WechjW Zeilung
mit -em Kreisblatt für Vie Kreise Marburg und Kirchhain
»nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage."
J2 248
Die „Oberhesiische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch die Post bergen 2,25 <M. (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Eroedition sMarkt 21), 2,00 «M.. (Für unverlangt zu gesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.)
Marburg
Sonnabend, 22. Oktober 1910.
Die Znserttonsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7g^-"liene Zeile oder deren Raum 16 4, für auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4- — Druck und Verlag: Zoh. Aug. Koch, Universttäts-Buchdrnkkerei. Inbab-r Dr. C *5iK'r ’’ " 'rburg, Markt 21. — JeTnnGnn 55.
45. Jahrg.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 85.
Die Nebenregierung in Wilhelmshaven.
Vor etlichen Jahren sollte ein französisches Kreuzergeschwader in Toulon aus politischen Gründen plötzlich in Dienst gestellt werden. Die Werftarbeiter tarten in den Ausstand und das Geschwader konnte erst mit erheblicher Verspätung seeklar gemacht werden. Die französischen Behörden haben solchergestalt die Faust einer gewiffenlosen Nebenregierung schon recht oft zum Schaden der Gesamtheit spüren müssen. In Deutschland zuckte man die Achseln über solche Vorkommnisse. „Kann bei uns nicht passieren!" Aber wir sind leider gegen derartige Uebergriffe auch nicht mehr gefeit.
Auf der kaiserlichen Werft in Wilhelmshaven sind die Torpedoarbeiter unzufrieden mit dem Torpedodirektor, Kapitänleutnant Isendahl. Ein« Arbeiterversammlung macht sich diesen Umstand zunutze. Einer der Agitatoren der Sozialdemokratie hält eine lange gepfefferte Rede und in einer Entschließung wird dem verdienten Marineoffizier die „Mißachtung" der Versammlung ausgesprochen. Die Geschichte fängt also gut an; und wirklich sind etliche der Torpedoarbeiter auf die Hetze hereingefallen und haben der Entschließung zugestimmt.
Hatten die Leute begründete Klagen gegen ihren Vorgesetzten, so stand der ordentliche und einzig gangbare Weg ihnen sicherlich offen. Besonders in unserer Marine ist man sehr umgänglich. Die Behörde verzichtete sogar auf die durch die Reichsgewerbeordnung gerechtfertigte sofortige Entlassung der Schuldigen, weil sie annahm, daß sie in augenblicklicher Erregung gebandelt hätten und sich der Tragweite ihrer Handlung nicht recht bewußt gewesen wären. Rur in fünf Fällen trat Entlassung, in den übrigen Versetzung in eine andere Abteilung ein.
Die Werftleitung hat hier entschieden äußerste Milde walten lassen. Das Entgegenkommen ist aber schlecht belohnt worden. Die Arbeiter haben wieder eine Versammlung abgehalten und kategorisch die Amtsenthebung des Kapitänleutnants Isendahl gefordert. Run schlage etner lang hin.
Als das Zentrum über Anstellung und Versetzung von Kolonialbeamten verfügen zu können glaubte, damals in der Aera der „Eiterbeule", da zeterte die Sozialistenpresse am lautesten über Nebenregierung. Jetzt aber — ja, Bauer, das ist etwas anderes — fetzt sich die Sozialdemokratie selber auf den Thron. Die Sache hat eine sehr ernste Seite. Auch Milde kann zu Unrecht werden, kann den Staat gefährden; in Betrieben, die der Wehrkraft des Vaterlandes dienen, muß Jndisziplin ausgeschlossen sein, sonst treiben wir französischen Zuständen entgegen.
Uebrtgens können wir in diesem Falle die Langmut der Behörden wohl verstehen, denn im Allgemei-
5 verboten.)
Christiane Tanner.
Roman von Claire v. Glümer.
t Fortsetzung.)'
Und doch träumte sie im Schlafen und Wachen von dem fremden, feinen Knaben. Immer wieder rief sie stch's zurück, wie sie Hand in Hand über di« Eisfläche geflogen waren; wie er sie, ihr tief in die Augen sehend, eine Sylphide genannt und bedauert hatte, daß sie nicht in der Residenz lebe, wohin sie, ihrem Aussehen und Wesen nach, viel besser Passe als in dies kleine Nest mit seinen kleinstädtischen Bewohnern. Dann hatte er nach ihrem Namm gefragt, und nachdem sie geantwortet, fröhlich ausgerufen: „Das ist mit lieb, denn ich heiße Christian, und nun gefällt mir mein Name, der uns eine Art Verwandtschaft gbt. Wollm wir es so ansehm . . . wollm wir gute Frmnde werden?"
Bei diesen Wortm war er gefallen und sie hatte nicht erfahren, was er damit meinte. Beabsichtigte er wiederzukommen, nm die Bekanntschaft mit ihr fortzusetzen? — Aber wie sollte das geschehen? Außer Wilhelm kamen nur alte Damen in das Haus der Großmutter, und niemals wurde Christiane zu ihren Schulgefährtinnen eingeladen.
Wußtm sie vielleicht, daß ihr Vater nur gemeiner Soldat gewesm war, und wollte« deshalb nicht mit ihr verkehren? Was lag daran! Nur wie Christian v. Parnim darüber denken mochte, war ihr wichtig. Sie hatte ihm gefallen; seine Augm hatten es noch dmlicher gesagt als seine Worte, und wie seinesgleichen hatte er sie behandelt. War es möglich, daß es anders wurde, wmn er von ihrer Herkunft erfuhr?
Aber hatte sich Wohl je ein Märchenprinz
nen ist das Menschenmaterial, aus dem die Arbeiter unserer kaiserlichen Werften sich rekrutieren, trefflich und besitzt auch den Ehrgeiz, tüchtiges leisten zu wollen. Als vor zehn Jahren eine Panzerdivision für den Boxerfeldzug mobil gemacht wurde, war sie, dank gerade auch unseren Werftarbeitern, in 4% Tagen fix und fertig, gerüstet für zwei Jahre. In England stand man damals mit offenem Munde vor einer solchen Leistung. Es täte uns leid, wenn eine derartige Arbeitsgemeinschaft von Hoch und Gering nun verpfuscht würde.
Totenfeier.
Lissabon, 16. Ott.
Mit dem heutigen Tage, dem Tage der Beisetzung der „Heroen der Republik", des Admirals Candida dos Reis und des Professors Vombarda, kann die erste Phase der Republik als abgeschlossen gelten, und daher werden auch morgen die meisten der Journalisten abreisen, die aus aller Herren Länder hierhergeeilt find. Die heutige Totenfeier gestaltete sich zu einer gut inszenierten Kundgebung des Volkes für die Republik. Man weiß, daß man vor dem Parterre ganz Europas spielt. Die Regierung hatte daher bekannt gegeben, daß die Dienste der Polizei bei dieser Gelegenheit nicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Anspruch genommen werden sollten, sondern daß 800 Zivilisten mit grünen Armbändern Anweisungen erteilen würden. Infolgedessen war auch selbst auf dem Platze vor der (Samara Municipal, in der die beiden Leichen aufgebahrt waren, nicht ein einziger Polizist zu bemerken. Von 11 Uhr an zogen über diesen Platz unzählige Vereine, deren Musikkapellen ohne Ausnahme die Hymne der Republik spielten. Nicht die geringste Störung, nicht die geringste unangebrachte Redensart, nicht ein unvernünftiges Drängen und Stoßen, und auch die zerlumptesten Gestalten benahmen sich mit einer Höflichkeit und Manierlichkeit, wie man es mancher anderen Nation hätte als Muster hinstellen können. Trupp auf Trupp zog über den Platz, und wenn die Musik mit der Fahne an der Spitze eines jeden Trupps erschien, da blieb nicht ein Haupt bedeckt, jeder zog den Hut.
Diese ruhige Unterordnung der Menschenmassen ist übrigens nicht Frucht der Republik, sondern eine alte gute portugiesische Eigenschaft. Als ich im Jahre 1896 die tapferen portugiesischen Soldaten aus dem schweren Zulufeldzuge in Ostafrika nach Portugal zurückkehren sah, waren die Straßen so gedrängt voll von Menschen, daß ich ein Passieren der Soldaten f°um für möglich hielt. Und doch, wie überaus glatt wickelte sich alles ab, ohne jedes Zutun der Polizei! So auch heute wieder. Kein Polizist zu sehen, und doch werden durch ein paar freundliche Worte der beauftragten Zivilisten die gewaltigen Menschenmassen in Ordnung gehalten; nur an den Straßenkreuzungen sind einige Soldaten bemerkbar, die den Zivilisten Unterstützung leisten. Die Folgerung, die die Fremden daraus ziehen, lautet: „Was muß dieses so ruhig
daran gekehrt, ob die Holde, die sein Herz gewann, eine Königstochter oder eine Gänsehirtin wcf?
Blieb doch auch er mit seiner schlanken Gestalt, seinem schönen Gesicht, seinen angenehmen Manieren für sie ein rechter, echter Märchenprinz, wenn er in Wirklichkett auch nur Christian v. Parnim hieß.
So wartete sie denn auf sein Wiederkommen, halb wir das Kind auf den bevorzugten Spi l- gefährten, halb wie das junge Mädchen auf den Mann, der ihr zuerst gesagt hat daß er sie reizend findet.
Diese erste Regung ihrer weiblichen Eitelkeit war aber noch ganz kindisch, und ebenso war das Bild, das sie sich nach und nach von dem Wesen und dem Schicksal ihres Vaters entwarf. — Aus Lores Bericht ging hervor, daß er sich gegen Weib und Kind gewissenlos benommen habe; Christiane fand jedoch eine andere Erklärung für fein Verschwinden. — Als Sprössling des ehrenhaften Geschlechtes der Tanner konnte er nur für kurze Zeit auf falsche Wege geraten fein, und es war großherzig von ihrer Mutter, daß sie an dem Verirrten festgehalten hatte; ibm in Armut und Niedrigkeit gefolgt war. Ibn aber hatte Plötzlich die Reue gepackt und fortgetricbcn; er fühlte sich feiner schönen, guten Frau nicht wert und ginH in die weite Welt, um — wie Christiane in zahNosen Geschichten gelesen hatte — sein Glück zu machen.
Ehe er damit zustande kam, hatte er aber die Todesnachricht der gefiebten Frau erhalten, während der frühere Brief, der ihm die Gebutt seines Kindes melden sollte, verloren gegangen war. Was hätte ihn nun in die Heimat zurücklocken können? — Er blieb, wo es ihm gut ging, und wo niemand wußte, daß er einst schlimme Tage gesehen hatte. Di« schönsten „Lebensläufe
veranlagte, überaus geduldige und mit seinen kärglichen Einnahmen zufriedene Volk gelitten haben, bevor es zu dem äußersten Schritte, die Staatsgewalt zu stürzen, überging!" Aber das ist ein Trugschluß; das „Volk" hat die Revolution nicht gemacht und würde ebenso geduldig eine Gegenrevolution mit ansehen. Wenn man „die Portugiesen" nur darnach beurteilt, wie sie sich an den Anlegestellen der lleber- seedampser gegenüber den Fremden zeigen, lärmend und bettelnd, wie man es auch in den Hafenstädten anderer Länder beobachtet, dann glaubt man gar« nicht, wie still diese Leute eigentlich sind. Ich kenne die Pyrenäenhalbinsel seit über 30 Jahren, aber noch nie ist es mir in Portugal vorgekommen, daß ich irgendwie aufdringlich belästigt wäre, im Gegensatz zu Spanien, wo man oft von Bettlern und sonstigem frechem Volk lange verfolgt wird.
Wenige Minuten nach 12 Uhr kam der Präsident Professor Braga zusammen mit dem Minister des Auswärtigen Professor Machade in einer Auto- drofchke angefahren, von der Menge würdig und still begrüßt, aber erst um %2 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Die beiden Lafetten, auf denen di« niedrigen, mit der Stadtflagge bedeckten Särge ruhten, wurden von je 6 Maultieren gezogen. Während die vorauffahrenden 5 Wagen mit prächtigen Kränzen teils von Mannschaften des 16. Jnfanterie-Regi- mets, teils von Marinetruppen, teils von Zivilisten gezogen wurden, wurden die Lafetten nur von Matrosen eskortiert, und zwar waren alle diese begleitenden Militär- und Zivilpersonen solche, die an den Kämpfen des 4. und 5. Oktober teilgenommen hatten. Diese Ehrung der wirklichen „Kämpfer" — es find übrigens während der „fürchterlichen Schlachten" insgesamt nur 56 Menschen gefallen — geschieht aus gutem Grunde. Um «in Haar wäre nämlich di« ganze Operetten-Revolution mißlungen. Di« aufrührerischen Landsoldaten, deren Offiziere zum Teil schon ihre Uniform mit Zivilkleidung vertauscht hatten und, die Revoultion als verloren betrachtend, geflohen waren, wollten schon die Waffen niederlegen. Erst als die meuternden Matrosen erklärten, daß fie die Stadt bombardieren und bei einem Fehlschlag ihre Schiffe auf Grund setzen würden, kam neue „Begeisterung" in die sehr hart bedrängten aufftändischen Truppen, die nun lieber noch weiter standhielten, als sich bombardieren ließen.
Erst nach 6 Uhr abends endete die Feierlichkeit; es ist meines Wissens nicht der geringste Zwischenfall dabei eingetreten. Man muß immer wieder sagen: Wie leicht hätte dies Volk regiert werden können, ohne zur Republik überzugehen, wenn die vielen Ministerien, die mit halbjährigen Zwischenräumen einander abwechselten, ein wenig mehr Interesse den Bedürfnissen des trotz aller Bodenschätze schwer ringenden Landes zugewandt hätten! Aber das ist ja eben der Jammer parlamentarischer Regierungen, daß fie fast nichts Positives leisten, weil sie zu viel mit der Versorgung ihrer Anhänger zu tun haben. In Portugal hatten wir dasselbe Schauspiel, wie bei
in auffteigenher Linie" liess ihn di« Phantasie der Tochter durchmessen. Bald sah sie ihn als Minister oder Heerführer eines indischen Fürsten bald als Präsidenten eines südamerikanischen Freistaates; bald als Kaufberra, der über Millionen gebietet Jedenfalls war er ein großer, mächtiger Mann geworden, dem zum vollkommenen Glück nur die Zärtlichkeit feiner Tochter fehlte,
Aber auch diese sollte ihm zuteil werden! Christiane beschloß, von dem Manne, der einst ihr Herz und ihre Hand begehren würde, als Beweis seiner Liebe das Suchen und Find-n ihres Vaters zu verlangen. — Sie hatte dergleichen aus den Taschenbuchnovellen erfahren, die ihr Lore zu lesen erlaubte, wenn sie mit ihren Schularbeiten fertig war. Die verblichenen himmelblauen Bändchen aus den Zwanzigev- jahren, ein Erbteil aus dem Elternhause der Großmutter, standen noch beute auf dem Bücherbrettchen in der Wohnstube n ben Zschokkes „Stunden der Andacht" und Starkes „Häuslichen Gemälden". Wilhelm, der diese Literatur verächtlich „alte Scharteken" nannte, hatte versucht, Christane zu Homer zu bekehren; und als sie das „ewige Totstechen" abschcufich und langweilig fand, hatte er ihr Brehms „Leben der Tiere" gebracht, das er sich von Jahr zu Jahr hestweise zu Weihnachten schenken Neß.
Eine Weile hatte sich das junge Mädchen damtt beschäftigt: aber eines Sonntags nachmittag, etwa drei Wochen nach d-mt Prinzenbesuch, fand sie Wilhelm im Stübchen der Tante wiederum in eines der Goldschnittbändchen vertieft, und als er spottend fragte: was sie an den elenden Schmökern habe? — anttoortet« sie: Menschen wären ihr immer intereffanter als aller Viehzeug der Wett,
den sogenannten „Personenparteien" Griechenland», di« auch durch eine Revolte abgelöst worden sind.
Deutsches Reich.
— De, König von Sachsen. Neustrelitz, 20. Oktober. Nach der Frühstückstafel begleitete bei Großherzog den König von Sachsen zum Bahnhofe, von wo der König um 3 Uhr die Rückreise nach Dresden antrat.
— Ein neues Mitglied des Herrenhaufe«. Danzig, 20. Ott. Oberbürgermeister Scholz wurde auf Lebenszeit ins Herrenhaus berufen.
— Die Justizkornrnisfion de8 Reichstages. Berlin, 20. Ott. Die Justizkommission des Reichstages lehnte den Paragraphen 178 Abs. 1 der Novelle des Gerichtsverfassungsgesetzes. der in Beleidiaungsprozesse« eine Einschränkung bei Oeffenttichekit im weiteren Umfange als bisher zum Schutze des Privatlebens der Beteiligten oder dritter Personen ermöglichen wollte, mit 13 gegen 13 Stimmen in zweiter Lesung ab.
— Der SenatsprSsident des Reichsgerichts. Leipzig, 20. Oft. Anstelle des in den Ruhestand tretenden Senatsprästdenten Dr. Olshausen ifl Reichsgerichtsraf von Pelargus zum Senatsprä- fibenten des Reichsgerichts ernannt worden.
— Zu Luchenis Selbstmord. In Deuffchland ist wieder einmal unter den Juristen eine „Bewegung" im Gange, die sich auf die Abschaffung der Todesstrafe richtet. Es gibt eben auch unter Richtern und Rechtsanwälten sentimentale Leute, denen es ein grauenvoller Gedanke ist, daß die Obrigkeit „ibr Schwert nicht umsonst trägt,. Zu rechter Zeit werden wir da an Lucheni erinnert, jene anarchistische Bestie, die vor einem Hotel in Gens einer ihm ganz unbekannten Dame — es war die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich — eine spitze Feile ins Herz stieß und diese Tat in ben seitdem verflossenen 12 Jahren nie bereute. Der Kanton, der ihn abzuurteilen hatte, kennt dit Todesstrafe nicht und sperrte ihn bloß ein, gab ihm eine gute Nahrung, gute Lektüre, elektrische Beleuchtung und sonstigen „modernen Komfott" in seiner Zelle. Nach vier Kerkeriahren aber, 1902, benutzt Lucheni das erste Messer, das ihm in die Hände kommt, um nach dem Gesängnis- direftor zu stechen. Er singt unflätige Lieder, er hofft, daß die Anarchisten ihn mit Dynamit be- freien werben; und fetzt endlich — erhängt er sich, hat aber inzwischen (die Sensationspresse hat dafür grsorat) zahlreiche andere Mordbuben „begeistert". Statt Schaffot Zuchthaus, statt Zucht, haus Irrenanstalt, statt Irrenanstalt Sanatorium — das ist die schief« Bahn, auf der bt( moderne Sentimentalität aus Verbrechern Pfleglinge macht, damit sie nur recht gedeihen.
— Die Einnahmen der Preußisch-Hessischen StaatSeisenbahn. Berlin. 20. Ott. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Betriebseinnahmen bet Preußisch-Hessischen Staatseisenbahnen betrugen im September 1910 gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres im Personenverkehr 4,4 Millionen Mark gleich 8,65 v. H., im Güierver-
Wilhelm zuckte die Achseln. „Die Menschen müßten nur danach sein," sagte er.
„Was weißt Du denn von ihnen?" rief Christiane. „Es könnte manchem nicht schaden, wenn er sich an den Menschen in diesen alten Schmökern ein Beispiel nähme."
„Geht das auf mich?" fragte Wilhelm belustigt „Laß hören . . . was soll ich Deinen Buchhelden nachtun?"
Christiane zauderte; es war eigentlich noch nicht an der Zeit, von ihren Herzenswünschen zu sprechen; aber die Versuchung, Wilhelms Gesinnungen kennen zu lernen, war groß, und als er sich ihr gegenübersetzte und ihr mit erzwungenem Ernst in die Augen sah, antwortete sie, indem sie auf die vergilbten Buchblätter deutete:
„Da lese ich eben die Geschichte des Ritters Landolin v. Löwenburg. Er liebt das schöne Edelfräulein Heriberta, aber sie ist mit dem Ritter Kunz von der Aue verlobt und grämt sich halb tot um ihn, denn er ist nach Spanien in den Krieg gegen die Mauren gezogen, und seit drei Jahren hat man nichts von ihm gehört. — Die Eltern der schönen Heriberta wollen sie nun mit Landolin verheiraten, aber der ist so edel, daß er sich erbietet, den verlorenen Ritter Kunz zu suchen, und wenn er ihn findet, auf Heriberta zu verzichten. Nun zieht er schon ein ganzes Jahr durch spanische Wälder und Berge; kämpft mit Räubern, Mauren und wilden Tieren; leidet Hunger und Durst. Hitze und Kälte. Was daraus wird, weiß ich noch nicht, . . es kommt auch nichts daraus an. Di« Frage ist: ob Du zum Beispiel Dir so viele Mühe geben und so vielen Gefahren ttotzen würdest, wenn ich Dich cmfforderfe, meinen Puter zu suchen.*
(Fortsetzung folgt.) ''