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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

»nd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Beilage/

Jt» 234

DieOberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- jährlich durch die Post bezogen 2,25 «M. (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21), 24)0 M. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redak­tion keinerlei Verantwortung.)

Marburg

Donnerstag, 6. Oktober 1910.

Die Fnserttonsgebübr beträgt für Inserenten aus dem engeren Derbreitungsgebier des Blattes für die 7ge^altene Zeile oder deren mau« 16 '4, für auswärtige Inserate 20 -3, für Reklamen 40-3. Druck und Verlag: Joh. Ang. Koq, Universitäts-Buchdruckerei, Inhaber Dr. C. ^iberotb Marburg, Markt 21. TelenNnn 55.

45. Jahrg«

Erstes Blatt.

Die Fehde um das Tempelhofer Feld.

Das Kapitel des Berliner Städtebaus soll, we es scheint, nach wie vor ein trauriges bleiben. Der langen Kette verpaßter Gelegenheiten ist damit der schon bald sprichwörtlichen Schwer­fälligkeit der Berliner Stadtverwaltung ein neues Glied hinzugefügt. Und der nachtägliche Entrüstungssturm im Stadtparlament, der nur zu sehr an jene Lohgerber erinnert, denen die Felle weggeschwommen sind, konnte diesen Ein­druck eher verstärken als abschwächen. Von Seiten des Bürgermeisters Dr. Reicke sind sehr scharfe Worte gegen den Kriegsminister ge­fallen, dem im Grunde nichts anderes nachzw- sagen ist, als daß er im Interesse des Reiches so geschickt und kaufmännisch operiert hat, wie die Stadtverwaltung hätte operieren sollen, als es noch Zeit war. Wenn ein Teil der Stadträte jetzt mit Represialien droht und ein linksstehen­des Blatt allen Ernstes Berlin auffordert, es solle das vom Kriegsministerium gekaufte Auf­marschterrain jetzt dazu benutzen,einen breiten Riegel vor die Entwickelung des Tempelhofer Feldes zu legen," so zeugt dies aufs Reue da­von, wie weit diese Männer desFortschritts" von der Besonnenheit des Praktikers entfernt sind. Mit einer Durchführung derartiger Vor­schläge würde sich die Reichshauptstadt wohl nur ins eigene Fleisch schneiden. Bei genauerer Ein­sicht des Schriftwechsels zwischen Magistrat und Kriegsministerium und der kürzlich imTag" veröffentlichten Darstellung des letzteren kommt , Mncxi immer mehr zu der Ueberzeugung, daß an ^Jfcm unglücklichen Ausgang der Angelegenheit der Berliner Magistrat Hauptschuld trägt, der fortgesetzt zu keinem Enffchluß kommen konnte, weil seine Beamten sich in den Ferien be- afnden. Das jährliche Arbeitspensum des Ber­liner Magistrats ist wahrlich nicht klein, und jeder Berliner Bürger wird ihm seine Ferien gönnen. Aber sein Ruhebedürs .is hätte hier, wo es die Wahrnehmung so wichtiger Interessen galt, unbedingt zurücktreten müssen. Im letzten Schreiben des Magistrats an den Kriegsminister vom 27. August heißt es:Wie Ew. Exzellenz wir bereits unterm 27. Juni d. I. mitzuteilen uns gestatietcn, sind wir durch die Urlaubs- und Ferienzeit innerhalb der städtischen Behörden, welche noch andauert, zu unserem lebhaften Be­dauern verhindert, die in dem dortigen gefällige« Schreiben vom 8. d. Mts. beklagte Verzögerung hintanzuhalten." Das ist doch mit Verlaub zu sagen eine Michelei, wie sie den Häuptern der Reichshauptstadt nicht hätte passieren dürfen. Trotz des bisherigen Ganges der Dinge muß man hoffen und wünschen, daß der Reichs­tag sich für Berlin einsetzt. Schon die im In­teresse des Verkehrs notwendige Eingemeindung Tempelhofs macht das wünschenswert. Es muß natürlich auch im Interesse der Volksgesundheit

40 (Nachdruck verboten.)

Seelenkämpfe.

Preisgekrönte Novelle von Elise Otto.

(Fortsetzung.)

Genia hatte dir Hände über der Brust ge­faltet, unbeweglich lag sie da. unter den halb­gesenkten Lidern hervor nach ihm hinstarrend. War das nicht Irrsinn, der aus seinen Blicken sprühte? Die Warnung Ambergs:Denken Sie an Ihre Sicherheit!* tönte ihr in den Ohren. Wonach suchte er so eifrig in der Brust- tasche mit den zitternden Händen kam er, sie zu morden? Leise trat er näher, den Atem anhaltend, bis er dicht vor ihr stand. Es lag schwer auf ihr wie in einem jener Träume, in denen map sich bewegen will und es nicht kann.

Aber was war das? Er hob die Hand nicht auf gegen sie; geräuschlos kniete er an ihrem Lager nieder, das rötliche Licht der Hängelampe fiel voll auf sein Antlitz, das ihr so nahe war, daß sie seinen Atem kommen und gehen fühlte. Das war nicht Wahnsinn, nicht Drohung, war aus seinem Augen sprach, das war Liebe, heiße sehnsüchtige Liebe! Ein Gefühl der Ohnmacht überkam die Ruhende sie über­wand es. Sie sah, daß seine Lippen leise, wie betend, sich bewegten, fühlte, wie dieselben ihr Sfirn und Hände beehrten wie sein Blick sich voll namenloser Zärtlichkeit auf sie senkte, als wolle et ihr Bild in sich aufiaugen für alle Ewigkeit dann vernahm sie das leichte Knarren der sich schließenden Tür und seine fast unhörbar sich entfernenden Schritte.

Sie richtete sich auf. Unter ihrer Hand fatfterte ein Papier es war ein an sie ge­richteter Brief. Sie las:

mit allen Mitteln verhindert werden, daß, wie schon so ost, das Schicksal eines neuen Stadt­teils,an den die Bürgerschaft so große Hoffnun­gen geknüpft hat, wieder in die Hände der Terrainspekulation gelegt wird. Die MWär- verwaltung hat zwar, wie sie schreibt, für das verkausteGelände einen großzügigen Bebauungs­plan anfertigen lassen. Aber auch solche Pläne haben ja, wie man weiß, ihre Schicksale und bieten allein noch keine Garantie gegen die Minimsten Pfuschereien derer, die nur für ihren Vorteil arbeiten.

Politische Umschau.

Toujours en vedette!

Die Sozialdemokratie rechnet mit der Möglichkeit einer baldigen Auflösung des Reichstages und be­ginnt sich für den kommenden Wahlkampf zu rüsten. In der üblichen bombastischen Sprache veröffentlicht der sozialdemokratische Parteivorstand einen Auftuf an die Genossen und Genossinnen, worin sie zur in­tensivsten Agitations- und Organisationsarbeit in allen Reichstagswahlkreisen aufgefordert werden. Die Sozialdemokratie ist sowieso stets auf dem Posten und wetß dauernd die Aufmerksamkeit ihrer Anhän­ger und der Mitläufer an sich zu fesseln. Die bürger­lichen Parteien sollen sich endlich daran ein Beispiel nehmen und nicht erst dann sich rühren, wenn ihnen das Feuer des Wahlkampfes auf den Nägeln brennt. Es ist wohl möglich, daß der sozialdemokratische Parteivorstand mit seiner Voraussage einer frühe­ren Reichstagsauflösung recht hat. In dem Aufruf, der dem fff Klassenstaate und der ftt Regierung in der üblichen Weise das Sündenregister vorhält, steht kein Wort von den Unruhen in Moabit. Wahr­scheinlich hat das rote Ministerum das dunkle Gefühl, daß hiermit kein Staat zu machen ist. Ob wir noch mehr von dieser gefährlichen Revolutionsspielerei be­kommen oder nicht, die Feinde der bestehenden Staatsordnung find rührig an der Arbeit und die bürgerlichen Parteien müssen endlich ihren gegen­seitigen Hader über der gemeinsam drohenden Gefahr vergessen.

Deutsches Reich.

SenatSpräsibeni Ritter v. Bogt *h Mün­chen, 4. Okt. Der bayerische Senatsprästdent a. D. Ferdinand Ritter v. Vogt ist im Alter von 98 Jahren in Bad Tölz (Oberbayern) gestorben.

Landtagsabgeokdneter Amtsgerichtsrat Wagner -f. Hirschberg, 4. Okt. Der Landtags­abgeordnete für den Wahlkreis Hirschberg- Schönau, Amtsgerichtsrat Wagner, Mitglied der Forffchrittlichen Volkspartei, ist heute Mittag im Alter von 44 Jahren gestorben.

Der vierte Berliner Landtagswahlkreis. Berlin, 4. Okt. Bei den gestrigen Wahlen von Ersatzwahlmännern für die bevorstehende Er­satzwahl im vierten Berliner Landtagswahlkreis wurden im Ganzen 88 sozialdemokratische und

Du berührtest heute einen Punst, dessen Er­ledigung ich selbst schon lange gewünscht. Ich reise mit dem ersten Frühzuge fort, um die zur gesetzmäßigen Scheidung nötigen Schritte selbst einzuleiten und denke, in Deinem Sinne zu handeln, wenn ich gegenseitige Abneigung als Grund unsres Entschlusses angebe. Und nun noch eins: Ich muß und werde es ertragen, fern von Dir zu leben. Was ich aber nicht er­tragen könnte, ist, zu wissen, daß Du in Bitter­keit meiner gedenkst. Vergib mir um meiner Liebe willen! Verbot mir bisher mein Stolz, sie Dir einzugestehen, so fühle ich mich heute so tief gedemütigt, daß ich fortan froh sein wollte, den Boden zu küssen, den Dein Fuß berührt. Sorge Dich nicht um mich, ich werde das meinige tun, um ruhig weiter zu leben, es soll kein Schatten fallen auf das Glück, das Du an der Seite eines andern Mannes sicher finden wirst! Ich kehre erst wieder nach Triest zurück, wenn Du es verlassen. Sei glücklich und vergib!--*

Ein betäubender Schmerz zuckte der Lesen­den zum Herzen hinauf. Run war's vorbei, Percy verloren . . . Sie fühlte, wie alles um sie her versank, was sie gehofft, sie hatte nur ein Bewußffein: das der Pflicht.

Sie wußte selbst nicht, wie lange sie so ge­sessen, während dieGedanken in rasendem Wirbel in ihrem Kopfe kreisten, sich nach und nach lösend und ordnend zum festen Entschluß. Das Gefühl der Kälte weckte sie. Einen Schlafrock über­werfend, trat sie zum Schreibtisch. Mechanisch griff sie nach einem Briefbogen; eine selffame Ruhe lag über ihr. Es war alles so gekommen, wie es kommen mußte durfte sie Nagen, wett die Pflicht hart war?

Es waren feste, sichere Züge, die sie aufs Papier warf; fie hatte nie gewußt, daß eine

45 freisinnige Wahlmänner gewMt. In der ersten Klasse verloren die freisinnige« ein Man­dat durch das Los an die Sozialdemokraten, in der zweiten Abteflung verloren die Freisinnigen 11 Mandate, i« der dritten Abteilung zwei, die einzigen, die sie zu verteidigen hatten. Jnsge- samt stehen sich jetzt 296 freisinnige und 194 so­zialdemokratische Wahlmänner gegenüber.

Ein freigewordener Landtagswahlkreis. Posen, 4. Okt. Der polnische Landtagsabgeord­nete für den Wahlkreis Schlimm - Schroda- Wreschen Dr. Heinrich Sznmann legte mit Rück­sicht auf sein hohes Alter fein Mandat nieder.

Der Bodenreformertag. Gotha, 4. Okt. Auf der heutigen Verhandlung sprachen Reichs­tagsabgeordneter Behrens über die Stellung der Arbeiter zur Reichswertzuwachssteuer, Pros. Koeppe-Marburg über die Stellung der Wissen­schaft zur Reichswertzuwachssteuer. Ferner sprachen noch Dr. Boldt-Dortmund, Kaufmann Vietor-Bvemen, Legattonsrat Dr. v, Schwerin und der Vorsitzende des deutschen Uhrmacher­bundes Marsels. Auf die Ausführungen kommen wir noch zurück.

Die Folge« der Moabiter Unruhen. Berlin, 4. Okt. Im Krankenhaus Moabit starb heute der Arbeiter Robert Hermann, der an den Moabiter Tumulten beteiligt war und durch Säbelhiebe schwer verletzt wurde. Wegen der Moabiter Unruhen wurden bis jetzt 58 Personen verhaftet und dem Untersuchungsrichter vorge­führt

Ueberfall auf einen Deutschen in Haiffa. Konstantinopel, 3. Okt. Der Osmanische Lloyd erhält folgendes Telegramm aus Haiffa: Ge­stern abend 10 Uhr wurde ein deutscher Recchs- angehöriger, der Oberlehrer Tachaner, unmittel­bar bei der Kolonie hinterrücks durch Messerstiche schwer verletzt. Der vermummte Täter entkam. Die dorttge türkische Zeitung erneuert ihre Hetz­artikel gegen die Deutschen und das Konsulat.

Die drohende Aussperrung in der Metall induftrie. Hamburg. 4. Okt. Heute Vormittag wurden trotz des gestrigen Beschlusses des Metallarbeiterverbandes die Einigungsverhand­lungen zwischen der Kommission des Gesamt­verbandes der Deutschen Metallindustriellen und den Verttetern der Arbeiterorganisattonen wei­ter gefühtt. Seitens der Arbeitgeber wurden einige Konzessionen gemacht. Von der Annahme oder Ablehnung der Eintgungsvorschläge seitens der Arbeiter hängt nunmehr die Frage ab, ob am Samstag die Auspernmg in her gesamten Metallindustrie erfolgt oder nicht. Die Arbeiter- Vertreter erflärten, eine definitive Antwort bis Mittwoch abends 8 Uhr erteilen zu wollen.

Ausland.

** Die Eröffnung des chinesischen Parla­ments. Pefing, 3. Ott. Bei der heutigen Er­öffnung des Vorparlaments erklärte der Regent, daß in dieser Versammlung die Meinung des Volkes zum Ausdruck kommen solle. Obwohl hiermit erst der erste Schritt auf dem Wege zum

Verfassungsstaat getan sei, so verkörpere sich doch in dieser Versammlung die Hoffnung auf eine große Zukunft des Landes, indem China zeige, daß es im Einllang mit dem Fortschritt der ganzen Welt die Notwendigkeit erkannt habe, die Lage aller Bevölkerungsklassen und das gute Einvernehmen zwischen ihnen zu verbessern. Die Anträge, die beraten werden sollen- betreffen in­nere Angelegenheiten. Trotzdem der nur be­ratende und nicht gesetzgeberische Charatter der Versammlung von den Rednern der Regierung ausdrücklich betont wurde, gab ein Volksvertreter seiner großen Freude darüber Ausdruck, daß hei Wunsch, eine konstitutionelle Regierung zu er­halten, wenigstens zum Teil erfüllt toorhen sei.

* Das belgische Königspaar in Wien. Wien, 4. Oktober. Der König her Belgier legte heute Morgen an ben Särgen her Kaiserin Elisabeth und des Kronprinzen Rudolf Kränze nieder und stattete sodann mit der Königin ben Mitgliedern des Kaiserhauses Besuche ab. Heute Mittag findet beim Thronfolger ein Frühstück statt, an den: auch her Kaiser teilnimmt. Der König der Belgier besuchte heute "Nachmittag die Jagd- ausstellung und empfing sodann das diploma­tische Korps. Kaiser Franz Joses verlieh dem König der Belgier das Jnsanterie-Regiment 27, dessen früherer Inhaber König Leopold war.

** Die Rückkehr der Königin von Schweden. Karlsruhe, 4. Ott. Die Königin von Schweden hat Schloß Badenweiler verlassen und sich nach Stockholm zurückbegeben.

** Eine antimilitaristische Kundgebung. Paris,4. Ott. Wie aus Brest gemeldet wird, fand auf dem dortigen Bahnhofe anläßlich der Abfahrt der Rekruten eine antimilitaristische Kundgebung statt, indem mehrere Hundert Re­kruten vor Abgang des Zuges dieJnternatto- nale" sangen und riefen:Nieder mit der Armee! Di- Fahne in den Misthaufen!" Die Polizei, die einschreiten wollte, wurde verhöhnt. Ein Matrose der Kriegsflotte, her angeblich an der Kundgebung teilnahm, wurde verhaftet.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Originalarttkel ist gemäß § 18 bei Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe Oberhess. Ztg." gestattet.)

Marburg, 5. Okt.

Die Kartoffelernte ist jetzt teils noch im Gange, teils schon beendet. Ueber den Ausfall der Ernte find die Ansichten recht geteilt. Auf manchen Aeckern gibt» Kartoffeln in Fülle, während besonders bei nassen Grundstücken das Gegenteil der Fall ist. Hier und da haben auch die Mäuse tüchtigen Schaden an­gerichtet. Aus manchen Gegenden laufen sogar Mel­dungen über eine vortreffliche Ernte ein. Aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden wird geschrieben: Die Kartoffelernte ist nach den vorliegenden Meldunge« meist gut ausgefallen, namentlich wird das von bet Industrie-Kartoffel behauptet, die die frühere so be­liebte Magnumbonum ziemlich verdrängt hat. Faule Kartoffeln gibt es in einzelnen Strichen ziemlich

Frauenhand so scharf und marfig sein könne. Die Hand war fest, aber die blassen Lippen zuckten konvulsivisch, sie mußte mehrmals inne halten, um den bunften Schleier vorüberziehen zu lassen, her sich ihr vor hie Augen legte. Sie schrieb:

Als Du heute von mir gingst, Percy, sagte ich Dir, ich würde alle menschlichen Gesetze für nichts achten, sollten sich dieselben auflehnen gegen meinen Willen und Wunsch. Aber ich sagte Dir auch daß ich mein Glück nie aufbaue« würde auf verletzter Pflicht. Ich bin noch die­selbe, sage noch dasselbe und doch, Percy, doch müssen wir voneinander lassen! Ich hatte nicht gedacht, daß ich je diese Worte würde an Dich richten müssen, ich kannte nichts auf her Erde, hem ich has Recht zugestanhen hätte, uns zu trennen. Jetzt ist es ha, es wurzelt in meinem eigenen Herzen die Pflicht!

Es ist alles so anders gewesen, als wir beide glaubten, es ist anders gekommen. Mein Mann liebt mich ich kann nicht von ihm geben: er hat mich geliebt ununterbrochen, heiß und zärtlich. Ich schäiste mich, es zu sagen ich ahnte es nicht! Er hatte wohl gesehen daß ich fein Gefühl nicht so erwiderte, wie er es er­wartet, und zog sich stolz zurück, sein Inneres vor mir verschließend. Den spöttisch gleich­gültigen, geistig gesunden Norring durste ich verlassen, nicht ben zärtlich liebenben Satten, über dessen Zukunft es vielleicht drohend hängt. Du kennst feine Vergangenheit ich könnte nicht leben mit dem Bewußffein, ihn vielleicht der enffetzlichsten Krankheit aufs neue Überliefert zu haben.

Du wirst abreifen, Percy, wirst mich auf­geben Du «mßt es, Du bist edel und kannst nicht wolle«, baß ich mein Leben lang vor mir

selbst erröten müßte. Du wirst auch nicht auf mich warten, nicht barauf hoffen, daß ich mit her Zeit doch noch frei werbe; ich will bas Opfer, bas ich bringe und Gott allein weiß, wie schwer es mir wird ganz bringen! Ich wünsche nichts andres mehr von der Zukunft, als daß ich imstande sein möge, dem körperlich und geistig Gesundeten durch Siebe zu vergelten, was er um mich gelitten. Das WortSiebe" will mir nicht recht aus der Feder, wenn es sich um jemand anders handelt als um Dich, Percy, und doch es muß möglich sei«, mutz, mutz ich werde es können.

Ich bin unfähig, weiter zu schreiben, eS schleicht mir so selffam kalt durch die Adern, es braust mir in ben Schläfen, hämmert mir in den Pulsen, Percy, lebe wohl, sei edel, Percy, sei groß, Gott segne Dich, segne Dich tausend- mall"

Es bauerte lange, ehe sie bamit zustande kam, das Schreiben zu schließen und zu adres­sieren. Es war, als kenne sie nicht mehr den Gebrauch her Dinge, Denken unb Gedächtnis schienen sie verlassen zu haben.

Sie legte ben Brief auf ble Platte des Schreibtisches, schritt mit zitternden Knien zur Tür unb öffnete btefelbe. Das anstoßende Zim­mer war leer und vom Lichte des Mondes übergossen, her zwischen finstern Wolken hervor­brach; es war ihr, als habe, sie ihn noch nie gesehen, fremd fremd unb gespenstig war alles um sie her. An her Wand hintast end, sich an ben Möbeln haltend, schleppte sie sich lang­sam bis zur Türe. Ihr war eS, als rausch­ten ihr von fern her Akkorde ins Ohr, als schwebte durch hie leere« Räume eine Stimme, < hie fie einst als Mädchen gehört, voll und mäch- ttg, ans dem Herzen quellend, unsagbar traurig.

(Fortsetzung folgt.)