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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

xnb den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und »Landwirtschaftlich« Beilage.

JK246

"Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der S°nn.und Feiertage Der Bezugspreis beträgt viertel- iahrlich durch die Post bezogen 2,25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ervedition lMarkt 21), 200 M (Für unverlangt zugelandte Manuskripte übernimmt die Redak- tton keinerlei Verantwortung.)

Marburg

Domerstag, 20. Oktober 1910.

Die Jnserttousgebühr beträgt für 3nferentc- aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7pi'e~'Itene Zeile oder deren Raum IS für auswärtige Inserate 20 A, für Reklamen 40 Druck und Verlag: Ioh. Aug. Koch,

Universttäts-Buchdrnckerei. Dr. C r'i- ' 'f-'rn.

Markt 21. rr,

45. Jahrg.

Zweites Blatt.

Snddeulschland und die Jahrhundertfeier der Berliner Universität.

Der Dekan der philosophischen Fakultät Roethe hat bei dem Gartenfest der Berliner Universität eine eindrucksvolle Rede gehalten, in der er auf den Zusammenhang der Freiheit und der preußischen Zucht hingewiesen und an die süddeutschen Studenten die Mahmrng gerichtet hat, nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat dafür zu sorgen, daß dort Preußen und preußisches Wesen besser und gerechter beurteilt und ver­standen werde, als dies in manchen mit billigen Schlagwörtern arbeitenden süddeutschen Zei­tungen und Witzblättern üblich ist.

Professor Roethe hat mit dieser Rede bei der Studentenschaft starken und stürmischen Beifall gefunden. Es ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, daß ihm dieser Beifall nicht nur von den anwesenden Norddeutschen, sondern auch von den Süddeutschen gespendet wurde. Denn er sprach mit diesem Satze etwas aus, was seit langem auch von den verständigen Leu­ten in Süddeutschland empfunden wird. Es ist zweifellos richtig, daß das Urteil der süd­deutschen Demokraten über Preußen auf nichts anderem als auf einer glänzenden Unkenntnis beruht. Die wenigsten von denen, die die üb­lichen Schlagwörter als selbswerständliche Wahr­heiten gebrauchen, haben Preußen je mit eigenen Augen gesehen oder irgendwie Einblick in das Wesen des Staates erhalten. Sie nehmen die von der demokratischen Presse der Hauptstadt ge- chrägten Urteile als bare Münze und ahnen nicht, daß sie sich damit von den Berliner Machern deröffentlichen Meinung", die ihnen viel un­sympathischer sind, als die ostelbischen Funker, täuschen lassen. Für alle diese muß der Verlauf der Jubelfeier der Berliner Universität mit ihrem imposanten Bekenntnis zu dem idealen Fundament des preußischen Staates, das mit der Geschichte der Berliner Universität so enge verbunden bleibt, eine U-berraschunq bilden, wenn anders sie sich di« Fähigkeit selbständigen Racbdenkens bewahrt haben.

Dabet muß aber hervorgehoben werden, daß es in Süddeutscbland nicht nur sinzelne zufällige Männer, sondern eine recht stattliche Anzahl ver­ständiger Leute gibt, die ein anderes Verbältnis zu vreubischem Wesen haben und an die üblichen Schlagwörter nicht glauben und sie bedauern. Nur kommen diese Leute in der öffentlichen Meinung weniger zum Vorschein. Dann begeht man vielfach in Norddeutschland den Fehler, die Meinung Süddeutschlands nach den Witzen des S'mpliciffimus und der Jugend zu beurteilen. Di»se Blätter werden in Nordd-mtschland viel zu ernst genommen, weil der prinzipienstrenge Norddeutsche ein anderes Verhältnis zu dem W'tz hat. als der leichtere Süddeutsche. Der Süddeutsche nimmt die Tendenz dieser Witze nicht ernst.

Wenn man von diesen Dingen, von dem Ein­fluß der demokrasischen Presse und der Ueber- schätzung der Münchener Witzblätter absieht, so wird man das geringe Maß von V rständnis- das der Süden dem Norden entgegenbringt, zurückführen müssen auf die gänzlich verschiedene soziale Schichtung. In Süddeutschland sind die Klassengegensätze weit geringer, die verschiede­ne» Bevölkerungsschichten leben verhältnis­

mäßig gemütlich nebeneinander. Aus diesem Milieu heraus versteht man die starken Klassen­gegensätze und den durch sie bedmglen Standes- geist der Beamten und Offiziere und seine oft -nicht sympathischen Erscheinungen nicht. Da heißt es denn einfach Rückständigkeit, Reaktion, Engherzigkeit. Das ist in Unterschieden von Stammesart und sozialer Schichtung begründet und läßt sich nicht ohne weiteres Aufklärung be«

Zur Centenarfeier der preussischen Kriegsakademie (Berlin).

, Genergllt.Freihr.von Manteuffel

A ml5. Oktober d. Js. kann die preußische Kriegs­akademie in Berlin auf ein hundertjähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß bringen wir das Bild der Akademie sowie die Porträts seines ersten und seines jetzigen Direktors. Der Grundstein zur Kriegsakademie, der ersten militärischen Hochschule Preußens wurde bereits von Friedrich dem Großen gelegt; doch war es Scharnhorst vorbehalten, die vom alten Fritz gestiftete, für Offiziere und Fähnriche be­stimmte Lehranstalt 1810 zu reorganisieren, da deren Leistungen in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens nur sehr minimale waren. Die zuerst allgemeine Kriegsschule genannte Kriegsakademie erhielt ihren

jetzigen Namen erst im Jahre 1858, seit 1872 unter­steht sie dem Chef des Eeneralstabes. Die Akademie dient zur Ausbildung junger Offiziere von mindest dreijähriger Offizierdtenstzeit für den Eeneralstab, die Adjutantur und zu höheren Truppenführern. Als Lehrer sind an Akademie Offiziere sowie Pro­fessoren verschiedener Wissenschaften tätig; die Zahl der den verschiedensten Truppenteilen angehörenden Schüler beträgt jährlich rund 400 Offiziere. Die preußische Kriegsakademie wird von Offizieren aller deutschen Kontinente besucht; nur Bayern hat seit 1867 in München eine Kriegsakademie von ähnlicher Organisation.

heben. Hieran kann nur di« Zeit und die al- mähliche Entwicklung etwas ändern.

Unpolitische Tagesnachrichten.

Einbrecher in einem Pelzwarengeschtft. Berlin, 18. Oft. Ein Einbruch wurde heut« Nacht in dem Pelzwarengeschäft von L. Franken in der Brunnenstraße verübt. Die gestohlene Ware hat einen Wert von 15 000 Jt; es find hauptsächlich Skunkspelze.

Eine betrogene Bank. Lemberg, 18. Ott. Durch einen gefälschten Kreditbrief wurden bei hiesigen Filiale der Niederösterreichischen Kredit­anstalt 65 000 Kronen entlockt. Der Täter entkam.

Automobilunfälle. Paris, 18. Okt. Zn einem Walde überschlug bei St. Cloud sich gestern ein Automobil, in welchem der bekannte Aviatiker Bielovuccie mit einer Freundin saß; die junge Dame und der Chauffeur wurden schwer, der Aviatiker selbst nur leicht verletzt. Am Ausgange des Tunnels bei St. Cloud verlor ein anderes Auto gestern ein Rad und überschlug sich. Del Lenker, -namens Baufellen, wurde gegen etnee Baum geschleudert und getötet; ein Freund vo» ihm wurde schwer, eine junge Dam« leicht ver­letzt.

Grotzfeuer. Duisburg, 18. Ott. Durch ein Grotzfeuer wurde auf dem Gute Hoffnungs- Hütt« bei Osterfeld die Teerfabrik und Kokerei vollständig zerstört, die Flammen sprengten das Dach heraus und stiegen züngelnd hundert Meter hoch, sodaß die 15 Feuerwehren, die zur Hilfe herbeteilten, vollständig machtlos waren. Der Schaden beträgt zirka eine viertel Million.

Veran'vvlr u;.. ./t- .,

Dr. phil Carl H i fr e r a t b in M i N-ur i

füll das Laub und W der Saß, # dann müssen, wie der Volksmund behauptet, * empfindliche Leute sich ganz besonders vor Er- * kältungen hüten. Unschätzbare Dienste leisten # ihnen dabei Fays ächte Sodener Mineral-Pa-

stillen, natürlich nur die ächten. Wer sie nach * der erprobten Vorschrift anwendet, hat eine * gute Gewähr dafür, daß Witterungseinflüsse bei sonst naturgemäßer Haltung ihm nichts an- haben können. Fays ächte Sodener kosten nur

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Christiane Tanner.

Roman von Claire v. Glümer.

(flfottfefcung.)

Aber die alte Frau wurde von anderen Din­gen so sehr in Anspruch genommen, daß sie nicht nach der Enkelin fragte. Herr Ferdinand Wild erschien, um die Mietangelegenheit zu besprechen, und als er sich bei Anbruch der Dämmerung empfahl, ließ die Bürgermeisterin sofort die Lampe bringen und schrieb eine der langen Strafpredigten an ihren Sohn, die er nach flüchtigem Ueberblick mit der Bemerkung:Wie­der ein Donnerbrief von der Mama-, beiseite zu legen pflegte.

Indessen saß Lore, mit dem Inhalt des nie leer werdenden Flickkorbes beschäftigt, in ihrem Hinterstübchen, wartete auf das Klingeln der Hausschelle und eilte, als sie endlich erklang, der Treppe zu, um wenn sie Christianens Rück­kehr anzeigte die Ungestüme zur Ruhe zu ev- mahnen.

Sie war es; aber gegen ihr« Gewohnheit stieg sie langsam, Stufe für Stufe, herauf, und als das Licht der Lampe, die ihr Lore entgegen­hielt, in ihr Gesicht fiel, beschien es düstere Augen und einen unmutig zusammengepreßten Mund.

Kind, was hast Du," fragt« Lore, indem sie Christiane in ihr Stübchen zog.War es nicht gut auf dem Eise? und wo ist Wilhelm habt Ihr Euch gezankt?"

Nein, Wilhelm ist ein guter Jung«, und auf dem Eis« war es herrlich," sagte Chrisfiane. Ich habe die Prinzen nicht nur gesehen, Prinz Christian ist sogar mit mir gelaufen, bis er sich

den Futz vertreten hat und gefallen ist. Es war aber nicht schlimm; Wilhelm Hai ihn gleich auf­gerichtet und nach dem Wagen geführt, und ich bin nach Hause gegangen . . . und nun mutz ich Dich etwas fragen, Tante Lore."

Bei diesen Worten hatte sie Pelzjäckchen und Barett abgelegt, setzte sich der Tante gegenüber, die bei Erwähnung des Prinzen erschreckt in ihren Stuhl zurückgesunkeu war, stützte den Kopf in die Hand und fuhr, düster vor sich nieder­sehend, fort:

Du kannst Dir denken, daß die halbe Stadt zum Zusehen gekommen war. Als ich auf dem Bänkchen am Bootshause sitze und mir die Schlittschuhe abschnalle, geht die Frau Dr. Wal­ter mit ihrer Schwester vorbei, sieht mich an und sagt halb mitleidig, halb hämisch ich häte sie dafür prügeln mögen!die Keine Tanner wird ganz wie ihre Mutter, das arme Kind!" Was soll das heißen, Tante Lore? War meine Mutter häßlich, oder dumm, oder schlecht?"

Deine Mutter!" rief Lore,Kind, Kind, Du versündigst Dich mit solchen Fragen. Mathilde Tauner war das hübscheste Mädchen weit und breit. . . hübscher als Du jemals werden kannst . . . und flug und gut! Ein sanftes Lamm, ein Goldherz, das mehr an andere dachte als an sich selbst . . .'

So! Und doch bist Du mir immer ausge­wichen, wenn ich was von ihr hören wollte, und weil ich ihr ähnlich bin, muß ich mich von alten Hexenarmes Kind" nennen lassen!"

Christiane brach in zornige Tränen aus, trock- neie sie aber schnell und fügte hinzu:Ich habe längst gemerkt, daß es mit meiner Mutter eine besondere Bewandtnis haben muß, und will

endlich wissen, was es ist. Entweder sagst Du mir Bescheid, Tante Lore, oder ich frage Groß­mutter."

Um Gotteswillen, Unglückskind, was fällt Dir ein!" rief Lore, indem sie wie zur Abwehr die Hände erhob.Deine Mutter, fo gut sie war, hat einmal im Leben ihren Eltern so schweren Kummer gemacht, daß Deine Großmutter vom Schlage gerühtt wurd« und für immer lahm ge­blieben ist. Von ihrer Tochter darf seitdem nie­mand mit ihr sprechen."

Was hat meine Mutter getan?" fragte Christiane. Lore sah wie hilfesuchend umher, nahm ihre Arbeit wieder auf und antwortete mit (eifer, unsicherer Stimme:

»Sie hat sich, nachdem sie die besten Partten ausgeschlagen hatte, in einen Mann verliebt, der es nicht verdiente ... ist ohne Einwilligung der Eltern seine Frau geworden ... ist heimlich mit ihm fortgegangen."

Was hatten die Großeftern gegen ihn?" rief Christiane.Er mutz doch zu unserer Fa­milie gehött haben, da ich Tanner heiße."

Lore sah immer hilfloser aus.

Er war ein leichtsinniger Mensch, hatte ttichts .... konnte Deiner Mutter keine Messung geben . . ." preßte sie mühsam hervor.

Was war er denn?" fragte das junge Mäd­chen.

Was er war?" wiederholte Lore. Di, Wahr' heil durfte sie nicht sagen, und im Bemäntln oder Erfinden war sie ungeschickt. Dazu fühlte sie Christianens brennenden Blick, hörte ihr uw- geduldiges Atmen.

Was er war?" stammelt« sie noch einmal; I er hatte ... er hatte Soldat werden müsse«..." I

Soldat!' fchri« das junge Mädchen aus; I

einfacher Soldat?" und als sich Lore stumm über ihre Arbeit beugte, fügte sie Hef beschämt hinzu:Wie hat das meine Mutter ertragen können?"

Es hat nicht lange gebauert," antwortete Sore, ohne aufzublicken. Er ist fortgegangen, Hai nichts wieder von sich hören lassen, und Deine arme Mutter, die von ihren Eltern verstoßen war, hat bei meinem Bruder, dem Pastor Mar- tiny, Zuflucht gefunden. In feinem Haufe bist Du geboren worden, und als kaum ein Jahr später Deine arme Mutter vor Gram gestorben ist. hat Dich meine gute Schwägerin, die eine Schulfreundin Deiner Mutter war, gehegt und gepflegt wie ihren eigenen Sohn, den Wilhelm, bis sie Euch, als Du kaum sechs Jahre alt warst, durch den Tod entrissen wurde."

Aber dann bist Du ins Pfarrhaus gekom­men und bist für Wilhelm und mich tote ein Mütterchen gewesen," sagte Christiane.Auch Onkel Marttny war sehr gut mit mir. Bf Wilhelm ins Gymnasium kam, war ich galt glücklich."

Auch nachher noch!" fiel Lor« ein der ein Stein vom Herzen fiel, daß Christianens Ge­danken eine andere Richtung nahmenHast Du vergessen, wie wir uns freuten, wenn Wilhelm am Sonnabend nachmittag heraus kam und den ganzen Sonntag bei uns blieb?"

Christiane seufzte.Ja, das war schön!" sagte sie;aber daß Dich Onkel Mattinys zweitc Frau aus dem Haus geschickt hat und gleich dar auf auch mich nicht bchatten wollte, das tor schlecht von ihr .... ich mag ste auch gar ttUf leiden!"

(Fortsetzung folgt)