädel ein." ist offenbar eine feinedemokratische" Melodie. Uns dünkt, es gibt Leute, die der Ansicht sind, daß der beste Beweis für die wett, zu weit gehende Toleranz bet preußischen t+t reaktiv nären Regierung der ist, daß solche Anschauungen des famosen Obersten ungestraft vorgetragen wer­den dürfen. Gott behüte uns vor derFreiheit" der politischen Meinung, die uns die Herren Gädke, Breitscheid, v. Gerlach bescheereu wollen. Stöcke und Bierseidel sind nach der Meinung ihrer Anhänger auch überzeugungskräftige Be­weismittel.

Niemand, der die zielbewußte Hetze kennt, mit der dasgläubige Publikum" von dieser Seite seit Jahren bearbeitet toira. wird sich über die Ausschreitungen wundern. Der Haß wird nur geleaentlich in die Tat umgesetzt. Das gibt ja nette Aussichten für den bevorst benden Wahl­kampf. Für die Herren, die bei der Agitation gegen die demokratische Vereinigung in Zukunft tätig fein wollen, empfiehlt es sich wohl, sich mit bier- seidel und stocksicheren Panzern rechtzeitig zu ver­sehen, ehe sie vergriffen sind. Aber auch die politi­schen Ansichten desfamosen" Kandidaten der de­mokratischen Vereinigung verdienen niedriger ge­hängt und von allen fe st gehalten zu werden. Wir werden sie nicht vergessen, zu­mal hier im Wahlkreise voraussichtlich eine dem Großstadt empfinden" nicht so sehr entsprechende Abtönung derProgrammforderungen" von Herrn v. Gerlach zum Vortrag kommen wird.

Deutsches Reich.

Sie Arbeiten des Bundesrats. In der gestri­gen Sitzung des Bundesrats wurde die Vorlage be­treffend die Verteilung des zur Förderung des Brau­gewerbes aus der Brausteuereinnahme zu verwenden­den Bettages und die Vorlage betreffend den Ent- rourf von Bestimmungen über die Branntweinstatistik angenommen.

Der Chef der Mariueftatiou der Osts«. Ber­lin, 21. Oki. Durch heutige Kabinettsorder wurde Admiral von Prittwitz und Eaffton, Chef der Ma- tineftatton der Ostsee, in Genehmigung feine» Ab­

I schiedsgejuches mit der gesetzlichen Pension zur Dis- Position gestellt: in Anerkennung der geleisteten Dienste ist er a la Suite des Seeoffizierskorps fu den Liften der Marine weiter zu führen. Vizeadmiral Schröder wurde zum Chef der Marinestation der Ost­see ernannt.

Das Großherzogspaar von Mecklenburg in Ko­penhagen. Kopenhagen, 21. Okt. Der Eroßherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin sind heute Vormittag hier eingetroffen und vom Kron­prinzenpaar äm Bahnhof empfangen worden.

Ausland.

** Die Verschwörung gegen die bürgerliche Republik. Paris, 20. Okt. Wie jetzt bekannt wird, waren die Behörden schon vor einem Hab­ben Jahre über die Verschwörung unterrichtet, welche de» Sturz der bürgerlichen Republik zu­gunsten eines kommunistisch-sozialistischen Staats­wesens bezweckte. Bei den Haussuchungen sand man namentlich in den Provinzstädten ein die Sozialdemokratie schwer belastendes Material, aus dem hervorgeht, daß ein bis in alle Einzel­heiten ausgearbeiteter Revolutionsplan bestand. In Paris bestand ein revolutionärer Zenttalavs schuß, welcher in allen größeren Provinzstädten Nebenausschüsse besaß. Es war sogar bereits eine neue Regierung vorgesehen, welche im Falle des Gelingens der Revolution bis auf weiteres mit diktatorischer Gewalt ausgerüstet werden sollte. Der Zentralausschuß besaß auch ein Verzeichnis der einzelnen Truppenteile mit der Angabe, welche politische Richtung darin vor­herrsche, wo die Sozialdemokraten in Mehrheit oder doch stark vertreten sind, und bei welchen Truppenteilen die Revolutionäre auf Unter­stützung rechnen konnten. Bei den gestern, in der Provinz abgehaltenen Haussuchungen wurde wiederum sehr schwer belastendes Material für die umstürzlerischen Elemente entdeckt. Den Richtern, welche die verhafteten Eisenbahner und sonstigen «mstürzlerischen Elemente abzuutteilen haben, gehe» so zahlreiche Drohbriefe zu, daß die Behörden einen eigenen Sicherheitsdienst für die« Richter eingerichtet haben.

** Dex gescheiterte Eisenbahnerstreik. Paris, 21. Oft. Die Ausschüsse der Eisenbahnershndikate und des Verbandes der Lokomotivführer und Heizer nahmen einen Beschlußantrag an, in welchem sie unter anderem erklären, daß sie in keiner Weise für die vorgekommenen Sabotage- fällc veraniwottlich gemacht werden können, und daß sie diese entschieden mißbilligen. Da der Eisenbahnerausstand als beendet angesehen wer­den kann, ist die Militärverwaltung im Begriff, die Einberufung der militärpflichtigen Eisenbah tter zu den Fahnen rückgängig zu machen. Die Einberufung, die vor allem im Hinblick auf die nationale Verteidigung borbereitet war, ergab Ausschlüsse über die Möglichkeit der Verbesserung dieser Organisation, die durch die weitere Entwick­lung der Feldeisenbahn-Sektionen im Falle einer Mobilmachung die größten Dienste zu leisten vermöchte. Bordeaux, 21. Okt. Dte noch aus­ständigen Angestellten der Südbahn beschlossen,die Arbeit heute Nachmittag wieder aufzunehmen.

** Drohender Einsturz einer Quaimauer. Boulogne für Mer, 21. Ott. Die eben fertig- gestellt- Quaimauer des für zehn Millionen Franken erbauten neuen Hafenbeckens wurde beim erften Eindringen der Fluten unterfpült, fo daß jeden Augenblick der Einsturz zu erwatten ist.

** Die Republik Portugal. Lissabon. 21. Ott. De: Minister des Innern ist nach Lissabon zurück- gekehrt. Bei seiner Einfahrt von ©c:iubra brachte ihm die Bevölkerung lebhafte Huldigungen dar. Der Führer der Regeneradores Texeiras Sauza erSärte, er betrachte die Part t als aufgelöst. Er felbft ziehe sich einstweilen aus dem politischen Leben zurück, und rate seinen Anhängern, sich offen der neuen Regierung anzuschließen. Berlin, 21. Ott. Die englische Regierung schlug den Mächten bezüglich der Anerkennung der neuen Regierung in Portugal vor, pari passu vorzu­gehen; diese englische Demarche dürste allerseits eine günstige Ausnahme finden. Wie wir hören, erttätte die deutsche Regierung bereits ihr prin­zipielles Einverständnis. Paris. 21. Ott. Aus Lissabon wird demMatin" gemeldet, daß zahl­reiche Personen fteiwillig dem Finanzminister mehr oder minder bedeutende Geldsummen an? bieten, die dazu dienen sollen, die äußere schwe­bende Schuld zu tilgen. Staatsbeamte und Militärpersonen hätten den Finanzminister schriftlich gebeten, einen Teil ihrer Bezüge für diese Schuldentilgung zu verwenden.

* Rußland und England in Persien. Peters­burg, 21. Ott. Zu der englischen Note an Per- sie« führt dieNowoje Wremja" aus, Rußlands Aufgabe fei nicht, Persien zu teilen oder das per­sische Reich zu zerstören, sondern nur die gesetz- I mäßigen Rechte Rußlands zu sichern. Wir über- I nehmen fo sagt das Blatt toetter nicht die I

Vormundschaft über Persien, sind aber bereit, die innere Umbildung zu unterstützen. Wenn die persische Regierung die ihr «ntgegengestreckte Hand ergreift, bleibt Persien auf der Karte box Asien, anderenfalls nicht.

** Die Verhandlungen zur türftschen An­leihe. Konstantinopel, 2L Ott.Tanin" zufolge telegraphiette die Pforte nach Paris, daß das Verlangen der sranzöschen Regierung nach Er­nennung je eines französischen Beamten beim Finanzministerium und bei dem OberrechnungS- hof unannehmbar sei; heute soll der Finanz­minister dem französischen Botschafter den Standpuntt der Pforte darlegen; toenn Frank­reichs Antwort nicht günstig sei, werden die Ver­handlungen abgebrochen.

Der Erpresserprozeß gegen die Wahrheit".

S. & H. Berlin, 21. Ott.

Der von der gesamten deutschen Presse und der breiten Oeffentlichkeit mit Svannung erwartete Er­presserprozeß gegen den Herausgeber der Wochen­schriftDie Wahrheit", den Reichstagsabgeordneten Wilhelm Bruhn und Genossen wird nunmehr am kommenden Montag vor der ersten Strafkammer be» Landgerichts I seinen Anfang nehmen.

Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Brubn, ein geborener Pommer, war ursprünglich Volksschul« lehrer in Putbus auf der Insel Rügen. Bereits wäh­rend seiner Amtstätigkeit befaßte er sich mit Politik, jedoch stand er damals im freisinnigen Lager. Erst als er den Lehrerberuf an den Nagel gehängt hatte und als Teilhaber in eine Druckerei in Weißenfee eingetreten war, änderte er feine politische Richtung und wurde sehr bald ein Mitglied der damals in bet benachbarten Reichshauptstadt sehr stark florierenden antisemitischen Bewegung, die Anfang der 90er Jahr« bekanntlich im Zeichen des Namens Ahlwardt stand. Durch eine gewisse rednerische Begabung, die in ihrer Art stark an die des ebenfalls ans Pommern gebütti- gen Rektors a. D. erinnerte, verstand es Bruhn bald, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere Führer der Bewegung hier und da in den Hinter­grund zu drängen. Beherrschend aber wurde die Stellung Bruhns in der antisemitischen Bewegung Berlins, als es ihm gelang, dieStaatsbürger-Zei­tung" zu erwerben, die durch den Ahlwardt-Prozeß einen großen Aufschwung genommen hatte, unter Bruhns Leitung, jedoch bald wieder zurückging, da Bruhn sie vielfach seinen besonderen persönlichen Interessen dienstbar machte. Diese liefen vor allem auf die Erwerbung eines Reichstagsmandates hin­aus. In diesem Kampfe nach politischer Macht mußte dem jüngeren Bruhn selbst der im Dienste der Partei ergraute Ahlwardt weichen, und in seinem Wahl­kreise Friedeberg-Arnswalde, den er zu Gunsten Bruhns abgeben mußte, domiziliert dieser noch heute.

Auf seinem Wege zur ..Wahrheit" begleitete ihn der Redakteur Hermann Dahsel. Auch er war ur­sprünglich Lehrer, mußte aber wegen einer schweren Gefängnisstrafe, die er wegen Urkundenfälschung er­hielt, sein Amt niederlegen- und war dann zur Staatsbürger-Zeitung" übergegangen. Zur Zeit, al' Bruhn den Verlag des Blattes übernahm, wak Dahsel überschuldet und, wie et in dem gegen ihn gt führten Strafprozeß wegen Erpressung aussagte, voM ständig von Bruhn abhängig geworden. Diese AN hängigeit hatte Bruhn benützt, um Dahsel verschie­dene diffiziele Aufträge zu übermtteln, die im wesent­lichen in der Heranholung von Inseraten bei Leute« bestanden, die aus iraenb einem Grunde bei bet Wahrheit" um gut Meter bitten mußten, damit nicht irgend welche Verfehlungen ober ähnliche Dinge in den Spalten dieses Blates breitgetrete« wurden. Dazu soll nach der jetzt vorliegenden An­klage gegen Bruhn die ..Wahrheit" stets seht gern bereitgewesen sein. Bruhn hatte das Blatt gemein­sam mit feinem jüngeren Bruder Paul ins Leben ge­rufen. Dahsel wurde bekanntlich wegen Erpressung verurteilt. Die gegen ihn erkannten eineinhalb Jahre Gefängnis hat Dahsel nicht abzusitzen brau­chen, da er inzwischen an einem langjährigen Eallen- steinleiden verstarb, seine große Familie im tiefften Elend zurücklassend. In dem Prozeß, der teilweise unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt wurde, unterstellte der Gerichtshof schließ lich als wahr, daß dieWahrheit" des Hern Bruhn Erpressungen betrie­ben habe und daß sie und ihre Leitung als ein« dauernde Bedrohung des Publikums anzusehen fei. Daraufhin wurde von der Staatsanwaltschaft auch ein Verfahren gegen den Reichstagsabqeordneten Wilhelm Bruhn eingeleitet An einem Tage nahmen zahlreiche Kriminalbeamte zu gleicher Zeit an sechs Stellen in Berlin und den westlichen Vororten Durch­suchungen vor, bei denen in der Hauptsache bet Inse­ratenverkehr derWahrheit" festgestellt werden sollte. Von den etwa 80 Fällen, die Bruhn und seine Mit­arbeiter belasten, wurden schließlich sieben dem Pro­zeßverfahren überwiesen, sodaß die Hauptverhand­lung nunmehr am Montag ihren Anfang nehmen soll. Die Anklage in all den Fällen tautet auf Erpressung bezw. auf Beihilfe dazu. Mit Wilhelm Bruhn sitzen auf der Anklagebank sein Bruder Paul Bruhn und der Redakteur bezw. Jnseratenagent Rolf Sommer und Otto Webet. Der Angeklagte wird beschuldiat, mehrere bekannte Berliner Watenhausbesitzet und Leiter großer kaufmännischer Unternehmungen in sei­ner Wahrheit" angegriffen zu haben, um sie dadurch zur Aufgabe von Inseraten für das Blak zu zwingen. Die vollendete Erpressung wird darin erblickt, daß im Anschluß an die Aufgabe solcher Inserate die An­griffe bet Wahrheit" plötzlich verstummten.

Die Anklage behauptet ferner, daß den Straften« Verkäufern die Pflicht auferlegt worden fei, di« lleberschristen der auf die einzelnen Geschäftsleute