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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
»nd den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und.Landwirtschaftliche Beilage/
45. Jahrg.
Marburg
Sonntag, 9. Oktober 1910.
Die Znsertionsgebühr beträgt für Inserenten aus dem engeren Verbreitungsgebiet des Blattes für die 7g^""ltene Zeile oder deren Raum 16 4, fSr auswärtige Inserate 20 A, für ReNamen 40 4- — Druck und Verlag: Joh. Aug. nöq, LniuersttSts-Buchdn'ckerei. Jnbab-r Dr. C. Siter-in :"t-rrbnrg.
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Zweites Blatt.
Der Zwist unter den bürgerlichen Parteien und das gewerbliche Unternehmertum.
Roch trennt uns mehr als ein Jahr von den nächsten Reichstagswahlen, und doch stehen wir schon mitten in den politischen Erörterungen und Kämpfen, welche den Wahlen gemeiniglich voranzugehen pflegen. Früher als je haben diesmal diese Kämpfe eingesetzt. Alle Parteien stehen schon im Begriff, den Aufmarsch ihrer Wählermassen zur Schlacht vorzubereiten und das Schlachtfeld sich auszusuchen. Schärfer als je stehen sich die bürgerlichen Parteien heute gegenüber. So heftige und erbitterte Kampfesworte ftnv fett dem vor mehr als 30 Jahren erfolgten Uebergang von der Freihandels!- zur Schutzzoll- Politik nicht mehr zwischen der Rechten und Linken gewechselt worden. Damals aber war die Partei des Umsturzes parlamentarisch machtlos und bedeutete auch nach der Zahl ihrer Wähler nicht viel. Heute dagegen ist sie nahe daran, nicht nur in Bezug aus die Zahl ihrer Wähler, sondern auch hinsichtlich der Zahl ihrer Mandate, die stärkste Partei im Reich zu werden, ihr Einflußgebiet erstreikt sich überdies leider weit bis in das bürgerliche Lager hinein, und führende Männer der Wissenschaft und Re- flientng lieben es, um ihre moderne Gesinnung zu beweisen, mit ihr zu kokettieren. Wo so der Feind aller ^bürgerlichen ^Staats- und Sozialpolitik vor den Stufen des GesetzgeberthroneS steht, da solltest sich die bürgerlichen Parteien doch fragen, ob sie sich den Kampf bis aufs Messer gegeneinander noch weiter leisten dürfen, dem mit wachsender Schadenfreude außer dem Zentrum die Sozialdemokratte zuschaut. Die aus der gegenseitigen Bekämpfüng der bürgerlichen Parteien dem Staat erwachsende große Gefahr ist zu offenbar, als daß sie nicht hüben und drüben von den Parteigewaltigen wie auch von vielen Wählern klar erkannt würde. Aber das gebieterische Parteiint reffe zwingt diese Männer in seinen Bann. Das Parteiinteresie verlangt es, daß die warnenden Stimmen, die in zunehmender Zahl aus beiden Sagem ertönen, ohne Wirkung Verhallen. Und doch darf und wird der Ruf nach Annähernng und nach Sammlung aller wirklich aus dem Boden der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung stehender Männer nicht wieder verstummen. Bon außen, von den in ihrer Mehrzahl heute politisch noch wenig beachteten Unternehmern aus allen Gewerben des Landes wird auf die Parteien ein Druck ausgeübt werden, dem sie schließlich auch Folge geben müffen. Die Unternehmer sind es, die in erster Reibe die Wirkungen der gegenseitigen Zserfleischung der bürgerlichen Parteien, wenn ihr kein Einhalt geboten wird, zu spüren bekämen.
Der polittsche Einfluß der Unternehmerschaft, d. ch. derjenigen Volkskreise, in deren Händen vornehmlich die wirtschaftliche Wohlfahrt des
Volkes liegt, ist fast niemals so gering gewesen, als in der heutigen Zeit.
Rur die- Unternehmer eines großen Erwerbszweigs haben es verstanden, sich die gebührende Stellung im Wechsel der Zeiten zu erhalten. Dank ihrer Geschlossenheit und dank auch der traditionellen Anlehnung an eine große polittsche Partei nimmt die Landwirtschaft die von weiten Volkskreisen angefeindete, glänzende politische Stellung ein.
Was die Landwirtschaft erreicht hat, das sollte Industrie, Handel und Gewerbe als ein erstrebendes Vorbild dienen. Die gewerblichen Unternehmer sollten dahin streben, sich neben den Landwirten und auch in Anlehnung an ihre starke Organisation pokittsch durchzusetzvn. Es wäre verhängnisvoll, wenn das heute zu beobachtende polittsche Wiedererwachen des gewerblichen Unternehmertums mit einer Kriegserklärung an das landwirstchastliche Unternehmertum beginnen sollte, wo doch nur das Zusammenwirken Beider die Interessen. der produktiven Berufsstände zu wahren im Stande ist. Die von einer Keinen, auch vor dem Bündnis >"it d--m Umsturz nicht zurückschreckenden Gruppe
--nben Bestrebungen werden an dem ge- fwmuei. Sinn des Unternehmertums in Stadt und Land scheitern, das sich hoffentlich noch der Gemeinsamkeit seiner Interessen erinnern und die alte Phalanx der produftiven Stände wieder aufrichten wird, die einst Bismarck aufgerufen und mit deren Hilfe er dem deuffchen Volke eine geradezu erstaunliche und allen Volkskreisen zu Gute kommende materielle und polittsche Entwickelung verschafft hat. Die Pro- dukttven Stände werden sich — das lassen verschiedene Anzeichen bestimmt erhoffen — ob mit, ob ohne Regierungsparole wieder zusammenfln- den und die ihnen nahestehenden politischen Parteien zwingen, vorn Parteihader abzulassen und sich den positiven Aufgaben einer Sammlungspolitik zuzuwenden, bei welcher auch die ideellen politischen Güter des Volkes mehr als bisher gesichert sein würden.
Politische Umschau.
Ein rumänisches Zeugnis für deutsche Kultur.
Bekanntlich gehört es zum eisernen Bestand der ffchechischen und polnischen deutschfeindlichen Presse, der Welt gegenüber Anflage gegen die nationale Unduldsamkeit der Deuffchen zu erheben. Da ist eine Stimme wertvoll, die, einer der Äaven in vielem nahestehenden Ration angehörend, als gewiß unverdächttger Zeuge das Gegeutefl bekundet. Die „Tribuna Popumlui", ein in Arad erscheinendes Rumänenblatt, schrieb wörtlich: „Wir Rumänen empfinden der deuffchen Kultur gegenüber die ttefste Dankbarkeit. Wir kleinen Völker sind voll Verlangen nach dem Forffchritt auf den Spuren der überaus reichen deuffchen Kultur. Für uns, eine keine, zwischen Slawen und Deutschen eingekeilten Ration, ist vor allem die Stärkung des deutschen Eelements ein Lebensinteresse und eine Frage der Selbsterhaltung. Unter seinem Schutz und an der Quelle der deutschen Kultur haben alle
kleinen Völkett te Kraft zum Leben und den Antrieb zum Gedeihen erhalten. Und denselben Dienst wird ihnen auch in Zukunft das deuffche Element leisten. ES gibt kein Beispiel in der Ge- schichte, daß der Deuffche ftemde Völker rnt- nationalisiert hätte; er hat vielmehr jedem das gegeben, was ihm gefehlt hat: das Gefühl für alles Edle und Schöne und den Sinn für Ord- mtng und Disziplin, ohne welche es kein Leben und keine volle Kraft in den Gliedern eines Volkes geben kann."
Ausland.
** Erfreuliches aus Galizien. Lange Zeit hat man von den über 100 000 Deuffchen in Galizien nichts gewußt und als daS öffentliche Interesse sich ihnen zuwandte, war man empört über die vielfach traurige Lage der deutschen Kolonien in Galizien. Doch ist seit Bestehen des Bundes der chrisffichen Deutschen (vom 21. September 1907) vieles besser geworden. Die Deuffchen sammeln ihre Kräfte und bauen ihre Organisationen aus. UeberanS ttanrig steht es vielfach auf dem wirtschaftlichen Gebiete ans. In den ärmeren deuffchen Gemeinden treibt der Wucherer sein Wesen. Unter 10—12 Proz. ist kein Geld zu bekommen, 15 Pro;, kommt häufig vor, 20 Proz. ist keine Ausnahme. Dazu kommt die wirtschaftliche Abhängigkeit des unglücklichen Opfers Der polnische Landesausschuß steht diesem Notstand gleichgülttg zu, benützt ihn vielmehr noch, um die Deutschen auch polittsch und national zu Grunde zu richten. Zielbewußt gründet jetzt der „Deuffche Bund" an den bedrängten Posten Raiffeisenkassen. 14 solcher Kassen befinden sich bereits in Tätigkeit, andere In Vorbereitung Auf dem glänzend verlaufenen zweiten Verbandstag in Lemberg im April d. I. wurde einstimmig beschlossen einen „Verband deutscher landwirtschaftlicher Genossenschaften in Galizien" zu gründen. Im Juni ist nach Erledigung der notwendigen Vorarbeiten mm die Eintragung des BerhandeS beim Handelsgericht bewirft worden. Damit haben die deutschen Kaffen den Behörden gegenüber eine einheitliche Vertretung und es ist zu hoffen, daß das Ackerbauministerium dann auch den deutschen Kassen gewährt, was die polnischen und ruthenischen längst haben: Subventionen und Kredit.
Handelskammer zu Cassel.
Die Handelskammer zu Eaffel hielt in dieser Woche eine Gesamifitzung ab. Außer mit Bahn- angelegenheiten. der Regelung der Frage der Kon- kurrenzklausel ufro. befaßte man sich auch mit der Errichtung einer Berufsgenossenschaft für Detailbetrieb. Der Berichterstatter, Handelskammermitglied Kaufmann Stumpf aus Marburg führte hierzu folgendes aus:
Durch das Eewerbeunfall-Versicherungsgefetz vom 30. Juni 1900 wurde der Kreis der bis dahin ver- sicherungspflichtiaen Betriebe wesentlich erweitert; für die infolgedessen der Unfallversicherung neu unterstellten Betriebszweige trat die Verpflichtung mit dem 1. Januar 1902 in Kraft. § 1 des Eewerbe- unsallversicherungsaefetzes zählt die versichernnas-
pflichtigen Betriebe im einzelnen auf. Darunter sind auch solche enthalten, die nur in verhältnismäßig geringer Anzabl vorkommen, während die außerordentlich zahlreichen Betriebe der offenen Verkaufsstellen, die sich im deutschen Reiche augenblicklich auf etwa 200 000 belaufen, nicht aufgeführt worden sind. Dieser Umstand läßt darauf schließen, daß der Gesetzgeber nicht beabsichtigt hat, die Betriebe der offenen Verkaufsstellen allgemein als unfallgefährlich zu betrachten und versicherungspflichtig zu machen. Vor Erlaß des Gesetzes war das Lagern und das Umgehen mit schweren Gegenständen im Handelsgewerbe nur soweit versichert, als eine Speicheret oder Kellereibetrieb vorlag. Das neue Gesetz sprach in 1 Ziffer 7 die Versicherungspflicht unter anderem für die Arbeiter in Lagerungsbetrieben aus, die mit einem im Handelsregister eingetragenen Handelsgewerbe verbunden find; aus dieser Vorschrift hat das Reichs- verflcherungsamt in sehr weitg-hendem Umfange eine Versicherungspflicht für offene Verkaufsstellen abgeleitet. Welche Erwägungen dafür maßaebend gewesen find, muß dahingestellt bleiben. Tatsache ist jedenfalls, daß die große Zahl der offenen Ladengeschäfte hinsichtlich ihrer Angestellten heute der Unfallversicherung unterliegt.
Wenngleich die Unsallmöglichkeit in Detail- Handelsbetrieben außerordentlich gering -st. so fehlt es den Inhabern doch durchaus nicht an dem Verständnis für die Notwendigkeit der Unfallversicherung an sich. Dagegen schließen sie sich nut mit arokem Widerstreben einer Veruisaenossenschaft an, die weder in ihrer inneren Organisation auf die sehr verschiedenartigen Verhältnisse des Detailhandels Rücksicht nimmt, noch auch für alle gelegentlich vorkommenden Unfälle aufkommt. Weil eben die Lagerefl>erufs- genossenschaft häufig versagt, versichern viele Geschäftsinhaber ihre Angestellten bei privaten Unfall- Versicherungsgesellschaften. Daß das auch notwendig ist, soll an einer von der Lagereiberufsgenossenschaft auf-"'"ellten Bedingung gezeigt werden.
Die Lagereiberufsgenossenschaft unterscheidet bei der Versicherung von kaufmännischem Personal zwischen einer rein kaufmännischen Tätigkeit, die glicht versicherunaspslichtig ist, und einer nicht kaufmännischen verficheiungspflichtigen Tätigkeit. Wenn ein Angestellter einen Kunden bedient, so muß er dazu häufig aus den Lagerbeständen die gewünschten Waren Herbeibolen, das muß oft schnell aelchehen, so daß der Anaestellie leicht in eine begreifliche Aufregung gerät. Wenn nun der Angestellte bei dieser Gelegenheit etwa von der Leiter fällt und sich einen Arm- oder Beinbruch zuzieht, so ist das kein Unfall, aus welchem die Beruksoenossenschast verpflichtet wird, denn nach ihren Bedingungen hat es sich Hirt um eine rein kaufmännische Tätigkeit gehandelt. Diese erlischt aber in dem Augenblick, wo der Käufer entweder auf den Kauf verzichtet oder sich für eine befttmmte Ware enilcheidet. Alle Arbeiten, die bet Angestellte von diesem Augenblick an zu leisten hat, sind nach den Bedingungen der Betufsgenossenlchast keine, kaufmännischen mehr. Wenn also bet Angestellte beim rubiaen Wearäumen bet Waten einen Unfall erleidet, bann kann bet Inhaber baraus Ansprüche an die Berufsgenossenschaft stellen. Es liegt auf bet Hanb, daß diese Uni->"'^-'^"na praktisch völlig unzweckmäßig ist und besond-rs den Bedüff- nissen des Detailhandels in keiner Weise gerecht wird.
Seit Jabren ist schon im Detailistenstande eine Bewegung im Gange, die auf die Abtrennung von der Lagereiberufsgenossenschaft hinzielt. Gtne Reihe van Eingaben und Denkschriften sind bni-mier bereits ausgearbeitet worden. Auf eine von diesen bat bet Verein ber Lagereiberufsaenossenschaft eine Erwiderung erlassen worin et unter anderem anfübrt, baß als Grunb für bte Lostrennung bte Aus-mben bet VealeitunasinduOri->-^n,-ff<>nschaft und bet Rnßrnnas-
48 _ - lRgchdruck verboten.)
. ■ - - Seelenkampfe.
Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.
l Fortsetzung.)
Der Vortrag war zu Ende, mit ihm die Aufführungen überhaupt, eine allgemeine Bewegung entstand im Saale.
Auch sie, an der sein Auge in fieberhafter Spannung hing, batte sich erhoben, das Licht der Kronleuchter umfloß sie. Sie wandte sich chm zu. Verwundert fragend haftete ihr Auge auf dem sie auffallend Anstarrenden, es schien in ihr aufzudämmern wie langvergessene Erinnerung, sie wendete sich, leise errötend, ab.
Warten hatte genug gesehen — es war nicht Genia. Er seufzte rief auf, halb erleichtert, halb enttäuscht. Genias Gestalt wat nicht so voll und königlich, ihr Auge nicht so fchwarzbraun, ihr Haar nicht so dunkel. Um den Mund der Geliebten waren scharfe Leidenslinien gegraben — dieser jungfräulich heitere, lächelnde Mund aber hatte Wohl noch nie im Schmerze gezuckt. Und doch diese Aehnlichkeit, es war geradezu sinnverwirrend! — Aber hatte Genia nicht eine Schwester?
Im nächsten Augenblick stand Warten vor dem jungen Mädchen. Ein blaßblaues Seidenfleid umfloß dessen Glieder, Weiße Rosenknospen hoben sich schneeig schimmernd ab von den dunkelglänzenden Flechten.
„Ich weiß nicht, ob Sie sich meinet noch entsinnen, Fräulein von Osten, es wollte mir vorhin fast so scheinen —"
Sie streckte ihm herzlich die Hand entgegen, fht helles Lächeln lag auf ihren Lippen. „Ja, Ah erkannte Sie, Herr voü Watte« — ich hätte
beinahe gesagt Percy. Sie aber scheinen sich keines so guten Gedächtnisses zu erfreuen, haben Sie nicht soeben allen Ernstes darüber nachg» dacht, wer ich fei.
„Sie beobachteten mich genau, Fräulein Frieda."
„Natürlich, sind Sie doch hier fast der einzige, den ich kenne."
„Sie weilen noch nicht lange in Neustadt?"
„Seit acht Tagen. Genia hat mich hierher- geschickt zu unsrer alten Tante, ber Frau Oberst Z."
„Sie kommen aus Triest?"
„Ich bin seit beinahe drei Iahten dort im Hause meines Schwagers. Wußten Sie das nicht?"
„Nein. Und weshalb wünschte Ihre Frau Schwester, daß Sie hierher kämen?"
„Ich" weiß selbst nicht; es war alles so eigentümlich vor meinet Abreise. Meine Stiefmutter kam plötzlich aus Paris, nur für einen Tag — ich glaube, daß sie es wat, die meine Reise veranlaßt."
„Blanche? Und gegen den Willen Jhtet Schwester?"
„Was ich von der langen Unterredung, die sie mit Genia gehabt, weiß, ist einzig, daß ich letztere noch nie so im Innersten erschüttert gesehen, als an jenem Tage. Mit selbst mißfiel der Vorschlag bet Reise, weil nicht Genia es gewesen. von ber er ausgegangen."
„Sie willigten ttotzbem in benselben?"
„Efft nachdem Genia mir versichert, in diesem einen Falle sei das Gefühl derjenigen, der wir beide mißtrauen, ein richtiges. Ehe ich sorffuht, schenkte mir die Schwester diesen Ring! Sehen Sie nut, es Ist derselbe aber Sie
blicken so eigentümlich, Herr von Warten, Sie sind unwohl!"
„Wenigstens nicht ganz wohl. Sie entschuldigen mich wohl, liebes Fräulein ..." Er hatte das Taschentuch vor die Stirn gepreßt und verließ hastig den Saal.
Es mochte eine halbe Stunde verflossen fein, als er wieder erschien, um Entschuldigung bittend wegen seines langen Ausbleibens Frieda blickte teilnehmend zu ihm auf; wie krank er aussah.
„Ich sehe, Sie tanzen nicht, Fräulein Frieda? Ich kann kaum glauben, daß unser junges, tanzlustiges Volk Sie noch nicht dazu aufgefordert!"
„Ich tanze gern, aber —" sie errötete leicht, „ich glaubte, Sie würden wiedetkommen und mich vielleicht vermissen."
„Ich danke Ihnen, Frieda. Und nun — wollen Sie nicht zu seht efftaunen, wenn ich einige recht wunderliche Fragen an Sie richte? Ich glaube. Sie dürfen mir dieselben beantworten."
„Ich bitte."
„Ist ... ist Genia glücklich und heiter?"
Das junge Mädchen schwieg nachdenflich, dann erwiderte es zögernd: „Ich habe mich das selbst nie gefragt. Möglich! — Ja, gewiß — sie ist glücklich, wenigstens glaube ich es; aber heiter? Es kommt wohl darauf an, was Sie darunter vefftehen! Sie ist sehr still und ruhig immer gleich freundlich, gleich liebevoll; ich kenne sie nicht anders, seit ich sie vor drei Jahren wieder gesehen. Früher fteilich — ah, früher war sie ein lustiges, ausgelassenes Ding — etwa so tote ich; sie konnte lachen und weine« in einem Atem; ich habe (te als Frau nie weinen
sehen — fteilich auch nie recht herzlich lachenI Sie ist sehr sanft und mit allem zufrieden — warum fragen Sie?"
„Weil ich von ganzer Seele wünsche, fie möge glücklich fein!"
„Ich muß Ihnen bekennen, daß ich früher meine starken Zweifel daran hatte. Ihre Briefe waren so traurig, es traten mir immer Tränen in die Augen, wenn ich sie las. Sie erwähnte kaum jemals ihres Mannes und doch hielt ich diesen im ftiffen für einen abscheulichen alte« Wehrwoff, ber meine Hebe, lustige Genia unglücklich mache," neckte Frieda.
„Nun unb jetzt?" fragte Percy.
„Seit ich betbe kenne, haben sich btese Ansichten grünbfichst geänberi. Ich erinnere mich noch deutlich bes Augenblickes, in bem sie nach ihrer großen Krankheit zuerst zum Bewußffein kam.
„Genia war ftank?"
„Deshalb allein telegraphierte -mir ja Rorring ich solle augenblicklich zu ihnen ton* men. Ich weiß es noch tote heute — es war vor brei Jahren am ersten Juli, als ich die Depesche erhielt."
Marren hatte baS Gesicht in die Hand gestützt „Am Tage meiner Abreise!" murmelte er leise.
„Sie war am Abend vorher an einer schweren Gehirnentzündung erkrank — sie lag wochenlang ohne Hoffnung; — aber ich langweile sie mit meiner ausführlichen Erzählung?"
„Sie ahnen nicht, tote sehr ich mich Ihn«, durch dieselbe verpflichtet fühle!"
(Fortsetzung folgt.)
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