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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

Mitb den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Beilage."

JE 247

DieOberheffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn, und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel­jährlich durch die Post bezogen 2,25 Jt (ohne Bestellgeld), bei unseren Zcitunqsstellen und der Ervedition (Markt 21), 2,00 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak- tion keinerlei Verantwortung.)

Marburg

Freitag, 21. Okwber 1910.

Die ZnsertionsgeLübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die Tp^-oftene Zeile oder deren xaum 16 fflt auswärtige Inserate 20 4, für Reklamen 40 4 Druck und Verlag: Ioh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei. Inhak>->r Dr. C kitt-er-ub. Älarbnrg, Markt 21. Tel-nünn 55.

45. Jahrg«

Die ErklärunM des Schatzsekretärs.

Wenn Herrn Dernburg bisweilen der Vor­wurf gemacht wurde, er unterlasse die Einbrin­gung kolonialwirtschastlich wichtiger Vorlagen, pflegte er den Daumen aus dem Westenärmeh' schlitze zu nchmen und über die Achsel zu zeigen. Das hieß:Der Schatzsekretär ist unerbittlich, der Schaßsekretär rückt nichts raus!" Andere Minister machten es ähnlich. Und dann ver­stummten die Mahner. Es galt eben immer zu­nächst die Deckungsfrage zu regeln; Vorlagen ein­bringen und bewilligen lassen, um danndie nötigen Anleihen" zu ihrer Ausführung aufzu- nchmen, ist unsolide Wirtschaft.

In der Kommission für die Reichsversiche- ningsordnung hat in der vorigen Woche der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, als von der Unterbringung der Anleihen bei den kapitalstar­ken Landesversicherungsanstalten gesprochen wurde, die feierliche Erklärung abgegeben:Es wird das Bestreben der Verbündeten Regierungen sein energisch auf eine Besserung in der Anleihe­wirtschaft des Reiches hinzuwirken." Viel ist auch schon bisher erreicht worden, seit der Ruf zur Sparsamkeit erscholl und die Forderung des Reichstages,Keine außerordentlichen einmali­gen Ausgaben ohne vorherige Lösung der Deckungsfrage", auch von der Negierung zu der ihrigen gemacht wurde. Der letzte Etatsentwurf von 1910 zeigt gegenüber dem von 1908 eine hocherfreuliche Besserung. Die Anleihe zur Be­streitung einmaliger außerordentlichr Ausgaben betrug damals noch 260,5 Millionen Mark, dies mal nur noch 151,7 Millionen. Im kommenden Eta! Werden die außerorsdentlichen Ausgaben noch mebr eingeschränkt werden, so daß schon aus diesem Grunde die Ausgabe von Rcichsschuldver- schreibungcn vermindert werden kann. Der Staatssekretär hat in Aussicht gestellt, daß in den Ansprüchen an die Betriebsmittel des Reiches eine nicht unbeträchtliche Verringerung eintreten werde. Dazu trägt schon die Entlastung durch die Reichspost bei, die die gesamte Auszahlung der Versicherungsrenten besorgt. Ferner ver­dient man jetzt mehr als je bei der vermehrten Prägung von Ein- und Zweimarkstücken, die bei dem gegenwärtigen niedrigen Stande des Silber­preises sehr billig hergestellt werden: der Metall­wert des Markstückes beträgt zur Zett knapp 38 Psrnuig. Und das Reichsschatzamt will noch in stärkerem Maße diese kleineren Stücke prägen lasten. Ferner soll den Berufsgenossenschaften und Versicherungsanstalten durch die Reichsver- stcherungsordnung aufgegeben werden, einen Teil ihres Vermögens in Reichsanleihen anzulegen, «m deren Kurs bester zu halten zum Schmerze gewisser Interessenten, die aus der Not des Rei­ches Geld zu machen gewöhnt waren. Ueberdies verspricht der Staatssekretär des Reichsschatz­amtes, daß künftig Reichsanleihen zu günsügeren Terminen aufgelegt werden, eine Notwendigkeit, auf die man bisher nicht immer Bedacht genom­men hat.

Der Staatssekretär hat im ganzen mit seinen Plänen in der Kommission eine gute Aufnahme gefunden. Das gute Wetter dürfte auch von dem

Berl. Tageblatte" nicht getrübt werde», das von allerlei erregten Szenen zwischen Kanzler und Schatzsekretär zu erzählen wußte, um beiden Unbequemlichkeiten zu bereiten. In parlamen­tarischen Kreisen hat man zu unserer jetzigen Finanzwirtschast durchaus Vertrauen.

Bei Braga.

Von einem nach Portugal entsandten Spezialbericht­erstatter.

Lissabon, 14. Okt.

Der wichtigste Platz Lissabons ist die Praca do Commercio; hier, direkt am breiten Xe jo, befinden sich, den Platz an drei Seiten umgebend, die Mini­sterien, das Post- und Telegraphenamt, der Oberste Gerichtshof, das Zollamt, die Börse, ein Feuerwehr­depot, also alles geradezu ideal schon beisammen. Unter den Arkaden vor den Ministerien pflegen die Politiker, Offiziere aller Gattungen, kurz alles, was mit den Ministerien in Berührung kommt, Gedanken auszutauschen, und man kann schon leicht an dem größeren oder geringeren Zuspruch, den die Arkaden finden, sehen, ob wichtigere Tagesfragen in der Luft liegen oder nicht. Es ist also leicht begreiflich, daß jetzt dichte Gruppen unter den Arkaden vor den Mi­nisterien herumstehen. Ist ein Wechsel des Kabinetts eingetreten, dann füllen sich auch die Vorzimmer der im ersten Stock gelegenen Gemächer der Minister, sei es, um Auskünfte einzuziehen, sei es, um Anstel­lungen zu erhalten, und daß daher jetzt, wo nicht nur ein Wechsel im Ministerium, sondern auch ein Wech­sel der Regierungsform stattgefunden hat, der An­drang in den Vorzimmern der Minister besonders stark ist, kann als selbstverständlich hingestellt werden; überall Offiziere und Zivilisten, die durch keine ge­sellschaftliche Kluft von einander getrennt find, bunt durcheinander, und allewollen was".

Leicht ist es nicht, zu den Ministern zu gelangen, zumal in dieser Zeit, wo die Herren mit Arbeiten aller Art überhäuft find. Die Sekretäre der Minister find daher fortwährend in Bewegung, um zusieben".

Ohne irgend welche Förmlichkeit wurde ich nach­mittags vom Präsidenten Dc. Theophilo Braga, einem bereits älteren Herrn mit ergrauendem Haar, der außer dem Präsidium auch das Portefeuille des Innern innehat, empfangen. Er war angenehm überrascht, daß nach der französischen Begrüßung die Unterhaltung portugiesisch weitergesührt werden konnte. Leider mußte ich sehr bad konstatieren, daß diesen neuen Machthabern der Ausbruch der Revolu­tion so überraschend gekommen ist, daß sie nochkeine Zeit" gefunden haben, sich auf ihre Tätigkeit vorzu­bereiten. Es sind blosallgemeine Richtlinien" für die neuen Männer vorhanden, nicht aber eine be­stimmte Stellungnahme zu Spezialfragen. Ich brachte das Gespräch, nachdem Braga die schon sonst bekannt gewordenen Ansichten über die Ersetzung der Mon­archie durch die Republik dargelegt hatte, bald auf die kommerziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Portugal. Bekanntlich wollte das letzte nzon- archische Ministerium Teixeira de Souza eine Ge­

setzesvorlage einbringen, die auch bei Eröffnung der Tortes in der Thronrede angekündigt war, um einen Teil der Zölle in Geld zu erheben. Da dies gegen eine Klausel des deutsch-portugiesischen Handelsver­trages vom 30. November 1908 verstoßen hätte, so würde Deutschland bei der in den Cortes nicht zwei­felhaften Annahme des Gesetzes das Recht erhalten haben, den Vertrag, der erst seit Anfang Juni diese» Jahres in Kraft ist, wieder zu kündigen. Ich frug daher den Präsidenten, wie sich das republikanische Ministerium zu dieser Frage stelle. Braga nahm eine Visitenkarte und machte mit dem Zeigefinger eine Be­wegung, als ob er die Karte durchbohren wolle und sagte:So wäre der deutsch-portugiesische Handels­vertrag durch das letzte Ministerium durchlöchert worden". Das war aber auch alles, was der Herr Professor der Philosophie und nunmehrige Präswent mir zu sagen wußte.

Der Präsident, der bisher über Philosophie ge­schrieben hat, ist vom besten Willen beseelt, seinem Besucher dienlich zu sein, weiß aber in fachpolitischen Diagen eben nicht Bescheid. Wir kamen dann auf das religiöse Gebiet zu sprechen und ich frug, wieviel Personen von der Ausweisung der Kongregationen betroffen würden. Braga gab mir die Zahl von 600 an und fügte hinzu, daß, wenn man fortgefahren hätte, die gegen die Zulassung von Kongregationen bestehenden Gesetze nicht anzuwenden, Portugal bald einen so starken Zuzug von Klosterleuten erfahren hätte, daß das Land mit seinen 5 Millionen Einwoh­nern aufs schwerste davon betroffen worden wäre. Es sei höchste Zeit gewesen, jetzt einzugreifen, doch werde durchaus human vorgegangen. Man hat nach allem nicht den Eindruck, einem großen Politiker gegen« überzusitzen, aber einem wirklich netten Privatmanne. Braga ist eine ruhige, freundliche Natur, und nicht, wie man denken könnte, ein republikanischer Hitzkopf. Seine Kollegen sind ebenfalls Angehörige gelehrter Berufe, Professoren, Aerzte, Rechtsanwälte, und man muß abwarten, was diese unpolitischen Existenzen nun fertig bringen.

Deutsches Reich.

Der König von Sachsen in Neustrelitz. Neustrelitz, 19. Okt. Der König von Sachsen traf heute Mittag auf dem hiesigen Lahnhof ein und wurde von dem Großherzog empfangen.

Wechsel in der hohe» Diplomatie. Berlin, 19.. Ott. DieRordd. Allg. Ztg." gibt die Er­nennung des bisherigen Botschaftsrats in Madrid Prinz Heinrich XXXI. Reuß j. L. zum kaiserlichen Generalkonsul in Kalkutta bekannt. Der bisherige ständige Hilfsarbeiter in der Reichskanzlei v. Komnitz wurde zum Botschafts- rat in Madrid ernannt.

Die Justizkommisston de« Reichstages. Berlin, 19. Ott. Die Justizkommisston des Reichstages setzte die zweite Beratung der No­velle zum Gerichtsverfassungsgesetz fort. § 118 wurde nach der Regierungsvorlage wiederherge­stellt. Hiernach können in Zukunft Volksschul­lehrer nur noch zum Amte eines Schöffen- und

Jugendgerichtes berufen werden. Die Regierung legte großen Wert auf die Wiederherstellung der Vorlage, namentlich trat dafür der Vertreetr des preußischen Kultusministeriums ein.

Die nächsten Reichstagswahlen. Einzelne Blätter haben behauptet, der Reichstag werd« wohl im nächsten Frühling aufgelöst werden, und im Sommer würde dann gewählt. Daran den» in der Regierung kein Mensch. Wie wir an zu­ständiger Stelle erfahren, wird d-e Neuwahl des Reichstages erst nach der Ernte 1911 stattfinden, aber doch noch fo frühzeittg, datz unter allen Um­ständen die Etatberatung zu guter Zeit beginnen kann. Die nächsten Reichstagswahlen sollen also im November beendet sein.

Die Arbeiten des Reichstages. Der Reichs­tag wird, wie nun bestimmt feftsteht, am 22. November nachmittags seine Sitzungen nach mehr als sechsmonatlicher Pause wieder auf­nehmen, und zwar, wie üblich, mit einer Petitionen-Tagesordnung. Da ihm der neue Etat voraussichtlich erst in den ersten Dezember­lagen zugehen wird die Besprechungen über den Etat zwischen Reichsschatzamt und den Ressorts sind erst eben abgeschlossen worden, so daß die Beratungen im Bunderrate später als im Vorjahre beginnen werde», so bleibt dem Reichstage genügend Zeit, neben einigen Inter­pellationen den plenarreifen Stofs aus dem Frühjahre zunächst auszuarbeiten. Der Entwurf über die Privatbeamtenverstcherung wird, siche­rem Vernehmen nach, dem Bundesrate erst im November frühestens zugehe» können, so datz dieser Entwurf im Reichstage zu Beginn des neuen Jahres zu erwarten ist. Ueber die neue Ouinquennatsvorlage verlautet, daß ihr Um­fang nicht so groß Ist, wie erwartet wird, und das Reichsschatzamt seine Wünsche im allge­meinen durchgeseht hat; die Forderungen sollen 40 Millionen nicht übersteigen, die auf die ver­schiedenen Etatsjahre zu verteilen sind. Dem Vorschläge, das Einjährigenvorrecht zu er­weitern, um dadurch die Friedenspräsenzstärke ohne neue Mittel zu erhöhen, ha! das Kriegs­ministerium nicht zugestimmt. Bekanntlich sind die 25 000 Einjährigen in der Präsenzstärke nicht eingerechnet.

Der Saatenstand in Preußen. Berlin, 19. Oktober. Saatenstand in Preußen um Mitte Ottober 1910 (wenn 2 gut bedeutet): Kartoffel 2.8 (Vorjahr 2,6); Zuckerrüben 2,4 (2,9); junger Klee 2,3 (2,6); SÄnterf(taten: Weizen 2,6 (2,5): Spez 2,5 (2,2); Roggen 2,5 (2,6); Raps und Rübsen 2,5 (2,4).

Die Ausschreitungen in Bremen. Bremen, 19. Okt. Ueber die Ausschreitung am gestrig-n Abend wird noch berichtet: Am Dienstag um 5 Uhr nachmittags begannen größere Ansamm­lungen in der Nähe des Depots Haferkamp. Gegen 6 Uhr wurde dieses durch dir Polizei ge­säubert. Erst gegen 7% Uhr trat Ruhe ein. Um diese Zeit wurde einSchutzmann in der Nordstraße mit Steinen und Flaschen geworfen und einem Pfeffer und einem Polizeiwachtmeister ein Kranz in die Augen geworfen; da die Mcnge eine drohende Haltung annahm, mußte der Platz ge­säubert werden; dabei sielen aas der Me ige

4 ("7n*hrnc verboten.)

Christiane Tanner.

Roman von-Claire v. Mvmer.

(gortfetung.)

Kind, Kind, wie unvernünftig und unge­recht Du nun wieder bist," nagte Lore.Mich hat niemand fortgeschickt; ich bin freiwillig ge­gangen, weil ich im Pfarrhause nicht mehr nötig war, während ich Deiner Großmutter nütz­lich sein konnte; für Dich aber war es Zeit, daß Du in die Schule kamst; Du warst neun Jahre alt."

Bei Onkel Marttnh hatte ich mehr gelernt, als die Mädchen hier in der Schule," versicherte Christiane,und wenn ich nicht im Pfarrhause bleiben kannte, so war das doch nicht meine Schuld. Aber Großmama ist vom ersten Tage an unfreundlich gegen mich gewesen. Sie war es immer, ich habe mich schon als Heines Kino vor ihr gefürchtet, wenn sie 'mal herauskam, nach mir zu sehen. Großpapa war ganz anders."

Deine arme Großmutter ist krank und hat schweren Kummer gehgbt," wendete Lore ein. Christiane sprang, auf.

Kann ich dafür?" rief sie heftig.Darf mich Großmama quälen, weil meine Mutter sie ge­kränkt hat? Wenn sie ihre Tochter ebenso schlecht behandelt hat wie mich, war's natürlich, daß meine arme Mutter fortgelaufen ist . . . und ich werde das auch 'mal tun! ... brauchst mcht zu erschrecken, Tante Lore," füg'e sie lachend hinzu. Von einem Soldaten lasse ich mich nicht ent­führen .... es muß ein ganz, ganz vornehmer Herr fein!"

Unglückskind!" schrie Lore auf; aber nun steckte Wilhelm den Kopf in die Tür, und fein

lustigesHallo, was gibt'S denn hier?" unter­brach die Strafpredigt der Tante. Christiane eilte auf ihn zu.

O, Wil!" rief sie,was macht mein Prinz!"

Wenn Du das zerbrechliche Herrchen meinst, mit dem Du gelaufen bist, so kannst Du Dich beruhigen," antwortete Wilhelm.Es liegt in einem gutaeheizten Zimmer auf dem Sofa und die gnädige Frau Schloßhauptmann läßt ihm um fein verstauchtes Füßchen Wasserum- schläge machen. Ein Prinz ist er übrigens nicht."

Ist er wohl!" fiel das junge Mädchen ein; er hat mir selbst gesagt, daß et Christian heißt."

Warum sollte er nicht? auch gewöhnliche Menschenkinder können so heißen," sagte Wilhelm.

Der Prinz Christian war der Jüngere der beiden Blonden, die immer nebeneinander liefen. Dein Christian mit den Rosinenaugen und dem braunen Lockenköpfchen ist der Sohn eines Kammerherrn von Parnim."

Christian» sprang auf.

Du willst mich ärgern ... ich glaube Dir nickt!" rief sie und lief zur Türe hinaus; Wilhelm, der sich anfchickte, ihr zu folgen, wurde von Lore zurückgehalten.

Um Gotteswillen, fei still!" bat sie mit bebender Stimme,den Namen, den Du eben genannt hast, darf das Kind nicht wieder hören . . . versprich mit, liebet Junge, ihn nie wieder zu nennen . . . nie, nie! Nicht wahr. Du versprichst es mir?"

-Ja wenn Du mir sagen willst, warum," gab et zögernd zur Antwort.

Es ist unrecht, daß Du mich zwingst, davon zu sprechen," Hagle Lore.Weißt Du t-enn nicht, daß es einer von ihnen war, ier Christianens Muiter ins Unglück gebracht hat?" Nein, das habe ich nicht gewußt," sagte Wilhelm.Aber was sollen wir tun, Tante Lore? Die Begegnung ist nicht ungeschehen zu machen, und daß Christiane den Namen ihres Partners erfährt, läßt sich nicht ändern. Alle Schulmädchen, die auf dem Eise waren, werden sich von ihm und seinen Familienverhältniflen unterhalten. Und wär's denn ein Unglück, wenn Christiane bei der Gelegenheit erführe, in welchen Beziehungen sie zu den Parnims steht? Die Wahrheit wäre vielleicht das beste Mittel, ihre Begeisterung für den vermeintlichen Prin­zen abzukühlen."

Lore schüttelte seufzend den Kopf.

Du irrst ich bin überzeugt, Christiane würde auf die adelige Verwandtschaft phan­tastische Hoffnungen bauen," antwortete sie und erKhlte dem Neffen, wie das junge Mädchen die Nachricht von den venneintsichen niederen Lebensstellung ihres Vaters ausgenommen und versichert hatte, sie werde sich mir von einem ganz, ganz Vornehmen!" entführen lassen.

Das hat sie gesagt ... der Kindskopf " rief Wilhelm und lachte wieder in gewohnter Weife.Sorge Dich nicht, Tantchen; solange Christiane ihre törichten Absichten ausspricht, ist unser Wächteramt leicht. Wir wollen schon acht- geben, daß nichts Dummes geschehen kann."

Das wollen wir," sagte Sore mit etwas er­heiterter Miene.Du versprichst mir aber, den Kinde von der Parnirn'schen Verwandtschaft nichts zu verraten ... -td mir die Hand da­rauf!"

Verschwiegen treiben wird sie ihr doch richt; aber wenn -.s Dich beruhigt, gut so verspreche ich's Dir," antwortete Wilhelm und bekräftigte seine Zusage durch den verlangten Handschlag.

III.

Daß ihr Neffe Wort halte» werde, stand für Lore außer Frage; weniger fest war ihr Ver­trauen auf Cristianens Verschwiegenheit. Unter dem Vorwande, daß der Großmutter, die über den bevorstehenden Einzug der Wild'schen Fabrik in die heiligen Räume des Tanner'schen Hauses ohnehin halb krank war, jeder weitere Aerger erspart werden müsse, hatte sie dem jungen Mädchen streng besohlen, von der Be­gegnung auf dem Eise nichts zu sagen. AuS Erfahrung wußte sie aber, daß es nicht Christianens Art war, ihre Missetaten zu ver­schweigen.

Diesmal verriet sie sich jedoch nicht, schien überhaupt von dem Erlebnis, das sie anfangs entzückt hatte, nicht mehr fprechen zu wollen. Den Neckereien der Mitschülerinnen hatte sie durch fcheinbate Gleichgilttgkeit ein Ende ge­macht, und auch Wilhelm. dem sie bisher jeden Gedanken mitzuteilen pflegte, war der Mein­ung, daß der neue Bekannte, da er kein Prinz war, kein Interesse mehr für sie habe. Nur noch einmal hatte sie nach seinem Befinden ge­fragt; aber nachdem Wilhelm geantwortet, das fchöne Herrchen wäre am Morgen nach fetnew Unfall mit verbundenen Füßchen und hängenden Oehrchen heimgefahren, hatte sie nicht wieder erwähnt.

(Fortsetzung folgt)